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Profil

Wojciech Czaja, geboren in Ruda Śląska, Polen, ist freischaffender Journalist für Tageszeitungen und Fachmagazine, u.a. für Der Standard, Architektur & Bauforum, VISO, db Deutsche Bauzeitung, und DETAIL. Er ist Autor zahlreicher Wohn- und Architekturbücher, u.a. Wohnen in Wien (2012), Zum Beispiel Wohnen (2012), Überholz (2015) und Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden (2015). Zuletzt erschien HEKTOPOLIS. Ein Reiseführer in hundert Städte im Verlag Edition Korrespondenzen. Er arbeitet als Moderator und leitet Diskussionsrunden in den Bereichen Architektur, Immobilienwirtschaft und Stadtkultur und veranstaltet unter dem Titel Ähm, ja also... Praxis-Workshops zum Thema Kommunikation und Präsentation. Er ist Dozent an der Universität für Angewandte Kunst in Wien sowie an der Kunstuniversität Linz und unterrichtet dort Kommunikation und Strategie für Architekten. Außerdem ist er von 2015 bis 2021 Mitglied im Stadtbaubeirat in Waidhofen an der Ybbs.

Publikationen

Wir spielen Architektur. Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit, Sonderzahl-Verlag, Wien 2005
periscope architecture. gerner gerner plus, Verlag Holzhausen, Wien 2007
Stavba. Die Strabag-Zentrale in Bratislava, Wien/Bratislava 2009
Light/Night. The Nouvel Tower in Vienna, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2010
Wohnen in Wien. 20 residential buildings by Albert Wimmer, Springer Verlag, Wien 2012
Zum Beispiel Wohnen. 80 ungewöhnliche Hausbesuche, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2012
Überholz. Gespräche zur Kultur eines Materials, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2015
Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden, Wien 2015
Der Fuß weiß alles. Markus Scheer, Ecowin Verlag, Wals bei Salzburg 2016
Der Erste Campus, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2017
motion mobility. Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien, Park Books, Zürich 2017
Hektopolis. Ein Reiseführer in hundert Städte, Edition Korrespondenzen, Wien 2018

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Artikel

22. Oktober 2005 Der Standard

Sie war nicht mehr ganz dicht

Begonnen hat es eigentlich mit ganz uncharismatischen Trockenlegungsarbeiten zu Füßen der Pallas Athene. Doch kaum hat man sich's versehen, haben sich Palais Epstein und Parlament schon in Schale geworfen.

Bauarbeiter und Architekten setzen zum absoluten Endspurt an, der Countdown läuft. Letzter Feinschliff, da und dort noch Farbe an die Wand, die vielen Flatscreens einjustieren, schließlich den Putztrupp in die neuen Räumlichkeiten entsenden. Dass sich in ein paar Tagen schon der gesamte Baustellenstaub aus dem neuen Foyer des Parlaments verflüchtigt haben soll, ist nur schwer vorstellbar. Aber irgendwie klappt's immer. Wahrscheinlich wird es sich so abspielen wie in Jacques Tatis Film Playtime: Die letzten Handwerker werden links aus dem Bild treten, während rechts schon die ersten Besucher die neue Örtlichkeit stürmen.

Gedankenjahr 2005, der Nationalfeiertag steht ins Haus. Die Besonderheit des diesjährigen Tages der offenen Tür im Wiener Parlament - und das ist natürlich Resultat eines langjährigen Kalküls - ist neben dem 50-jährigen Jubiläum des Österreichischen Staatsvertrags aber vor allem die Einweihung des neuen Besucherzentrums und der sanierten Rampe. Die Riesenbaustelle an der Wiener Ringstraße ist endlich abgeschlossen. „Wir werden die Türen weit öffnen“, betont Nationalratspräsident Andreas Khol.

Begonnen hat das Ganze natürlich ganz anders. „Die Pallas Athene war nicht mehr ganz dicht“, erzählt Kinayeh Geiswinkler-Aziz vom Architekturbüro Geiswinkler & Geiswinkler. Und tatsächlich, im Fundament hat's getropft. Der Brunnen, der der griechischen Göttin der Weisheit zu Füßen liegt, wurde in den vergangenen Jahrzehnten undicht, der Wasserverlust betrug zuletzt bis zu acht Kubikmeter pro Woche. Und durch irgendwelche Ritzen musste sich die Feuchtigkeit ihren Weg schließlich bahnen.

Während Architekt Herbert Beier also mit der Sanierung der Rampenfundamente und der Brunnenanlage beschäftigt war, nutzte man die Gunst der Stunde und schrieb einen geladenen, EU-weiten Wettbewerb für ein neues Besucherzentrum unter der Rampe aus. Geiswinkler & Geiswinkler konnten sich durchsetzen.

Ein neues Foyer für das alte Parlament - das ist wahrlich keine leichte Aufgabe. Wie bauen für Vater Staat? „Natürlich ist das Parlament von Theophil Hansen als völlig herrschaftliches und hermetisches Gebäude konzipiert worden“, erklärt Architekt Markus Geiswinkler. Diesen Umstand zu ändern habe viel Feingefühl erfordert. „Modische Gadgets sind hier fehl am Platz, letztlich soll das Foyer in einem Jahrzehnt immer noch einen aktuellen Eindruck vermitteln.“ Dass die Architektur in diesem Sinne etwas zurückgenommen erscheint, wird daher nicht verwundern. Elegant, gediegen, ja sogar klassisch tritt das neue Besucherzentrum im Schatten der Pallas Athene auf.

Wo früher nur Erdreich war, haben Geiswinkler & Geiswinkler nun einen luftigen Raum auf drei Ebenen herausgebuddelt. Schwarz und weiß, viel Glas, viel Stein und viel zukunftsreiches Image, ganz im Sinne der Nationalhymne. Über Stiegen, Rampen und Lifte gelangt man ins Herz des neuen Besucherzentrums. Mit jedem weiteren Schritt in die Gefilde unter der Parlamentsrampe eröffnen sich neue Einblicke in die Spielregeln repräsentativer Architektur, die ganz selbstverständlich in die heutige Zeit hinübergetragen und neu interpretiert wurden. Von hier aus werden auch die Führungen durch das Hohe Haus starten. „Das neue Foyer ist Zeuge eines völligen Paradigmenwechsels im Parlament“, resümiert Andreas Khol, „aus einem alten Herrenhaus ist ein offenes Parlamentsgebäude für alle Bürger und Bürgerinnen geworden.“

Politische Architektur wird attraktiv. Norman Foster hat schon vor geraumer Zeit dem Berliner Reichstag die gläserne Kuppel aufgesetzt, vergangenes Jahr ist in Edinburgh das steinig gläserne schottische Parlamentsgebäude fertig gestellt worden. Und nun nimmt sich auch Österreich ein Beispiel und bringt frischen Wind ins alte Gemäuer.

Dennoch gilt auch in Wien das Motto der Stunde, demnach das Parlament zur touristischen Institution geworden ist. Statt der bisherigen 60.000 Besucher jährlich rechnet man nun mit 100.000 Interessierten. Hoch gesteckte Ziele auch im Bereich des Vorplatzes, Khol spricht von einem „städtischen Platz im Stile des Museumsquartiers; Menschen sollen sich hier frei und ungezwungen aufhalten können.“

Während man im Bereich des schweren Rampensockels um Öffnung und Orientierung ringt, platzt das Hohe Haus andernorts aus allen Nähten. Der Wiener Stadtschulrat ist aus dem benachbarten Palais Ep- stein - ebenfalls ein Werk Theophil Hansens - schon vor geraumer Zeit ausgezogen; rechtzeitig zum Nationalfeiertag eröffnet nun auch dieses Gebäude, das von der Hausbesitzerin BIG eigens für Parlamentszwecke adaptiert und von Grund auf saniert wurde.

Unzählige Umbauten und Erweiterungen hatten aus dem einst herrschaftlichen Palais im Laufe eines Jahrhunderts ein unerträgliches Flickwerk entstehen lassen. Zerstörte Böden, penetrant ignorierte Wandvertäfelungen und ein nicht mehr wiedererkennbares Grundkonzept des Architekten waren die Folge.

Doch ein EU-weiter, offener Wettbewerb sollte im Frühjahr 2002 auch hier Klarheit schaffen. Als das Kuvert des anonymen Siegerbeitrags geöffnet wurde, staunten nicht wenige über die jungen und noch unbekannten Verfasser des überzeugenden Projekts. Georg Töpfer und Alexander van der Donk, beide gerade einmal 40 Jahre alt, haben im Zuge des Projekts aber durchaus Kompetenz an den Tag gelegt.

Eine behutsame Analyse hat ergeben, dass ein gezieltes Herausreißen des - baulich recht uninteressanten - Dienstbotentraktes der größte Gewinn für das historische Palais bedeuten würde. Der Übergang von Alt zu Neu ist heute dezent spürbar, in diesem Neubauteil wurde das gesamte Rückgrat des Gebäudes von Lift und Stiegenhaus bis hin zu den Sanitär- und Serverräumen untergebracht.

Der Rest des Gebäudes ist Resultat einer vorbildlichen Sanierung und damit ein neues Aushängeschild für BIG und Bundesdenkmalamt. Vor allem aber ist das Palais Epstein ein Gebäude, das sich wie ein Kriminalroman der Architekturgeschichte liest. So entdeckte man hinter hässlichen Einbauten beispielsweise eine riesige Glasschiebetür, die den Tanzsaal zum Wintergarten hin großzügig öffnet - nach über hundert Jahren immer noch vollkommen funktionsfähig.

Im Erdgeschoß wiederum, wo sich früher das Bankhaus Epstein befand, haben die Architekturdetektive endlich herausgefunden, wozu die rätselhaften Holzknöpfe im Bereich der Fensternischen dienten. Schwere Stahlkurtinen ließen sich mittels dieser Entriegelung aus dem Kellergeschoß hochhieven, womit man sozusagen den architektonischen Ursprung des Einbruchschutzes entdeckt und erkundet hat.

Eine Ausstellung wird in den ehemaligen Bankräumen im Erdgeschoß Aufschluss über die Geschichte des Palais Epstein geben. In den Stockwerken darüber werden die Parlamentarier hausen, um an Vater Staat weiterzumodellieren. „Das Palais Epstein und das Parlament ergänzen einander in wunderbarer Art und Weise“, so Nationalratspräsident Khol, „das Palais ist ein elegant saniertes Relikt einer glanzvollen Vergangenheit, das Besucherzentrum im Parlament hingegen ist ein impulsiver und vor allem jugendorientierter Ort.“

Und um vom politischen O-Ton wieder auf den Pfad der Architektur zurückzufinden: Parlament und Palais Epstein sind überzeugende Boten einer neuen kulturellen Weitsichtigkeit. Es ist letzten Endes als schöne Geste aufzufassen, dass die Gestaltung von zwei derart bedeutenden Bauwerken in die Hände einer - um in der verzerrten Zeitrechnung der Architekturbranche zu sprechen - so jungen Generation gelegt wurde.

21. Oktober 2005 Der Standard

Blick auf den Aufbruch

Redlich, solide und funktional: Das Wien Museum zeigt eine Retrospektive auf das Werk des Architekten Erich Boltenstern und die Baukultur in Wien nach dem Zweiten Weltkrieg.

„Das ist nicht Amerika, das ist Österreich!“, berichtete am 14. Juni 1955 die Austria Wochenschau begeistert über die Eröffnung des Ringturms. Damals noch eines der höchsten Gebäude Europas, zählt der Turm von Erich Boltenstern heute nicht einmal mehr zu den Top Ten in Wien. Aber immer noch verkörpert der Ringturm im österreichischen Maßstab den Begriff des Hochhauses, vor allem die Stimmung eines Aufbruchs, die Stimmung eines gleichermaßen gedrückten wie ambitionierten Wiederaufbaus.

Man kann ihr im Wien Museum bei der Retrospektive auf das Werk des Architekten Erich Boltenstern, einer Schlüsselfigur jener Zeit, nachgehen. Unter dem Titel „moderat modern“ gehen die Kuratorinnen Judith Eiblmayr und Iris Meder der Frage nach, wie sich die damalige Ambivalenz zwischen Notstand und schwungvoller Moderne auf die Stadt ausgewirkt hat: „Gerade die nicht revolutionäre, eher nüchterne Architektur der Fünfziger kann erst von der heutigen Generation anerkannt und vorurteilsfrei bewertet werden.“

Verlässlichkeit statt Risiko, Sparsamkeit statt Großzügigkeit: Dennoch eignet sich dieser zurückhaltende Ansatz auch heute immer noch für viele repräsentative Räumlichkeiten in Österreich. „Wenn es einen typischen Stil der Wiederaufbauära und eine Architekturhandschrift des offiziellen Österreich gibt“, erklärt Direktor Wolfgang Kos, „dann ist es eine zurückhaltende und angepasste Moderne - redlich, solid und funktional.“

Dieser Prämisse Folge leistend, feiert am 4. Novemver 1955 die Wiener Staatsoper ihre Wiedereröffnung. Wie das 1946 gegründete „Opernkomitee“ festgelegt hatte, erstrahlte die Oper in ihrer „ursprünglichen Gestalt“. Lediglich im Stiegenhaus und im Pausenraum sind Boltensterns Visionen bis heute spürbar. Architekt Boltenstern: „Mein Ziel war es, einen festlichen, beschwingten und befreienden Raum zu gestalten, der in einem gewissen Sinn zeitlos wirken soll.“

Neben Ringturm und Staatsoper stammt aus dieser Zeit auch das Hotel am Parkring, die Österreichische Nationalbank in Linz - deren Originalmobiliar in der Ausstellung übrigens als benutzbare Lounge-Ecke verwendet wurde - und das Restaurant am Kahlenberg, das damals schon für 4.500 Besucher konzipiert war. Meder und Eiblmayr überraschen gleich zu Beginn der Ausstellung mit einem Nachbau der so genannten „Rotunde“, der sich direkt vor der Oper unter der Ringstraße befindet - kleiner natürlich als die echte Rotunde, aber umso effektvoller: „Wir haben versucht, durch einen echten Teaser die Leute für die Architektur sensibel zu machen“, sagen die Macherinnen.

14. Oktober 2005 Der Standard

Ein gewagter Griff in den Farbbottich

Für einen großen Coup eignen sie sich immer: Coop Himmelb(l)au, jenes Architekturbüro mit dem eingeklammerten „l“. Irgendwie muss man ja darauf aufmerksam machen, dass nun nicht mehr einzig und allein ins Himmelblaue hinein geträumt, sondern tatsächlich auch gebaut wird. Gestern, Donnerstag, fand die feierliche Eröffnung des aktuellsten Wiener Projekts von Coop Himmelb(l)au statt. Unter Beisein von Bürgermeister Michael Häupl und ÖGB-Präsident Fritz Verzetnitsch wurde der neue Hauptsitz der Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA) in Wien-Landstraße eingeweiht. Dass die GPA den Enfants terribles des Dekonstruktivismus gegenüber große Sympathie hegt, hatte sie schon vor einigen Jahren bewiesen - damals ließ sie Wolf D. Prix und Helmut Swiczinsky einen Gasometer umbauen.

Das ehemalige Mautner-Markhof'sche Kinderspital wurde abgerissen. Dort, am Alfred-Dallinger-Platz 1 - benannt nach dem ehemaligen Vorsitzenden der GPA -, entstand nun das neue Flaggschiff der Gewerkschaft. Die Baukosten des Komplexes (Wohn- und Bürohaus) betragen cirka 24 Mio. Euro. In die unteren fünf Bürogeschoße ist die GPA eingezogen; die Stockwerke fünf bis sieben werden ans Berufsförderungsinstitut Österreich vermietet.

„Für die Menschen, die in diesem Haus arbeiten, ist die interne Kommunikation ein Quantensprung“, so GPA-Vorsitzender Wolfgang Katzian,

Und die Architektur? Grau, metallisch, silbrig - und nach langer Zeit erstmals ein derart gewagter Griff in den Farbbottich, standesgemäß im Corporate-würdigen GPA-Rot. Zur Schlachthausgasse hin ziert eine Symphonie an Vordächern den unüberschaubaren Portikus. Einmal hier rechts, dann wieder dort oben mittig, nebenan eine große schlanke Stele ganz aus Licht.

Die rote Tröte

An der Rückseite zeigt sich das - dereinst so hoch beworbene - dekonstruktive Element von Coop Himmelb(l)au. Dynamisch zwar, aber wohldesignt und penibel gestaltet, schiebt sich der Veranstaltungssaal über die Gasse hinaus. Im Jargon der GPA-Mitarbeiter schlichtweg „Tröte“ genannt, ist diese architektonische Geste der unmissverständliche Beweis, dass - zumindest in Wien - die Ära des wilden Dekonstruktivismus endgültig vorbei ist.

Die internationalen Glas-Stahl-Projekte in Lyon, Frankfurt, München oder etwa Guadalajara - allesamt noch im Planungsstadium - glauben nach wie vor an ihre ureigentliche Aura des dynamischen Chaos. Doch das massiv geziegelte und betonierte Wien will sich auf diesen quirligen Kraftakt irgendwie nicht einlassen.

8. Oktober 2005 Der Standard

Windschief im schiefen Licht

Vor zehn Jahren hat die viel versprechende Odyssee in der Wiener Spittelau begonnen. Mittlerweile ist die Reise vorbei. Was wurde aus Zaha Hadids Projekt in den Stadtbahnbögen?

Mittlerweile kennt sie jeder, die Grande Dame aus Bagdad. Und wenn es darum geht, eine Stararchitektin zu nennen, dann liegt die Wahrscheinlichkeit, dass ihr Name fällt, irgendwo bei knapp 100 Prozent. Selbstverständlich ist die Rede von Zaha Hadid. Spätestens seit ihrer Innsbrucker Sprungschanze, die einem Dinosaurier gleich ihren kantigen Kopf in die Gebirgswelt reckt, gilt sie auch in Österreich als architektonische Koryphäe. Bösartige Zungen sprachen einst von der wichtigsten nicht bauenden Architektin der Welt, doch diese Phase bangen Wartens auf lukrative Aufträge scheint nun endgültig vorbei.

„Wir haben beschlossen, alles anders zu machen“, kehrt Hadid schon seit einem Vierteljahrhundert ihren Kritikern den Rücken. Nun, ihre Devise passt gut zu Wien, das angeblich auch anders ist. Und so richtig schräg geht es zurzeit am Ufer des Donaukanals zu. Denn auch Wien verfügt jetzt über eine nahezu waschechte Hadid. Weit und breit kein rechter Winkel, wie aus Plastilin zurechtgeknetet stehen ein paar verzerrte Brocken Architektur herum. Dynamisch abgeschrägt, und dennoch hinbetoniert für die Ewigkeit. Eine künstliche Architekturlandschaft, ein kleines Ensemble, das exakt für dieses Grundstück maßgeschneidert wurde.

Zehn Jahre ist es nun her, dass der ehemalige Stadtrat Hannes Swoboda die in London lebende Architektin zu einer ersten Skizze eingeladen hat. „Dadurch, dass Otto Wagners Viadukt nicht mehr für den Verkehr genutzt wird, ist es zur Landschaft, zum Gelände geworden“, kommentierte Zaha Hadid damals das Vorhaben der Stadt Wien, „das ist zwar sehr schön, da kann man aber nicht einfach zusehen aus der Sicht der Stadt.“ Was tun? Zum Beispiel einen Wohnbau planen. Drei dynamische Baukörper, die sich um die Stadtbahnbögen winden, ohne diese auch nur ein einziges Mal zu berühren. Ungewohnte Grundrisse, eine neue Ära des Residierens sollte anbrechen in Wien.

Nach vielen expressiven Zeichnungen und schwebenden, fliegenden Gebäudeteilen, die in der Hitze des Gefechts am Siemens-Lufthaken zum Stillstand kamen, musste Hadid bald zu ihrer anfänglich geäußerten Pragmatik zurückkehren. Beton fliegt nicht, nicht in London, und schon gar nicht in Wien. Und so konnte man zusehen, wie aus dem einst noch schwerelosen Albatros allmählich eine schwächelnde Großstadttaube wurde, gezwungenermaßen auf Krücken gestützt. Hadid, noch vor drei Jahren: „Ich mag diese Stützen überhaupt nicht. Und ich wünsche mir, dass sie auch nicht ausgeführt werden. Sie allein sind Grund genug, das Projekt noch einmal zu überdenken.“

Schnitt. Wir schreiben das Jahr 2005. Nicht nur ein paar Stützen, ein Säulenwald ist daraus geworden. Was in den zehn Jahren der Projektentwicklung und noch während des Baus so verheißungsvoll schien, ist nun einer unüberschaubaren Flut an Kompromissen zum Opfer gefallen. Verblechte Fassade? Weißer Putz. - Riesige Panoramafenster zum Donaukanal hin? Schmale Schießscharten in der Fassade. - Großzügige Lofts und luxuriöse Apartments? Boarding House mit kleinen Zimmern. - Ein neues Gefühl von Wohnen und Architektur? Weiße Fliesen und PVC-Belag im Wohnzimmer. Bonjour, tristesse.

Und tatsächlich, an die Schönheit des gespenstischen Rohbaus kommt das fertig gestellte Projekt nicht heran. Viel eher hat es den Anschein, als habe man an den Enden eines 70er-Jahre-Wohnbaus ein bisschen herumgedehnt, gedrückt und gezogen, bis er schließlich in dieser Form blieb. Vor allem die Wohnungen selbst (dabei geht es doch bei einem Wohnbau, oder?) können sich ihres recht spröden Billigcharmes leider nicht mehr entledigen.

Was ist hier nur passiert? The Rise and Fall of the House of Usher nannte Edgar Allan Poe eine seiner gruseligen Kurzgeschichten, in der ein Haus ein schädliches Eigenleben entwickelt. Der einzige Unterschied zum House of Usher ist, dass es sich bei Hadids Bau um ein Stück anfänglich engagierter Architekturgeschichte für das nächste Jahrhundert handelte. Als solches zumindest war das Projekt konzipiert. Geglückt ist dieses Vorhaben nicht.

Architektin, Bauträger, Stadt Wien - von irgendjemandes Schuld zu sprechen wäre an dieser Stelle völlig fehl am Platz. Hadids Bau beweist nur einmal mehr die scheinbar unmögliche Kombination von sozialem Wohnbau und so genannter Stararchitektur an topografisch komplizierten Orten. „Zaha Hadid war stets klar, dass wir dieses Projekt reduzieren müssen“, erzählt Projektleiter Stephan Langmann vom Bauträger SEG, „ohne ein Minimum an Kosteneinsparung wäre das Bauvorhaben überhaupt nicht durchführbar gewesen.“

Allein, immer noch sind es zehn Millionen Euro für einen Gegenwert von bescheidenen 3200 Quadratmeter Nutzfläche. Da traut man sich gar nicht mehr, den horrenden Quadratmeterpreis auszurechnen, Schweißperlen machen sich auf der Stirn des Ökonomen bemerkbar. Mehr noch: Hätte man das Projekt ganz ohne Abstriche realisiert, wäre es nicht nur unwirtschaftlich geworden, wie es heute der Fall ist - für einen Wohnbauträger wäre es schlichtweg Utopie geblieben.

Dass ein so irrationales Gebäude letzten Endes doch noch realisiert wird, ist ein Gewinn. Ein Gewinn für die Bewohner, die so einen Bau sehnlichst erwartet haben. Ein Gewinn für die Kommunalpolitik. Und freilich ein Gewinn für den Bauträger. Einzig die Architektin hat sich indes vom Bauvorhaben distanziert. Die riesig angedachten High-End-Wohnungen sind zu kompakten Wohngemeinschaftseinheiten parzelliert worden. Ein kleines WG-Zimmer mit schiefen Winkeln und geböschten Wänden - das in den Griff zu bekommen ist für eine studentische Brieftasche kein Leichtes. In diesem anspruchsvollen Topos fühlt sich selbst der sonst so flexible Ikea-Billy unwohl. Von anderen Möbeln - so bescheiden sieht die Realität nun aus - braucht man hier gar nicht erst zu sprechen, hat die SEG doch beschlossen, die Apartments für die Dauer von sechs Monaten bis zu maximal zwei Jahren zu vermieten. Danach muss wieder übersiedelt werden. Ein Interimszuhause für die modernen Nomaden sozusagen, um eines Tages behaupten zu können, in dem einen Haus von Zaha Hadid gewohnt zu haben.

Utopie ist eine Sache, ihre Durchführung eine andere. Schade eigentlich, dass die SEG aus Gründen der Kostenrechnung offenbar nicht dazu in der finanziellen Lage war, an diesem außergewöhnlichen Ort ein ebenso außergewöhnliches Gebäude hinzustellen. Die Realisierung eines solchen Projekts lässt sich mit den Quadratmeterpreisen herkömmlichen Wohnbaus nicht vergleichen, man hat so lange an allen Ecken und Enden herumgefeilt, bis das Gebäude letztlich nicht einmal mehr als Aushängeschild des eigenen Bauträger-Unternehmens herangezogen werden konnte.

Gibt es Kompromisse in der Spitzenarchitektur? Nein. Das ist der unbezahlbar hohe Preis, den Projekte von Zaha Hadid & Co einfordern. Ist die Kür der Kompromisslosigkeit erst einmal unterbrochen, dann ist das meist das vorprogrammierte Ende jedes noch so ambitionierten Versuchs. Das war's dann also mit Platz eins. Und das erklärt auch, weshalb Bauwerke wie die Sprungschanze am Bergisel oder das kurz vor Fertigstellung stehende Phaeno, Wolfsburgs neues Science-Center, die besseren Kandidaten für einen großen architektonischen Wurf aus der unbeschwerten Feder Zaha Hadids sind.

Was Wien betrifft: Vielleicht ist es manchmal besser, auf die Eier legende Wollmilchsau zu verzichten. Zaha Hadid sagte einmal in einem Interview: „Wenn man Fantasie will, muss man sie auch ausreizen.“ Dem kann man nur hinzufügen, dass man zu diesem Zweck nicht um jeden Preis das harte Pflaster der Realität betreten muss.

7. Oktober 2005 Der Standard

Fliegende Campus-Teppiche in Krems

Die neue Leichtigkeit der Bildungsbauten: Eröffnung des neuen Campus Krems

Krems - Rechtzeitig zum zehnjährigen Jubiläum der Donau-Universität findet heute, Freitag, die feierliche Eröffnung des neuen Campus Krems mit seiner benachbarten Fachhochschule und dem Zentrum für Film statt. Steigende Studierendenzahlen hatten eine Erweiterung der Kremser Donau-Universität unausweichlich gemacht.

Aus einem 2001 ausgeschriebenen Wettbewerb ging Architekt Dietmar Feichtinger (gebürtiger Grazer, heute lebt er in Paris) als Gewinner hervor. Die Voraussetzungen seien gut gewesen, so Feichtinger, schließlich präsentiere sich Krems als „ein Ort mit einem für seine Größe außergewöhnlichem Angebot an kulturellen Einrichtungen.“

Um 10,3 Millionen Euro wurde zuerst das bestehende Gebäude der Universität saniert, doch den architektonischen Schwerpunkt bildet freilich der Neubau, in den das Land Niederösterreich insgesamt 56,4 Millionen Euro investierte. Auf 34.000 Quadratmetern sind Audimax, Mensa, Bibliothek und das Zentrum für Bauen und Umwelt untergebracht.

Dunkles Gemäuer, modrige Hörsäle? Lange genug hat die Erkenntnis auf sich warten lassen, dass marode Bildungsbauten nicht die anspornendsten Bedingungen für erfolgreiches Lernen und Studieren bieten. Die Donau-Universität Krems schafft es, ganz in der jungen Tradition der neuen Uni-Bauten in Graz und Innsbruck, diese Linie der gebauten Leichtigkeit fortzusetzen.

Natürlich ist alles aus Stahl und Glas, wie könnte es anders sein. Doch mit Gewissheit ist hier keine Visitenkarte für Architekten, sondern ein ästhetischer und funktioneller Campus entstanden. Bewegliche Aluminium-Lamellen an der Fassade dosieren die Sonneneinstrahlung in den Glasbau auf ein bauphysikalisch verträgliches Maß; mal offen, mal geschlossen, verändert die spielerische Hülle permanent ihr Aussehen.

Orientalisch sitzen

Die einzige Uni übrigens, die einen eigenen kleinen Bahnhof hat. Doch nicht nur einer angemessen modernen Architektur ist hier Raum geboten worden, auch die Kunst kommt voll auf ihre Kosten. Installationen von unterschiedlichen Künstlern (Peter Kogler, Dara Birnbaum u.a.) überlagern die intellektuelle Ebene einer Uni mit - ausnahmsweise - wirklich erfrischenden Exponaten.

Am fröhlichsten: Iris Andraschek und Hubert Lobnig verteilen Teppiche aus unterschiedlichen Kulturkreisen über den Campushof, ein charismatischer Ort der Zusammenkunft. Täuschend echt: Diese scheinbar flauschigen Teppiche sind aus Mosaikfliesen zusammengesetzt.

Dass im alten Kesselhaus der ehemaligen Fabrik dann auch noch ein Programmkino Platz gefunden hat, ist eine Kür.

[ Feierliche Eröffnung ab 10 Uhr mit Campus-Führungen, Filmvorführungen und DJ-Night. ]

24. September 2005 Der Standard

Dirndl auf der Rodel

Dieses Wochenende geht die Expo in Nagoya zu Ende. Rückblick auf eine Weltausstellung. Gedanken zu einem Auslaufmodell

Es dämmert in der Präfektur Aichi. Die ersten Besucher stellen sich vor dem Expo-Gelände bereits an, hauptsächlich Japaner. Ausländer wurden auf dieser Weltausstellung nur wenige gezählt. Auch gut, die Geduld für die ewig lange Warterei hätten sie ohnehin kaum aufbringen können. Um neun Uhr öffnet die Expo ihre Pforten, die Warteschlange hat die magische Grenze von zwei Kilometern erreicht. Die Japaner sind ruhig und gelassen, exerzieren vor, wie eine Nation mit 130 Millionen Einwohnern auf engstem Raum zusammenleben kann.

Mit vereinten Kräften stürmen sie auf die begehrtesten Pavillons zu. Wer nicht jetzt schon ansteht, wird bei manchen Ausstellungsgebäuden mit bis zu sieben Stunden Wartezeit rechnen müssen. „Wisdom of Nature“ lautet das Motto der Expo 2005, die dieser Tage nun zum letzten Mal Besucherströme aufnehmen wird. 300.000 Menschen pro Tag werden erwartet. Anfänglich hatte sich Nagoya für die Olympischen Sommerspiele 1988 beworben, doch den Zuschlag bekam - hinlänglich bekannt - Seoul. Der Misserfolg sollte nicht von Dauer sein, die neue Vision war die diesjährige Weltausstellung. Mit dem zurückliegenden Event in Hannover hat Nagoya jedoch wenig gemein. Und mit dem ursprünglichen Gedanken einer Weltausstellung sowieso nicht.

Gerade Japan, das Land auf der technologischen Überholspur, ist auf die schier veraltete, jahrmarktähnliche Messe der materiellen Exponate nicht mehr angewiesen. Gewiss, Länder stellen sich vor, doch die Prämisse gilt hier nicht dem Prahlen und Protzen der einzelnen Nationen, sondern - das ist bald klar - einzig und allein der Unterhaltung. Unendlich viele Kinderwagen, unendliche viele Kinder, das Publikum mag zwar wissensdurstig sein, in erster Linie aber ist der Besuch auf dem Expo-Gelände ein familiär ersehnter Wochenendausflug samt Luftballon und Sonnenschirm.

Knappe zwei Quadratkilometer, an die hundert Nationen, die ihre Errungenschaften und Klischees zum Besten geben. Früher ein Naherholungsgebiet, soll der Nagakute-Park nach der Expo wieder vollständig rückgepflanzt werden. Wisdom of Nature also. Die gesamte Architektur ruht daher unter dem gar nicht so unsichtbaren Mäntelchen des Temporären, bis auf wenige herausstechende Pavillons handelt es sich durchwegs um normierte und modulare Stahlbauhallen, die für diesen Zeitraum an die unterschiedlichen Länder vermietet wurden. Lediglich eine Fassade als Identitätsstifter, um Korea von der Tschechischen Republik zu unterscheiden, ab kommendem Montag wird sich die leichte Demontage der Hallen beweisen müssen. Und bald werden sich die beiden Expo-Maskottchen Kiccoro (klein und freundlich) und Morizo (alt und grimmig) wieder ganz unbemerkt und wohl getarnt in ihren Wald zurückziehen können.

Die Länderpavillons: allesamt recht traditionell und trachtenmäßig. Haben die Niederlande beispielsweise in Hannover noch mit einem unorthodoxen Architektur-Big-Mac auf sich aufmerksam gemacht (gestapelte Stadt von MVRDV), so müssen die Niederlande diesmal als Kitschsujet herhalten. Unwürdiger als in Form eines Holland-Blumen-Marktes kann man gar nicht mehr auftreten. Im Innern ein Mole-Nachbau, aufgepinselte Hafenfassaden, eine schmerzhafte Gratwanderung zwischen edlem Trash und verzweifelter Nostalgie. Auch Russland richtet seinen Blick sehr mutig in die Vergangenheit: Die Fassade des russischen Pavillons zeigt lauter glückliche Menschen, und das Ganze - man kann sich's nicht verkneifen - erinnert ein wenig an die sozialistischen Verherrlichungen von pflügenden Mägden und euphorischen Bauarbeitern. Perestroika, was ist das? Very thrilling.

Und Österreich? „Der österreichische Pavillon wird auf der Expo als Symbolträger und Interaktionsplattform zur Stärkung des positiven Images Österreichs in der japanischen Bevölkerung beitragen“, erklärt Regierungskommissärin Mares Rossmann. Im Klartext und in chronologischer Reihenfolge beim Durchschreiten des Pavillons: Walzer, Almglück, Gletscher, Sachertorte und Rodelpartie. Hermann Dorn und Klaus Baumgartner, die unter dem Titel „trecolore architects“ zusammenarbeiten, sind mit ihrem Projekt „The Slope“ vergangenes Jahr als Gewinner des zweistufigen Verhandlungsverfahrens hervorgegangen.

Mit einem kleinen Trick ist es den beiden Kärntner Architekten gelungen, Österreich als Brandmark auf der diesjährigen Expo zu etablieren. Das Zauberwörtchen lautet Interaktion, und zwar überall. Anfänglich die kleine Nachbildung eines historischen Wiener Ballsaals, vollflächig verspiegelt, krönende Lobmeyr-Luster von der Decke baumelnd: Zwei geübte, des Walzers Mächtige nehmen sich der eintretenden Besucher und Besucherinnen an und geleiten diese im Dreivierteltakt ans andere Ende des Raumes, von wo es nun weitergeht. Duft einer Heuwiese, Klang eines Wasserfalls, schließlich und endlich die lang ersehnte Eisbar, von der die ganze Expo spricht. Sehr kalt, sehr vereist, Hingreifen ist angesagt. Zu guter Letzt ab in den Austro-Shop, wo Ribiselwein, Manner-Schnitten und sonstige, mehr oder weniger heimische Exponate mit nach Hause genommen werden möchten.

Michael Schmidt, Deputy-Director des Österreich-Pavillons: „In Japan wird bewusst mit Klischees gearbeitet, die man in einem europäischen Umfeld gar nicht mehr präsentieren dürfte. Ein österreichisches Dirndl ist hier ein absolut positiver Imageträger.“ Und auch die Pavillon-Direktorin Katharina Steinkellner: „Japan funktioniert anders als Europa. Dass der Besuch einer derartigen Ausstellung eine ablenkende und unterhaltsame Flucht aus der harten Arbeitswelt bietet, darf man als Europäer unter gar keinen Umständen kritisieren.“

Stattdessen möge man rodeln, den hölzernen Berghang des Österreich-Pavillons hinab. Lachende Kinder, doch auch den Erwachsenen ist auf diesen zwanzig Metern sichtlich gute Unterhaltung abzulesen. Irgendwie erinnern diese Szenen ein wenig an Lost in Translation, jenen Film, in dem Bill Murray und Scarlett Johansson sich etwas schwer damit tun, die uns so fremd erscheinenden Facetten der japanischen Kultur zu begreifen. In Europa würde dieser Pavillon, würde wahrscheinlich die gesamte Expo erfolglos bleiben - die Spielregeln sind da wie dort nicht die gleichen. Dass ein Land wie Japan auf derartige österreichische Bilder angewiesen ist, liegt letztendlich nicht an Japan selbst, sondern an der beharrlichen Tourismusmaschinerie hier zu Lande, die sich unentwegt um Mozart und Apfelstrudel dreht. Doch wo Distanz, da auch Toleranz - oder?

Als Präsentationsplattform von technischen und allerlei sonstigen Errungenschaften neigt sich das Modell „Weltausstellung“ allmählich einem Ende zu, keine Frage. Auf medialer Ebene funktioniert der Wettkampf ohnehin viel besser. Das bevorstehende Schanghai 2010 dürfte dann noch so ein letztes heroisches Aufflackern sein. Doch die Eventgesellschaft Japan hat die Expo um neue, unterhaltsame Aspekte bereichert, unter diesem Blickwinkel lässt sich die diesjährige Expo überhaupt erst begreifen. Zwanzig Millionen Besucher - das sind um 30 Prozent mehr als erwartet. Ein stolzes Zehntel davon hat den österreichischen Beitrag bereist. Die österreichischen Veranstalter haben - sozusagen - transkulturelle Weitsicht an den Tag gelegt, die Zahlen sprechen für sich.

17. September 2005 Der Standard

Voll im Baurausch

Vor einiger Zeit ist die Kunst des Gärens auf die Kunst des Bauens gestoßen. Oder auch umgekehrt. Seitdem sind die beiden in ihrer Symbiose, der Weinarchitektur, jedenfalls nicht mehr zu trennen.

Wein ist unter den Getränken das nützlichste, unter den Arzneien die schmackhafteste, unter den Nahrungsmitteln das angenehmste", schrieb der griechische Philosoph Plutarch schon im Jahre 100 nach Christus. Noch einen Schritt weiter ging der römische Schriftsteller Plinius, als er meinte, der Nutzen des Weins könne der Kraft der Götter gleichgesetzt werden. Welch Ode an Bacchus, jener nützlichen Gottheit, die jeden guten Rausch zu rechtfertigen weiß - während sich die einen dem Vollrausch hingaben, widmeten sich die anderen bereits mit Vorliebe der Dichtkunst. Bis in etwas jüngerer Zeit Theodor Heuss einen ganz schön harten Schlussstrich zog und sagte:„Wein saufen ist Sünde, Wein trinken ist Beten. Lasset uns beten.“

Heussens Anspruch ist in die Gegenwart getragen worden, denn von der alkoholischen Komponente des Weins traut sich heute niemand mehr zu sprechen. „Wein ist nicht Alkohol, Wein ist Kultur“, lautet die allseits respektierte Maxime. Und von der Kultur zur Architektur ist es - das scheint sich ja schon herumgesprochen zu haben - nicht mehr allzu weit. In vino veritas, und in der Tat: Es gibt keinen anderen Nischenbereich der - um es einmal beim Namen zu nennen - Nahrungsmittelindustrie, der sich derart intensiv mit seiner eigenen Etikette beschäftigt. Wein trifft auf Grafik, Wein trifft auf Design, vor allem aber trifft die Kunst der Önologie auf die Kunst der Gebäudegestaltung.

Die großen Namen des Weinbaus verbünden sich mit den großen Namen der Baubranche, im Nu ist die Bauwut unter den Winzern voll entfacht. Das Bauen auf den Weingütern rund um die Welt beschert dem Begriff „Weinbau“ auf diese Weise eine neue, verbalsymbiotische Facette. Das Langenloiser Loisium (mit schwerer Zunge kaum mehr auszusprechen) ist zum Austro-Label avanciert und kann sogar mit einigen Wiener, Salzburger und Grazer Sehenswürdigkeiten mithalten. Zumindest im österreichischen Werbefenster des deutschen Privatsenders Vox, wo der funkelnde Kubus von Steven Holl prächtig die Fernsehröhre füllt. Ein New Yorker Architekt, der in Langenlois baut - das hat Seltenheitswert!

Doch entgegen den kalifornischen, französischen und sonstigen globalen Projekten der Big Names ist die önologische Architekturszene in Österreich - außerhalb von Langenlois - etwas differenzierter, etwas subtiler. Weit und breit kein Gehry, kein Calatrava, wie es andernorts mitunter der Fall sein möchte. Ein einziges Mal hat das burgenländische Weingut Esterházy sich getraut, die Grande Dame des schiefen Winkels zu einem Entwurf einzuladen. Expressiv, skulptural war die Forderung an Zaha Hadid - zum Bau ist es jedoch nicht gekommen. Stattdessen kehrte man zu den Vorzügen des Regionalen zurück und vergab den Auftrag an den lokalen Architekten Anton Mayerhofer.

Qualität still und leise statt mit großem Pomp und Paukenschlag? „Niemand, der schlanke, elegante Weine produziert, ließ sich ein protziges Château in den Weinberg stellen“, schreibt der weinerprobte Christian Sailer, „der Baustoff Psychologie erweist sich als überraschend konstruktiv.“ Und so greifen die bauwütigen Winzer in Österreich lieber auf die vornehm zurückhaltende Architektursprache zurück.

In burgenländischen Jois etwa hat das Architekturbüro gerner°gerner dem Weinbauern Leo Hillinger sein neues Reich geschaffen. Die Weine heißen Hill, stets chronologisch durchnummeriert, die Adresse lautet ebenfalls Hill, und zum perfekten Brandname gesellt sich nun auch noch das dazugehörige Haus. Eine expressive Schuhschachtel ragt aus dem Hang heraus, im riesigen Panoramafenster wird die Landschaft des Leithagebirges gerahmt. Innen ist alles ebenso transparent, selbst der industrialisierte Pro-

duktionsablauf. „Blick auf Barrique“,lautet das heiße Motto der Stunde, überall Glas, überall wird Neugier geweckt, im gleichen Moment gleich wieder gestillt.

Auch das - sehr ähnlich klingende - Büro g2 plus ist in seiner Arbeit ganz der „edelsten Verkörperung des Naturgeistes“ verfallen, wie Friedrich Hebbel einst den göttlichen Trunk so schön umschrieben hatte. Und weil man sich von der Rebe halt nur so schwer trennen kann, haben die beiden Planer die Weinstöcke im Grassnitzberger Weingut Polz symptomatisch bin ins Innere fortgesetzt. Architektin Martina Grabensteiner: „Es ist schön zu sehen, dass die Leute diese Stöcke wie einen normalen Weinstock behandeln, im Herbst werden sie zugeschnitten und gelesen. Wunderbar!“ Einziger - durchaus verkraftbarer - Wermutstropfen: „Eiswein kann daraus keiner werden.“ Als Ergänzung zum Rudiment des gedeckten Weingartens ist die eigentliche zweite Haut des Weines in den großzügigen Glasfassaden zum Einsatz gekommen: Gestapelte grüne Glasflaschen filtern den Blick einmal mehr, einmal weniger.

Ein ähnlich poetisches Spiel mit Flaschen ziert den Degustationsraum im Weinkulturhaus Gols, für die Gestaltung zeichnen Eberstaller & Co verantwortlich, ein Designerpaar mit ebenfalls sehr rebensaftbehaftetem uvre. Ganz benommen werden die degustierenden Hobby-Sommeliers darin herumstehen, vor lauter Flaschen den Wein nicht mehr sehen. Stark herangezoomt richtet sich die Kamera auf den Flaschenhals, mit Blick mitten hinein in den Rohstoff berauschender Freude. Schlicht und einfach ist das großformatige Foto als diffuse Lichtquelle verwendet worden.

Zu den vielen feinen und zarten Konzepten gesellt sich dann doch noch die monumentale Variante der Weinarchitektur. Vielleicht ist die ewig lange Natursteinmauer, die den Reifekeller Arachon in Horitschon nach einer Seite abschließt, eine Art Weindenkmal? Die beiden Architekten Wilhelm Holzbauer und Dieter Irresberger haben die minutiös geschlichtete Steinmauer in der Mitte ein bisschen emporgestemmt, erst hinter der flachen und weiten Öffnung erspäht man das eigentliche Gebäude, in dem der ersehnte Tropfen vor sich hinreift.

„Kam der Kunde früher mit dem Opel Kadett und packte die Dopplerflaschen in den Kofferraum, so kommt er heute im schwarzen Porsche und schlichtet die Sechserkartons auf den Rücksitz“, erklärt AZW-Direktor Dietmar Steiner. Also doch Lifestyle-Faktor Wein? Was früher ein geschmackvoller und stets nobler Zweig der Landwirtschaft war, hat heute an neuen Aspekten dazugewonnen. Die Tradition ist geblieben, doch zu ihr gesellen sich neue technische Standards. Die Zeit der alten Weinkeller und Weinpressen ist damit endgültig vorbei. Der Sparte Architektur ist es (nicht zuletzt dank der engagierten Winzer) gelungen, auf diesen Wandel mit unverwechselbaren Charakterzügen zu reagieren.

„Im Wein birgt sich viel“, schrieb der Lyriker Georg Britting: „Spiel, Schwermut und Lust.“ Und Letztere hat unverkennbar ihre Spuren in der architektonischen Ausformulierung hinterlassen.

[ Ein Glaserl Vernissage-Wein gefällig? Kommenden Mittwoch um 19.00 Uhr wird die Ausstellung „WeinArchitektur. Vom Keller zum Kult“ eröffnet. Architekturzentrum Wien, Museumsplatz 1, 1070 Wien. Zu sehen bis 6. Februar 2006. ]

9. September 2005 Der Standard

Ein Haus von Dr. Flex

Die einen sprechen von einer Modeerscheinung, die anderen von der lang ersehnten Emanzipation in der Architektur: Multifunktionalität goes cubic. And beyond

„Ich bin 24 Jahre jung, ledig, ehrgeizig und halte mich für flexibel.“ Ausschnitt aus einem Bewerbungsschreiben um einen Universitätsposten, aus irgendeinem Chat-Forum herausgegoogelt, recht flexibel erarbeitet also. Angesichts der Tatsache, diese gegenstandslose Eigenschaft mittlerweile jeder Zahnbürste abzuverlangen, ist Flexibilität heutzutage keine großartige Ressource mehr. Dr. Flexens Beitrag zur Flexibilität ist die eine Art, andere wiederum buhlen mit dem Zuckerl der mobilen Videotelefonie um neue Handykunden - now you can, now you have to! Egal wie und wo, was bleibt, ist der unausweichliche Trend, der Flexibilität in erster Linie mit Mobilität und Multifunktionalität gleichsetzt.

Ein bisschen schwieriger gestaltet sich die ganze Sache, wenn justament die Immobilie zum mobilen Etwas werden muss. Heidegger meint: „Wohnen? Das gotische Wort Wunian bedeutet: zufrieden sein, zum Frieden gebracht sein, in ihm bleiben. Das Wort Friede meint das Freie, bewahrt vor Schaden und Bedrohung.“ Nicht befreit wird die Wohnung jedoch von anbahnender Unruhe, sogar der letzte Rückzugspunkt der eigenen vier Wände muss sich dem Kanon der heiß umgarnten Unterhaltungsgesellschaft beugen. Heidegger muss enttäuscht werden, alles muss sich drehen, klappen, wenden, schieben, sich sonst irgendwie fortbewegen. Je mehr, desto besser, und je unterschiedlicher, desto cooler. Ohne Unruh' also kein Friede, am besten überhaupt, die gesamte Wohnung lässt sich auf Knopfdruck umbauen.

„Flexibilität ist ein ungemein modisches Füllwort geworden. Wenn etwas gut verkauft werden muss, wird es sofort als flexibel bezeichnet, und schon fährt der Markt darauf ab“, so Architektur-Absolventin Stephanie Joussein, die sich eingehend mit ebengleichem Thema im sozialen Wohnbau beschäftigt hat, „vielleicht ist diese Eigenschaft also nur eine Mode- erscheinung?“ Als so ein - auf den ersten Blick - einmaliges Wow kommt das multiple Hamsterrad „turn on“ der Wiener Architektengruppe AllesWirdGut daher. Weit draußen die unendlichen Weiten der Natur, doch innen ist alles minutiös durchexerziert bis ins letzte Detail. Die unterschiedlichen Funktionen von Kochen und Essen bis hin zu Arbeiten, schließlich bis zur freizeitlichen Ruhe des Nichtstuns und des Schlafens sind im Kreis angeordnet. Was man gerade braucht, wird in die gewünschte Position gedreht, der Rest harrt einer späteren Nutzung und hängt als Fledermaus kopfüber einfach von der Decke herab.

Alles Utopie, könnte man meinen. Doch nicht zuletzt der intensiven Vorarbeit solcher visionärer Experimente ist zu verdanken, dass beispielsweise auch Ikea so erfolgreich zum Zug kommt: 2003 stand der Ikea-Katalog ganz unter dem Motto „Go cubic“ - ein neues Konzept im erschwinglichen Einrichtungssektor zwar, in der restlichen Welt der Architektur und des Designs aber längst schon ein alter Hut. Ganz dem Zeichen des Dreidimensionalen hat sich auch Barbara Pitschmann verschrieben. Ihr Projekt „Notpalast“ ist eine Art Ikea für Arme, konkret ein mobiles Minihaus für Obdachlose. Geschoben und gezogen, quer durch die ganze Stadt - sogar zwischen den Entwerter-Backen auf den U-Bahn-Steigen passt er hindurch - wird das mobile Zuhause soweit befördert, bis der Obdachlose im Heidegger'schen Sinne zur Ruhe kommen möchte. Untertags ein Koffer auf Rädern, in dem alles vom Flaschenöffner bis zur Konservendose seinen Platz hat, in der Nacht entwickelt die weiße Box hingegen campingplatztaugliche Qualitäten.

Mobilität an ihrem Höhepunkt also. Da lächelt der moderne Mensch zwischen dem leeren Begriff der Freiheit und dem Zwang zur Beweglichkeit. Doch das ist zeitgemäß, vor allem aber ist es erwünscht: „In den 60er-Jahren war das alles nur eine Lifestyle-Bewegung, die von den Architekten ausgegangen ist“, erklärt Gerhard Kalhöfer, der mit seinem Partner Stefan Korschildgen schon manches Haus und manche Küche in Bewegung gebracht hat, „doch die Nutzer sind in der Zwischenzeit emanzipierter geworden.“ Ein Tribut an den Menschen, voller Variabilität und Anpassungsfähigkeit - nicht zuletzt wird auch noch der Spieltrieb des Bewohners befriedigt. Die Architekten Kalhöfer-Korschildgen sprechen auch von der Ästhetik des Unvorhergesehenen.

Schöner wohnen also. Im Nu gelangt ein oft missbrauchtes Schlagwort zu neuer Bedeutung. Denn kaum ist so ein Wohnraum mit vielen potenziellen Urzuständen einmal bewohnt, hält einen nichts mehr davon ab, die jahrelange Erkundungsreise durch alle Launen, Höhen und Tiefen der eigenen Befindlichkeit anzutreten. In einer Villa in Bordeaux (Architekt Rem Koolhaas) wird die Veränderung öfter stattfinden, denn hier ist sie ein raumgewordener Aufzug, der den gehbehinderten Bauherrn auf und ab hievt. In den Berliner Estradenhäusern von Wolfram Popp dagegen ist die Klapp-Schiebewand eine spielerische Matrix, die sowohl mit der Privatheit als auch mit der Repräsentanz zu liebäugeln vermag. Der beinahe verschwindende Aspekt des Nötigen wird hier einzig durch die alltägliche Phobie dreckigen Geschirrs getragen. Immerhin.

Der wohnbauerprobte Helmut Wimmer bringt es auf den Punkt: „Wir sollten die Mittel, die Bedingungen und die Möglichkeiten dafür schaffen, dass jedes einzelne Individuum in eigener Regie seine Umwelt gestalten und nach Bedarf, Lust und Laune immer wieder verändern kann.“ Übertroffen wird er nur noch durch Bertolt Brecht, denn dieser meint: „Die wirklich groß geplanten Werke sind unfertig.“

27. August 2005 Der Standard

Bunt und rund und voll daneben

Kinderfreundlichkeit - ein Begriff mit üblem Nachgeschmack: Vermeintlich kreative Architektur, und schon hat man „kindlich“ mit „kindisch“ verwechselt.

Die kleine Architekturkunde: Wozu gibt es Fenster? „Damit kein Regen oder Schnee ins Haus kommt. Jedes Haus muss zwei Fenster haben, sonst kann man nicht bleiben.“ Klare Sache. Und was ist ein Haus? „Da kann man schlafen. Gibt's Tisch und Sessel, drei Fenster, Tür, Uhr, Lampe. Alle schlafen im Zimmer, alle essen in der Küche.“ Kaum begriffen, ist man schon verwirrt - eben waren es noch zwei, schon sind es deren drei. Doch das macht nichts, denn so eine architektonische Umschreibung kann ja mitunter sehr subjektiv sein.

Schriftstellerin Helga Glantschnig, die in Wien mehrere Jahre als Volksschullehrerin tätig war, hat diese Definitionen ihrer Schüler über Jahre hinweg zusammengetragen und schließlich in einem Buch unter dem herzerfrischenden Titel „Blume ist Kind von Wiese“ veröffentlicht. Süß, nicht wahr? Doch wo man eingangs noch schmunzeln musste, beginnt man bald schon zu grübeln. Wenn es dann etwa heißt: „In Wohnung kann man sitzen, da sind Sessel, da kann man leben. Kasten, Tisch, Glas und Wasser gibt's, Kühlschrank, Bett und Fenster gibt's auch, Licht und Blumen. Meine Haus hat eine Zimmer und eine Küche. In Zimmer schlafen, in Küche essen und fernsehen und reden.“

Klar, da lassen sich gewisse soziale und finanzielle Bilder ableiten, nicht die besten offenbar, gewiss auch keine schlechten. Vor allem aber - das haben die Kids hier unmissverständlich bewiesen - haben sich im Alter von sieben, acht Jahren bereits Muster eingeschlichen, die man so rasch nicht mehr ablegen können wird. Ganz nach asketischem Prinzip ein Bett, ein Schrank, ein Tisch - das ist Architektur. Fazit: Als Architektin, als Pädagoge, als Planer oder Lehrerin muss man wahrscheinlich doppelte Arbeit leisten, wenn man innovative Konzepte erst einmal aufzeigen, womöglich auch umsetzen möchte. Verkrustete Strukturen haben sich eingeschlichen, das ist eine Tatsache, und die Kritik gilt hier sichtlich nicht nur den institutionellen und behördlichen Instanzen.

Die Abhilfe? Das ist ganz einfach. Klein, bunt und rund. Sehr gelb, sehr rot und sehr blau. Oder noch viel schlimmer: „Manchmal wollen Architekten der Fantasie von Kindern auf die Sprünge helfen“, so Elisabeth Plessen, Chefredakteurin der Deutschen Bauzeitung, „dann entstehen Häuser, die aussehen, wie Schiffe, Drachen oder Burgen.“ Und tatsächlich, solche Häuser werden auch gebaut. Sie tragen den Stempel des angestrengt Konstruierten und der Zwangsbeglückung, machen sie in Wahrheit doch nur den einen Erwachsenen glücklich, aus dessen Feder der geniale Entwurf denn auch stammt. Für den Rest macht es keinen großen Unterschied. Die erste Euphorie solcher gestalterischen Exzesse hat sich bald einmal gelegt, es bleibt der üble Nachgeschmack vermeintlicher Originalität, der die Kreativität des Kindes statt zu fördern nun hemmt. Oder sogar unterbindet.

Der Architekt als vermeintliches Kind - des Architekten zweite Chance? Hier ist jemand der Verwechselbarkeit zwischen „kindlich“ und „kindisch“ erlegen, die Vorstellungen von Kindsein wurden durch eigene Kindheitssehnsüchte sichtlich getrübt. Die omnipotente These „Less is more“ darf man ruhig auch schon für junge Jahre anwenden, denn - so eine österreichische Architekturzeitschrift - „erst das Zurücknehmen eines erwachsenen Schaffenwillens ermöglicht das Wachsen der kindlichen Kreativität und damit den erwünschten Freiraum.“

Was also - wenn man sie schon nicht mit den simplen Bausteinen unserer Imagination erreichen kann - ist Kinderfreundlichkeit? Das regelmäßig erscheinende „konstruktiv“, interne Zeitschrift der Bundeskammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten, hat da ein paar Antworten parat: keine schwer zu öffnenden Türen, rutschfeste Bodenbeläge, Steckdosenschutz oder etwa das Klingeltableau in 120 Zentimeter Höhe. Noch viel unbefriedigender ist die Lektüre so genannter Leitfäden oder Richtlinien der einzelnen Länder: „In erster Linie muss das Ziel dieser Bauten sein, den Kindern eine Hülle zu geben, die sie vor äußeren Einflüssen dieser Welt schützt.“

Angetrieben vom Helferlein-Syndrom ist auch die ÖVP, im Sommer 2003 stellt sie ihre Vorstellungen einer urbanen Kinder-Offensive vor. Gemeinderat Wolfgang Gerstl, Leiter der Gruppe „Vernünftig fließender Verkehr“, träumt „vom kleinen Verkehrszeichen in ein Meter Höhe, kindgerechter Beschriftung in Museen bis hin zum Kinderpissoir.“ Rosige Aussichten also, sehr schnuckelig. Doch bedarf es tatsächlich dieser plakativen Eingriffe? Kindergerechtigkeit als Vorwand zum Bau eines Elfenbeinturms? Das Zurechtfinden in der Welt der Erwachsenen hat noch nie ein Problem dargestellt. Sich zu strecken oder gar zu hüpfen, um im Lift oder auf der Gegensprechanlage das Knopferl zu drücken, das macht die Kindheit nicht unüberwindbar - das macht sie nur spannender und spielerischer. Wer im wahnwitzigen Reagieren auf diese herbeikonstruierte Sorge mittels Herabsetzen der Höhe von Klingeln, Türgriffen, Verkehrsschildern oder Stufen auf Zwergenhöhe einen ernst gemeinten Beitrag einer Stadtregierung sieht, hat hier sichtlich etwas missverstanden.

„Was ist schon kinderfreundlich?“, fragen sich Arno Lederer und Jórunn Ragnasdóttir, zwei schulbaugezeichnete Architekten aus Deutschland, „Ein zweiter Handlauf, niedrige Waschbecken, oder ein Fenster mit Brüstungshöhe auf 60 cm? Das alles sind doch Selbstverständlichkeiten, die mit Kinderfreundlichkeit nichts zu tun haben.“ Und auch Architekt Herman Hertzberger betont in einem Interview: „Man spricht gern auch vom kindlichen Maßstab. Daran glaube ich nicht. Kinder gehen Treppen wie Erwachsene. Ich habe noch niemals gesehen, dass man für Kinder kleine Treppen braucht.“

Man kann sich anstrengen, wie viel man möchte - Kinderfreundlichkeit lässt sich nicht planen, schon gar nicht lässt sie sich bauen. Wie denn auch? Kinder lieben das Unfertige, sie werden dort zum Gestalter und Akteur, wo es noch etwas zu entdecken gibt, wo nicht alles determiniert ist, wo sie vor allem eigene Ideen hinzufügen können. Heidi Schroft, Direktorin am Bundesgymnasium Rahlgasse in Wien: „Oft bleibt kein Platz mehr für Neugier. Wird kindliche Neugier erst einmal unterdrückt, wird ein großer und schöner Aspekt des Lernens zerstört.“

Seien wir doch ehrlich: Kinderspielplätze sind langweilig. Holzig, bunt, eine Schaukel, eine Rutsche, und ab geht die Post. Der Lernaspekt dabei hält sich in Grenzen, ganz zu schweigen von der Tatsache, dass hier eher die Wünsche der Erwachsenen, als die Bedürfnisse der Kinder erfüllt werden. Eingebettet in rindenmulchige Sicherheit und in des Mutters Blick aus dem Wohnzimmerfenster - das ist nicht wirklich sexy. „Tatsächlich spielen Kinder auf Rampen von Tiefgaragen, auf Autoparkplätzen, Podesten und Stiegen - überall dort, wo es nicht erlaubt, zumindest nicht geplant ist“, erzählt Architekt Volker Giencke. Er nennt sie Sehnsuchtsbündel, Kreativkapseln und Systemverweigerer, sein unüberhörbarer Appell lautet daher: „Baut die schönsten Tiefgaragen der Welt und Parkplätze primär für Kinder und sekundär für Daihatsus und Maseratis.“

In Artikel 13 der UN-Kinderkonvention vom 20. November 1989 heißt es: „Das Kind hat das Recht auf freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Informationen und Gedankengut jeder Art in Wort, Schrift oder Druck, durch Kunstwerke oder andere vom Kind gewählte Mittel sich zu beschaffen, zu empfangen und weiterzugeben.“ Man wird also nicht umhin kommen, endlich einmal die Kinder als seriöse Ansprechpartner wahrzunehmen. Denn jemand anderer als das Kind selbst wird uns den Schlüssel zum Begriff der Kinderfreundlichkeit nicht liefern können.

Ist das nun der blauäugige Aufruf, Kinder an den Einreichplan heranzulassen? Nein, das nicht. Doch warum es beispielsweise im Schulbau - schließlich sind Kinder ja die Endverbraucher - niemals zur Kommunikation zwischen Bauherren, Planern und Kindern kommt, ist ein unentschuldbares Versäumnis. Fakt ist, dass Bund, Land und Gemeinde, dass Bauherren und Architekten, dass Erwachsene im Allgemeinen diese junge Generation unserer Gesellschaft schier unterschätzen. Kleine süße Gschrappen, die jüngste Randgruppe unserer Gesellschaft? Solange gelb behaubte Knirpse in der Zweierreihe durch die Straßen ziehen und es nicht einmal den Kindergartenerziehern und Lehrerinnen gelingt, sich ihres dümmlichen Babytonfalls zu entledigen, wäre auch alles andere wohl zu viel verlangt.

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13. August 2005 Der Standard

Gute-Laune-Mehrwert

Wirtschaftskammer? Das klingt nach gestärktem Hemd und ernster Miene. Doch mit dem eben fertig gestellten Neubau in St. Pölten entlockt uns Rüdiger Lainer ein breites Lächeln.

Zugegeben, beim Wort Wirtschaftskammer verfällt man nicht sofort in lustvolle Schwärmerei. Die zur institutionellen Macht gehörigen physischen Hüllen, der üppige Bürokraten-Barock, die hässlichen Waschbetonfassaden und die absurden, achteckig labyrinthischen Grundrissen motivieren keine positiveren Gedanken. .
Nun, was geschehen ist, ist geschehen - ein Grund mehr, es heute besser zu machen. Im unbeirrbaren Kanon prächtiger Stahl-Glas-Architektur wird daher investiert, entwickelt und gemanagt, was das Zeug hält. Kräftig werkelt man an der - heutigen - Vorstellung von Zukunft und verstreut in der Landschaft ein Büromonster nach dem anderen. Immergleich stolze Exponate einer Gegenwartsarchitektur, die ihre jeweilige Existenz besser rechtfertigen wollen als die inzwischen viel propagierten Bausünden der 70er-Jahre. Ein weit gestecktes Ziel.
Man kann aber auch einen Schritt weiter denken. Man kann beispielsweise so weit denken, dass man mit dem Enthusiasmus von heute nicht nur das Grauen von morgen vorproduziert - das ist eine gewisse Weitsicht, deren Lorbeeren - wohlgemerkt - erst nach reifer Zeit geerntet werden können. So ein zukunftsträchtiges Ding in der Landschaft, das kurz vor der Fertigstellung steht, ist die neue Niederösterreichische Wirtschaftskammer in St. Pölten, Resultat eines zweistufigen Wettbewerbs von 2002, Architekten sind Rüdiger Lainer + Partner.

In einem Monat startet der Umzug in die neuen Räumlichkeiten, Ende des Jahres wird der Standortwechsel vollzogen sein. Dann wird die Wiener Herrengasse nur noch leer stehender Zeitzeuge einer viel zu lang gehegten Nabelschnur zur Wiener Mutterbrust sein.

Wie auch immer, gut Ding braucht eben ein wenig Weile. Wenn alles gut geht, könnte der voreilig holprige Stadtslogan „St. Pölten - mitten in Europa“ eines Tages auch mehr einbeziehen als einzig und allein ein vermeintlich geografisches Faktum.
„Keine weitere Tintenburg“, so Rüdiger Lainer, und es bewahrheitet sich sehr bald. Direkt im Anschluss an das bestehende WIFI im Süden St. Pöltens, mittels Glassteg an die Bauteile von Karl Schwanzer und Günther Domenig angedockt, ist die neue Wirtschaftskammer der extrovertierte Abschluss eines großen Wirtschaftskomplexes.

Selten verspürt man so viel gute Laune, wenn man vor einem Büroneubau steht. Doch dieses Bauwerk lächelt einen nahezu an, als hätte es eine Geschichte mitzuteilen. Und irgendwann grinst man dann zurück: Nach einem Farbkonzept von Oskar Putz steht die WKNÖ ziemlich rot da, es ist ein Zeichen kühnen Humors, eine finanztechnisch so behaftete Farbe an die Fassade zu pinseln.

Irgendwo Fenster, in jedem Geschoß anders, in jedem Geschoß versetzt. Leicht erhaben treten sie aus der grob verputzten Fassade heraus und schweben davor wie eine eingeglaste Fotografie vor einer Ausstellungswand. „Eigentlich sind spiegelnde Fassaden ja entsetzlich“, gesteht sich Lainer ein, „doch vor diesem Hintergrund musste es ganz einfach bildhaft werden.“ Emaillierte Quadrate, jedes davon drei Quadratmeter groß.

Gerhard Richter hat einmal für das Deutsche Guggenheim Museum die Auftragsarbeit „Acht Grau“ angefertigt, grau emaillierte Glastafeln, die nichts anderes wiedergeben als das Spiegelbild im Auge des Betrachters. Die Architektur antwortet: „Nein, die Fenster sind kein direktes Zitat an Richters Arbeiten, denn das wäre vermessen. Aber es stimmt, wir haben uns von ihm durchaus inspirieren lassen.“
Irgendwo zwischen diesen Glastafeln tummeln sich in der Fassade große Loggien, die als orangene Löcher aus dem zackigen Ding ausgestanzt sind. Eckig, unregelmäßig, gelungenermaßen tatsächlich sehr zufällig, so als träumte der Architekt von der Quadratur des Emmentalers. Konsequenterweise haben Rüdiger Lainer und sein Partner Oliver Sterl - kraft geplanten Zufalls - dabei nicht einmal den unwahrscheinlichen Fall ausgeschlossen, in dem zwei orthogonale Käselöcher durch Berührung schließlich zusammenwachsen. Blob.
Doch rein in den Käselaib, denn schließlich besteht ein Büroalltag aus mehr als nur Fassaden-Sightseeing. „Man wohnt auch im Büro“, so die Architekten, „wie ist es denn in Wirklichkeit? Wir verbringen mehr Zeit im Büro als zu Hause.“ Diese überstündliche Unsitte ist in diesem Falle aber kein Graus. Haben die rund 250 Mitarbeiter das inszenierte Nadelöhr namens Eingang erst einmal hinter sich, eröffnet sich nach wenigen Schritten eine Weite, die dem Gebäude von außen gar nicht anzusehen war.

Ein überschwängliches Atrium bis unters Glasdach, von oben dringt Tageslicht in den Schlund der unteren Geschoße. Alles in strahlendes Weiß getaucht, die massiv geschwungenen Brüstungen tanzen unregelmäßig von Stockwerk zu Stockwerk. Irgendwie erweckt es den Anschein, dass man sich den Innenraum des New Yorker Guggenheim Museums für hiesige Zwecke ein wenig eigen gemacht hat, es ist sozusagen ein lang, lang gedehnter Frank Lloyd Wright auf der Streckbank der Architekturgeschichte.
Keine drückenden Raumhöhen, kein verächtliches Warten in den zu engen Gängen einer thrombosegeplagten Behörde. Stattdessen Licht und Luft, gelegentlich sogar ein schluchtenübergreifendes Hallo zum Kollegen aus der anderen Etage. Oder auch Mahlzeit - schließlich ist man unter Beamten. Hauptsache, man sieht sich also.

Und was noch erfreulicher ist: Man sieht auch Wasser, Sträucher und immer wieder das eine oder andere kleine Bäumchen. Denn der Luftraum, der alle Ebenen miteinander verbindet, tut nicht nur dem Überblick und der Kommunikation gut, er ist vor allem auch ein mikroklimatischer Clou. Eine Wasserebene am Boden des Atriums und großzügige vereinzelte Pflanzentröge schaffen den Spagat zwischen psychologischem und klimatischem Wohlbefinden, ohne großes Zutun kann sich die Luft 24 Stunden lang regenerieren. Fehlen eigentlich nur noch die Tiere. Das ist - ausgehend von Architekt und Auftraggeber - ein Tribut ans menschliche Wohlbefinden, der einem so reinrassig selten über den Weg läuft. Meist sind es nämlich genau diese Spompanadeln, die unterm abgedrehten Geldhahn jämmerlich verdursten müssen.
Doch Grünzeug gibt es nicht nur im Innenraum - nun endlich kommen die Emmentaler-Löcher ins Spiel. Immer wieder tauchen an unerwarteter Stelle die Loggien auf, einmal eingeschoßig, einmal zweigeschoßig, einmal flächig, einmal übers Eck. Im Sonnenlicht strahlt das knallige Orange der Fassadenlöcher bis ins weiße Atrium hinein, bald werden auch die grün wuchernden Sträucher die Freiräume (und Raucherbalkone) unverkennbar kennzeichnen. Im Sommer wird sich hier der Qualm der gerauchten Zigaretten niederlassen, im Winter der Schnee. Es ist der Austritt ins Freie, es ist der Respekt einer arbeitenden Person gegenüber.

Die rationale Frage nach dem Bedarf wird gar nicht erst ins Spiel gebracht, denn sie ist längst schon beantwortet. Aus tiefster Überzeugung ein Büro mit Mehrwert - und nicht die Bausünde von morgen. Ein Plus an Qualität? Ein so oft postuliertes und so selten eingelöstes Sprücherl in der großen Architektenwelt, dabei würd's so einfach gehen.

30. Juli 2005 Der Standard

Wetten, dass . . .

. . . sie es immer wieder schaffen? Wettbewerbe können einem liegen. Oder auch nicht. Die drei Burschen von Caramel haben allem Anschein nach den richtigen Riecher.

Wettbewerbe sind eine feine Sache. Sie sorgen für die Demokratie in der Architektur, wenngleich diese gelegentlich diktatorischen Ansätzen verfällt. Doch damit alles schön transparent abläuft, gibt es (leider Gottes nicht immer, aber doch gelegentlich) recht seriöse Juryprotokolle, die jede Entscheidung der Jury nachvollziehbar machen. Der Preis der Sache: An diesem kopfgeburtigen Juristen-Architekten-Slang kann man sich die Zähne ausbeißen - egal, man verreckt, ehe man den ersten Satz fertig gelesen hat. So trocken und spröde, als hätte man Sand gelöffelt. Da wird in einer Tour bemerkt, festgehalten, angeregt und hervorgehoben, ja schlimmer noch, es wird sogar konstatiert. Killer der Kreativität, mit dem bürokratischen Bulldozer kann man im Nu jeden poetischen Ansatz plattfahren.

Doch es geht auch anders. Das wissen die drei Burschen von der Architektengruppe Caramel. Ist das Staniolpapierl rund ums fiktive Zuckerl erst einmal entwuzelt, kommt das Trio zutage: Günter Katherl, Martin Haller und Ulrich Aspetsberger - so zwischen gerade noch in den Dreißigern und doch schon 40 Jahre alt - kennen sich von den unterschiedlichsten Unis und Jobs, seit 1999 arbeiten sie unter dem süßen Deckmantel Caramel zusammen. Wie eine zähe Masse - dem Namen alle Ehre erweisend - picken sie sich an jedem nur greifbaren Wettbewerb fest und steigen in den öffentlichen Ring des permanenten Architekturkampfes. Doch sie sind ganz fit, neben vielen anderen haben sie unlängst auch am Wettbewerb für den Science Park der Johannes-Kepler-Universität in Linz teilgenommen. 40 Teilnehmer EU-weit, Caramel ging schließlich als Gewinner hervor. Der erste Satz aus dem Protokoll: „Den Architekten gelingt es scheinbar mit Leichtigkeit, die schwierige und komplexe Aufgabenstellung zu bewältigen.“ Da kann man sich ob der Sprache und ob der Architektursprache gleich doppelt freuen: „Das Ergebnis ist eine überzeugende Neuinterpretation des Themas Universitätscampus, das seine besondere Stärke daraus bezieht, dass die spezifischen Potenziale des Ortes sehr sensibel und kreativ genutzt werden.“

Euphorisch geht es weiter, denn auch Rudolf Ardelt, Rektor der Johannes-Kepler-Universität, zeigt sich vollends zufrieden: „Das Modell entspricht exakt unseren Vorstellungen einer höchst innovativen und funktionalen Hochschuleinrichtung.“ Das schreit doch verheerend nach Glückssträhne - dabei hat man an einen möglichen Sieg gar nicht mehr gedacht. Katherl: „Für uns war das die einzig richtige Lösung. Aber wir haben so ewig lang daran herumgefeilt, dass wir mit dem ersten Platz gar nicht mehr gerechnet haben.“

Ein Wettbewerb, wie er im Buche steht. Klare Ausschreibung, klare Anforderungen. Und der Hund fängt da sogar schon im Städtebau an, denn das Grundstück im Stadtteil Dornach-Auhof liegt an einem windtechnisch linzexistenziellen Hang. Klimaforscher haben es schwarz auf weiß gefordert: Da muss der Wind durchpfeifen können, der logische Schluss ist eine Anordnung quer zum Hang. Kein Kabelsalat also, sondern ein adrettes Arrangement parallelbemühter Kabelstückchen wie auf dem gewinnträchtigen Wettbewerbs-Schnappschuss.

Nachdem die Finanzierung des Science Centers (Bauherr ist die BIG) teils öffentlich, teils privatwirtschaftlich erfolgt, muss sich diese Geldgeber-Struktur der Public Private Partnership irgendwo auch abzeichnen. Caramel ist da ganz unverblümt an die Sache herangegangen und hat klar definiert: Der universitäre Verwaltungstrakt ist konventionell ausgeführt, schmal und zweihüftig. Ein Büro istein Büro - aus. Es ist die Brutalität der nackten Tatsache, mehr Geld gibt's nicht. Man kann es auch nicht herzaubern, sondern kann aus den widrigen Umständen nur eine angemessene Lösung herausholen. Dafür aber wird es richtig lustig, wenn man die universitären Büroflächen hinter sich lässt und den Bereich des privat finanzierten Forschungszentrums betritt. Statt eines Gangs gibt es eine riesige, öffentliche Zone zum Knozen und Kommunizieren, Lufträume verbinden die Geschoße miteinander, Tageslicht gibt's ohne Ende. Der karamellisierte Martin Haller: „Forscher sitzen zwar immer in ihrem stillen Kämmerlein, aber die wirklich guten Ideen entstehen meist beim Kaffee.“

Das mit den guten Ideen ist auch bei Caramel nicht anders. Kaffee spornt nicht nur den wissenschaftlichen, sondern auch den kreativen Erfindergeist an. Auch die Hauptwerkstätte der städtischen Müllabfuhr in Wien - hinlänglich bekannt als MA 48 mit der herzerlgewordenen Acht - war Resultat eines von Caramel gewonnenen Wettbewerbs. Dem firmeneigenen Slogan „Ohne Mist geht's besser!“ Folge leistend, wurde hier selbst im Bereich des Mülls kein Schrott gebaut. Von der Straße aus gut sichtbar ragt hinter den Hernalser Plakatwänden ein schwarzes Ding aus vorverwittertem Blech hervor. Das abgerundete Eck am sonst so klaren Quader mutet fast ein bisschen designt an, doch es ist die beinharte Umsetzung von Louis Sullivans altem, altem Credo, dem gemäß die Funktion die Form bedingt, und nicht umgekehrt. Caramel: „Es ist der einzige Punkt im gesamten inhomogenen Areal, an dem der Verkehr kulminiert.“ Und so ist es nicht verwunderlich, wenn die Gebäudeform den Kurvenradius eines knallorangenen Müllwagens aufnimmt. Im ersten Stock hat man die Gegebenheit des Ortes schließlich luxuriös zu nutzen gewusst und in der Rundung die Mitarbeiter-Kantine angesiedelt. Durch ein Panoramafenster übers Eck dringt das Wienbild ganz mächtig in den Raum.

Wenn wir schon beim Müll sind: Auch das Landeskrankenhaus Salzburg mit einer Zweigstelle für Transfusionsmedizin und Stammzellenforschung war ein gewonnener Wettbewerb. Es ist ja in Österreich gang und gäbe, dass ein erster Platz - daran hat man sich verrichteter Dinge schon gewöhnt - nicht unbedingt Garant für eine Realisierung ist. Doch ein Wettbewerbsprojekt mitten im Bau abzubrechen - das klingt schon nach einer Anekdote aus Schilda. Die Architekten: „Man sieht die Baugrube von der Westbahnstrecke ganz gut, heute stehen da ein paar Autos herum.“ Mit 2,5 Millionen Euro dürfte dies einer der teuersten Parkplätze der Welt sein. Wie so etwas passieren kann? Es ist die unsichtbare Kurbel der Politik. „Sie wissen ja, dass alle vier Jahre eine neue Regierung gewählt wird“, vernimmt man von SALK, den Salzburger Landeskliniken, „und im Zuge des Regierungswechsels ist es unter Landeshauptfrau Gabi Burgstaller zur Prüfung des gesamten Projekts gekommen.“ Fazit expressis verbis: Die Baustelle ist gestoppt, der Neubau ist in dieser Form und auf diesem Areal gestorben.

Und wie geht es weiter? Mit dem LKH Salzburg gar nicht, ansonsten wie eh und je. Über dreißig Wettbewerbserfolge sind es bisher - dieses bisweilen riskante Modell der Projektakquisition scheint bei Caramel ja tatsächlich zu fruchten. Einige zweite Preise sind darunter, doch noch häufiger gab es den ersten Preis. So etwa auch für das Wifi in Dornbirn, an dem bereits heftigst gearbeitet wird. Was darf man erwarten? - Ein bissfestes Zuckerl mit süßem Geschmack. Doch das beruht alles auf Spekulationen, denn der wahre Grund für die karamellisierte Namensgebung - man lasse es sich auf der Zunge zergehen - will nicht verraten werden.

23. Juli 2005 Der Standard

Kein großes, weißes Rauschen

Meistens denkt er, manchmal schreibt er, selten baut er: Hermann Czech und der Versuch, das Wiener Messehotel zu verstehen.

Auf ins Büro von Hermann Czech, eine kleine Weltreise im Herzen Wiens. Man hastet durch einige verwinkelte Stiegenhäuser, steht irgendwann einmal keuchend vor einer Metallpforte im obersten Geschoß und dringt ein in einen würdevoll angestaubten Mikrokosmos von Wissen und Walten. Als sarkastisch, distanziert und gelassen beschreibt Friedrich Achleitner seinen praktizierenden Kollegen, und in der Tat zählt er unter den stillen sicherlich zu den lustigsten. Gemächlich gestikulierend, wozu denn auch der ganze Stress? Während sich in Wien die Generation der etwa 70-Jährigen eher im Schuttkegel ihrer nicht enden wollenden Karrieren suhlt, verschwindet Czech ganz subtil hinter der Silhouette seiner Bücherstapel, als wolle er einen seiner alten Aussprüche ganz wörtlich nehmen: „Architektur ist nicht das Leben. Architektur ist Hintergrund. Alles andere ist nicht Architektur.“

Nicht von ungefähr findet man sich hie und da an einem Ort wieder, von dem man gar nicht annimmt, dass je ein bestrebter Architekt, geschweige denn Hermann Czech, seine Hand über der Bauaufgabe hatte ruhen lassen: So unscheinbar und auf den ersten Blick höchst uninteressant ist auch das neueste Produkt aus dem Atelier Czech, selbst dessen Nutzung als Messehotel der Austria-Trend-Kette lockt uns nicht hinter dem Ofen hervor. Noble Zurückhaltung? „Die Tageszeitungen und Lifestyle-Magazine zwingen einen ja förmlich dazu, Wirbel zu machen. Aber wenn alle einen Wirbel machen, sind wir wieder an einem Punkt der Kapitulation angelangt. Das ist dann das große, weiße Rauschen. Die Rolle der Architektur ist missverständlich, wenn die Leute glauben, dass Architektur immer Grimassen schneiden muss.“

Still und leise, schön ist es zwar nicht, Czechs Hotel, und dennoch - mit dem richtigen Architektur-Riecher bleibt man irgendwie hängen. Was soll man von diesem Hotel nur halten? Ein geladenes Gutachterverfahren anno 2002, die Ausnützung des Grundstücks und die städtebauliche Einbettung in den zerfledderten Genius Loci rund um das Messegelände scheinen Czech damals den Sieg eingebracht zu haben. Aus dem Jury-Protokoll: „Das gegenständliche Projekt ermöglicht einen harmonischen Übergang von der Messe in den Prater, der Baukörper überzeugt durch markante Ausformulierung ohne überzogene Geste“. Mit Letzterem ordnet sich das Hotel als Adapter gefügig in die Umgebung ein. Auf der einen Seite taumelt in luftiger Höhe das blinkende Unterhaltungsleben des Praters, auf der anderen Seite - ganz nach dem Motto, wo ein Zipferl, da auch eine Messe - ragt das rot-weiß eingedrehte Zuckerstangerl von Peichls zu kurz geratenem Messeturm in den Himmel.

Hartes Pflaster also, doch auch beim so „markanten“ Messehotel hat das Auge zu kämpfen. Die Perspektive an diesem Eck der Stadt scheint zerquetscht, ehe man merkt, dass das gesamte Gebäude leicht aus der Kurve kippt. Vier Grad sind es, gerade so viel, dass man sich kräftig die Augen reiben muss. „Diese Kurve - im Prater an dem Ort durchaus zulässig - ist eine nette Geste, die irritiert und die dazu beiträgt, dass man die Gesamtsituation unbewusst vielleicht etwas besser im Gedächtnis behält.“ Dass sich dann noch fünf Streifen auf sieben Geschoßen tummeln - 5:7, in der Musik wäre das ein quietschendes Prélude von Schostakowitsch - raubt einem den letzten Nerv. Da versteht man, dass sich schon so mancher Architekturkritiker über die „Ästhetik des Hässlichen“ ausgelassen hat. Der Architekt indes, schmunzelnd, sachlich: „Ja, bei der Gestaltung der Fassade habe ich an Loos gedacht.“

Auch sonst scheint beim Entwerfen in der Kiste der älteren und jüngeren Architekturgeschichte herumgewühlt worden zu sein: Das Sockelgeschoß ist - technisch ganz banal - schwarz-weiß kariert, es ist ein Zitat der Münchner Glyptothek von Leo von Klenze. Immerhin hat diese Musterung beinahe zwei Jahrhunderte auf dem Buckel. Czech meint, es wären nicht „paukenschlagartige Überraschungswirkungen gefordert, sondern eine profunde Eigenart, an die man sich erinnert, wenn man das Gebäude einmal gesehen hat - und wenn man einmal darin war“.

Nun denn: Eine Hotellobby sei halt nur eine Hotellobby, möchte man annehmen. Doch dem ist nicht so. Man hätte es ahnen können: Die wirklich eigenwilligen Zitate beginnen hier an der Schwelle. Das Bauwerk ist weder außen noch innen genau datierbar. Eigentlich könnte es bereits seit zehn Jahren da stehen, wäre da nicht der Duft eines fabrikneuen Automobils in der Luft. Es riecht nach Kunststoff und nach viel, viel Leder. Das kommt von den herumstehenden Fauteuils. Im Hinterkopf klingelt's, es ist der LC2 von Le Corbusier, genauso bequem oder unbequem - das muss der eigene Körper mit der Architekturgeschichte ausstreiten - wie das Vorbild, nur an der Farbe scheitert's ein wenig.

Das Original mag schön sein, doch wenn man das Rohrgestell eines so berühmten Polstermöbels in Pistazieneis-Farbe taucht, kann ganz einfach nichts Gutes dabei herauskommen. Czech wäre nicht Czech, wenn er trotz respektvoller Hommage nicht noch ein klitzekleines Detailchen addiert hätte. Und so warten zwei hölzerne Griffe darauf, vom messeermüdeten Businessmenschen ergriffen zu werden, damit sich dieser leichter erheben kann. Interessant? Praktisch allemal. Man muss ja nicht immer der abgeschleckten Allerwelts-Architekten-Ästhetik den Vortritt lassen.

Ein Feature von Welt gibt es auch in den Zimmern. Soweit es die stringente und erwartungsvolle Klientel eines Messehotels zulässt, hat sich der Architekt auch hier intellektuell ausgetobt. Ein Kasten? Kein Kasten, denn der ist ohnehin nur der überflüssig verschlossene Ort, an dem die Socken einer viel zu kurzen Verweil vergessen werden. Czech stellt das häusliche Konzept des Kleidungsbehälters daher auf den Kopf und bietet eine offene Variante an. Der Schatten des sakkogekleideten Gentleman ergibt eine stille Metapher in der Kontur des Möbels - der Tischler hatte viel Arbeit mit der Produktion, der Gast ist für die Dauer seines Aufenthalts zur aufmerksamen Rezeption herausgefordert.

„Ich will keine Menschen verstören. Das passiert ja sowieso automatisch“, erklärt Hermann Czech. Doch trotz des guten Willens ist der Mensch wieder einmal arm dran. Gänzlich verstört blickt man auf das soeben fertig gestellte Gebäude, das so altbacken dasteht. Man greift sich an den Kopf - die Verwirrung des Intellekts wird ja tatsächlich angezettelt - und man greift sich auch aufs Herz, denn das gebaute Biotop des beinahe Bewährten schafft wohliges Behagen.

Dass hier kein Trendhotel für eine einmalige Rezension im Hochglanz-Architektenporno geschaffen wurde, erweist sich hinter dem Dickicht unserer absehbaren Erwartungshaltungen als ein architektonisches Juwel.

9. Juli 2005 Spectrum

Beton? Stahl? Plastik!

Der „Skylink“ von Schwechat oder der gebaute Beweis, dass auch eine Eintagsfliege Würde haben kann: Wiens Flughafen hat einen neuen Terminal, zumindest für die nächsten drei Jahre.

Am 4. Juni 1783 stieg erstmals ein Stück Menschenwerk völlig gravitationswidrig in den Himmel empor. Erhitzte Luft ist leichter, dachten sich die Gebrüder Montgolfier und zeigten der Öffentlichkeit, wie sich so ein Ballon an einem Siemens-Lufthaken mitten im Nichts halten kann. Die ersten Fluggäste waren ein Schaf, ein Hahn und eine Ente, den größten Nervenkitzel an der ganzen Sache darf man dabei wahrscheinlich dem Schaf zuschreiben. Bereits am 21. November desselben Jahres waren es zwei Menschen, die als erste Passagiere (im üblichen Sinne des Wortes) den Luftraum erschlossen. Ob sich die beiden Montgolfiers damals wohl schon ausmalen konnten, wie das mit der Luftfahrt so weitergehen würde?

200 Jahre später: Wo früher noch wochenlange Strapazen zwischen A und B auf sich genommen werden mussten, rücken die Destinationen durch Globalisierung, Vernetzung und Verdichtung heute immer näher zusammen. Nicht zuletzt auch dank des Fliegens. Bis in die 70er-Jahre gab die Aviatik viel Stoff für Cinecittà und Hollywood her, als die Captains und ihre Stewardessen noch die hohe Loge einer exzentrischen Lebensweise für sich beanspruchen konnten. Steven Spielbergs „Catch me if you can“ aus dem Jahre 2002 ist eine kleine Reminiszenz an diese Epoche. Rasch hat sich auch das gelegt, mittlerweile hat der moderne Weltenbürger sogar schon für 29 Euro die Qual der Wahl, ob ihn an sein Ziel etwa Niki oder Lauda befördern soll.

Und während die Welt auf diese Weise zu einem Dorf mutiert, werden die Transiträume immer mehr zu eigenen Städten. Faszination Mikrokosmos zwischen Himmel und Erde? Man darf wohl annehmen, dass Flughäfen zu den schnellst wachsenden Agglomerationen der Welt zählen. Kein Land, das nicht an neuen Terminals oder gar an Landgewinnungen für neue, immer internationalere Airports bastelt. So hat auch Wien vor einigen Jahren sein Potenzial erkannt, definiert sich seitdem als Drehscheibe für den Osten Europas. Wien-Schwechat platzt aus allen Nähten, 1998 schreibt die Flughafen Wien AG einen internationalen zweistufigen Wettbewerb für die städtebauliche Konzeption einer Flughafen-Erweiterung aus. Unter 38 geladenen Teilnehmern geht die schweizerisch-vorarlbergische Arbeitsgemeinschaft Itten + Brechbühl/Baum
schlager & Eberle als Gewinner hervor. Aus dem nüchternen Juryprotokoll: „Insgesamt überzeugt diese Arbeit in ihrer der Aufgabe angemessenen großzügigen Haltung, weil sie versucht, im Kern der zukünftigen Flughafenanlage die notwendige Ausstrahlung und den notwendigen Orientierungskomfort umzusetzen.“

Nun denn, Fertigstellung ist für 2008 vorgesehen. Der neue Skylink - so der offizielle Projekttitel für die Erweiterung - befindet sich bereits in reger Planung, in einem eigens errichteten Gebäude auf dem Flughafenareal hat die Arbeitsgemeinschaft Baumschlager & Eberle, Itten + Brechbühl sogar ihre Wiener Büro-Dependance aufgeschlagen. Doch wie sich herausstellte, kommt die Zukunft rascher, als man sie planen kann - aufgrund des hohen Passagierwachstums musste jetzt schon ein neuer Check-in-Bereich geschaffen werden: Ein temporäres Bauwerk für die Dauer von drei Jahren, wie bei der provisorischen Kunsthalle am Karlsplatz von Adolf Krischanitz ist auch in diesem Fall das Bauwerk von einem absehbaren Ende besiegelt. „Bauen für die Ewigkeit“, heißt es in der Regel so schön, wenn es darum geht, die eigene Eitelkeit durch Technik und materielle Langlebigkeit zu untermauern. Doch in der Würze der zeitlichen Kürze verliert sich so manches architektonische Argument bald einmal. Wie baut man also temporär, ohne dem Gebäude den hässlichen Stempel des Provisorischen aufdrücken zu müssen?

Die Herangehensweise an den neuen Terminal 1A zeugt von Größe. Jeder Entscheidung wohnt ein zukünftiger Gedanke inne, hier wickelt man die Planung von hinten nach vorne ab, Recycling und Wiederverwendung werden zu einem unorthodoxen Designer-Tool. Was dabei entsteht, ist zwar eine Kiste, doch diese huldigt eher dem Vorarlbergischen als dem Geiz des Ökonomischen. Schon die Höhe der Halle ist kein Zufall. Denn eines Tages, wenn der Terminal 1A wieder Geschichte geworden ist, werden die steifen Stahlrahmen eine andere Verwendung finden können - sie sind genau so konzipiert, dass ein Norm-LKW mit einer Höhe von 4,40 Metern hindurchfahren kann. Eine Garage, ein Lagerhaus, eine simple Durchfahrt vielleicht? 120 Tonnen Stahl, die in nur zehn Tagen auf die Beine gestellt wurden, werden für ein Leben nach dem Tod dann zur Verfügung stehen.

Baumschlager & Eberle und Itten + Brechbühl, die inzwischen perfekte Meister der mehrschichtigen Fassade geworden sind, haben auch diesmal bei der Fassade ein richtiges Händchen bewiesen. Kein Glas, kein Beton, kein Stahl, schlicht und einfach nur eine Plastikfassade. Die Polycarbonatplatten mit Mehrkammersystem - immerhin eine drastische Verbesserung der bauphysikalischen Werte - überziehen den gesamten Terminal als eine transluzente Haut. Die Leichtigkeit des Materials, eine ganz klare Metapher der Luftfahrt, macht den gar nicht so kleinen Baukörper zu einem differenzierten Abbild nach außen. Tagsüber dringt das Sonnenlicht in den Innenraum, recht sakral eigentlich, nachts hingegen wird sich die künstliche Beleuchtung an der Außenfassade abzeichnen. Ein paar Silhouetten von eincheckenden Passagieren werden Schatten an die halbdurchsichtige Wand werfen, konterkariert von einem Grafikkonzept des Pariser Büros intégral ruedi baur & associés: Auf der Außenhaut klebt eine stilisierte Vegetation in Form von Grashalmen, dazu gesellen sich abhebende Flugzeug-Piktogramme und eine simple Beschriftung zur Festigung der bildhaften Zeichensprache. Simpel und schön, ein flüchtiges Schmunzeln ist es allemal wert.

Der New Yorker Architekturkritiker Kenneth Frampton hat in der Architektur von Baumschalger & Eberle eine „Absage an die Form“ erkannt. Dietmar Steiner, Direktor des Architekturzentrum Wien, spricht sogar von einer „Architektur vom Nullpunkt“. In der Tat, freilich mit Ausstattung und Innenleben auf dem neuesten Stand der Technik zwar, doch mit recht unkonventionellen Materialien ist es gelungen, einen neuartigen Architekturansatz zu vertreten. Mitten im hektischen Treiben des modernen Nomadentums steht der erbaute Beweis, dass auch eine Eintagsfliege (eine Zeitspanne von nur drei Jahren ist in der Architektur ja nichts anderes) Würde ausstrahlen kann. Ein neues Verständnis von Mobilität: Die Reise als Konsumartikel, zumindest bei den Billigfluglinien kann man von keinen finanziellen Strapazen mehr sprechen. „Je edler ein Ding in seiner Vollkommenheit, desto grässlicher in seiner Verwesung“, sagt ein hebräisches Sprichwort. Da es keine Verwesung geben wird, hat der Terminal 1A einen gelungenen Gegenbeweis angetreten.

4. Juni 2005 Spectrum

Mit Ziegel und Lenden

Warum hat Schokolade Rippen, warum ist ein Gummibär durchsichtig? Und warum sieht ein Fischstäbchen nicht aus wie ein Fisch? Food-Design oder: Essen - die kleine Architektur auf Tisch und Teller.

Warum ist der Himmel blau, warum kann ein Flugzeug fliegen, ein Schiff schwimmen, und warum - ja, warum - hat eine Semmel fünf Teile? Mit dieser Frage sind wir schon beim Food-Design angelangt, jener formvollendenden Wissenschaft, die sich der Gestaltung von Lebensmitteln widmet. Ein Haribo-Bär ist transluzent, eine Schokolade hat Rippen, ein Soletto ist lang und bricht. Oder wenn das Motto gilt: Rupp hat's beschte Eck vom Käs. Einem Fischstäbchen darf man dafür den Fisch nicht ansehen, ein Würstl schließlich muss knacken. Food, Design, oder handelt es sich dabei gar um Architektur?

Wer hinter dem anglizistisch fesch dahergekommenen Begriff eine neue Design-Offensive vermutet, der irrt gewaltig. Denn Food-Design widmet sich nicht nur der Form an sich, auch auf dem Gebiet des Essens gilt Louis Sullivans viel zitiertes Allround-Motto „Form follows Function“. Und diese architektonische Erkenntnis geht ja bekanntlich auf das Jahr 1896 zurück, im Geheimen darf man die Genesis dieses Phänomens noch ein paar Jahrhunderte oder Jahrtausende früher vermuten. Essen - die kleine Architektur auf dem Tisch und auf dem Teller, wunderschön und nützlich zugleich? Architekt und Filmemacher Peter Kubelka, im Grunde seines Wesens dann doch kulinarischer Esskultur-Theoretiker, stellt ganz hohe Ansprüche: „Jeder Architekt soll kochen lernen, jeder Architekt muss kochen können.“ Noch eindeutiger lassen sich die beiden Disziplinen des Bauens - einmal mit dem Ziegelstein und einmal mit dem Lendenstück - miteinander nicht verweben.

„Wenn alle Künste untergehn, die edle Kochkunst bleibt bestehn“, sagt der Volksmund, womit die Verwirrung rund um das Essen perfekt wäre: Architektur, Design und jetzt noch die Kunst? In seinem Düsseldorfer Lokal Spoerri hat der gleichnamige Künstler regelmäßig zu Fressgelagen geladen, die ihm mitunter das Grundmaterial für seine sogenannten Fallenbilder lieferten. 1968 bauen Hausrucker & Co ein Architekturmodell aus Brot und Gebäck, 1983 stellt Koch und Food-Stylist (ja, diesen Beruf gibt es) Manfred Buchinger eine Damenfrisur mit applizierten chinesischen Glasnudeln vor, und 1997 darf man im Museum für Angewandte Kunst - zumindest im übertragenen Sinne - Platz nehmen: In der Ausstellung „mäßig und gefräßig“ stellt Jana Sterbak ihre Arbeit „Apollinaire“ aus, ein Fauteuil aus zusammengenähten Rinderkoteletts.

Man kann es also drehen und wenden, wie man will - Essen und wohl auch die Auseinandersetzung damit sind eine grundlegende Voraussetzung fürs Überleben. Sowohl in biologischer als auch in kultureller Hinsicht. Sonja Stummerer und Martin Hablesreiter, Autoren des jüngst erschienenen Buchs „Food Design - Von der Funktion zum Genuss“, sprechen den ultimativen Verdacht aus: „Essen ist mindestens genauso intim und unerschöpflich wie Sex.“ Die wichtigste Nebensache im Leben braucht sich mit der wichtigsten Hauptsache also nicht mehr zu messen, beide widmen sich der Verschmelzung, der Aufnahme von Dingen in den eigenen Körper. Die Erfindung des Sauerteigs, laut Stummerer und Hablesreiter die zweite große kulinarische Revolution nach der Entdeckung des Feuers, gab schließlich auch Auskunft über die Fruchtbarkeit der Frau: Blieb der Teig trotz der Hefekulturen sitzen, wurde dies als Indiz für die Unfruchtbarkeit der Köchin gedeutet.

Vom historischen Handwerk zurück in die Industriegesellschaft. Alle Mythen sind längst verblasst, an ihre Stelle treten Berechenbarkeit und Marktforschung. Ein Gummibär hat demnach eine bestimmte Größe, damit selbst das Kindergebiss mit ihm so lange ringen kann, bis er sich chancenlos ergibt. Die Schokoglasur der Sachertorte etwa ist dick genug, um dem Wiener Souvenir selbst auf langen Postwegen hohe Widerstandsfähigkeit zu gewährleisten. Und die Toblerone, ein Produkt von Theodor Tobler, der davon geträumt hatte, ein Symbol für sein Heimatland zu schaffen, muss dank der Kerben nicht gebrochen werden - das sachte Zusammendrücken zweier Matterhorn-Gipfel reicht aus, um den Schokoriegel in mundgerechte Stücke zu zerteilen.

Herstellungsbedingte Machbarkeit, Grundeigenschaften der Zutaten oder schlicht und einfach die Erwartungshaltung des Konsumenten bestimmen die Eigenschaften des jeweiligen Produkts. Viele Entscheidungen am Kühlregal spielen sich unterbewusst ab und werden aus dem sprichwörtlichen Bauch heraus getroffen. Vor allem Kinder sind in ihrer konsumfreudigen Offenheit dem krachenden und knirschenden Fun-Food gegenüber leicht zu ködern, hat man erst einmal die elementaren Parameter in Bezug auf Gestalt, Größe, Farbe, Konsistenz und nicht zuletzt Sound erforscht und in die Produktentwicklung einfließen lassen.

So testet die Firma Nestlé anhand eigens entwickelter „Krustimeter“ die akustischen Eindrücke während des Bruch- und Essvorgangs. Ottakringer wiederum hat vor kurzem erst eine neue Produktverpackung am Markt lanciert: Statt des vertrauten „Zisch“ beim Öffnen des Flaschenkorkens soll eine spezielle Plastikapplikation an der Unterseite der Bierkappe nun „Plopp“ machen. Plopp, so der Vorstand von Ottakring, stehe nämlich für noch mehr Frische. Ich muss gestehen, trotz Plopp-Korkens ist es bei zwei von zwei Versuchen beim bewährten Zisch geblieben. Womöglich war der Flaschenöffner ganz einfach nicht foodfreundlich genug designed.

So viel ist nach einem Spaziergang durch den Supermarkt klar: Die Globalisierung hat vor Food-Design gewiss nicht Halt gemacht. Produkte können neuerdings in Symbiose treten, denn vom Toastblock und seinem Schmelzkäse bis hin zur Kaisersemmel und ihrer Extrawurst wurden sämtliche Nahrungsmittel dieser Welt anhand von Normen und empirisch generierten Definitionen aufeinander abgestimmt. Der hungrige und nach Experimenten dürstende Kunde macht es einem dabei aber nicht leicht. Denn die Avantgarde macht der Nahrungsmittel-Industrie immer wieder einen Strich durch die Rechnung - und spornt sie im Gegenzug zu immer neuen Geschmackskombinationen an.

So rasch, wie sich die Stile in der Architektur ändern und die Modekollektionen in und gleich wieder out sind, geht es auch in der kulinarischen Branche zu. Immer rascher und immer unvorhersehbarer verhalten sich Angebot und Nachfrage zueinander, die Kreativität der Konkurrenz schläft freilich auch nicht. „Avantgarde gibt es immer“, konstatiert Peter Kubelka, „doch wenn sie Galerien, Gourmetlokale, Kunstzeitschriften und Restaurantführer erreicht hat, ist sie meist schon gegessen.“ Aus einer Not stets eine Tugend, Unverwechselbarkeit ist das Nonplusultra. Und so wird so mancher Produzent durch ein herausstechendes Produkt- und Marketingkonzept zum Trendsetter. Es ist wie in der Architektur. Sagen Sie also niemals Leberkäse zu ihm. Das verleiht Flügel.

Das Buch „Food Design“ von Sonja Stummerer und Martin Hablesreiter (Springer Verlag) wird am 7. Juni, 18 Uhr, im Ferstl-Trakt der Universität für angewandte Kunst, Wien I, Oskar-Kokoschka-Platz 2, präsentiert.

16. April 2005 Spectrum

Es zuckt, es blitzt, es blinkt

Eine Site, ein Flash, ein Absturz? Die Architektur hat längst den großen Auftritt im World Wide Web entdeckt. Oft fragt sich, für wen und wozu. Ein virtueller Rundgang.

Ein Klammeraffe ist kein Tier, nein. Erinnern Sie sich, als vor wenigen Jahren noch alles so neu war? Ob nun googlen, downloaden oder anschließend copy-pasten, die Generation @ ist jedenfalls mit viel neuem Vokabular aufgewachsen. Mancherorts, abseits von Großstädten ist die Faszination an den vielen C@fés und Meg@stores im Dorfbild noch nicht abgeklungen. Selbst die Kinobranche - eigentlich sollte man meinen, sie sei am Puls der Zeit - macht auf ganz cool, wenn sie sich peinlicherweise an die Youngsters von heute wendet und bonmotet: „ICU @ UCI“. Aber was soll's, das Internet ist eine gute Sache. World-wide ein Web voll von Freude, Wissen und Information. Und wahrscheinlich ist die virtuelle Welt bereits der größte Mistplatz der kapitalistischen Industriegesellschaft. In Zeiten, da sich jeder VIP - längst auch schon jeder vermeintliche IP, man selbst als Architekturpublizist ist ja keinen Deut besser - mit einer ganz eigenen Site rühmen muss, wird es allmählich schwer, im Schlechten das Gute herauszuklauben.

Sie haben es also nicht leicht, die Architekten. In Kooperation mit Grafikern und Webdesignern - mitunter auch im Alleingang - müssen sie beweisen, dass sie nicht nur imstande sind, dreidimensionale Räume zu entwerfen, sondern dass sie auch Herren des Virtuellen sind. Eine Startseite, ein Flash, eine Animation, ein Computerabsturz. Manchmal ist man softwaremäßig gar nicht gerüstet für den einen oder anderen Internetauftritt. Eigentlich wollte man nur die Telefonnummer herausfinden, und schon braucht man die brandaktuellste Variante von irgendwelchen, noch nie gehörten Programmen. Im Jahre 2005, das wird jedenfalls bald klar, hat das Internet seine Funktion als selbstverständliche Informations- und Kommunikationsplattform noch nicht erreicht. Verbissen wird das Medium nach wie vor dazu missbraucht, die eigene Auffassung eines Kunstwerks darin zu postulieren. Es blitzt und blinkt, jedem „Bobo“ seine eigene Lounge-Musik dazu, bei so manchem Intro wird man alt.

Architektur-Homepages, ein weites Thema! Breit gestreut, und konsequenterweise müsste man bei jenen beginnen, die keine haben. Glauben Sie mir, als Schreiberling könnte man an der anti-technischen Sturheit einiger Architekten verzweifeln, wenn man sich dazu genötigt fühlt, eine Bibliothek oder Buchhandlung aufzusuchen, ein einziges Was-glauben-die-eigentlich-wer-sie-sind! Anziehen, reinfahren in die Stadt, recherchieren wieder mal auf die alte Tour. Da ist es doch wirklich eine Freude, dass es auch Architekten gibt, die schon längst im Netz herumstreunen und einem dabei die Arbeit der peniblen Suche abnehmen.

„So wie in der Architektur der Affekt sich auf den Verstand und nicht die Struktur stützt, so tut es auch das Auge“, schreibt Peter Eisenman in seinem Essay „Der Affekt des Autors“ anno 1991, „es ist letztendlich die Idee des Blicks, die den Moment der Leidenschaft für die Architektur bestimmt.“ Weit mehr als ein Jahrzehnt später stellt sich Eisenmans Postulat auch in der virtuellen Architektur als richtig heraus. Ein kurzes Enter nach dem Eintippen der Homepage-Adresse, und auf den ersten Blick bereits macht sich Sympathie breit. Oder aber auch ein nach vorn gereckter Kopf, ein weit geöffnetes Augenpaar, ein Achselzucken.

Absolut beeindruckend die Site von Innocad, sie zuckt und blinkt, allein, man weiß nicht so recht, ob man sich nicht auf die Homepage des neuesten Psychothrillers aus der Traumfabrik Hollywood verirrt hat. Man wird durch Projekte und Ideen geguided - und hat einem etwas ganz besonders gefallen, findet man so leicht nicht wieder dahin zurück. Welcher Sache also wird hier Priorität zugestanden? Ist es die Information oder einzig und allein das visuelle und kognitive Erlebnis des Surfens?

Bleiben wir im Wasser. Aquaphobie ist nichts für Leute, die das Webportal von urbanFish besuchen. Der Cursor wird zum Angelhaken, konzeptionell richtig angebracht, denn die dahinschwimmenden Menübegriffe wollen auch erst einmal gefangen werden. Ab und an ein Hintergrundfischerl im bunten Tropenlook - hier ist eine süße Idee aufgegriffen worden, die trotz der vielen Bubbles (mit Synthesizer-Untermalung wohlgemerkt) so rasch nicht öde wird. Richtig Spaß haben kann man auch bei Rataplan. Die fünf Architekten präsentieren sich mit einem Sujet, mit dem sie - im Wechselspiel von Architektur und wirtschaftsorientierter Akquisition - den Nagel auf den Kopf treffen. Spiele wie „Das Kaufmännische Talent“ (DKT) beziehungsweise „Monopoly“ haben hier Pate gestanden, als Besucher kann man die unterschiedlichen Straßennamen abgrasen und sehen, was sich dahinter verbirgt. Wo kaufe ich ein, wo will ich hin? Rataplan ist ehrlich genug, Ihrem Job jenen wirtschaftlichen Ehrgeiz und jenes aufbauschende Ankaufdelirium zuzugestehen, dem auch die jungen Broker am Spielbrett ständig anheimfallen.

In einem etwas anderen Delirium spukt die einsame Startseite von Neumann und Partner durchs Netz. „Wenn Sie über Architektur sprechen wollen, rufen Sie mich an.“ Und dann ein dreieinhalbminütiges Video zum Downloaden, in dem Neumann höchstpersönlich über Architektur spricht. Man braucht ihn de facto also gar nicht mehr anzurufen, recht praktisch eigentlich. Vorm lodernden Kamin, mit einem Glaserl Wein in der Hand: „Wir müssen mit unserer gebauten Umwelt sehr vorsichtig und sorgfältig umgehen, denn wir, unsere Gesellschaft, unsere heutige Zeit, werden irgendwann einmal nach unseren Bauwerken beurteilt werden.“ Schenkt man den unzähligen Prognosen Glauben, so wird das Virtuelle immer bedeutender und alltäglicher. Treffen die Bedenken des Architekten also nicht auch auf die gebaute Umwelt im Internet zu?

Immer wieder die gleiche schwarzweiße Landschaft im binär verschlüsselten Netz. Vom minimalistisch weißen Nichts mit kleinen bunten Icons zum Anklicken bis hin zum pompösen Trauermarsch im erdrückenden Schwarz reicht die Palette. Und Leute: Hört auf mit dem Schwarz! Die Vorurteile bezüglich gleichfarbigem Rollkragenpulli haben sich in letzter Zeit medial wieder reduziert, stattdessen braucht man nun ein antistatisches Staubtuch am Arbeitsplatz, um hellgraue Fusel von hellgrauen Buchstaben unterscheiden zu können. Nicht selten sind Lupe und Beruhigungsmittel vonnöten, um die Informationsquelle von so manchem Büro auch wirklich anzapfen zu können. Will man auf diese Art und Weise denn wirklich Kunden ansprechen? Oder ist der Aspekt der Dienstleistung in der Architektur ohnehin schon so sehr in den Hintergrund gerutscht, dass sich diese Frage in den 00er-Jahren längst nicht mehr stellt? Fast scheint es, als seien die vielen Homepages nur noch Mittel zum Zweck, mit dem die Idee einer vereinten Architekturszene ins neue Jahrtausend getragen wurde. Der Computer wird heruntergefahren, was bleibt, ist das Bild einer fest eingeschweißten Architektengemeinde. Der User ist willkommen zum Staunen angesichts einer so fremden Sprache, die manchmal nur ein einziges Architekturbüro spricht. Und sonst niemand.

12. März 2005 Spectrum

Fassade mit Layout

Bauen ist nicht immer ein Spaziergang im Garten Eden, manchmal eher eine Höllentour voller Kompromisse: der neue Mischek-Tower von Delugan Meissl auf dem Wienerberg.

Immer wenn ich am Wienerberg vorbeifahre, muss ich an diesen Film mit dem feschen Hugh Grant denken. „Der Engländer, der auf einen Hügel stieg und von einem Berg herunterkam“ handelt von einem kleinen Dorf in Wales, das eines Tages Bekanntschaft mit einem Kartografen aus London macht. Angereist aus der Ferne kam er, um den Dorfbewohnern mitzuteilen, dass dem Hausberg der Bergtitel aberkannt werden müsse. Einst der „first mountain inside of Wales“, nun durch natürlich bedingte Schrumpfung zu einem Hügel degradiert, beschließt das schrullige Dorf unisono, die fehlenden Meter ganz einfach aufzuschütten.

Sie suchen den Zusammenhang zwischen Wales und Wienerberg? Es erweckt den Anschein, als wäre Letzterer durch zu regen Lehmabbau der nahe gelegenen gleichnamigen Ziegelfabrik im Laufe der Jahrzehnte ebenfalls zu einem Hügel geschrumpft. Nun reicht es nicht, dass Massimiliano Fuksas ein weithin sichtbares - und nebenbei beeindruckendes - Landmark an der Einfahrt nach Wien hinstellt. Nein, da muss der einstige Wienerberg - im Namen der Stadt - gleich mit einer Menge an Hochhäusern zu dem zurückgezwungen werden, was er früher mal war. Wenn nicht topografisch, dann eben architektonisch.

Anders erklärt sich die städtebauliche Dichte an diesem infrastrukturell katastrophal erschlossenen Unort nicht. Im flächengewidmeten Zickzack geben sich österreichische Architekturbüros ein Stelldichein, ganz nebenbei kann man beobachten, wie Coop Himmelb(l)au den Dekonstruktivismus im konkreten Fall so lange variiert hat, bis das gebaute Ergebnis plötzlich postmoderne Zitate verschluckt zu haben scheint. Aber das macht nichts, Wienerberg City klingt gut, und die wienweit verstreuten grünen Hinweisschilder tun ihr Bestes, um das neue Grätzel auf der leichten Wiener Anhöhe lautstark zu proklamieren.

Ja, der Fuksas hat die Latte da oben hoch gelegt, die formale Unterordnung ist des Architekten Sache aber nicht. Und so erfindet ein jeder Hochhaus-Bauer neue Farben und Materialien, trägt zu einem Kampf mit ungleichen Gegnern eher bei als zu einer urbanen Symbiose.

Doch siehe da, eine stille Ausnahme auf kryptisch benannter Parzelle: C. Delugan Meissl ist im Begriff, das schwarze Mischek-Wohnhochhaus fertig zu stellen. Die Fassade ist bereits vollbracht, der Innenausbau von der Schlüsselübergabe nicht mehr weit entfernt. Ein 99 Meter hoher Monolith auf einer knappen Grundfläche von nur 16 mal 40 Metern. Nach Norden und Osten gibt sich der archaische Bau hermetisch introvertiert, der grüne Südwesten von Wien jedoch wird mit aufgelösten Fassaden und einer zwischengeschalteten Loggien-Schicht gewürdigt. „Wohnen mit Ausblick“ so der fernsüchtige Slogan, ohnehin eine Seltenheit in Wien. Bis zum 24. Stock reine Mietangelegenheit, die letzten zwölf Stockwerke bis zum 36. Abschlussgeschoß gibt es dann zu kaufen.

Als Projektfan der ersten (oder zweiten) Stunde ist man freilich ein wenig erstaunt über die teils deftigen Abstriche, mit denen der Wohnbau in den letzten Jahren fertig werden musste - konzeptionell geschwächt, im Bautechnischen den üblichen Standards wieder angepasst, visuell aber nach wie vor im strengen deluganschen Korsett. Wie Elke Delugan-Meissl und Roman Delugan in der letztsamstäglichen „Diagonal“-Sendung auf Ö1 bereits klargestellt haben, dass beim ersten Mischek-Tower auf der Donauplatte schließlich nur die Fassadengestaltung auf Delugan Meissl zurückzuführen ist, so darf beim Mischek-Tower am Wienerberg Ähnliches vermutet werden. Architektursprache an der Fassade, truely made by the architects, Grundrissplanung und Ausbaustandard tragen hier seit der Detailplanung und Kostenkontrolle eine andere Handschrift. Doch der soziale Wohnbau setzt - verständlicherweise - eben andere Prioritäten. Und so soll es nicht darum gehen, über die Bauträgerschaft zu klagen, als vielmehr, die vorhandene Architektur ins Visier zu nehmen.

240 Wohnungen - die Menge wird von der einheitlichen Fassadengestaltung beruhigend kaschiert. „Gerade im sozialen Wohnbau, wo sich jede Wohnung an der Fassade abzeichnet“, so die Architekten, „muss man sich einer zusammenfassenden Struktur bedienen, um dieses heterogene Bild vieler Wohneinheiten in einer einzelnen Einheit zu beruhigen.“ Die Loggien-Fassaden sind an der äußersten Schicht vollständig verglast, nur vereinzelte Aussparungen fangen Bilder aus der Landschaft und rahmen sie ein. Im Siebdruckverfahren - ein Steckenpferd von Delugan Meissl - sind die Glastafeln in eine Matrix aus vertikalen weißen Streifen eingehüllt. In den unteren Geschoßen dichter, oben, wo die Konkurrenz der neugierigen Einblicke schon deutlich abgenommen hat, hat der Raster mehr Durchlässigkeit zugelassen.

Außergewöhnlicher schließlich die breite Fassade Richtung Stadt. Die homogene Haut aus schwarz durchgefärbtem Eternit ist durch vereinzelte französische Fenster perforiert. Damit nicht der Eindruck von Glaslisenen entsteht, die die Fassade vertikal aufschlitzen, wurden die Maueröffnungen, dem Zufallsprinzip folgend, versetzt angeordnet. Solange sich die grafische Maßnahme nicht negativ auf den Innenraum auswirkt, sondern im besten Falle positiv (im schlechtesten indifferent), ist ein Layout-Denken legitim: „Grafik spielt selbstverständlich eine essentielle Rolle“, so Projektleiter Christopher Schweiger, „es wäre total falsch, nicht grafisch zu arbeiten, solange diese Arbeitsweise nicht ausschließlich ist.“ Nun fragt man sich, welche Funktion die weiß auskragenden Schilde haben, die so vereinzelt - noch lapidarer als die Fenster - über die große Fassadenfläche verstreut sind. Sonnenschutz etwa, rein grafische Spielerei oder gar brüstungslose Balkone für den Freitod aus der Höhe? In einem früheren Projektstadium haben die Schilde noch den Brandüberschlag verhindert. Baupolizeilich vorgeschrieben, architektonisch mit poetischer Leichtigkeit eingelöst. Mittlerweile hat Mischek den Brandschutz anderweitig - billiger - in den Griff bekommen, die heutigen Stahlelemente sind ein leises Zitat dessen, wie schön selbst behördliche und technische Parameter eine Fassade einst determinieren konnten.

Ist da etwa Sentimentalität zum obersten Prinzip erkoren worden? Eine architektonische Irrfahrt vielleicht? Entgegen vielen Wienerberger Nachbarprojekten, denen man getrost Manierismus nachsagen darf, war die Entscheidung zugunsten eines am Ende unnötigen Luxus in diesem Fall der letzte Rettungsanker, um eine ursprünglich gewagte Poesie des Projekts in die Realisierung hinüberzuretten. Bauen ist eben nicht immer ein Spaziergang im Garten Eden, sondern manchmal eine Höllentour voller Kompromisse zwischen Bauherrn und Architekten. Hart, aber herzlich: Der Mensch ist im Grunde seiner Natur mitunter ein oberflächliches Wesen, und für den Betrachter bleibt es letztlich gleich, ob logisch oder nicht, ob authentisch oder künstlich. Das kleine Dorf in Wales hat seinen Berg wieder, und bald einmal wird niemand mehr darüber sprechen, wann und wo und wie viele Meter. Und wer ist eigentlich Hugh Grant?

24. Dezember 2004 Spectrum

Was war, war was?

2004: das Jahr, in dem das Bild die Architektur erschlug? Der Auftakt zum Abschied von der Star-Architekten-Architektur? Erste Hoffnung auf eine bessere Wettbewerbskultur? Architekten ziehen Bilanz. Eine Umfrage von Wojciech Czaja

Hermann Czech
AUS DEM GEISTE DES TRASH
Jetzt haben wir sie endlich: die Qualität. Bilder schwirren umher, auf denen man alles sieht; nur nicht, was gemacht wird. Das Bild, nicht der Gedanke, trägt die mediale Vermittlung der Architektur. Österreich bei der Architektur-Biennale 2004: Eine Redaktionskonferenz von „News“ hätte dieselbe Auswahl getroffen. Das Architekturzentrum Wien zeigte etwas von den Anfängen: The Austrian Phenomenon (Wien und Graz 1958-1973). Nicht das Buch - wie Victor Hugo voraussagte -, das Bild erschlug die Architektur. Aber wer eine Entwicklung aufhalten will, befindet sich immer auf der falschen Seite. Die Ausstellung „Reserve der Form“ im Wiener Künstlerhaus zeigte alles, was link ist, und fand die Richtung. In den Ebenen der Wahrnehmung, im Wechsel der Bedeutungen bewegt sich der architektonische Gedanke. Der Ausblick? Was vor uns liegt: die Instandsetzung der Architektur aus dem Geiste des Trash.

Walter Stelzhammer
HOFFNUNG: WETTBEWERBSKULTUR! Tausendfach europareife Gesichter, viele davon mit einem Durchschnittsalter unter 25 Jahren, in einer der Fußgängerzonen der Metropole Istanbul. Eine unglaublich pulsierende Stadt voller junger Menschen. Und im fernen Europa? Dank Schüssel und Gusenbauer ist es in der Türkei derzeit angebracht, seine österreichische Herkunft zu verschweigen.

Ach ja, beinahe hätte ich jetzt die Architektur vergessen. Wo sich durch räumliche Distanz der Nebel der Jahresereignisse lichtet, gewinnt man im Rückblick etwas Überblick. Kein schlechtes Jahr war das vergangene. Einige Niederlagen wie in den Jahren davor, aber auch kleinere und größere Erfolge, die Zuversicht aufkommen lassen. Und dann gab es da ja noch diese dubiose Auslobung des Wiener Bodenbereitstellungs- und Stadterneuerungsfonds für ein Terrassenhaus auf den Tarbuk-Gründen. 30 der 35 Auserwählten haben endlich einmal erkannt, worum es geht. Und siehe da, Solidarität aus der Not heraus kann bisweilen doch Linderung bewirken, die Ausschreibungsgrundlagen wurden abgeändert - ein Hoffnungsschimmer für bessere Wettbewerbskultur im kommenden Jahr!

Margarethe Cufer
DONNERSTALKS BEI DER BAUPOLIZEI
2004 war geprägt von heller Freude über den Sieg von Henke[*]Schreieck beim Wettbewerb für eine Veranstaltungshalle in meiner Heimatstadt Kitzbühel, mit der Hoffnung, dass die Stadtpolitik klug genug sein wird, das Ergebnis auch umzusetzen - 2004 war ein wenig Bedauern darüber, dass das Hilton trotz Genehmigung ohne „Holleindachlandschaft“ verwirklicht wurde, aber große Begeisterung für Joe Zawinul, der mir mit dem „Birdland“ wieder eine Heimat gab - 2004 war amüsant durch meine „Donnerstalks“ ([*] Alfred Dorfer) bei der Baupolizei, wo eine neue Generation von Baupolizisten die Bauordnung auslegt wie Zeugen Jehovas die Bibel, was glücklicherweise ausgeglichen wurde durch überraschend bezaubernde Bauherren - . . . und übrigens: Ich mag den neuen Schwarzenbergplatz!

Friedrich Kurrent
DER BAUER SCHLÄGT DEN KÖNIG
Am 1. Mai dieses Jahres konnten wir in Sommerein das Schatzhaus für die Werke von Maria Biljan-Bilger eröffnen. Ich versuchte mit diesem Bau, den Allerwelts-Glaskästen das Konzept „Rohbau“ entgegenzustellen. Ein Lichtblick und vielleicht eine Wende scheint mir der Erweiterungsbau des Museum of Modern Art in New York zu sein - weg von der weltweit gepushten Star-Architekten-Architektur.

Die drohenden Türme von Wien Mitte sind gefallen. In Köln und München grassiert dieselbe Turm-Manie. Und auch New York macht aus Ground Zero keinen Park. Dies beweist, dass es keine Stadtplanung mehr gibt. Die Investoren bestimmen die Stadtplanung. Zum Ende des Jahres noch eine letzte Meldung: Das alte Salzburger Festspielhaus von Clemens Holzmeister ist bereits vollständig abgerissen - der Bauer schlägt den König.

Siegfried Loos, IG Architektur
BEDROHTE ART: BERUF ARCHITEKT
Die ig architektur hat sich 2004 mit den gesetzlichen Grundlagen für die Berufsausübung auseinander gesetzt und vier Kritikpunkte eingebracht. Denn die dem Ministerium zur Begutachtung vorliegende Novellierung des Ziviltechnikergesetzes schafft weitere Verschlechterungen! Kommt das Gesetz in dieser Form zum Tragen, wird 2004 als das Katastrophenjahr in die österreichische Architekturgeschichte eingehen. Die junge Generation und alle nachfolgenden werden es sich nicht mehr leisten können, den Beruf in Österreich überhaupt noch legal auszuüben. Die unsere Aktionen begleitende breite Öffentlichkeit hat uns darin bestärkt: Noch viel weiter reichende Reformen sind unausweichlich. Erst wenn die Basis für eine zeitgemäße gesetzliche Grundlage für die Berufsausübung geschaffen ist, wird man über die Architektur selbst reden können.

Rüdiger Lainer
UNIFORMITÄT AUF HOHEM NIVEAU
Der mediale Stellenwert der Architektur wächst kontinuierlich. Das Besondere, das Einzigartige besetzt die Oberflächen publizistischer Aktion, gleichzeitig wird es immer langweiliger, Architekturzeitschriften zu betrachten. Dazu liefert die Architektur einige Phänomene: Die Gleichförmigkeit des Außergewöhnlichen von verknüpften Schleifen oder Faltungen, die bei Claude Parent noch Entdeckungen waren, bestimmen heute die Bilder. Währenddessen geht die subtile Mutation des Alltäglichen verloren, nur wenige beeinflusst das unspektakuläre Vorangehen eines Hermann Czech. Angesagt ist eine Uniformität auf hohem Niveau, präzise flach gesetzte Details, eine Ästhetisierung ohne Widersprüche. Und dennoch: Die mediale Präsenz stärkt das Bewusstsein für Architektur als das Leben bestimmende gesellschaftliche Kraft. Das motiviert.

Delugan[*]Meissl
ALLE ELF TAGE EIN NEUES PROJEKT
2004 - war schön. Weil wir 33 Versuche unternehmen konnten, großartige Architektur zu realisieren. Also alle elf Tage ein neues Projekt, eine neue Studie, ein neuer Wettbewerb. Es gab zwei Fertigstellungen, drei Baustellen und immer noch spannende Optionen. All dies geschah mit Offenheit, Gelassenheit und Leidenschaft. Wir hatten die Freiheit, in alle Richtungen zu denken: Möbel, Apartments, Einfamilienhäuser, Wohnbauten, Museen, Schulen, Industriehallen, Hochhäuser, Städtebau und wieder zurück. Das hieß, offen zu sein für Verschiedenes und sich auf das Einzelne zu konzentrieren. Es gab Architektur auf dem Dach, auf dem Berg, im Hang, auf der Wiese, im Wald, in der Stadt und auf dem Land, in Österreich, Europa und in China. Es war schön, weil wir entwerfen, bauen, lernen, lehren, diskutieren konnten. Wir haben mit guten Leuten zusammengearbeitet, eine gemeinsame Sprache gesprochen und viele Ideen zum Leben erweckt.

11. Dezember 2004 Spectrum

„Lego-Haus“: Lauter kleine Bonbons

Schon einmal eine Kreuzung aus zweistöckigem Haus und VW-Käfer gesehen? Oder ein „Lego-Haus“ für zwei Personen? Von Spieltrieb, zuckersüßen Architekturbüros und dem Hang zum Kleinen.

Zeige mir, wie du baust, und ich sage dir, wer du bist", sagte Christian Morgenstern einst. Keine Frage, Architektur ist stilprägend, Architektur ist imagebildend. Doch Morgenstern hat ungewollterweise nicht nur für die Architektur gedichtet, auch die Automobilindustrie hat sich ein Scheibchen vom Poem abgeschnitten und brutal adaptiert. Frei nach dem Motto „Zeige mir, was du fährst“ und so weiter werden ständig neue Kundenkreise angesprochen, ja sie werden sogar neu definiert. Jedem Typ schließlich sein Auto, die Kampagnen sind offensiv, direkt und vereinnahmend.

Ganz neu am Markt ist der kleine flinke Renault Modus, lustig türkis wie auf den Werbefotos grunzt der gestauchte und dennoch wohl proportionierte Frechdachs durch die Stadt und hat sich sogar schon einmal aufs Tageszeitungs-Cover verfahren. Anbei ein paar bunte Kleckse, in einem gelbroten Farbtupfer nun der lang ersehnte Modus-Slogan: „Grow up - what for?“ Ja, wofür auch? Statt eckig, schwarz, korrekt doch lieber „geradeaus zum Kind in Ihnen“, lautet der unüberhörbare Appell des Créateur d'Automobiles. Nun ist es endgültig: Der freche Modus stiehlt uns Erwachsenen damit nicht nur die Show, sondern auch noch die letzte Würde. Ernst sein kann man später immer noch, warum also nicht zurückfallen ins Alter von Spiel, Spaß und Schabernack? Unter dem Deckmantel der Leichtigkeit und des Humors ist es Renault gelungen, ganz präzise den Puls der Zeit zu treffen.

Doch zurück zur Baukunst. Auch die heimische Architekturszene ist schon seit Jahren dem Spieltrieb verfallen. Zumindest jene Architekten darunter, die noch jugendliche Frische in sich tragen und nicht etwa damit beschäftigt sind, sich selbst noch im hohen Alter und auf Kosten der nächsten Generation jeden Großauftrag unter den Nagel zu reißen. Aber ganz im Ernst, es ist erfreulich, wie fröhlich Häuser sein können. Selbst in der vielleicht etwas klassisch veranlagten salzburgischen Suburbia erlebte ich unlängst eine Begegnung der schlimmsten Art, eine genetische Kreuzung zwischen einem VW-Käfer und einer zweistöckigen Behausung. Irgendwie daneben, doch die Glupschaugen, die Rückscheinwerfer und - sic! - vor allem die vier „Räder“ (bitte sich dieses architektonische Attribut unbedingt unter Anführungsstrichen vorstellen!) haben ganz eindeutig auf jenen fahrbaren Untersatz hingewiesen. Man kann von Glück reden, dass das Plagiat höchstwahrscheinlich nicht die Stückzahl des formalen Vorbilds erreichen wird. Ich denke, selbst wenn der Name des Architekten eruierbar gewesen wäre, man hätte die Größe, an dieser Stelle gesenkten Hauptes einen Augenblick stillschweigend innezuhalten.

Doch es ist alles nicht so aussichtslos, wie es scheinen mag. Denn - entgegen einer anfänglichen Vermutung - ist Verspieltheit nicht in jedem Falle mit Verzichtbarkeit gleichzusetzen. Ganz im Gegenteil, viele Architekten beherrschen die Gratwanderung zwischen Ernsthaftigkeit und Spaß. Man muss ja nicht gleich ein Automobil kopieren, um originell zu sein. Viel interessanter erscheint dagegen die vielfach subtilere Auseinandersetzung zwischen Spielzeug und Architektur. Denn nicht im blinden Übernehmen, sondern erst in einer nuancierten Neuinterpretation eines Vorgefundenen kann sich Architektur allmählich wieder an (Bau-)Kunst herantasten.

So ein Haus - aus der Feder des Wiener Architekturbüros Caramel - steht in Linz. Es ist ein Haus für zwei Personen und trägt den winzigen Projektnamen „xxs“. Während also die Niederländer, allen voran Koryphäe Rem Koolhaas, MVRDV und das UN-Studio immer mehr Richtung XXL tendieren, bleibt die heimische Architektenschaft dem Kleinen verhaftet.

Diese Vorliebe ist definitiv keine Frage der Qualität, im wahrsten Sinne des Wortes ist sie eine Frage der räumlichen Quantität. Die unbeschwerte Leichtigkeit des kompakten Zwei-Personen-Hauses erinnert ein wenig an Spielzeug, diese Assoziation kann der gewählte Projektname letztlich auch nicht entkräften. Die Statik scheint unbekümmert zu schweben, als hätte jemand - unbeeindruckt vom Unterschied zwischen Dekagramm und Tonnen - zuvor ein Modell aus Lego-Steinen gebaut. So wie die dänischen Bausteine aus Thermoplasten hergestellt sind, besteht auch das Haus in Linz aus Kunststoff. In diesem Fall eine Leichtkonstruktion aus Holz, um die abschließend eine glasfaserverstärkte Lastwagenplane gespannt wird. Ein eingepacktes Caramel-Zuckerl sozusagen.

Ein Haus xxs oder ein Duplo-Stein XXL, es ist alles nur eine Auslegungssache. Immerhin ein gutes Spiel für Architekten, nichts anderes bedeutet der Produktname Lego, eine phonetische Kombination aus den jeweils ersten Buchstaben des dänischen „leg godt“, auf Deutsch „spiel gut“. Der Konzern regt auf seiner Homepage außerdem an: „Neugierige, fantasievolle und aktive Menschen haben die besten Voraussetzungen, sich in einer ständig verändernden Welt besser zu orientieren und dadurch zu Architekten unserer Zukunft zu werden.“ Es hängt in der Luft, ob der Beruf des Architekten hier nur Metapher oder schon Exempel ist.

Da stehen wir also und blicken in die Architekturlandschaft hinaus. Die Projekte sind erfrischend, sie sind hochwertig, und jedes einzelne von ihnen stellt eine großartige Alternative zum Bewährten, Altbacken-Bekannten dar. Oder wie der Direktor des Architekturzentrums Wien, Dietmar Steiner, beim jüngsten Architekturkongress feststellte: „Es ist, als ob österreichische Architekten kleine Preziosen in die Gegend werfen, den urbanen und regionalen Zusammenhang berücksichtigen sie aber nicht.“ Als sähe man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr, konzentriert man sich lieber auf das Projekt als auf die Disziplin, lieber auf das Detailverliebte als auf das nur schwer Fassbare. Architektur, das sind lauter kleine Bonbons, so der holländische Theoretiker Bart Lootsma, doch wie sieht die Bonbonniere aus? „Ich wundere mich als Holländer über die österreichische Abwehrhaltung, sich mit dieser Materie endlich auseinander zu setzen.“ Ganz gleich, ob Karamellbonbon oder nicht, etwas süßer oder saurer, besser oder schlechter: Die berufskritische Debatte ist bereits voll im Gange. Nun würde man sich von den Créateurs d'Architecture wünschen, mit der gleichen Menge an Elan und Esprit eine gesellschaftskritische Diskussion in Gang zu setzen.

4. Dezember 2004 Spectrum

Lauter kleine Bonbons

Schon einmal eine Kreuzung aus zweistöckigem Haus und VW-Käfer gesehen? Oder ein „Lego-Haus“ für zwei Personen? Von Spieltrieb, zuckersüßen Architekturbüros und dem Hang zum Kleinen.

Zeige mir, wie du baust, und ich sage dir, wer du bist", sagte Christian Morgenstern einst. Keine Frage, Architektur ist stilprägend, Architektur ist imagebildend. Doch Morgenstern hat ungewollterweise nicht nur für die Architektur gedichtet, auch die Automobilindustrie hat sich ein Scheibchen vom Poem abgeschnitten und brutal adaptiert. Frei nach dem Motto „Zeige mir, was du fährst“ und so weiter werden ständig neue Kundenkreise angesprochen, ja sie werden sogar neu definiert. Jedem Typ schließlich sein Auto, die Kampagnen sind offensiv, direkt und vereinnahmend.

Ganz neu am Markt ist der kleine flinke Renault Modus, lustig türkis wie auf den Werbefotos grunzt der gestauchte und dennoch wohl proportionierte Frechdachs durch die Stadt und hat sich sogar schon einmal aufs Tageszeitungs-Cover verfahren. Anbei ein paar bunte Kleckse, in einem gelbroten Farbtupfer nun der lang ersehnte Modus-Slogan: „Grow up - what for?“ Ja, wofür auch? Statt eckig, schwarz, korrekt doch lieber „geradeaus zum Kind in Ihnen“, lautet der unüberhörbare Appell des Créateur d'Automobiles. Nun ist es endgültig: Der freche Modus stiehlt uns Erwachsenen damit nicht nur die Show, sondern auch noch die letzte Würde. Ernst sein kann man später immer noch, warum also nicht zurückfallen ins Alter von Spiel, Spaß und Schabernack? Unter dem Deckmantel der Leichtigkeit und des Humors ist es Renault gelungen, ganz präzise den Puls der Zeit zu treffen.

Doch zurück zur Baukunst. Auch die heimische Architekturszene ist schon seit Jahren dem Spieltrieb verfallen. Zumindest jene Architekten darunter, die noch jugendliche Frische in sich tragen und nicht etwa damit beschäftigt sind, sich selbst noch im hohen Alter und auf Kosten der nächsten Generation jeden Großauftrag unter den Nagel zu reißen. Aber ganz im Ernst, es ist erfreulich, wie fröhlich Häuser sein können. Selbst in der vielleicht etwas klassisch veranlagten salzburgischen Suburbia erlebte ich unlängst eine Begegnung der schlimmsten Art, eine genetische Kreuzung zwischen einem VW-Käfer und einer zweistöckigen Behausung. Irgendwie daneben, doch die Glupschaugen, die Rückscheinwerfer und - sic! - vor allem die vier „Räder“ (bitte sich dieses architektonische Attribut unbedingt unter Anführungsstrichen vorstellen!) haben ganz eindeutig auf jenen fahrbaren Untersatz hingewiesen. Man kann von Glück reden, dass das Plagiat höchstwahrscheinlich nicht die Stückzahl des formalen Vorbilds erreichen wird. Ich denke, selbst wenn der Name des Architekten eruierbar gewesen wäre, man hätte die Größe, an dieser Stelle gesenkten Hauptes einen Augenblick stillschweigend innezuhalten.

Doch es ist alles nicht so aussichtslos, wie es scheinen mag. Denn - entgegen einer anfänglichen Vermutung - ist Verspieltheit nicht in jedem Falle mit Verzichtbarkeit gleichzusetzen. Ganz im Gegenteil, viele Architekten beherrschen die Gratwanderung zwischen Ernsthaftigkeit und Spaß. Man muss ja nicht gleich ein Automobil kopieren, um originell zu sein. Viel interessanter erscheint dagegen die vielfach subtilere Auseinandersetzung zwischen Spielzeug und Architektur. Denn nicht im blinden Übernehmen, sondern erst in einer nuancierten Neuinterpretation eines Vorgefundenen kann sich Architektur allmählich wieder an (Bau-)Kunst herantasten.

So ein Haus - aus der Feder des Wiener Architekturbüros Caramel - steht in Linz. Es ist ein Haus für zwei Personen und trägt den winzigen Projektnamen „xxs“. Während also die Niederländer, allen voran Koryphäe Rem Koolhaas, MVRDV und das UN-Studio immer mehr Richtung XXL tendieren, bleibt die heimische Architektenschaft dem Kleinen verhaftet.

Diese Vorliebe ist definitiv keine Frage der Qualität, im wahrsten Sinne des Wortes ist sie eine Frage der räumlichen Quantität. Die unbeschwerte Leichtigkeit des kompakten Zwei-Personen-Hauses erinnert ein wenig an Spielzeug, diese Assoziation kann der gewählte Projektname letztlich auch nicht entkräften. Die Statik scheint unbekümmert zu schweben, als hätte jemand - unbeeindruckt vom Unterschied zwischen Dekagramm und Tonnen - zuvor ein Modell aus Lego-Steinen gebaut. So wie die dänischen Bausteine aus Thermoplasten hergestellt sind, besteht auch das Haus in Linz aus Kunststoff. In diesem Fall eine Leichtkonstruktion aus Holz, um die abschließend eine glasfaserverstärkte Lastwagenplane gespannt wird. Ein eingepacktes Caramel-Zuckerl sozusagen.

Ein Haus xxs oder ein Duplo-Stein XXL, es ist alles nur eine Auslegungssache. Immerhin ein gutes Spiel für Architekten, nichts anderes bedeutet der Produktname Lego, eine phonetische Kombination aus den jeweils ersten Buchstaben des dänischen „leg godt“, auf Deutsch „spiel gut“. Der Konzern regt auf seiner Homepage außerdem an: „Neugierige, fantasievolle und aktive Menschen haben die besten Voraussetzungen, sich in einer ständig verändernden Welt besser zu orientieren und dadurch zu Architekten unserer Zukunft zu werden.“ Es hängt in der Luft, ob der Beruf des Architekten hier nur Metapher oder schon Exempel ist.

Da stehen wir also und blicken in die Architekturlandschaft hinaus. Die Projekte sind erfrischend, sie sind hochwertig, und jedes einzelne von ihnen stellt eine großartige Alternative zum Bewährten, Altbacken-Bekannten dar. Oder wie der Direktor des Architekturzentrums Wien, Dietmar Steiner, beim jüngsten Architekturkongress feststellte: „Es ist, als ob österreichische Architekten kleine Preziosen in die Gegend werfen, den urbanen und regionalen Zusammenhang berücksichtigen sie aber nicht.“ Als sähe man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr, konzentriert man sich lieber auf das Projekt als auf die Disziplin, lieber auf das Detailverliebte als auf das nur schwer Fassbare. Architektur, das sind lauter kleine Bonbons, so der holländische Theoretiker Bart Lootsma, doch wie sieht die Bonbonniere aus? „Ich wundere mich als Holländer über die österreichische Abwehrhaltung, sich mit dieser Materie endlich auseinander zu setzen.“ Ganz gleich, ob Karamellbonbon oder nicht, etwas süßer oder saurer, besser oder schlechter: Die berufskritische Debatte ist bereits voll im Gange. Nun würde man sich von den Créateurs d'Architecture wünschen, mit der gleichen Menge an Elan und Esprit eine gesellschaftskritische Diskussion in Gang zu setzen.

16. Oktober 2004 Spectrum

Nichts als städtische Poesie

Kreuz und quer durcheinander geschachtelt und ineinander verkeilt: vom riesigen Single- Loft bis zur kompakten Fünf-Zimmer-Wohnung. Zwei Wiener Wohnbauprojekte, die lieber polarisieren als Wohnmaschinen schaffen.

Nach Biedermeier, Gründerzeit und Rotem Wien, nach dem offensiven Wiederaufbau in den Nachkriegsjahren und dem soziologischen Tatendrang der Achtzigerjahre befindet sich auch heute wieder der städtische Wohnbau auf einem neuerlichen Hoch. Wenngleich etwas pauschal durch die letzten 150 Jahre des Residierens durchgeschlüpft, so fällt am vorläufigen Ende dieser Entwicklung doch auf, dass der soziale Wohnbau für die breite Masse noch nie so unbeschwert und locker vom Hocker gegangen ist wie heute. Allem voran: ein gewisser Grad an Humor und an Individualisierung des Kollektivs.

Den Wunsch nach Individualität hat auch schon der Bauhaus-Architekt und „De Stijl“-Mitbegründer Jacobus Johannes Pieter Oud in seinem 1925 erschienenen Essay „Ja und Nein“ ausgesprochen. In diesen - wie er es nennt - „Bekenntnissen eines Architekten“ schreibt er: „Ich sehne mich nach einer Wohnung, welche alle Anforderungen meiner Bequemlichkeitsliebe befriedigt, doch ein Haus ist mir mehr als eine Wohnmaschine.“ Im Hinterkopf die Kritik am Maschinell-Seriellen, am permanent Gleichen, wird sich Ouds Kritik auch als Kritik an der Moskauer Narkomfin-Siedlung von Moses Ginsburg aus dem Jahre 1929 und den Unitées d'Habitation von Le Corbusier herausgestellt haben.

Auch heute noch lässt sich vielen heimischen Wohnbauten trotz 50 oder gar 80 dazwischenliegender Jahre eine Ähnlichkeit zu Ginsburgs oder Le Corbusiers Architektur nicht absprechen. Der State of the Art orientiert sich nach wie vor an den Errungenschaften der ewig gelobten und zitierten Moderne. Auch wenn sich das bisweilen allein auf die Ästhetisierung der eigentlich ja nie gestalteten, sondern immer nur „von innen nach außen“ entstandenen Fassade bezieht.

Zurück nach Wien, zurück ins Jetzt. Einmal Artec und einmal querkraft haben an unterschiedlichen Orten eben erst zwei völlig unterschiedliche Wohnbauten fertig gestellt, der eine steht in Margareten, der andere in Favoriten. Ihre Gemeinsamkeit jedoch liegt in einer gewiss hohen Übereinstimmung mit J. J. P. Ouds ehemals geäußerter Abneigung gegen eine Wohnmaschine. Schlagwort „flexible Grundrissgestaltung“: Vom riesigen Single-Loft bis zur kompakten Fünf-Zimmer-Wohnung reicht das genutzte Angebot beider Architekturbüros, kreuz und quer durcheinander geschachtelt und ineinander verkeilt. Dass das Durcheinander nicht nur den Grad des Innenausbaus, sondern letztlich auch das Bewohnerspektrum betrifft, ist in einer Umgebung gründerzeitlicher Monotonie eine wertvolle Nebenwirkung.

Die Artec-Architekten, weithin bekannt als Asketen des Materials und darum bemüht, dasselbe immer in seiner ursprünglichen Form zu verwenden, setzen auf Beton, Glas und Stahl. Die Mischek-Betonfertigteile sind mit zahllosen Tiefen und Vor- und Rücksprüngen vorgefertigt worden. Das Resultat erinnert an eines dieser 3D-Puzzles aus Karton, mit denen sich an mittelalterlich bedruckten Bergfrieden durch vorsichtiges Stecken eckige Erker andocken ließen. Diesmal jedoch in Artec-gerechtem Sichtbeton, versteht sich. „Der Eindruck des Skulpturalen stellt sich bei Bauwerken ein, die über eine sehr ausgeprägte strukturelle Komponente verfügen“, erklären die Artec-Architekten Bettina Götz und Richard Manahl und deuten dabei auf die Loggien und Balkone, die unterschiedlich weit die Straße überragen. Ein Spiel aus Vor und Zurück, als wäre jede Loggia eine Lade, die von innen heraus von unsichtbaren Hausgeistern gezogen und geschoben wird.

Und das fesselt. Denn das Haus hat eine große Fernwirkung. Nicht selten bleiben Passanten an dieser Kreuzung stehen, wo drei Straßen in einen Platz einmünden, und blicken etwas skeptisch acht Stockwerke hoch. Was man von da unten sieht, ist eine Collage aus Beton mit davor gesetzten Gitterrosten. Dass die kühle Strenge nicht allen gefällt, liegt auf der Hand. Doch selbst wenn spätestens im nächsten Sommer der Zufallsgenerator eingeklemmte Schilfrohr-Matten und darüber geworfene Perserteppiche hinzufügen wird, so animiert dieser Gedanke weniger zu einem Kopfschütteln als zu einem Lächeln. Selbst den beiden Architekten - auf der permanenten Suche nach der „komplexen Schönheit des Zufalls“ - kommt das durchaus gelegen.

Schließlich konnten es sich selbst diese beiden Asketen nicht verkneifen, ihrer Authentizitäts-These zum Trotz, im Spalt des optisch nach außen dringenden Stiegenhauses Farbe über acht Stockwerke zu gießen. Jedes Reglement lebt erst durch seine Ausnahmen - und das satte Grasgrün, das da aus der eigentlich recht unerotischen Zone der Vertikalerschließung in den Straßenraum dringt, ist sexy. Egal, ob Wand, Decke, Stiegengeländer, Liftschacht oder Türen - es grünt so grün, wenn Hundsturms Blüten blühen!

Grün ist auch die Leebgasse im ursprünglichen Arbeiterbezirk Favoriten. Wenngleich erst seit ein paar Wochen. Denn wenn schon von Erotik die Rede ist, so war diese Gasse ganz bestimmt meilenweit davon entfernt. An der querkräftigen Hausnummer 46 ragen nun Halme und Farne über die Straße. „Nur eine flexible Hülle zu bauen ist zu wenig“, erzählt querkraft, „ein Haus braucht ein Gesicht, vor allem im sozialen Wohnbau.“ Und in der Tat: Welch schönere Geste kann man sich in einer gänzlich zugebauten Gründerzeitgasse vorstellen, als etwas Grün eingestreut zu bekommen?

Konkret: Das Haus ist komplett verglast, als Gegenstück zu den hofseitigen Loggien ragen begehbare Gesimse (so die bauordnungsgemäße Definition der schmalen Stege) über die Straße. Glas auch hier. Um die Einblicke etwas zu filtern, hat Grafikerin Stephanie Lichtwitz, bekannt seit der grafischen Gestaltung für das Kunsthaus Graz, im Siebdruckverfahren ein unregelmäßiges Geflecht aus grasgrüner Flora auf die Glasscheiben drucken lassen.

Für innen also reine Funktion, für außen ist es nichts anderes als städtische Poesie. Genauso wie die dazwischengeworfenen Balkontüren, die diesmal - entgegen den Regeln der Baukunst - nicht transparent, sondern dicht sind. Nicht etwa weiß oder grau, sondern auch hier: tiefes, sattes Grün. Ein Alltagsbonus am Rande: Das bedeutet Geborgenheit im Winter, im heißen Sommer hingegen lassen sich die undurchdringlichen Elemente öffnen - eine Maßnahme, die die Fassaden in den Wohnräumen auf ein Minimum reduziert.

Ob es jedem gefällt? Und querkraft antwortet: „So ein Haus darf es geben, denn in einer Großstadt gibt es ja zum Glück ein breites Angebotsspektrum.“ Manchmal also ist es besser zu polarisieren. Denn Architektur ist und bleibt eine Frage des Geschmacks. So auch die Farbe. J. J. P. Oud im Jahre 1925: „Ich schwärme für die Wiederbelebung der Farbe in der Architektur.“

80 Jahre später geht sein Wunsch - zumindest auf lokaler Ebene - in Erfüllung: Wien blüht in Grün! Denn Humor darf sein. Und gleich daneben gesellt sich die chromatische Metapher, die vielleicht für einen neuerlichen Aufbruch im sozialen Wohnbau steht.

Publikationen

2024

Wien Museum Neu

Der Band ist eine visuelle und essayistische Reflexion über ein bedeutendes Kultur-Bauprojekt an einem der zentralen Orte Wiens in unmittelbarer Nachbarschaft zu Karlskirche, Künstlerhaus und Musikverein.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Müry Salzmann Verlag

2022

mittendrin und rundherum
Reden, Planen, Bauen auf dem Land und in der Stadt Ein nonconform Lesebuch

Seit über 20 Jahren ist nonconform in Deutschland und Österreich in der räumlichen Transformation tätig. Architektur ist für das interdisziplinäre Kollektiv nie bloß ein fertiges, fotogenes Resultat, sondern immer auch ein lustvoller, horizonterweiternder Prozess, in den die Bürger:innen einer Gemeinde,
Hrsg: Wojciech Czaja, Barbara Feller
Verlag: JOVIS

2022

Brick 22
Ausgezeichnete internationale Ziegelarchitektur

Vom handgemachten Ziegelstein zum hoch entwickelten modernen Produkt: Das Bauen mit gebrannten Tonblöcken schöpft heute aus einem Erbe von neun Jahrtausenden Baugeschichte und dank ihrer vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten, ihrer konstruktiven Qualitäten und ihrer Nachhaltigkeit sind Ziegel bis heute
Hrsg: Wienerberger AG
Autor: Wojciech Czaja, Anneke Bokern, Christian Holl, Matevž Celik, Anna Cymer, Isabella Leber, Henrietta Palmer, Anders Krug
Verlag: JOVIS

2021

Frauen Bauen Stadt

Wie weiblich ist die Stadt von morgen? Im Jahr 2030 werden weltweit 2,5 Milliarden Frauen in Städten leben und arbeiten. Traditionell war die Arbeit am Lebenskonzept Polis in ihrer Beauftragung, Planung und Ausführung jedoch männlich dominiert. Frauen Bauen Stadt porträtiert 18 Städtebauerinnen aus
Hrsg: Wojciech Czaja, Katja Schechtner
Verlag: Birkhäuser Verlag

2020

Almost
100 Städte in Wien

Was macht ein Reisender, wenn er nicht reisen kann? Er reist trotzdem. Wojciech Czaja setzte sich im Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 aus Frust auf die Vespa und begann, seine Heimatstadt Wien zu erkunden. Er fuhr in versteckte Gassen, unbekannte Grätzel und fernab liegende Adressen am Rande der Stadt
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2018

Hektopolis
Ein Reiseführer in hundert Städte

Jede Stadt ist anders. Jede Stadt hat ihren eigenen Charakter, aber auch ihre ganz eigenen Geschichten. Der vielreisende Stadtliebhaber Wojciech Czaja widmet sich in seinem Buch Hektopolis genau diesen ortsspezifischen, feinstofflichen Beobachtungen, Erlebnissen und Anekdoten. Porträtiert werden hundert
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2017

Motion Mobility
Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien

In einem von der Grundstückssuche bis zur Fertigstellung interdisziplinären Prozess planten Pichler & Traupmann Architekten, FCP Fritsch, Chiari & Partner als Ingenieure und das Beratungsunternehmen M.O.O.CON in Zusammenarbeit mit der Agentur Nofrontiere Design und SIDE Studio für Information Design
Autor: Wojciech Czaja, Matthias Boeckl
Verlag: Park Books

2012

Wohnen in Wien
20 residential buildings by Albert Wimmer

Wie wohnen die Wienerinnen und Wiener? Inwiefern decken sich architektonisches Konzept und gelebter Alltag? Der Architekturjournalist Wojciech Czaja und die Fotografin Lisi Specht werfen gemeinsam einen Blick hinter die Fassaden des geförderten Wiener Wohnbaus und bitten die Mieter und Eigentümerinnen
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: SpringerWienNewYork

2012

Zum Beispiel Wohnen
80 ungewöhnliche Hausbesuche

Wohnen ist eine zutiefst persönliche Sache. Kein Raum in unserem Leben steht uns so nahe wie unsere eigene Wohnung, wie unser eigenes Haus. Die beiden Autoren Wojciech Czaja und Michael Hausenblas reisen quer durch Österreich und sind zu Besuch bei Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Wirtschaft. Die
Autor: Wojciech Czaja, Michael Hausenblas
Verlag: Verlag Anton Pustet

2007

91° More than Architecture

Architektinnen und Architekten sind Arbeitstiere. Viele von ihnen arbeiten zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 50 Wochen im Jahr. Die wenige Zeit, die zwischen den dichten Arbeitsstunden noch übrig bleibt, ist wie ein Heiligtum und muss als solches respektiert werden. In diesem Sinne ist 91°
Hrsg: Wojciech Czaja, Eternit Österreich, Dansk Eternit Holding
Verlag: Birkhäuser Verlag

2007

Periscope Architecture
gerner°gerner plus

Vor zehn Jahren haben Andreas und Gerda Gerner mit einem Einfamilienhaus begonnen: „Für ein erstes Projekt ist das Haus Hinterberger sehr unkonventionell. Wir haben uns permanent gefragt: Trauen wir uns das? Seitdem hat man sich oft aus dem Fenster gelehnt“ Entstanden ist das schwebende Haus Südsee in
Hrsg: GERNER GERNER PLUS.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Verlag Holzhausen GmbH

2005

Wir spielen Architektur
Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit

Was ist eigentlich ein Kind? Der Jurist wird uns darauf eine andere Antwort geben als der Soziologe, der Pädagoge eine andere als der Philosoph. Und der Architekt? Wird er schweigen und weiterbauen?
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Sonderzahl Verlag