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Profil

Wojciech Czaja, geboren in Ruda Śląska, Polen, ist freischaffender Journalist für Tageszeitungen und Fachmagazine, u.a. für Der Standard, Architektur & Bauforum, VISO, db Deutsche Bauzeitung, und DETAIL. Er ist Autor zahlreicher Wohn- und Architekturbücher, u.a. Wohnen in Wien (2012), Zum Beispiel Wohnen (2012), Überholz (2015) und Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden (2015). Zuletzt erschien HEKTOPOLIS. Ein Reiseführer in hundert Städte im Verlag Edition Korrespondenzen. Er arbeitet als Moderator und leitet Diskussionsrunden in den Bereichen Architektur, Immobilienwirtschaft und Stadtkultur und veranstaltet unter dem Titel Ähm, ja also... Praxis-Workshops zum Thema Kommunikation und Präsentation. Er ist Dozent an der Universität für Angewandte Kunst in Wien sowie an der Kunstuniversität Linz und unterrichtet dort Kommunikation und Strategie für Architekten. Außerdem ist er von 2015 bis 2021 Mitglied im Stadtbaubeirat in Waidhofen an der Ybbs.

Publikationen

Wir spielen Architektur. Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit, Sonderzahl-Verlag, Wien 2005
periscope architecture. gerner gerner plus, Verlag Holzhausen, Wien 2007
Stavba. Die Strabag-Zentrale in Bratislava, Wien/Bratislava 2009
Light/Night. The Nouvel Tower in Vienna, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2010
Wohnen in Wien. 20 residential buildings by Albert Wimmer, Springer Verlag, Wien 2012
Zum Beispiel Wohnen. 80 ungewöhnliche Hausbesuche, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2012
Überholz. Gespräche zur Kultur eines Materials, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2015
Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden, Wien 2015
Der Fuß weiß alles. Markus Scheer, Ecowin Verlag, Wals bei Salzburg 2016
Der Erste Campus, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2017
motion mobility. Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien, Park Books, Zürich 2017
Hektopolis. Ein Reiseführer in hundert Städte, Edition Korrespondenzen, Wien 2018

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Artikel

6. Dezember 2012 Der Standard

Der letzte Vertreter der internationalen Moderne ist tot

Oscar Niemeyers bedeutendstes Vermächtnis ist die am Reißbrett entstandene Hauptstadt Brasília

Am Mittwoch ist der brasilianische Architekt Oscar Niemeyer gestorben. Mit 104 Jahren war er der letzte noch lebende Vertreter der Moderne. Sein bedeutendstes Vermächtnis ist die am Reißbrett entstandene Hauptstadt Brasília.

Er war an den beiden schönsten Buchten der Welt daheim. Seine Wohnung lag in Ipanema, das Büro befindet sich an der Küstenstraße der Copacabana, erste Reihe fußfrei mit Blick auf das Meer. Bis vor wenigen Wochen saß er noch regelmäßig am Schreibtisch und skizzierte weiche, wellenförmige Gebilde aufs Papier. „Der rechte Winkel gefällt mir nicht“, sagte er. „Es sind die freien und sinnlichen Kurven, die ich im Wasser, in den Wolken des Himmels und im Leib einer geliebten Frau finde, die mich anziehen.“ Am Mittwoch ist der brasilianische Architekt Oscar Niemeyer im Alter von 104 Jahren - wenige Tage vor seinem 105. Geburtstag - in Rio de Janeiro gestorben.

Niemeyer, der an der Nationalen Hochschule der Schönen Künste in Rio studierte und seit 1934 im Berufsleben stand, war nicht nur einer der einflussreichsten Architekten der Welt, sondern auch der letzte noch lebende Vertreter der internationalen Moderne. Im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen, die mit ihren Entwürfen immer wieder schockierten, verstand Niemeyer es jedoch, die Menschen für seine Bauten zu begeistern. Niemand verpasste dem gegossenen Beton eine so kühne Leichtigkeit wie er.

Unter den mehr als hundert realisierten Bauwerken und Stadtplanungen befinden sich das UNO-Headquarter in New York (1947, in Zusammenarbeit mit Le Corbusier), das Wohnhochhaus Edifício Copan in São Paulo (1951), zahlreiche Universitätsbauten in Brasilien, Israel, Algerien und Kuba, das Museum für zeitgenössische Kunst in Niterói (2001), das Auditorium in Ravello an der Amalfiküste in Italien (2010) sowie das erst letztes Jahr fertig gestellte Kulturzentrum im spanischen Asturias.

Die große Stunde schlug Niemeyer, als Brasiliens Staatspräsident Juscelino Kubitschek 1956 verkündete, den lange Zeit gehegten Traum einer neuen brasilianischen Hauptstadt in der geografischen Mitte des Landes endlich Realität werden zu lassen. Mehr als 5.500 Architekten aus aller Welt nahmen damals am städtebaulichen Wettbewerb teil. Lúcio Costas kühner Grundrissentwurf eines nach Osten aufsteigenden Vogels beziehungsweise Flugzeugs überzeugte den Präsidenten.

Während Costa für den Masterplan verantwortlich zeichnete, entwarf sein engster Freund Niemeyer einige der bedeutendsten Bauwerke für das neue Brasília. Die Bauarbeiten begannen im Februar 1957. Mitten in der brasilianischen Steppe wurden Straßen asphaltiert, Zuggleise verlegt sowie Parlamentsgebäude, Ministerien, Museen, Kirchen und ganze Wohnquartiere errichtet. 30.000 Bauarbeiter waren Tag und Nacht beschäftigt. Rund um die Präsidentenresidenz „Palácio da Alvorada“, die mit ihren filigranen, auf und ab gleitenden, parabelförmigen Säulen zu Niemeyers schönsten Gebäuden zählt, wurde sogar ein künstlicher See ausgebaggert.

Am 21. April 1960, nach nur vier Jahren Bauzeit, fand die feierliche Eröffnung Brasílias statt. Obwohl sich die brasilianische Bevölkerung mit der neuen Hauptstadt lange Zeit nicht anfreunden konnte, gilt Brasília seit dem ersten Tag ihres Bestehens als Meisterwerk gebauter Moderne. 1987 wurde die Stadt, in dessen Ballungsraum heute mehr als vier Millionen Menschen leben, zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt.

„Das Experiment Brasília war nicht erfolgreich“, wird Niemeyer später selbstkritisch erklären. Anders als er sich erträumt hatte, konnte sich das Volk die Wohnungen in den Superquadras mit ihren sorgfältig geplanten Kindergärten, Schulen und Geschäften bald nicht mehr leisten. Nach dem Militärputsch 1964 ergriffen die Diktatoren die Macht, die Gebäude wurden privatisiert, und die ursprünglich sozial gerechte Planstadt mutierte nach nur wenigen Jahren zu einem leblosen Monument.

1966 geht Niemeyer wegen seiner Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei Brasiliens ins Exil. 20 Jahre lang lebt er in Paris, wo er unter anderem die Zentrale der Französischen Kommunistischen Partei plant. Er entwirft Möbel und ist in Kleinasien und Nordafrika mit der Errichtung öffentlicher Bauten beschäftigt. „Die Kommunisten sind die einzigen, die immer noch eine bessere Welt schaffen wollen“, sagt er. Zurück in Brasilien ist Niemeyer vier Jahre lang sogar Präsident der Brasilianischen Kommunistischen Partei (PCB).

Der flotten, kühnen Linie bleibt Oscar Niemeyer, der 1988 mit dem renommierten Pritzker-Preis für Architektur ausgezeichnet wird, bis zu seinem allerletzten Projekt treu: Für den Sportschuh-Hersteller „Converse“ entwarf er heuer eine eigene Produktlinie, die erst vor wenigen Wochen auf den Markt gebracht wurde. Sein Leitsatz „Die Architektur besteht aus Traum, Fantasie, Kurven und leeren Räumen“ bezog sich nicht nur auf Immobiles.

Das Kapitel „Architektur der Moderne“ ist nun abgeschlossen. Oscar Niemeyer starb an den Folgen von Dehydratation und Nierenproblemen im Krankenhaus Samaritano in Rio de Janeiro. Er hinterlässt ein Erbe an atemberaubenden Betonskulpturen aus acht Jahrzehnten sowie einen ungebrochenen Glauben an die Schönheit der gebauten Welt.

1. Dezember 2012 Der Standard

Erlesener Berggipfel

Die MVRDV Architekten beweisen, dass die wahren Abenteuer nicht nur im Kopf sind. Wojciech Czaja wanderte durch Spijkenisse und erklomm den jüngst errichteten Bücherberg.

Ich finde das Gebäude lustig, es sieht futuristisch aus, und endlich gibt es wieder etwas Interessantes zu sehen", sagt Lisette Verhaig, eine Passantin am Straßenrand. Und Stefan Spermon, IT-Techniker in einem nahegelegenen Großbetrieb, meint: „Doch, schön ist es schon, das Haus. Aber ich frage mich, wofür wir heute noch eine Bücherei brauchen. Alle haben Internet, iPad und E-Books. Kein Mensch geht heute noch freiwillig in eine dieser Old-Style-Bibliotheken, oder?“

Spijkenisse, eine kaum besichtigungsbedürftige Schlafstadt vor den Toren Rotterdams, ist sonderbarer Rekordhalter: Die 80.000-Einwohner-Gemeinde weist die niedrigste Bildungsrate der gesamten Niederlande auf. Um diesem dummen Umstand entgegenzuwirken, beschloss man vor einigen Jahren, zur Allgemeinbildung beizutragen und die sieben fiktiven Brücken, die auf den Euroscheinen dargestellt sind, als hübsch bepinselte Stahlbetonminiaturen nachzubauen. Der Erfolg der Bildungsoffensive hielt sich in Grenzen. Und so erkannten die Stadtväter, dass es nur eine einzige Möglichkeit gäbe, der Statistik Herr zu werden: Eine Bibliothek müsse her!

Winy Maas vom Rotterdamer Architekturbüro MVRDV, Meister der tollkühnen Balkendiagramme und Produzent von witzigen, ja oft zynischen Bauten, nahm die Sache mit gewohnter Gelassenheit und erschien zum Wettbewerbs-Hearing anno 2003 mit fünf Büchern unterm Arm und einem Grinsen im Gesicht. Und während die Jury noch verdutzt um sich blickte und mit den Achseln zuckte, stapelte der freche Maas seine erlesenen Mitbringsel der Größe nach zu einer Pyramide und beendete seine aktionistisch untermauerte Rede mit den Worten: „Liebe Stadtgemeinde! Das ist er also, mein Vorschlag für den Bücherberg von Spijkenisse, für den sogenannten Boekenberg!“

Neun Jahre später ist der 30 Millionen Euro teure Berg aufgeschüttet. Er ist Teil eines Revitalisierungsprojekts, zu dem auch Tiefgarage, Supermarkt, Post und ein paar angrenzende Wohn- und Reihenhäuser mit insgesamt 50 Wohnungen gehören. Anfang November wurde der Bücherberg mit dem zweiten Preis „Best Library of NL 2012“ ausgezeichnet. Außerdem ist das Projekt für den Dutch National Wood Award 2012 nominiert.

Damit ist die gesichtslose Kleinstadtretorte, die bis dato nicht mehr zu bieten hatte als eine postmoderne Fußgängerzone und ein fassungslos hässliches Rathaus, hinter dessen weißen Fassaden man geneigt wäre, eine Molkereifabrik zu vermuten, um ein Stück zeitgenössischer Architektur reicher. Vor allem aber verfügt Spijkenisse nun über den ersten öffentlichen Kulturbau in der Geschichte seines Bestehens.

Der lange Weg zum Buch

Der erste Eindruck: Büchereldorado unter Käseglocke. Es gibt zwar einen Lift, der mitten durchs Bergmassiv führt, doch die wahren Raum- und Lesefreuden erschließen sich beim fußläufigen Erklimmen der Topografie. Der rundum verglaste Innenraum ist hell und übersichtlich, der gebrannte Klinkerboden und die eleganten Straßenlaternen sprechen unmissverständlich die Sprache eines öffentlichen Stadtplatzes. Das urbane Ambiente ist perfekt. Man hält bereits Ausschau nach Parkbank, Hund und Fußball spielenden Jungs und Mädels. Und überall Bücher, Bücher, Bücher.

„Normalerweise stehen die Bücherregale entlang der Fassade, und in der Mitte liegt ein großer, dunkler Raum, der meist ungemütlich und unpersönlich ist“, sagt Winy Maas. „Wir haben die klassische Raumkonfiguration auf den Kopf gestellt und den Lesebereich von innen nach außen gestülpt.“ Das Innere des Bücherbergs ist geschickt genutzt: In der Mitte liegen Büros, Internet-Bibliothek, Schachclub, Umweltzentrum und Haustechnikzentrale.

Eine besondere Freude sind die schwarzen Bücherregale, die mal Wandverkleidung, mal Brüstung, mal Stiegengeländer sind. Optik, Haptik und Geruch sind fremd. Selbst eingefleischte Architekten und Bauingenieure schütteln ob des unbekannten Baustoffs den Kopf. „Wir wollten hier mit Recycling-Materialien arbeiten“, erklärt Joop Trouborst, Projektleiter bei der Stadtgemeinde Spijkenisse, auf Anfrage des STANDARD. „Und so sind wir in einem friesländischen Agrarbetrieb eines Tages auf ein passendes Abfallprodukt aus der Landwirtschaft gestoßen.“

Seit vielen Jahren verwendet man in den Niederlanden in Gewächshäusern und auf Feldern ein millimeterdünnes Kunststoffvlies als Wurzelunterlage. Das ist billig und zeiteffizient. Das dünne Textil hält ein, zwei Saisonen, danach ist es reif für den Sperrmüll. Für die Bibliothek wurde das Vlies - erstmals in diesen Mengen - zu vier Zentimeter dicken Platten gepresst. Unter Hitzeeinwirkung und Druck verfärbt sich das sogenannte Landbouwplastic (KLP) zu einem dunklen, homogenen, belastungsfähigen Material, das ein bissl nach Neuwagen und ein bissl nach Sportschuh riecht.

Nach 105 Stufen ist man am Gipfel angelangt. Am Ende der fast 500 Meter langen Wanderschaft wird man im Literaturcafé nicht nur mit einer fantastischen Aussicht auf die Stadt, sondern auch mit holländischen Kroketten und eingetopften Ficusbäumen belohnt. Sie sorgen für Atmosphäre, vor allem aber für die richtige Luftfeuchtigkeit im Literaturgebirge.

Spenden für die neue Seele

„Man würde es ja nicht glauben, aber dieses Haus ist trotz der vielen Glasflächen ein Vorzeigeprojekt in puncto Ökologie“, sagt Trouborst. Geheizt und gekühlt wird mit Erdwärme. „Obwohl der Bücherberg unter einem Glassturz steht, scheint die Sonne selbst an sonnigen Tagen nur kurz ins Innere. Die breiten Holzleimbinder, die quer zur Glasfassade stehen, dienen als Beschattung und fangen einen Großteil der Sonneneinstrahlung ab. Das Raumklima ist sehr angenehm.“ Den Rest erledigen vollautomatische Rollos.

Stefan Spermon, der anfängliche Skeptiker aus der IT-Branche, wagte bereits den Weg in die neue Bücherei. Auch Lisette Verhaig war schon da. Und auch die TCM-Lehrerin Cynthia Bogarde, die den Boekenberg gar als Spijkenisses „längst überfällige Seele“ bezeichnet. Der Grund: Zur Eröffnung vor wenigen Wochen wurde jeder Bewohner eingeladen, ein Buch aus seinem persönlichen Bestand zu spenden. Damit sollen vorerst einmal die optischen Lücken in der noch nicht vollständig bestückten Bibliothek - derzeit 70.000 Stück - gefüllt werden. Das Konzept ist aufgegangen. Die Regale sind bis obenhin gefüllt.

„Nichts ist schlimmer als eine halbleere Bibliothek“, sagt Architekt Winy Maas. „Ich denke, dank unserer Einladung hat nun jeder Bewohner eine gewisse Beziehung zu diesem neuen Haus. Jeder weiß, dass sein Buch Teil dieses Gebäudes ist. Und wenn es nur zur Zierde ist.“ Damit ist MVRDV jene Königsdisziplin gelungen, die man im Fachjargon Identitätsstiftung nennt. Spijkenisse hat Literaturgeschichte geschrieben. So jung und ungebildet sie auch sein mag. Das ist endlich mal ein Ansatzpunkt für Identität.

17. November 2012 Der Standard

Moskito, mach die Mücke!

Gestern, Freitag, wurde in Berlin der Zumtobel Group Award vergeben. Preisträger sind ein Krankenhaus in Ruanda und ein Stadtplanungsprojekt in Paris.

Das einzige Problem, das sie nicht in den Griff gekriegt haben, sind die blöden Moskitos. Über jedem einzelnen der insgesamt 140 Betten hängt ein dünnes weißes Netz, das in der Nacht entknotet und vorsichtig über den Patienten drapiert wird. Und das ist auch gut so bei der kühlen und feuchten Luft in Butaro in 2200 Meter Seehöhe, hoch oben im Norden von Ruanda. Gestern Abend, Freitag, kamen die Architekten dieses ungewöhnlichen Krankenhauses nach Berlin und nahmen im alten E-Werk den Zumtobel Group Award 2012 entgegen.

Damit vergab das Vorarlberger Lichtunternehmen bereits zum dritten Mal jenen Preis, der nach eigenen Angaben nicht nur Werbung ist, sondern auch an die Dringlichkeit ganzheitlichen ökologischen Denkens in der Architektur erinnern soll. In der Kategorie „Gebaute Umwelt“ wurde das Butaro Hospital des Bostoner Architekturbüros Mass Design Group ausgezeichnet, in der Kategorie „Forschung und Initiative“ ging der Preis an das partizipative Stadtplanungsprojekt R-Urban des Pariser Büros Atelier d'architecture autogérée (AAA).

„Nachhaltigkeit und Ökologie werden in der Architektur immer wichtiger“, meint Harald Sommerer, CEO der Zumtobel Group. „Die beiden Siegerprojekte zeigen jedoch sehr eindrücklich, dass Nachhaltigkeit über Energieeinsparung und Ressourcenschonung weit hinausgeht. Sie bezieht soziale, wirtschaftliche, aber auch regionalpolitische Aspekte mit ein. Darin sehe ich die Zukunft des Architekturberufs. Ohne das wird's nicht gehen.“

Moskitos also. Nacht für Nacht summen die peinigenden Quälgeister durch die Krankenzimmer und prallen am weißen Textil ab. Keine Nahrung, kein Blut, keine Krankheitsübertragung. So einfach ist das. Doch die fliegenden Winzlinge sind nicht das einzige Problem, das in der Luft liegt. „Wir haben festgestellt, dass in den bestehenden Krankenhäusern in Ruanda die Menschen das Spital oft kränker verlassen, als sie es aufgesucht haben“, erklärt Alan Ricks, einer der beiden Köpfe der Mass Design Group. „Das Problem sind Tuberkulose und andere Tröpfcheninfektionen, die über die Luft übertragen werden.“

Und wo passieren die meisten Ansteckungen? In den Wartezimmern und Korridoren. Studien belegen das. Also griff Ricks zum Rotstift und radierte die bösen Bestandteile der Spitalsarchitektur einfach aus. Das Butaro Hospital, das in Zusammenarbeit mit dem ruandischen Gesundheitsministerium und der NGO Partners in Health (PIH) entwickelt und im Jänner 2011 eröffnet wurde, ist ein großzügiger offener Campus mit Gärten, Gehwegen, Arkaden und einzelnen freistehenden Gebäuden. Gewartet wird draußen in der freien Natur unter einem Vordach. Das milde Bergklima macht's möglich.

Querlüftung in den Zimmern und riesige Industrieventilatoren sorgen zudem für die nötige Luftzirkulation in den Krankenzimmern. „Alles ist ganz einfach. Es macht keinen Sinn, eine komplizierte Haustechnikanlage zu installieren, wenn es vor Ort weder Fachkräfte noch Geld gibt, um ein solches System instand zu halten“, sagt Ricks. „So ein Projekt ist nur dann sinnvoll, wenn man bereit ist, sich den Gegebenheiten anzupassen und entsprechend kostengünstige Technologien und eine klare, reduzierte Designstrategie zu entwickeln.“

Einfach ist auch die Bauweise des Krankenhauses. Die Wände sind aus Beton, das Dach ist aus Blech, aufgewertet wird das Ganze durch Natursteinmauerwerk, das wie bei einem Puzzle passgenau ineinandergeschlichtet wurde. Damit besteht der Großteil des Campus aus regionalen Baustoffen. Einzig der Stahl für die Fenster und Vordächer musste aus Uganda und Kenia importiert werden.

„Wir haben uns bewusst für eine Fertigungsmethode entschieden, die nur wenigen Know-hows bedarf“, so der Architekt. „Auf diese Weise konnten wir 4000 arbeitslose Helfer aus der Region in den Bauprozess miteinbeziehen.“ Eingeschult wurden die fachfremden Männer und Frauen von ausgebildeten Handwerkern, von Tischlern, Schlossern und Baumeistern in Form von Workshops und intensiven Crashkursen.

Fazit: Die Baukosten für die gesamte Anlage liegen bei nicht einmal 4,5 Millionen US-Dollar (3,5 Millionen Euro). Die Bauzeit wurde um ein Drittel verkürzt. Und die hohe Arbeitslosenquote in der Region konnte - zumindest für bestimmte Zeit - deutlich gesenkt werden. Damit ist das Butaro Hospital mehr als nur ein architektonischer Beitrag. Es ist ein interdisziplinäres Projekt, das aus sämtlichen Ressourcen schöpft.

Stadt wird wieder Stadt

Auch der Preisträger in der Kategorie „Forschung & Initiative“ basiert auf diesem ganzheitlichen Ansatz. In Colombes, einem Pariser Vorort im Nordwesten der Stadt, entwickelten die Architekten von AAA ein Konzept, das vorsieht, die bestehende Stadtstruktur mit ökologischen Kreisläufen zu überlagern - von Regenwassernutzung und Nahrungsmittelanbau auf den Dächern über Recycling und ökologische Abfallwirtschaft bis hin zu großflächiger urbaner Landwirtschaft.

„Colombes hat heute 84.000 Einwohner, und der Großteil davon lebt unter schlechten Bedingungen“, erklärt Doina Petrescu, Chefarchitektin von AAA. „Wir wollten eine Möglichkeit schaffen, wie diese Menschen an der Peripherie an einem günstigen und ökologischen System teilhaben können.“

Von den geplanten Maßnahmen auf 4000 Quadratmetern Land wurde bisher ein Gemeinschaftshaus errichtet. Zudem wurde die Fläche urbar gemacht. Im Dezember ist die nächste Bauetappe geplant. Petrescu: „Gärtnern ist der einfachste und direkteste Zugang, um Menschen in Kontakt zu bringen. Vor allem an einem Ort, der von Migration und hoher Arbeitslosigkeit betroffen ist, müssen wir diese Potenziale nutzen. Das ist unsere Verantwortung als Architektinnen und Architekten.“

Ziel ist es, die Menschen vier Jahre lang zu begleiten und die Gemeinschaft danach sich selbst zu überlassen. Finanziert wird R-Urban mit Geldern von Gemeinde und Region sowie über das EU-Programm Life Plus. Auch Privatsponsoren und kleinere Unternehmen beteiligen sich an der Reurbanisierung von Colombes. Das bisherige Budget beläuft sich auf 1,2 Millionen Euro.

„Natürlich wird es den Architekten als Designer auch weiterhin geben. Der klassische Architekt wird nicht aussterben“, meint Hans-Jürgen Commerell, Direktor von Aedes. Das Berliner Architekturforum konzipierte den mit 140.000 Euro dotierten Zumtobel Group Award und betreute den Wettbewerb, in dessen Jury auch so wohlklingende Namen wie Stefan Behnisch, Winy Maas und die Pritzker-Preisträgerin Kazuyo Sejima saßen. „Aber wenn es darum geht, einen ernsthaften Beitrag für die Zukunft der Welt zu leisten, dann können und müssen wir uns an diesen interdisziplinären Projekten ein Beispiel nehmen.“

3. November 2012 Der Standard

Ein Storch wird kommen

Burgenland trifft Japan: Letzten Samstag wurde in Raiding Terunobu Fujimoris „Storchenhaus“ eröffnet. Ode an eine kleine Ikone.

In den letzten Monaten, so erzählt man sich, schlich immer wieder ein älterer asiatischer Herr durch die Gärten und ließ sich beim Obstpflücken ertappen. Die Dorfbewohner nahmen die Sache gelassen. Der Japaner ist wieder da! „Ich weiß jetzt, wo die besten Äpfel und Trauben wachsen“, sagt der Tokioter Architekt Terunobu Fujimori, „vielleicht schreibe ich ja mal ein Handbuch für Obstjäger in Raiding.“ Doch nicht die Erforschung der mittelburgenländischen Genussflora war seine Mission auf den vielen Reisen nach Österreich, sondern die Errichtung eines sogenannten Storchenhauses.

Das Gebäude, das per Definition für ein Menschen- und ein Storchenpaar konfiguriert ist, weist für beiderlei Lebensgattungen einen kommoden, wenn auch für österreichische Verhältnisse ungewohnt asketischen Komfort auf: Während die Storche auf das bewährte Fundament eines gemauerten Kamins werden verzichten müssen, dürfen sich die Menschen mit den reduzierten Wohn- und Lebensgepflogenheiten aus Nippon vertraut machen. Und das heißt: keine Zentralheizung, keine Treppen, keine Couch und keine Pelargonien vorm Fenster, dafür aber, wie Projektinitiator Roland Hagenberg meint, „die wohl modernste Toilette Burgenlands“ mitsamt Föhn und Dusche für den Allerwertesten.

Das Storchenhaus mit japanischer Handschrift ist das Resultat eines seit einigen Jahren schon reifenden Völkerverständigungsprojekts. Hagenberg, seines Zeichens Künstler und Kulturjournalist sowie seit 20 Jahren Wahljapaner und seit derer drei Wahlraidinger mit einem alten Bauernhof am Ortsrand, setzte sich in den Kopf, den fernen Osten der Welt mit dem fernen Osten Österreichs zu verbinden und anlässlich des Franz-Liszt-Jahres 2011 zehn Unterkünfte für weit herbeigereiste Künstler, Dirigenten und Interpreten zu schaffen.

Nun denn, das Jubiläumsjahr des 1811 in Raiding geborenen Komponisten ist vorüber, doch die Idee einer transkulturellen, innovativen Behausungsgruppe für die mit Gästebetten dünn gesäte Gemeinde überdauerte den letztjährigen Festivalstress und wurde bei ehestmöglicher Gelegenheit nachgeholt. Letzten Samstag fand in Beisein des japanischen Botschafters Shigeo Iwatani und der halben Dorfbevölkerung die feierliche Eröffnung statt.

Es wurde posaunt und trompetet, und nach einer Folge an emotionalen Reden, die sich allesamt um eine mal politische, mal künstlerische, mal musikalische Erklärung der nationalen Zusammenführung bemühten, schritt man gehobenen Glases und gegessenen Leberkäsbrötchens zum umfeierten Hause.

Wo bis vor kurzem eine G'stätten war, schlängelt sich nun ein hübscher, unregelmäßig betonierter Weg durch den noch in letzter Minute verlegten Rollrasen. „Umwege erweitern die Ortskenntnis“, hatte Kurt Tucholsky einmal gesagt, und so gelangt man mit japanischer Erleuchtung nach wenigen Metern an jenen Punkt, an dem es einem ob der zurückhaltenden, mit viel Lebensweisheit komponierten Architektur die Sprache verschlägt und man beim Betreten der Terrasse dem Gebauten unverzüglich allen nötigen Respekt erweist, indem man sich sofort die Schuhe von den Füßen streift. Diejenigen, die bereits in der Debatte um die Sinnhaftigkeit der kirschblütenländlichen Bloßfüßigkeit weilen, gemahnt ein mit letzter Verzweiflung improvisiertes Hinweisschild auf dem Boden: „Absolut keine Schuhe!“

Geht doch. Fujimoris Storchenhaus, das auf einer Grundfläche von fünf mal fünf Metern errichtet wurde, ist ein unaufgeregtes Gebilde, das den geradezu selbstverständlichen Eindruck vermittelt, Vogel und Mensch seien gleichberechtigte Bewohner mit wohlgemerkt etwas unterschiedlich gelagerten Wohnansprüchen. Das Storchennest balanciert in 13 Meter Höhe auf einem leicht gekrümmten Eichenstamm, der zugleich das gestalterische Rückgrat des Gebäudes ist. Steil fällt von seiner an den Rand gedrückten Mitte ein dickes, fest gebundenes Schilfdach ab. Die Schilfbauweise ist schon fast in Vergessenheit geraten. Hier wird der Verlust auf höchstem Niveau kompensiert.

„Da ist ja gar kein Lack!“

„Ich gebe zu, dass bei uns ein gewisser Umdenkprozess stattgefunden hat“, erinnert sich Bauingenieur Richard Woschitz. „Mit dem österreichischen Bauen sind wir bestens vertraut, doch in Japan geht man an die Sache anders heran. Das Bewusstsein für Materialien und Details ist stärker ausgeprägt als bei uns.“ Genau und nicht mehr und nicht weniger als drei ganze Eichenbäume wurden in diesem Haus verarbeitet. Einige dienen als Stütze, einige als nur 1,30 Meter hohe und 40 Zentimeter breite Alternativtüre für verbeugungslustige Besucher, einige als angekohlte, schwarze Fassade. Innen wurden damit Boden, Galerie und Möbel gefertigt - schön schief und mit abenteuerlich unregelmäßigen Fugen. Das Burgenland aus dem Off: „Ist das schon fertig? Da ist ja gar kein Lack.“

Terunobu Fujimori, und das ist ein Glück, ist des Deutschen nicht mächtig. „Meine Arbeit folgt der Natur“, sagt er, „es ist ja nicht so, dass ich den Baumstamm ausgesucht habe. Nein, der Baum hat zu mir gesprochen, und ich bin im Wald instinktiv auf ihn zugegangen.“ Im Sägewerk hätten die Handwerker den Kopf geschüttelt: „Wie kann man nur solche Bäume aussuchen! Das gehört verheizt.“ Am Ende siegte die interkulturelle Kommunikation mit einer Tendenz zum Japanischen.

Der Etappensieg gewährt Freude bei jedem Detail: beim gemauerten Ofen, der sich wie ein Ameisenhaufen aus der Fassade beult, bei den kleinen Kohleklötzchen, die bis zur Decke hochmarschieren, bei den vielen Oberflächen und Texturen, die das Charmante dem Perfekten vorziehen. Da verzeiht man auch die Thermofenster mit aufgeklebten Sprossen.

Rund 150.000 Euro hat das Storchenhaus gekostet. Der Großteil des Budgets wurde durch Materialsponsoring finanziert, die Gemeinde beteiligte sich mit Wasser, Strom und Kanalisation. „Das war jetzt mal der erste Streich“, erklärt Bürgermeister Markus Landauer. „Nächstes Jahr wollen wir weitermachen, da ist dann Architekt Hiroshi Hara dran.“ Binnen vier, fünf Jahren, so lautet der ambitionierte Plan, wolle man die noch fehlenden neun Japan-Häuser nachholen. Mit von der Partie: Toyo Ito, Kengo Kuma und die beiden Pritzker-Preisträger Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa.

Fehlt nur noch der Futon. Ab Dezember wird das Storchenhaus die burgenländische Hotellerie um ein ungewöhnliches Zimmer bereichern. Und was ist mit dem Storch? „Ach, die Störche sind bereits letzten Sommer auf dem Rohbau gesessen“, sagt Architekt Terunobu Fujimori, „das ist ein gutes Zeichen, nächstes Jahr werden sie sicher wiederkommen.“

31. Oktober 2012 Der Standard

New Yorker Architekt Lebbeus Woods gestorben

Verschrieb sich vor allem der Theorie und entwarf als „conceptual architect“ die Filmkulissen zu „Alien 3“

Der New Yorker Architekt Lebbeus Bigelow Woods hat einen der bekanntesten und beklemmendsten Räume der amerikanischen Filmgeschichte geschaffen. Gemeinsam mit dem Schweizer Surrealisten HR Giger entwarf er als so genannter „conceptual architect“ die Filmkulissen zum Horror-Klassiker Alien 3. Am Dienstag ist der in Michigan geborene Architekt, Künstler und Theoretiker mit 72 in New York gestorben.

„Ein Architekt ist in meinen Augen ein Entwerfer des Lebens“, sagte Woods einmal in einem Interview mit dem STANDARD. „Schmerz und Gewalt sind Teil des Lebens, insofern darf man diesen Aspekt nicht ausblenden.“ Mit diesen dunklen Seiten, insbesondere mit den formal-ästhetischen Gegebenheiten von Krieg, setzte er sich in seinen Zeichnungen auseinander. Eines seiner bekanntesten Werke ist die aus Anlass des Bosnischen Krieges 1993 entstandene Zeichnung Injection Parasite, Sarajevo, auf der ein Hochhaus von flugzeug- und turbinenartigen Metallobjekten durchbohrt wird.

„Das fiktive Bauen war für mich immer schon reizvoller als das reale Bauen, denn mit Ziegelstein und Beton komme ich meinen utopischen Träumen nicht nahe genug“, so Woods. 1976 verschrieb er sich schließlich vollends dem Zeichnen und dem Schreiben. 1988 gründete er das Research Institute for Experimental Architecture.

Der Philosoph Karsten Harries bezeichnete Woods, der nicht davor zurückscheute, die Produzenten des Films 12 Monkeys erfolgreich wegen eines Plagiats zu klagen, als „Sohn des Daedalus“. Woods: „Ich fliege mit meinen Ideen manchmal zu hoch. Eines Tages könnte ich abstürzen.“

8. September 2012 Der Standard

Die Begrünerin

Letzten Samstag gingen in Alpbach die Baukultur- Gespräche zu Ende. Ein grüner Lichtblick war die niederländische Stadtplanerin Helga Fassbinder. Ein Gespräch.

Grün ist viel zu billig. Deshalb gibt es auch keine Lobby. Wäre Grün so teuer wie etwa Ziegel oder Beton, na was glauben Sie, wie rasch sich die Industrie dahinterklemmen würde!

STANDARD: Haben Sie einen Garten?

Fassbinder: Ja, ich wohne in Amsterdam an einer Gracht, und hinter dem Haus habe ich einen Garten. Der ist zwar nur so groß wie ein Wohnzimmer, aber ich habe regelmäßig Besuch von Möwen, Reihern, Blässhühnern und Bussarden. Ein wunderbarer Ort!

STANDARD: Als eine von wenigen Stadtplanerinnen in Europa kreiden Sie der heutigen Stadtplanung viele Fehler an. Unter anderem, meinen Sie, sind unsere Städte zu wenig grün.

Fassbinder: Die Städte in Europa sind Betonwüsten. Und das, obwohl wir in unserem Kulturkreis auf eine jahrhundertelange Garten- und Landschaftskultur zurückblicken, von der Antike über den Barock bis hin zu den Anfängen des 20. Jahrhunderts. Ich beobachte allerdings, wie sich bei den Bürgern und Bewohnern langsam etwas tut. Sie entwickeln Interesse, und viele von ihnen sehnen sich nach mehr Grün in ihrem Lebensumfeld. Auch die Politik ist sensibler geworden. Und es sind nicht nur die Grünen, die von Grün sprechen.

STANDARD: Und was ist mit den Architekten und Stadtplanern?

Fassbinder: Da sehe ich eine ziemliche Stagnation. Es gibt ein paar künstlerische Ausnahmeerscheinungen wie etwa Patrick Blanc in Paris oder Martha Schwartz in London, generell wird das Grün in der Großstadt aber sehr stiefmütterlich behandelt. Architekten interessieren sich nicht dafür, bei den Stadtplanern ist es kein Thema, und die Landschaftsplaner sind als Gruppe noch nicht stark genug, um sich gegen diesen Umstand vereint zur Wehr zu setzen.

STANDARD: Warum ist die Stadt noch nicht so weit?

Fassbinder: Ich sage immer: Das sind die Nachwehen der Moderne. Die Moderne war ein unglaublicher Bruch in der Stadtplanung. Viele europäische Städte wurden damals komplett verändert, das Grün oft in Parks eingeschlossen oder an den Stadtrand verdrängt. Diese Fehler wieder rückgängig zu machen ist viel Arbeit. Aber das wäre eine eigene Diskussion wert.

STANDARD: Was sind die größten Kritikpunkte an ungrünen Städten?

Fassbinder: In der Stadt herrscht im Sommer der sogenannte Backofen-Effekt. Studien haben ergeben, dass man mit zehn Prozent mehr Grün - und das ist gar nicht so viel - die sommerliche Temperatur in den Städten um drei Grad Celsius senken kann. In einigen Stadtvierteln in Tokio hat man sogar herausgefunden, dass man mit einer massiven Nachbegrünung die lokale Temperatur um bis zu 13 Grad reduzieren kann. Das muss man sich einmal vorstellen! Außerdem ist Flora ein guter CO2-Speicher, ein Regenwasserspeicher und ein Feinstaub-Absorber. Grüne Hecken entlang der Straße können den Feinstaub in der Stadt um ein gutes Drittel reduzieren.

STANDARD: Handfeste Argumente! Wieso macht man das nicht öfter?

Fassbinder: Wegen der Paragrafen! In den meisten Fällen stehen dem Grün Bauvorschriften und Haftungsfragen im Weg. Da heißt es dann: Ja, aber was passiert, wenn jemand über das Grün stolpert? In Amsterdam gibt es seit einigen Jahren eine Verordnung, die Bewohnern erlaubt, auf dem Gehsteig vor ihrem Haus einen Streifen mit 30 Zentimeter Breite zu begrünen. Und siehe da, es gibt keine Unfälle, und alle sind happy. Wie will man sich das erklären? Vielleicht sind die niederländischen Bürger ja intelligenter und lernfähiger als die Österreicher. Doch das allergrößte Problem ist die fehlende Lobby.

STANDARD: Weil?

Fassbinder: Begrünung ist eine billige Sache. Ein Rasen, eine Hecke, ein Baum - mit diesen kleinen grünen Injektionen lässt sich kein Geld machen. Und deshalb gibt es auch keine Lobby, die Druck ausübt. Wäre Grün so teuer wie etwa Ziegel, Beton oder Stahl, was glauben Sie, wie rasch sich die Industrie dahinterklemmen würde! Die Wahrheit ist: ohne Lobby keine Chance.

STANDARD: Das klingt frustrierend.

Fassbinder: Ja, aber dafür gibt es ab und zu einen Politiker, der sich traut, aufzustehen und etwas in Bewegung zu setzen. Der Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoë zum Beispiel hat vor ein paar Jahren ein Amt für Fassadenbegrünung eingeführt - das sogenannte „Service du Paysage et de l'Environnement“. Mieter und Hauseigentümer können sich dort melden und eine Begrünung ihrer Hausfassade beantragen. Das Tolle dabei ist, dass sie nicht nur behördliche Hilfe bekommen, sondern auch die nötigen Pflanzen und Samen. Und noch besser: Die Stadt Paris kümmert sich sogar um die Pflege und um den jährlichen Schnitt. Und das alles ist kostenlos! Das Interesse ist enorm. Bis jetzt wurden ein paar hundert Fassaden auf diese Weise begrünt. Das ist doch ein Anfang!

STANDARD: Und wenn es keinen Delanoë gibt?

Fassbinder: Dann muss die Bevölkerung die Sache selbst in die Hand nehmen. Platz für Grün gibt es genug. Auch in den dichtesten Städten.

STANDARD: In Chicago, Detroit, Paris, Berlin und Leipzig floriert heute das Urban Farming. Menschen pflegen ihr eigenes Stückchen Land und pflanzen Obst und Gemüse an. Ist die Reaktion auf die Krise eine langfristige Maßnahme oder nur eine Modeerscheinung?

Fassbinder: Beides. Die einen betreiben Urban Gardening, weil sie tatsächlich Geld sparen müssen und sich wieder nach mehr sozialen Kontakten sehnen. Die anderen machen es, weil es in den Magazinen steht und en vogue ist. Letztendlich aber ist die Motivation zweitrangig. Das Wichtigste ist, dass die Menschen aktiv werden und mitten in der Stadt ein Stück Autonomie zurückgewinnen.

STANDARD: Ist Urban Farming die Zukunft?

Fassbinder: Das hoffe ich doch! Das erste Mal seit der Stadterneuerung gibt es wieder ein Thema, das sich durch alle sozialen Schichten durchzieht. Und manchmal werden die Hierarchien sogar auf den Kopf gestellt, weil die Bäuerin aus Anatolien mehr Ahnung vom Melanzanizüchten hat als der Angestellte von nebenan. Hier findet ein Wissenstransfer von den gesellschaftlich Benachteiligten zu den Privilegierten statt. Plötzlich haben auch einmal die Underdogs und Outsider das Sagen! Wir machen uns immer Sorgen um die Integration - das ist Integration live.

STANDARD: 2004 haben Sie die Stiftung Biotope City gegründet. Welche Erfolge konnten Sie bisher erzielen?

Fassbinder: Wir schärfen das Bewusstsein für Grün in der Stadt, wir machen Medienarbeit, und wir halten zum Beispiel Vorträge und Workshops an Schulen und Universitäten. Meine Beobachtung ist, dass das Studium diesen Bereich viel zu wenig behandelt.

STANDARD: Wie lautet Ihre Forderung an die Politik?

Fassbinder: Ich wünsche mir mehr Offenheit und Weitsicht.

STANDARD: Das klingt aber nicht sehr feurig.

Fassbinder: Ich hab's nicht so mit dem Feuer. Ich hab's mehr mit der Erde. Die Stadtplanung ist heute fast zur Gänze in öffentlicher Hand. Und das Problem dieser öffentlichen Hand ist, dass das System träge ist. Ich wünsche mir daher Personen an der Spitze, die den Mut haben, auf den Tisch zu hauen und verkrustete Strukturen zu durchbrechen. Ich wünsche mir Politiker mit Visionen.

STANDARD: Wie sieht die Stadt der Zukunft aus?

Fassbinder: Grün muss ein selbstverständlicher Baustein der Architektur werden. Ich träume von einem grünen Großstadtdschungel, von einer Stadt, in der es mehr Bäume als Autoabstellplätze gibt.

1. September 2012 Der Standard

Kannst du den Raum hören?

Am Mittwoch wurde die 13. Architektur-Biennale in Venedig eröffnet. Die Ausstellung unter dem Motto „Common Ground“ ist ein Hybrid aus Zukunftstrauma und Menschlichkeit.

Es faucht aus den Wänden heraus. Es klopf und zischt und dröhnt. Und je lauter der Ton, desto stärker bebt die Architektur. Vorsichtig wagen sich die Besucher in die Mitte dieses kafkaesken Raumes hinein, bleiben kurz stehen, blicken verwirrt um sich und schicken fassungslos ihre Ohren auf Reise. Manche lehnen ihr Gehör an die Wand und lauschen. Und dann wieder: Grrrrr im Trommelfell und Brrrrr in der Fußsohle.

Für die Installation Making the walls quake as if they were dilating with the secret knowledge of great powers, ein Zitat aus Charles Dickens' Roman Dombey und Sohn, wurde der polnische Pavillon vor wenigen Tagen mit dem Aner-kennungspreis der diesjährigen Architektur-Biennale ausgezeichnet, die seit Mittwoch in Venedig zu sehen ist. Als einer der wenigen Beiträge hat sich Polen heuer ernsthaft mit dem von Direktor David Chipperfield vorgeschriebenen Thema „Common Ground“ beschäftigt und einen Raum kreiert, der uns allen gehört, der uns allen zur Verfügung steht, der uns alle letztendlich gleichermaßen überfordert.

„Wir sprechen so oft darüber, dass Architektur eine Materie ist, die mit allen Sinnen wahrgenommen werden müsse“, sagen Architektin Katarzyna Krakowiak und Ausstellungskurator Michal Libera. „Aber tatsächlich wird diese Komponente beim Bauen oft außer Acht gelassen. Wir wollten daher eine Geräuschkulisse schaffen, die uns das Hören von Raum wieder ins Gedächtnis ruft.“

Die Wände sind dunkelgrau verspachtelt, die Oberflächen wirken wie der Rohbau eines barocken Palais, Boden und Wände sind um kaum wahrnehmbare 2,5 Grad geneigt. Die Irritation ist perfekt. Und als wäre das alles noch nicht genug, werden über 50 versteckte Lautsprecher immer wieder tieffrequente Tonbrocken in den Raum gespuckt. Die Schwingungen bringen die Wände zum Erzittern, als würden sie sich aufblähen mit der geheimen Kenntnis von großen Mächten. So lautet die wörtliche Übersetzung des Titels.

Mächtig - und nach vielen Jahren wenig einprägsamer Gruppenausstellungen endlich auch wieder eine eigenständige, unverwechselbare Arbeit - ist heuer auch der österreichische Beitrag. Kurator Arno Ritter und Architekt Wolfgang Tschapeller befassen sich in ihrer Film- und Soundinstallation hands have no tears to flow ... mit dem Verhältnis zwischen Mensch und Raum.

Interaktive Figuren

Mitten durch den Pavillon, 1934 nach Plänen von Josef Hoffmann erbaut, verläuft eine gespannte Spiegelfolie, die nicht nur die Anzahl der Besucherinnen und Besucher verdoppelt, sondern auch die künstlich animierten Figuren, die sich kriechend, gehend und tanzend auf der Projektionsebene fortbewegen.

Eine Herausforderung für die besonders Aufmerksamen: Zwei der insgesamt 32 Figuren sind interaktiv und treten mithilfe einer eigens entwickelten Software mit dem Betrachter in Kontakt. Das visuelle Konzept dafür stammt von Rens Veltman und Martin Perktold.

„Auf den ersten Blick scheint die Arbeit nicht viel mit Architektur zu tun zu haben, aber das ändert sich, sobald sich zwischen den realen und virtuellen Personen ein Dialog entspinnt“, sagt Arno Ritter im Gespräch mit dem STANDARD. „Obwohl sich die weltweite Architektur in den letzten Jahrzehnten sehr weit entwickelt hat, denken wir immer noch in klassischen Beziehungsmustern zwischen Subjekt und Objekt. Vielleicht ist es an der Zeit, diese Muster aufzugeben. Vielleicht entsteht ja in Zukunft nicht mehr der Raum um den Körper, sondern auch der Körper um den Raum.“

Menschen konstruieren

Pure Ratlosigkeit. Doch die Auflösung folgt prompt: „Wir leben längst in einer Zeit, wo wir nicht nur Häuser konstruieren, sondern auch Menschen“, erklärt Ritter. „Wir saugen Fett ab, transplantieren Organe und richten kaputte Körperteile wieder her. Wer weiß, vielleicht übernimmt die Architekturdebatte in Zukunft auch die Aufgaben der Körper- und Lebensdiskussion.“

Überhaupt ist die heurige Architektur-Biennale in Venedig sehr zukunftsgewandt, bisweilen sogar utopisch. Nicht immer ist dieser Ritt in den Futurismus sattelfest. Es kann anstrengend werden, wenn alle Architekten auf einmal die Kraft von Smartphones, iPads und QR-Codes zu entdecken glauben. Das radikalste Beispiel dafür liefert Russland, das - neben Polen und den USA - ebenfalls mit dem Anerkennungspreis der Jury ausgezeichnet wurde. Die offizielle Eröffnung am Mittwoch musste sich gegen eine Demonstration behaupten, die dem kürzlich verhängten Moskauer Urteil gegen Pussy Riot galt.

Kurator Sergej Tschoban, seines Zeichens Architekt und einer der Hauptbeteiligten an der neuen Science-City Skolkovo, die derzeit am westlichen Stadtrand von Moskau errichtet wird, schuf einen Pavillon, der das Prestigeprojekt PR-konform in Szene setzt. Der gesamte Innenraum ist mit hunderten hinterleuchteten QR-Codes verkleidet. Mit einem zur Verfügung gestellten Tablet kann man die unterschiedlichen Pixelcodes scannen und gelangt auf diese Weise zu Textinhalten, Baustellenfotos und hübschen Renderings.

„Skolkovo wird eine moderne Science-Metropole sein, eine Art öffentliche iCity, ein Common Ground für alle“, sagt Tschoban zum STANDARD. „Ich glaube daran, dass Skolkovo die Werte moderner Architektur und Stadtplanung verkörpert.“ Was diese intendierte Offenheit allerdings mit den technischen Hürden und der Notwendigkeit virtueller Raumerkundung zu tun hat - diese Frage bleibt unbeantwortet.

Auffällig schließlich: Während der eine Teil der Biennale heuer stark ins Technische abdriftet, widmen sich viele andere Teilnehmer der Zukunft auf erdige, handfeste, im wahrsten Sinne des Wortes begreifbare Weise. Nach dem vielen Drücken, Knipsen und Flackern ist die Abwechslung zum Physischen eine erfrischende Wohltat.

Im italienischen Pavillon wuchern Farne und Gräser aus 5000 Blumentöpfen. Landstories widmet sich der Ära nach dem industriellen Zeitalter und dem Kapitalismus der Green Economy. Sieht so die Zukunft unserer Städte aus? Dänemark widmet sich dem riesigen Eismassiv Grönland und sinniert über Potenziale und Nutzungsmöglichkeiten. Peru beschäftigt sich mit Visionen für eine neue Stadt. Im Zuge des Megaprojekts Olmos - dabei soll dem Amazonas Wasser entnommen und über ein Tunnelsystem in die Wüste im Norden Perus gepumpt werden - muss Lebensraum für 250.000 Einwohner geschaffen werden.

Und Chile - es knirscht unter den Füßen - hat seinen Pavillon mit 13 Kubikmetern Salz zugeschüttet. Die darauf ausgestellten Projekte sind Beispiele für ein Leben in der Salzwüste. „Viele Chilenen müssen unter widrigsten Umständen leben“, so Kurator Bernardo Valdés Echenique. „Für die einen sind die Salzseen in unserem Land Dantes Inferno, für die anderen aber ist dies der einzige Common Ground, den sie haben. Vielleicht kann die Architektur dazu beitragen, diesen Lebensraum lebenswerter zu machen.“

Eine der überzeugendsten Vorschläge für ein Leben nach der Apokalypse liefert Japan. Als Antwort auf den Tsunami im März 2011 stellt Architekt Toyo Ito die Initiative Home-for-all vor. Dadurch sollen jene Menschen, die durch die Flutkatastrophe ihre Häuser verloren haben, ein neues Zuhause bekommen. Die einfachen, aber hübschen Entwürfe vermitteln erste Eindrücke davon. Die Jury würdigte diesen Beitrag mit dem Goldenen Löwen 2012.

Wo liegt der „Common Ground“, wo liegt unser aller architektonischer Lebensraum? Im Erhören des Raumes, in der Huldigung der Technik oder doch im physischen Erbauen mit Hand und Herz? Das muss jeder Besucher für sich selbst entscheiden.

31. August 2012 Der Standard

„Ist das Ihr Haus? Darf ich's angreifen?“

Der Österreicher Jakob Dunkl bekommt auf Arte eine - im Fernsehen rare - Sendung über Architektur. „Meine Stadt“ startet diesen Sonntag mit Witz in Amsterdam.

„Ah, guten Tag! Ist das Ihr Haus? Mir gfallt's gut. Darf ich's mal angreifen?“ - Jakob Dunkl, der Mann mit der roten Jacke, wandert durch Amsterdam. Er klopft gegen Hausfassaden, spechtelt durch vorhanglose Fenster und denkt laut nach, warum die Niederlande anders ausschauen als Österreich.

Anders als die meisten Dokumentationen dieser Art richtet sich Meine Stadt nicht an Fachleute, sondern an interessierte Jugendliche und erwachsene Laien. 52 Minuten spaziert Dunkl, Architekt und einer der Geschäftsführer des Wiener Büros querkraft architekten, durch die Stadt der Grachten und stellt Fragen, die alle schon durch unsere Köpfe geisterten: Warum sind die Treppen so steil? Warum sind die Fenster so groß? Warum wohnen so viele Menschen am Wasser?

Die Antworten gibt Ben van Berkel vom Amsterdamer Architekturbüro UN Studio, Planer des Mercedes-Benz-Museums in Stuttgart. Man hat Spaß beim Zuschauen. Und noch mehr beim Zuhören. Manchmal muss man schmunzeln über die Bemühungen der seichten Unterhaltung: „Ich habe nämlich eine Vespa!“ - „Ach, du hast eine Vespa? Wow!“

Meine Stadt: Amsterdam ist der erste Teil einer Sendung ohne Allüren. Sie bemüht sich, die vielen Facetten der Architektur näherzubringen, ohne in den gefürchteten intellektuellen Diskurs der sonst schwarzgekleideten Rollkragenpullover-Möchtegern-Philosophen abzudriften. Die knallrote Jacke ist Symbol.

„Es gab schon viele Versuche, TV-Sendungen über Architektur zu machen“, sagt Moderator Jakob Dunkl dem STANDARD. „Die meisten von ihnen sind gescheitert. Doch ich denke, jetzt ist die Zeit reif dafür. Wenn man abendfüllende Sendungen über Blumenwiesen und Bienen machen kann, warum nicht auch über Architektur?“ Meine Stadt ist ein Langzeitprojekt. Der Moderator hat bereits vorgesorgt und ein paar rote Ersatzjacken in seinen Kleiderschrank gehängt. Die nächsten Sendungen, die in einem Intervall von zwei Monaten ausgestrahlt werden sollen, sind bereits in Arbeit: Bjarke Ingels von BIG wird durch seine Stadt Kopenhagen führen, Anne Lacaton durch ihre Stadt Paris, und vielleicht sogar eines Tages Zaha Hadid durch ihre Stadt London. Geht alles nach Plan, läuft Meine Stadt 2013 auch in ORF 3. Arte, Sonntag, 14.55 Uhr

29. August 2012 Der Standard

David Chipperfield: Baumeister des Understatement

Aus dem Blitzlichtgewitter hält sich der Direktor der Architektur-Biennale heraus, seine Bauwerke weisen eine unaufgeregte Schönheit auf.

Kein anderer Architekt von der Insel verkörpert das britische Understatement so überzeugend wie er. Aus dem Blitzlichtgewitter hält er sich her aus, sein Auftreten ist zurückhaltend, und seine Bauwerke weisen eine dermaßen unaufgeregte Schönheit auf, dass sie oft erst beim dritten Hinsehen ins Auge stechen. Die Rede ist von David Chipperfield (59).

Zu seinen bekanntesten Bauten der letzten Jahre zählen das Neue Museum auf der Museumsinsel in Berlin (2009), das Kaufhaus Tyrol in Innsbruck (2010) und das Kaufhaus Peek & Cloppenburg in der Kärntner Straße in Wien (2011). Das nächste Wiener Projekt ist in Bau: Für den Hotelbetreiber Falkensteiner baut Chipperfield derzeit ein Vier-Sterne-Haus am Margaretengürtel. Die Eröffnung ist für nächstes Jahr geplant.

Vielen ist seine Architektur zu klobig, zu massiv, zu schwer in Kalkstein gemeißelt. Doch jetzt taucht der kühle Brite aus seiner strengen Gestaltungskammer auf und attackiert die großen Stars. Als Direktor der 13. Internationalen Architektur-Biennale in Venedig, die heute, Mittwoch, eröffnet wird, erklärte er: „Die meisten Architekten sind arrogant und überheblich. Daher will ich auf der diesjährigen Biennale das Starsystem in Frage stellen. Ich will dem Genie ein bisschen Raum wegnehmen.“

Doch die Biennale ist und bleibt ein Schauplatz der Eitelkeiten - sehr zum Verdruss des weißhaarigen Direktors, der sich eher dem Einfachen und Bodenständigen verbunden fühlt. „Je älter ich werden, desto stärker merke ich, wie sehr mich meine Kindheit geprägt hat“, sagte er kürzlich in einem Interview. Aufgewachsen auf einem Bauernhof in der Grafschaft Devon, half er seinem Vater, Ferienwohnungen im eigenen Gut umzubauen. David riss den Zeichenstift an sich, studierte Architektur an der Kingston University sowie an der weltberühmten Architectural Association (AA) und unterhält heute Büros mit insgesamt mehr als 200 Mitarbeitern in London, Berlin, Mailand und Schanghai.

Nach vielen realisierten Luxusboutiquen, Museumsbauten und Privathäusern sowie einer kuratierten Nabelschau in Venedig fragt man sich: What will be next? „Sehen Sie dieses Hemd, das ich heute trage? Der Stoff ist zu transparent, der Kragen passt nicht, die Ärmel sind zu lang, die Manschetten zu steif und die Knöpfe nicht schön. Eine Katastrophe!“ Wieder einmal Understatement. „Eines Tages will ich einfach nur ein schönes, weißes Hemd entwerfen.“

28. August 2012 Der Standard

Verschlüsselungszeremonien im digitalen Raum

Die Architektur-Biennale in Venedig, die am Mittwoch eröffnet wird, widmet sich dem „Common Ground“ - dem Raum, der uns alle angeht

Die meisten Länder haben die Botschaft begriffen. Einige scrollen sich ins Abseits.

Überraschung: Die Architekten dieser Welt haben die iPads, Tabloids und QR-Codes für sich entdeckt. Ein auffällig großer Teil der 13. Internationalen Architektur-Biennale in Venedig, die morgen, Mittwoch, offiziell eröffnet wird, greift auf diese praktischen technologischen Errungenschaften zurück. Da wird gescannt, geswyped und gescrollt bis zum Daumenkatarrh. Manche Beiträge verwehren sich überhaupt der Realität. Sie bleiben virtuell.

Russland ist so ein Beispiel. Im Untergeschoß ihres Pavillons stellt Kurator Sergej Tschoban geheime Forschungsgelände und nicht öffentlich zugängliche Wissenschaftsstädte aus der Zeit des Kalten Krieges aus. Bis heute sind diese Orte - dargestellt anhand von Schwarz-Weiß-Fotos - blinde Flecken auf der Landkarte.

Dem gegenüber präsentiert Tschoban das Moskauer Stadterweiterungsprojekt Skolkovo. Die neue Forschungsstadt, eine Art russisches Silicon Valley, befindet sich derzeit in Bau und ist das Prestigeprojekt Russlands schlechthin. Jedoch: Man sieht nichts. Der gesamte Pavillon besteht aus hunderten quadratischen QR-Codes, die erst mit dem Tabloid fotografiert werden müssen und deren Inhalte sich nach dem Scannen schließlich auf dem Touchscreen offenbaren. Das Ganze erinnert an den Science-Fiction-Horrorfilm Cube (1997).

„Skolkovo wird eine offene, transparente, freundliche und einladende Science-Metropole sein, eine Art öffentliche iCity“, erklärt Tschoban im Standard-Interview. Der PR-Ton ist unüberhörbar. „Und anders als die geheimen Wissenschaftsterritorien der Vergangenheit wird Skolkovo für jeden frei zugänglich sein.“

Davon ist nicht viel zu merken, denn mehr als über die Offenheit präsentiert sich Russland über das Prinzip des Ausschlusses. Keine Technik? Kein Inhalt. Das Generalmotto „Common Ground“, das Biennale-Direktor David Chipperfield wie einen Schleier sorgfältig über die insgesamt 55 Länderbeiträge und 58 Kunstprojekte im Arsenale und in den Giardini legte, sucht man hier vergeblich.

Auch andernorts spielt die Technik eine wichtige Rolle. Das Projekt Gateway von Norman Foster, Carlos Carcas und Charles Sandison projiziert mehr oder wenige bekannte Bauwerke sogenannter Stararchitekten an die Wände und verdeutlicht mit der passenden Geräuschkulisse beziehungsweise mit einer entsprechend dramatischen musikalischen Untermalung, wie sich Architektur durch ihre Nutzung verändert. Ja, eh. Und immer wieder QR-Codes zu Scannen.

Mensch und Raum

Unter den technikaffinen Beiträgen ist der österreichische Pavillon heuer die einzige große positive Ausnahme. Nach vielen Jahren ist das Josef-Hoffmann-Haus endlich wieder einen Ausflug wert. Kurator Arno Ritter und Architekt Wolfgang Tschapeller spielen in ihrer Installation hands have no tears to flow..., für die das BMUKK 400.000 Euro zur Verfügung stellte (siehe Seite 1) mit dem Verhältnis zwischen Mensch und Raum.

Zu diesem Zweck wurden 32 Personen mit jeweils rund vier Millionen Punktdaten dreidimensional vermessen und in Bewegung gesetzt. Die animierten Figuren gehen, tanzen und kriechen an den Wänden des Innenraums. Zwei dieser Figuren sind interaktiv: Sie nehmen die Bewegungen der Besucher auf und treten auf diese Weise - zumindest mit den besonders Aufmerksamen unter ihnen - in Kontakt. „Wir haben bei unserer Arbeit gemerkt, dass die Figuren eigentlich sehr ähnlich konstruiert sind wie Räume“, erklärt Ritter. „Für die Zukunft lassen sich daraus durchaus Schlüsse für das Verhältnis von Raum und Körper ziehen.“ Architekt Tschapeller formuliert es noch etwas konkreter: „Ich denke, dass wir unsere Räume in Zukunft näher am menschlichen Körper entwerfen werden. Damit könnte das Subjekt mehr in den viel diskutierten Mittelpunkt der Architektur rücken.“

Dieser Mittelpunkt schließlich ist es, der die Biennale unter Schirmherrschaft von Chipperfield so spannend macht - von wenigen Selbstbeweihräucherungs-Aktionen von Zaha Hadid, Herzog & de Meuron & Co einmal abgesehen. Die interessanten Fragen stellen heuer definitiv Chile, Bahrain, Japan und Dänemark. Sie alle interpretieren den „Common Ground“ nicht als gebaute Architektur, also als künstliche Landschaft - sondern als natürliche.

Chile schickt seine Architekten in die Salzwüste, Bahrain befasst sich mit dem medialen Bild seiner Landschaft, die sich in Form von Hintergrundbildern auf BBC und CNN manifestiert, Japans Kommissär Toyo Ito denkt über billige und intelligente Wiederaufbaumöglichkeiten jener Gegenden nach, die 2011 vom Tsunami in Mitleidenschaft gezogen wurden, und Dänemark widmet sich dem öffentlichen Freiraum auf Grönland, Strategien inklusive. Der Schutz dieses architektonischen und klimatisch wichtigen Raumes geht uns alle an. Diese Message sitzt. Auch ohne Smartphone und Verschlüsselungszeremonie.

25. August 2012 Der Standard

Einstürzende Parkplätze

Wir parken unsere Städte mit Autos voll. Nicht gut. Forscher und Investoren sinnieren bereits - die Lösungsvorschläge sind sehr unterschiedlich.

„Im Anfang waren das Benzin und der Vergaser. Dann schuf Gott den Motor und die Karosserie, die Hu-pe und das Verkehrslicht. Dann betrachtete er sein Werk und sah, dass es nicht genug war. Darum schuf er noch das Halteverbot und den Verkehrspolizisten, und als dies alles geschaffen war, stieg Satan aus der Hölle empor und schuf die Parkplätze.“

Keine andere technische Errungenschaft beeinflusste die Stadt des 20. Jahrhunderts nachhaltiger und dramatischer als das Automobil. Der israelische Schriftsteller und Satiriker Ephraim Kishon hatte mit seiner Aussage schon recht: Rund 20 Prozent der versiegelten Straßenfläche Wiens, um nur ein Beispiel zu nennen, sind dem parkenden Auto gewidmet. In einigen Gassen und Straßen, erklärt Helmut Hiess, Verkehrsplaner bei Rosinak & Partner, macht der Parkraum sogar 62 Prozent aus.

Und Bettina Urbanek, Referentin für urbane Mobilität beim Verkehrsclub Österreich (VCÖ), rechnet vor: „Die Autos mit Wiener Kennzeichen nehmen eine Parkfläche von rund 8,4 Quadratkilometern ein. Das entspricht der Gesamtfläche der Bezirke vier bis acht. Zählt man die täglich einpendelnden Autos hinzu, dann könnte man den neunten Bezirk auch noch komplett zuparken.“

Verkehrsplaner, Forscher und Investoren wollen der Verparkung der Stadt vehement entgegenwirken. Und jeder tut's auf seine Weise. Das Berliner Unternehmen CarLoft ließ sich vor einigen Jahren ein Modell patentieren, mit dem das Auto per Lastenlift direkt vor die Wohnungstür gehoben werden kann. Was sich anhört wie eine Sci-Fi-Vision aus Blade Runner-Zeiten, ist bereits Realität. Das erste Exempel gebauter Utopie steht in Berlin-Kreuzberg und hört auf den Namen Paul-Lincke-Hof. Anrainer brachten ihren Widerstand zum Ausdruck und begegneten dem Wohnhaus mit Farbbeuteln und Steinschleudern.

„Alle Metropolen leiden unter demselben Problem“, meint Manfred Dick vom Berliner Büro United Architects. „Millionen von Autos verstopfen unsere Städte. Es herrscht Parkplatznot. Warum also nicht das Auto einfach mit nach Hause nehmen?“ Dabei, versichert der Architekt, sei der Lift für den motorisierten Liebling nicht einmal teurer als der Bau einer Tiefgarage - schon gar nicht, wenn man mit Grundwasser oder gar mit schwierigen Fundamentierungsarbeiten zu kämpfen habe. Rund 30.000 Euro kostet die Errichtung eines Stellplatzes auf der sogenannten „Car-Loggia“.

Im Detail: Man fährt mit dem Auto direkt in den Lastenlift, 20 bis 25 Sekunden später ist man im, sagen wir, fünften Stock angekommen und kann von dort direkt vors Wohnzimmer rollen. Der gesamte Parkvorgang dauert drei Minuten. Und es gibt sogar eine Mobilitätsgarantie: Im Fall eines Komplettausfalls des Lifts werden Taxi oder Leihwagen zur Verfügung gestellt.

„Natürlich fühlen sich auch die Autoliebhaber von diesem Projekt angezogen“, erläutert CarLoft-Geschäftsführer Johannes Kauka auf Anfrage des STANDARD. „Aber das ist nur ein kleiner Teil des Zielpublikums.“ In erster Linie richte sich CarLoft nämlich an kinderreiche, Hunde besitzende und Mineralwasserkisten schleppende Familien beziehungsweise an betagte und gebrechliche Personen, die bequem und barrierefrei in die Wohnung gelangen wollen. Das erklärt auch, warum auf den Marketingfotos 400-PS-Maseratis zu sehen sind.

Berlin war nur der erste Streich. Ein CarLoft-Wohnhaus in Karlsruhe ist bereits in Bau, und in Düsseldorf-Heerdt bemüht man sich derzeit, das Wohnbauprojekt „Papillon“ zu vermarkten. Dabei mutiert ein Luftschutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg durch Umbau und Aufstockung - wie der Website der 741 Projektentwicklung GmbH zu entnehmen ist - von einer unauffälligen grauen Raupe zu einem hübschen, filigranen Schmetterling. Mittels Diamantseilsäge werden in die bis zu 2,30 Meter dicken Wände Löcher für Lift und Loggia geschnitten.

„Mit einem Autolift kann man zehn bis 20 Prozent höhere Verkaufspreise erzielen als mit einem Wohnhaus gleicher Qualität ohne Autolift, denn die Menschen sehnen sich nach Einzigartigkeit“, meint CarLoft-Chef Kauka, der in den kommenden Jahren auch in Wien ein solches Projekt realisieren will. Positiver Nebeneffekt: „Langfristig kann man mit dem CarLoft den ruhenden Verkehr reduzieren. Ganz wegkriegen wird man ihn nie, denn eines ist sicher: Die individuelle Mobilität wird immer ein Thema bleiben.“

Doch genau das ist Forschern und Fachplanern ein Gräuel. „Die Mobilität hat sich in den vergangenen 100 Jahren stark verändert, aber die Art und Weise, wie wir unsere Autos parken, ist immer noch die gleiche“, sagt Rachel Smith. Erst unlängst hielt die Stadtplanerin aus Queensland, Australien, am BMW Guggenheim Lab in Berlin einen Workshop zum Thema ab: Wie kann man das Auto aus der Stadt verbannen? Und welche neuen Möglichkeiten würden sich dadurch ergeben?

Vom Parkplatz zum Park-Platz

Prompt erklärte sie den 28. Juni zum „Parking Day“. Dieser frönte allerdings nicht dem parkenden Auto, sondern der durch seinen Verbleib frei werdenden Straßenfläche. Gemeinsam mit den Teilnehmern wurde rund um das Lab Gemüse angebaut, Kaffee geröstet, gepicknickt, gespielt und lebensgroß Vier gewinnt gespielt. Damit wurde der Parkplatz zum Park-Platz. Smith: „Wir sprechen die ganze Zeit von Elektromobilität und Carsharing. Doch um das zu ermöglichen, müssen wir erstens die nötige Infrastruktur schaffen und zweitens die Vorschriften und Gesetze verschärfen. Ansonsten passiert gar nichts.“

Ein möglicher Schritt in diese Richtung könnte schon demnächst in Hongkong, San Francisco, Barcelona und im schwedischen Malmö gesetzt werden. In diesen Städten nämlich führten Forscher des Massachusetts Institute of Technology (MIT) Machbarkeitsstudien für die Implementierung von „Mobility on demand“ durch. Das Carsharing-System aus dem Forschungslabor hat zwei Besonderheiten:

Zum einen soll die Preisgestaltung dynamisch erfolgen. Das heißt, die Mietpreise richten sich nach Angebot und Nachfrage an der jeweiligen Abhol- und Abgabestation. Dadurch soll die gleichmäßige Verteilung der Autos besser gesteuert werden. Zum anderen wurde dafür eigens ein klappbares Mini-Auto entwickelt, das im geparkten Zustand nur eineinhalb Meter lang ist.

Sackgasse: das Produkt Auto

„Die meisten Menschen denken an das Auto als Produkt und nicht als Service“, sagt Ryan C. C. Chin, Forschungsleiter am MIT Media Lab, Department „Changing Places“. Diesen Schalter im Kopf gilt es umzulegen: „Nachhaltig werden wir das Mobilitätsverhalten der Bevölkerung nur dann ändern können, wenn wir den Eigentumsgedanken unattraktiver und die Dienstleistung gleichzeitig attraktiver machen. Und was ist attraktiver als ein kleines Auto, das wenig Platz braucht, wendig durch die Stadt fährt und noch dazu billig zu mieten ist?“

Der erste Prototyp ist bereits gebaut. Das spanische Unternehmen Hiriko führt mit seinem ersten, wenige Monate alten Klappwinzling derzeit Fahrtests durch. Die Passantenblicke in der baskischen Hauptstadt Vitoria-Gasteiz - zu sehen auf Youtube - lassen auf eine schwungvolle Zukunft schließen. Auf eine Zukunft, in der der Großteil des öffentlichen Freiraums nicht dem Auto, sondern womöglich wieder dem Menschen zur Verfügung gestellt werden kann. Geht es nach Kent Larson, MIT-Forschungsleiter von „Changing Places“, könnte Hiriko in drei bis fünf Jahren in Serie gehen.

Bis es so weit ist, kann man politisch nachhelfen. Berlin hat die Pkw-Stellplatzregelung bei Neubauten vor einigen Jahren abgeschafft und stattdessen eine Fahrrad-Stellplatzregelung eingeführt. Demnach müssen Wohn- und Bürobauten in der deutschen Bundeshauptstadt über eine bestimmte Anzahl von Drahtesel-Parkplätzen verfügen. Und in Kopenhagen hat die Stadtregierung begonnen, pro Jahr 300 Pkw-Parkplätze zu eliminieren und durch Gehsteige und Fußgängerzonen zu ersetzen. Die Zukunft der Städte sollte man nicht allein die Investoren schreiben lassen.

18. August 2012 Der Standard

Der Raum zwischen Genie und Bastard

Am 29. August startet die Architektur-Biennale in Venedig. Direktor David Chipperfield nutzt die Gelegenheit und will das Starsystem aushebeln.

STANDARD: Sie wurden gebeten, die Direktion der 13. Architektur-Biennale 2012 zu übernehmen. Was war Ihre erste Reaktion?

Chipperfield: Ich war sehr überrascht. Es ist nicht leicht, so eine große Aufgabe in den beruflichen Alltag zu integrieren. Ich glaube, da haben es hauptberufliche Kuratoren schon leichter. Wir haben im Büro lange darüber diskutiert, doch schließlich dachte ich mir, dass das eine schöne Herausforderung wäre. Und so habe ich gesagt: Ja, ich mach's.

STANDARD: Warum gerade David Chipperfield?

Chipperfield: Da kann ich nur raten. Die letzten Ausstellungen in Venedig waren oft recht künstlerisch und kuratorisch geprägt. Vielleicht wollte man einfach wieder mal „back to the roots“, zurück zur Architektur. Da bietet sich ein praktizierender Architekt wie ich durchaus an. Doch vor allem glaube ich, dass ich ein guter Gegenpart zur letzten Biennale-Direktorin Kazuyo Sejima bin. Sie ist die Avantgardistin, ich bin der Bodenständige.

STANDARD: Das von Ihnen gewählte Thema für die Biennale lautet „Common Ground“. Das heißt?

Chipperfield: Common Ground ist für mich der Ort, an dem viele verschiedene Positionen, Charaktere und Ideen aufeinandertreffen. Im Deutschen gibt es dafür einen sehr schönen Begriff: Allmende. Ich würde den Common Ground daher am ehesten als eine Art „mentale Allmende“ übersetzen.

STANDARD: Und was soll auf dieser mentalen Allmende passieren?

Chipperfield: Ich will das Starsystem infrage stellen. Ich will den ewigen Wettbewerb ausblenden. Ich will dem Genie ein bisschen Raum wegnehmen. Und ich will wieder zurück zur Gemeinschaft. Wissen Sie, von den meisten Menschen wird Architektur immer noch missverstanden. Sie stellen sich darunter die auffälligen, kostspieligen Gebäude der sogenannten Stararchitekten vor, die das Image und den optischen Effekt jedem funktionalen Nutzen vorziehen. Und sie halten Architekten für urbane Dekorateure!

STANDARD: Ist genau das nicht oft der Wunsch der Vorstandsebenen und Chefetagen?

Chipperfield: In den großen Unternehmen wird Architektur ganz nach dem Motto abgewickelt: Ein Star muss her! Sollten wir uns einen Frank Gehry leisten? Oder kaufen wir eine Zaha Hadid? Oder bitten wir doch lieber Herzog & de Meuron um einen Entwurf? Und die Lifestyle-Medien unterstützen dieses Bild auch noch. Sie interpretieren die moderne, zeitgenössische Architektur als eine Summe autobiografischer Tendenzen. Ich halte diesen Ansatz für komplett falsch.

STANDARD: Laut Lifestyle-Medien sind Sie doch auch ein Star.

Chipperfield: Immer dieser Medienjargon!

STANDARD: Die meisten Menschen haben Angst vor Architekten. Woher kommt das?

Chipperfield: Sie haben Angst vor ihnen, weil die meisten Architekten arrogant und überheblich sind. Sie erarbeiten sich ihre Position durch Widerstand und Hartnäckigkeit. Das sind nicht gerade die besten Voraussetzungen für Beliebtheit und Akzeptanz.

STANDARD: Wo würden Sie sich selbst positionieren?

Chipperfield: Sie meinen auf der Arroganz-Skala? Ich muss jeden Tag kämpfen. Ich kämpfe um Aufträge, ich kämpfe um Fairness, und ich kämpfe um Qualität. Mag schon sein, dass dieser Kampf gegen Auftraggeber und Behörden arrogant rüberkommt. Mag schon sein, dass ich dadurch manchmal wie ein „fighting bastard“ wirke. Damit kann ich leben.

STANDARD: Auf einer Skala von 0 bis 10?

Chipperfield: Ich würde sagen: 3 im Umgang mit der Öffentlichkeit, 7 im Umgang mit Investoren.

STANDARD: Wie wollen Sie erreichen, dass sich die Architekten an Ihre Vorgabe „Common Ground“ halten und nicht wieder ihre eigene Show abziehen wie so oft?

Chipperfield: Mit Optimismus. Die Vorgabe ist ganz klar.

STANDARD: Konkret: Was werden wir sehen?

Chipperfield: Ich möchte noch keine Details verraten. Bis zur Eröffnung sind es noch zehn Tage. So viel Geduld muss schon sein.

STANDARD: Inwiefern tragen Sie als Architekt selbst dazu bei, einen Common Ground in der Bevölkerung zu schaffen?

Chipperfield: Ich bin ein Verfechter einer Architektur für Menschen. Ich versuche, in all meinen Projekten die soziale Komponente mitzudenken. Aber vielleicht bin ich ja Idealist.

STANDARD: Sind Sie das?

Chipperfield: Die Art und Weise, wie wir heute Städte bauen, ist eine Ansammlung von vielen einzelnen Beiträgen. Und den meisten Beiträgen sieht man an, dass sie aus einem Impetus an Gewinnproduktion und Geldgier heraus entstanden sind. Die meisten Bauwerke in der Stadt sind nichts anderes als Geldmaschinen. Jedes Mal, wenn ich mich in meiner Heimatstadt London umschaue, bin ich zutiefst schockiert. So kann Stadt jedenfalls nicht funktionieren. Das muss sich ändern.

STANDARD: Was schlagen Sie vor?

Chipperfield: Wir brauchen einen intellektuellen Überbau. Wir brauchen Protagonisten, die das große Ganze im Blickfeld behalten. Und wir müssen es endlich schaffen, die Stadt zwischen den Häusern mitzudenken - und nicht nur von Grundstücksgrenze zu Grundstücksgrenze. Die Wahrheit ist: Der öffentliche Freiraum, also die Straßen, Plätze, Parks und Gärten - mit einem Wort: die Stadt - sollte jedem gehören. Doch in den meisten Städten hat man das Gefühl, dass sie niemandem gehört.

STANDARD: Können Sie auch ein positives Beispiel nennen?

Chipperfield: Wissen Sie, die Projektentwicklung im angelsächsischen Raum ist stark von Investoren geprägt. Das ist eine Tatsache. Daher bin ich der tiefsten Überzeugung, dass der freie Markt Führung braucht. Man muss den Projektentwicklern und Investoren eine gewisse Verantwortung aufbürden. Es gibt in London seit kurzer Zeit recht strenge Vorgaben für Neubauentwicklungen. Zum Beispiel: Wenn ein Investor ein teures Spekulationsprojekt mit Wohnungen und Büros errichtet, dann müssen 35 Prozent davon dem geförderten Wohnbau zugutekommen. Das sorgt für eine gewisse Durchmischung in der Stadt. Oder noch besser: Berlin! Ein wunderbarer Freiraum, der einfach in Anspruch genommen wurde, ist der ehemalige Flughafen Tempelhof. Das Areal liegt mitten in der Stadt. Und während die Stadt Millionen von Euro ausgibt, um Studien für mögliche Nachnutzungen in Auftrag zu geben, spazieren die Bewohner durch die Büsche und nutzen das Flugfeld und den Rasen als Park. Das gefällt mir.

STANDARD: Das heißt, dass öffentlicher Freiraum nicht erst teuer gestaltet werden muss?

Chipperfield: That's it! Stadt und städtische Qualität - das ist in erster Linie das Erkennen und Nutzen von Potenzialen. In Berlin ist man da relativ cool. Die meisten Städte aber praktizieren lieber eine Kultur des Verbietens als eine des Ermöglichens. Das ist ein mentaler Knoten in den Behörden. Daran kann auch ein Architekt nichts ändern. Bestenfalls nur die Bevölkerung als Gruppe.

STANDARD: Und eine Biennale in Venedig?

Chipperfield: Sie sind ja ein noch größerer Idealist als ich! Nein, das glaube ich ehrlich gesagt nicht. Dazu ist die Architektur-Biennale per se zu elitär und zu kulturaffin. Aber sie kann immerhin Alternativen aufzeigen.

STANDARD: Ihr größter Wunsch als Direktor?

Chipperfield: Ich hoffe, dass es mir gelingen wird, ein gewisses Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen. Ich will keine Selbstbeweihräucherung. Ich will keine Architekten, die durch die Biennale gehen und sich danach denken, wie toll sie sind. Alles - nur nicht schon wieder die Klischees und Ängste der Bevölkerung bestärken! Ich will die Besucher zum Nachdenken anregen und ihnen auf den Weg mitgeben: Common Ground - das sind wir alle.

David Chipperfield (58) ist Architekt in London. Er plante u. a. das Neue Museum in Berlin, das Kaufhaus Tyrol in Innsbruck und das Kaufhaus Peek & Cloppenburg in der Kärntner Straße in Wien. Anfang des Jahres wurde er zum Direktor der 13. Architektur-Biennale in Venedig ernannt.

Die Biennale 2012: Mit Kazuyo Sejima, Direktorin der Architektur-Biennale 2010, hat die regelmäßige venezianische Nabelschau der Stars und Sternchen ein Ende genommen. Der diesjährige Biennale-Direktor David Chipperfield setzt diese Zurückhaltung fort. Unter dem Generalmotto „Common Ground“ nehmen insgesamt 55 Nationen teil. Angola, die Republik Kosovo, Kuwait, Peru und die Türkei feiern in Venedig heuer ihr Debüt. Darüber hinaus präsentiert Chipperfield eine Ausstellung mit 60 Positionen von Architekten, Künstlern und Fotografen. Eröffnung am 29. August. Zu sehen bis 25. November. (woj)

11. August 2012 Der Standard

„Bloß nicht too much Schlagobers“

Der New Yorker Architekt Peter Eisenman wird heute 80 Jahre alt - ein Gespräch über Baseball, Richard Wagner und die Fremdheit im eigenen Land.

Ich fühle mich in den USA wie ein Alien. Es gibt keine Öffentlichkeit, keine kritische Matrix, und alles, was zählt, ist Geld, Geld, Geld. Dieses Land geht einfach nicht in meinen Kopf hinein.

STANDARD: Man kennt Sie mit einer roten Fliege um den Hals. Wo ist Ihre Fliege heute?

Eisenman: Mensch, es ist Sommer! Und es ist heiß! An solchen „casual days“ wie heute, wo ich die meiste Zeit im Büro verbringe, lege ich die Fliege ab. Da trage ich alte Sneakers, ein Hemd und khaki Hosen. Ich habe beschlossen, mich nur noch zu besonderen Anlässen feierlich und elegant zu kleiden. Mit dem Alter wird man cooler und gelassener.

STANDARD: Zum Achtziger ...

Eisenman: Zur Feier heute Abend, das kann ich Ihnen versprechen, werde ich eine Fliege tragen.

STANDARD: Warum gerade Fliege?

Eisenman: Beim Zeichnen ist die Krawatte immer im Weg. Sie wird schmutzig und verwischt die frische Tuschezeichnung auf dem Plan. Viele Architekten, die ich noch persönlich kannte, haben eine Fliege getragen, zum Beispiel Walter Gropius oder Le Corbusier. Meine Fliege ist, wenn Sie so wollen, eine Art Reverenz. Außerdem sagt man im Englischen, dass man Menschen mit Fliegen nichts abkaufen sollte, weil sie verrückt sind. Das fügt sich ganz gut. Man wird niemals belästigt.

STANDARD: Zeichnen Sie heute immer noch mit Tusche?

Eisenman: Ich erzähle Ihnen jetzt einmal was, und ich bitte Sie, das auch wirklich kundzutun, denn die Dinge entwickeln sich in eine völlig falsche Richtung. Auf dem Computer kann man nicht konzeptionell arbeiten, das ist unmöglich. Dazu braucht man Stift und Papier. Man muss die Bewegung in der Hand spüren, man muss das Entstehen physisch erleben.

STANDARD: Die meisten bei Ihnen im Büro arbeiten am Computer.

Eisenman: In diesem Büro wird der Computer nur zum Planzeichnen verwendet. Ich gebe zu, Tuschezeichnungen haben ihre Nachteile. Man ist langsamer, man hat immer nur mit einem Unikat zu tun, man kann Fehler viel schwieriger ausbessern, und man kann Tuschezeichnungen nicht per E-Mail verschicken.

STANDARD: Wo fühlen Sie sich eher zu Hause? Vergangenheit oder Zukunft?

Eisenman: Vergangenheit. Ich bin traditionell veranlagt. Ich reise lieber nach Europa als nach Dubai oder Schanghai. Ich liebe die europäischen Städte, ich gehe gerne durch Wien spazieren, beim Fußball halte ich zu Italien, Spanien und Deutschland, und ich bin immer wieder in Bayreuth, um mir ein Stück von Richard Wagner anzusehen. Ich bin der Meinung, jeder sollte zumindest einmal im Leben den Ring des Nibelungen gesehen haben.

STANDARD: Wie oft haben Sie den „Ring des Nibelungen“ schon gesehen?

Eisenman: Weiß nicht. Sechs- oder siebenmal.

STANDARD: 2005 wurde in Berlin das von Ihnen geplante Denkmal für die ermordeten Juden Europas eröffnet. Fühlen Sie sich der deutschen Geschichte nah?

Eisenman: Ja. Vor allem interessiere ich mich für die deutsche Geschichte seit 1919. Deutschland ist für mich eines der Länder, das Inbegriff einer fair gelebten, geförderten und kulturell bereichernden Demokratie ist. Ich kann bis heute nicht glauben, dass diese wertvolle Eigenschaft 1933 von einem Tag auf den anderen verlorengegangen ist. So gesehen denke ich, dass das Holocaust-Denkmal in Berlin mit Sicherheit eines meiner wichtigsten Projekte ist.

STANDARD: Hat sich seit Berlin etwas für Sie verändert?

Eisenman: Das war ein wichtiges Projekt für mich, und ich war sehr erfolgreich damit. Die Menschen sind von diesem Denkmal fasziniert. Manchmal bekomme ich sogar Post von Touristen, die dort waren und mir schreiben, wie sehr sie das Projekt bewegt hat.

STANDARD: Könnten Sie sich vorstellen, in Europa zu leben?

Eisenman: Und wie! Am liebsten würde ich in London, Berlin oder Mailand leben. Überall, bloß nicht in Wien. Das ist mir zu schwer, zu hermetisch und zu unbeweglich. Irgendwie too much Schlagobers. Bloß nicht!

STANDARD: Und wie lebt es sich in New York?

Eisenman: Sehr fremd. Und dabei ist New York City ja noch ganz in Ordnung! Fragen Sie mich doch einmal, wie ich mich in den USA fühle! Wie ein Alien! Ich verstehe dieses Land nicht. Dieses Land geht einfach nicht in meinen Kopf hinein.

STANDARD: Was ist so fremd daran?

Eisenman: In den USA gibt es keine Öffentlichkeit. Das ganze Land wird von der Privatwirtschaft regiert. Es gibt keine kritische Matrix, keine laute Stimme in den Tageszeitungen und kein Interesse für das soziale Zusammenleben, für die Umwelt, für das viele feine Rundherum, das einen Ort und eine Kultur ausmacht. Alles, was zählt, ist Geld, Geld, Geld.

STANDARD: Beim Bauen spielt Geld eine wichtige Rolle.

Eisenman: Ja, aber die Immobilienwirtschaft regiert das ganze Land. Die soziale Qualität ist de facto nicht vorhanden. Es ist zum Heulen. Schauen Sie sich nur einmal um! Wir haben viele wunderbare Architekten in den USA, vor allem hier in New York. Es gibt Daniel Libeskind, es gibt Diller & Scofidio, und es gab Raimund Abraham. Aber die Wahrheit ist: Die wirklich guten New Yorker Architekten bauen hierzulande nur sehr wenig.

STANDARD: Sie haben in den USA bisher auch nur wenig realisiert.

Eisenman: Die Amerikaner mögen mich nicht. Irgendwas an meinen Gebäuden ist ihnen zu abstrakt und zu einschüchternd. Ich glaube, ich bin ihnen zu verkopft.

STANDARD: Stattdessen bauen Sie in Europa.

Eisenman: Das kann man so nicht sagen.

STANDARD: Das größte Projekt Ihrer Laufbahn ist das Kulturzentrum in Santiago de Compostela.

Eisenman: Ja, das ist ein sehr umfangreiches Projekt. Die Cidade da Cultura in Santiago besteht aus dem Galizischen Museum, einer Bibliothek, einem Zeitungsarchiv und einem Bürogebäude. Das Internationale Kunstzentrum und das Theater- und Opernhaus müssen noch errichtet werden. In einem Artikel in El País war letztes Jahr zu lesen, dass mich dieses Projekt eines Tages wahrscheinlich umbringen wird. Doch dafür, hieß es darin, werde der Architekt mit einem Lächeln auf seinen Lippen sterben.

STANDARD: Und? Wird er das?

Eisenman: Oh ja, das wird er! Das ist ein sehr geerdetes Projekt.

STANDARD: Ursprünglich war das Projekt mit 108 Millionen Euro veranschlagt. Mittlerweile liegen die Baukosten bei 415 Millionen Euro. Was ist passiert?

Eisenman: Das ganze Projekt ist im Laufe der Zeit auf die fünffache Größe angewachsen. Die Oper war ursprünglich für 500 Zuschauer konzipiert, heute stehen wir bei 1800 Sitzplätzen. Die Bibliothek war zu Beginn für 250.000 Bücher ausgelegt. Eines Tages kam dann der Wunsch des Kulturministers, es auf eine Million Bücher aufzustocken. Und so weiter. Das sind die Entscheidungen der Auftraggeber. Architekten treffen solche Entscheidungen nicht.

STANDARD: Und das rechtfertigt eine Verdreifachung der Kosten?

Eisenman: Santiago de Compostela ist ein komplexes und wunderbares Projekt mit einer unglaublichen Detailgenauigkeit. Jedes einzelne Gebäude wurde unter Budget errichtet. Auf den Quadratmeter gerechnet, ist es eines der billigsten Museen Spaniens. Wir bauen um 2600 Euro pro Quadratmeter! Der neue Prado von Rafael Moneo hat 6000 Euro gekostet. Und Santiago Calatrava baut, wie wir alle wissen, noch teurer.

STANDARD: Im Juni wurde das Projekt gestoppt. 2015 soll erst wieder weitergebaut werden.

Eisenman: Spanien befindet sich in einer Krise. Die Errichtung von Infrastruktur ist zwar wichtig, aber bei einer Arbeitslosigkeit von 25 Prozent gibt es aus politischer Sicht wichtigere Sachen. Von der Oper stehen jetzt einmal das Fundament und ein Teil vom ersten Stock. Das Wissenschaftsmuseum ist noch Zukunftsmusik. Ich hoffe, dass sich die Situation in Spanien erholt und dass wir bald weiterbauen können.

STANDARD: Wird die Cidade da Cultura Ihr größtes Projekt bleiben?

Eisenman: Wie viele Projekte von herausragender Bedeutung ist ein Architekt imstande, im Laufe seines Lebens zu realisieren? Bestenfalls eine Handvoll. Und wenn es nur eines ist, dann ist das schon ein großer Erfolg! Manche Architekten bauen 30, 40, 50 Projekte, alle schauen gleich aus, und keines davon ist ein ernst zu nehmender Beitrag für die Entwicklung der Architektur. Das interessiert mich nicht.

STANDARD: Wie hoch würden Sie Ihre persönliche Quote an bedeutender Architektur beziffern?

Eisenman: Zehn Prozent. Und 90 Prozent sind guter Durchschnitt.

STANDARD: Was wünschen Sie sich zum Geburtstag?

Eisenman: Ich habe einen Doktortitel aus Cambridge, ich habe viel publiziert, und ich bin mittlerweile der am längsten lehrende Architekturprofessor der Welt. Ich unterrichte schon seit 1960. Und noch immer haben die Studenten Angst vor mir! Was soll ich mir denn da noch wünschen? Ich bin schon wunschlos glücklich.

STANDARD: Pläne für heute Abend?

Eisenman: Mal schauen. Ich bin ja ein riesengroßer Baseballfan und ich habe ein Saisonabo im Yankee-Stadion. Ich fühle mich dem Proletariat sehr verbunden. Ich glaube sogar, dass ich mehr über Baseball weiß als über Architektur. Manchmal setze ich mich eine Stunde vor dem Spiel auf die Tribüne, schaue auf das leere Spielfeld und beobachte, wie sich das Stadion langsam mit Besuchern füllt. Das ist wie Meditieren.

Peter Eisenman ist am 11. August 1932 in Newark, New Jersey, geboren. Er war Teil der Architektengruppe „New York Five“, die sich für die Wiederbelebung der Moderne von Le Corbusier und De Stijl engagierte. Er lehrte in Harvard und Princeton sowie an der Ohio State University. Zurzeit hat Eisenman einen Lehrstuhl an der Universität Yale inne. Sein bekanntestes Projekt ist das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin (2005).

7. Juli 2012 Der Standard

Show ist nicht alles

Mittelmäßige Beiträge, ein architektonisches Wow und ein Hoch auf die Regionalentwicklung: Rundgang durch die Expo 2012 in Yeosu, Südkorea.

Es war ausgerechnet eine Strelitzie, besser bekannt als Paradiesvogelblume, die das österreichische Architekturbüro Soma zu diesem innovativen Entwurf inspirierte. Kommt der hungrige, sich nach Blütennektar verzehrende Kolibri angeflogen, so landet er nämlich nicht zufällig auf dem hoffnungsvoll nach oben deutenden Blütenblatt. Die Wirkung folgt sogleich: Durch das Körpergewicht des Vogels senkt sich der Hebelarm, dieser wiederum dehnt das Hochblatt auseinander, und so offenbart sich das ganze saftige Innenleben der Strelitzie.

„Wir wollten uns an der Natur ein Vorbild nehmen“, erklärt Kristina Schinegger, Chefin des Salzburger Büros Soma. „Das Prinzip der physikalischen Krafteinwirkung, die ihrerseits eine bestimmte Bewegung bewirkt, hat uns sehr fasziniert. Wir wollten diese Idee auf die Architektur übertragen.“ Biomimese nennt sich dieses Abschauen von Mutter Natur im Fachjargon.

Auf der diesjährigen Weltausstellung in Yeosu, Südkorea, kann man das Resultat biomimetischen Nachdenkens in seiner vollen Pracht bestaunen. Noch nie zuvor wurde das technische Prinzip der Druckausübung und der damit verbundenen Verformung in dieser Dimension realisiert. Auf einer Länge von fast 160 Metern kann der Ocean-&-Coast-Themenpavillon der Salzburger Architekten je nach Lust und Laune sein äußeres Erscheinungsbild ändern - und damit auch die Sonneneinstrahlung und Belichtung des Innenraums regeln.

Knallt die Sonne vom Himmel, sind die 108 Lamellen auf der Westfassade im entspannten Modus. Die Haut ist geschlossen. Sobald die Sonne aber verschwindet, wird über kleine Elektromotoren von oben und unten Druck auf die bis zu 13 Meter hohen Lamellen ausgeübt. Die Folge: Die laminierten, glasfaserverstärkten Kiemen aus Kunststoff wölben und verformen sich und klappen dadurch bis zu einem Winkel von 60 Grad auf. Und hunderte Südkoreaner klatschen begeistert in die Hände. Jedes Mal aufs Neue.

Der Themenpavillon von Soma ist der absolute Renner auf der Expo 2012. Das rund sechs Sekunden dauernde Schauspiel des Auf- und Zuklappens fasziniert nicht nur Laien. Auch die Profis sind von dieser Technologie verzückt. Das südkoreanische Architekturmagazin Space widmete der Fassade in der Juni-Ausgabe ein ganzes Dossier. Dem Nachrichtensender CNN war die neue Hightech-Haut sogar einen eigenen TV-Beitrag wert. Da darf man schon einmal über die Qualität der baulichen Ausführung hinwegsehen.

Eine technische Sensation

„Aus technischer Sicht ist diese Lamellenfassade wirklich eine Revolution“, freut sich Schinegger. „Die meisten Weltausstellungen der letzten Jahre haben sich mit Edutainment und lustigen Shows begnügt. Das Ausstellen von technischen und wissenschaftlichen Errungenschaften, wie das früher öfter gemacht wurde, kommt heute meist viel zu kurz.“

36 Millionen Euro kostete der riesige Molch, der so prominent an der Wasserkante sitzt, als wäre er eben erst aus dem Urmeer herausgekrochen. Und das passt gut ins Konzept, denn das silbergraue Ding, Resultat eines internationalen Wettbewerbs 2009, ist Wahrzeichen einer Expo, die diesmal unter dem Motto „Der lebende Ozean und die Küste“ steht. „Es ist wichtig, dass die Menschen die Bedeutung der Meere für die Zukunft begreifen“, sagt Kim Keun Soo, Vizepräsident der Expo. „Wir müssen gegen den Klimawandel mit aller Kraft ankämpfen.“

Allerdings fällt der Kampf in Yeosu recht bescheiden aus. Zwar tauchen immer wieder technisch fokussierte Beiträge auf: Deutschland präsentiert ein Frühwarnsystem gegen Tsunamis, Japan widmet sich überhaupt dem Wiederaufbau von Erdbeben- und Tsunamigebieten, Norwegen zeigt Methoden umweltfreundlicher Energiegewinnung, und Frankreich philosophiert über ein Leben nach der Eisschmelze und stellt apokalyptische Wohnkonzepte auf dem Wasser vor, während zwischen Eiffelturm und Triumphbogen batteriebetriebene Hammerhaie hindurchschwimmen. Ganz nette Anregungen sind das.

Doch das Gros der 105 Länderpavillons und neun internationalen Organisationen schwingt entweder die Moralkeule oder verfällt in comicartigen Slapstick mit den beiden Expo-Maskottchen Yeony und Suny. Da spazieren Roboter durch die Hallen, da gibt es massenweise Lichtanimationen und Lasershows, da gibt es dramatische Wasserspiele zu Carmina Burana und Goldfinger. Und sogar die Polizei kommt per Jetski über die Welle geritten.

Dickes Pathos im USA-Pavillon: „Über Jahrhunderte haben die Ozeane die Menschheit geteilt“, sagt US-Außenministerin Hillary Clinton per Videobotschaft vor einem herabprasselnden Wasserfall. „Heute bieten die Ozeane eine Chance zur Zusammenarbeit.“ Bis schließlich US-Chef Barack Obama eins draufsetzt: „Als Präsident weiß ich, dass es Länder gibt, die nicht nur durch das Meer getrennt sind.“

Österreich hat sich heuer komplett ausgeklinkt. „Das Thema der diesjährigen Expo ist nicht genau für ein Binnenland wie Österreich zugeschnitten“, sagt Werner Somweber, Regionalmanager für Fernost und Ozeanien der Wirtschaftskammer Österreich. „Ich glaube, wir hätten damit nur wenige Firmen und Sponsoren interessieren können.“ Die Vermutung liegt jedoch nahe, dass Südkorea für Österreich kein besonders attraktiver und bei Laune zu haltender Handelspartner ist. Zumindest nicht ein so wichtiger wie die Volksrepublik China - zur Expo in Schanghai 2010 kam Bundeskanzler Faymann noch samt Entourage angeflogen.

Nach dem Spaziergang über das 170 Hektar große Gelände ist klar: Hier geht es nicht um die Küste und schon gar nicht um den lebenden Ozean, sondern einzig und allein um eine medial wirksame Infrastrukturspritze für die am weitesten entlegene und schwächste Region Südkoreas. Während die weit entwickelte Industrienation vielerorts mit 300 km/h Hochgeschwindigkeitszüge durchs Land jagt und ganze Städte aus dem Erdboden stampft, watet man rund um Yeosu noch knöcheltief im Wasser und sät Reis.

„Für die Regierung war von Anfang an klar, dass die Expo eine große und wichtige Chance ist, um den Süden zu entwickeln“, meint Jo Seung Koo, Professor für Architektur an der Universität Busan. „Bis heute ist das die strukturschwächste Region des Landes. Es mangelt an Autobahnen, Zugtrassen, Arbeitsplätzen und Industrie. Ich könnte mir vorstellen, dass die Expo daran mittelfristig etwas ändern könnte.“

Rund 1,9 Milliarden US-Dollar (1,5 Mrd. Euro) investierte die Regierung in den Ausbau des Expo-Geländes, das früher Hafen und Industriebrache war. Einst wurden hier Küstenpoller aus Beton hergestellt, doch die letzten Jahrzehnte wurde es still und schmierig. Weitere 13 Milliarden Dollar (10,4 Mrd. Euro) butterte das Land in den Ausbau von Autobahnen und Bahntrassen für den KTX-High-Speed-Train. Brauchte man früher einen halben Tag, um von Seoul aus in die zerklüftete Inselwelt rund um Yeosu zu gelangen, sind es nun 182 Minuten. Das ist mehr als nur eine symbolische Entwicklungsspritze.

Überall wird emsig gebaut: Straßen, Radwege, Brücken, ja sogar ganze Wohnsiedlungen. Während der Ocean-&-Coast-Themenpavillon der Soma-Architekten in den Visualisierungen noch aus einer saftig grünen Hügellandschaft ragte, wird er nun von Wohnhochhäusern und Bürotürmen umzingelt. Nach Ablauf der Expo sollen die Pavillons und das Aquarium als Museen weitergenutzt werden. Und für die große Länderhalle interessiert sich bereits ein Betreiber, der die Bauten für eine Shopping- und Gastronomiemeile am Wasser nutzen will. Für Yeosu ein voller Erfolg.

Sinneswandel in Südkorea

Auf der Werteskala der Weltausstellungen heißt das: Erstmals nach vielen Jahren steht nicht das eigentliche, wohlgemerkt mittelmäßige Spektakel im Vordergrund, sondern die damit verbundene Regionalentwicklung. In den meisten Expo-Projekten wird diese große Chance ignoriert, und die ehemals attraktiven Ausstellungsareale verfallen am Ende in einen elendigen Dornröschenschlaf oder werden wieder bis aufs Fundament abgebaut. So geschehen in Hannover 2000, in Nagakute und Seto 2005 und in Schanghai 2010.

Der in Südkorea zu beobachtende Sinneswandel könnte das aus heutiger Sicht unattraktive Auslaufmodell „Expo“ langfristig auf eine andere Ebene heben. Vielleicht weilt der Erfolg dann ja länger als nur der Flügelschlag eines hungrigen Kolibris.

2. Juli 2012 deutsche bauzeitung

Kleine Boxen ganz gross

»Wohnothek« in Deutsch Schützen (A)

Der Weg zu ihrer jeweiligen Unterkunft führt die Gäste der Wohnothek im Südburgenland nicht durch einen Hotelkorridor, sondern über Schotter und Rasen. Die »Zimmer« liegen umgeben von Grün und Vogelgezwitscher mitten im Weinberg und gehen auf eine Initiative von vier Weinbauern zurück. Obwohl die Konstellation der Bauherrngruppe sich als schwierig erwies, sieht man das allenfalls ein paar wenigen Details im Innern an, zum Glück aber nicht der Architektur insgesamt.

Die Zimmer heißen Kentaur, Vinea, Pfarrweingarten und Blue. »Eigenartige Namen? Aber nein!«, meint Gerda Wiesler, Wirtin im Haubenrestaurant Wachter-Wieslers Ratschen und Miteigentümerin des benachbarten Hotels. »Die Zimmer sind nach Rebsorten und Weinen benannt, die bei uns in der Ortschaft produziert werden. Mein liebstes Zimmer ist der Pfarrweingarten. Das ist der erfolgreichste Wein in unserem Sortiment: süffig und gut.«

Das kleine Hotel in Deutsch Schützen, weit unten im tiefsten Südburgenland, zählt zu den ungewöhnlichsten Gästehäusern Österreichs. Hotel ist vielleicht der falsche Ausdruck. Wohnotek – so der offizielle, etwas glücklose Name des im September 2011 eröffneten Etablissements – ist auch nicht viel besser. Vielmehr handelt es sich um zehn wie zufällig in die Landschaft gewürfelte Holzboxen, die all jenen Freunden des lukullischen Genusses zur Verfügung stehen, die nach einem wohlschmeckenden Menü oder nach einer etwas zu flüssigen Weindegustation vor einer weiten Heimfahrt zurückschrecken und sich stattdessen lieber für eine Nacht in fremde Federn betten. Zumindest unter der Woche ist diese Flexibilität noch möglich, für die Wochenenden sind die Zimmer in der Regel schon weit im Voraus gebucht.

Mitten im Weingarten

»Die Konzeptionsphase hat weit über ein Jahr gedauert«, erinnert sich Wiesler. »Wir wussten zwar, dass wir keines dieser normalen Hotels mit Zimmer und Frühstückssaal wollten, doch das genaue Resultat unserer Vorstellung ließ lange auf sich warten. Das war ein intensiver Prozess mit den Architekten.« Die Tatsache, dass es sich dabei um ein Kooperationsprojekt von insgesamt vier Winzerfamilien aus dem Ort handelt, wirkte sich auf die Planungsphase nicht gerade beschleunigend aus. Viele Köche verderben den Brei, heißt es. Viele Winzer, könnte man hinzufügen, vergären die Planung.

Nach rund 15 Monaten waren Brainstorming und Detailplanung abgeschlossen. Der Bau konnte beginnen. »Ursprünglich war das Hotelkonzept noch etwas stringenter und klarer im Aufbau«, erinnert sich Johannes Traupmann, einer der beiden Chefs von Pichler Traupmann Architekten (PXT), und erklärt: »Die Weinreben hätten bis an die Hauskante kommen sollen, das Gebaute wäre also Teil der Natur gewesen, und das Projekt hätte in Summe mehr Schlüssigkeit gehabt als das heute der Fall ist.« Doch zum Glück weiß der Laie nichts von alledem. Das ungewöhnliche Mini-Hotel im Weingarten ist allen Abstrichen zum Trotz überzeugend und attraktiv.

Alles ist aus Holz, Zäune und Mauern sucht man hier vergeblich. Sowohl das Material der Häuser als auch die »Zaunlosigkeit« des 3 000 m² großen Grundstücks waren eine Vorgabe der Behörde, denn das Projekt befindet sich mitten im Landschaftsschutzgebiet. Den Architekten kamen die strengen Richtlinien überaus gelegen. Eine Einzäunung hätte ihrer Meinung nach den Kontext des gesamten Projekts zerstört.

Verzahnung mit der Landschaft

Und so wandert man also vom Parkplatz hoch, geht ein paar Meter über knirschenden Schotter, lässt die letzten Weinreben hinter sich, und steht plötzlich im grünsten und offensten Hotelkorridor, den man sich vorstellen kann: Die Wände bestehen aus Wald und Panorama, der Plafond ist aus Wolken und Himmel, mittendrin ein riesiger Kirschbaum, und gelegentlich, wird sich am nächsten Morgen herausstellen, hoppelt ein Wildkaninchen über den Flur. »Unsere Gäste schätzen das ungewöhnliche Ambiente«, meint Gerda Wiesler. »In welchem Hotel liegt die Natur schon so nahe? Und wo kann man schon nach dem Duschen direkt ins Freie treten und bloßfüßig durch die Wiese marschieren?«

Rein ins Zimmer. Der erste Eindruck der knapp 24 m² großen Wohneinheit: Es riecht intensiv nach Holz. Boden, Wände und Decke bestehen aus unbehandelter Lärche. Lediglich im Nassbereich, also rund um das Waschbecken und im WC, wurde der Boden zum Schutz vor Feuchtigkeit versiegelt. Das geübte Auge erkennt den Unterschied.

Während Boden und Decke aus Kreuzlagenholz (KLH) bestehen und somit Konstruktion, Aufbau und Dämmung in einem Material vereinen, wurden die Wände in herkömmlicher Pfosten-Riegel-Konstruktion errichtet. Die Innenseite der Häuser ist großflächig mit Dreischichtplatten bekleidet, an der Außenfassade regiert das Prinzip des Zufalls. »Es gibt unterschiedlich breite Lärchenholzlatten, die zwischen 8 und 16 cm variieren«, erklärt Traupmann. »Wir haben die Handwerker gebeten, möglichst unregelmäßig zu arbeiten. Es wurde der Reihe nach an die Wand montiert, was auf der Palette gerade zur Hand lag.« Der kleine Maßstab mit seinen leichten Irritationen tut dem Projekt gut.

Die Inneneinrichtung stammt nur zu einem Teil aus Architektenhand – so z. B. die Liegebank, die flächenbündig zu einem integrierten Schreibtisch aufsteigt oder etwa der Waschtisch, der Minibar, Ablagefläche und Waschmöglichkeit in einem einzigen, schlichten Möbelband vereint. Bei anderen Details hingegen haben sich die Winzer durchgesetzt. So wirken diese an einigen Stellen lieblos und ungelöst. Leider trifft das auch auf die Lichtplanung zu. Statt schöner Leuchten und indirekter Beleuchtung hängen nun ordinäre Leuchtstoffröhren aus dem Baumarkt an der Wand. Eiskalte Lichtfarbe. Der Fauxpas ist unverzeihlich. Demnächst, versichern die Inhaber des Hotels, wolle man die Zimmer mit adäquaten Lichtquellen nachrüsten.

Seine größte Stärke spielt das Zimmer aus, wenn man in der Früh aufwacht und sich zwischen zwei riesigen Glasscheiben wiederfindet. Das Bett ist nämlich in einer Art Alkove untergebracht. Der Platz zu beiden Seiten der Schlafstatt ist eng, hinter den Nachtkästchen strömt unmittelbar die Natur in den Raum. »Die Integration in die Umgebung ist für mich das absolute Highlight«, sagt Johannes Traupmann. »Eigentlich gibt es eine Genehmigung für insgesamt 15 Hoteleinheiten, aber ich denke, dass wir dieses Potenzial nicht mehr ausschöpfen werden. Wenn wir die Dichte anheben, dann gehen die Qualitäten des Ausblicks und der Nähe zur Natur womöglich verloren.«

Mitreisser

Mit einer Bauzeit von nur 100 Tagen und einem Stückpreis von 43 000 Euro pro Box – das entspricht Baukosten von knapp 2 000 Eur/m2 – ist das Hotel günstig kalkuliert. Fast. Wäre da bloß nicht die dezentrale Lage in der Landschaft. »Die Zimmer liegen recht dispers, daher sind ziemlich hohe Nebenkosten angefallen, die bei einem herkömmlichen Hotelprojekt kaum ins Gewicht fallen würden«, so Traupmann. Der größte Brocken waren die Infrastruktur- und Erschließungskosten. Auch die gesamte Haustechnik – beheizt werden die Hotelzimmer mit einer Luft-Luft-Wärmepumpe – musste zehnfach ausgeführt werden. Trotz günstiger Bauweise belaufen sich die Gesamtinvestitionskosten daher auf rund 800 000 Euro. Das ist viel Geld.

Doch der Plan scheint aufzugehen. Allein in den ersten vier Monaten verzeichneten die Wachter-Wieslers mehr als tausend Übernachtungen. Bei Preisen zwischen 48 und 59 Euro pro Person – abhängig von Wochenende und Saison – wolle man innerhalb von fünf Jahren den »Break-even-Point« erreichen. »Es läuft sehr gut«, meint die Hausherrin. »Und wie es scheint, werden wir schon ab dem dritten Jahr Gewinn machen können. Für mich persönlich ist das ein geglücktes Beispiel für sanfte, nachhaltige Tourismusentwicklung in dieser Region.«

Sanft und nachhaltig sind auch die Zahlen: Die Wohnotek hat die Übernachtungen auch in den umliegenden Hotels und Pensionen nach oben geschraubt. Insgesamt verzeichnet man in Deutsch Schützen eine Gästeplus von rund 40 %. Die kleinen Boxen in den Weinreben haben großes Potenzial. Es fehlen noch ein, zwei nachträgliche Handgriffe, danach steht einem Aufstieg in den sternenlosen Olymp der Hotellerie nichts mehr im Weg.

23. Juni 2012 Der Standard

CSI Mauerwerk

Es ist vollbracht: Diese Woche wurden die ersten vier Häuser der Wiener Werkbundsiedlung übergeben. Beinahe eine Sanierung wie aus dem Bilderbuch. Bloß, wo ist das Museum?

„Am Anfang hatten wir eine unglaubliche Ehrfurcht vor dem Projekt“, erinnern sich die beiden Architekten Azita Goodarzi und Martin Praschl vom Wiener Büro P.Good. „Darf man auf ein altes Haus von Gerrit Rietveld oder Josef Hoffmann denn überhaupt mit dem Presslufthammer einschlagen? Muss man die nicht viel eher streicheln?“

Nach rund zehn Monaten sind die massiven Streicheleinheiten beendet. Am Mittwoch luden Wohnbau-Stadtrat Michael Ludwig, Landeskonservator Friedrich Dahm sowie Josef Wiesinger, Geschäftsführer der Wiener Substanzerhaltungs GmbH & Co KG (Wiseg) zur feierlichen Eröffnung in die Wiener Werkbundsiedlung. In brütender Hitze, unter knallig bunten Sonnenschirmen zusammengepfercht, fanden sich Architekten, Journalisten und neugierige Nachbarn ein, um - rechtzeitig zum 80. Jubiläum der 1932 eröffneten Werkbundsiedlung - die Sanierung der ersten vier Häuser zu bestaunen.

„Es sind zwar nur vier Wohnungen, und das ist wahrscheinlich das kleinste Wohnbauprojekt, das ich je eröffnen durfte“, sprach Michael Ludwig ins Mikrofon. „Dennoch ist es einer der historisch bedeutendsten Gebäudekomplexe in unserer Stadt, aber auch weit darüber hinaus.“ Im Gegensatz zu anderen Werkbundsiedlungen in Stuttgart, Zürich, Brünn und Prag befindet sich jene in Wien nach Auskunft von Experten nämlich in einem außerordentlich guten Zustand.

„Natürlich war die bauliche Qualität der Werkbundsiedlung so wie bei fast allen Bauten aus dieser Zeit nicht besonders hoch, und das Projekt war dringend sanierungsbedürftig“, sagt Friedrich Dahm vom Bundesdenkmalamt (BDA) zum STANDARD. „Doch in keiner anderen Siedlung in Europa ist heute noch so ein hoher Anteil an originalen Bauteilen und originalen Materialien erhalten wie hier.“

Der Befund des BDA ergab: Rund 80 Prozent aller Türen und Fenster und der dazugehörigen Tür- und Fensterbeschläge sowie 50 Prozent aller Verputze befanden sich im Originalzustand. Und in einem der vier sanierten Häuser, in der Woinovichgasse 20 von Architekt Gerrit Rietveld, lag sogar noch der 80 Jahre alte Linoleumboden - Druckstellen, Kratzer und historische Rundsiegel-Firmenprägung in der Raummitte inklusive.

80 Jahre alte Linoleumböden

Die Handwerker und Denkmalschützer scheuten keinen Aufwand. Mühsam kratzten sie alle noch bestehenden Linoleumoberflächen des über mehrere Häuser verteilten Fleckerlteppichs zusammen, schabten vorsichtig ab, was abzuschaben war, transferierten die Preziosen von einem Haus ins andere und füllten damit hässliche, im Laufe der Zeit entstandene Lücken und Löcher.

„Das war eine ziemlich langwierige Angelegenheit“, sagt Dahm. Nachdem Linoleum ein homogener, fugenloser Holzmehlwerkstoff ist, mussten die unterschiedlichen Fundstücke sorgfältig miteinander verbacken und verschliffen werden. Das Endergebnis (Foto Mitte) ist ein dunkelgraues Etwas mit viel Patina und viel Geschichte, das gewiss nicht jedem gefällt. Doch schon gibt es die ersten Interessenten. Sie wollen just das Haus mit dem alten Linoleumboden und kein anderes.

„Die Arbeiten an den drei Rietveld-Häusern und an dem einen Hoffmann-Haus sind wirklich in die Tiefe gegangen“, meint Susanne Beseler, Restauratorin für Putz und Stein. „Wir hatten hier die Gelegenheit, Materialproben zu entnehmen und im Labor ganz genaue Schichtanalysen unter dem Mikroskop vorzunehmen. Das war wie in einer CSI-Krimiserie. Das passiert dir in diesem Beruf nicht jeden Tag.“

Gerade eine solche Detailtiefe sei dringend nötig, um den Bauten des 20. Jahrhunderts endlich jenen Respekt zu erweisen, den sie verdienen. „Bei Barockgebäuden ist es mittlerweile selbstverständlich, nicht nur das historische Erscheinungsbild zu bewahren, sondern auch die historischen Materialien und die historischen Fertigungsmethoden. Bei der Moderne ist dieses Denken noch wenig verbreitet.“ Mit der Sanierung der Werkbundsiedlung, so Beseler, habe man nun ein Exempel für die kommenden Jahrzehnte statuiert.

Nicht nur bei handwerklichen Belangen, auch in puncto Bauphysik ist die ehemalige Musterwohnsiedlung in Hietzing ein Paradebeispiel für den Umgang mit Bauten der Moderne. 20 Zentimeter dicke Daunenjacken aus Styrodur und Mineralwolle sucht man hier vergeblich. „Das hätte nur die Bausubstanz zerstört“, sagt Architektin Azita Goodarzi. „Stattdessen haben wir bewiesen, dass man mit der Summe vieler kleiner Einzelmaßnahmen thermisch genauso viel erreichen kann.“

Nur nicht zu Tode sanieren

Kellerwände, Fundament und Flachdach wurden traditionell gedämmt, außerdem wurden die Fenster abgedichtet, und eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung wurde eingebaut. Dadurch soll in Zukunft Schimmelbildung vermieden werden. In Summe wurde der Heizwärmebedarf von exorbitant katastrophalen 250 kWh/m2a auf etwa 100 kWh/m2a gesenkt. Goodarzi: „So ein Gebäude wird nie Niedrigenergiehaus-Standard erreichen, aber das ist auch nicht nötig. Man muss nicht jedes Baudenkmal thermisch zu Tode sanieren.“

Die brutalste Baumaßnahme betrifft den Einbau der etwas überambitionierten Absturzsicherungen im Fensterbereich sowie einer aufgedoppelten Glasfassade im Hoffmann-Haus. Als wären Hightech-Ingenieure, bewaffnet mit Thermoschutzglas und Edelstahl, durch das Haus marschiert, tauchen nun hie und da gestalterische Eingriffe auf, die so penetrant den Zeitstempel des herbeigesehnten 22. Jahrhunderts tragen, dass es schon wehtut. Da wurde der Genius Loci mit dem Architektenskalpell malträtiert. Patient tot.

„Gebürstetes Niro ist ein Fremdmaterial, das in der Werkbundsielung sonst nicht vorkommt“, erklärt Architekt Martin Praschl das gestalterische Konzept. Dabei hätte es auch bleiben können. „Doch so sind wir nun in der Lage, die beiden Bauphasen 1932 und 2012 deutlich voneinander zu trennen und dem Denkmal auf diese Weise den nötigen Respekt zu erweisen.“

Das sind Luxusproblemchen. In Summe ist der Stadt Wien nämlich - das verrät schon das Lächeln der Denkmalschützer und Konservatoren - ein beeindruckender Sanierungs-Kick-off gelungen. Rund eine Million Euro wurde in der ersten Bauphase investiert. Für die restlichen 44 Werkbund-Häuser der Stadt Wien, die bis 2016 saniert werden sollen, stehen weitere neun Millionen Euro zur Verfügung.

Wer die Presslufthämmer und CSI-Putz-Forensiker in sein Mietobjekt einlädt, muss allerdings mit einer Mieterhöhung von 1,50 Euro auf 6,20 Euro pro Quadratmeter rechnen. Und: Die Bewohner jener 22 Werkbund-Häuser, die sich in Privateigentum befinden, können sich der Sanierungsoffensive nach Absprache anschließen.

Fast vergessen hallt es aus der Vergangenheit: War da nicht mal von einem Werkbund-Museum die Rede? Wollte man das Denkmal der Moderne einst nicht auch einem öffentlichen Publikum zugänglich machen? „Ein Museum hätte keinen Sinn gehabt“, meint Stadtrat Ludwig. „Erstens sind die Häuser klein und eng und für größere Gruppen nicht geeignet, und zweitens wäre das nicht im Sinne des damals projektverantwortlichen Mastermind-Architekten Josef Frank gewesen. Er wollte keine Museumsanlage errichten. Er wollte ein belebtes Wohnviertel.“

16. Juni 2012 Der Standard

Grün Ding braucht Weile

Am Stadtrand von Seoul entsteht eine ökologische Musterstadt, die dem Meer abgerungen wurde: Songdo New City. Sieht so die Zukunft urbanen Lebens aus?

Die Sonne scheint, fröhliche Menschen sitzen unter einer ziemlich großen Pergola, die mit Fotovoltaikpaneelen verkleidet ist, essen und trinken, im Hintergrund Radfahrer und ballspielende Kinder. Plötzlich biegt lautlos ein koreanisches Elektroauto um die Ecke. Stimme aus dem Off: „Songdo. Where future happens.“

Für die Songdo New City - so der offizielle Name - wird eifrig die Werbetrommel gerührt. Während die modernen KTX-Hochgeschwindigkeitszüge mit 300 km/h durch die Landschaft brettern, wandert der Fernsehspot alle paar Minuten über den Flatscreen. Songdo, was übersetzt so viel heißt wie „Zwergkieferninsel“, ist ein 800 Hektar großes künstlich aufgeschüttetes Eiland am südwestlichen Stadtrand Seouls, rund 40 Kilometer und mehr als 30 U-Bahn-Stationen von der Innenstadt entfernt. Und es ist der derzeit größte Stolz der südkoreanischen Wissenschafter und Planer.

Das Kooperationsprojekt des koreanischen Stahlunternehmens Posco E&C, des viertgrößten Stahlerzeugers weltweit, und des amerikanischen Real Estate Developers Gale International mit Sitz in New York, ist die erste bereits realisierte Smart City der Welt. Rund 20 Milliarden Euro wird man am Ende in die Zukunftsstadt insgesamt investiert haben. Dass das größte Konkurrenzprojekt, Norman Fosters Masdar City in Abu Dhabi, seit der Finanzkrise mehr oder weniger auf Eis liegt, wirkt sich auf die Stimmungslage der Südkoreaner nicht gerade negativ aus.

„Songdo ist das Exempel einer modernen, futuristischen Stadt“, sagt Angela Hong von der Incheon Development & Tourism Corporation (IDTC), die für die Vermarktung der Retortenstadt zuständig ist. „In manchen Punkten haben wir uns an der klassischen europäischen Stadtplanung orientiert. Was für die einen altmodisch ist, kann für die anderen eine Revolution sein.“

Das Straßennetz ist dicht, die Fahrbahnen sind verhältnismäßig schmal, die Gehsteige und Radwege dafür umso breiter, und überall Bänke, Bäume, blühende Büsche. Aufgelockert wird das Ganze von ein paar Plätzen und einem 40 Hektar großen „Central Park“ mit künstlichem See, Wassertaxis und Tretbootverleih. Eine Idylle wie aus dem Almanach für Stadtplanung. Fragt sich nur: Wo sind die Menschen? Und was ist smart an alledem?

„Die Metropolregion Seoul stößt mit ihren 25 Millionen Einwohnern allmählich an ihre topografischen und geografischen Grenzen, daher war klar, dass man eines Tages neues Land gewinnen muss“, erklärt Tom Murcott, Vizepräsident von Gale International, auf Anfrage des STANDARD. „Bei so ei-nem großen Projekt ergibt sich die einmalige Chance, neue technische Entwicklungen und Erkenntnisse aus der Wissenschaft und Stadtplanung einfließen zu lassen.“

Das flache Neuland, das mit einigen namhaften Software- und Hardware-Unternehmen wie etwa Arup, Cisco, LG, 3M und United Technologies entwickelt wurde, verfügt in allen Wohnungen und öffentlichen Gebäuden über „Telepresence“, ein neuartiges Kommunikationstool mit hoher akustischer und optischer Qualität, über Real-Time-Fahrpläne für U-Bahn und Busse, die online ersichtlich sind, sowie über Regen- und Salzwassernutzung.

Die wohl ungewöhnlichste infrastrukturelle Errungenschaft betrifft jedoch die Müllentsorgung: Stinkende Müllwagen wird man hier niemals zu Gesicht bekommen, denn die gesamte Müllentsorgung funktioniert unterirdisch und vollautomatisch über ein eigens entwickeltes pneumatisches Unterdrucksystem.

Müllentsorgung per Rohrpost

„Im Grunde genommen ist das nichts anderes als ein klassisches Rohrpostsystem, wie man es im vorigen Jahrhundert immer wieder in Bürogebäuden verwendet hat“, sagt James von Klemperer, Chefarchitekt bei Kohn Pedersen Fox Associates (KPF) in New York, das für den Masterplan der Songdo New City verantwortlich ist, „nur eben ein bisschen größer und ein bisschen weiter.“ Auf Knopfdruck wird der Mist durch die halbe Stadt gejagt, wo er am Ende in einem Kraftwerk zur Biogasgewinnung genutzt wird.

Ein Musterbeispiel für ökologische Stadtplanung - bloß warum ist von der im Film versprochenen Solarenergienutzung nichts zu sehen? Und wo sind die vielen E-Bikes oder E-Autos, mit denen im ganzen Land geworben wird und auf die man so sehnsüchtig wartet? „Diese Technologien sind leider noch nicht zur Genüge ausgereift“, so von Klemperer. „Die Ausbeute von Fotovoltaik ist noch viel zu gering, eine solche Anlage würde sich in Südkorea erst innerhalb von 20 Jahren rentieren. Und solange die koreanischen Autohersteller kein serienreifes Elektroauto produzieren, sind uns die Hände gebunden.“ Mit dem ersten Stromwagen am Markt werde sich die Situation ändern.

Bis dahin begnügt man sich mit einem ausgebauten Fuß- und Radwegnetz sowie strengen ökologischen Richtlinien für die Architektur. Sämtliche Bürotürme verfügen über begrünte Atrien, die die Luftfeuchtigkeit regeln. Das zentrale Konferenz- und Ausstellungszentrum „Convensia“ und das benachbarte Luxushotel Sheraton sind bereits nach LEED-Kriterien zertifiziert. Eines Tages, so jedenfalls lautet der Traum von Gale International, wolle man eine LEED-Zertifizierung für die ganze Stadt erreichen.

Auch um kulturelle Nachhaltigkeit ist man in Songdo bemüht. In der Mitte der Stadt steht das Hello Kitty Planet, ein Ausstellungshaus für die weißen Cartoon-Katzen. Daniel Libeskind hat ein Luxus-Shoppingcenter geplant, das demnächst in Bau gehen soll. Und der Schweizer Pritzker-Preis-Träger Peter Zumthor hat nach Auskunft von KPF ein Museum für zeitgenössische Kunst entworfen. Noch ist das Projekt nicht ausfinanziert.

Wunderbare Zukunft. Doch die Gegenwart sieht anders aus. Von den geplanten 70.000 Einwohnern, die hier eines Tages leben sollen, sind erst 22.000 vor Ort. Bis Jahresende wolle man 5000 weitere anziehen. „Wenn man bedenkt, dass hier vor zehn Jahren noch Meer war und dass die Stadt erst seit kurzem existiert, dann haben wir schon viel erreicht“, sagt Gale-Chef Tom Murcott. „Und ich bin mir sicher, dass Songdo eines Tages die smarteste Stadt der Welt sein wird.“ Denn eines dürfe man bei aller „Smartness“ nicht außer Acht lassen: „Eine grüne Stadt zu bauen bedarf nicht nur Architektur, Infrastruktur und Technologie, sondern vor allem Zeit.“

6. Juni 2012 Der Standard

Ein hässliches, aber nachhaltiges Entlein

Die Neue Heimat Tirol setzt auf die Sanierung alter Energieschleudern

DER STANDARD hat gemeinnützigen und privaten Bauträgern aus ganz Österreich die gleiche Frage gestellt: Was ist Ihr bester Wohnbaubeitrag zum Thema Nachhaltigkeit? Die Antworten sind sehr unterschiedlich.

Das Wohnhochhaus in der An-der-Lan-Straße in Innsbruck wurde im Jahr 1969 errichtet. Das Datum zeichnet sich nicht nur an der Optik ab, sondern auch an den technischen Eckdaten. Mit rund 120 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr war das Haus eine regelrechte Energieschleuder. Das entspricht dem 12-fachen Heizwärmebedarf eines heutigen Passivhauses und immer noch dem vier- bis fünffachen eines modernen Niedrigenergiehauses.

„Solche Energiewerte sind heute nicht mehr vertretbar“, erklärt Klaus Lugger, Geschäftsführer der Neuen Heimat Tirol (NHT). „Moderne Neubauten sind schön und gut, aber wenn man ernsthaft ei-nen ökologischen Beitrag leisten will, dann muss man im Bestand ansetzen. Die wahre Musik spielt in der thermischen Sanierung von Altbauten.“

1993 wurde die Wohnanlage in der Nähe des Olympischen Dorfes schon einmal saniert. 2001 wurde die Ölheizanlage auf Gas umgestellt, 2008 schließlich auf Pellets. Letztes Jahr wurde die schrittweise Sanierung mit einem Darlehen auf zehn Jahre fortgesetzt. Insgesamt picken an der Wand nun 18 Zentimeter Mineralwolle.

75 Prozent weniger heizen

„Natürlich hätten wir gern auch eine kontrollierte Wohnraumbelüftung eingebaut, aber das wäre ein zu großer und zu kostspieliger Eingriff in die Substanz gewesen“, meint Lugger. „Man muss es nicht übertreiben.“ Immerhin beträgt der Heizwärmebedarf jetzt rund 30 kWh/m2a. Das ist ein Viertel von dem, was einmal war.

„Als gemeinnütziger Bauträger kann ich mich mit solchen Projekten durchaus begnügen“, sagt der NHT-Chef. „Wenn das alle so sähen, dann wäre die Energiebilanz am Bau- und Wohnsektor heute wahrscheinlich eine andere.“

Im Zuge der thermischen Sanierung wurden auch Liftanlage und Steigleitungen erneuert. Der einzige gröbere Eingriff in den persönlichen Wohnbereich war der Tausch der Fenster. „Wir unterstützen die These, dass wir lieber laufend instand halten und nicht 30 Jahre lang warten und dann alles auf einmal machen müssen.“

Trotz großer Heizkostenersparnis hat sich die Monatsmiete für die Bewohner nur minimal verändert. Mit 4,99 Euro Miete inklusive Betriebs- und Heizkosten ist die finanzielle Belastung immer noch gering. Lugger: „Es kann am Markt nicht nur moderne Wunderbauten geben. Es muss auch günstige Alternativen geben. Nur so funktioniert der soziale Mix.“

6. Juni 2012 Der Standard

Wie hoch ist der Preis der Nachhaltigkeit?

Das Österreichische Siedlungswerk (ÖSW) errichtete zusammen mit dem Architekten Adolf Krischanitz ein Wohnhaus auf den Aspanggründen in Wien. Das vielbeachtete Passivhaus regt zum Nachdenken an.

DER STANDARD hat gemeinnützigen und privaten Bauträgern aus ganz Österreich die gleiche Frage gestellt: Was ist Ihr bester Wohnbaubeitrag zum Thema Nachhaltigkeit? Die Antworten sind sehr unterschiedlich.

Am 22. Februar wurde das beige-braun-gestreifte Ildefonso-Haus in Wien-Landstraße an seine Mieter übergeben. Bei der offiziellen Begehung mitsamt Bauträger-Chef und Architekt fand man an einer der insgesamt 110 Wohnungstüren eine fassungslose, etwas erboste Mängelliste mit Klebeband befestigt: „Keine Heizung! Wo ist die Heizung?“

Michael Pech, Vorstand des Österreichischen Siedlungswerks (ÖSW); sieht die Sache gelassen: „Scheinbar wissen noch nicht alle Bewohner, dass sie jetzt in einem Passivhaus wohnen“, sagt er zum STANDARD. „Tatsache ist, dass man in einem Passivhaus keine Heizung benötigt, weil die im Sommer gekühlte und im Winter erwärmte Frischluft über eine kontrollierte Wohnraumbelüftung direkt in die Wohnung strömt. Im Großen und Ganzen sind die Bewohner von dieser Technologie ziemlich begeistert.“

Im Sommer drei Grad kühler

Für Pech ist das Passivhaus auf dem Areal des ehemaligen Aspangbahnhofs ein Meilenstein in puncto ökologischer Nachhaltigkeit. Das gesamte Haus steht auf einer Gummidichtung, die einerseits die Schwingungen der vorbeifahrenden Schnellbahn abfedert, andererseits auch als thermische Abschottung gegen das Erdreich fungiert. Die Fensterflächen sind bewusst klein gehalten, um die Heizkosten zu minimieren. Und die Decke über dem letzten Geschoß wird bei Bedarf mittels Betonkernaktivierung gekühlt. So können selbst die Wohnungen im letzten Stock, die im Sommer üblicherweise stark überhitzen, um zwei bis drei Grad Celsius abgekühlt werden.

Architekt Adolf Krischanitz betont mit Stolz die deutlich abgerundeten Ecken seiner Ildefonso-Würfel: „Das ist nicht nur eine ästhetische Maßnahme, sondern hat in erster Linie bauphysikalische Gründe.“ Eine eckig ausgeführte Ecke sei sehr exponiert und daher die kälteste Stelle der Fassade. An einer runden Ecke sei die Differenz geringer. „Aber auch im Innenraum ist das Eck rund ausgeführt“, so Krischanitz. „Und das ist besser für die Luftverwirbelung im Raum.“

Doch das Vorzeigehaus im neuen Stadtteil Eurogate, der größten Passivhaussiedlung Europas, bietet nicht nur Grund zum Jubeln, sondern auch zum Nachdenken. „Die jährliche Heizkostenersparnis in einer 80-Quadratmeter-Wohnung gegenüber einem herkömmlichen Niedrigenergiehaus beträgt rund 240 Euro“, rechnet ÖSW-Chef Pech mit einer gehörigen Portion Selbstkritik vor. „Klar, das ist viel Geld, aber es fragt sich à la longue, ob dieser Betrag gesamtheitlich betrachtet tatsächlich ins Gewicht fällt.“

Höhere Betriebskosten

Denn: Die Betriebs- und Wartungskosten in einem Passivhaus sind deutlich höher als in jedem anderen Wohnhaus. „Die Energiekosten für Ventilatoren, diverse Filterwechsel, die regelmäßigen Kontrollen und so weiter ... All diese Faktoren werden üblicherweise gerne außer Acht gelassen.“ Das ÖSW will es jedoch genau wissen. Demnächst, versichert Pech, werde man das Projekt, das mit rund 1300 Nettobaukosten pro Quadratmeter zu Buche geschlagen hat, evaluieren.

Auch der Architekt sieht die Errichtung von Passivhäusern im geförderten Segment nicht nur positiv. „Es gibt für Passivhäuser zwar eine kleine Erhöhung der Fördermittel, aber diese reicht bei weitem nicht aus, um die tatsächlichen Mehrkosten eines technisch so aufwändigen Projekts abzufedern“, meint Krischanitz. „Und so bleibt uns letztendlich nichts anderes übrig, als auch an der Architektur zu sparen.“

Kleine Fenster, kompakte Baukubatur, wenig finanzieller Spielraum - das Österreichische Siedlungswerk wirft mit diesem hochwertig geplanten und ausgeführten Wohnbau zu Recht eine Frage aufs Parkett, die viele Bauträger schuldig bleiben: Wie hoch ist der Preis der Nachhaltigkeit?

6. Juni 2012 Der Standard

Das Stiegenhaus als sozialer Treffpunkt

Das „beste Stück“ der Sozialbau: 245 Wohnungen im neuen Sonnwendviertel

DER STANDARD hat gemeinnützigen und privaten Bauträgern aus ganz Österreich die gleiche Frage gestellt: Was ist Ihr bester Wohnbaubeitrag zum Thema Nachhaltigkeit? Die Antworten sind sehr unterschiedlich.

Rund um den neuen Wiener Hauptbahnhof rollen bereits die Bagger. Vor allem im Sonnwendviertel - da, wo früher die Rangiergleise und Transportbetriebe waren - tut sich viel. Der gemeinnützige Bauträger Sozialbau ist hier gleich mit zwei Wohnbauten vertreten: einmal mit einem Projekt von Hubert Riess und einmal mit einer expressiven Wohnhausanlage in der Hackergasse 7 aus der Feder des Wiener Architekturbüros Blaich Delugan.

245 Wohnungen sind insgesamt geplant, etwa 165 davon werden im Rahmen der Wiener Wohnbauinitiative errichtet. Das bedeutet: Die Wohnungen werden zwar am freien Markt vergeben, doch die Mietpreise orientieren sich am geförderten Wohnbau, ohne dass die Bewohner die sonst üblichen Förderrichtlinien erfüllen müssen.

„Das neue Programm der Stadt Wien ist ein großer Schritt in Richtung sozialer Nachhaltigkeit“, sagt Herbert Ludl, Generaldirektor der Sozialbau, und verrät: „Die Wahrheit ist, dass sich der Markt zur grundsätzlichen Schaffung eines nachhaltigen Wohnungsangebots in keinster Weise eignet.“ Die gewinnorientierten Bauträger agierten meist zu kurzfristig, vor allem aber seien sie den wilden Fieberkurven der Finanzmärkte ausgeliefert. Abhilfe schaffen könne nur jenes Bauvolumen, das aus der Wohnbauförderung, mithilfe der Wohnbaubanken sowie aus dem Eigenkapital der gemeinnützigen Bauträger geschaffen werde.

Eine WG für Taubblinde

Das Gebäude in der Hackergasse wurde in Zusammenarbeit mit dem deutschen Wohnbauforscher Joachim Brech entwickelt. Neben dem heterogenen Wohnungsmix wird es auch eine 500 Quadratmeter große WG geben, die das Österreichische Hilfswerk für Taubblinde und hochgradig Hör- und Sehbehinderte (ÖHTB) betreiben wird. Die Stiegenhäuser, die in den letzten Jahren vorzugsweise klein und intim gestaltet wurden, werden wieder an Größe zunehmen. Pro Stiege werden etwa 50 Wohnungen erschlossen. „Unser Ziel ist es, ein Haus zu entwickeln, das zum Flanieren und Kommunizieren einlädt“, erklärt Architekt Dieter Blaich. „In engen Gängen ist so etwas nicht möglich.“

Ob das Konzept aufgeht, wird sich ab Juli 2013 weisen. Die Mieten liegen bei 8,11 Euro pro Quadratmeter. Eine Reduktion auf Superförderung ist möglich.

6. Juni 2012 Der Standard

Ein Wintergarten für alle

Knapp neben der U2-Bahntrasse baute die Buwog ihr passives Vorzeigehaus „Am Mühlgrund“. Aus der Grundstücksnot wurde eine Tugend gemacht: Für die nötige Abschottung sorgt ein begrüntes Stiegenhaus.

DER STANDARD hat gemeinnützigen und privaten Bauträgern aus ganz Österreich die gleiche Frage gestellt: Was ist Ihr bester Wohnbaubeitrag zum Thema Nachhaltigkeit? Die Antworten sind sehr unterschiedlich.

Die Zertifizierung ist geglückt. Und wie. Das Passivwohnhaus Am Mühlgrund in Wien-Donaustadt wurde von klima:aktiv mit 980 von insgesamt 1000 möglichen Punkten ausgezeichnet. Und von der Österreichischen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (ÖGNB) wurden immerhin 897 Punkte zugestanden. „Wir haben das Haus im Jänner an unsere Mieterinnen und Mieter übergeben“, sagt Gerhard Schuster, Geschäftsführer der Buwog. „Die Technologie in dieser Hightech-Wohnmaschine funktioniert sehr gut. Wenn man das System nicht absichtlich sabotiert, kann eigentlich nichts schiefgehen.“

Allein, in der Auswahl der Bewohner hat man ein wenig nachgeholfen. „Normalerweise müssen wir bei geförderten Wohnbauten ein Drittel der Wohnungen an das Wohnservice übergeben“, so Schuster. „Doch hier haben wir die Bewohner selbst aussuchen können und uns auf jene konzentriert, die sich für das Thema Passivhaus interessiert haben.“ Als Gegenleistung habe man dem Wohnservice eine entsprechende Anzahl an Wohnungen in anderen Projekten zur Verfügung gestellt.

Die Nettobaukosten knabbern mit rund 1400 Euro pro Quadratmeter hart an der Grenze der Förderbarkeit. Die Finanzierungsbeiträge belaufen sich auf 400 Euro (65 Euro bei Superförderung) pro Quadratmeter, und die Mieten liegen mit sieben Euro pro Quadratmeter im Durchschnitt. Der langfristige finanzielle Profit wird sich durch die niedrigen Heizkosten einstellen.

Segelbaufirma hat mitgebaut

„Es war von Anfang an klar, dass das ein Passivhaus werden muss“, meint Richard Manahl von Artec Architekten. „Die U-Bahn fährt knapp am Grundstück vorbei, also mussten wir das Haus im Norden abschotten. Im Süden konnten wir es dafür großzügig öffnen. Ideale Bedingungen für ein Passivhaus.“ Die Loggienplatten dienen nicht nur dem Sitzen an der frischen Luft, sondern auch der Verschattung. Und wenn das alles nicht hilft, können an der Außenkante der Loggien Sonnensegel aufgespannt werden, die eigens von einer Segelbaufirma am Neusiedler See produziert wurden.

Doch das auffälligste Element des Mühlgrund-Hauses ist die geknickte Leichtbaufassade an der Nordseite. Die charakteristische Form ist keineswegs Zufall. Manahl: „Durch das mehrfache Vor- und Zurückspringen leiten wir das diffuse Sonnenlicht aus dem Norden gezielt ins Stiegenhaus.“ Dieses ist nötig, um die rund tausend Pflanzen, die nach einem Konzept der Landschaftsarchitekten Auböck & Kárász zusammengestellt wurden, ausreichend zu versorgen.

„Das Stiegenhaus ist einerseits die klimatische Lunge des Gebäudes und regelt Temperatur und Luftfeuchtigkeit, andererseits ist es auch als vertikaler Grünraum für die Bewohner gedacht“, sagt der Architekt. Das Grundstück ist knapp bemessen. So kann man zumindest vor der Wohnungstür von Natur umgeben sein. Ob das Angebot angenommen wird? „Das lässt sich heute noch nicht sagen. So etwas braucht Zeit.“

6. Juni 2012 Der Standard

Wohlfahrtsstaat im kleinen Maßstab

Verstaubtes Image war gestern: Im Salzburger Stadtteil Taxham baut „die salzburg“ mit zwei anderen gemeinnützigen Bauträgern ein modernes Wohnhaus mit Fokus auf soziale Nachhaltigkeit. Die Kosten werden fair aufgeteilt.

DER STANDARD hat gemeinnützigen und privaten Bauträgern aus ganz Österreich die gleiche Frage gestellt: Was ist Ihr bester Wohnbaubeitrag zum Thema Nachhaltigkeit? Die Antworten sind sehr unterschiedlich.

Meist sind es die Bobos und Jungfamilien mitsamt Kinderwagen, die beschwingten Schrittes durch die Computervisualisierungen der Wohnbauträger marschieren. Nicht so im Fall des Projekts „Rosa Zukunft“ in Salzburg-Taxham. Hier regiert das betagte, pensionierte Beige: Sandalen, Bermuda-Shorts, und obendrauf ein Sonnenhut.

„Wir haben uns mit den gesellschaftlichen Veränderungen sehr intensiv beschäftigt“, sagt Michael König vom Evangelischen Diakoniewerk Salzburg. „Es steht fest: Oberflächliche Kontakte im Netz oder in der unmittelbaren Wohnumgebung sind nicht in der Lage, die beständigeren Beziehungen in der Nachbarschaft, im Freundeskreis und in der Familie zu ersetzen.“ Daher sei eine Aufgabe künftig besonders wichtig: die Schaffung attraktiver sozialer Nahmilieus im Hausverband.

In Zusammenarbeit mit der Diakonie Salzburg als sozialer Beraterin soll bis Ende nächsten Jahres dieses Vorzeigeprojekt auf die Beine gestellt werden. „Für mich persönlich ist die Wohnanlage Rosa Zukunft unser derzeit wichtigster und umfassendster Beitrag zur sozialen Nachhaltigkeit“, sagt Markus Sturm, Chef der Siedlungsgenossenschaft die salzburg, die das 18,5 Millionen Euro teure Wohnbauvorhaben (129 Wohnungen) mit den beiden gemeinnützigen Bauträgern Salzburger Siedlungswerk und Hans Myslik GmbH entwickelt. Für die Planung ist der Halleiner Architekt Karl Thalmeier verantwortlich.

Die gesamte Anlage ist in mehrere Baukörper gegliedert. Während drei Bauteile in Form seniorengerechter Miet- und Eigentumswohnungen genutzt werden, stehen drei Häuser für sogenanntes Generationenwohnen zur Verfügung. Hier soll ein Austausch zwischen den Generationen stattfinden. Tauschbörsen, Flohmärkte, Babysitting-Organisation sowie ein eigener Bewohnerbeirat sollen das bauliche Angebot um die nötige soziale Infrastruktur bereichern. Darüber hinaus wird es E-Bikes und Car-Sharing geben.

Die Bruttomieten betragen rund acht Euro pro Quadratmeter. Hinzu kommt eine monatliche Betreuungspauschale, die alle Bewohner gleichermaßen zu zahlen haben: 30 Euro die Jungen, 45 Euro die pflegebedürftigen Senioren. Ein fairer Deal. So sieht Wohlfahrtsstaat im kleinen Maßstab aus.

19. Mai 2012 Der Standard

„Die Stadt ist kaputtgefahren“

Am Montag hält Vittorio Magnano Lampugnani, Architekturhistoriker an der ETH Zürich, einen Vortrag in Wien. Thema: Stadt und Peripherie.

STANDARD: Wie wohnen Sie?

Lampugnani: Ich wohne mit meiner Familie in einem älteren Haus mitten in Mailand. Und ich habe einen schönen Balkon mit Blick auf einen Garten.

STANDARD: Haben Sie auch schon mal abseits der Stadt gewohnt?

Lampugnani: Ja, eine Zeitlang, als die Kinder klein waren, habe ich versucht, auf dem Land zu wohnen. Ich dachte, es sei eine gute Idee, ins Grüne zu ziehen. Aber es war keine gute Idee. Ich habe die meiste Zeit im Auto verbracht und war schlecht gelaunt. So sind wir wieder in die Stadt gezogen.

STANDARD: Trotzdem ist das Haus im Grünen an der Peripherie immer noch der Traum vieler Mitteleuropäer. Warum?

Lampugnani: Das frage ich mich auch. Ich glaube, der Traum vom Haus beginnt mit der Vision einer Villa mit einem wunderschönen, großen Park rundherum. Am Ende landet man in einem Fertigteilhaus mit Vorgarten und einer Thujenhecke hinter der Terrasse. Immer noch besser als eine enge, überteuerte Wohnung mitten in der Stadt, nicht wahr? Das Wohnen an der Peripherie ist vor allem ein ökonomisches Argument. Das Leben ist viel billiger - zumindest auf den ersten Blick.

STANDARD: Und auf den zweiten Blick?

Lampugnani: Ziemlich teuer! Die langen Wege ins Büro, ins Shoppingcenter, ins Kino oder einfach nur ins Stadtzentrum schlagen im Familienbudget ordentlich zu Buche - zumal sie sich periodisch wiederholen. Das Auto wird zum unverzichtbaren Hilfsmittel. Das ist Zwangsmobilität. Hinzu kommt, dass ein europäischer Pendler im Vergleich zu einem Innenstadtbewohner pro Monat durchschnittlich 12 bis 14 Stunden verliert - weil er im Auto sitzt. Alles in allem ist das Leben an der Peripherie teuer und ineffizient.

STANDARD: Welche Möglichkeiten gibt es, diese finanziellen Nachteile besser anschaulich zu machen?

Lampugnani: Die Leute sind nicht blöd. Mehr und mehr Menschen sind sich der Nachteile bewusst und sind in der Lage, unterschiedliche Aspekte gegeneinander abzuwägen. Da mache ich mir keine Sorgen. Doch nicht nur der Einzelne wird durch die Agglomeration mit Mehrkosten konfrontiert, sondern auch die Gesellschaft.

STANDARD: Sie meinen die Kosten für Erschließung, Straßenbau, öffentlichen Verkehr und Infrastruktur?

Lampugnani: Ja. Das sind außerordentlich hohe finanzielle Belastungen, die die Gesellschaft tragen muss, also jeder einzelne Steuerzahler. Ich sehe nicht ein, warum ein Innenstadtbewohner für den grünen Traum des Landbewohners mitzahlen soll. Man muss einen Weg finden, die Urbanisierungs- und Infrastrukturkosten denjenigen in Rechnung zu stellen, die sie verursachen.

STANDARD: Damit stellen Sie den gesamten Wohlfahrtsstaat infrage.

Lampugnani: Ja, ich weiß.

STANDARD: Und?

Lampugnani: Der Wohlfahrtsstaat hat irgendwann ein Ende. Bis zum Zweiten Weltkrieg war die Besiedelungs- und Regionalpolitik mehr oder weniger in Ordnung. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren jedoch sind die Städte und Peripherien - bedingt durch den Freiheitswunsch und durch eine wachsende Automobillobby - in einer Art und Weise gewachsen, dass uns die Kontrolle darüber verlorengegangen ist. Zwei Drittel der europäischen Bevölkerung leben heute an der Peripherie rund um die Stadt. Doch Tatsache ist: Wir können uns die Zersiedelung als Gesellschaftsform in dieser Form heute nicht mehr leisten.

STANDARD: Was schlagen Sie vor?

Lampugnani: Der allererste Schritt wäre die Streichung der Wohnbauförderung für Einfamilienhäuser. Es kann nicht sein, dass man diese ohnehin schon volkswirtschaftlich extrem teure Lebensform auch noch finanziell unterstützt und forciert.

STANDARD: Damit machen Sie sich keine Freunde.

Lampugnani: Umdenken ist nie bequem ... Der zweite Schritt wäre ein Ende der Ausweisung von Bauland. Ich kenne die Situation in Österreich nicht gut genug, aber allein in der Schweiz wird ein Quadratkilometer Bauland pro Sekunde ausgewiesen. Das ist zu viel. Mit der Verdichtung von Bauland könnte man pro Jahr zwei Milliarden Schweizer Franken (rund 1,7 Mrd. Euro, Anm.) an Infrastrukturen einsparen. Das ist viel Geld. Und der dritte Schritt wäre, das Pendlerverhalten zu verändern, also das Verhältnis zwischen Individualverkehr und öffentlichem Verkehr zu optimieren.

STANDARD: Das klingt nach einer Abschaffung der Pendlerpauschale für Autofahrer.

Lampugnani: Gegenwärtig wäre das ein zu radikaler Schritt, der sozial zutiefst ungerecht wäre. Eine Abschaffung der Pendlerpauschale ist nur dann denkbar, wenn auch die Peripherie abgeschafft wird.

STANDARD: Haben Sie ein Auto?

Lampugnani: Ich bin ein ausgesprochener Gegner des Automobils und fahre meist mit dem Rad. Aber ja, ich habe ein Auto: eine Giulietta aus den Fünfzigern. Ein Liebhaberstück. Mehr Spielzeug als Auto.

STANDARD: Sie sind Nostalgiker?

Lampugnani: Ich kann dem Alten immer etwas abgewinnen, wenn es besser ist als das Neue.

STANDARD: 2008 waren Sie Jury-Chef des Wettbewerbs zur Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses.

Lampugnani: Ich war zunächst in der Kommission, die über den Wiederaufbau des Schlosses beraten und eine Empfehlung ausstellen sollte. Da habe ich mich klar gegen eine solche Rekonstruktion geäußert. Aber ich wurde überstimmt. Der Bundestag hat sich für den Wiederaufbau entschieden.

STANDARD: Trotzdem haben Sie zugestimmt, den Juryvorsitz zu übernehmen.

Lampugnani: Ich wollte dazu beitragen, innerhalb der engen und schwierigen Ausschreibungskriterien die beste Lösung zu finden. Das Projekt von Franco Stella hat gewonnen, weil es unter den gegebenen Bedingungen das beste war.

STANDARD: Das ist jetzt der erste Moment in unserem Gespräch, an dem Sie nicht besonders leidenschaftlich klingen.

Lampugnani: Die Debatte um das Stadtschloss ist eine zutiefst deutsche, die so in keinem anderen Land dieser Erde möglich gewesen wäre. Und sie beginnt, mich zu langweilen.

STANDARD: In Wien wird derzeit eine Satellitenstadt errichtet. Was sagen Sie dazu?

Lampugnani: Sie meinen die Seestadt Aspern? Ich kenne das Projekt zu wenig, um es seriös beurteilen zu können. Generell kann ich sagen: Es gibt zwar Satellitenstädte, die funktionieren, doch in der Regel ist diese Besiedelungsform eher problematisch. Wir sollten die Art und Weise, wie wir unsere Städte erweitern, überdenken. Ein neues Stadtviertel, das Teil des urbanen Gefüges ist, ist in meinen Augen die bessere Strategie, um die Stadt zu erweitern.

STANDARD: Es siegt nicht immer die bessere Lösung.

Lampugnani: Ja, die Politik trifft nicht immer die besten Entscheidungen. Viele Gemeinden versuchen verzweifelt zu wachsen, um Urbanisierungskosten einzukassieren. Das Ergebnis ist ein entsprechend zerfranster Stadtrand.

STANDARD: Was ist mit der Immobilienwirtschaft? Die kommt ungeschoren davon?

Lampugnani: Das ist ein wichtiger Punkt. Ein großer Teil des Neubaus unserer Städte beruht auf dubiosen ökonomischen Praktiken der Immobilienwirtschaft. Und diese ist, wie wir wissen, sehr einseitig ausgerichtet. Da geht es einzig und allein um wirtschaftlichen Profit. Wenn die öffentliche Hand nicht mit Entschiedenheit gegensteuert, entsteht das, was letztendlich niemand will - nicht einmal die Investoren.

STANDARD: Ein trauriges Ende.

Lampugnani: Wir haben unsere Städte in den letzten 50, 60 Jahren ziemlich rasch kaputtgefahren. Jetzt müssen wir sie langsam wieder in Ordnung bringen.

STANDARD: Wie sieht die Idealstadt aus?

Lampugnani: Die Zauberworte lauten Durchmischung, Dezentralisierung und Dichte. Das sind jene drei Regeln, die durch die zehn Jahrtausende, seitdem es Stadt gibt, konstant geblieben sind. Wir werden nicht umhinkommen, diesen Regeln in Zukunft mehr Aufmerksamkeit zu schenken als in der jüngeren Vergangenheit, wo eine Menge Fehlplanungen passiert sind. Denn es geht nicht nur um die Zukunft der Stadt, sondern auch um die Zukunft unserer Gesellschaft und unserer Kultur.

Am Montag, hält er einen Vortrag in Wien: „Die Peripherie gibt es nicht“. 21. Mai, 18.30 Uhr. Wien-Museum am Karlsplatz.

5. Mai 2012 Der Standard

Hier lernt man den Lufthaken

Vor wenigen Wochen wurde in Ithaca, Upstate New York, die Milstein Hall von Rem Koolhaas feierlich eröffnet. So sieht Lernen aus.

Um sieben Uhr morgens sitzen bereits die ersten Studenten in der Halle, kleben Holz und Karton, bauen Kulissen aus Lego, spannen gelbe Gummiseile quer durch den Raum. Ein paar Meter weiter hört man Stichsäge und Bohrmaschine. Aus dem hintersten Eck dröhnt das Surren eines hörbar überforderten Elektromotors. Ein quietschendes Aufjaulen. Ein dumpfes Fauchen. Und Stille.

„Ich fühle mich hier wie in einem riesigen Traumlabor“, sagt José Tihgerina. Der 22-jährige Bachelor-Student aus Mexiko-Stadt, der Mann mit den gelben Seilen, absolviert in Ithaca bereits sein viertes Jahr. „Noch fühlt sich das Gebäude neu an, und es hat einige Zeit gedauert, bis die Studenten sich wirklich getraut haben, es wie ein Werkzeug zu benützen. Doch nun ist die Stimmung ziemlich perfekt. Einen besseren und lebendigeren Arbeitsplatz kann ich mir nicht vorstellen.“

Verantwortlich dafür ist der niederländische Architekt Rem Koolhaas. Nach einer ganzen Reihe namhafter Kollegen wie etwa Thom Mayne, James Stirling, Richard Meier und Ieoh Ming Pei, die auf dem Campus der Cornell University im hohen Norden des US-Bundesstaats New York bereits ihre Handschriften hinterließen, ist er der Jüngste in der Riege der Bauenden.

Gemeinsam mit seinem Büro OMA plante er diesen 2500 Quadratmeter großen Arbeitssaal für das AAP Institute (Architecture, Art and Planning), das vor wenigen Wochen feierlich eröffnet wurde, unterfütterte es im Erdgeschoß und Keller mit einem Hörsaal und einem riesigen Kuppelraum für Kritiken und Projektpräsentationen, platzierte das Raumprogramm millimetergenau zwischen die beiden denkmalgeschützten Backsteinbauten aus dem 19. Jahrhundert und hängte das gesamte Gebäude schließlich an einer erklecklichen Anzahl Siemens-Lufthaken auf.

Stützen und Säulen

Anders kann man sich das unangestrengt schwerelose Schweben, ohne sich dabei auf die alten Mauern zu stützen, kaum erklären. „Es ist schon lustig“, erinnert sich Shohei Shigematsu, der Chefarchitekt und Projektleiter in der New Yorker OMA-Dependance. „Eigentlich wollten wir Kosten sparen und haben das Gebäude zu Beginn auf Stützen und Säulen gestellt. So wie man sich das halt vorstellt. Es war der ausdrückliche Wunsch der Cornell University, auf diese Maßnahmen zu verzichten und das gesamte Bauwerk stattdessen nach allen Seiten stützenfrei auskragen zu lassen. Meistens ist es der Architekt, der vor dem Auftraggeber darum kämpft, seine Visionen umzusetzen. In diesem Fall war es umgekehrt.“ Die paar Millionen US-Dollar, um die sich das Projekt dadurch verteuerte, schienen die Universität und den ehemaligen Absolventen und Hauptsponsor des Projekts, Paul Milstein, nicht zu kratzen. Am Ende betrugen die Baukosten 37,6 Millionen Dollar (rund 28,5 Mio. Euro). Die Life-Cycle-Kosten mitsamt Nebenkosten, Honoraren und Betriebskosten belaufen sich über die ermittelte Lebenszeit des Hauses auf etwa 55,5 Millionen Dollar (rund 42 Mio. Euro). In der Miteinbeziehung dieses Kostenfaktors sind die Nordamerikaner den Europäern definitiv einen Riesenschritt voraus.

„Das war das Geld schon wert“, meint Kent Kleinman, Dekan der AAP-Fakultät. „Das ist ein intelligent und überaus konsequent geplantes pädagogisches Instrument, das viele verschiedene Formen des Lehrens und Lernens ermöglicht. 300 Studenten, die miteinander in einem Raum arbeiten, kann es etwas Schöneres geben?“ Kurze Pause. „Aber soll ich Ihnen etwas verraten? Am liebsten habe ich es, wenn ich im Hörsaal stehe und durch die große Glasfassade die Leute auf der Straße beobachten kann, wie sie unter der großen Halle auf den Bus warten und sich dabei mit großen Gesten über die Statik dieses Gebäudes unterhalten.“

Es habe sogar schon Anfragen von Orchestern gegeben, die im Hörsaal Kammermusik aufführen wollten. Erst unlängst sei eine Anfrage eines verlobten Paares am Institut eingetrudelt. Mann und Frau wollen sich unter der stützenfreien Auskragung der Milstein Hall das Jawort geben. Kleinman: „Das Gebäude ist schon weit über den Campus hinaus bekannt. Und die Reaktionen der Leute zeigen, dass das Haus mehr ist als nur ein Haus. Es ist ein Symbol für zeitgenössisches Bauen.“

So sieht das Gebäude im Detail aus: Das erste Obergeschoß besteht aus einer wuchtigen Stahlkonstruktion. Unverblümt knallt das Neue auf das Alte. Vor der historischen Backsteinfassade tanzen weiß lackierte Fachwerkträger auf und ab. Ihnen ist zu verdanken, dass die große Halle sowohl an der Süd- als auch an der Nordseite rund 16 Meter weit ins Nichts hinauszischt.

An der Fassade ist das Gebäude nicht etwa mit lackierten Paneelen verkleidet, wie man vermuten möchte, sondern mit Marmor aus der Türkei. Unscheinbar ist der Name des Sponsors in die Oberfläche gefräst. Das ist Understatement pur. „Der Stein stammt zwar aus der Natur, aber aufgrund der Barcode-Optik könnte man es leicht mit einem künstlich hergestellten Baustoff verwechseln“, erklärt der Projektleiter. „Ich finde diese Irritation sehr lustig.“

Skaten und studieren

Unter der Halle bäumt sich die Erde zu einer organisch geformten Stahlbeton-Landschaft auf. Der höhlenartige Massivbau dient einerseits als Sockel, andererseits als Aussteifung. Die Skater haben den Ort längst in Besitz genommen. Nur an der Akustik hapert's noch. Das kathedralische Echo im Innenraum eignet sich mehr für Konzerte denn als Präsentationsraum für Studenten. Nach Auskunft von OMA arbeite man bereits daran, den Mangel zu beheben.

Zu entdecken gibt es genug - etwa die historisierenden Deckenverkleidungen aus Lochblech, die bedruckten Vorhänge mit Zitaten aus der Baukunst, die Hörsaal-Bestuhlung mit seitlich ausklappbaren Tischchen zum Mitschreiben. Sogar an die Linkshänder wurde gedacht. All diese versteckten Hinweise, all diese architektonischen Details mit Schmunzelpotenzial machen die Milstein Hall zu einer würdevollen Visitenkarte für die Studienzweige Kunst und Architektur. Nicht zuletzt ist sie ein Vozeigebeispiel für einen modernen, unverkrampften Umgang mit denkmalgeschützter Bausubstanz.

„Manche Leute finden das Haus echt eigenartig“, sagt Youngjin Yi. „Es gefällt nicht allen, aber alle reden darüber. An der Cornell University hat das Projekt jedenfalls einen Hype ausgelöst.“ Konzentriert schaut die 24-jährige Studentin in ihren Monitor, zeichnet ein paar Striche, blickt wieder auf. „Bis vor kurzem hatten wir unser Studio in ein paar kleinen Zimmern im Altbau. Jetzt sitzen wir hier zu dreihundert in diesem offenen und kommunikativen Raum und arbeiten uns gemeinsam durchs Studium. So stelle ich mir Lernen vor. Hast du schon den Typen mit den gelben Seilen interviewt? Der macht ein echt irres Projekt. Mit dem musst du reden!“

Publikationen

2024

Wien Museum Neu

Der Band ist eine visuelle und essayistische Reflexion über ein bedeutendes Kultur-Bauprojekt an einem der zentralen Orte Wiens in unmittelbarer Nachbarschaft zu Karlskirche, Künstlerhaus und Musikverein.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Müry Salzmann Verlag

2022

mittendrin und rundherum
Reden, Planen, Bauen auf dem Land und in der Stadt Ein nonconform Lesebuch

Seit über 20 Jahren ist nonconform in Deutschland und Österreich in der räumlichen Transformation tätig. Architektur ist für das interdisziplinäre Kollektiv nie bloß ein fertiges, fotogenes Resultat, sondern immer auch ein lustvoller, horizonterweiternder Prozess, in den die Bürger:innen einer Gemeinde,
Hrsg: Wojciech Czaja, Barbara Feller
Verlag: JOVIS

2022

Brick 22
Ausgezeichnete internationale Ziegelarchitektur

Vom handgemachten Ziegelstein zum hoch entwickelten modernen Produkt: Das Bauen mit gebrannten Tonblöcken schöpft heute aus einem Erbe von neun Jahrtausenden Baugeschichte und dank ihrer vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten, ihrer konstruktiven Qualitäten und ihrer Nachhaltigkeit sind Ziegel bis heute
Hrsg: Wienerberger AG
Autor: Wojciech Czaja, Anneke Bokern, Christian Holl, Matevž Celik, Anna Cymer, Isabella Leber, Henrietta Palmer, Anders Krug
Verlag: JOVIS

2021

Frauen Bauen Stadt

Wie weiblich ist die Stadt von morgen? Im Jahr 2030 werden weltweit 2,5 Milliarden Frauen in Städten leben und arbeiten. Traditionell war die Arbeit am Lebenskonzept Polis in ihrer Beauftragung, Planung und Ausführung jedoch männlich dominiert. Frauen Bauen Stadt porträtiert 18 Städtebauerinnen aus
Hrsg: Wojciech Czaja, Katja Schechtner
Verlag: Birkhäuser Verlag

2020

Almost
100 Städte in Wien

Was macht ein Reisender, wenn er nicht reisen kann? Er reist trotzdem. Wojciech Czaja setzte sich im Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 aus Frust auf die Vespa und begann, seine Heimatstadt Wien zu erkunden. Er fuhr in versteckte Gassen, unbekannte Grätzel und fernab liegende Adressen am Rande der Stadt
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2018

Hektopolis
Ein Reiseführer in hundert Städte

Jede Stadt ist anders. Jede Stadt hat ihren eigenen Charakter, aber auch ihre ganz eigenen Geschichten. Der vielreisende Stadtliebhaber Wojciech Czaja widmet sich in seinem Buch Hektopolis genau diesen ortsspezifischen, feinstofflichen Beobachtungen, Erlebnissen und Anekdoten. Porträtiert werden hundert
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2017

Motion Mobility
Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien

In einem von der Grundstückssuche bis zur Fertigstellung interdisziplinären Prozess planten Pichler & Traupmann Architekten, FCP Fritsch, Chiari & Partner als Ingenieure und das Beratungsunternehmen M.O.O.CON in Zusammenarbeit mit der Agentur Nofrontiere Design und SIDE Studio für Information Design
Autor: Wojciech Czaja, Matthias Boeckl
Verlag: Park Books

2012

Wohnen in Wien
20 residential buildings by Albert Wimmer

Wie wohnen die Wienerinnen und Wiener? Inwiefern decken sich architektonisches Konzept und gelebter Alltag? Der Architekturjournalist Wojciech Czaja und die Fotografin Lisi Specht werfen gemeinsam einen Blick hinter die Fassaden des geförderten Wiener Wohnbaus und bitten die Mieter und Eigentümerinnen
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: SpringerWienNewYork

2012

Zum Beispiel Wohnen
80 ungewöhnliche Hausbesuche

Wohnen ist eine zutiefst persönliche Sache. Kein Raum in unserem Leben steht uns so nahe wie unsere eigene Wohnung, wie unser eigenes Haus. Die beiden Autoren Wojciech Czaja und Michael Hausenblas reisen quer durch Österreich und sind zu Besuch bei Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Wirtschaft. Die
Autor: Wojciech Czaja, Michael Hausenblas
Verlag: Verlag Anton Pustet

2007

91° More than Architecture

Architektinnen und Architekten sind Arbeitstiere. Viele von ihnen arbeiten zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 50 Wochen im Jahr. Die wenige Zeit, die zwischen den dichten Arbeitsstunden noch übrig bleibt, ist wie ein Heiligtum und muss als solches respektiert werden. In diesem Sinne ist 91°
Hrsg: Wojciech Czaja, Eternit Österreich, Dansk Eternit Holding
Verlag: Birkhäuser Verlag

2007

Periscope Architecture
gerner°gerner plus

Vor zehn Jahren haben Andreas und Gerda Gerner mit einem Einfamilienhaus begonnen: „Für ein erstes Projekt ist das Haus Hinterberger sehr unkonventionell. Wir haben uns permanent gefragt: Trauen wir uns das? Seitdem hat man sich oft aus dem Fenster gelehnt“ Entstanden ist das schwebende Haus Südsee in
Hrsg: GERNER GERNER PLUS.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Verlag Holzhausen GmbH

2005

Wir spielen Architektur
Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit

Was ist eigentlich ein Kind? Der Jurist wird uns darauf eine andere Antwort geben als der Soziologe, der Pädagoge eine andere als der Philosoph. Und der Architekt? Wird er schweigen und weiterbauen?
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Sonderzahl Verlag