Bauwerk

BMW-Welt München
Coop Himmelb(l)au - München Milbertshofen (D) - 2007
BMW-Welt München, Foto: Stefan Müller-Naumann / ARTUR IMAGES
BMW-Welt München, Foto: Stefan Müller-Naumann / ARTUR IMAGES

Dekonstruktive Corporate Architecture

Coop Himmelb(l)au: BMW Welt, München Der anarchische Impetus gehört der Vergangenheit an: Die Provokation, mit welcher die Architektur des Dekonstruktivismus angetreten war, ist einer Architektursprache gewichen, die sich durchaus mit der Firmenideologie weltweit agierender Konzerne verträgt. Mehr noch: Extravaganz generiert Aufmerksamkeit, und das ist für eine Marke wie BMW gut.

27. Dezember 2007 - J. Christoph Bürkle

Am 17. Oktober wurde das Gebäude der BMW Welt in München mit einem grossen Festakt eingeweiht. Für BMW ist es der einstweilige Schlusspunkt in einer Reihe von Bauten, die sich um das Werk formieren, in dem seit 1917 aus den einstigen Flugzeugwerken und der Motorradproduktion schliesslich einer der renommiertesten Automobilhersteller der Welt entstanden ist. Neben dem Werk war zunächst das BMW- Hochhaus von Karl Schwanzer, genannt der «Vierzylinder», jahrelang die architektonische Ikone der Marke. Es wurde 1973 fast zeitgleich mit dem benachbarten Olympiastadion von Frei Otto und Günter Behnisch eingeweiht. Ergänzt durch das kesselförmige Museum, ebenfalls von Schwanzer, das auf dem Dach das BMW-Emblem trägt und zusammen mit der Konzernzentrale ein Symbol für technischen Fortschritt und Dynamik schlechthin ist, steht das Ensemble seit 1999 unter Denkmalschutz. Neben den beeindruckenden Zahlen – BMW ist einer der profitabelsten Autohersteller der Welt, es entstehen am Münchner Standort 800 Fahrzeuge täglich sowie 1250 Motoren, mit 9000 Mitarbeitern aus 50 Nationen; hier wird das weltweite Produktionsnetz mit 23 Werken in zwölf Ländern gesteuert – galt es nun, diesen Leistungsausweis marketingmässig umzusetzen und, in Architektur gefasst, gewinnbringend und prestigesteigernd zu nutzen.

Es lag also nahe, diesen Erfolg in einer grossen Halle der Selbstdarstellung, einer Eventhalle, für die nur Stararchitektur infrage kommt, zu inszenieren. Hinzu kam ein Verkaufstrend, der sich in den letzten Jahren immer mehr durchsetzte: die zunehmende Individualisierung des Autos und des Autoverkaufs. Wurde das Fliessband von Henry Ford einst entwickelt, um durch Mechanisierung und Standardisierung der Arbeitsprozesse das Auto für jedermann erschwinglich zu machen, so hat sich mittlerweile dieser Prozess fast ins Gegenteil verkehrt. Nur noch die Rohkarosserie eines Fahrzeuges ist bei allen gleich. Mehr als 20 000 Modellvarianten führen dazu, dass nach Pressen und Zusammensetzen der Karosserieteile das Fahrzeug bereits dem Kunden zugeordnet und durch die unzähligen Ausstattungsvarianten zu einem scheinbar einzigartigen Automobil wird. Und in der Tat verlassen pro Jahr nur zwei voll identische Fahrzeuge eines Modells die Endmontage! So scheint es schlüssig, dass in einer autovernarrten Welt, in der beinahe jeder siebte indirekt vom Auto lebt, auch der Akt der Fahrzeugabholung zu einem individuellen Erlebnis hochstilisiert wird, das der Kunde niemals vergessen und das ihn zugleich für immer an die Marke binden soll. Erstaunlicherweise ist der Kunde bereit, für diesen Kurztrip ins Nirwana der automobilen Zukunft auch noch zu bezahlen. Das Abholen des Fahrzeuges in der neuen BMW Welt kostet 457 Euro und ist immer noch halb so teuer wie die Auslieferung des Fahrzeuges an den Wohnort. Der Kauf des Autos wird somit zum einzigartigen Ereignis, auch wenn es sich lediglich um das Abholen handelt.

Hochzeit und Initiation

Folgerichtig ist die ovale «Premiere» der Mittelpunkt der grossen, mehrgeschossigen Halle. Hier im ersten Stock kommt das Fahrzeug für den Kunden an, es steht auf einer Drehscheibe und kann von allen Seiten angeschaut werden. Ein Instrukteur weist den Kunden in die Besonderheiten seines neuen Fahrzeugs ein, Erfrischungen werden gereicht und ein Fotograf steht für diesen lang herbeigesehnten Augenblick der Übergabe bereit. Dieser Moment wird somit hoch emotionalisiert und ritualisiert, sodass er beinahe einer Hochzeit oder einem Initiationsritus gleichkommt. Am Ende der Zeremonie besteigt der Kunde mit seiner Familie seinen neuen BMW und fährt ihn selbst auf einer weiten Rampe aus dem Gebäude. Dabei sind die Kurven grosszügig ausgelegt, damit der Kunde – in diesem Moment höchst erregt – sein neues Fahrzeug nicht gleich an die Wand setzt.

Die Fahrzeugübergabe ist aber längst nicht alles, der Kunde kann schon vorher anreisen, kann in den firmeneigenen Restaurants speisen. Er kann auf einer eigens eingerichteten Rundtour die Autoproduktion inklusive der Endfertigung hautnah miterleben, er kann im zurzeit in Renovierung befindlichen Museum die Geschichte der Bayerischen Motorenwerke nachvollziehen oder er kann sich im Info Center im Untergeschoss der BMW Welt über die technischen Eigenheiten und Innovationen im BMW-Automobilbau informieren und auf speziellen Simulatoren auf Herausforderungen des Strassenverkehrs reagieren. Somit ist für alle erdenklichen Beschäftigungen rund um das Auto gesorgt, die neuesten Motorrad- und Automodelle werden effektvoll präsentiert, im «Lifestyle und Original BMW Zubehör»-Shop können gediegene Accessoires, Bücher und Autozeitschriften gekauft werden, und die lieben Kleinen werden derweil im Junior Campus anregend betreut. Hier können Kinder und später Schulklassen in die Welt der Mobilität nach neuesten pädagogischen Grundsätzen eingeführt werden. Die neuen Leitwege durchs Werk, die Renovierung der Altbauten mit Museum und den Neubau lässt sich die Firma rund 500 Millionen Euro kosten. Eine vertretbare Summe angesichts des Wertes der Marke von 25 Milliarden Euro, wie der Vorstand lakonisch bemerkte. Zudem werden 250 Fahrzeuge pro Tag ausgeliefert, sodass der Neubau erkleckliche Einnahmen generiert.

Brave New World

Es ist in der Tat eine Brave New World, die im Norden Münchens entstanden ist. Und so wurde von Anfang an alles getan, um auch eine Weltarchitektur für diese neue Gattung entstehen zu lassen, für die es keine Vorbilder gibt. In einem internationalen Wettbewerb mit 27 Finalisten ging schliesslich Coop Himmelblau 2001 als Sieger hervor. Nach einiger Überarbeitungszeit war der Baubeginn im August 2003, die Fertigstellung erfolgte mit sechsmonatiger Verzögerung im Oktober 2007.

Das Gebäude musste architektonische Massstäbe setzen, BMW-Hochhaus und -Museum sinnfällig ergänzen, sich in die attraktive Tourismuszone des Olympiaparks einfügen und nicht zuletzt die Marke BMW nachhaltig steigern. Keine leichte Aufgabe, schliesslich sollte das Gebäude neben dem vielfältigen Raumprogramm noch ein Auditorium für 800 Personen umfassen, ein Business Center für Tagungen und Präsentationen, einen Business Club mit unterschiedlichen Büros und Tagungsräumen, verschiedene Foyers und eine Terrasse für 400 Personen. Fast selbstverständlich ist es, dass die architektonische Ästhetik Funktion, Dynamik und Materialien des Automobilbaus konkret und metaphorisch entsprechen sollte.

Coop Himmelblau entwickelten eine 180 Meter lange Halle, welche die westliche Ecke des grossen Areals sinnfällig ergänzt und mit einer beinahe dreieckigen Form das Gelände städtebaulich verbindet. Der Eingang des Gebäudes wird durch einen spektakulären Doppelkegel an der südlichen Seite definiert, der visuelles Icon der BMW Welt ist. Scheinbar wie von selbst wird so die diagonal verlaufende Lerchenauer Strasse, die den Neubau von den Altbauten trennt, zusammen mit Hochhaus und Museum und der Fussgängertraverse zu einer dekonstruktivistischen Collage.

Kontinuität des Dekonstruktivismus

Dieser städtebauliche Wirkpunkt wird im Gebäude weitergeführt, wie ein Tornado wirbelt das dreidimensionale Netzwerk der dynamisch verdrehten Tragkonstruktion des Doppelkegels in die Himmelslandschaft des Daches. Das ist ein räumliches Stahlfachwerk, das sich mit unterschiedlichsten Verformungen bis zum Event Center zieht und die einzelnen Gebäudekomplexe räumlich zusammenhält. «Ein Dach wie ein Wolkenfeld», meint Wolf D. Prix, Mitbegründer und Chefideologe von Coop Himmelblau. Und in der Tat ist das wellenförmig geschwungene Dach das wichtigste strukturelle Element, das alle Teile optisch zusammenbindet. Es wird von elf filigranen Stützen getragen, die zusammen mit den beinahe rahmenlos wirkenden, mehrfach geknickten Glaswänden den schwebenden Charakter des Daches noch verstärken. So sind es nur wenige Grundelemente, die aber durch ihre formale Virtuosität eine enorme Vielfalt an Architektur erzeugen. Zusammengebunden werden die verschiedenen Abteilungen durch weite, dekonstruktiv verdrehte Laufbahnen. Wie Gangways ziehen sie sich durch den weiten Raum, geben das Panorama auf Innen- und Aussenraum frei und lassen eine wirkliche promenade architecturale entstehen.

Gerne benutzt Prix metaphorische Assoziationen konstruktivistisch moderner Architekturen, so ist für ihn das Wolkendach eigentlich die umgekehrte skulpturale Dachlandschaft der Unités von Le Corbusier, und die rahmenlosen Verbindungen von Dach und Glashaut hat er schon bei frühen Bauten von Oskar Niemeyer gesehen. Sichtlich gut gelaunt präsentierte Prix den Besuchern zur Eröffnung der BMW Welt seinen Bau. «Das Gebäude ist nicht zu toppen», meinte er selbstbewusst und scheute sich nicht, die Anlage gar mit der Akropolis von Athen zu vergleichen. In der Tat lassen sich zahlreiche Analogien zur Architekturgeschichte finden, die Architekten heute gerne gleich selbst mitliefern. Nur einen Bezugspunkt erwähnte Prix nicht, die Verbindung zum Dekonstruktivismus, den er einst selbst geprägt hat – fast so, als wäre ihm die Position des jungen Wilden von einst selbst nicht mehr geheuer. Dabei ist es gar nicht so verwunderlich, dass für spektakuläre Grossbauten, die Marke, Marketing oder Kultur transportieren, fast immer Architekten zum Zuge kommen, die einst unter dem Diktum der dekonstruktivistischen Architektur gehandelt wurden – wie Frank O. Gehry, Rem Koolhaas, Peter Eisenman, Zaha M. Hadid, Daniel Libeskind und eben Coop Himmelblau. Dennoch fragen sich Kritiker, wo der anarchische Ansatz geblieben sein möge, der in den bekannten Credos von Coop Himmelblau gipfelte: «Wir wollen eine Architektur die blutet, Architektur muss brennen.» Entstand doch die Marke Coop Himmelblau aus dem Gegensatz zur Wüstenrot AG, die für bürgerlichen Wohnmief schlechthin stand. Allzu glatt muten heute die Details der BMW Welt an, alles ist eloxiert und sauber verkantet, das Design aus den Autoschmieden soll hier allzu eindringlich assoziiert werden und man fragt sich, wo die Scharfkantigkeit, die gebrochene Raumstruktur zu sehen ist – oder man wünscht sich gelegentlich den harten Doppel-T-Träger herbei, der die heile BMW Welt durchstösst. Der Entwurfsparameter Eleganz und Dynamik ist der Irritation längst gewichen.

Man geht jedoch Coop Himmelblauer Rhetorik auf den Leim, wenn man meint, dass dekonstruktivistische Architektur das Zerlegen und Zerstören von Architekturen meinen sollte. Vielmehr handelte es sich seinerzeit um einen postmodernen Entwurfsansatz, der die strukturellen Grundlagen der Architektur infrage stellte und anders definieren wollte. Es ging um die Hinterfragung traditioneller Struktur und Tektonik, um die Ablehnung primärgeometrischer Harmonie sowie der Rhetorik der klassischen Moderne. Den gleichen Weg hatten die russischen Konstruktivisten beschritten, und so war es Programm, dass die ersten dekonstruktivistischen Projekte formale Analogien zu den Konstruktivisten aufwiesen, und es ist sicherlich kein Zufall, dass das Icon der BWM Welt – wie es Prix nennt – eine Doppelpyramide oder einen Doppelkegel darstellt, eine Form, die sich sowohl bei El Lissitzkys als auch bei Alexander Rodtschenkos Architekturentwürfen findet. Letztlich ist Coop Himmelblau auf diesem Weg geblieben, auch wenn sich Prix mittlerweile mit der Moderne versöhnt hat und grosse Labels als Auftraggeber nicht scheut, wie es seine einstigen Weggefährten schon lange nicht mehr tun.

Grosse Firmen und Marken haben vielleicht schon früher als viele Architekten selbst erkannt, dass sich gerade der dekonstruktive Ansatz – für sie lediglich das Generieren einer neuen, ästhetisch aufregenden Architektursprache – vortrefflich eignet, um die Identität eines Labels oder einer Institution zu transportieren oder erst entstehen zu lassen. Das wäre bei einer Architektur, die auf klassische, analoge, tektonische oder rationalistische Werte beharrt, weitaus schwieriger, zumindest aber im Sinne einer Corporate Identity weitaus weniger aufregend. Was also verstört, ist nicht das scheinbare Verlassen dekonstruktivistischer Doktrin, die einige zu spüren meinen, sondern die Dienstbarmachung der Architektur für eine Corporate Architecture, das gleichsam nahtlose Verweben von Funktion und Dekonstruktion. In diesem Sinne muss man Wolf D. Prix recht geben: Die BMW Welt ist nicht zu toppen.

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