Halle ohne Halleluja?
Die Pfarre St. Josef in Steyr kann sich den Erhalt des denkmalgeschützten Gotteshauses nicht mehr leisten – und hat nun entschieden, die Immobilie zu verkaufen. Ein Besuch mit klerikalen wie auch weltlichen Visionen.
Am Anfang, erzählt man sich, hätte die Kirche schon ein wenig verstört, mit all ihren X-Säulen und harten Betonoberflächen, hätte irritiert ob ihrer Nacktheit und Kargheit, errichtet ganz im Geiste des Zweiten Vatikanischen Konzils. Doch am Anfang, erzählt man sich ebenso, habe die Gemeinde im jungen Stadtteil Ennsleite mit seinen neu errichteten Steyr-Arbeiterwohnungen nur so floriert, mit hunderten Besuchern zu den Gottesdiensten und den allerersten monatlichen Jugendmessen in ganz Österreich.
„Ja, wir waren und sind immer noch eine liberale, innovative Pfarrgemeinde“, sagt Angelika Paulitsch, leitende Seelsorgerin der Pfarre St. Josef Steyr-Ennsleite, „aber leider merkt man uns das nicht mehr so richtig an. Das Gebäude ist sanierungsbedürftig, mit den schwindenden Gläubigen ist uns die Kirche mittlerweile viel zu groß, und eigentlich können wir uns den Erhalt längst nicht mehr leisten.“ Am 9. Jänner 2026 hat der Pfarrgemeinderat beschlossen, das Gotteshaus zu verkaufen. Vor kurzem wurde die Entscheidung in der Kirchenzeitung veröffentlicht.
Damit sucht die Hallenkirche mit ihren beiden angrenzenden Pfarrhäusern, errichtet 1961 von Johann Georg Gsteu und der arbeitsgruppe 4 (Friedrich Kurrent, Johannes Spalt, Wilhelm Holzbauer), ein Schlüsselbauwerk der österreichischen Nachkriegsmoderne, nach einem Käufer und Betreiber. Die letzten zwei Jahre war die Pfarre im Gespräch mit der Berliner König-Galerie, die hier eine Österreich-Dependance und eine Art Rundum-Verwöhnzentrum für Kunstinteressierte errichten wollte. Der Steyrer Architekt Gernot Hertl hatte bereits Entwurfsstudien erstellt, er selbst ist von der Kirche seit Kindheitstagen an begeistert, bezeichnet sie auch heute noch als einen „fantastischen Raum“, letztendlich aber hätten sich die Wege aufgrund von unterschiedlichen Zielvorstellungen wieder getrennt.
„Ich glaube, wir waren damals noch nicht so weit“, sagt Burghard Ebenhöh, Pfarrbeauftragter Liturgie. „Vor ein, zwei Jahren wollten wir uns noch verkleinern und einen Teil der Räume weiterhin behalten. Das war mit den Interessen der Galerie nicht vereinbar. Wir werden uns daher völlig zurückziehen und einen für unsere Bedürfnisse passenden Ort suchen. Für uns ist es Zeit für einen Neubeginn. Für alle anderen steht dieses großartige Bauwerk nun für eine Nachnutzung zur Verfügung.“
Ort der Leichtigkeit
Das dürfte gar nicht so leicht werden. 2019 wurde die Pfarrkirche unter Denkmalschutz gestellt, inklusive Vorplatz und „wandfester Ausstattung“, also inklusive Altar, Beichtstühlen und den Sitzbänken für rund 400 Leute, die damals aus den vor Ort verwendeten Schalungsbrettern gezimmert wurden. Für das Bundesdenkmalamt ist das Seelsorgezentrum ein einzigartiges Stück Architektur. „Hier findet sich eine Auseinandersetzung mit Strömungen in Westeuropa und den USA, mit modularer Vorfabrikation, bautechnischer Innovation und komplexen Maßsystemen“, erklärt Daniel Resch, Landeskonservator für Oberösterreich. „Trotz des gefühlt schweren Materials Sichtbeton ist dieser Sakralbau ein Ort der Leichtigkeit, mit der für den Kirchenbau der Nachkriegszeit typischen Negation des Luxuriösen.“
Welche künftige Nutzung würde das Denkmalamt bevorzugen? Idealerweise eine, die der Widmung entspreche, so Resch. „Dabei geht es nicht nur um das Erscheinungsbild, sondern auch um kulturelle und gesellschaftliche Aspekte. Wir schauen bei jeder Nachnutzung darauf, dass die Denkmaleigenschaften nicht verloren gehen. Sobald das Seelsorgezentrum veräußert wird, werden wir uns mit den neuen Eigentümern zusammensetzen und gemeinsam überlegen, wie sich deren Vorstellungen umsetzen lassen, ohne die Denkmaleigenschaften maßgeblich zu beeinträchtigen.“
Die Kirche in Steyr mag ein architektonisches Unikat sein, ihr Schicksal jedoch ist alles andere als ein Einzelfall. Die Glaubensgemeinschaften verlieren in ganz Westeuropa an Mitgliedern, die Gotteshäuser sind vereinsamt, die anstehenden Sanierungen nicht mehr leistbar. In den Niederlanden, wo bis 2030 rund ein Drittel aller Kirchen entweiht sein wird, geht man wenig ehrfürchtig an die Substanz heran und füllt sie mit Hotels, Wohnungen, Kindergärten, Bibliotheken, Pubs, Tanzclubs, Restaurants, Sportstätten und Autohäusern.
Für viele ist das zu viel des weltlichen Kommerzes. Das deutsche Kirchenmanifest 2024 fordert die Erhaltung von Kirchen als „kulturell-spirituelles Gemeingut“ und „radikal öffentliche Orte“, und auch in Österreich versucht man, das Kind nicht mit dem Weihwasser auszuschütten. Voriges Jahr einigte sich die Bischofskonferenz auf den Grundsatz „Beleben durch Kooperationen, nicht voreiliges Zusperren, Verwerten oder Verkaufen“. Die Bischöfe hoffen vor allem auf eine interkonfessionelle Nutzung – entweder im Wechselbetrieb oder, wie bei Viktor Hufnagls virtuosem Geometriefeuerwerk der Wiener Kirche am Schöpfwerk (1982), in der Übernahme durch die serbisch-orthodoxe Kirche.
Boulderhalle und Pferdestall
Handeln ist geboten. Allein 2024 traten hierzulande 71.531 Personen aus der katholischen Kirche aus, seitdem sind weniger als 50 Prozent der Österreicher römisch-katholisch. Doch auch weltliche Nachnutzungen finden die Gnade der Kirchenherren – wie etwa die Petrus-Canisius-Kirche in Innsbruck von 1972, die derzeit zur Boulderhalle adaptiert wird, oder das Kapuzinerkloster in Linz, in dem sich eine Steuerberatungskanzlei angesiedelt hat. Solche Profanierungen sind nichts Neues: Sogar das gotische Wunderwerk Maria am Gestade wurde 1786 kurzfristig entweiht und zur Zeit der napoleonischen Besatzung als Pferdestall genutzt.
Für den Steyrer Bürgermeister Markus Vogl seien unterschiedlichste Nachnutzungen vorstellbar. „Die König-Galerie hätte mir ehrlicherweise gut gefallen. Nach Möglichkeit wünschen wir uns eine Nutzung, die die spirituelle Atmosphäre erhält und die vielleicht sogar öffentlich zugänglich ist.“ In der Stadt selbst munkelt man, dass manche darüber nachdenken, die Immobilie samt ihres 6300 Quadratmeter großen Grundstücks zu kaufen und hier ein Steyr-Automobilmuseum zu errichten.
Und was sagt die zuständige Diözese dazu? „Die Veräußerung und Profanierung werden wir uns im Einzelfall anschauen“, meint Michael Kraml, Pressesprecher der Diözese Linz. „Eine Kirche neu zu bauen ist jedenfalls schneller erledigt, als eine Kirche zu verkaufen. Vielleicht tritt ja ein Millionär auf!“