Hinter einem Mietshaus versteckt: So sieht Wiens Stadttempel nach der Sanierung aus
Vor 200 Jahren wurde Josef Kornhäusels Synagoge in der Seitenstettengasse eröffnet. Von der Straße aus durfte man sie nicht sehen. Innen hat das Büro KENH nun einen der schönsten Sakralräume Wiens neu belebt.
Seit den Terrorattacken des 7. Oktober 2023 und der darauffolgenden Katastrophe des Gazakriegs sieht sich das Judentum weltweit mit der Herausforderung eines zunehmenden Antisemitismus konfrontiert. Dagegen helfe vor allem, so Oskar Deutsch, Präsident der österreichischen Israelitischen Kultusgemeinde, „jüdisches Leben“, womit wohl gemeint ist, sich nicht zurückzuziehen, sondern dieses Leben sichtbar zu machen. Anlass für Deutschs Statement vor zwei Wochen war die Präsentation eines neuen Buchs über den Wiener Stadttempel, der heuer sein 200-Jahr-Jubiläum feiert und nach einer umfassenden Sanierung wiedereröffnet wurde.
Der Tempel entstand 1824 bis 1826 nach einem Entwurf von Josef Kornhäusel, dem bedeutendsten Architekten Wiens zu dieser Zeit, der für zahlreiche Wohnbauten, aber auch für das Stadttheater in Baden, für den Umbau des Theaters in der Josefstadt und die Weilburg bei Baden verantwortlich war. Kornhäusels Architektursprache war der Klassizismus, zu seinen Lebzeiten die Sprache der Vernunft und der Aufklärung, die auch die Errichtung des Tempels – aufgrund eines Toleranzedikts Josef II. – ermöglichte. Die Genehmigung für den Bau enthielt die Einschränkung, dass die Synagoge im Straßenraum nicht sichtbar sein durfte. Kornhäusels Auftrag umfasste daher zwei Teile, einerseits ein mehrgeschoßiges Mietshaus an der Straße und dahinter einen im Grundriss ovalen, nur von oben belichteten Sakralraum, der von einer Kuppel überspannt wird. Zwölf Säulen mit ionischen Kapitellen gliedern den Raum in einen mehrgeschoßigen Zentralbereich mit seitlich angelagerten Galerien. Die erste liegt nur ein paar Stufen über dem Bodenniveau des Zentralbereichs und wird auch von dort erschlossen. Die zweite, den Frauen vorbehaltene Galerie liegt ein Geschoß darüber und reicht bis zu einem Kranzgesimse, das auf den zwölf Säulen auflagert. Die oberste Galerie liegt bereits im Bereich der Kuppel und wird im Raum vor allem durch die Beleuchtungskörper wahrgenommen, die hier in Fortsetzung der Säulen in einen blau gemalten und mit kleinen goldenen Sternen verzierten Himmel ragen.
Der Tora-Schrein
Zentrales Element des Raums ist der Tora-Schrein, der am schmalen Scheitelpunkt des Ovals zwischen zwei Säulen eingepasst ist und sich nach Jerusalem, von Wien aus gesehen nach Südosten, orientiert. Formal bleibt die Architektur beim klassizistischen Vokabular. Ein Rundbogen mit flankierenden Pilastern und goldenen und roten Ornamenten betont die herausgehobene Stellung des Tora-Schreins, über dem, in die oberste Galerie einschneidend, die zwei Gesetzestafeln der Zehn Gebote angebracht sind. Ein prominenterer Platz für das sechste Gebot, „Du sollst nicht töten“, lässt sich kaum vorstellen.
Auf der Achse des Tora-Schreins liegt die Bima, das erhöhte Lesepult, von dem aus die Tora vorgelesen wird. Ihre Position verrät die Ausrichtung der Gemeinde: In orthodoxen Synagogen steht die Bima oft in der Mitte des Raumes, in moderneren oder liberalen Synagogen vorne beim Toraschrein. Im Wiener Stadttempel wurde ihre Position im Lauf der Jahrhunderte ein Stück Richtung Mitte bewegt, eine Herausforderung für die Denkmalpflege: Die Wiederherstellung des Originalzustands wäre eine Verfälschung der Geschichte; die architektonischen Konflikte durch die geänderte Position des Tora-Schreins einfach zu ignorieren, ist aber auch keine Lösung. In enger Abstimmung mit dem Denkmalamt fand das für die Sanierung verantwortliche Architektenteam Natalie Neubauer-Muzicant, Kim Tien und Eric Tschaikner, die gemeinsam unter dem Kürzel KENH firmieren, eine befriedigende Lösung. Ein zusätzliches Gitterelement erlaubt es, die elegante Geometrie des Ursprungsentwurfs wiederherzustellen und gleichzeitig die Position der Bima zu verschieben.
Ein neuer Brunnen als spirituelle Mitte
Der Tempel wurde im Lauf seiner 200-jährigen Geschichte mehrfach verändert. Kornhäusel hatte die Besucher über das Haupttor in der Seitenstettengasse durch einen tonnengewölbten Gang geführt, in einen kleinen Hof, in dem man zumindest die Westfassade der Synagoge von außen wahrnehmen konnte. Dieser Hof wurde schon bald in einen Vorraum mit Oberlicht verwandelt. KENH platzieren hier einen neuen Brunnen als spirituelle Mitte. Das gesamte Erdgeschoß wird barrierefrei und bietet multifunktionale Räume, die von KENH wohnlich möbliert wurden.
In der Synagoge selbst sind die wichtigsten Veränderungen präzise gesetzt: Die Bankreihen sind in Anlehnung an den Urzustand gekurvt ausgeführt; die Rückwände der Galerien sind aus kleinen Paneelen aus sehr dunklem Nussholz zusammengesetzt, in denen Widmungen eingefräst sind, ein großer Qualitätssprung zu den Messingschildern, die davor auf eine Holzvertäfelung aus den 1990er-Jahren aufgeschraubt waren. Raumprägend ist schließlich das Lichtkonzept, das die Sanierung durch Otto Niedermoser aus dem Jahr 1963 weiterführt. Niedermoser, Schüler von Oskar Strnad und Peter Behrens, hatte die Beleuchtungskörper Kornhäusels im Geist der 1960er-Jahre erneuert. KENH bauen auf diesen Leuchten auf, verändern aber die Leuchtkörper von einer runden zu einer länglichen Form. An der Kuppel, in der Niedermoser die gemalten Sterne durch Messingsterne ersetzt hat, gab es keine Veränderungen. Materialproben legen eine andere Bemalung nahe, die aber nicht mehr genau rekonstruierbar ist.
Der Raum ist ein Meisterwerk des Klassizismus
Insgesamt ist durch diese Sanierung einer der schönsten Sakralräume Wiens zu neuem Leben erweckt worden, eine veritable „Umstellvorrichtung für die Seele“, von der Robert Musil im „Mann ohne Eigenschaften“ spricht. Zugleich ist der Raum ein Meisterwerk des Klassizismus, das versucht, dessen Universalsprache auf die Bauaufgabe Synagoge anzuwenden. Das hat nicht allen gefallen. Im neuen Buch über den Stadttempel ist ein Text des Kunsthistorikers Max Eisler abgedruckt, der 1926 anlässlich der 100-Jahr-Feier publiziert wurde. „Der Raum ist weder religiös noch jüdisch. Das spricht nicht gegen Kornhäusel, sondern gegen seine Auftraggeber. Das waren nicht Männer der Dämmergefühle. Sie wollten endlich Schluss machen mit dem Osten, auch mit seiner Mystik, sie wollten ihrem rationellen Humanismus einen Tempel bauen.“
Musil hätte darauf wohl mit seiner Idee einer „taghellen Mystik“ und der Verbindung von „Genauigkeit und Seele“ geantwortet und Eisler geraten, genauer hinzusehen: Ist Kornhäusel mit dem Stadttempel nicht doch eine Synthese von Vernunft und Empathie gelungen?