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18. Januar 2003 Der Standard

Ein Hoch auf flach

Der Westbahnhof-Wettbewerb beweist, dass Baumassen nicht immer gen Himmel ragen müssen und macht damit Bürger, Stadtväter und nicht zuletzt ÖBB-General Rüdiger vorm Walde glücklich, während die Ausgliederung der ÖBB-Immobilien politisch zum Thema wird.

Es war allen ein wenig bang gewesen vor diesem Wettbewerb. Zu viele Tücken birgt das schwierige Areal rund um den Westbahnhof, zu große Fehler könnten hier begangen werden und die Zukunft eines gesamten kleinen Stadtteils auf Jahrzehnte hinweg verbauen. Die ÖBB und die Stadt hatten gemeinsam ausgelobt und damit im Schulterschluss um ihre jeweiligen Interessen gerungen: Die ÖBB wollen ihre Gründe rund um den wichtigsten Personenbahnhof der Stadt lukrativ verwerten; die Gemeinde will Synergien für die umliegenden Geschäfts- und Wohnviertel haben; und die Bürger, als dritte, verborgene Macht im Spiel, wollen prinzipiell keine hohen Häuser vor die Nase geknallt bekommen.

Alles also sehr schwierig und kompliziert, und nur durch feine architektonische Überlegungen unter einen Hut zu bekommen. Immerhin geht es um die Entwicklung eines 15 Hektar großen Areals, was den Dimensionen eines stattlichen Dorfes entspricht.

Nun, da der Wettbewerb rund um den Wiener Westbahnhof geschlagen ist, schnurrt man allseits vor Behaglichkeit, und ÖBB-General Rüdiger vorm Walde kann entspannt seine langen Managerbeine unter dem gläsernen Generaldirektorentisch ausstrecken. Das High-Tech-Stück stammt noch aus den Zeiten seines Vorgängers Helmut Draxler und ist ein Designklassiker aus den Werkstätten des britischen Architekturstars Norman Foster. Vorm Walde ist der Name, den Dinger dieser Art tragen, eher wurscht. Was für ihn zählt, ist die Funktion. Im Falle des Westbahnhofes hat man seinem Ansatz voll entsprochen und noch ein wenig städtebaulichen Mehrwert darauf gelegt.

Das von einer gut besetzten Jury (Vorsitz: Rüdiger Lainer, mit dabei u.a. Laura Spinadel und András Pálffy) einstimmig gekürte Siegerprojekt stammt von den Wiener Großarchitekten Neumann+Steiner und überrascht in vieler Hinsicht. Im direkten Bahnhofsbereich sind vor allem zwei Aspekte hervorzuheben: Der alte denkmalgeschützte Westbahnhof wird in Würde und in all seiner - derzeit etwas verblassten und verhüttelten - Eleganz überleben. Die ihn umgebende neue Bebauung schafft - ohne die groteske Höhenentwicklung, vor der alle Angst gehabt hatten - einen städtebaulich klugen Rahmen. Zwei nicht allzu hohe Baukörper rahmen das alte Bahnhofsgebäude ein, rücken an die Gürtelkante vor, formen damit einen geräumigen Platz aus und sorgen mittels Einschnitten und Durchblicken dafür, dass der wichtigste Darsteller in diesem Spiel, nämlich der Bahnhof selbst, von allen Seiten in die rechte Perspektive gerückt wird.

„Unser Denkansatz“, so Architekt Heinz Neumann, „war es zum einen, die erforderlichen Flächen auch ohne Hochhaus unterzubringen, und zum anderen, aus dieser unstrukturierten Gegend einen Stadtraum zu schaffen.“ Partner Eric Steiner ergänzt: „Man musste sich entscheiden: Will man einen Bahnhof haben, oder ein Shoppingzentrum mit Bahnhofsanschluss. Neben Hochhäusern wäre das bestehende Gebäude, das ein Juwel ist, zu einem Zwergerl degradiert worden, eine Analyse hat ergeben, dass die erforderlichen Flächen auch ohne Hochhaus zu bewältigen sind.“

Das Neumann-Steiner-Konzept sieht neben Büroflächen drei Einkaufsebenen vor, die dank des Höhenunterschieds zwischen Felberstraße und äußerer Mariahilfer Straße jeweils erdgeschoßig betretbar sind. Die alte Bahnhofshalle wird unterkellert, die Erschließung für die Bahngäste optimiert. An Stelle des so genannten „Blauen Hauses“ der ÖBB, links des Bahnhofs gelegen, soll ein dreigeschoßiges Kaufhaus treten. Alle Shopping-Zonen sind direkt mit dem Bahnhof verknüpft, auf dass das Warten auf den Zug versüßt werde. Eine großzügige Glasüberdachung der Bahnsteige könnte eine geräumige, übersichtliche Bahnhofshalle mit Großstadtflair schaffen.

Weit vorausblickend stellten die Architekten auch die Weichen für das derzeit völlig heruntergekommene Areal entlang der Bahntrassen und der Felberstraße, das ein Entwicklungsgebiet für die nächsten Jahrzehnte darstellt. Wieder arbeiteten Neumann und Steiner geschickt mit Niveauunterschieden und brachten im Gefälle zwischen Straße und Trasse drei Sammelgaragen unter. Die bedienen die dort zu erwartende Wohnbebauung und schließen - als kleine Parks begrünt - auf Straßenniveau ab. Querungen der Gleistrassen für Fußgänger und Radfahrer verknüpfen die jeweiligen Stadtteile links und rechts der Westbahn, die derzeit nur über ein Verkehrsnadelöhr miteinander verbunden sind. Eine weitere neue Straße parallel zur Mariahilfer Straße könnte das kleine Viertel zusätzlich vernünftig erschließen.

Soweit das städtebauliche Grundmuster. Wie sieht der General die weitere Vorgangsweise? Zuerst, so vorm Walde, müsse man in Kooperation mit der Stadt die erforderlichen Flächenwidmungen bis 2004 durchbringen, dann könne man sich um Investoren bemühen. Interessenten gebe es zwar immer, doch erst in konkreteren Stadien könne man tatsächlich zur Tat schreiten. Die geplanten Investitionskosten belaufen sich im Bahnhofsbereich auf etwa 200 Millionen Euro, entlang der Felberstraße auf rund 170 Millionen.
Der Westbahnhof ist das bisher ehrgeizigste Projekt der von Ex-General Draxler seinerzeit ins Leben gerufenen Bahnhofsoffensive, die Nachfolger vorm Walde offenbar in ihren wichtigsten Grundzügen fortzusetzen gedenkt. Rund 1500 Stationen stehen im Besitz der ÖBB, sie werden von 183,3 Millionen Passagieren jährlich genutzt. Zwanzig der wichtigsten Bahnhöfe werden, wie seit langem geplant, in den kommenden Jahren saniert beziehungsweise neu gebaut. Die derzeitigen Polit-Überlegungen, den Immobilienschatz der Bahnen in eine eigene Gesellschaft einzubringen, würde die Pläne der ÖBB allerdings empfindlich kreuzen und stellen letztendlich nichts anderes als den Versuch dar, sich budgetär am fremden Geldsäckel zu bedienen.

Die ÖBB sind der drittgrößte Grundbesitzer der Nation, ihre Latifundien werden mit einem Wert von rund 1,2 Milliarden Euro gehandelt. Das Unternehmen erwirtschaftet seit der Privatisierung im Jahr 1994 im Schnitt ein Drittel des Gesamtergebnisses des Unternehmensbereichs Absatz aus der Immobilienverwertung. Der Verkauf von Gründen sei dabei, so Immobilien-Chef Hans Kaser, „geistlos und wohl die primitivste Lösung“, geschicktere Verwertungsstrategien wie Baurechte und Vermietung stellten die langfristig klügere Strategie dar. Ein entsprechender Deal wurde etwa in Wien-Landstraße lukrativ eingefädelt. Was die allerorten in unmittelbarer Bahnsteignähe befindlichen Flächen anbelange, so vorm Walde, „sei es klar, dass wir hier im Einzelhandelsbereich das Geld holen und Partner suchen wollen.“

Der ÖBB-Chef streicht die Vorzüge hervor: „Wir bieten vorzügliche Lagen, längere Öffnungszeiten und das Publikum.“ Um diese Wertschöpfung zu lukrieren, muss allerdings zuvor mit Investoren Handelseinigkeit bestehen, doch die bekommt man nur, wenn entsprechende Widmungen vorliegen. Ein Agieren Hand in Hand mit den Gemeinden sei also, so vorm Walde, der Schlüssel zum Erfolg, und: „Um Wert zu realisieren müssen Zeitpunkt, Nutzung und Konjunktur stimmen.“

Ganz anders als beim Westbahnhof, der lediglich saniert werden muss, stellt sich die Situation rund um Süd- und Ostbahnhof dar: Die sollen erst in ferner Zukunft zum Hauptbahnhof zusammengefasst werden - eine strategisch enorm wichtige Infrastrukturmaßnahme, die im Generalverkehrsplan erstaunlicher weise weit hinten gereiht ist. Der Südbahnhof gilt laut internationalen Umfragen als eine der miserabelsten Bahnhofsstätten Europas, obwohl die tausenden hier täglich aus-und ein gehenden Pendler die chronisch verstopfte Südautobahn massiv entlasten und wahrlich Besseres verdient hätten. Die innerstädtischen Verkehrsanbindungen sind beklagenswert, wer mit der U1 die Innenstadt erreichen will, muss sich auf Hinterwegen und durch uringetränkte Labyrinhte kämpfen, die in ihrer Grindigkeit jeder Beschreibung spotten.

Vorm Walde ist sich der Problematik bewusst und streut der Stadtplanung vorsorglich Rosen: „Wir werden in unseren Bemühungen von der Stadt außerordentlich positiv begleitet.“ Wenn nun die Tugend des Wollens zusätzlich die Würze der Geschwindigkeit erführe, könnten alle, Pendler, Anrainer, Investoren, Stadtplanung und nicht zuletzt die ÖBB, rascher glücklich werden. Das im Bereich der beiden Bahnhöfe zu entwickelnde Areal ist riesig: Satte 50 Hektar in - sobald verkehrstechnisch ordentlich angebunden - feinster Stadtlage warten darauf, wachgerüttelt zu werden.

11. Januar 2003 Der Standard

No Na Nano

John M. Johansen, lernte noch bei Walter Gropius und prophezeit jetzt hellsichtig eine von Nanotechnologie geprägte Architektur

Der US-Architekt John M. Johansen, Jahrgang 1916, ist noch bei Walter Gropius zur Schule gegangen und hat an der amerikanischen Moderne mitgebaut. Jetzt prophezeit der alte Herr hellsichtig eine neue, von Nanotechnologie geprägte Architektur der fernen Zukunft.

John M. Johansen ist, wie man in Amerika zu sagen pflegt, kein „spring chicken“ mehr. Der New Yorker hat mit seinen 86 Jahren den großen Teil seines außergewöhnlichen Architektenlebens bereits hinter sich gebracht, was ihn allerdings keineswegs daran hindert, mit geistiger Behändigkeit in eine ferne und aufregende Zukunft vorzustoßen, in der von neuen Technologien geprägte Häuser kraft tektonischer DNAs wie von Zauberhand aus dem Boden schießen, sich Gebäude samt Einrichtung selbst strukturieren und darüber hinaus ununterbrochen ihren Benutzern anpassen.

Während die heutigen Kinder der Architektur mit dem Computer allerlei Spielchen treiben und virtuelle Blobs und Bubbles in farbenfrohen Mustern generieren, denkt Johansen über die Wurzeln der architektonischen Existenz nach und gräbt die Fundamente alles Gebauten bis hin zu den Molekülen und Atomen ab. Vor allem die Nanotechnologie, so prophezeit er, würde in den kommenden hundert Jahren unser aller Leben revolutionieren - und sie würde eine neue „Spezies der Architektur“ hervorbringen, die er unter dem Begriff „Nanoarchitektur“ zusammenfasst.

Sein gleichnamiges neues Buch zu diesem Thema liest sich freilich wie ein von euphorischem Optimismus konstruierter Sciencefiction-Trip für Techniker und Baumeister - und es erinnert stark an den Nano-Bestseller Diamond Agedes amerikanischen Physikers Neil Stephenson (erschienen 1995). Doch Johansen lässt etwaigen Kritikern gegenüber die Nachsicht des Visionärs walten. Es sei schließlich stets die menschliche Vorstellungskraft gewesen, die in die Zukunft geführt habe, und viele Fiktionen des Gestern wären heute bereits Realität. Tatsächlich macht der Architekt nichts anderes, als tief in den Laboratorien der experimentellen Wissenschaft zu wühlen und die radikalsten Erfindungen dieser Zunft fiktiv in der Architektur zur Anwendung zu bringen - was reizvoll ist, und was letztlich immer schon Triebkraft für das Neue in der Kunst des Bauens war.

Hydraulik und Pneumatik sind da quasi schon alte Hüte, doch auch kinetische Strukturen, Bioengineering, Elektromagnetismus und das Herumbasteln an den molekularen Grundfesten von Baustoffen könnte, so der betagte Bau-Mann, eine neue Haute Couture der Architektur hervorbringen. Anhand einer Reihe von Entwürfen zeigt Johansen vor, wie das aussehen und funktionieren könnte. Er transportiert etwa ein federleichtes Konferenzzentrum in Blasenform per Hubschrauber auf die Dächer hoher Häuser, linkt sich mit seiner Tragstruktur in der bestehenden Statik ein und entfaltet das Konstrukt vor Ort. Er lässt Hausgebilde aus hauchfeinen, genmanipulierten Materialien wie Seerosen auf dem Meer schwimmen und molekular engineerte mehrgeschoßige Appartementhäuser wie Bäume aus dem Erdboden wachsen: Alles Fantastereien, denen allerdings reale wissenschaftliche Theorien zugrunde liegen.
„Zuerst einmal“, so relativiert Johansen, „muss gesagt werden, dass molekular-engineerte Häuser natürlich noch Theorie sind. Doch die Projekte, die ich in den vergangenen zehn Jahren konzipierte, basieren tatsächlich auf Technologien, die früher oder später realisiert werden, die Anwendung von molekularem Engineering, die Architektur einschließt, bleibt spekulativ.“ Aber irgendjemand hat immer architektonische Spekulation betrieben, und Technologiefreak Johansen meint: „Ich bin tief davon überzeugt, dass Architektur Struktur ist, und dass sie, im Unterschied zu anderen Künsten, eine dienende Kunst ist.“ So nehme man denn die neuen Möglichkeiten neuer Strukturen und denke ein wenig darüber nach.

Eine entsprechende Systemtheorie der Architektur legte Johansen bereits 1989 in einem Aufsatz dar: „Alle Funktionen, Service, Struktur, Ausrüstung und ästhetischer Effekt müssen als untrennbare Einheit entworfen werden.“ Das Haus sei nicht länger als Wohnmaschine à la Corbusier zu betrachten, sondern würde, sobald technisch machbar, selbst ein Eigenleben entwickeln.

Der Mann, der hier die Architektur systemisch definiert, ist bei uns erstaunlich wenig bekannt, gilt jedoch in den avantgardistischeren Architekturkreisen seit Jahrzehnten als eine der wichtigsten Katalysatorfiguren. Johansen graduierte 1942 in Harvard, sein wichtigster Lehrer war Walter Gropius, seine Studienkollegen hießen etwa Philip Johnson und I. M. Pei. Er zeichnete eine Zeit lang bei Marcel Breuer, verselbstständigte sich in New Canaan, baute in der Folge beachtenswerte Einfamilienhäuser der klassischen amerikanischen Moderne, wandte sich allerdings bald, Kopf an Kopf mit Denkern wie Buckminster Fuller und den Burschen von Morphosis, von der „modern box“ ab und der Erforschung neuer Technologien zu.

1907 hatte beispielsweise ein gewisser Carl Ethan Akeley auf der Suche nach einem geeigneten Material für Dinosauriermodelle ein Betonspritzverfahren mit Namen „gunite“ entwickelt, das dünnste Schalenkonstruktionen möglich machte. Johansen transportierte einige Jahrzehnte später (wie auch der ebenfalls viel zu wenig beachtete mexikanische Kollege Félix Candela) diese Technologie in die Architektur und entwarf atemberaubende Schalengebilde, die - so nimmt man an - unter anderem Friedrich Kieslers berühmten Entwurf des „endless house“ beeinflussten. Sein (nie ausgeführtes) „Spray House #2“ von 1955 nahm die heute gängigen Blob-Konstruktionen vorweg, war aber technisch ganzheitlich und damit weitaus raffinierter gedacht: Über eine tragende, wüst gedrehte und gebogene Stahlgitterkonstruktion sollte Beton gesprüht werden, die Isolierung sollte innen aufgesprayt werden, außen lag eine Plastikschicht als Wasserschutz. Wände, Decken Böden bildeten eine ganzheitliche, sanft geschwungene Oberfläche. Alle Installationen waren in der tragenden Konstruktion eingebaut. In den Schalenverschnitten lagen die Fenster. Heute, ein halbes Jahrhundert später, werden ähnliche, computergenerierte Häuser zu Architekturikonen ernannt.

Doch auch Johansens tatsächlich gebaute Architekturen entwickelten ein interessantes Eigenleben. Seine berühmtesten Werke sind die Goddard Library der Clark-Universität in Worcester, Massachusetts (1986) und das rundliche amerikanische Botschaftsgebäude in Dublin (1956), das mit seinen vorgegossenen, geschwungenen Betonelementen so radikal war, dass sich der frisch gewählte US-Präsident John F. Kennedy für seine Verwirklichung stark machen musste.

In den heutigen Zeiten des Architektur-Starrummels steht es ganz gut an, der Vordenker dieser Szene zu gedenken. Morphosis etwa gaben bereits in den 60er-Jahren Johansen als „unseren genialen amerikanischen Helden“ an. Und Morphosis-Mann Peter Cook realisiert gerade in Graz mit dem Kunsthaus eines dieser Blasengebilde, wie sie vor einem halben Jahrhundert prophezeit (und vielfach heftig attackiert) worden waren. Nicht zuletzt aus diesem Grund wäre es angeraten, John M. Johansens kleinen Ausflug in eine mögliche Architekturzukunft genau zu studieren und durchaus ernst zu nehmen. „Als experimenteller Architekt habe ich beschlossen, nach vorne zu blicken, was bedeutet, die sich neu entwickelnden Technologien kennen- und verstehen zu lernen, so radikal das auch sein möge“, schreibt er im Nachwort. Er sei sich auch dessen bewusst, dass nachfolgende Architektengenerationen der kommenden Dekaden mit erweitertem Wissen zu anderen Ausdrucksformen kommen dürften: „Mögen meine Projekte eine Ermunterung für jene sein, die mir folgen werden.“ Wenigstens den Kiesler-Preis sollte dieser Mann der Zukunft noch zu Lebzeiten erhalten.

21. Dezember 2002 Der Standard

Der Architekt, der die Welt nicht verbessern will, bleibt Häuslbauer

Wolf Prix von Coop Himmelb(l)au sprach mit Ute Woltron über das vergangene Architekturjahr, die spannende zu erwartende Entscheidung in Sachen Ground Zero und die trotz allem prosperierenden Aussichten für jene ArchitektInnen, die mit Engagement und Sturheit ihren Weg zu gehen gewillt sind.

ALBUM: Was hat das Jahr 2002 der Architektur gebracht?
Wolf D. Prix: Für uns persönlich war es ein sehr gutes Jahr. Wir haben nämlich vier große internationale Wettbewerbe gewonnen: das Museum in Lyon, die BMW Welt in München, das Museum moderner Kunst in Akron und die Kunstschule in Los Angeles. So etwas kommt ja nicht alle Jahre vor. Ganz im Gegenteil.

Und im Allgemeinen?
Drei Ausstellungen des letzten Jahres haben - allerdings nur wenn man sie zusammen sieht - gezeigt, welche Themen in nächster Zeit diskutiert werden. Nämlich die Arbeit am Projekt, der Hintergrund und die Oberfläche. Die Biennale in Venedig im Arsenal hat die Arbeit am Projekt gezeigt; anhand der Ausstellung „trespassing“ in der Wiener Secession wurde sichtbar, dass es Architekten gibt, die sich nicht nur nach der Decke der Auftraggeber strecken, sondern den Anspruch erheben, die wirklichen „kommenden Stimmen“" zu sein; und die experimentellen Entwurfsansätze, die man in der Grazer Show „Latente Utopien“ sehen kann, beschäftigen sich mit dem Begriff der Oberfläche. Aber nur wenn man alle drei zusammen sieht, kann man die Komplexität der Architekturentwicklung erfassen. Die Leute, die glauben, Lifestylemagazine wie Wallpaper hätten irgend etwas zur Architektur zu sagen, lesen die Architektur auf dem Dieter-Bohlen-Niveau. Diese Zeitschriften sind die Minimalisten im Geiste, weil sie zur Vermittelmäßigung der Architektur beitragen.

Die Frage, die heute allgemein gestellt wird, lautet: Hat gute Architektur überhaupt Zukunft?
Natürlich. Aber man muss aufpassen. Denn in der E-Commerce-Welt werden Personen - natürlich auch in der Architektur - rasch gebraucht und verbraucht. Man hat kaum mehr Zeit, Substanz aufzubauen. Und ich halte die Statements, wie zum Beispiel, dass Architekten keine Weltverbesserer sein dürfen, schlichtweg für dumm. Der Architekt, der die Welt nicht verbessern will, bleibt ein Häuslbauer. Wie man scheitert, wenn man zu früh zu viel Geld verdienen will und daher falsches Bewusstsein entwickelt, kann man ja in der Popmusik-Kultur lesen. Nur die Musiker, die mit Anspruch an ihre Musik herangehen, werden auch nach Jahrzehnten noch gespielt werden. Die anderen sind bloß Shootingstars.

Die heimische Szene scheint da allerdings wacker unterwegs zu sein?
Die Architekturdiskussion hierzulande spielt sich ähnlich wie in Deutschland auf einer immer größer werdenden Provinzebene ab. Die Architekturdiskussion kann man von der internationalen Theoriediskussion nicht mehr trennen. Und hier zerbrechen sich die Leute den Kopf, wer die schönste Holzhütte bauen kann und wer dazu für den Piranesi-Preis vorgeschlagen wird. Totaler Schwachsinn, wenn man sich die Piranesi-Zeichnungen genauer ansieht. Die kommenden Schritte in der Architektur sind also nicht die ökonomischen Holzverbindungen oder wie man zwei Glasplatten besonders geschickt aneinander klebt, sondern die visionären Bauten werden es sein, die den nächsten Takt in der Architektur angeben. Man wird beurteilen müssen, wie weit die Form, die Technik, die Struktur, und das Programm innovativ bewältigt wurden. Das war ohnehin schon immer der Fall. Nur hierzulande scheint man den Blick dafür verloren zu haben, und das Anheben des Mittelmaßes ist das Ziel. Dabei wird allerdings vergessen, worum es in der Architektur stets ging: nämlich um die Innovation. Gerade im österreichischen Umfeld, wo es doch so viele wirklich hochtalentierte ArchitektInnen gibt, vermisse ich eine schärfere Profilierung. Der Beurteilungsmaßstab sollte nicht das Mittelmaß sein, denn Mittelmäßigkeit trägt in sich, dass keine Spitzen entstehen dürfen.

Welche Rolle spielen die Universitäten als Architekturausbildungsstätten?
An unserer Universität, an der Universität für Angewandte Kunst in Wien haben wir mit der Berufung von Zaha Hadid und Greg Lynn einen weiteren Schritt zur Vernetzung von Wissen getan. Und ich bin sehr froh darüber, dass eine Evaluierung der drei Architekturhochschulen in Wien stattfindet. Denn eine Evaluierung sollte man nicht als Prüfung auffassen sondern sie dient zur Feststellung der Stärken und Schwächen der einzelnen Institutionen.

Wie schaut der Terminplan aus?
Die Evaluierung beginnt jetzt, die Resultate sollen im Sommersemester vorliegen. Von den drei Schulen wurde als Vorsitzender der Evaluierungskommission Peter Cook gewählt. Er wird nun sein Team zusammensetzen. Ziel ist es, die Profile der einzelnen Schulen herauszuarbeiten, denn nur so können Synergien erzeugt werden. Auch sollte der Standort Wien als Ausbildungsdrehscheibe geprüft werden, was vor allem jetzt vor der Ostöffnung Sinn macht.

Was können die Schulen überhaupt leisten?
Darauf gibt es eine provokante Antwort: Den Architekten wird es bald nicht mehr geben, weil er sich als Facilitymanager oder als Stimmungsillustrator darstellt. Diese Architekten sägen nicht nur mit der Säge sondern sogar mit der Motorsäge auf dem Ast, auf dem sie sitzen. Um noch ein kurzes Stück Zeit zu gewinnen, müssen diese Architekten Rhetorik- und Präsentationskurse belegen. Doch dann gibt es - wie ich schon immer sage - eine neue Art von Architekten, die sich als Strategen, mit mehr als nur den ökonomischen Problemen des Auftraggebers beschäftigen. Und die Investoren daran erinnern, dass sie nicht nur Verantwortung gegenüber ihrer Geldtasche haben, sondern dass sie mit ihren Bauten, mit denen sie ja die Infrastruktur der Allgemeinheit benutzen, der Allgemeinheit auch verantwortlich sind. Diese Strategiearchitekten sind zwar lästig, doch sie sind die, die den Namen „ArchitektIn“ in Zukunft wirklich noch verdienen werden, weil ihr Anspruch über reines Projekterwerben hinaus geht.

Welche Rolle spielt die Politik in der Architektur?
Die Politiker sagen zwar stets, sie stünden hinter uns. Viel besser wäre allerdings, sie würden vor uns Architekten stehen. Denn oft sind es nicht die „bösen“ Investoren, die ein exzellentes Projekt zu Fall bringen, sondern es sind die nicht nachvollziehbaren, ängstlichen, geschmacklosen politischen Entscheidungen, die Architektur verhindern.

Und welche Rolle spielen die Medien als Architekturvermittler?
In den letzten Jahren wurde Architektur in den Medien zu Tode gehypt. Sodass der Ruf nach der so genannten Normalität vom medialen Geschäftsinteresse zwar verständlich ist, man muss sich aber klar sein, dass das zu einer Provinzialisierung und Vermittelmäßigung des Anspruchs führt. Führend sind da die deutschen Medien, durchwegs von auf beiden Augen blinden Schreibern besetzt, die die so genannten Stararchitekten jahrelang in den Himmel geschrieben haben und sie nun aus medialem Verkaufsinteresse, weil es ja wieder was anderes geben muss, in Grund und Boden schreiben.

Welche Bauten des vergangenen Jahres sind als wichtig zu bezeichnen?
Von den fertiggestellten Bauten ist Hans Holleins Vulkanmuseum in Frankreich sicher ein ganz wichtiger Bau.

Welche Gebäude des kommenden Jahres werden Aufsehen erregen?
Zaha Hadids Museum in Wolfsburg wird zum Beispiel aufregend, Herzog & de Meurons Stadionbau in München und auch das Kunsthaus in Graz von Peter Cook und Fournier. Abgesehen von unseren kommenden Projekten. Sehr spannend war auch der Wettbewerb um das World Trade Center. Und obwohl ich noch nicht weiß, wer das Projekt wirklich bauen wird; hier gab und gibt es in Amerika erstmals eine Korrektur im Prozedere der Vergabe. Auch wenn der Prozess aller Wahrscheinlichkeit nach mit Investorenarchitektur enden wird: Es sind durch den Wettbewerb unübersehbare Zeichen gesetzt worden, dass Weltklassearchitektur an wichtigen Stellen absolut verlangt wird. Mein Tipp ist, und der wird hoffentlich nicht richtig sein, dass der Lokalmatador SOM vielleicht zusammen mit anderen Großbüros die wesentlichen Kubaturen hinbauen wird; Greg Lynn, Jesse Reiser, Ben van Berkel werden wahrscheinlich die Lobbies gestalten dürfen, mit Sicherheit wird Daniel Libeskind das Memorial entwerfen.

Erstaunlich aber, dass der Wettbewerb von der Bevölkerung New Yorks gefordert wurde, die der zuvor vorgeschlagenen Investorenarchitektur eine heftige Abfuhr erteilt hat.
In dieser Richtung tut sich tatsächlich etwas. Im Turbokapitalismus nennt man das Branding. Aber nicht in jedem Fall. Im Falle von BMW in München zum Beispiel geht es nicht nur darum, ein unverwechselbares Zeichen zu setzen, sondern es geht vor allem darum, Synergien zwischen Architekt und Auftraggeber zu erzeugen, die neue Art von Lösungen produzieren. Nur wenn es diese Art von Synergien gibt, kann Architektur entstehen. Und nur flotte Sprüche auf eine Kiste aufzuschreiben, macht diese noch lange nicht unverwechselbar.

Gibt es ähnliche Tendenzen bereits in Österreich?
Wir nehmen immer wieder an großen internationalen Wettbewerben teil, bei denen sich junge Architekten aus aller Welt hervorragend schlagen. Wo aber, verdammt noch einmal, ist unser Nachwuchs? Das ist eine Aufforderung an die Jungen. Entwerfen heißt nämlich nicht Verdienen, sondern Nachdenken. Denn die neue Architektur ist ein Hund, und die Architekten sind daher Hundezüchter. Ich bin immer ganz geplättet, wenn ich die Computeranimationen der jungen internationalen Hundezüchter sehe. Und ich gebe zu Bedenken, dass gerade der Computer künftig noch eine größere Rolle spielen wird als bisher. Ob das so gut ist oder schlecht, weiß ich noch nicht. Auf jeden Fall werden wir Architekten dieses spezifische Gebiet ausloten müssen. Das könnte zum Beispiel ein Anspruch der neuen jungen österreichischen Architekten sein.

Ein architektonisches Fazit?
Nicht der schnell vergängliche E-Commerce, auch nicht der schon beendete Denkminimalismus, sondern die Auseinandersetzung mit den Hintergründen, den Programmen und den neuen Technologien ist die Zukunft. Man wird sich daher auch in Österreich ganz genau ansehen müssen, wie innovativ die neuen Projekte entwickelt werden. Doch das kann man nicht beschreiben, bevor die Gedanken auch wirklich zur Realität geworden sind, also gebaut sind. Man wird in die fertigen Gebäude gehen müssen, um sich ein Urteil bilden zu können und sich nicht mehr auf medial gehypte Renderings verlassen dürfen. Und das visionär gebaute und nicht nur das gedachte ist der nächste Schritt in die Zukunft.

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Jubilar Wolf Prix

Wolf Prix gründete in den 60er- Jahren gemeinsam mit Helmut Swiczinsky die Architekturgruppe Coop Himmelblau, die später aufgrund heftigen Auftragseingangs zu Coop Himmelb(l)au umgenannt wurde. Die Himmelblauen zählen heute international zu den gefragtesten Baukünstlern und gelten neben Zaha Hadid, Frank Gehry und anderen zu den Wegbereitern des Dekonstruktivismus.
Wolf Prix feierte am 13. Dezember seinen 60. Geburtstag. Neben vielen anderen Gratulanten meldete sich auch der amerikanische Architekturaltmeister Philip Johnson mit einem aufmunternden „weiter so“ beim Jubilar.

20. Dezember 2002 Der Standard

Mutige Eleganz für die neue Skyline

Visionen für Ground Zero

Die sieben in New York präsentierten Architekturentwürfe für Ground Zero demonstrieren Höhe und das Selbstbewusstsein für ein neues Wahrzeichen der Stadt.

New York - Die für die Neubebauung von Ground Zero verantwortliche Lower Manhattan Development Corporation (LMDC) hat erste konkrete Entwürfe für das durch den Terroranschlag vom 11. September 2001 verwüstete Areal im Süden Manhattans vorgestellt. Die sieben Architektenteams, die nun ausgefeilte Vorschläge für den Wiederaufbau präsentieren, waren im Herbst aus einem viel beachteten internationalen Bewerbungsverfahren hervorgegangen, nachdem im Sommer erste nicht architektonische Baumassen-Studien von der Bevölkerung New Yorks energisch als zu investorenlastig abgelehnt worden waren.

Die nun vorliegenden Entwürfe stellen allerdings lediglich eine Art Ideenpool für den künftigen Letztentwurf dar, denn die Erstellung des endgültigen Masterplans, der bereits bis 31. Jänner kommenden Jahres vorliegen soll, will sich die LMDC als Hauptinvestorin nicht aus der Hand nehmen lassen. Es darf angenommen werden, dass diverse Ideen der Architekten aufgegriffen und miteinander verschmolzen werden, dass also die Beauftragung letztlich in Kooperationen erfolgen wird.

Die Vorgaben waren klar: Neben den erforderlichen Büroflächen sollten auch Memorials geschaffen werden, und der an diesem Punkt Manhattans befindliche wichtige Verkehrsknoten musste städtebaulich intelligent neu konzipiert werden. Vor allem die Höhenentwicklung am Standort der ehemals höchsten Gebäude der Stadt war lange Zentrum heftiger Diskussion. Die Antwort der Architekten fiel unisono aus: Alle Entwürfe überragen die anderen Häuser der Stadt, alle sind markant und selbstbewusst ausdefiniert, alle wollen das sein, was am 11. September zusammenstürzte, nämlich das kühne Wahrzeichen einer stolzen Stadt. Die ersten Fachkritiken zu den Entwürfen fielen durchwegs positiv aus. So zeigte sich etwa Heribert Muschamp, der prominente Kritiker der New York Verdana, von allen Projekten äußerst angetan und bezeichnete sie als „Feier des vertikalen Lebens“.

Dennoch - so fesch, so zeitgemäß die Überlegungen der Architekturstars auch sein mögen, das letzte und damit wichtigste Handanlegen wird dem Investorentum überlassen bleiben. Joseph J. Seymour, als Chef der Port Authority Sprachrohr der Besitzer des Baulandes von Ground Zero, relativierte vorsichtshalber bereits am Tag der Präsentation alle hochfliegenden Visionen: „Ob da etwas genauso umgesetzt wird, wie es jetzt präsentiert wurde, oder nicht, das kann niemand sagen.“

Fest steht allerdings, dass die Organisatoren dieses in der Geschichte wohl prominentesten Architekturwettkampfs zumindest mit offenen Karten spielen. Alle Präsentationsshows der Projekte sind im Internet bis ins Detail abrufbar, eine große Veröffentlichungskampagne mit dem Titel „Plans in Progress“ wurde initialisiert, auf dass nun, wie bereits im Sommer, eine öffentliche Diskussion über die Vor- und Nachteile der einzelnen Vorschläge in Gang komme. Am 31. Jänner wird sich zeigen, wer die Oberhand behält: das Kapital, die Architektur, oder ob - wahrscheinlich - ein Kompromiss die Lösung sein wird, der dann der Öffentlichkeit von Port Authority und der Lower Manhattan Development Corporation gemeinschaftlich präsentiert wird.

14. Dezember 2002 Der Standard

Die Architektur und ihre Betrachter

Kurz vor Weihnachten schnürt das ALBUM sein traditionelles Architekturbücherpaket. Heuer prominent vertreten: Dicke Wälzer über Weltarchitektur und Weltendesign, weiters viele kleinere, auch österreichische Publikationen, die es in sich haben.

Architektur gehöre bewusst oder unbewusst zum Leben jedes Menschen, stellt Patrick Nuttgens im ersten Satz seines Buches Die Geschichte der Architektur (Phaidon, € 25,95) fest. Er hat natürlich völlig Recht mit dieser simplen Aussage, und wer immer meint, er verstünde nichts von Architektur, der irrt. Denn Architektur ist alles, was uns künstlich umgibt, und jeder pflegt mit seiner Umgebung Austausch. Natürlich lässt sich dieses subjektive Wissen um das Gebaute und seine Geschichte ganz einfach mittels der entsprechenden Fachpublikationen verfeinern, und Nuttgens Buch eignet sich gerade für neugierige Einsteiger bestens dazu. Sein nicht zu dickes, aber auch nicht zu mageres Werk über die Bautätigkeit des Menschen, beginnend mit den Hochkulturen zwischen Euphrat und Tigris bis zum „Ende der Gewissheit“, nämlich der „pluralistischen Architektur“ des ausklingenden 20. Jahrhunderts, erschien zwar bereits 1997 in englischer Ausgabe, liegt nun aber frisch übersetzt und in kostensparender Paperbackversion auch auf Deutsch vor.

Wer die neuesten Trends der Architekturwelt nachschlagen will, wird mit diesem Buch zwar nicht bedient, sehr wohl aber alle diejenigen, die wissen wollen, wie sich Gebautes von den ersten Laubhütten bis zu den Domen des Glaubens im Mittelalter und jenen des Geldes im 20. Jahrhundert entwickelt haben.

Nuttgens, seinerzeit Architekturprofessor an der University of York, schreibt präzise und verständlich, enthält sich wohltuend jeder Fachterminologie und liefert damit eine Ausnahme unter den Architekturpublikationen. Er stellt bei jedem Gebäude die simple, aber treffende Frage: „Warum ist es so gebaut?“ Karten und Zeittafeln runden sein Werk ab. Nuttgens' Fazit: „Jede Form der Architektur zeigt unabhängig von ihrem Stil, wie die menschliche Erfindungskraft die menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen sucht. Es geht nicht nur darum, ein Dach über dem Kopf zu haben. Zu den menschlichen Bedürfnissen gehört auch der beständig in vielen verschiedenen Formen überall auf der Welt zu spürende Wunsch nach etwas Tieferem - nach Schönheit, Dauer und Unsterblichkeit.“

Schönheit, Dauer und Unsterblichkeit sind Begriffe, die in der zeitgenössischen Architekturdiskussion zwar ungern ausgesprochen werden, die aber natürlich in raffinierter, erweiterter Form nach wie vor dieselbe Bedeutung haben. Der britische Architekturjournalist Hugh Pearman hat den monströsen Versuch unternommen, die gesamte zeitgenössische Weltarchitektur in einen Band zu fassen. Das Resultat ist der entsprechend voluminöse Wälzer mit dem Titel Weltarchitektur heute (Phaidon, € 98,80).

Pearman behandelt darin das Baugeschehen in 13 Themenkreisen, von Kunstbauten über Wohnbauten bis hin zu den neuesten Türmen und Wolkenkratzern. Der Zeitraum, den er sich gesteckt hat, umfasst grob die vergangenen drei Jahrzehnte, das Spektrum der präsentierten Häuser reicht nach Angaben des Autors „vom Radikalen bis zum Konventionellen“. Pearman vertieft sich auch in diverse Architekturtheorien, zitiert reichlich aus dem großen Wortschatz berühmter Architekten und zieht sodann seine eigenen, gleichwohl durchaus angreifbaren Schlüsse. Der Wolkenkratzer, so meint er zum Beispiel, sei die derzeit wichtigste Bauaufgabe: „Der Superturm - vielseitig verwendbar, Platz sparend und in der Lage, einen immer größeren Anteil seiner eigenen Energieversorgung selbst zu übernehmen - wird der Magnet des neuen Jahrhunderts sein. Die Erschaffung des nachhaltigen Turms - und damit die Erschaffung der nachhaltigen Stadt - stellt für die Architektur unserer Zeit die größte Herausforderung dar. Wenn sie bewältigt werden kann, wird alles andere folgen.“ Wir dürfen an dieser Stelle zumindest Zweifel äußern, angesichts einer Welt, in der die Verslumung gerade großer, hoch gebauter Städte voranschreitet, in der die Stadtflucht zumindest in der entwickelteren Welt wieder zum Thema wird.

Aber wie auch immer: Weltarchitektur heute klotzt mit 512 hochglänzend bedruckten Seiten, mit enorm viel Text und den entsprechend kleinen Fotos dazwischen. Disney-Architekturen von Michael Graves greifen hier ebenso Raum wie klassische Schönheiten, etwa Eero Saarinens eleganter, mittlerweile viel zu kleiner Flughafen in Washington, D.C., oder neuartige Architekturgebilde wie Ushida Findlays „Soft and Hairy House“ in Tsukuba, Japan. Dieses Buch wird kaum je durchgelesen, sondern eher in Häppchen studiert werden, und wer weiß, dass Architekturpublikationen wie diese eher vom Bild als vom geschriebenen Wort dominiert werden, wird sich über die aufwändigen Bildlegenden wahrscheinlich ein wenig ärgern. Warum ein grafischer Schlüssel des Rätsels Lösung birgt und warum nicht einfach unter den Bildern steht, was man gerade betrachtet, bleibt eine interessante architekturpublizistische Frage.

Im Gegensatz zu den zuvor genannten Werken ist die Publikation Designs für die wirkliche Welt (Generali Foundation, Wien, € 28,-) wahrlich kein klassisches Architekturbuch, sondern vielmehr eine publizistisch-künstlerische Melange aus Architektur, Design, Stadtrealität. Der Titel mag dem einen oder anderen bekannt vorkommen, tatsächlich ist er alt und wurde vom emigrierten österreichischen Architekten Victor Papanek erfunden, der bereits in den 60er-Jahren soziale Verantwortung, Ökologie, Architektur und Design zu einem zusammenhängenden Thema machte, der in Form eines anderen, leider vergriffenen köstlichen Werks erklärte, Wie Dinge nicht funktionieren, und der damit die seinerzeit moderne selbstverliebte Design- und Architekturwelt mit heftigem Humor angriff.

Designs für die wirkliche Welt ist der Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Generali-Zentrum. Zu Anfang stand die Frage: „Inwieweit können wir unsere Lebenswelten gestalten?“ Die Antworten kamen von der österreichischen Architektin Azra Aksamija, die „anhand des Arizona Marktes, des größten Schwarzmarktes auf dem Balkan, urbane Phänomene visualisierte“. Weiters dabei: Florian Pumhösl, der Entwürfe des vorhin genannten Victor Papanek rekonstruierte, Marjetica Potrc, die aufzeigt, wie „Hightech-Probleme mit Lowtech-Lösungen“ bewältigt werden können, sowie Krzysztof Wodiczko mit „Apparaturen, die zur Benutzung durch Migranten konzipiert sind“. So weit nur ein kleiner Ausschnitt des Inhalts. Herausgeberin Sabine Breitwieser erklärt die Absicht von Ausstellung und Publikation: „KünstlerInnen beschränken sich nicht auf die ihnen von der bürgerlichen Gesellschaft zugewiesenen Gebiete der Ästhetik oder der Kunsträume, sondern beziehen sich in ihrer Arbeit immer wieder auch konkret auf die Gestaltung unseres Lebensraumes und der Lebenswelt generell. Die Interdisziplinarität, welche diese Auseinandersetzung bedingt, wird gerne als laienhafte Einmischung in fremde Fachgebiete abgetan oder - wenn daraus Vorschläge zur (Neu)gestaltung der Gesellschaft entstehen - für utopisch erklärt.“ Doch ein gewisses Maß an Utopie ist naturgemäß in jeder bahnbrechenden Architektur enthalten, und das Vermischen der Disziplinen scheint nachgerade lebensnotwendig im Zeitalter der Globalisierung.

Diesen Weg schlägt gewissermaßen auch die österreichische Architekturpublizistin Margit Ulama in ihrem Buch Architektur als Antinomie (folio, € 26,-) ein. Sie versucht, „aktuelle Tendenzen und Positionen“ im nationalen wie internationalen Architekturgeschehen zu erklären und in einen historischen Kontext zu stellen, und analysiert zu diesem Zweck die Gebäude und die Herangehensweisen an dieselben von heimischen Architekten wie Hermann Czech, Jabornegg & Pálffy sowie internationalen Bauleuten wie UN Studio, Peter Zumthor oder Herzog & de Meuron. Ulamas Fragestellung lautet: „Was ist denn zeitgemäße Architektur und wie ist darüber zu theoretisieren?“ Ihre Antworten bleiben verschlungen und abstrakt, das Buch bleibt interessanter Lesestoff für Insider und Leute, die mit der (letztlich fragwürdigen) ganz spezifischen Fachterminologie der Architekturpublizistik etwas anfangen können.

Sozusagen zum Punkt, und zwar zu einem ganz bestimmten in der Geschichte, kommt der Bildband Bauten im Style der Secession (Album Verlag, € 36,-). Wieder einmal hat Herausgeber Markus Kristan, der bereits einige schöne Loos-Bücher im Album Verlag verantwortete, in Archiven gewühlt und Historisches ausgegraben: Diesmal gewährt er uns eine Bildauswahl jener Bauten, die zwischen 1902 und 1911 in fünf großen Bänden unter dem Titel Wiener Neubauten im Style der Secession erschienen und damit auch einmal der „State of the Art“ gewesen waren. Interessant ist das Buch insofern, als hier Originalfotografien aus dieser Zeit zu sehen sind, Kristan formuliert das folgendermaßen: „Beim Betrachten der Abbildungen wird auch klar, dass die großen Ausstellungen der vergangenen Jahrzehnte, die sich mit Wien um 1900 befassten, in mancherlei Beziehung ein irreführendes Bild der Wirklichkeit gaben.“ Denn: „Die breite Masse der Bautätigkeit sah anders aus.“

Ganz anders als die gebaute Einfamilienhaustragödie in den Flachlanden Ostösterreichs beispielsweise sieht heute auch die Bautätigkeit der Tiroler Architekturzunft aus. Architekturkritiker Otto Kapfinger hat mit Bauen in Tirol seit 1980 (Anton Pustet, € 25,80) ein geradezu befreiendes kleines Büchlein hingelegt, das den Leser in guter alter Friedrich-Achleitner-Tradition an der Hand nimmt und durch diese fruchtbare Gegend für gute neue Gebäude führt. Der kleine Band passt in jede Wanderjackentasche, ist mit Plänen und Adressen gut ausgerüstet und präsentiert die einzelnen Gebäude in kurzem Text und schwarz-weißem Bild. Kapfinger beweist damit, dass interessante Architekturbücher keine Wälzer sein müssen, dass ein behutsam und intelligent gemachtes (und übrigens preisgekröntes) Layout selbst eine Art Architektur darstellt. Zu guter Letzt zeigt er mit dem Buchinhalt, dass die Tiroler Baukunst sich längst nicht mehr hinter der nachbarlich-vorarlbergerischen zu verstecken braucht. Solides Können gepaart mit Witz und Esprit zeichnet diese Häuser aus.

9. Dezember 2002 Der Standard

Warum auch die Zigarre Architektur ist

Der britische Architektur-Querdenker Cedric Price gilt als Visionär seiner Zunft. Er predigt die Baukunst als Disziplin der Geschwindigkeit und des Wandels, in deren Zentrum stets der Mensch zu stehen hat. Heute, Montag, erhält er den Friedrich-Kiesler-Preis.

Wien - Cedric Price ist einer jener Architekten, die die Welt anhand von Kleinigkeiten erklären können, so etwa am Beispiel der Montecristo No 2. Die meisten Architekten rauchen den Zeppelin unter den Zigarren deswegen, weil nur er die perfekte Form aufweise: Je nach Befindlichkeit, je nach Nervosität oder Entspannung, sagt er, könne der sich verjüngende Querschnitt beschnitten und so in seiner Rauchdurchgängigkeit vom Nutzer selbst definiert werden.

Der Benutzer: Er steht und stand stets im Mittelpunkt der Überlegungen des 68-jährigen Briten, der heute, Montag, für sein visionäres Architektur-Querdenken in Wien mit dem Friedrich-Kiesler-Preis bedacht wird. Was die mit 55.000 Euro satt dotierte Auszeichnung für ihn bedeute, werde er zwar erst im Moment der Übergabe ermessen können. Ganz sicher sei er jedenfalls „delighted“, und die Leute, die ihn dafür erwählt hätten, müssten „enorm kluge, wahrscheinlich als genial zu betrachtende Menschen“ sein.


Theorie-Ahn mit Pfiff

Price selbst ist einer der Ahnen eines ganz speziellen Nachdenkens über die Welt, die Menschen und ihre Gebäude, er ist einer derjenigen, die Funktionen und Befindlichkeiten miteinander vermischen können, denen es schon in den 60er-Jahren nicht um die Schönheit bestehender, sondern um den Gebrauchswert künftiger Formen ging - und bis heute geht. In diesem Sinne ist der verschmitzte alte Mann, der hier in Zigarrennebel eingehüllt bei roten Weinen sitzt, ein kraftvoller jugendlicher Revolutionär, der der Bauwelt immer noch mehr zu sagen hat als viele seiner jüngeren, glatten, marmordenkenden Kollegen.

Das meiste dessen, was dieser Tage gebaut würde, sei verstaubt und kraftlos; in London, Los Angeles, New York würden die gleichen schlechten Häuser emporschießen wie in Nairobi oder Schanghai. Die Architekten - egal, ob talentiert oder eher schwachbrüstig - seien allesamt viel zu eitel und mehr auf ihr eigenes Werk als auf die Benutzer bedacht. Doch das sei bereits in den 60er-Jahren so gewesen, und wenn die Zunft der Baukünstler zunehmend an Einfluss verliere, so hätte sie das ausschließlich sich selbst zuzuschreiben.

„Ich will die Angelegenheit mit den Tugenden eines guten Küchenchefs vergleichen“, sagt der Brite: „Wenn der meint, er sei ein Künstler und brauche eben zwei Stunden länger, um das Mahl zu erstellen, dann hat er schon verloren, weil kein Mensch so lange auf seine Speise warten will.“ Niemand käme außerdem je auf die Idee, Waffen, Helikopter oder Flugzeugträger von saumseligen, selbstverliebten Architekten designen zu lassen, denn „diese Dinger müssen perfekt, sofort und ununterbrochen funktionieren, sonst werden Kriege verloren“.

Zeit, Geschwindigkeit, Bewegung, Veränderung: Das sind die Begriffe, die Price als einer der Ersten schon vor vier Jahrzehnten auch in die Architektur einzuführen versuchte, was ihm anhand tatsächlich gebauter Projekte nur gelegentlich gelang, was er als Lehrer an der renommierten Londoner Architectural Association aber theoretisch ausbaute und an den Nachwuchs weitergab.

Prices Konstrukte sind allesamt Legende. So entwarf er etwa den „idealen“ Vogelkäfig für den Londoner Zoo, dessen Struktur sich je nach Windlage verändert, dachte aber gleich weiter und ersann bisher nicht realisierte Käfige, die sich mit den Vögeln im Flug in die Lüfte erheben könnten. Ebenfalls unrealisiert blieb Prices Kulturkomplex Fun Palace, der all das widerspiegelt, was dem Architekten ein Anliegen ist: Multifunktionalität und die Begabung des Gebäudes, sich ununterbrochen während der Benutzung verändern und anpassen zu können. „Kultur ist eine wesentliche Komponente des Wandels im Laufe der Zeit“, meint er: „Sie wird durch Erzeugen und Konsumieren geschaffen, nicht aber durch Identifizieren, Klassifizieren und Lagern.“

Price vertritt die Ansicht, dass jede Generation die für sie spezifische Architektur brauche, weshalb er ein vehementer Verfechter der Abrissbirne ist. Für London baute er seinerzeit ein Kulturzentrum mit Ablaufdatum: Als dieses überschritten war und sich Architekturdenkmalschützer für den Erhalt stark zu machen begannen, intervenierte der Architekt so lang bei den zuständigen Behörden, bis das Ding tatsächlich zu seinem großen Vergnügen abgerissen wurde.


Stadt als Konzentrat

Die „versteinerten“ Städte Europas seien letztlich eine Bürde, die Stadt selbst ein Konzentrat in verschiedenen Stadien, das ordentlich aufbereitet werden müsse, und auch dafür bietet Price visionäre Lösungen an: Sein Projekt Magnet City zeichnet sich durch sich stets wandeln könnende Strukturen aus, die „Beziehungen und soziale Räume loszutreten, neue Muster und Situationen auszulösen“ vermögen.

Mit Friedrich Kiesler selbst, dem der nun vergebene Preis gewidmet ist, sieht sich Cedric Price insofern ein wenig verwandt, als der, „wie mir scheint, die richtigen Fragen gestellt hat“. Es seien zwar nicht seine, Prices Fragen, doch die Denkrichtung stimme. Während Kiesler aber ein einzelgängerischer Solist gewesen sei, habe er, als alter Linker, immer die Menschen im Vordergrund seines Handelns gesehen. Die Architektur ist keine Kunst, sondern die Kunst zu entsprechen, Schutz und Freiheit zugleich zu bieten, und zwar für diejenigen, die sie verwenden. Der Architekt selbst hat eine Hintergrundfigur zu bleiben. Wenn das Werk vollbracht ist, darf er dann zufrieden eine Zigarre rauchen.


[Vortrag Cedric Price: Erste
Bank-Arena im quartier21/
MuQua, 10. 12., 19 Uhr]

30. November 2002 Der Standard

Brunnenmarkt, aufgespritzt

Er ist eine alte Wiener Institution. Eine Revitalisierungsgruppe will ihn vorm Vergammeln retten.

Rückblick: 29. Oktober 2002: Die Luft ist dick im Kent, dem türkischen Lokal in der Brunnengasse im 16. Wiener Gemeindebezirk. Ungefähr hundert Menschen füllen den Veranstaltungsraum, Rauch schwebt über den Köpfen, bald rauchen die Köpfe selbst. Der Brunnenmarkt versiegt, wir müssen handeln, darüber sind sich alle einig, die da sind: die Händler, österreichische wie türkische, die Anrainer, die Kunden, die Magistratsbediensteten, Bezirksvertreter, Baudirektoren und Architekten. Ihnen allen liegt der Brunnenmarkt am Herzen und alle sind sie betroffen, in vielfacher Weise. Die Anrainer wollen mehr Ruhe, weniger Verkehr. Die Händler sind es leid, ihre Verkaufsbuden ewig auf- und abzubauen, das Obst und Gemüse täglich neu ein- und auszuräumen. Die Kunden wollen mehr Qualität, Angebotsvielfalt in der Gastronomie und mehr Parkplätze.

Anrainer und Händler sind heute hier, um bei diesem ersten von sechs Planungstreffen jene vier Bürgervertreter zu wählen, die künftig mit den Magistratsabteilungen 19, 21a und 32 sowie politischen Entscheidungsträgern, Bautechnikern und dem Architektenehepaar Ernst und Brigitta Maczek-Mateovics bis September 2003 das Umgestaltungskonzept erarbeiten werden.

Die Umgestaltung beruht auf drei Säulen: Zuerst wird das Marktgebiet aufgewertet, dann wird der Marktraum gestaltet, und schließlich nimmt die Gebietsbetreuung Ottakring und der Stadterneuerungsfonds die Sanierung von Häusern um den Markt in Angriff.

Szenenwechsel: Kühl ist es am Brunnenmarkt, an diesem grauen, Novembersamstag. Der Atem hinterlässt bereits kleine Wölkchen in der Luft. Wenige Kunden tummeln sich am Markt. Kürbisse buhlen in ihrem Orange mit Mandarinen und Orangen um die Wette. Frische Maroni gibt es und hie und da noch eine Flasche Sturm.

Eine Gruppe türkischer Frauen prüft mit ihren kundigen Fingern einen Haufen knackig grüner Pfefferoni. So mancher davon findet keine Gnade in ihren erfahrenen Fingern. Schließlich füllen die Frauen zwei weiße Sackerln voll, bezahlen und gehen schwatzend weiter. „Heute biiilliger Madame“, ruft der Händler am Eck einer Kundin zu, die seine Ware beäugt. Als sie die Preise liest, runzelt sie die Stirn und geht. Am Würstelstand daneben lehnt ein dicker Mann im Parka an der Budel und taucht seine Burenwurst genüsslich in den Senf. Es duftet stark nach Fett und Wurst. Zu seinen Füßen rinnt seinem dicken, schon weißschnauzigen Hund der Speichel aus dem Maul. Die Würstelverkäuferin spricht angeregt mit ihm.

Eine altere Dame zieht ihren Einkaufstrolley hinter sich her, bleibt beim Fischhändler stehen und deutet auf einen großen Karpfen, der in der ovalen wassergefüllten Plastikwanne schwimmt. Sein letztes Stündlein hat geschlagen, der Händler fischt ihn heraus. Ein geübter Schlag, ein Zucken geht durch den Fischleib, noch ein Zucken, dann nichts mehr. Der Fischhändler schneidet dem Fisch den Bauch auf, mit wenigen Handgriffen nimmt er ihn aus, wäscht und verpackt ihn für seine Kundin. Ein Kind weint plötzlich. Eine kleine Türkin will sich nicht losreißen von diesen rosaroten Barbieimitaten, die ein indischer Tageshändler anbietet. Ihr Vater hat es eilig, zieht die Kleine weg, und die Tränen fließen.

Am Samstag und auch am Freitag finden sich auch Bauern aus der Umgebung Wiens unter den üblichen 190 Händler. Zwei ältere Waldviertler Bäuerinnen reiben sich ihre Hände. Wollene Handschuhe ohne Fingerkuppen bedecken ihre rissigen Hände, die vom Wühlen in den Erdäpfeln ganz erdig sind. Ein Stammkunde plaudert mit den beiden, sie lachen alle drei, der Kunde kauft zwei Kilo speckige Erdäpfel und verabschiedet sich. Seit 20 Jahren sind die beiden schon da, das Geschäft wir immer schlechter, aber beide beklagen sich nicht. Ums Eck in der Bäckerei erzählt der Bäcker Ähnliches. Seine Mohnstrudeln, Striezeln liegen auf der gläsernen Verkaufstheke, dahinter warten Kipferln, Krapfen, Semmeln und Brotlaibe auf die Käufer. „Ich bin schon vierzig Jahre da, aber meine Buben, die wollen das Geschäft nimmer machen, das ist ihnen zu anstrengend“, sagt Hans, der Bäckermeister aus dem Weinviertel. „Ich mache es auch eher noch aus Spaß, das Geschäft ist nicht mehr so wie es früher war.“ - „Aber geh, sag das doch net“, ruft ein blonder Mann dazwischen, „zu dir komme ich immer gern, und du verkaufst nicht so schlecht.“

Zurück in der Brunnengasse: Es sind nun deutlich mehr Kunden unterwegs. Plötzlich riecht es ganz stark nach würzigem Käse, der Käsestand von Herrn Ural ist ein Blickfang. Kostproben und Käse aus Frankreich, Spanien, Deutschland, den Niederlanden, England und mehr, der Käsehit der Woche, alles ist liebevoll präsentiert. Und dann das Dach: Darauf ist ein riesiges Käseeck, daneben eine Maus im blau-weiß-gestreiften Badetrikot, die den Käse anlacht. „Ich habe mir das ausgedacht und ein Freund hat es für mich gebaut“, strahlt Herr Ural, der junge türkische Käsehändler. Er ist für den Brunnenmarkt sehr engagiert und ist auch ein wenig der Sprecher der türkischen Händler. „Meine Arbeit hier ist hart, aber ich liebe sie, mir macht es nichts aus, wie die meisten hier vierzehn Stunden und mehr am Tag zu arbeiten, um zwei Uhr früh jeden Morgen auf den Großmarkt am Rande von Wien zu fahren, um meine Ware für den Tag zu holen; und vor allem - ich liebe Käse.“

Herr Ural ist auch einer der zwei Stellvertreter der Bürgervertreterin für die Händler, Frau Christine Böhm. Die „Christel“, wie sie die eingesessenen Händler respektvoll nennen, ist seit 30 Jahren mit ihrem Gemüsestand nahe der Thaliastraße am Markt. „Schon als kleines Mädchen bin ich mit meiner Mutter auf den Markt gefahren und habe Blumen verkauft.“ Ihre neue Aufgabe kam überraschend, aber ihre engagierte, resche und zugleich warmherzige Art überzeugte damals im Kent die meisten. „Wir müssen die ,gute Kunde' wieder zurückbringen. Die Supermärkte sind eine starke Konkurrenz, aber wir müssen am Markt endlich wieder beste Qualität bieten. Wir müssen besser präsentieren, die Ware muss frisch und g'schmackig aufgelegt sein. Was wir bräuchten, wäre ein Marktmanager, der auf das achtet, der die Händler auch schult.“

Ein wenig Angst geht auch um bei den Händlern, Anrainern und Kunden. Sie befürchten, dass der Markt sein Flair durch die Sanierung verlieren könnte oder dass er einfach zu teuer wird , wie es bei anderen jüngst sanierten Wiener Märkten der Fall war. Harry Lang, Leiter der Marktabteilung 16 des Marktamtes zerstreut diese Ängste. „Die monatliche Marktgebühr von 3,92 Euro pro m² ändert sich ja nicht. Aber wir müssen handeln. Wenn wir jetzt nichts unternehmen, ist der Brunnenmarkt in ein paar Jahren abgewirtschaftet. Ich bin zuversichtlich, dass wir es gemeinsam schaffen, unseren Markt wieder aufleben zu lassen.“


Der Brunnenmarkt

Der Markt ist über hundert Jahre alt und der letzte permanente Straßenmarkt Europas. Er liegt im 16. Wiener Gemeindebezirk, beginnend von der Thaliastraße im Süden bis zum Yppenplatz im Norden 800 m entlang der Brunnengasse. Drei Straßenbahnlinien, 46er, J, 44er - sind mit dem langen Markt verbunden, aber keine einzige nennt ihn als Haltestelle. Ein Gemisch aus 17 Sprachen ist hörbar. 190 permanente und 13 ambulante Verkaufsbuden, d.h. ihre Platzlizenz wird täglich neu vergeben, eifern mit 200 Geschäftslokalen um täglich 2000 Kunden. Drei Viertel davon sind Einwanderer.


Der Markt des Architekten

Das Architektenehepaar Brigitta und Ernst Maczek-Mateovics über die Umgestaltung des Brunnenmarkts im 16. Wiener Gemeindebezirk.

Der Brunnenmarkt ist unser Lebens- und Arbeitsplatz, eines Tages, als wir wieder bis spät nachts gearbeitet haben, gingen wir von unserem nahen Büro hier ins Cafe C.I am Yppenplatz. Das hatte um Mitternacht noch eine warme Mahlzeit für uns", Brigitta Maczek-Mateovics schmunzelt und nimmt einen Zug von ihrer selbst gedrehten Zigarette. Ihr Mann Ernst fährt fort: „Vor einigen Jahren haben wir den Yppenplatz im Rahmen der EU-Gürtel-Plus-Förderung nach vielen Gesprächen mit den Händlern und Anrainern neu gestaltet.“ Wo einst wackelige Holzbuden standen, prägen neue fixe, hölzerne Verkaufsräume mit großen Blenden, in harmonisch abgestimmtem Blau und Grün gestrichen, die Nord- und Südseite des Yppenplatzes. Davor sind die flexiblen Verkaufsbuden.

Das künftige Konzept, den ganzen Brunnenmarkt umzugestalten, sollen die beiden im September 2003 vorlegen. Bis dahin gibt es sechs Planungstreffen mit gewählten Vertretern der Anrainer und Händler sowie mit Vertretern der Behörden. Im März 2003 werden sie ein Zwischenergebnis veröffentlichen. Während der Umgestaltung wird der Markt nicht ruhen. Während kleinere Adaptierungsarbeiten schon bald beginnen, ist der Abschluss bestenfalls 2005 zu erwarten. „Wir wollen die Vorteile des Brunnenmarkts, sein spezielles Flair hervorheben und die teilweise Verwahrlosung und schlechte Infrastruktur wegbringen. Immer weniger Leute kaufen hier ein. Die Menschen empfinden Supermärkte als praktischer. Und dann ist die Ware am Markt nicht immer einwandfrei und nicht immer gut präsentiert. Ein Marktmanager, der auf gute Präsentation schaut, fehlt einfach. Dabei erlebe ich hier am Markt Flair, Kontakt, Genuss und Buntheit, das finde ich nicht im Supermarkt“, meint Brigitta Maczek-Mateovics.

„Es ist viel Arbeit, einen Platz, einen Markt zu gestalten“, so ihr Mann Ernst. „Es braucht Zeit, bis ich weiß, was gut, schön und zugleich funktionell für den Platz ist. Mir scheint manchmal, dass die Leute meinen, der Architekt weiß auf Anhieb, welcher Belag, welche Farben, Einbauten passen. Die sechs neuen Bäume hier am Yppenplatz zum Beispiel, haben wir nicht nur einfach so gepflanzt. Wir haben Raum, Beschattungsfläche, Bewässerungsmöglichkeiten, Kurvenradien für Lastwagen ebenso berücksichtigt wie genügend Freifläche für ein Freiluftkino oder einen Schanigarten. Und letztendlich zeigen die Bäume genau die alten Grenzen der Marktbuden an.“ Dass viele Besucher die mannigfachen Funktionen der Gestaltung zumeist übersehen, stört Ernst Maczek-Mateovics wenig. „Wichtig ist, dass die, die es benutzen, auch zufrieden sind. Und alle Übrigen haben zumindest ein ganz anderes Erlebnis, wenn sie über einen gestalteten Platz gehen, statt über eine Asphaltfläche.“

23. November 2002 Der Standard

Ohne Wille keine Vorstellung

Die Bauherren-Preise werden jünger, fescher, interessanter. Und es wird immer schwieriger, sie zu vergeben, weil gute Architektur trotz allem Hochkonjunktur hat.

Das ALBUM pflegt an dieser Stelle seine Leserinnen und Leser mit einem Wechselbad der Gefühle zu überschütten. Einerseits berichten wir, wie unendlich schwierig und mühsam es für alle Architekten ist - junge und erfahrenere gleichermaßen -, gute Architektur in Form von Modellen durch Investorentüren zu balancieren, Pläne unbeschadet durch die Chefetagen von Bankhäusern und Baubeamtenburgen zu schleusen, um schließlich ein gelungenes Bauwerk auf Wiesen und in Baulücken stellen zu können.

Andererseits dürfen wir, was tatsächlich Wohlgebautes anbelangt, aus einem immer volleren Reservoir schöpfen: Es gibt, landauf, landab, immer mehr gute Häuser, und zu verdanken ist das den wichtigsten Verbündeten der kreativen Bauszene überhaupt, den engagierten Bauherrinnen und Bauherren da draußen.

Alljährlich vergibt denn auch die Zentralvereinigung der Architekten Österreichs die Bauherren-Preise an ihre wackersten Mitstreiter. Denn ohne Wille bleibt die Welt ohne Vorstellung dessen, was Kombinationen aus Bindemitteln und Zuschlägen, Hölzern, Metallen und Gläsern außer mediokren Bunkern und Menschenabstelllagern auch noch sein können, nämlich erfreuliche Kompositionen, Wohlklänge aus Formen, Gestalten und Funktionen, also: Architektur.

Die diesjährige Jury des Preises setzte sich aus Paola Maranta (Basel), Evelyn Rudnicki (Wien), Markus Gohm (Feldkirch), André Hrausky (Ljubljana) sowie Florian Nagler (München) bunt international zusammen. Man teilte sich die 105 eingereichten Projekte auf, beschritt sie, begutachtete noch einmal detailliert und fasste in einer Jurysitzung den Beschluss, dass sechs Preise ohne Reihung und ohne Kategorie zu vergeben seien.

Es wären dies Fred Loimer, der sich vom jungen Wiener Architekten Andreas Burghardt ein formidables Weingut in Langenlois bauen ließ, das Amt der Landesregierung Bregenz, das den Auch-auf-dem-Land-gut-bauen-Pionier Roland Gnaiger gemeinsam mit Gerhard Gruber mit der Planung des Kinderhauses „In der Braike“, Bregenz, beauftragte, des Weiteren die Kallco Projekt Bauträger Ges.m.b.H., die das dynamische Wiener Duo Roman Delugan und Elke Meissl mit der Errichtung eines Wohn-und Bürohauses in der Wiener Wimbergergasse beauftragte, die Bundes Immobilien Gesellschaft, die den Tiroler/Wiener Baukünstlern Dieter Henke und Marta Schreieck den Neubau eines Gymnasiums in der Wiener Heustadelgasse anvertraute, die Firma Trevision, die sich von den ebenfalls aus Wien stammenden Raschnachwüchslern „Querkraft“ ein neues Büro- und Produktionshaus auf die grüne Wiese vor Großhöflein stellen ließ, sowie die Gemeinde mit dem schönen Namen Zwischenwasser, die von Marte.Marte, Architekten aus Weiler, einen neuen Friedhof samt Totenkapelle bekam.

Starten wir unseren virtuellen Architekturrundgang mit dem zuletzt genannten Projekt: Kirchen und Kapellen waren seit jeher eine knifflige, sehr schwierige Aufgabe für Planer, und wenn zusätzlich noch Bedacht auf eine schon bestehende Kirche zu nehmen ist, die ausgerechnet vom alten Clemens Holzmeister stammt, ist Fingerspitzengefühl angesagt. Bernhard und Stefan Marte gewannen den entsprechenden Wettbewerb mit einem außergewöhnlichen Projekt, das zum einen sehr streng konzipiert, zum anderen fast spielerisch auszuführen war. Denn das Material, aus dem die beiden Architekten ihren Erweiterungsbau gemacht sehen wollten, war Stampflehm. Die Jury hob hervor: „Dies stellte für die Bauherrenschaft eine große Herausforderung dar. Noch nie war ein Projekt dieser Art in Stampflehm errichtet worden, und die Realisierung war nur mit einem großen Anteil an Eigenleistung der Bevölkerung möglich.“ Das Endresultat beeindruckt durch eine gewisse Archaik, eine strenge, unfrömmlerische Spiritualität, die diese schönen Räume ausstrahlen.

Die Kollegen von Querkraft fanden in ihrem Auftraggeber, dem Großbilddrucker Trevision, ebenfalls einen fruchtbaren Partner. Sie planten für ein großes leeres Grundstück neben der Autobahn eine geräumige Betriebsansiedlung in Form einer langgestreckten Halle, die teils zweigeschoßig und zuoberst mit Büros befüllt ist. Das Kernprodukt der Trevision - großformatige bedruckte Folien - fand an den Fassadenlängsseiten gleich als Werbeträger für das Unternehmen Verwendung. „Mit einfachen architektonischen Mitteln“, so urteilte die Jury, „wurden der interne Produktionsablauf optimiert, die Hallenkubatur ökonomisch genutzt und für die Mitarbeiter vielfältige Ein-, Durch-und Ausblicke geschaffen.“

Auch die Bundes Immobilien Gesellschaft BIG erwies sich für Dieter Henke und Marta Schreieck als erfahrener Bauherr, der die Qualitäten der Planungen nicht mit unnötigen Auflagen beschnitt. Die AHS in der Heustadelgasse glänzt trotz ihrer Größe durch Luftigkeit und Leichtigkeit, sie gönnt ihren Schülern vernünftige Erschließungswege und viel Licht durch großzügigste Verglasungen. Die städtebauliche Einbettung in ein heikles, kleinteiliges Vorstadtgebiet erfolgte ebenfalls mit Eleganz: Hier klotzt nichts, hier strukturiert der Bau den Raum. Die Jury befand: „Der Bauherr hat mit diesem engagierten Projekt ein hervorragendes Statement zum heutigen Schulbau abgegeben.“

Ebenfalls in Wien ist das neue Wohn- und Bürohaus der Kallco zu besichtigen. Roman Delugan und Elke Meissl haben unter der Beauftragung des offenbar verständnisreichen Winfried Kallinger ihre räumlichen Talente, gemischt mit einem witzigen Materialverständnis und einem Einfühlungsvermögen für alte Bausubstanz, gekonnt auf die Reihe gebracht. Von vorn betrachtet schaut das Haus fast streng und geschäftsmäßig aus, nach innen öffnet es sich zu freundlichen Höfen und in genau jene Kleinteiligkeit, die allzu leicht ins Süßliche übergeht, was hier allerdings vermieden wurde. Das fand auch die Jury: „Überraschend ist die Symbiose pragmatischer Strenge mit der bewegten spielerischen Poesie der Hofbebauung.“

Am anderen Ende Österreichs, in Bregenz, liegt, so die Jury, das vom Amt der Landeshauptstadt in Auftrag gegebene Kinderhaus „In der Braike“ „wie eine Oase inmitten der umgebenden Bebauung“. Auch Roland Gnaiger und Gerhard Gruber verstehen sich ausgezeichnet auf das Spiel von Außen- und Innenzonen, ihr Kinderhaus lässt es an Gemütlichkeit nicht entbehren, ohne je dabei kitschig zu wirken. Schwierige Gratwanderungen werden da beschritten, mit viel Holz und kindgemäßem Design.

Zu guter Letzt steht Fred Loimers Weingut in Langenlois zur Besprechung, das ebenfalls ganz weit entfernt ist von jeglicher Verkitschung, diesmal der weinseligen Art. Ganz im Gegenteil: Eine kühle, räumlich ganz interessante und mit enormen Schaufenstern ausgestattete Angelegenheit lädt hier zur Verkostung der guten Tröpferln ein. Besonders tunlich war der Umgang des Wiener Architekten Andreas Burghardt mit dem Umraum. Zitat der Jury: „Ein Gebäude ist entstanden, das sich trotz oder vielleicht wegen seiner formalen Konsequenz behutsam in die Umgebung einfügt, dessen Struktur und Konstruktion auf das absolut Notwendige beschränkt sind, das jedoch gerade wegen dieser Beschränkung seine räumliche Wirkung voll entfalten kann.“

Die Bauherren-Preise wurden gestern in Dornbirn vergeben, die Ausstellung ist ab heute bis 22. Dezember im Vorarlberger Architekturinstitut zu sehen und wird in der Folge nach Klagenfurt, Wien und Graz wandern. Wer nicht vorbeischauen kann, dem sei der Internetlink www.zv-architekten.at empfohlen.

22. November 2002 Der Standard

Spannende Entspannungen

Die Wiener Architekten BEHF haben der Hamburger Reeperbahn mit einem raffiniert gestalteten Sex-Supermarkt ein neues High-Light verpasst: Reduziert, statt schrill. Kommunikativ statt intim. Zeitgemäß statt schmuddelig.

Die Wiener Architekten BEHF haben bereits einige ausgezeichnete Projekte hingelegt, und sie halten an ihrer Seriosität auch dann fest, wenn die Bauaufgabe einmal eine der ganz anderen Art ist: Ihr jüngst auf Deutschlands schillerndster Meile, der Hamburger Reeperbahn, eröffneter Sex-Megastore entwickelte sich binnen kürzester Zeit zu einem beliebten Treffpunkt für Leute jeglicher Provenienz und Nationalität. Welche designerischen Qualitäten dafür notwendig waren, und wie man sich der Schmuddeligkeit entzog, erklärt BEHF-Mitgründer Stephan Ferenczy im Interview.

DER STANDARD: Wie kommen Wiener Architekten dazu, in Hamburg einen Sex-Supermarkt zu bauen?
Stephan Ferenczy: Ich bin in Hamburg aufgewachsen und vor 17 Jahren nach Wien übersiedelt. Alte Freunde von mir haben dieses Objekt unter professionellen wirtschaftlichen Gesichtspunkten übernommen. Es gab dort drei bestehende Geschäfte mit insgesamt 1400 Quadratmetern Verkaufsfläche. Das eine war auf Videos, das andere auf Fetisch-Kleidung spezialisiert, und dann gab es noch eine Peep-Show, die man nicht weiter fortführen wollte. Deshalb wurden die Geschäfte zu einem großen Megastore zusammengelegt.

Was lässt sich über das alte und das neue Erscheinungsbild sagen?
Es gab diese Schmuddeligkeit, von er wir absolut weg wollten. Das Geschäft sollte sich und seinen Auftritt bereits äußerlich positionieren. Die Reeperbahn hat eine grellleuchtende, tivoliartige Fassadenkultur und dahinter steckt die erwähnte Schmuddeligkeit, und zwar bei jeder Art von Gewerbe. Wir brauchten klare, bereinigte Strukturen und wollten darüber hinaus zusätzliche Inhalte schaffen: Zonen, in denen man Kaffee trinken, sich mit jemandem treffen kann, in denen es Infos gibt, und wo eine gewisse Absichtslosigkeit herrscht.

Eine Institution der Begegnung also?
Kommunikation wäre auch ein schönes Wort dafür. Es hat sich gezeigt, dass nicht nur Prostituierte kommen, sondern auch viele Touristen und normale Bürger hier einkaufen. Der Shop hat immerhin bis zwei Uhr nachts offen und macht morgens um zehn Uhr wieder auf.

Was lässt sich über die Architektur sagen?
Wir haben keine speziellen Antworten für dieses doch sehr spezielle Thema gesucht, sondern eine Hardware geschaffen, die klar und bereinigt ist: Ein sauberer Betonfußboden, eine neue Erschließung, eine großflächige Fassade. Dazu gibt es die beleuchtete Fassade, die bespielbaren Flächen und Regale, in denen die Ware ohnehin aufregend ist, sowie Inszenierungszonen. Das sind Schwerpunkte, wie Sado-Maso, Gummiklamotten, Fetisch-Kleidung.

Es fällt auf, dass manche Umkleidekabinen transluzent sind, man also gut ahnen kann, was da drinnen gerade los ist.
Das Spiel mit Intimität und Exhibitionismus gehört einfach dazu. Umkleiden ist ein wichtiges Ereignis - sich zu verwandeln, sich etwas zu trauen.

Und wie schaut die Fassade aus?
Man spaziert auf der Reeperbahn in einem unglaublichen Licht-Farbe-Gewitter. Wir wollten, dass das Lokal durch eine klare, fast weiße Wolke auffallen und unmittelbar nach dem Eintreten schon einen guten Überblick bieten sollte. Es zieht nun die Leute genau dahin, wo sie sich vorstellen, sich umschauen zu wollen.

16. November 2002 Der Standard

Architektur oder Schlagoberstüpferl

Die Architekten wollen die Politiker in die Pflicht nehmen.

Kein denkender Mensch kann Zweifel daran hegen, dass Architektur, Bauen, Städtemachen ein elementares Thema der Politik im puren Sinne des Wortes ist. Die gebaute Umwelt und ihre Qualität betrifft jeden einzelnen von uns direkt, und es ist ein grausamer Zynismus, dass Architekten von jenen, die Machtfäden in Händen halten, allzu gern und viel zu oft lediglich als Behübscher und Schlagoberstüpferlmacher betrachtet werden.

Architektur, so die Meinung der meisten Politmacher bis hin zu vielen Bürgermeistern, sei ein gewisser Luxus, ein vor den Wählern zu verantwortendes über-die-gewöhnlichen-Ansprüche-Hinausgehen. Architektur, aber das wissen nur die, die sie gut machen und noch ein paar wenige andere, beginnt vielmehr schon in den Köpfen der Entscheidungsträger, setzt sich fort in sorgfältigem Nachdenken über Häuser und Städte und in der Beauftragung derjenigen, die sich damit auskennen. Mit Material, Form, Kalkulation und den Menschen, die diese Häuser und Städte später benutzen - und die im übrigen in der Folge auch zur Wahlurne schreiten werden. Andererseits haben die Architekten in ihrer jeder Beschreibung spottenden politischen Patschertheit verlernt, ihre Qualitäten auf dem glatten Parkett der Macht so zu verankern, dass sie auch wirklich ernst genommen werden - sieht man von wenigen geschmeidigeren Ausnahmen einmal ab. Interessanterweise zieren regelmäßig gerade jene Architekten die Opernballloge der Kanzler und Präsidenten, die international Anerkennung und Aufträge fanden, hierzulande allerdings lange Jahre Hunger leiden durften.

Kommenden Montag wird all dies kräftig zur Debatte stehen, denn vor allem die junge Architektengarde will nicht länger zuschauen, wie sich die politischen Machtsüppchen in Form einheitsbreiiger Allerweltsarchitektur über die Lande ergießen, wie wichtige Bauaufgaben den guten Freunden der Mächtigen zugeschanzt und Baukulturträger ausgehungert werden. Aus diesem Grund laden die Wiener und die Tiroler Architektenkammer, die IG-Architektur und die Architekturfakultät der Wiener Akademie für bildende Künste als Plattform für Architektur und Baukultur (unterstützt auch von einer Reihe wichtiger Architekturinstitutionen) zu einer Podiumsdiskussion zum Thema „Architekturpolitik und Baukultur in Österreich“. Unter der Moderation von Franziska Leeb (im STANDARD für die Neuen Häuser zuständig) werden Vertreter von SPÖ, ÖVP, den Grünen und der FPÖ auch dem Publikum Rede und Antwort stehen. Auf dem Podium werden erwartet: Josef Cap (Parlamentsclubchef der SPÖ), Andrea Wolfmayr (Kultursprecherin der ÖVP), Eva Glawischnig (stellvertretende Parteiobfrau der Grünen) sowie ein/e zu Redaktionsschluss noch nicht feststehende/r Vertreter/in der FPÖ.

Zur Vorbereitung der solchermaßen geforderten Politiker wurde ein zehn-Punkte Fragenkatalog erarbeitet und vorab ausgesandt. Die Fragen beschäftigen sich 1.) mit dem künftig zur Verfügung stehenden Budget für entsprechende Architekturpolitik, (derzeit 1,6 Millionen Euro), 2.) mit dem Bekenntnis zur zeitgemäßen, qualitätsvollen Planungskultur und die entsprechenden Maßnahmen und Anreize, 3.) mit der Festlegung von Qualitätsstandards für öffentliche Bauvorhaben, 4.) mit einer gewünschten Instanz, die Architekturpolitik effizient umsetzen, Architektur quasi zur „Chefsache“ machen könnte, 5.) mit der Anerkennung von Leistungen auch durch entsprechend einzuhaltende Honorarrichtlinien, 6.) mit der Vergabe nach Wettbewerb, Qualität und nicht nur - wie so oft - ausschließlich nach Kostenfaktoren, 7.) mit einer interdisziplinär vernetzten, ganzheitlichen Planungskultur, 8.) mit der Qualität der Ausbildung, 9.) mit bildungspolitischen Maßnahmen zur Architekturvermittlung und 10.) mit der Förderung des architektonischen Nachwuchses.

Das mit Abstand ausgearbeitetste Antwortprogramm lieferten die seit geraumer Zeit in Sachen Planungspolitik äußerst engagierten Grünen, die im Gegensatz zu den anderen Parteien Fachleute in ihren Reihen aufweisen können. „Architekturpolitik“, so der nicht ganz von der Hand zu weisende Schluss, „gab es noch nie in Österreich. Unser wichtigstes Ziel ist, das zu ändern“. Und: „Es geht um das Ziel der Gesamtqualität von Planungs-, Bau- und Nutzungsprozessen als eine wahrnehmbare Integrations- und Kulturleistung der Gesellschaft.“ Die ÖVP ist sich zumindest bewusst, dass es „in Österreich eine große Anzahl hervorragender Architekten und Ingenieure“ gibt, die „ihr Know-How auch international schon unter Beweis stellen konnten“. Die FPÖ zitiert sicherheitshalber Otto Wagner, dessen Ansicht, dass „alles modern Geschaffene dem neuen Material und den Anforderungen der Gegenwart entsprechen“ müsse. Die SPÖ bekennt sich zu einer „zeitgemäßen, qualitativ hochwertigen Architektur und Planungskultur für die Bautätigkeit des Bundes“ und „tritt für die Errichtung eines Architekturrates ein, dessen Aufgabe es wäre, qualitätsorientierte Langzeitstrategien zu entwickeln und ein Architekturleitbild für den öffentlichen Auftraggeber zu erstellen. Darüber hinaus sollen die rechtlichen Grundlagen dafür geschaffen werden, dass der Bund als Bauherr neben wirtschaftlichen und funktionellen Kriterien auch die Förderung der Baukultur und der architektonischen Qualität als Kriterien zu beachten hat.“ All diese frommen Wünsche werden offenes Ohr bei den Bauleuten finden, und man kann davon ausgehen, dass die Plattform für Architektur und Baukultur nach den Wahlen in diesen offenbar ergiebigen Minen guten Willens nachschürfen wird.


[„Architektur und Baukultur in Österreich“, Podiumsdiskussion mit Vertretern der SPÖ, ÖVP, Grüne, FPÖ, Montag, 18.11. ab 20 Uhr im Atelierhaus der Akademie der bildenden Künste (Semperdepot), Wien. Alle Fragen und die Antworten der Parteien gibt es unter www.architektur-inprogress.at]

13. November 2002 Der Standard

Naturspaziergang in Architektur

Am Donnerstag wird Hans Holleins NÖ-Landesmuseum eröffnet. Der Architekt hat Kunst und Natur in St. Pölten zu einem Haus verschränkt, das keine Architektur-, aber Publikumspreise bekommen dürfte und das Niederösterreich als Land der Wasser präsentiert.

Hans Hollein kann prächtige Museen bauen, das hat er mehrfach unter Beweis gestellt. Kommenden Donnerstag eröffnet der Wiener wieder eines, diesmal ausnahmsweise in hiesigen Gefilden. Hollein weiß selbst, dass das Niederösterreichische Landesmuseum in Ordnung, aber nicht sein allerbestes Werk ist. Er nahm vergleichsweise knappe Budgetmittel (183 Mio. Schilling Bauherstellungskosten), mixte sie mit dem Starrsinn der Normenmacher und Baubehörden („hier wurde gespart, wo nur gespart werden konnte“), stellte seine Grundfesten auf schwarzes Machtmonopol im roten Gemeindeland und produzierte trotzdem etwas, das sich sehen lassen kann.

Über die Außengestalt des neuen Museums lässt sich zwar streiten, was wir an dieser Stelle allerdings nicht tun werden. Nur die Frage, ob die Dachwelle über dem nunmehr aus Gründen der Ersparnis gemeinsamen Eingangsbereich von Shedhalle und Landesmuseum wirklich dergestalt geschwungen sein muss, darf gestellt sein.

Innen ist das neue Werk allerdings gelungen und durchaus das, was es sein soll: ein kleines Museum eines kleinen Landes, mitten in der Provinz. Ein Haus für Schulkinder und Lehrer, für Heimatkundler, Biedermeieranhänger und Raubvogelliebhaber. Hollein versuchte die verschiedenen Inhalte der traditionellen und nun aus Wien in die angestammte Heimat übersiedelten Institution - Kunst, Geschichte, Natur des Landes - architektonisch nachzuvollziehen und dennoch in Teilen miteinander zu verschränken: Die Kunst ist in einem strengen Schrein untergebracht, die Natur wird über organisch geschlungene Pfade in einer hohen Halle abspaziert, beide Aspekte zwinkern einander über Durchblicke und Durchgänge zu: die gepinselten Baum- und Wiesenidyllen hier, die nachproduzierten Naturlandschaften dort. Hollein: „Es gibt ein bewusstes Übergreifen von Kunst und Natur, der Naturteil ist anders durchwandelbar als die Kunst. Ich habe ein Instrument geschaffen, auf dem die Kuratoren spielen können. Sie müssen sich nun aussuchen, ob sie die Geige oder das Alphorn bevorzugen.“


Letzte Schaufeltiere

Vor allem die Schulkinder, die, stets in engen Klassen-und Wohnungskästchen verwahrt, kaum je die Sensation des großen Raumes erleben dürfen, werden hier rote Bäckchen bekommen vor Begeisterung. Der Naturpfad schlängelt sich über Treppchen und Rampen großzügig durch die Halle. Der Weg ist frei wählbar. Man kann ihn unten in den Sumpflanden der Donauniederungen einschlagen oder oben im ewigen und echt nachproduzierten Gletschereis des Gebirges. Man kann zwischendurch in den Wipfeln des mächtigen künstlichen Eichenbaumes einsteigen, in dem ausgestopfte Singvöglein nisten, oder man nähert sich der Natur erst einmal über die präparierten Elche, die verblichenen, letzten Schaufeltiere ihrer Art im Land des Marchfeldes, der Donauauen und der Wachau.

Dem Architekten war vor allem die thematische Aufbereitung der großen und kleinen Wasser Niederösterreichs ein wichtiges Anliegen: „Ich wollte allerdings publikumswirksame Aquarien haben, nicht solche wie im Chinarestaurant an der Wand.“ Wenn er schon die Ausstellung nicht selbst hängen und installieren durfte (warum auch immer), was in eine gewisse Naturkundekammerhaftigkeit mündete, so konnte er sich wenigstens wassermäßig kräftig durchsetzen. Das gesamte Naturmuseum ist denn auch, die niederösterreichische Topografie, Flora und Faune widerspiegelnd, mit den verschiedensten Wasserbecken, Aquarien und Bachläufen durchzogen.

Im großen Donau-Becken ganz unten ziehen träge Karpfen, Waller, Welse, Stöhre ihre Kreise, weiter oben tummeln sich Bachforellen und Saiblingschwärme im Wildwassergekräusel des Alpenvorlandes.


Sanftes Lichtgeriesel

Die lebendigen Viecherln beleben natürlich so ein Haus voll ausgestopfter Artgenossen ungemein, die Raubvogelschar, in schöner Regelmäßigkeit an einer hohen Wand behorstet, nimmt sich dagegen eher langweilig aus. Wen das Trockene interessiert, der kann die - ebenfalls lebendige - Flora und Fauna in einer Lößwand studieren, die in Kunstoff abgegossen wurde. Mineralien, Gesteine, Versteinerungen und eine tropfende Tropfsteinhöhle samt Höhlenbärenknochen und Stalaktiten und -miten runden den Naturwanderpfad ab.

Die Kunstwelt Niederösterreichs ist dafür in strenger Geometrie beheimatet. Die Lichtführung der fünf Meter hohen Kunsthalle ist beeindruckend, sie erfolgt über eine transluzente Membran, über der die Fenster eines ebenso hohen verborgenen Raumes für jenes indirekte Lichtgeriesel sorgen, wie es sich Museumsmacher wünschen.

Der hier zu besichtigende Bilderbogen spannt sich von den Barocken Paul Troger und Franz Anton Maulbertsch über den biedermeierlichen Ferdinand Waldmüller bis zu Egon Schiele und Zeitgenossen wie Elke Krystufek, Gunther Damisch und Heinz Cibulka.

Das Niederösterreichische Landesmuseum ist, das macht sich in vielen Details bemerkbar, von einem Könner der Architektur gemacht, doch Hans Hollein kriegt dort so richtig seine Kilometer auf den Boden, wo er aus dem ganz Vollen schöpfen kann. Das durfte er hier nicht, sein leichter Ingrimm gegenüber der die Baugesetze bewachenden Beamtenschaft ist etwa angesichts der überaus aufwändigen, weil so diktierten Geländerlandschaft in der Natur-Halle nicht unverständlich.

Und als absolutes Manko bleibt noch zu bemeckern: Museumsshop und Café reduzieren sich auf eine Miniatur-Selbstbedienungszone. Auch der Provinz hätte hier die großzügigere Geste wohl zu Gesicht gestanden.

9. November 2002 Der Standard

Der Berg ruft. Er schreit: Aper!

Eine Indoorpiste - outdoor auf den hohen Berg gestellt: Der Ischgler Tourismusprofi Günther Aloys und der Grazer Architekt Volker Giencke wollen dem Gebirge den Schnee das ganze Jahr über anschnallen.

Da der Winter mittlerweile angeblich auch nicht mehr das ist, was er einmal war, findet in der Saison der Skifahrer und Snowboarder regelmäßig die große Suche nach dem großen Schnee statt. Der Berg ruft. Aber was sagt er uns? Aper hier. Aper dort. Albtraum.

Der Tourismusprofi Günther Aloys, der seinerzeit schon das verträumte Kaff Ischgl im Tiroler Paznauntal vom „where the hell is Ischgl“-Insidertip zum jugendlichen Massenski-und-Boarder-Ort in eine mitunter fast schon bedenkliche Wachheit gerüttelt hat, ist nicht nur ein vom Berg Gerufener. Er ist ein Rufender der Berge. Seine jüngsten Visionen manifestierten sich zu Plänen, und die erstellte der Grazer Architekt Volker Giencke. Gemeinsam wollen sie dem Berg, der letztlich ja nichts dafür kann, dass das Klima sich erwärmt, einen wetterfesten Rucksack in Form einer schönen, eingehausten Pistenkonstruktion umschnallen.

2,4 Kilometer lang könnte die sein und zwischen 25 und 60 Meter breit. Sie würde sommers gekühlt zur hochalpinen Dauerpiste und winters mit Kunstschnee befüllt zur wetterfesten gestöberfreien Zone, wenn draußen der Sturm heult. Sie würde, so Aloys, zum „großen öffentlichen Bahnhof der Begegnungen“, in dem „Sehen und Gesehenwerden stattfinden“, denn der Tourismusmanager von heute sei zum „Moderator von Beziehungsdefiziten“ geworden. Authentizität gebe es nicht mehr, die sei lediglich in der „Wahrheit und Echtheit des Augenblicks“ zu finden.

Wie auch in der Architektur: „Design und Architektur“, so der kreative Bergfex, „wird für die neue und next Generation immer mehr zur Droge. Geben wir ihnen diese Droge. Was nicht Design ist, verkauft sich nicht. Was nicht Architektur ist, ist nicht spektakulär und trifft das emotionale Zentrum des Menschen nicht mehr.“

Bevor wir uns hier allerdings über Gestalt-und Wahrnehmungsphilosophie verbreiten, schauen wir uns das Ding lieber wertfrei an: Architekt Volker Giencke hat dafür einen langen, geräumigen Schlauch mit Panoramaverglasung entworfen. Die tragende Konstruktion besteht aus im Zickzack verlaufenden Raumträgern, die sich gegenseitig stützen und für Aussteifung sorgen. Die Kosten des Pistenwurmes belaufen sich, je nach Ausstattung, auf geschätzte 180 bis 250 Millionen Euro.

Tatsächlich ist die Idee der Indoorpiste alles andere als neu. Wie DER STANDARD bereits berichtete, eröffnete in Tokio vor geraumer Zeit ein ähnliches Konstrukt seine Skilifte, auch in anderen Großstädten gibt es eingehauste künstliche Hänge, die das ganze Jahr über berutscht und befahren werden.

Doch auch diese großstädtische Idee, so Giencke und Aloys, ließe sich erheblich verbessern und optimieren und auch in großem Rahmen exportieren, weshalb gleich ein zweites Projekt der Öffentlichkeit vorgestellt werden soll: die Snow-Bubble. Sie ist, was ihr Name verspricht, nämlich eine raumflächenwabernde Angelegenheit, in der „Erlebniswelten“ des Schnees und „Trainingsstätten für Kinder“ untergebracht werden können - auf durchaus steilen, quasi hochalpinen und nicht nur flachen Babyrutschhängen.

Das Indoor-Thema lautet natürlich Skifahren und Snowboarden, und dazu bedarf es einer intelligenten Außenhaut der Schneekugel. Giencke denkt und entwirft großformatige Gitterschalenkonstruktionen mit transparenten, wärmedämmenden und die Einstrahlungsenergie reflektierenden Eindeckungen, sodass indoor auch ein wenig outdoor ist, man die Ansichten von Eiffelturm, Steffl oder Central Park auch gleich ein wenig mit inhaliere.

Der Österreich-Tourismus, so Giencke und Aloys, erlebe „jährlich Einbußen von mehreren Prozent“. Ihr Konzept sei also eines der Zukunft und vor allem auf die Jugend abzielend. Giencke: „Es wird davon ausgegangen, dass es mindestens 50.000 Kinder sind, die in einer Großstadt dieser Welt potenzielle Nutzer des Snow-Bubble sein werden. Sie sollen zu jeder Jahreszeit mit Schnee in Kontakt kommen können, weil Schnee als Material emotional positiv besetzt ist.“ Hallenbäder waren ja auch einmal Vision. Also auf zum Hallenskifahren.

25. Oktober 2002 Der Standard

„Eine Kunstform, die anwendbar ist“

Patrik Schumacher über das virtuelle und das reale Bauen

Für Kurator und Partner von Zaha Hadid, Patrik Schumacher, stellt sich die Frage nach Kunst oder Architektur nicht: Wichtig ist das Neue und das tatsächlich Anwendbare.

STANDARD: Sie haben die Ausstellung Latente Utopien gemeinsam mit Zaha Hadid zusammengestellt. Was soll sie können?
Patrik Schumacher: Sie soll ein ästhetisches Erlebnis sein, hier soll man Architektur nicht nur über Zeichnungen oder Modelle, sondern von innen heraus erleben können.

STANDARD: Die gezeigten Gruppen sind fast alle relativ bekannt und stehen für eine ganz bestimmte avantgardistische Sicht der Architektur. Andere Sparten wurden nicht berücksichtigt. Wie haben Sie die Auswahl getroffen?
Schumacher: Latente Utopien soll einen Überblick über die Haupttendenzen der gegenwärtigen Architekturszene bieten. Gezeigt wird die experimentelle Frühphase einer Stilentwicklung mit den dazu notwendigen neuen Entwurfsmedien. Wir haben eine 3D-Situation, in die auch Interaktivität und Elektronik eingeführt werden. Am Zeichentisch geht ein solches Entwerfen nicht, per Computer kann man etwa Lichtsituationen animieren und kinetische Objekte simulieren. Die Architektur entwickelt sich in Richtung einer abstrakteren, interaktiven Welt, und was wir hier sehen, sind Fragmente davon.

STANDARD: Der Besucher spielt als Raumerfahrer eine gewichtige Rolle?
Schumacher: Es ist wichtig, das Publikum einzubeziehen. Die Besucher sollen Raumideen erfahren und ausprobieren. Architekten wie etwa Propeller Z spielen geradezu damit.

STANDARD: Trotzdem sind bei Ausstellungen dieser Art immer die Arbeiten der selben Architekten zu sehen. Warum?
Schumacher: Es gibt nun einmal nicht viele, die in dieser Sparte arbeiten, und man kann neue Leute nicht aus der Luft greifen. Wer mit diesen Dingen beschäftigt ist, der kennt die anderen, die ähnlich entwerfen, sehr rasch alle. Ereignisse wie diese Ausstellung und das Symposium sind auch eine gute Gelegenheit für Künstler, Architekten und Designer, einander zu treffen und sich untereinander auszutauschen. Ich denke, dass diese Ausstellung repräsentativ ist für das, was da momentan international abgeht.

STANDARD: Inwieweit hat diese Art, Architektur zu machen, Niederschlag in der wirklichen, gebauten Welt?
Schumacher: Leute wie Zaha Hadid und Coop Himmelb(l)au sind aufgrund ihres Alters die Ausreißer, sie zeigen aber zugleich vor, dass ihre Projekte auch gebaut werden. Alle anderen hier vertretenen Architekten sind Kinder der 90er-Jahre, und selbst sie beweisen, wie etwa Spuybroeck, MVRDV und UN-Studio, dass sie große gebaute Realitäten liefern können. Es sind darüber hinaus sehr junge Teams dabei, Leute, die unter 30 Jahre alt sind.

STANDARD: Provokant gefragt: Will die Schau eine Kunst- oder eine Architekturausstellung sein?
Schumacher: Was soll's? Gezeigt wird das Experimentieren mit neuen Medien, Materialien, Formenwelten. Es passiert das Gleiche in der Architektur wie in der Kunst auch. Es handelt sich letztlich um Kunstformen, die anwendbar werden, wie etwa die städtebauliche Simulationen von Foreign Office Architects in Yokohama oder von Zaha Hadid Architects in Singapur zeigen. Es geht aber auch um das Ausprobieren von neuen Lebensgefühlen und um eine neue Phänomenologie des Alltags.

STANDARD: Ist das neu? Oder ist das nur die Übersetzung einer alten Idee in neue Medien und mit neuen Mitteln?
Schumacher: Es gibt die Selektion und die Reproduktion, wir befinden uns in der Phase der Mutation. Die Überfülle der gezeigten Beispiele ist notwendig, um Neues, Anwendbares herausfiltern zu können.

25. Oktober 2002 Der Standard

Polyphoner Dom in neuer Komposition

Der vielstimmige Chor einer neuen Kunst-Architektur erklingt am steirischen herbst. Die Ausstellung Latente Utopien im Grazer Joanneum besingt letztlich die Erhabenheit des Raumes ebenso polyphon wie die Renaissance- komponisten die Dombauten ihrer Zeit - nur mit anderen Mitteln.

Es ist alles eine Frage des Mediums. Früher einmal war das Medium Nummer Eins der Liebe Gott, heute ist es - nein, nicht der Computer, sondern der Mensch selbst, der Einzelne und seine Erfahrungssucht nach sich und seinem Innenleben. Es könnte allerdings auch sein, dass es gar keinen Unterschied zwischen dem einen und dem anderen gibt.

Die Ausstellung Latente Utopien, eine Koproduktion mit Graz 2003 - Kulturhauptstadt Europas, ist eines der hübschesten bunten Blätter am Kleid des heurigen Steirischen Herbstes. Hier singen die Architekten vielstimmig, aber sozusagen im gemeinschaftlichen Chor das Hohelied der Selbsterfahrung und der Transformation des Altbekannten in neue, auch mediale Dimensionen.

Jede der gezeigten Gruppen hat einen Raum oder einen Raumteil zugewiesen bekommen und mit dem allerlei angestellt: ihn verbaut, ihn mit Modellen, Tapeten, Sitzgelegenheiten et cetera komplettiert. Das Raumerleben der Besucher und damit das eigene steht hier an erster Stelle, das Etwas-mit-sich-Geschehen-Lassen, das Erfahren neu interpretierter Dimensionen - und das ist schon in Ordnung so, weil auch die Dombaumeister zu ihrer Zeit genau gewusst haben, mit welchen neuen Kniffen und nie dagewesenen Raumspektakeln ihre Kunden zu beeindrucken waren.

Die Schau der irakisch-britischen Architektur-Ausnahmeerscheinung Zaha Hadid und ihres Büropartners Patrik Schumacher, das sei vorweggenommen, ist gut geworden. Sie ist reichhaltig, vielfältig, sie bringt die wohl prominentesten Neudenker der planenden Zunft an einem Ort zusammen.

Latente Utopien zeigt die Arbeiten einer ganz bestimmten kleinen, kräftigen - nicht zuletzt auch kräftig medial unterstützten - weltweit angesiedelten, sich untereinander austauschenden Architekturtruppe endlich auch in Österreich. Doch neu, das darf bemerkt werden, ist hier kaum etwas. Aufmerksame Biennale-Besucher kennen nicht nur die Architektennamen, sondern auch diverse hier gezeigte Arbeiten, und wer Archilab in Orleans, die europäische Mutter aller solcher Veranstaltungen, besucht hat, hat eigentlich all dies bereits in verschiedenen Abwandlungen gesehen.

Der selbe Architekturtroß zieht von Land zu Land, von Ausstellung zu Ausstellung, trotzdem: Vor allem interessierte Laien werden hier einen Eindruck nach Hause in ihre geraden vier Wände mitnehmen dürfen, was Architektur auch sein kann, vielleicht einmal sein wird: Nämlich ein gekonnter Mix aus Kunst, Wissenschaft, neuer Technologie, neuer Wahrnehmungsphilosophie. Was will man mehr? Vielleicht einen neuen Titel für das Geschehen? Architunst oder Kunstitektur?

Irgendwann einmal, zwischen den Spektakeln, beginnt man sich allerdings zu fragen: Was, um Gottes Willen, denken sie eigentlich neu, diese Architekturcouturiers? Was wollen die wendigen Morpher und Computerkomponierer überhaupt? Und was wollen sie uns mit ihren aufregenden Rauminstallationen und angeblich neuen Formen eigentlich sagen?

Die Rauminterventionen deuten jedenfalls an, was wie neu gedacht werden kann. Sie zeigen auf, wie mit Material, Technik, Idee experimentiert wird, wie man mit primitiven Spiegeln und Lichtern ganz überraschende Raumeffekte erzielt, wie sich die verschiedenen Diszipline mehr oder weniger elegant zu einem Schaukabinett vermischen, und wie sie da drinnen miteinander spielen. Auch das ist letztlich keine neue Erfindung, sondern die transformierte Idee der Idee, allerdings zeitgenössisch umgesetzt, und damit haben wir ihn schon, den so genannten Fortschritt.

Als Brunelleschis revolutionärer Dom zu Florenz Anno Domini 1436 eingeweiht und mit himmlischen Spektakeln den Irdischen übergeben wurde, komponierte Guilleaume Dufay eine vielstimmige Motette („nuper rosarum flores“) zur klanglichen Untermalung dieses Ereignisses. Er transponierte dafür die Proportionen des Domes in das Medium Musik, eine damals hochmoderne Angelegenheit.

Die bis zu 16-stimmigen Chöre und Kanons der Renaissance sind architektonisch komponierte Meisterwerke, sie weben nach strengen mathematischen - freilich schon da gewesenen - Formeln und Proportionen überirdische Klangkörper, lassen sie in Türme und Erker auslaufen, malen klangliche Architekturen in den erlauschten Raum: Man hört sozusagen fast das Licht über die Emporen bis zu den Kirchenbänken hinabrieseln. Letztere gab es natürlich zu Brunelleschis Zeit noch gar nicht - auch sie waren später einmal architektonische Avantgarde in alter Architektur, womit bewiesen sei, dass alles nur eine Frage des Selbstverständnisses der jeweiligen Zeit ist.

Die Herbst-Ausstellung feiert letztlich den gleichen Triumph der Utopie, der etwas besingt, was da ist. Gezeigt wird allerdings mehr der Gesang, als das gepriesene Produkt, doch auch dagegen gibt es nicht das Geringste einzuwenden.

Es ist ein wenig zur Mode geworden, die Utopisten der Architektur zu geißeln, ihnen die Existenzberechtigung angesichts der mannigfaltigen scheinbar handfesteren Bauaufgaben dort draußen in der freien Stadtnatur abzusprechen. Doch dieses mag kurzsichtig gedacht sein. Kurator Patrik Schumacher hat auf solche Gegenstimmen die wahrscheinlich richtige Antwort: Es sei notwendig, eine Vielzahl von kreativen Köpfen rauchen zu lassen, um dann aus einer kritischen Masse neuer Ideen diejenigen Entwürfe herausfiltern zu können, die tatsächlich Anwendung in der gebauten, soliden, dreidimensionalen Architektur finden werden.

Und auch damit geizt die Ausstellung nicht. Da wäre zum Beispiel Lars Spuybroeks (NOX Architekten) Konzerthalle und Ausstellungszentrum für Lille (geplante Eröffnung 2004) zu erwähnen, eine sanft geschwungene, mit der Topographie spielende Angelegenheit, die, dem Modell nach zu schließen, ein schönes, nicht zu unruhiges und trotzdem aufregendes Haus werden dürfte. Der Computer hat beim Entwurf eine tragende Rolle gespielt. Da gibt es das via Computer hochgetunte Musée des Confluences in Nantes von Coop Himmelb(l)au, das ebenfalls gebaut werden soll und hier in Form eines großen Modells genau studiert werden kann. Die Architekten haben, um das Raumerleben darinnen zu simulieren, eine kleine rotierende Kamera eingebaut: Ihre Bilder werden auf Leinwände projiziert und vermitteln einen virtuellen Spaziergang durch eine Architektur der Zukunft.

Apropos Leinwand, heute gerne „Screen“ genannt: Des Flirrens scheint in den Latenten Utopien kein Ende sein zu wollen. Fast jeder der Teilnehmer lässt die Pixel und Farbpünktchen fliegen, dass es eine helle Freude ist. Die holländische Gruppe MVRDV, ebenfalls recht kräftig im realen Architekturgeschäft unterwegs, zeigt mittels Projektion aber Handfestes, nämlich die städtebaulichen Planspiele, die ihre selbst entwickelte Software zu errechnen imstande ist. Parameter wie Bevölkerungsdichte oder Mindestbelichtung stecken gewisse Rahmen ab, in denen sich das Gebaute zu bewegen hat: Hier wird angesichts der städtebaulichen Probleme allerorten ein intelligenter Weg in eine neue Planungszukunft eingeschlagen.

Der Computer ist nur das Produkt des Mediums Mensch, ein raffinierteres Werkzeug, vielleicht eine Art Steinmetzmeißel der Gegenwart. Wo er in Blitzesschnelle errechnet, was viele Menschen an dicht besiedelten Orten brauchen, wird die Sache spannend. Wo er eingesetzt wird, um lediglich irgendwelche scheinbar neuen Formen aus altem Material wie Styropor oder Holz zu schnitzen, geht die Spielerei leicht in Belanglosigkeit über. Der Amerikaner Greg Lynn, einer der Computerarchitekturpioniere, ist jedenfalls eine solche Enttäuschung. Seine gemorphten Teekannen für Alessi sind der evolutionär vertrottelte Pfauenradschlag der Architektur. Auch das Morphing von den ebenfalls an der Westküste Amerikas beheimateten Asymptote wird langsam wirklich fad. Viel spannender entwerfen da die Studenten der Designabteilung der renommierten Londoner AA.

Sie haben räumliche Modelle entwickelt, mit Sensoren im Ausstellungsboden verknüpft, sodass die sich je nach Besucherstrom bewegen, verwerfen, Wellen schlagen. Ideen wie diese sind auch nicht ganz taufrisch, aber hier handfest angewendet. Die graue Theorie beginnt sich zu färben, Produktentwicklungen wie diese könnten tatsächlich Niederschlag in der wirklichen Welt haben.

Während ein paar poetischere Installationen wie etwa UN-Studios holographische Simulation eines Bürotages im Architektenleben eher dem Reiche der netten Belanglosigkeiten zuzuordnen ist, lässt Reiser & Umemotos Magnetfeld-Inszenierung ein paar interessante Interpretationsmöglichkeiten zu. Hier wird anhand kleiner beweglicher und fluoreszierender Stäbchen - in ameisenhaften Massen in einer schwarzen, lichtlosen Box mittels unsichtbarer Fäden aufgehängt - aufgezeigt, dass Raum nicht nur Hülle sondern auch Inhalt ist. Die Stäbchen drehen und orientieren sich nach elektromagnetischen Feldern und erzeugen so ständig neue Raumkörper.

Zaha Hadid selbst hat sich auch etwas Vielschichtiges ausgedacht, indem sie ein gesamtes Appartement aufgedröselt an die Wand geklebt hat. Bett, Wohnzimmer, Küche, Bad - alles da, alles in Hadidscher Lässigkeit mit wenig Intervention aber dynamischer Wirkung hingeklescht.

Dass dieses den Raum und die Funktion völlig neu Denken allerdings auch mit den allergeringsten Mitteln pfiffigst zu bewerkstelligen ist, zeigt ein schlichtes, fast gemein simples Prisma aus Stahl, das sich die Österreicher Pichler & Traupmann ausgedacht haben: Dieses hohe, fette Ding befüllt einen Gelenksraum der Ausstellung, der eigentlich nichts anderes kann, als in drei weitere Räume zu führen. Das Prisma dreht sich behäbig um die eigene Achse, es gibt dabei hier den Weg frei, versperrt ihn dort, um nach getaner Pflicht lässig wieder zurückzufedern: Sehr schön, sehr einfach, sehr raffiniert.

Weiters zu sehen: Mehrere World-Trade-Entwürfe, etwa von Foreign Office Architects und Ocean North, eine witzige pneumatisch atmende Kunststoffinstallation von den Wienern Veech, ungeheuerliche Massen von Fernsehapparaten samt Videos und Renderings von allen möglichen Gruppen, Russel Lovegroves innenerleuchtetes, transluzentes Sitzmöbel aus Kunststoff, ein freches, zum Reinkriechen und Darin-Herumlungern aufforderndes Objekt von Propeller Z, Wien, ein durch Spiegelung sphärisch verzerrtes Glühpünktchenuniversum von Softroom aus London, kunststoffbeschichtete Raumzapfen aus Styropor von the next ENTERprise, Wien, und eine Sitzlandschaft der interessanten New Yorker Kolatan/ Mac Donald.

Jeder Durchwandler der aufwendig gestalteten Räume des Joanneums kann also aus dem Vollen schöpfen und seine eigenen Theorien zur dieser Art von Architektur entwerfen. Er selbst wird zum Zentrum seiner Erlebenswelt inmitten dieser Medien, die natürlich alle nur Mittel zum Zweck sind.

Das waren die Kathedralen auch schon. Sie funktionieren immer noch, egal, ob man sie Architektur oder Kunst nennt.


[ „Latente Utopien. Experimente der Gegenwartsarchitektur“, von 26.10. bis 2.3.2003, Landesmuseum Joanneum Graz. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog ]

[ Architekturmusik aus der Renaissance bietet etwa die empfehlenswerte, schon etwas ältere CD „Utopia triumphans“, Huelgas Ensemble unter Paul Van Nevel, Sony VIvarte 66 261, 18,99 EURO ]

19. Oktober 2002 Der Standard

Weil sie es können, wollen, müssen

Die schönsten Träume von Freiheit werden im Kerker geträumt, sagte Friedrich Schiller. Die schönsten Träume von Freiheit werden gebaut, sagen die, die es gemacht haben: die verrücktesten neuen Häuser, erfunden von Freigeistern aller Art und auf der ganzen - nicht nur der reichen - Welt.

Architektur, das lässt sich ohne weiteres behaupten, kann zu einem Kerker werden, zu einem Wohngefängnis, zu einem Albtraum auf soundso wenigen oder auch soundso vielen Quadratmetern. Die Hasenställe für Menschen sind entwürdigend und quälend, und der Traum von einem ordentlichen Eigenheim ist immer noch der meistgeträumte, vor allem von Menschen in der Stadt.

Natürlich - es hat sich auch im Wohnbau einiges getan, die Grundrisse sind etwas besser und freier geworden, die Wohnpferche für möglichst viele auf möglichst kleinem Platz unterzubringende Menschen scheinen einer schlechteren Vergangenheit anzugehören. Doch sie stehen noch, sie werden nach wie vor bewohnt, und auch ihre Nachfolger sind nicht immer dergestalt, dass Freude am Wohnen aufkommen mag: Das Korsett der Einfallslosigkeit beginnt im Kopf der Städtebauer, der Baunormenmacher, der Investoren und schließlich der Planer, es setzt sich fort auf der Baustelle mit all ihren stahlbetonschweren Zwängen und faktischen Scheinnotwendigkeiten, und es erreicht im standardisierten Innenausbau eine oft groteske, alles gleichmachende, bevormundende Vollendung.

Dass der Mensch auch anders hausen kann - oder, und das nicht nur in Drittweltländern, auch muss - als in standardisierten Wohnboxen, macht eine erfreuliche, nachgerade fröhlich stimmende Publikation aus dem Hause Prestel klar: xtreme houses (herausgegeben und geschrieben von Courtenay Smith und Sean Topham) mag zwar nicht für jedermann die rechte Wohnlösung parat haben, doch die vielen, zum Teil köstlich abartigen Haus- und Hüllenkonstrukte, die hier weltweit gesammelt und zu einem kunterbunten Band zusammengetragen wurden, regen schließlich zu einem Überdenken des ewig gleichen Herkömmlichen an: Warum, so geht ein alter, zugegebenermaßen etwas anzüglicher Witz, pflegen Hunde so gerne an ihrem Hinterteil zu schlecken? Weil sie es können, lautet die nüchterne Erkenntnis.

Weil sie es konnten, wollten, mussten, leben diverse Wohner, die in xtreme houses präsentiert werden, in Hüllen ganz anderer Art: Weil sie sich freidachten, weil sie ihre ganz persönlichen Wohnvorstellungen aus den bekannten Schemata herauszulösen vermochten und weil sie selbst unter kräftiger Handanlegung ihre - sowohl in herkömmlichen Wohnkerkern oder unter dem fehlenden Obdach auf der Straße geträumte - Wohnfreiheit und Utopie unter Freisetzung großer Mengen von Spaß und Engagement umsetzten.

Robert Bruno zum Beispiel ist einer von ihnen. Der Mann wohnt in Texas, er genießt also die baulichen Vorzüge eher wärmerer Gefilde, weshalb er sich auch um bauphysikalische Zwänge kaum zu scheren scheint. Seit 1978 schweißt Bruno unverdrossen an einem gewaltigen Gebilde auf corbusierartigen Stelzen herum, das sich dinosaurierartig über die kargen Hänge des Landes zu erheben scheint. Über hundert Tonnen des sperrigen Materials hat er derweilen gekonnt verbogen und verbraten, unter Auslassung geräumiger Glotzscheiben und Hervorbringung gewaltiger innerer Domräume und unter strikter Missachtung jeglichen rechten Winkels. Mittlerweile ist das Werk so weit gediehen, dass Bruno sein konventionelles Zwei-Garagen-Ranchhaus gleich nebenan verlassen und den Saurier besiedeln konnte.

Im Gegensatz zu Bruno, dem rabiaten Stahltierschweißer, ist die Britin Sarah Wigglesworth Architektin. Auch ihr Haus fällt, so könnte man sagen, eindeutig aus der Reihe, in diesem Fall aus der typischen Londoner Reihenhausreihe. Wigglesworths Wohnhaus sieht aus, als hätte sie in Vorbereitung für den Bau monatelang frühmorgens in diversen Mülleimern und Abfallhalden der Stadt gewühlt, um an Gratisbaumaterial zu kommen.

Sie befüllte etwa Säcke mit einem Gemisch aus Sand, Zement und Lehm und türmte sie zu Mauern auf. Sie schaufelte Steinbrocken in Drahtkäfige und verhüllte Betonstützen damit. Sie errichtete Wände aus Strohballen, verkleidete sie mit innen mit Textilien und ließ außen deren Struktur durch Polykarbonatwellen schimmern. Das Haus in der Orchard Street wurde so zu einer kompakten, flippigen Angelegenheit, die auch aufzeigen will, dass es eben anders, mit rezyklierbaren Materialien und freigedachten Konzepten geht - bei gleicher, wenn nicht besserer Wohnqualität.

Stichwort Material und Preis: Als der Stuttgarter Maschinenbaustudent Michael Hönes im Jahr 1991 Südafrika besuchte, fielen ihm die innovativen, aus Blechdosen und Draht selbst gebastelten Spielzeuge der Kinder in den Straßen auf. Er versuchte sich selbst an einer Feuerstelle aus Getränkedosen und Draht, nahm sie in Betrieb und bemerkte sofort, dass erst ein Tisch und Sessel die Sache zur Gemütlichkeit abrunden würden. Um sich und dem Material treu zu bleiben, verwendete er als Konstruktionsstoff abermals Draht und Dosen - und fand sich bald als Zulieferant diverser Nachbarn wieder.

Feuerstellen, Möbel, Hundehütten und dergleichen entstanden, schließlich zynischerweise auch eine kleine Hütte für das Hausmädchen eines Nachbarn. Als die schließlich kurzerhand ihre fünfköpfige Familie in das Blechdosenhaus übersiedelte, machte das Beispiel unter den Einheimischen Schule. Sie entdeckten das überall in Massen gratis zur Verfügung stehende Baumaterial für sich: Die ersten Tin-Can-Häuser wurden gebaut, Konstrukteur Hönes half dabei mit Know-how, perfektionierte die Technologie und konnte seine Billighäuser, die zu willkommenen Wohnstätten der Armen geworden waren, im Jahr 2000 einem satteren Publikum auf der Weltausstellung in Hannover präsentieren.

Das Thema Shantytown und Obdachlosigkeit wird generell nicht nur in ein paar Nebensätzen alibihaft abgehandelt in xtreme houses, sondern stellt sich als wichtiger Teil der Publikation dar.

Während der Japaner Shigeru Ban seine vormals für Flüchtlinge konzipierten Papierrollenhäuser mittlerweile auch für ganz Reiche errichtet - wie im Falle des hier gezeigten naked house in reichlich modifizierter, mit Glas und edlen Materialien raffinierter gemachten Form, versteht sich -, konstruieren immer wieder auch andere geschulte Planer kostengünstige, leicht zu errichtende und zu transportierende Unterkünfte.

Da gibt es zum Beispiel Valeska Peschkes allerorten aufblasbares instant home aus Gummiplane, für das die Berlinerin auch das dazugehörige luftig gefüllte Mobiliar mitentworfen hat. Da rollt etwa Krysztof Wodiczkos homeless vehicle project wie ein überdimensionaler Einkaufswagen samt einer mitgeführten und zur Schlafstätte ausziehbaren Tonne durch die Einkaufsstraßen von New York und Boston. Und da ist auch noch Martín de Azúzas basic house-Prototyp, der wohl leichteste Schlaf-und Schutzcontainer, der je erfunden wurde. Das gute Teil wiegt so gut wie nichts und passt in eine Jeanshosentasche. Holt man es hervor, so entfaltet es sich lediglich kraft eines leichten Lüfterls, der Sonneneinstrahlung oder der Körperwärme zu einem geräumigen Kubus. Die silbrige Seite schützt vor Hitze, die güldene isoliert die Kälte. Ganz wenig kann sehr viel sein.

Eine andere, experimentelle und an der Grenze zu Aktionismus und Kunstbetrieb schrammende Art, mit Räumen umzugehen, zeigt die frische und offensichtlich ideenreiche österreichische Truppe mit dem optimistischen Titel alles wird gut anhand ihres urban sushi, einer Prototyp-Installation, die im Übrigen im Frühjahr bereits in der Mega-Künstlerhaus-Ausstellung zu sehen war: Das Leben, so sehen es die Architekten, sei ohnehin nichts anderes als ein ewiger Kreislauf, also entwarfen sie ein kompaktes Wohnrad, dem die für die Prozesse des Auf-der-Welt-Seins notwendigen Funktionen alle eingeschrieben sind - im Umdrehen, sozusagen.

Xtreme houses ist letztlich nur eine von vielen Publikationen zum Thema „Neue Häuser“, „Neue Architektur“, „Neues Planen“. Doch sie ist das mit Abstand griffigste, frechste und empfehlenswerteste Nachschlagewerk dieser Art im heurigen Architekturbücherjahr.

Hier kommen nicht die ewig gleichen, ewig toll entwerfenden, ewig im Rampenlicht einer architekturgeduldigen Öffentlichkeit stehenden Bausuperstars und Computerwürger zum Zug, sondern freigeistige Entwerfer, Selberbauer, Autodidakten und Architekten. Mit anderen Worten: Hier waren ziemlich viele Irre am Werk, und das Werk ist gut geworden.

12. Oktober 2002 Der Standard

„Tatsächlich ist alles höchst undurchsichtig gelaufen“

Analyse

Holzbauer bekommt den Auftrag für das Kleine Festspielhaus. Zurück bleiben Akten, entmündigte Juroren und die Erkenntnis, dass Architektur die nicht gelebte Demokratie bleibt.

Wien - Die Sitzung des Kuratoriums der Salzburger Festspiele am Donnerstagnachmittag war kurz und heftig. Nachdem eines der fünf stimmberechtigten Kuratoriumsmitglieder den Raum verlassen hatte, weil es nicht beschließen wollte, was den anderen zu beschließende Sache war - nämlich dass Wilhelm Holzbauer mit dem Umbau des Kleinen Festspielhauses betraut werden solle, hob man die Hände und schied voneinander.

Zurück bleibt der naturgemäß fröhliche Sieger Holzbauer: „Ich bin davon überzeugt, dass das Projekt so gut ist wie nie.“ Zurück bleiben die vormalig erstgereihten Architekten Robert Wimmer und Michael Zaic, die ihres Partners Franz Valentiny über das Jahr verlustig gingen, weil der in das Lager Holzbauers übersiedelt war.

Zurück bleiben die in der letzten offiziellen Runde der Bewertungskommission nach Punkten stärksten Schweizer Architekten Bétrix & Consolascio. Marie-Claude Bétrix: „In 25 Jahren habe ich nie erlebt, dass Jury, Direktorium und Kuratorium gesondert über ein Projekt entscheiden können. Was hier hinter den Kulissen gemacht wurde, ist befremdend. Die Sache schaut nicht ehrlich aus, tatsächlich ist alles höchst undurchsichtig gelaufen.“

Zurück bleibt eine offenbar entmündigte Bewertungskom-mission und deren Vorsitzender, der Schweizer Carl Fingerhuth: „Das Ergebnis erstaunt mich nicht, denn in Salzburg will das System offensichtlich Sachen beweisen, die eigentlich nicht beweisbar sind. Wie mit dem Resultat umzugehen ist, muss sich Österreich selbst ausmachen. Was hier passiert ist, ist Lokalpolitik und hat mit Architektur nichts zu tun. Ich kann nur sagen: Mein Beileid.“


Gutachten en masse

Zurück bleiben nicht zuletzt kiloweise Akten, Gutachten, Gegengutachten. Das letzte Gutachten, in Auftrag gegeben vom Salzburger Landesbaudirektor Franz Denk, gab den Ausschlag: Wilhelm Holzbauer erklomm darin im Zehntelprozentbereich - aber immerhin - die Spitze.

Sein Subunternehmer ist Franz Valentiny. Wimmer und Zaic waren lang vorher schon aus dem Rennen. Noch im Juli stellte Holzbauers Anwalt dem STANDARD gegenüber schriftlich fest, dass Wilhelm Holzbauer nie gesagt hätte, er würde mit Valentiny an einem gemeinsamen Projekt arbeiten. Gestern stellte Holzbauer dem STANDARD gegenüber mündlich fest, er habe mit Valentiny herrliche Monate des Planens hinter sich: „Wir haben den ganzen Sommer hervorragend zusammengearbeitet.“

Die Gnade, seine Teamkollegen Wimmer und Zaic über diese Zusammenarbeit mit Holzbauer zu informieren, hatte Valentiny erst am 23. August, dem Tag der Projektabgabe, als er um 7.50 in der Früh ein Fax schickte, in dem er die Zusammenarbeit aufkündigte und mit dieser Auflösung der Projektgruppe eine Teilnahme seiner Kollegen am Verfahren unmöglich machte.

Noch im April hatte Valentiny im STANDARD-Interview Holzbauer vorgeworfen, ein „ignoranter, schlechter“ Architekt zu sein, der „gemeinsame Sache mit einem Amt macht und ein Verfahren unnötig in die Länge zieht“. Fazit: „Holzbauer ist ein alter Mann, der nicht mehr weiß, worum es im Leben geht.“

Doch nicht nur persönliche Kehrtwendungen, vor allem juristische Finten und Paragrafenklaubereien kennzeichneten dieses Architekturverfahren. Den Beginn machte Holzbauers vergabegerichtliche Eingabe gegen das Siegerprojekt, es folgte eine zweite Bewertungsrunde, danach die Nichtigerklärung und Wiederholung dieser zweiten Bewertungsrunde.

Protokolle bekam kein Beteiligter je offiziell zu Gesicht, sehr wohl wurden aber - womöglich irrtümlich? - zur Vorbereitung der Wiederholung die Projektunterlagen gleich aller Verfahrensteilnehmer an die Architekten ausgeschickt, auf dass die vergleichen konnten, womit die anderen Erfolg und Misserfolg gehabt hatten.

Erst in zwei Wochen wird es eine Ausstellung aller Entwürfe in Salzburg geben. Diese Frist will Präsidentin Helga Rabl-Stadler, so ließ sie dem STANDARD mitteilen, tunlichst einhalten, denn zwei Wochen beträgt die Beeinspruchungsfrist der übrigen Teilnehmer.

Günther Domenig, einer von ihnen, hat bereits angekündigt, zumindest eine Aufwandsentschädigung in sechsstelligem Eurobetrag für die geleistete Arbeit einfordern zu wollen. Das Gleiche hat auch Kollege Friedrich aus Hamburg vor. Die Schweizer Bétrix und Consolascio prüfen derweilen rechtliche Schritte. Bétrix: „Wenn wir die Möglichkeit haben, sinnvoll entgegenzuwirken, werden wir das sicher tun. Doch im Moment ist alles aufgrund mangelnder Informationen sehr unklar.“

12. Oktober 2002 Der Standard

Baldachine von Smaragd

Mathilde Wesendonck schrieb Gedichte. Richard Wagner vertonte sie. Adolf Krischanitz übersetzt die romantische Angelegenheit nun in kühle Architektur: Der Zubau zur Villa Wesendonck in Zürich spannt einen smaragdgrünen Glasarchitekturbogen zwischen den Zeiten.

Mathilde Wesendonck, die höhere Tochter, die Frau des Seidenfabrikanten, die Muse bedeutender Männer, dürfte ein Geschöpf der Schwärmerei und der Romantik gewesen sein.

Ihre Gedichte: Honigseim. Ihre Umgebung: die crème de la crème. Ihr Haus: eine Idylle. Ihr Leben: ein Hofhalten und Salonführen. Ihre Zeit: die Mitte des 19. Jahrhunderts. Das schöpferische Zentrum ihres Lebens war dabei die Villa Wesendonck in Zürich, doch sie war es nur für kurze Zeit.

1857 waren Otto und Mathilde Wesendonck in ihr neues Haus „auf dem grünen Hügel“ vor Zürich eingezogen, bereits 1871 verließen sie es wieder und siedelten nach Deutschland zurück. Die Zeitspanne dazwischen blieb zeitlebens Mathildens ewig Sehnen, denn hier hatte sie Richard Wagner kennen und wohl auch lieben gelernt, und hier hatte sie ihre fruchtbarste Schaffenszeit erlebt.

Heute ist die Villa des Industriellen und kunstsammelnden Wesendonck das Museum Rietberg. Es beherbergt eine der eindrucksvollsten Asiatica-Sammlungen der Welt, pflegt internationale Partnerschaften mit den großen Museen und platzt, wie man so sagt, aus allen Nähten.

Im vorvergangenen Jahr beschloss man deshalb, einen Erweiterungsbau zu versuchen, und veranstaltete zu diesem Zweck einen internationalen Architekturwettbewerb. Acht Architekten und Architektinnen wurden dazu eingeladen, nach einer Überarbeitungsphase kristallisierte sich heuer im Frühjahr das Team Alfred Grazioli, Schweiz, und Adolf Krischanitz, Österreich, als das erfolgreichste heraus.

„Sausendes brausendes Rad der Zeit. Messer du der Ewigkeit (...) Urewige Schöpfung halte doch ein, genug des Werdens, lasse mich sein“, hatte Frau Wesendonck das Fortschreiten und die Veränderung beklagt, doch das Rad der Zeit vermag durchaus elegant zu rollen, das Messer der Ewigkeit kann zierliche Schnitte tun, wenn die rechten Skalpellführer am Werk sind.

Krischanitz und Graziloi hatten ein ausgesprochen schwieriges Unterfangen zu meistern: Die Villa Wesendonck, dazumals erbaut vom Zürcher Nobelarchitekten Leonhard Zeugheer, liegt heute noch als prächtiger Solitär inmitten des idyllischen Landschaftsparks, den Otto Wesendonck hatte anlegen lassen. Die alten Bäume spannen jene „hochgewölbten Blätterkronen“ und „Baldachine von Smaragd“, wie sie seine Gattin Mathilde gemeinsam mit dem nachbarschaftlich angesiedelten und von den Wesendoncks auch finanziell kräftig unterstützten Richard Wagner besungen hatte, und selbstverständlich steht alles unter Natur- und Denkmalschutz.

Ein Eingriff in dieses gebaute und über fast zweihundert Jahre gewachsene Ensemble stellt demnach ein kitzliges Gratwandern zwischen Alt und Neu dar, wenn man nicht mit den zig Tonnen Materialbewegung, die Architekturmachen mit sich bringt, das fein gesponnene Netz des Alten zertrümmern will. Das Rietberg-Projekt von Krischanitz und Graziloi beantwortet die grundlegenden Fragen des Denkmalschutzes mit großer Eleganz: Die Architekten stellen dem bestehenden Haus ein neues, kleineres gegenüber, sie erzeugen einen geräumigen Platz dazwischen, sie graben die großen neuen Ausstellungshallen in den Berg ein und verbinden die beiden Häuser unterirdisch miteinander. Das alles erfolgt in einem auf den ersten Blick strengen Raster, der die Proportionen des alten Hauses widerspiegelt, der aber letztlich gerade museale Spielereien aller Art zuläßt.

Im Vergleich zu den anderen Wettbewerbsprojekten, die von namhaften Kollegen wie Kazuyo Seijima und Ryue Nishizawa (SANAA), Shigeru Ban und Gigon/Guyer stammen, erklärt sich leicht, was den Zauber des Siegerprojektes ausmacht: Es ist trotz kompliziertester und schwierigster technischer Ausführung - immerhin muss sehr tief gegraben und das alte Haus unterfangen werden - das klarste und einfachste.

Während einige Kollegen mühsame Anbauten versuchten, die zwar für sich wunderbar sind, der alten Villenarchitektur aber nicht wirklich zu Gesichte stehen, oder während andere gleich mit Solitärgebäuden in entferntere Ecken des Parks flüchteten, die allerdings dem internen Museumsgeschehen nicht eben dienlich sind, brachten Krischanitz und Grazioli alles unter einem Dach unter.

Von oben betrachtet ist dieses Dach ein Platz, eine Leere zwischen den Gebäuden, die allerdings verbindend wirkt. Der Besucher nähert sich dem Ensemble durch den Park, er klappert je nach Absatzbeschaffenheit über asphaltierte Wege, das Holzstöckelpflaster des Platzes wird seinen Schritt jedoch dämpfen, es wird stiller werden, je näher man dem Gebäude kommt.

Der Eingang des neuen Museums führt nun nicht mehr direkt durch das Kaffeehaus, sondern befindet sich in Form eines zur Gänze gläsernen Pavillons gegenüber der Villa: Ein Baldachin von Smaragd als Entrée in eine Unterwelt, die ebenfalls mit der Vergangenheit verknüpft ist. Die Wesendoncks hatten an dieser Stelle eine der zu ihrer Zeit so modernen Grotten bauen lassen.

Das Zubauprojekt ist ebenfalls bewusst grottenhaft, doch ohne Schwanromantik. Der Versuch, ein derartig dimensioniertes Haus ausschließlich aus Glas zu konstruieren, ist einmalig. Der, wie Krischanitz es nennt, „totale Glasbau ohne jegliche konstruktive Accessoires“ soll folgende Merkmale zum Ausdruck bringen: „Zeichnung und Wahrnehmung der natürlichen Kontur durch optimale Transparenz; Respekt, Diskretion und Neutralität vor und zum Inhalt und zur Repräsentanz der Aufgabe des Museums.“ Technisch gesehen handelt es sich um lamelliertes Verbundglas, der Sonnenschutz erfolgt über Textil.

Die Unterwelt selbst erstreckt sich über zwei riesige Ausstellungsgeschoße, Stampfbetonwände erzeugen den Eindruck gewachsener Erdschichtungen, Licht- und Klimatechnik liegen an den Decken hinter Glas verborgen, zwei ebenfalls gläserne Treppen führen in den Pavillon sowie in die alte Villa. Das Raumkonzept besticht durch Einfachheit und optimale Bespielbarkeit: Ein paar Türen auf oder zugemacht verändern den Museumsparcours je nach Wunsch der Ausstellungsmacher.

Da die Schweiz, auch was ihre Bautätigkeit anbelangt, ein demokratisch ausgereiftes Land ist, wird über das Projekt im kommenden Frühjahr mittels Volksabstimmung entschieden werden. Der Denkmalschutz hat bereits volle Zustimmung gegeben, auch die Aufbringung der erforderlichen Mittel von drei Millionen Franken (viereinhalb Millionen Euro), die zu einem Drittel aus Sponsorgeldern aufgebracht werden, scheint gesichert. Baubeginn könnte im Herbst 2003 sein, 2006 will man das neue Museum eröffnen.

Mathilde Wesendonck würde wohl zufrieden sein mit der Adaptierung „auf dem grünen Hügel“, denn auch eine Restaurierung ihrer alten Wohn- und Wirkensstätte ist vorgesehen. Uns so fügt sich alles zum Ganzen, so spannt sich der gläserne Architekturbogen über die Zeiten: „Wenn Aug' in Auge wonnig trinken, Seele ganz in Seele versinken; Wesen in Wesen sich wiederfindet, Und alles Hoffens Ende sich kündet, Die Lippe verstummt in staunendem Schweigen, Keinen Wunsch mehr will das Innre zeugen: Erkennt der Mensch des Ew'gen Spur, Und löst dein Rätsel, heil'ge Natur!“

10. Oktober 2002 Der Standard

Urheberrechtsklage gegen Wilhelm Holzbauer eingebracht

Salzburger Festspielhaus: Wimmer, Zaic äußern Plagiatsverdacht

Salzburg - Am Mittwoch brachten die Architekten Robert Wimmer und Michael Zaic nach eigenem Bekunden eine Klage gegen Wilhelm Holzbauer sowie den Salzburger Festspielfonds ein, in der Holzbauer des Plagiats geziehen wird. Laut Klagsschrift habe der Wiener Architekt „Pläne, die von den Klägern stammen, verwendet. In diesen sind Planungsideen und schöpferische Leistungen enthalten, die ausschließlich von den Schöpfern stammen.“

Der Streitwert beläuft sich auf 36.000 Euro. Zudem verlangen die Kläger, die Beklagten hätten „die Verwendung von Plänen betreffend den Umbau des Kleinen Festspielhauses zu einem Haus für Mozart zu unterlassen“.

Wie DER STANDARD wiederholt berichtete, gibt es seit vergangenem Jahr im Nachfeld des Architekturverfahrens Umbau Kleines Festspielhaus Streitigkeiten zwischen den damaligen Bestbietern Hermann & Valentiny, Wimmer, Zaic sowie dem zweitgereihten Wilhelm Holzbauer. Letzterer erhob vergabegerichtlich Einspruch gegen die Gewinner und gilt nun, nach diversen juristischen Metzeleien und mit dem die Fronten gewechselt habenden Franz Valentiny als Subunternehmer, als der aussichtsreichste Umplaner.
Das dem Vernehmen nach zuletzt zwar punktestärkste Team Bétrix & Consolascio soll aufgrund des Umstands, noch nie ein Theater gebaut zu haben, nicht mehr zur Debatte stehen. Dennoch könnte, wie aus dem Festspielfonds zu erfahren war, die Entscheidung noch einmal vertagt oder das Verfahren sogar überhaupt aufgehoben werden. Denn die Klage stelle das Verfahren erneut auf juristisch schlammigen Boden.

Inzwischen hat der aufgewirbelte Schlamm auch in Architektenkreisen Wellen geschlagen. „Der Umbau des Kleinen Festspielhauses ist zur Provinzposse verkommen“, meint etwa Günther Dollnig, stellvertretender Vorsitzender der Architekten der Länderkammer Salzburg-Oberösterreich, in der aktuellen Ausgabe des Kammermagazins konstruktiv. Er merkt an, dass eine Aufhebung des Verfahrens die sauberste Lösung für alle wäre: „Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.“

Teilnehmer Günther Domenig stellt fest: „Wir werden auf jeden Fall Einspruch erheben, sollte es auch nur geringste Unklarheiten geben.“
Heute, Donnerstag, wird das Festspieldirektorium dem politisch besetzten Kuratorium einen Vorschlag unterbreiten. Dieser sei, so Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler gegenüber dem STANDARD, urheberrechtlich wie juristisch wasserdicht. Man hätte ein Gutachten eingeholt, nach dem keine Verletzung des Urheberrechts vorliege. Von einer Klage wisse sie nichts.

9. Oktober 2002 Der Standard

Bauen als demokratischer Prozess

Zukunftsträchtige Architekturvermittlung: Der Film „baustelle land“ von Klaus Schafler

Wien - Heute, Mittwoch, ist im Wiener Votivkino ein kleiner, fein gemachter Dokumentationsfilm zum Thema „Baustelle Land“ zu sehen. Er beschreibt die Genese von acht Architekturprojekten in der Steiermark und präsentiert gelungene Volksschulen, Wohnanlagen, Ärztepraxen und dergleichen mehr.

Zwischen den schönen Bildern kommen vor allem jene Leute zu Wort, die diese Projekte durch- und umgesetzt haben, also die Bürgermeister, die Architekten und nicht zuletzt auch die Bevölkerung selbst. Bauen auf dem Land ist, so der Grundtenor des Streifens, eine Angelegenheit der Demokratie, des Verstehenmachens und des gegenseitigen Zusammenraufens. Nur ein Konsens, ein Einbinden der Anrainer, und das gemeinschaftliche Erarbeiten des Werkes kann zum Erfolg führen.

Klug erdachte Projekte wie etwa die Wohnanlage in St. Martin von Josef Hohensinn zeigen anschaulich, wie segensreich das Einwirken guter Planer in eine gewachsene, kostbare Dorfstruktur sein kann, die andernorts zu oft von Fantasielosigkeit und Investorenmacht niedergebaggert wird. Die Praxis für zwei Ärzte in Neudau von Wolfgang Feyferlik demonstriert, dass Eleganz nicht am Rand der großen Stadt aufhören muss, und die Volksschule in Dobl beweist den Einfluss guter Architektur vor allem auf diejenigen, die später einmal das Sagen und auch Bauen haben werden.


Fortsetzung geplant

Apropos Pädagogik: Der Film wurde nicht zuletzt vom Land Steiermark gefördert, um den Bürgermeistern, die die wichtigste Bauinstanz darstellen, auf die architektonischen Sprünge zu helfen, außerdem wird er demnächst in Schulen quasi unterrichtend laufen. Die Idee zu baustelle land hatten die Architekten Reinhard Schafler und Peter Pretterhofer, umgesetzt wurde sie von Regisseur Klaus Schafler. An eine Fortsetzung wird bereits gedacht, ideal wäre eine Ausweitung über die steirischen Grenzen hinaus auf das gesamte Bundesgebiet.

Nach der Präsentation des Filmes heute Abend (21 Uhr) findet ein Gespräch mit dem Regisseur sowie eine Podiumsdiskussion mit Architekten unter der Leitung von Kritikerin Karin Tschavgova statt.

5. Oktober 2002 Der Standard

Der Wienerwald kommt frei Haus

Flexible Grundrisse sind eines, flexible Häuser ein anderes: Die Architekten Miki Ionescu und Georg Baldass haben für Kaltenleutgeben Doppelhäuser entworfen, die sich allen Lebenszeiten und -bedingungen anpassen können und mit genialer Fernsicht aufwarten.

Kaltenleutgeben liegt am Rande Wiens mitten im dazugehörigen Wald, der Ort glänzt durch eine angenehme Topografie und eine vorzügliche Lage: Es ist eine ruhige Gegend hier, eine sehr schöne, ein Platz, an dem man seine Kinder im Grünen aufziehen kann und an dem man vielleicht sogar alt werden will. Die Grundstückspreise sind der Nähe zur Bundeshauptstadt entsprechend, Einfamilienhäuser werden folglich schon allein aufgrund der Bauplatzkosten zur Herausforderung für Konto und Kreditberater.

Die Wiener Architekten Georg Baldass und Niki Ionescu, alias baldassion architektur, haben sich eines der noch verfügbaren Grundstücke in Kaltenleutgeben genau angeschaut und eine architektonisch feine Lösung auch für Normalbetuchte gefunden: Sie entwarfen eine kleine Siedlung mit insgesamt sechs Objekten, die jeweils als Zweierhäuser gekoppelt sind. Pro Haus können zumindest zwei Familien Wand an Wand leben, was die Herstellungs-, Erschließungs- und letztlich auch die Betriebskosten heftig reduziert und was natürlich auch hinsichtlich der Grundstücksausnutzung kleinstädtebaulich sinnvoll ist.

Die Topografie des Südhangs wurde gekonnt ausgenutzt, sowohl vor als auch hinter den Häusern entstehen durch Abtreppung Terrassen und Gärten. Pro Wohneinheit stehen zwei Autostellplätze zur Verfügung. Trotz Citynähe ist die Anbindung an den öffentlichen Verkehr - noch - nicht optimal, wer in die Wiener Innenstadt fahren will, braucht dafür zwar nur knapp eine halbe Stunde, wird das aber mit großer Wahrscheinlichkeit mit dem eigenen Auto tun.


Generationenhäuser

Das Interessanteste an diesem Projekt - das im Übrigen noch nicht realisiert wurde, sondern derweilen nur in detaillierten Plänen und Modellen vorliegt - ist allerdings das Konzept der einzelnen Wohneinheiten. Baldassion haben hier weiter gedacht, als das normalerweise im Wohnbau der Fall ist. Ihre Wohnhäuser lassen sich je nach Bedarf, je nach Familien- und Einkommenssituation, sozusagen auch je nach Lebensalter ihrer Besitzer bespielen. Multifunktionalität kann hier tatsächlich zu einer gelebten Angelegenheit werden, und das funktioniert so:

Jedes Haus verfügt über drei Geschoße und wird über einen großzügigen Wintergarten jeweils von der Seite erschlossen. Diese Eingangszone läuft über eineinhalb Geschoße, es entsteht eine Eingangshalle mit Stiege und vorgelagertem Balkon, der darüber hinaus auch eine Verbindung zum Garten bietet. Das unterste Gartengeschoß kann, so man das will, getrennt begangen werden und wird je nach Bedarf zu einer eigenen kleinen Wohneinheit. Die kann zeitweilig eventuell vermietet werden, sie kann als Großelternwohnung herhalten, oder sie bietet den erwachsen werdenden Kindern die Rückzugsmöglichkeit in eine eigene Privatheit, die geschlossene Wohneinheiten nie werden bieten können.


Raffiniertes Konzept

Die Häuser sind raffiniert, aber einfach konzipiert. Die Ver- und Entsorgungsschächte sind so angelegt, dass in jedem Geschoß ein Bad und eine Küche Platz finden können. Dazu sind die Häuser als Niedrigenergiehäuser ausgebildet, die Energiekennzahl liegt unter 35 Kilowattstunden pro m², sie verfügen also über eine besonders gute Wärme- und auch Schallisolierung, was bei Doppelhäusern unerlässlich ist und was im Wohnungsbau eigentlich der wünschenswerte Standard sein sollte.

Dem Verlangen vieler potenzieller Wohnungsbesitzer nach einer großzügigeren Raumhöhe wird man mit dem bereits beschriebenen Wintergarten als Wohnelement ebenfalls gerecht, Durchblicke von den Wohnebenen eröffnen neue Perspektiven und ein angenehmes Raumerleben. Ein Pluspunkt des Projektes ist natürlich auch die Lage sehr hoch oben am Hang, der Blick auf den bewaldeten Gegenhang kann nie durch Neubauten verstellt werden. Zudem befindet sich die kleine Siedlung am Ende einer Sackgasse, was Ruhe garantiert.

Das Projekt hat bereits eine Reihe von Interessenten gewonnen, einige Häuser sind jedoch noch disponibel. In der Planungsphase, in der man sich derzeit befindet, können die Grundrisse noch an ihre späteren Benutzer angepasst und optimiert werden. Die Wohnnutzfläche pro Einheit beläuft sich auf 125 m², dazu kommen neun m² Terrasse und fünf m² Balkon, 13 m² Keller, die Grundstücksfläche reicht von 170 bis 265 m². Die Kaufpreise liegen je nach Gartengröße und Lage zwischen 245.000 und 270.000 EURO, jeder Käufer erwirbt einen parifizierten Grundanteil der Generationenhausanlage.

5. Oktober 2002 Der Standard

Sonnenscheibe und Computerchip

Am 16. Oktober wird die neue Bibliothek von Alexandria endlich offiziell eröffnet. Sie soll, wie ihre vor rund 2000 Jahren untergegangene berühmte Vorgängerin, das Wissen der Vergangenheit und der Zukunft an einem Ort zusammenbringen.

In den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts verdichtete sich die Idee: Ein paar Professoren mit Spezialgebiet Alte Geschichte spintisierten an der Universität von Kairo immer wieder herum, man müsse die alte Bibliothek von Alexandria wieder auferstehen lassen, man sollte ein neues international ausgerichtetes Zentrum der Bücher und des Wissens in der Arabischen Welt errichten: Es war ein ehrgeiziges, fast unmöglich erscheinendes Unterfangen.

Denn wie lässt sich derartig viel Geld auftreiben, das zum Bau eines solchen Gebäudes nötig ist? Wie lässt sich in Architektur gießen, was neu und trotzdem zugleich uralt ist? Und wie und womit soll die Bibliothek eigentlich bestückt werden?

Die Professoren leisteten ganze Arbeit. Sie veranstalteten Kongresse, überzeugten Regierungen und Politiker und zapften allerlei Geldhähne an. Sie trieben schließlich mit der Unesco einen wichtigen Partner auf, und sie halfen, einen der größten internationalen Architekturwettbewerbe der Geschichte ins Leben zu rufen und erfolgreich abzuwickeln. Sie bewiesen letztlich, wie seinerzeit Euklid den Satz des Pythagoras in der alten Bibliothek bewiesen hatte, dass Ideen Berge, und seien die aus Baumaterial, versetzen können.

Am Wettbewerb im Jahr 1989 beteiligten sich 520 Architekturbüros weltweit, es gewann überraschend ein norwegisch-österreichisch-schwedisches Team namens Snohetta. Ad personam sind das Kjetil Thorsen, Christoph Kapeller und Craig Dykers.

Ihr Entwurf überzeugte durch städtebauliche Großzügigkeit, die innenräumlichen Qualitäten des Großkomplexes, und nicht zuletzt durch eine sanfte, unaufdringliche Symbolik, die sich, beginnend mit der Grundrissform der Sonnenscheibe Res, bis zur Oberflächengestaltung mittels der verschiedensten Schriftzeichen durch das gesamte Gebäude zieht. 80.000 Quadratmeter bietet das Haus, verteilt auf insgesamt elf Etagen, der angeblich größte Lesesaal der Welt erstreckt sich über sieben Stockwerke, dank ausgeklügelter Schalllenkungen soll es angenehm leise in ihm sein.

Knapp 200 Millionen Dollar hat die Bibliotheca Alexandrina gekostet. Am 16. Oktober wird sie nun offiziell eröffnet - nach 13jähriger Bauzeit und unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen, und nachdem der Eröffnungstermin aufgrund der politischen Situation in Nahost bereits mehrfach hatte verschoben werden müssen. Die noch nicht aufregende Befüllung des großen Hauses mit lediglich 400.000 Büchern wurde zwar wiederholt kritisiert, doch gut Ding braucht Weile, und was noch nicht in Papier oder Papyrus vorhanden ist, lagert immerhin bereits im Internet: Hier kann auf rund 300.000 seltene Bücher und Manuskripte zugegriffen werden. Die Computerreise in die Bibliothek ist so weit nicht hergeholt: Der österreichische Architekt Christoph Kapeller hatte die Idee zum Entwurf, so sagt er, seinerzeit angesichts eines 486er-Computerchips. Der soll genau so ausschauen wie das Dach des Bibliotheksbaus. Vergangenheit und Zukunft - diese Bibliothek hat es tatsächlich in sich.

28. September 2002 Der Standard

Die klügsten Köpfe für Ground Zero

Im Gefolge von 9/11 kündigt sich in New York nun eine spektakuläre Entwicklung an: Sechs Architektenteams aus aller Welt - darunter Norman Foster und Daniel Libeskind - kamen nun in die Endrunde für die Neubebauung im Süden Manhattans.

New York/Wien - Gouverneur George Pataki war hörbar angetan von der internationalen Architektenriege, die bis November dieses Jahres konkrete Pläne für eine Neubebauung des Ground Zero vorlegen darf: „Diese Architekten und Planer gehören zu den besten und klügsten Köpfen der Welt - und New York verdient nichts Geringeres.“

Der Wiederaufbau der durch die Terroranschläge des 11. September devastierten Zone im Süden Manhattans sei „eines der wichtigsten Projekte in der Geschichte“ der amerikanischen Nation, der Terror habe die gesamte Welt erschüttert, weshalb es nun umso erfreulicher sei, dass in den ausgewählten Teams „viele verschiedene Länder zusammenkommen, um mitzuhelfen, New York City wieder aufzubauen“.

407 Architektenkonsortien waren im Sommer dem Aufruf der Lower Manhattan Development Corporation gefolgt und hatten ihre Referenzen eingeschickt, nachdem erste Vorstudien von der Öffentlichkeit brüsk als zu business-orientiert und schlichtweg uninspiriert abgelehnt worden waren. Die sechs nun von einer Jury ausgewählten und am Donnerstag präsentierten Teams gehören allesamt zu den großen Playern der Architekturszene: Alle haben Großprojekterfahrung, die meisten Fingerspitzengefühl bei Memorials und Museumsbauten bewiesen.

Prädestiniert für einen markanten Entwurf in New York scheint Daniel Libeskind zu sein, der mit dem Jüdischen Museum Berlin eines der gewagtesten Architekturexperimente der vergangenen Jahre eingegangen ist. Die Jury, der unter anderen Terence Riley und Toshiko Mori angehörten, lobte denn auch die „Tiefe seines Verständnisses und seiner Empathie, die er im Laufe seiner Karriere unter Beweis gestellt hat“.

Neben Libeskind bewarb sich als Einzelbüro lediglich der Brite Norman Foster, er stellte in seinem Bewerbungsschreiben fest: „New York verdient etwas Großartiges.“ Die Jury hob Fosters „Sensibilität“ hervor, sowie seine - für Auftraggeber höchst angenehme - Eigenschaft, ständig Preise für herausragende Architekturen einzuheimsen.

Die großen Männer Amerikas, Richard Meier, Peter Eisenman, Steven Holl und der weniger bekannte Charles Gwathmey treten gemeinsam an, in ihrer Referenzliste glänzen etwa Meiers Getty Center in Los Angeles und Holls Kiasma Museum in Helsinki.

Das Team United Architects ist international zusammengesetzt und besteht aus Reiser Umemoto, Foreign Office Architects, Greg Lynn, Imaginary Forces, Kevin Kenon, Un Studio. Hier lobte die Jury die Multinationalität der „innovativen jungen Designer und Architekten, die zu den besten der Welt gehören“.


Junge und alte Kräfte

Ebenfalls mit im Rennen ist - fast selbstverständlich - der New Yorker Lokalmatador SOM, Skidmore Owings and Merrill, der für sehr große, sehr teure Projekte steht. Zur Auffrischung des etwas angealterten Images hat man allerdings ein paar internationale Jungkräfte wie Neutelings Riedjik (Niederlande) und Sanaa (Japan) angeheuert.

Ebenfalls frisch-jugendlich das vielköpfige Team Think, dem unter anderen Shigeru Ban (Japan), David Rockwell, Rafael Vinoly (beide USA) und Jörg Schlaich (Deutschland) angehören. Sie wollen die „Erinnerung an die Opfer der Tragödie zur Inspiration für eine bessere Zukunft machen“. Nicht zum Zug kamen aus der hochkarätigen Riege weiterer sieben Semifinalisten leider das österreichische Büro Coop Himmelb(l)au, das sich gemeinsam mit dem US-Architekten Eric Owen Moss beworben hatte.

Wie das alles ausschauen wird, soll sich im November zeigen, wenn die drei besten Entwürfe ausgewählt werden. Das Endresultat soll Anfang 2003 feststehen, entweder als Einzelauftrag, oder, wahrscheinlicher, als Kooperation der Besten.

21. September 2002 Der Standard

Wieder eine Aufforderung zum Vertrauen

Österreichs Architekturvermittler rufen zu einem zweitägigen nationenweiten ArchitektInnen-und Architekturkennenlernen auf. Das Planen und Bauen in höchster Qualität soll dem breiten Publikum näher gebracht werden.

Friedrich Achleitner schrieb bereits im Jahr 1987 folgende Sätze nieder, nachzulesen in seinem Buch Aufforderung zum Vertrauen: „Eine kleine Zahl von Bauten und eine größere von Entwürfen zeigt, dass die Architektur auch bei uns eine Mannigfaltigkeit erreicht hat, die den eingebürgerten Pessimismus nicht mehr rechtfertigt. So sollte diese kleine Bestandsaufnahme eigentlich eine Aufforderung zum Vertrauen sein, eine Aufforderung an die privaten und öffentlichen Bauherren, sich bei ihren Bauaufgaben jener Kräfte zu bedienen, die - trotz der widrigen Umstände in unserem Land - eine Veränderung der architektonischen Szene herbeigeführt haben.“

Fünfzehn Jahre sind seit Achleitners Aufruf vergangen, man darf behaupten, er wurde gehört, vor allem natürlich von den Architekten selbst. Aus der „kleinen Zahl von Bauten“ ist eine große geworden, viele ausgezeichnete jüngere Gebäude bilden ein vorzügliches und breit gefächertes Portfolio heimischer Architekturbemühungen. Was die „widrigen Umstände in unserem Land“ anbelangt, so scheinen sie angesichts der Resultate, vor allem im internationalen Vergleich beurteilt, gar so widrig auch wieder nicht zu sein. Der architektonischen Trockensteppe der 80er-Jahre folgte ein durchaus gedeihlicheres Klima, und obwohl man wahrlich noch nicht versucht ist, von tropischer Üppigkeit zu reden, so konnte die Branche doch so manche außergewöhnliche Blüte erleben.

Seit geraumer Zeit versuchen so genannte Architekturhäuser in den einzelnen Bundesländern quasi treibhausartig einzuwirken und das Thema Architektur auch in das Bewusstsein der Öffentlichkeit ranken zu lassen. Erstmals kam es nun zwischen all diesen Institutionen gemeinsam mit der Architekturstiftung Österreich und dank der Initiative von Stiftungsvorstand Christian Kühn sowie dem Bundesvorsitzenden der Architekten, Georg Pendl, zu einer gesamtösterreichischen Aktion: Kommenden Freitag und Samstag rufen alle Architekturhäuser zu den Architekturtagen 2002 auf. Und damit die Vielfalt auch über die Landes- und Bundesgrenzen hinaus dokumentiert werde, zog man das Schaffen der angrenzenden Nationen auszugsweise hinzu.

Geplant sind etwa Bauvisiten, Atelierbesuche, Referate, Feste. Das ALBUM erlaubt sich einen groben Überblick, alle Details sind im Internet unter www.architekturtage.at abrufbar. Ein Katalog in deutscher und englischer Sprache namens Architektur 2002 bietet einen „selbstkritischen Querschnitt durch die architektonische Landschaft Österreichs und seine Nachbarländer“. Erschienen ist das kleine Architekturpaket im Verlag Anton Pustet, näheres wird kommende Woche in der STANDARD-Rubrik „Das aktuelle Buch“ nachzulesen sein.

Unter dem Titel „Geheime Orte“ verführt der Architektur Raum Burgenland zu „Architekturexpeditionen“ und veranstaltet am Freitag eine Busreise rund um den Neusiedlersee, am Samstag ist eine Schiffsfahrt geplant. Der Architektur Raum will die „Situation der zeitgenössischen Architektur am Neusiedler See“ diskutieren und analysieren, dabei allerdings nicht nur sozusagen offizielle Gebäude durchnehmen, sondern sich auch so mancher anonymer Baukultur annehmen. Geplant ist weiters ein Fest vor dem Schlossplatz in Eisenstadt, wo Filme über zeitgenössische Architektur zu sehen sein werden.
Architektur Raum Burgenland, 02682/704-4160

Die Häuser der Architektur in Kärnten und Graz wollen am Tag der offenen Ateliers am Freitag interessierten Besuchern Einblicke geben in die alltägliche Architekturbüro-Arbeit und die Frage beantworten: „Was machen Architekten eigentlich?“ Damit die Sache rund wird, gibt es Besichtigungstouren zu den jeweiligen Resultaten, sprich Bauten, die in den meisten Fällen von den Architekten selbst betreut werden. Am Samstag dürfen „Architekturpfade“ beschritten und manche Zukunftsprojekte wie das in Entstehung begriffene Grazer Kunsthaus von Cook/Fournier oder die Mur-Insel von Vito Acconci besichtigt werden.
Haus der Architektur Kärnten - Napoleonstadl: 0463/339401
Haus der Architektur Graz: 0316/323500, www.hda-graz.at

Oberösterreich stellt seinen Beitrag unter den Titel „city aspiration“, die „Sehnsucht der Stadt nach Bewohnern und Sehnsucht der Bewohner nach Stadt“, und weitet das Präsentationsgebiet über die Grenzen nach Tschechien und in die Slowakei aus. Eine Busreise führt am Freitag zu den „Wohnsilos der Vergangenheit“ und mündet in den Vortrag „Bauen auf der grünen Wiese“, um aktuelle städtebauliche Prozesse in und um Linz zu analysieren. Der Samstag steht im Zeichen diverser Vorträge im Architekturforum, auch Gäste aus Tschechien und der Slowakei dürfen begrüßt werden.
Nil Architecture & Urbanism: 0676/9502509

Die Initiative Architektur Salzburg fordert „Offene Architekturen, Architektur und Schule“ und veranstaltet dazu das Symposium „Verstehen Sie Bahnhof?“. Auch hier gibt es diverse Führungen durch Gebäude sowie eine Zusammenarbeit mit den Schulen, um bereits den Kindern „die Arbeit der Baukünstler näher zu bringen“. Das Bahnhofssymposium findet am Freitag statt, internationale Experten werden dazu erwartet.
Initiative Architektur Salzburg: 0662/879867

Das Architekturforum Tirol nennt seine Atelierbesuche „drop in & out“, die zu besichtigenden Bauten sind frisch und neu, wie beispielsweise Dominique Perraults soeben fertiggestelltes Rathaus Innsbruck und Zaha Hadids Bergisel-Schanze. Am Samstag folgen diverse „Stadtvorträge“ über Innsbruck und auch Krakau, den Abschluss bildet ein Fest im Rathaus.
Architekturforum Tirol: 0512/571567

Auch das Vorarlberger Architektur Institut bietet unter dem Titel „Offen für Räume - Willkommen im Leben“ einen Tag der offenen Tür in diversen Büros am Freitag an, dazu gibt es Bustouren und Radwanderungen, sowie ein Schülerprojekt, das den jungen Vorarlbergern „das Erkennen von Qualität in der Architektur anhand alter und neuer Gebäude“ vermitteln soll. AUch die Fachhochschule Liechtenstein beteiligt sich in Form einer Führung zu liechtensteiner Architekturen.
Vorarlberger Architektur Institut: 05572/51169

Wien und Niederösterreich präsentieren „Architektur von innen“ und fordern die Besucher auf: „Rennen Sie offene Türen ein“. Etwa 200 Gebäude und Architekturbüros stehen tatsächlich offen. Eine „architektonische Schiffsreise“ führt am Samstag von Tulln bis in die Slowakei. Etwa 500 Gäste werden erwartet, darunter Architekten wie Hermann Czech sowie Planungsstadtrat Rudolf Schicker. Ziel: die „Förderung der Kommunikation zwischen Stadt und Land, Ost und West, Fachleuten und Laien“.
ORTE architekturnetzwerk niederösterreich: 02732/78374


[www.architekturtage.at
architektur@derStandard.at]


Kultureller, politischer, sozialer Mehrwert

Georg Pendl über die Sinnhaftigkeit, Architektur gemeinsam zum Thema zu machen

ALBUM: Wie ist es zum Zusammenschluss der Architekturhäuser gekommen?
Georg Pendl: Vor einigen Jahren hat die Kammer bereits einmal eine ähnliche Aktion gestartet, diesmal wollten wir aber die Architekturhäuser der Bundesländer und die Architekturstiftung mit einbinden, also jene, die das Feld ohnehin ständig beackern. Wir haben einen Verein gegründet, um solche Aktionen auch in der Zukunft machen zu können.

ALBUM: Was verspricht man sich davon?
Pendl: Wir wollen den Leuten klarmachen, dass Architektur immer und überall ist, ob in der Stadt oder auf dem Land. Wir wollen Kommunikation nach außen betreiben, Interessierte ansprechen, und auch die inneren Netze zwischen den Bundesländern stärker knüpfen.

ALBUM: Wie wollen Sie aber Leute für diese Aktion begeistern, die keine Architekten sind?
Pendl: Es werden natürlich Leute kommen, die sich im Grunde für Architektur bereits interessieren.

ALBUM: Architekten war es die längste Zeit verboten, Werbung für sich zu machen. Ist diese Aktion eine Art Gemeinschaftspromotion?
Pendl: Jede Eröffnung eines neuen Hauses, jede Bautafel ist im Grunde genommen eine Form der Werbung, so wie auch diese Aktion. Doch die kostet indirekt etwas, den einzelnen aber nichts. Sie dient also auch kleinen Büros, die sonst nicht einmal einen Dreizeiler schalten könnten.

ALBUM: Wie glauben Sie, werden Architekten landläufig gesehen?
Pendl: Ich fürchte, als Klischee des eleganten, smarten Menschen, der irgendwie auch mit Design zu tun hat. Uns geht es aber um kulturellen, politischen, sozialen Mehrwert in unserer Arbeit. Wer das nicht im Sinn hat, sollte als Architekt nicht antreten.

21. September 2002 Der Standard

Architekturschiff im Grasmeer

Unvorbeischaubar' heißt der Werbeslogan der Firma Trevision. Unvorbeischaubar, und zwar an der Architektur, sollte das Unternehmen ebenfalls werden, deshalb hat man sich einen flotten neuen Firmensitz von der Architektengruppe „Querkraft“ auf der grünen Wiese geleistet.

Das Unternehmen Trevision ist einer von Europas marktführenden Großbildproduzenten, hergestellt werden riesige Bildflächen für Transparente, fassadengroße Werbebespannungen aus Kunststoffgewebe u. ä. Seit 1990 mischt das Unternehmen im farbenfrohen Gewerbe mit, und da sich die Technologien auf dem Sektor des Druckens und Bilderpinselns ständig ändern und verbessern, wurden die entsprechenden geräumigeren Produktionsräumlichkeiten zu einem dringlichen Anliegen.

Vorvergangene Woche wurde nun das neue Trevision-Flaggschiff in Großhöflein eröffnet, die rund 40 Kopf starke Belegschaft segelte sozusagen mit wehenden Fahnen aus ihren alten kleinen Hallen im niederösterreichischen Pottendorf Richtung Burgenland, wo man dank der Großhöfleiner Stadtväter unternehmerisch offenbar günstiger den Anker zu Wasser lassen kann.

Das Drucken großflächiger Bilder braucht vor allem eines: viel Platz samt erhöhtem Überblick über das ausgedruckte Bildwerk. Da die Leute von Trevision aufgrund ihres Geschäfts seit Firmenbestehen intensiven Kontakt zu kreativen Geistern, Künstlern und Architekten pflegen, beschlossen sie, auch dem neuen Unternehmensstammsitz ein architektonisch hochwertiges Profil zu verpassen, sich mit einer gelungenen Architektur zugleich eine handfeste überdimensionale Corporate Identity zu verpassen. Bauherr Heinz Wikturna verpflichtete die Wiener Architektengruppe Querkraft, mit der bereits einige Projekte abgewickelt worden waren, und ließ sich ein Haus auf die Bedürfnisse seines Unternehmens zurechtschneidern.

Das Resultat steht nun in Form einer lang gestreckten, innen klar und logisch strukturierten Halle wie ein schlankes Schiff im Großhöfleiner Grasmeer. Den Kern des Hauses bildet die Produktionshalle. Sie erstreckt sich über die gesamte Gebäudelänge. Parallel dazu laufen zwei Geschoße: Unten befindet sich, gut in Sichtbeton eingepackt, die Anlieferung, oben die Büros. Hier ist alles transparent und in Glas ausgeführt, sodass jeder jederzeit einen vorzüglichen Überblick über das Geschehen hat.

Auch die Zone zwischen Produktion und Büro ist verglast, hier läuft ein schmaler Steg wie eine Schiffsreling quer durch das gesamte Gebäude, von der aus die Bilder, die unten gerade aus den Druckmaschinen rattern, aus luftiger Vogelperspektive betrachtet und geprüft werden können.

Die Außenerscheinung der Halle wird - selbstverständlich - von zwei über die gesamte Gebäudelänge gespannten und nächtens hinterleuchteten Großbildern geprägt. Die der Autobahn zugewandte Front soll jährlich neu von den Künstlern von „Museum in Progress“ bespielt werden. Auf der Zufahrtsseite ist in schimmernden Lettern das Wort „Unvorbeischaubar“ luftgepinselt, der momentane Werbeslogan des Unternehmens. Die Planungs- und Bauzeiten waren kurz und betrugen insgesamt kaum ein Jahr. Die Investitionskosten beliefen sich inklusive Maschinerie auf drei Millionen Euro.

12. September 2002 Der Standard

Wahnsinn und andere Architekturen

Österreich ist nicht nur in seinem Pavillon auf der Architekturbiennale in Venedig gut vertreten. Auch die Hauptschau zeigt einige starke heimische Beiträge zum nationalen und internationalen Architekturgeschehen, die sich sehen lassen können.

Eigentlich hätte alles noch viel toller werden sollen in Sachen Österreicher auf der Architekturbiennale. Eigentlich hätte Heidulf Gerngross die Lagunenstadt gerne quasi mit Architektur überschwemmt gesehen, mit einer aus Containern aufgestapelten Kapelle vor dem Arsenal, einer sich selbst tragenden, durch die Energien der Sonneneinstrahlung aufschwebenden Kunststoffkugel vor dem Bahnhof, und das alles neben seinem ohnehin offiziellen Beitrag im traditionellen Hoffmann-Pavillon.

Das Veto der lokalen Denkmalschützer machte Gerngrossens Pläne bedauerlicherweise zunichte, und damit seinen halben Auftritt sozusagen virtuell.

Auch Rainer Köberl hätte alles noch toller getrieben, wenn man ihn gnädigst gelassen hätte. Seine Pläne sahen - sozusagen in reziprokem Pas de deux zum Kollegen Gerngross - einige gravierende Abrisse der bestehenden Österreich-Pavillon-Architektur vor, nämlich der dahinter gelegenen Hofmauer und dem Bürokämmerchen daneben. Wie schade, dass er nicht durfte, was dem ohnehin entlegenen Haus zur Zier gereicht und dem Giardini-Areal einen prominenten zweiten Ein-und Ausgang, ein weiteres Tor zur Stadt beschert hätte. Doch Architektur ist nicht immer nur das, was der Fall ist, sondern auch das, was der Fall sein könnte, und deshalb steht Österreich mit seinen vielfältigen Beiträgen zur großen Architekturschau wacker da.

Ob sich die im Pavillon eingehängte Loftwohnung von Gerngross sowie der überflutete Raum Köberls samt umlaufender Inschriften den hastigen Biennale-Betrachtern wirklich in ihrer Gesamtheit und Tiefe erschließen, bleibt allerdings fraglich.


Blasse Präsentation

Ebenso lebt die intensive, faszinierende Persönlichkeit Jan Turnovskys nicht wirklich wieder auf in einem Raum, der mit seinen klugen, witzigen, originellen Überlegungen zur Architektur austapeziert ist. Trotzdem gut, dass er dabei ist, der 1995 freiwillig aus dem Leben Gegangene, der einer der wichtigsten, weil subversivsten und irritierendsten Architekturlehrer der damaligen Zeit in Wien war.

Und Nelo Auer? Ihr mit bunten Pölstern befüllter Kuschelraum wurde von Anfang an ganz gut vom sich des Schuhwerks entledigenden Publikum angenommen. Doch was mehr als barfüßige Kissenbenutzer auf Teppichboden ist eigentlich in diesem Beitrag zu sehen?

„Integrazione - Denn der Wahnsinn braucht Methode“ hat Dietmar Steiner getitelt. Gerngross hat diesen Wahn durchaus ausgelebt, Unternehmen zur Mitarbeit gewonnen, mit dem „Archiquant“-Teilchen, das er erfand, einen neuen Architekturmarketing-Kosmos vom Damenring bis zum Barhocker erfunden. Den anderen hätte ein bisschen mehr Wahnsinn vielleicht noch besser getan.

Auch die heuer ganz furchtbar ernste, würdige, in Kapitel geteilte Hauptschau ist mit Österreichischem gut durchzogen: „Housing“ bringt die geplanten City-Lofts samt Wohnhochhaus am Wienerberg von den jungen Wiener Shootingstars Delugan-Meissl, die zu den ganz wenigen hier in Venedig Gezeigten mit sozialem Anspruch gehören. Zwischen den entzückenden filigranen Modellchen in „Museums“ erregt eine lilablaue Skulptur größerer Dimension Aufsehen, die in Originalgröße veranschaulicht, wie die Haut des von Cook und Fournier geplanten Kunsthauses in Graz demnächst ausschauen wird.

„Communication“ eröffnet mit der Gruppe Baumschlager, Eberle, Gartenmann, Raab GmbH und der Flughafenerweiterung in Schwechat, sowie mit Boris Podreccas Praterstern-Projekt für Wien. Podrecca mischt auch ordentlich im italienischen Pavillon mit, wo er etwa mit städtebaulichen Projekten wie Triest prominent vertreten ist.


Türme für Wien

Doch zurück zur Hauptschau: „Towers“ ist hier unter anderem gespickt mit Hans Holleins Porr-Turm am geplanten Monte Laa in Wien. Und „Shopping“ präsentiert Coop Himmelb(l)au mit ihrer BMW-Welt in München. Die Wiener sind auch noch in der Städtebauabteilung „Masterplans“ mit ihrem Beitrag für das JVC Cultural Centre in Guadalajara zu sehen.

Publikationen

2015

Funkhaus Wien
Ein Juwel am Puls der Stadt

Argentinierstraße 30a: Diese Adresse ist nicht nur Radiohörern ein Begriff. Hier befindet sich das ORF Funkhaus, einer der kulturellen Brennpunkte des Landes. Heimat von Ö1, FM4 und des Landesstudios Wien, aber auch Spielstätte des Radio-Symphonieorchesters. Im Großen Sendesaal wurde Radiogeschichte
Autor: Ute Woltron, Peter Stuiber
Verlag: Müry Salzmann Verlag