Akteur

Patrick Berger
Paris (F)

Zeitgenössischer Klassizismus in Holz und Glas

Der Pariser Architekt Patrick Berger in Mendrisio

21. März 1997 - Roman Hollenstein
Nie spürt man Mendrisios Italianità deutlicher als in der vorösterlichen Zeit, wenn Häuser und Gassen sich schmücken für die jährlichen Passionsfeiern. Dann gibt sich der Magnifico Borgo mit all seinen architektonischen Schönheiten und Schattenseiten als Musterbeispiel einer lombardischen Kleinstadt zu erkennen. In diesem baukünstlerischen Ambiente residiert seit kurzem in zwei klassizistischen Palästen die Accademia di architettura. Das junge Tessiner Hochschulinstitut, das wegen Umbauarbeiten zum Teil noch in Provisorien haust, ist bestrebt, sich auf dem internationalen Parkett einen Platz zu sichern: nicht nur mit klingenden Namen wie Botta und Galfetti, sondern auch mit Öffentlichkeitsarbeit. Neben Vorträgen internationaler Stars sollen inskünftig pro Jahr zwei Architekturausstellungen organisiert werden, und zwar im Museo d'arte von Mendrisio. Den Auftakt macht gegenwärtig der 1947 in Paris geborene Architekt Patrick Berger mit einer aufschlussreichen Werkschau.

Mit der Wahl von Berger, der seit fünf Jahren eine Professur an der ETH Lausanne innehat, betont die Accademia, dass sie sich dem Dialog mit den etablierten Architekturschulen nicht verschliesst. Gleichzeitig erklärt sie damit aber auch ihr Interesse an Architektur mit künstlerischem Anspruch. Denn Berger unterscheidet sich von seinen französischen Kollegen vor allem durch eine Vorliebe für skulpturale Rhetorik und kostbar inszenierte Materialien. Diese für einen Architekten nicht ungefährlichen Präferenzen haben zur Folge, dass seinen Bauten mitunter die schwere Süsse von Juwelen eignet. Doch Bergers Werk vermag auch zu faszinieren: vor allem durch die Systematik der architektonischen Recherche. So steht gleichsam wie ein Manifest am Anfang der gelungenen Schau seine Studentenarbeit eines Ferienhauses, die sich wohl ganz heimlich auf Laugiers Idee der Urhütte bezog. Dieses klassizistische Streben nach der ursprünglichen Form triumphierte Jahre später im Pariser Parc André Citroën, wo Berger axialsymmetrisch auf einem steinernen Podest zwei tempelartige Glashäuser inszenierte, deren Giebel von je 16 hölzernen Rundpfeilern getragen werden. Noch in seinen neusten, tischförmig konzipierten Bauten, der Maison de l'université in Dijon und dem geplanten Uefa-Sitz in Nyon, klingt dieses klassizistische Ideal nach. Dabei wurde jedoch die Sprache - gereinigt von den Schlacken der Geschichte - klarer, strenger, kurz: weniger artifiziell.

Obwohl Berger sich ähnlich wie Jean Nouvel von avancierter Bautechnologie begeistern lässt, erweist sich sein spätmoderner Klassizismus in erster Linie als eine Reverenz an kostbare Materialien, die er nach japanischem Vorbild mit einfachen, mitunter der Minimal art verpflichteten Formen kombiniert. Sein subtiler Umgang mit Holz, Stein, Stahl und Glas kann aber auch den Einfluss von Carlo Scarpa nicht verleugnen. Der grosse Venezianer bestimmte Bergers Visionen nicht nur bei dessen Interventionen auf dem Père-Lachaise-Friedhof oder beim Monument für Japans geographische Mitte in Nishiwaki, das mit seinem übertriebenen künstlerischen Pathos etwas geschmäcklerisch erscheint. Auch die im Zusammenspiel von Licht und Material betörenden Innenräume der Bretonischen Architekturschule in Rennes wären ohne Scarpa kaum denkbar. Im Judo-Sportzentrum von Brétigny-sur-Orge, einer zwischen ägyptisierende Betonpfeiler eingeklemmten Holzkiste, beschäftigte ihn hingegen vor allem die Suche nach dem Essentiellen, auch wenn die modische Attitüde eine Rolle spielte: denn Holz ist in Frankreich nicht erst seit Perraults Nationalbibliothek en vogue.

All diese Bauten zeichnen sich aber auch durch ihre Integration in eine bald städtische, bald naturnahe Umgebung aus. Denn Berger hatte sich vor 20 Jahren nicht nur an der damaligen Stadt-Debatte beteiligt, sondern sich seither ebenso mit Landschaft und Natur befasst, wie seine Entwürfe für Panauti in Nepal, für Samarkand, Wien und Tarascon bezeugen. Davon profitiert auch sein gegenwärtig wichtigstes Projekt: der neue Uefa-Sitz in Nyon. Berger integriert das Gebäude derart in die Landschaft, dass es von der Strasse aus den Besucher mit einer weiten, von zwei teilweise verglasten Pavillons gerahmten Terrasse empfängt, ihm statt einer Fassade das Panorama von Genfersee und Montblanc offeriert und so gleichsam einen kosmischen Anspruch geltend macht. Vom See her ist vom dreigeschossigen Flachbau, der sich - in den Abhang eingebettet - hinter alten Bäumen diskret verbirgt, kaum mehr zu sehen als die beiden Pavillons, die leise Zwiesprache halten mit den benachbarten Villen. Hier werden Themen wie Symmetrie, Dualität und Schichtung, die schon beim Parc Citroën, beim Pariser Ecole-des-Beaux-Arts-Projekt und beim Entwurf eines Centre médiéval in Chartres wichtig waren, zu neuer Gültigkeit erhoben.

Bergers OEuvre, genährt aus einer reichen Tradition, erweist sich als komplex. Doch werden dieser Vielschichtigkeit weder die Ausstellung noch der sie begleitende Katalog mit seinen allzu oberflächlich-eloquenten Texten von Jacques Lucan und Jean- Pierre Nouhaud gerecht. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt, da das Interesse am Erbauer des künftigen Uefa-Sitzes in Nyon schnell wachsen dürfte, kommen zwar Ausstellung und Katalog wie gerufen. Doch hätte man von der Publikation gerne weniger pseudophilosophische Ergüsse, dafür mehr Fakten und Informationen erwartet: So erfährt man über den heutigen Stand des mit Plänen, Skizzen und Modellen bestens präsentierten Uefa-Projekts nichts, obwohl doch am kommenden 18. April in Nyon die feierliche Grundsteinlegung stattfindet und das Gebäude im Sommer 1999 eingeweiht werden soll. (Bis 20. April; Katalog 30 Franken)

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Für den Beitrag verantwortlich: Neue Zürcher Zeitung

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