Ist das die Zukunft der Stadt?
Auch wenn die Bauarbeiten noch nicht ganz abgeschlossen sind, lässt sich für das Projekt eine
erste Bilanz ziehen: Der ehemalige Nordbahnhof hat sich zu einem begehrten Wohnviertel entwickelt. Das Herzstück: ein „freie Mitte“ getauftes Grünareal.
Städte, so hat es Robert Musil einmal formuliert, gleichen einer kochenden Blase, die in einem Gefäß ruht, das aus dem dauerhaften Stoff von Häusern, Gesetzen, Verordnungen und geschichtlichen Überlieferungen besteht. Die kochende Blase sprudelt nicht immer gleich heftig. Auf jahrzehntelange Ruhe folgen Jahre heftiger Transformation, die der Stadt eine neue Identität geben und manchmal auch das Gefäß verändern.
Sperriges Areal wird resozialisiert
Ein Musterbeispiel für einen solchen Stadtumbau mit Folgen sind die Bahnhofsareale der Nordbahn und der Nordwestbahn im 2. bzw. im 20. Wiener Gemeindebezirk. Während sich das Areal des ehemaligen Nordbahnhofs am Ende eines Transformationszyklus befindet, ist am Nordwestbahnhof gerade „tabula rasa“. Im Vorüberfahren nimmt man dort eine weitgehend leergefegte Fläche im Ausmaß von 44 Hektar wahr, auf der bis 2035 rund 6500 Wohnungen, mehrere Bildungseinrichtungen und 4700 Arbeitsplätze entstehen werden. Für die angrenzenden Gebiete verschwindet damit eine Barriere, die fast so groß ist wie der Augarten: Nach über hundert Jahren, in denen sich hier alles um die Bahn drehte, wird das sperrige Areal resozialisiert und in ein Wegenetz eingebunden, das vom Augarten bis an die Donau führt.
Ursachen für Verzögerungen
Das von der Stadtplanung 2005 definierte Leitbild sah einen langgestreckten, von Wohnbauten flankierten Park mit Büro- und Sondernutzungen an den Enden vor. Damit ging es in einen Wettbewerb, den 2008 das Schweizer Büro Ernst Niklaus Fausch Partner (enf) gewann. Sie tauften den zentralen Park „Grüne Mitte“, gaben ihm und der Wohnbebauung schwungvollere Konturen und große Innenhöfe, die entfernt an den Karl-Marx-Hof erinnerten. Die an dieses Leitbild anknüpfende Bürgerbeteiligung kam mehr als ein Jahrzehnt zu früh. Ursprünglich war die Fertigstellung der ersten Bauphase für 2014 geplant, die der letzten für 2022. Die Ursache der Verzögerungen lag teils an der Fertigstellung neuer Logistikzentren der ÖBB, teils an einer sehr aufwendigen Umweltverträglichkeitsprüfung.
Masterplan aus dem Jahr 1993
Auf dem Areal des Nordbahnhofs, das von der Lasallestraße nach Nordwesten bis zur Innstraße reicht, ging die Entwicklung schneller voran. Sie hat auch früher begonnen: Der Masterplan von Boris Podrecca und Heinz Tesar stammt aus dem Jahr 1993. Er sah eine Bebauung im Raster mit hoher Dichte vor, Baublöcke mit Innenhöfen, breite Alleestraßen und eine gewisse Monumentalität, zu der ein quadratisch angelegter Stadtpark im Format von 200 mal 200 Metern beiträgt. Die Filetstücke an der Lasallestraße waren bald vergeben: Wilhelm Holzbauer durfte Verwaltungsbauten für IBM und die Bank Austria entwerfen, wobei Letzterer mit der Idee eines öffentlichen Durchgangs zu seinen besseren Werken zählt.
Keine Begeisterung der Bauträger
Der Masterplan von Podrecca und Tesar hätte neue Bautypologien vorgesehen, für deren Entwicklung sich die Bauträger aber nicht begeistern ließen. Sie realisierten lieber ihre gewohnten Modelle, also Zeilen und kompakt aufmarschierende Punkthäuser mit hoher Dichte. Das Restgrün dazwischen blieb im schlimmsten Fall mit Maschendrahtzaun von der Straße abgetrennt. Am anderen Ende des Qualitätsspektrums finden sich allerdings innovative Projekte wie die Bike City von Claudia König und Werner Larch, der Wohnriegel von PPAG, das Baugruppen-Wohnprojekt Wien von einszueins architektur und ein Dreierensemble von Werner Neuwirth, Sergison Bates und Ballmoos Krucker. Die Gestaltung des Parks blieb leider Mittelmaß, nicht zuletzt wegen der Entscheidung, dem großen Quadrat ein Stück für einen Bildungscampus abzuzwacken, der keinerlei Bezug auf die Parkgestaltung nimmt und als Barriere wirkt.
In Dornröschenschlaf versunken
Angesichts dieses durchwachsenen Resultats schrieb die Stadt 2011 einen Ideenwettbewerb aus, der eine Nachschärfung des Masterplans von Podrecca und Tesar für die nächste Phase zum Ziel hatte. Das Areal war zu diesem Zeitpunkt etwa zur Hälfte bebaut und im unbebauten Teil seit Einstellung des Bahnbetriebs in einer Art Dornröschenschlaf versunken. Von der Bruno-Marek-Allee, dem zukünftigen zentralen Boulevard, gab es erst zwei Striche auf einem Masterplan, und bezüglich Verteilung der Grünflächen war unklar, ob es viele kleine, wohnungsnahe oder vielleicht doch wieder eine größere, parkartige geben sollte.
Die Stadtplanung erwartete sich vom Wettbewerb eine sanfte Weiterentwicklung des Plans von Podrecca und Tesar, etwa in die Richtung, die enf für den Nordwestbahnhof vorgeschlagen hatten. Den ersten Platz im Wettbewerb machte allerdings ein radikal anderes Projekt. StudioVlayStreeruwitz schlugen auch eine „Mitte“ vor, allerdings keine „grüne“, sondern eine „freie“, die nach außen hin einen „vielfältigen Rand“ ausbilden sollte. Vorgabe für die Mitte war die möglichst authentische Erhaltung der überwucherten Bahnareals, mit Gleisspuren, Aufschüttungen und seltenen oder fremden Spezies, die es über den Güterverkehr hierher verschlagen hatte. Der Clou des Konzepts bestand darin, einen Teil der Wohnungen in sechs Hochhäusern unterzubringen, die am Rand der Freien Mitte platziert sind. Das spart – trotz der höheren Baukosten – Geld, das in das Planieren der Mitte und in zusätzliche Straßen hätte investiert werden müssen.
Bessere G‘stättn als Erholungsgebiet
Dass dieses Konzept anfangs nicht viele Freunde hatte, war in Wien erwartbar. Konnte man der Bevölkerung eine bessere G’stättn tatsächlich als Erholungsgebiet zumuten? Sind Hochhäuser eine zeitgemäße Wohnform? Soll man beiderseits der das Areal tangierenden Schnellbahntrasse, also an der Nordbahnstraße und parallel zur Bruno-Marek-Allee, eine extrem dichte Bebauung zulassen, um auch kostengünstige Wohnungen zu schaffen?
Dass sich der Wind langsam zugunsten des Projekts drehte, verdankt sich in erster Linie der unerschütterlichen Überzeugung von StudioVlayStreeruwitz von seiner Realisierbarkeit. Dazu kamen weitere „Erfolgsfaktoren“: mit Gerhard Kubik ein (politisch) roter Bezirksvorsteher, der das „grüne“ Projekt unterstützte; ein Konsortium von wenigen, aber großen Unternehmen wie Strabag, Wiener Städtischer Versicherung, Volkswohnwerk, KIBB und den ÖBB als Vertragspartner der Stadt, was die bauplatzübergreifende Koordination erleichterte; eine Bürgerinitiative „Lebenswerter Nordbahnhof“, die sich für das Projekt inklusive der Hochhäuser starkmachte; mit Agence Ter ein Büro für Landschaftsplanung, das die Idee der freien Mitte kongenial umsetzte; eine baufällige Halle neben dem historischen Wasserturm mit 2000 m², die von Studierenden der TU Wien repariert wurde und zwei Jahre lang als Forschungs- und Kulturzentrum diente, das von der Stadtplanung, von der TU und dem AzW unter dem Aspekt von „Care & Repair“ mit Hunderten Events bespielt wurde.
Dichte Bebauung parallel zur Schnellbahn
Auch wenn die Bauarbeiten noch nicht ganz abgeschlossen sind, lässt sich für das Projekt eine erste Bilanz ziehen. Der ehemalige Bahnhof hat sich zu einem begehrten Wohnviertel entwickelt, das über die Bruno-Marek-Allee sinnvoll mit den Bürobauten an der Lasallestraße verbunden ist. Auch die dichte Bebauung parallel zur Schnellbahn erweist sich als vertretbar, vor allem wegen der hohen Qualität der Freiraumplanung. Architektonische Highlights gibt es in der zweiten Baustufe weniger, stattdessen überzeugt der öffentliche Raum. Ob es jemals Touristen auf der Suche nach der Stadt der Zukunft hierher verschlagen wird? Ausgeschlossen ist das nicht.