Vertrauen Sie dem Holz!
Eigentlich sollte auf einem Areal im 2. Wiener Gemeindebezirk das größte Business- und Seminarhotel Österreichs entstehen. Dann kam die Pandemie – und mit dem Green Deal ein entscheidender Impuls: Das QuartierLeopold punktet jetzt mit Holzbauweise und einer gemischten Nutzung.
Architektur ist keine Ware, zumindest keine Ware wie jede andere. Der Boden, auf dem sie steht, lässt sich nicht beliebig vermehren, und in Errichtung und Betrieb verursacht sie ökologische Kosten, die bis vor Kurzem von den Verursachern ignoriert werden konnten. Für den Schaden, etwa in Form von Extremwettereignissen, müssen sie nicht aufkommen.
Das soll sich ändern, und zwar über den Umweg, ökologisch nachhaltige wirtschaftliche Aktivitäten finanziell attraktiver zu machen. Dafür wurde in der EU eine Taxonomie geschaffen, die strenge Kriterien zu CO2-Emissionen, Energieeffizienz, Kreislaufwirtschaft und Klimaanpassung festlegt. Diese Taxonomie beeinflusst die Chancen von Projektentwicklern, Finanzierungen zu erhalten, weil Banken und Investoren offenlegen müssen, inwieweit sie diese Kriterien erfüllen. Gebäude mit schlechter Klimabilanz riskieren langfristig Wertverluste und höhere Finanzierungskosten. Insgesamt verschiebt die Taxonomie den Markt in Richtung Bestandserhalt, energieeffiziente Sanierung und emissionsarme Bauweisen.
Diese Signale der EU richten sich dabei vorrangig an die Projektentwickler, die ihre Strategien überdenken müssen. Wie rasch das gehen kann, zeigt das Beispiel der in Wien börsenotierten UBM Development AG, die von 2020 bis 2023 quasi im laufenden Betrieb ihre Strategie radikal auf eine ökologisch nachhaltige Umsetzung ihrer ökonomischen Ziele umgestellt hat – im laufenden Betrieb deshalb, weil als Leitprojekt eine bereits in Planung begriffene Quartiersentwicklung mit 75.000 m² Bruttogeschoßfläche gewählt wurde, das LeopoldQuartier im 2. Bezirk.
Gelungene Freiraumplanung
Als die UBM das Areal 2018 erwarb, war der Plan, hier das größte Business- und Seminarhotel Österreichs und rund 250 Wohnungen zu errichten. Den städtebaulichen Wettbewerb, an dem sich 70 Büros beteiligten, gewann 2020 das Büro Gangoly & Kristiner mit einem Projekt, das das Beste aus dem an sich schon guten Standort am Donaukanal mit einer Tiefenentwicklung in Richtung Augarten herausholte: Das temporäre Wohnen mit Hotel und einem Block mit Kurzzeit-Apartments rückt prominent an den Donaukanal und schirmt dabei die Wohnungen dahinter vor der stark befahrenen Oberen Donaustraße ab. Die Wohnbauten folgen klaren Typologien: zwei kubische Stadtvillen mit zentralen Atrien und ein U-förmiger Typ, der über Brückenbauten an den Bestand anschließt und die Durchquerung des Areals in Richtung Augarten ermöglicht. Diese Baukörper beruhigen den öffentlichen Raum, dessen unregelmäßiger Zuschnitt sich aus dem umgebenden Bestand ergibt. Ohne die Bebauung zu schließen, entsteht dabei ein gut proportionierter zentraler Grünraum mit einem großen Kinderspielplatz. Die gelungene Freiraumplanung, die auch die Bepflanzung der Fassaden inkludierte, entstand in Zusammenarbeit mit D\D Landschaftsarchitektur. Im Juryprotokoll des Wettbewerbs von 2020 sind Anmerkungen zu ökologischen Zielen nur am Rande zu finden. Das Thema Holzbau kommt gar nicht vor. Die Entwicklung zu einem Projekt, das sich durch die Ausführung als Holz-Hybridbau auf dem Immobilienmarkt positioniert, erfolgte in mehreren Schritten. Einen wichtigen Impuls lieferte die Pandemie: Das bisherige Kerngeschäft der UBM, die Hotellerie, war durch sie unmittelbar ins Risiko geraten. Als Alternative beschloss das Management, verstärkt auf die Nutzungen Büro und Wohnen zu setzen und dabei – inspiriert durch den European Green Deal, den Ursula von der Leyen 2019 als wirtschaftspolitische Strategie mit dem Ziel einer Klimaneutralität bis 2050 proklamiert hatte – das ökologische Bauen mit Holz ins Zentrum zu rücken.
An die Stelle des Seminarhotels trat ein Bürobau mit einer Nutzfläche von 21.500 m², dessen Planung an HNP-Architekten übertragen wurde, während die Entwürfe für die Wohnbauten von Gangoly & Kristiner stammen. In beiden Fällen handelt es sich um Holz-Hybrid-Konstruktionen, in denen Holz in der Regel mit Beton kombiniert wird. Im Detail sehen die Tragsysteme von Büro- und Wohnbauten im LeopoldQuartier aber sehr unterschiedlich aus. Im Wohnbau kamen Wandelemente in Holzriegelbauweise zum Einsatz, die vorgefertigt auf die Baustelle geliefert und geschoßhoch montiert wurden. Im Bürogebäude finden sich massive tragende Holzsäulen, auf denen Stahlbetonträger aufliegen, zwischen denen wiederum Holzdecken gespannt sind. Diese raffinierte Holz-Beton-Holz-Kombination hat ihren Ursprung im Städtebau: Sie ermöglicht es, die noch aus der Hotelnutzung vorgegebene Gebäudehöhe einzuhalten und kein Geschoß zu verlieren.
Eine konventionelle Rasterfassade
Ob das Material Holz im Inneren sichtbar bleiben soll, hängt nach Erfahrungen der UBM von der Nutzung ab. Im Wohnbau wird Holz zumindest heute noch von manchen Kunden mit einem gewissen Misstrauen begegnet, während es in Büroräumen generell positiv aufgenommen wird. Von außen ist dem QuartierLeopold der Holzbau jedenfalls nicht anzusehen. Der Büroblock hat eine konventionelle Rasterfassade mit raumhoher Verglasung, an den Wohnbauten sind die aufwendig in Stahlbeton konstruierten Balkone gestaltprägend, die als selbsttragende Elemente vor der Fassade stehen. Gangoly & Kristiner haben keine Berührungsängste mit dem Dekorativen, etwa in der zahnschnittartigen Bemalung der Attiken oder in barock gekurvten Vordächern, auf denen große, bepflanzte Vasen balancieren. Ob diese etwas traumartige Ästhetik wirklich zeitgemäß ist, sei dahingestellt. Ihrer Ansage, einer der „führenden Holzbau-Developer Europas“ zu werden, ist die UBM mit dem LeopoldQuartier ein Stück nähergekommen. Die Büros sind zu 44 % vermietet, zu einem Durchschnittspreis von 25 Euro pro m². Bauen in Holz wird zwar aller Voraussicht nach teurer bleiben als konventionelles Bauen, wobei sich die Differenz durch den steigenden Vorfertigungsgrad, der im LeopoldQuartier schon bei über 50 % liegt, verringern wird. Der Rest sollte im Rahmen des Green Deal kompensiert werden, dessen zunehmende Verunglimpfung und Ausdünnung aber einen Rückschritt bedeutet. Wer sich davon nicht anstecken lassen möchte, dem sei das Architekturfestival TurnOn empfohlen, eine Revue optimistischer Fallbeispiele, darunter viele aus Holz: kommende Woche vom 12. bis 14. März, im Radio Kulturhaus und unter turn-on.at als Stream.