Akteur

Friedrich Achleitner
Wien (A)

„Ich war einfach goschert“

Friedrich Achleitner über Sinn und Unsinn der Kritik und seine Arbeit für die „Presse“, über das konservative Wien und das Interessante am Mittelmäßigen. Ein Gespräch zu seinem 80. Geburtstag.

22. Mai 2010 - Franziska Leeb

Herr Achleitner, in Ihrem Architekturführer vorzukommen ist für Architekten sehr wichtig, weil quasi nicht existiert, was nicht drinsteht.

Das ist ja das Furchtbare! Wenn das Bundesdenkmalamt etwas im „Achleitner“ findet, sagt man „Vorsicht!“, und wenn nicht, dann nicht.
Das ist Unsinn. Mir geht es nicht darum, eine Liste wertvoller Sachen zu erstellen. Ich wollte immer zu bestimmten Problemen hinführen.

Gab es konkrete Erfolgserlebnisse?

Kaum. Punktuell merkt man, dass es nicht ganz umsonst ist. Die Textilschule in Dornbirn ist nur nicht abgerissen worden, weil in meinem Architekturführer fünf Zeilen enthalten waren. Meine erste Kritik in den „Bausünden“ in der „Abend-Zeitung“ war über diese grausliche Einzäunung, diese Werbefläche, am Stephansdom. Das wird jetzt nach 50 Jahren gemacht.

Die Literatur sei ein Vergnügen, die Architekturschreiberei Knochenarbeit, haben Sie einmal gesagt. Was war am mühsamsten?

Das Damosklesschwert, jeden Donnerstag etwas liefern zu müssen, damit es am Samstag in der Zeitung steht. Nach den zehn Jahren „Presse“ war ich total ausgepowert. Ich habe das von 1962 bis 1972 gemacht. Wöchentlich, oft auch zweimal die Woche.

Gab es Zurufe und Begehrlichkeiten?

Nein. Chefredakteur Otto Schulmeister war großzügig und musste sich viel anhören, weil sich damalige Platzhirsche ständig beschwert haben. Der Innsbrucker Bürgermeister hat alle Inserate gecancelt, weil ich kritisch über das Olympische Dorf geschrieben habe.

Sie sind aber der Architekturkritiker mit der besten Nachrede. Woher kommt das?

Ich glaube, das liegt nicht an den Kritiken, sondern daran, dass ich jahrelang in den Bundesländern herumgekrebst bin. Wenn in der Beilage der „Presse“ eine ganze Seite erschienen ist, dann war das was. In Wien ist es ja so: Wenn man einen kritisiert, hat man hundert Freunde. Wenn man einen lobt, hundert Feinde. Kritik ist leichter möglich, wenn man nichts weiß.

Unfundiert war Ihre Kritik ja nicht.

Ich trau mir heute nicht zu sagen, dass sie fundiert war. Ich war einfach goschert. Jetzt ist für mich persönlich Kritik überhaupt nicht mehr möglich.

Warum?

Solang ich Architekturkritik gemacht habe, war ich anders fokussiert. Nicht dass man Fehler sucht, aber man schaut kritisch, was falsch war. Sobald man einen Architekturführer macht, schaut man, was positiv ist, was man auswählen und in einem Kontext erwähnen kann. Das ist eine andere Blickweise.

Erwarten Architekten nicht automatisch eine affirmative Berichterstattung?

Mitte der 60er-Jahre hat Ferdinand Kitt in der Zentralvereinigung der Architekten eine Aktion gestartet, damit mehr über Architektur publiziert wird. Was geschrieben wird, hat er gesagt, ist wurscht, Hauptsache viel. Dann kam die Zeit, wo das Interessante und die Personen im Vordergrund standen. Vorher war die Diskussion eher thematisch orientiert. Es gab eine U-Bahn-Diskussion oder Kirchenbauaustellungen. Dann kamen Architekten wie Zünd-Up, Haus-Rucker-Co, Coop Himmelb(l)au, deren Namen ja fast Werbeslogans waren. Da begann es, dass mit der Architektur um Aufmerksamkeit gerungen wurde.

Hat sich mit dem Bauen auch das Schreiben darüber verändert?

Ein Teil der Architekturschreiber ist immer noch am Bauen dran. Aber es gibt viele Wellenreiter, die theoretisch herumspielen, was ja gerade modern ist, und die sich nichts mehr anschauen. Das habe ich nie verstanden. Aber die, die sich die Mühe machen, die Leute zu kontaktieren und sich Bauten anzuschauen, die sind natürlich im gleichen Boot. Was mir gefällt, ist: dass man an der Kunst-Uni Linz Projekte in Entwicklungsländern macht, wieder viel auf Baustellen arbeitet.

Diese Welle der großen Blasen hat ja im Wiener Stadtbild nicht so gegriffen.

Wien ist ein konservatives Pflaster. Hier hat auch die Postmoderne fast nichts angerichtet. Die großen Knüller gibt es halt nicht.

Sollte die eine Weltstadt nicht auch haben?

Ein paar schaden sicher nicht. Wenn zum Beispiel auf die Platte noch ein paar vernünftige Kulturbauten hinkommen würden! Das hätte schon die Grammatik einer Stadt. Ich habe dort einen neuen Stadtbegriff gelernt. Es gibt Punkte, wo man sich wie am Michigansee fühlt. Dann die vielen kleinen Einheiten und Siedlungen, die einen eigenen Charakter haben. Es gibt den fatalen Terminus, den Wolf Prix so gerne verwendet, die „Mittelmäßigkeit“. Die halte ich für interessanter als das Außergewöhnliche, weil damit eine andere Erfahrungswelt verbunden ist und auch Konventionen Bestätigungen für Qualität sind. Man darf nicht glauben, dass die Architekten, die in einer Stadt leben und sie gut kennen, die besten Entwürfe für die Stadt liefern. Das sind meistens die, die von außen kommen und andere Qualitäten erkennen.

In Wien bauen aktuell verhältnismäßig wenige Architekten von außen.

Man muss auch sagen, diese heutige Generation der Superstars ist eine, die goldene Eier ablegt und mit den Städten keinen Kontakt aufnimmt. Frank Gehry sagte allen Ernstes, Prag sei eine heitere Stadt. Was hat der gesehen? Es gibt keine finsterere Stadt als Prag. Das gab es schon früher. Fischer von Erlach hat sich bei seinem Festsaal im Stift Herzogenburg einen Schmarrn darum gekümmert, was Prandtauer rundherum gemacht hat.

Auf Architekten Ihres Alters reagieren manche jüngeren Architekten allergisch. Sie hingegen genießen in allen Generationen Respekt.

Das hat vielleicht damit zu tun, dass ich das Glück habe, mir eine Arbeit angefangen zu haben, die so lange braucht. Dadurch kenne ich drei Generationen von Architekten. Wenn ich etwas sehr Persönliches sagen darf: Ich mag die Leute. Sie üben einen Selbstausbeuterberuf aus und werden nie zu ihrem Wert gehandelt. Auf Wienerisch gesagt ist es wirklich eine Scheißhackn. Es ist ganz selten, dass die Architekten genannt werden. Wenn es geglückt ist, dann tun die Bauherren, als hätten sie es selbst entworfen.

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Friedrich Achleitner, Pressebild: Lukas Beck © Paul Zsolnay Verlag