Das Chalet des Dr. Caligari
In der kleinen Tiroler Gemeinde Fiss werden die Kids in wenigen Tagen das neue Bildungszentrum Fissikus beziehen – eine Schule mit dramatischen Lernlandschaften. Ein erster Spaziergang.
Drei Häuser, windschief im Dorfgefüge stehend, aufgeblasen zu einer dreistöckigen Drillingslederhose, zugleich aber komplett entsättigt in ihren Farben, mit weißem Putz und hellen Hölzern, mit breiten Rundbogentoren zu ebener Erd’, wie bei all den denkmalgeschützten Bauernhöfen rundherum, und quadratisch durcheinandergewürfelten Fenstern in der Fassade; darüber schließlich, als wäre eine Lawine drübergefegt, als würden die Schneewehen am letzten Zipfel hängen, ein dramatisch zugespitztes Vordach, an der weitesten Stelle bis zu vier Meter ins Nichts ragend.
„Schon sehr speziell, wie das neue Schulhaus in die Landschaft eingebettet ist“, sagt Simone Wörz. „Es ist so richtig modern, so richtig zeitgenössisch, und dennoch fügt es sich irgendwie ganz natürlich in seine Umgebung ein, als wäre es immer schon da gestanden. Und überhaupt“, meint die Kindergartenleiterin, „wurden wir von Anfang an befragt und in den Planungsprozess miteinbezogen. Und unsere Wünsche wurden auch wirklich ernst genommen und bis zuletzt mit größtem Respekt weitergetragen.“
Dieses Licht! Diese Aussicht!
Auch Christiana Kathrein, Direktorin der Volksschule, die vor wenigen Tagen ihr Büro bezogen hat, Blick aufs Dorf, ist ganz angetan von der Architektur ihres neuen Arbeitsplatzes. „Dieses Licht, diese Fenster, diese Aussicht! Und das nicht irgendwo am Ortsrand, sondern genau hier, mitten im Dorfzentrum, zwischen Kirche, Gemeindeamt und S’Paules und S’Seppls Heimatmuseum. Letztes Semester haben die Kinder eine Baustellenführung bekommen, und das Echo war mehr als positiv. Ich habe noch nie erlebt, dass sich Kinder so dermaßen auf die Schule freuen wie hier in diesem Haus.“
Die Sommerferien neigen sich dem Ende zu. In wenigen Tagen öffnet das neu errichtete Bildungszentrum Fissikus in der Oberlandgemeinde Fiss, die gut 500 Meter über dem Inntal auf der Tiroler Sonnenterrasse thront, seine Pforten. Obwohl Fiss nur knapp über 1000 Einwohner hat, gibt es seit geraumer Zeit starken Zuzug, getoppt von derzeit auffällig geburtenstarken Jahren. Der Altbau, in dem sich Kinderkrippe, Kindergarten und Volksschule befunden hatten, errichtet in den Sechzigerjahren, platzte aus allen Nähten, und so beschloss die Gemeinde, 17 Millionen Euro (Gesamtinvestitionsvolumen) in die Hand zu nehmen und den Jüngsten im Dorfe ein richtig schönes, ein atemberaubend schönes Schulgebäude zu schenken.
2023 wurde ein EU-weiter Wettbewerb mit vorgeschaltetem Bewerbungsverfahren ausgeschrieben, daraus wurden 15 Teilnehmer ausgewählt, aus denen schließlich fünf Büros, überraschenderweise nur Tiroler und Vorarlberger Architektinnen und Architekten, den Weg in die zweite Runde schafften. Der einstimmige Sieg ging an das Bregenzer Architekturbüro Ludescher + Lutz, Elmar Ludescher und Philip Lutz, denen es gelungen ist, sich mit ihren augenzwinkernden Elementen traditionellen Bauens den Weg in die Herzen der Jury zu ebnen.
„Wir haben uns tatsächlich an der Tiroler Baukultur orientiert, vor allem an den alten Bauernhöfen und Bauernhäusern im Oberen Inntal“, sagt Lutz. „Und wenn man in Fiss einmal den Almabtrieb erlebt hat, der nächste steht übrigens in zwei Wochen an, mit all den reich geschmückten Kühen, mit Blumenkränzen und Glocken, begleitet von traditioneller Musik, wie sie sich durch die engen Dorfgassen zwängen und dann in irgendwelchen Rundbogentoren verschwinden, dann versteht man, welch große Rolle die Architektur in dieser Gemeinde spielt, mit all ihren Platzsituationen, mit all ihren imposanten, ja fast schon dramatischen Satteldachlandschaften. Daran wollten wir uns orientieren.“
Komplexe Vordachgeometrie
Während man draußen vorm Haus steht, vor einem eine weiße Wand mit teigigem, unregelmäßigem Modellierputz, fast so wie damals, vor 300 oder 400 Jahren, dazwischen quadratische Fensteröffnungen im Zufallsgenerator über die Oberfläche verstreut, packt der Architekt seine Pläne aus, ein Detailchaos mit Dachverschnitten, Firstkanten, Traufen und fast auf null zulaufenden Ortgängen, die der Silhouette der Berge nachgaloppieren, an der Unterseite mit unterschiedlich breiten, naturbelassenen Fichtenbrettern verkleidet, und zweimal sogar ragt ein riesiges Fenster ins Dach hinein, eine verrückte Situation.
„Was heute so unangestrengt und verspielt aussieht, ist Resultat von schweißtreibenden Planungsbesprechungen“, sagt Lutz. „Die Geometrie ist hochkomplex, und das alles gekoppelt mit Ortsbildschutz, rechtlich verankerten Vordächern und massiven, tonnenschweren Schneelasten im Winter, das war echt kein Eisschlecken!“ Auch die öffentliche Durchwegung des Schulgeländes, durch einen der runden Torbögen hindurch und dann hinten am Haus entlang, ein wichtiges Goodie in diesem steilen, nicht immer leicht zu erhatschenden Dörfchen, ist vor allem der Konsequenz und Hartnäckigkeit der beiden Architekten zu verdanken.
Und rein ins Haus. Noch dramatischer, noch surrealer. Während die Gruppenräume und Klassenzimmer an Boden, Wand und Decke komplett mit Holz verkleidet sind, Fichte sägerau, ein kleines Erlebnis im Angreifen, geschlägert aus regionalen Wäldern, wie man in der Gemeinde versichert, sind die Gänge, Korridore und mehrgeschoßigen Aula-Bereiche – als würde man durch die DNA einer Tannennadel hindurchspazieren – mit einem satten, dunklen, optisch nach Zapfen und Mooswald riechenden Blaugrün verputzt. Ein bisschen erinnert das Ganze an einen Verschnitt aus Tiroler Chalet und, 1920 erstmals ausgestrahlt, Das Cabinet des Dr. Caligari .
„Es ist schön zu sehen“, sagt der Fisser Bürgermeister Simon Schwendinger im Gespräch mit dem ΔTANDARD, „was im Rahmen der baulichen Leitlinien der Gemeinde Fiss alles möglich ist. Dieses Projekt ist der Beweis dafür, dass man das Traditionelle, Idyllische und uns allen Wohlvertraute mit dem Neuen, mit dem Modernen, mit dem Überraschenden verbinden kann. Und weißt, was mich am meisten freut? Dass unsere Kinder in diesem Haus in die Krippe, in den Kindergarten und in die Schule gehen und dass sie in all den Jahren mit diesem Bild alpiner Baukultur aufwachsen. Und dann vielleicht eines Tages selbst Baumeister, Architektinnen und Projektentwickler werden. Was Besseres, ehrlich, was Besseres als das kann man sich nicht wünschen.“
Da hat er recht.