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Profil

Wojciech Czaja, geboren in Ruda Śląska, Polen, ist freischaffender Journalist für Tageszeitungen und Fachmagazine, u.a. für Der Standard, Architektur & Bauforum, VISO, db Deutsche Bauzeitung, und DETAIL. Er ist Autor zahlreicher Wohn- und Architekturbücher, u.a. Wohnen in Wien (2012), Zum Beispiel Wohnen (2012), Überholz (2015) und Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden (2015). Zuletzt erschien HEKTOPOLIS. Ein Reiseführer in hundert Städte im Verlag Edition Korrespondenzen. Er arbeitet als Moderator und leitet Diskussionsrunden in den Bereichen Architektur, Immobilienwirtschaft und Stadtkultur und veranstaltet unter dem Titel Ähm, ja also... Praxis-Workshops zum Thema Kommunikation und Präsentation. Er ist Dozent an der Universität für Angewandte Kunst in Wien sowie an der Kunstuniversität Linz und unterrichtet dort Kommunikation und Strategie für Architekten. Außerdem ist er von 2015 bis 2021 Mitglied im Stadtbaubeirat in Waidhofen an der Ybbs.

Publikationen

Wir spielen Architektur. Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit, Sonderzahl-Verlag, Wien 2005
periscope architecture. gerner gerner plus, Verlag Holzhausen, Wien 2007
Stavba. Die Strabag-Zentrale in Bratislava, Wien/Bratislava 2009
Light/Night. The Nouvel Tower in Vienna, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2010
Wohnen in Wien. 20 residential buildings by Albert Wimmer, Springer Verlag, Wien 2012
Zum Beispiel Wohnen. 80 ungewöhnliche Hausbesuche, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2012
Überholz. Gespräche zur Kultur eines Materials, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2015
Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden, Wien 2015
Der Fuß weiß alles. Markus Scheer, Ecowin Verlag, Wals bei Salzburg 2016
Der Erste Campus, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2017
motion mobility. Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien, Park Books, Zürich 2017
Hektopolis. Ein Reiseführer in hundert Städte, Edition Korrespondenzen, Wien 2018

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Artikel

25. August 2012 Der Standard

Einstürzende Parkplätze

Wir parken unsere Städte mit Autos voll. Nicht gut. Forscher und Investoren sinnieren bereits - die Lösungsvorschläge sind sehr unterschiedlich.

„Im Anfang waren das Benzin und der Vergaser. Dann schuf Gott den Motor und die Karosserie, die Hu-pe und das Verkehrslicht. Dann betrachtete er sein Werk und sah, dass es nicht genug war. Darum schuf er noch das Halteverbot und den Verkehrspolizisten, und als dies alles geschaffen war, stieg Satan aus der Hölle empor und schuf die Parkplätze.“

Keine andere technische Errungenschaft beeinflusste die Stadt des 20. Jahrhunderts nachhaltiger und dramatischer als das Automobil. Der israelische Schriftsteller und Satiriker Ephraim Kishon hatte mit seiner Aussage schon recht: Rund 20 Prozent der versiegelten Straßenfläche Wiens, um nur ein Beispiel zu nennen, sind dem parkenden Auto gewidmet. In einigen Gassen und Straßen, erklärt Helmut Hiess, Verkehrsplaner bei Rosinak & Partner, macht der Parkraum sogar 62 Prozent aus.

Und Bettina Urbanek, Referentin für urbane Mobilität beim Verkehrsclub Österreich (VCÖ), rechnet vor: „Die Autos mit Wiener Kennzeichen nehmen eine Parkfläche von rund 8,4 Quadratkilometern ein. Das entspricht der Gesamtfläche der Bezirke vier bis acht. Zählt man die täglich einpendelnden Autos hinzu, dann könnte man den neunten Bezirk auch noch komplett zuparken.“

Verkehrsplaner, Forscher und Investoren wollen der Verparkung der Stadt vehement entgegenwirken. Und jeder tut's auf seine Weise. Das Berliner Unternehmen CarLoft ließ sich vor einigen Jahren ein Modell patentieren, mit dem das Auto per Lastenlift direkt vor die Wohnungstür gehoben werden kann. Was sich anhört wie eine Sci-Fi-Vision aus Blade Runner-Zeiten, ist bereits Realität. Das erste Exempel gebauter Utopie steht in Berlin-Kreuzberg und hört auf den Namen Paul-Lincke-Hof. Anrainer brachten ihren Widerstand zum Ausdruck und begegneten dem Wohnhaus mit Farbbeuteln und Steinschleudern.

„Alle Metropolen leiden unter demselben Problem“, meint Manfred Dick vom Berliner Büro United Architects. „Millionen von Autos verstopfen unsere Städte. Es herrscht Parkplatznot. Warum also nicht das Auto einfach mit nach Hause nehmen?“ Dabei, versichert der Architekt, sei der Lift für den motorisierten Liebling nicht einmal teurer als der Bau einer Tiefgarage - schon gar nicht, wenn man mit Grundwasser oder gar mit schwierigen Fundamentierungsarbeiten zu kämpfen habe. Rund 30.000 Euro kostet die Errichtung eines Stellplatzes auf der sogenannten „Car-Loggia“.

Im Detail: Man fährt mit dem Auto direkt in den Lastenlift, 20 bis 25 Sekunden später ist man im, sagen wir, fünften Stock angekommen und kann von dort direkt vors Wohnzimmer rollen. Der gesamte Parkvorgang dauert drei Minuten. Und es gibt sogar eine Mobilitätsgarantie: Im Fall eines Komplettausfalls des Lifts werden Taxi oder Leihwagen zur Verfügung gestellt.

„Natürlich fühlen sich auch die Autoliebhaber von diesem Projekt angezogen“, erläutert CarLoft-Geschäftsführer Johannes Kauka auf Anfrage des STANDARD. „Aber das ist nur ein kleiner Teil des Zielpublikums.“ In erster Linie richte sich CarLoft nämlich an kinderreiche, Hunde besitzende und Mineralwasserkisten schleppende Familien beziehungsweise an betagte und gebrechliche Personen, die bequem und barrierefrei in die Wohnung gelangen wollen. Das erklärt auch, warum auf den Marketingfotos 400-PS-Maseratis zu sehen sind.

Berlin war nur der erste Streich. Ein CarLoft-Wohnhaus in Karlsruhe ist bereits in Bau, und in Düsseldorf-Heerdt bemüht man sich derzeit, das Wohnbauprojekt „Papillon“ zu vermarkten. Dabei mutiert ein Luftschutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg durch Umbau und Aufstockung - wie der Website der 741 Projektentwicklung GmbH zu entnehmen ist - von einer unauffälligen grauen Raupe zu einem hübschen, filigranen Schmetterling. Mittels Diamantseilsäge werden in die bis zu 2,30 Meter dicken Wände Löcher für Lift und Loggia geschnitten.

„Mit einem Autolift kann man zehn bis 20 Prozent höhere Verkaufspreise erzielen als mit einem Wohnhaus gleicher Qualität ohne Autolift, denn die Menschen sehnen sich nach Einzigartigkeit“, meint CarLoft-Chef Kauka, der in den kommenden Jahren auch in Wien ein solches Projekt realisieren will. Positiver Nebeneffekt: „Langfristig kann man mit dem CarLoft den ruhenden Verkehr reduzieren. Ganz wegkriegen wird man ihn nie, denn eines ist sicher: Die individuelle Mobilität wird immer ein Thema bleiben.“

Doch genau das ist Forschern und Fachplanern ein Gräuel. „Die Mobilität hat sich in den vergangenen 100 Jahren stark verändert, aber die Art und Weise, wie wir unsere Autos parken, ist immer noch die gleiche“, sagt Rachel Smith. Erst unlängst hielt die Stadtplanerin aus Queensland, Australien, am BMW Guggenheim Lab in Berlin einen Workshop zum Thema ab: Wie kann man das Auto aus der Stadt verbannen? Und welche neuen Möglichkeiten würden sich dadurch ergeben?

Vom Parkplatz zum Park-Platz

Prompt erklärte sie den 28. Juni zum „Parking Day“. Dieser frönte allerdings nicht dem parkenden Auto, sondern der durch seinen Verbleib frei werdenden Straßenfläche. Gemeinsam mit den Teilnehmern wurde rund um das Lab Gemüse angebaut, Kaffee geröstet, gepicknickt, gespielt und lebensgroß Vier gewinnt gespielt. Damit wurde der Parkplatz zum Park-Platz. Smith: „Wir sprechen die ganze Zeit von Elektromobilität und Carsharing. Doch um das zu ermöglichen, müssen wir erstens die nötige Infrastruktur schaffen und zweitens die Vorschriften und Gesetze verschärfen. Ansonsten passiert gar nichts.“

Ein möglicher Schritt in diese Richtung könnte schon demnächst in Hongkong, San Francisco, Barcelona und im schwedischen Malmö gesetzt werden. In diesen Städten nämlich führten Forscher des Massachusetts Institute of Technology (MIT) Machbarkeitsstudien für die Implementierung von „Mobility on demand“ durch. Das Carsharing-System aus dem Forschungslabor hat zwei Besonderheiten:

Zum einen soll die Preisgestaltung dynamisch erfolgen. Das heißt, die Mietpreise richten sich nach Angebot und Nachfrage an der jeweiligen Abhol- und Abgabestation. Dadurch soll die gleichmäßige Verteilung der Autos besser gesteuert werden. Zum anderen wurde dafür eigens ein klappbares Mini-Auto entwickelt, das im geparkten Zustand nur eineinhalb Meter lang ist.

Sackgasse: das Produkt Auto

„Die meisten Menschen denken an das Auto als Produkt und nicht als Service“, sagt Ryan C. C. Chin, Forschungsleiter am MIT Media Lab, Department „Changing Places“. Diesen Schalter im Kopf gilt es umzulegen: „Nachhaltig werden wir das Mobilitätsverhalten der Bevölkerung nur dann ändern können, wenn wir den Eigentumsgedanken unattraktiver und die Dienstleistung gleichzeitig attraktiver machen. Und was ist attraktiver als ein kleines Auto, das wenig Platz braucht, wendig durch die Stadt fährt und noch dazu billig zu mieten ist?“

Der erste Prototyp ist bereits gebaut. Das spanische Unternehmen Hiriko führt mit seinem ersten, wenige Monate alten Klappwinzling derzeit Fahrtests durch. Die Passantenblicke in der baskischen Hauptstadt Vitoria-Gasteiz - zu sehen auf Youtube - lassen auf eine schwungvolle Zukunft schließen. Auf eine Zukunft, in der der Großteil des öffentlichen Freiraums nicht dem Auto, sondern womöglich wieder dem Menschen zur Verfügung gestellt werden kann. Geht es nach Kent Larson, MIT-Forschungsleiter von „Changing Places“, könnte Hiriko in drei bis fünf Jahren in Serie gehen.

Bis es so weit ist, kann man politisch nachhelfen. Berlin hat die Pkw-Stellplatzregelung bei Neubauten vor einigen Jahren abgeschafft und stattdessen eine Fahrrad-Stellplatzregelung eingeführt. Demnach müssen Wohn- und Bürobauten in der deutschen Bundeshauptstadt über eine bestimmte Anzahl von Drahtesel-Parkplätzen verfügen. Und in Kopenhagen hat die Stadtregierung begonnen, pro Jahr 300 Pkw-Parkplätze zu eliminieren und durch Gehsteige und Fußgängerzonen zu ersetzen. Die Zukunft der Städte sollte man nicht allein die Investoren schreiben lassen.

18. August 2012 Der Standard

Der Raum zwischen Genie und Bastard

Am 29. August startet die Architektur-Biennale in Venedig. Direktor David Chipperfield nutzt die Gelegenheit und will das Starsystem aushebeln.

STANDARD: Sie wurden gebeten, die Direktion der 13. Architektur-Biennale 2012 zu übernehmen. Was war Ihre erste Reaktion?

Chipperfield: Ich war sehr überrascht. Es ist nicht leicht, so eine große Aufgabe in den beruflichen Alltag zu integrieren. Ich glaube, da haben es hauptberufliche Kuratoren schon leichter. Wir haben im Büro lange darüber diskutiert, doch schließlich dachte ich mir, dass das eine schöne Herausforderung wäre. Und so habe ich gesagt: Ja, ich mach's.

STANDARD: Warum gerade David Chipperfield?

Chipperfield: Da kann ich nur raten. Die letzten Ausstellungen in Venedig waren oft recht künstlerisch und kuratorisch geprägt. Vielleicht wollte man einfach wieder mal „back to the roots“, zurück zur Architektur. Da bietet sich ein praktizierender Architekt wie ich durchaus an. Doch vor allem glaube ich, dass ich ein guter Gegenpart zur letzten Biennale-Direktorin Kazuyo Sejima bin. Sie ist die Avantgardistin, ich bin der Bodenständige.

STANDARD: Das von Ihnen gewählte Thema für die Biennale lautet „Common Ground“. Das heißt?

Chipperfield: Common Ground ist für mich der Ort, an dem viele verschiedene Positionen, Charaktere und Ideen aufeinandertreffen. Im Deutschen gibt es dafür einen sehr schönen Begriff: Allmende. Ich würde den Common Ground daher am ehesten als eine Art „mentale Allmende“ übersetzen.

STANDARD: Und was soll auf dieser mentalen Allmende passieren?

Chipperfield: Ich will das Starsystem infrage stellen. Ich will den ewigen Wettbewerb ausblenden. Ich will dem Genie ein bisschen Raum wegnehmen. Und ich will wieder zurück zur Gemeinschaft. Wissen Sie, von den meisten Menschen wird Architektur immer noch missverstanden. Sie stellen sich darunter die auffälligen, kostspieligen Gebäude der sogenannten Stararchitekten vor, die das Image und den optischen Effekt jedem funktionalen Nutzen vorziehen. Und sie halten Architekten für urbane Dekorateure!

STANDARD: Ist genau das nicht oft der Wunsch der Vorstandsebenen und Chefetagen?

Chipperfield: In den großen Unternehmen wird Architektur ganz nach dem Motto abgewickelt: Ein Star muss her! Sollten wir uns einen Frank Gehry leisten? Oder kaufen wir eine Zaha Hadid? Oder bitten wir doch lieber Herzog & de Meuron um einen Entwurf? Und die Lifestyle-Medien unterstützen dieses Bild auch noch. Sie interpretieren die moderne, zeitgenössische Architektur als eine Summe autobiografischer Tendenzen. Ich halte diesen Ansatz für komplett falsch.

STANDARD: Laut Lifestyle-Medien sind Sie doch auch ein Star.

Chipperfield: Immer dieser Medienjargon!

STANDARD: Die meisten Menschen haben Angst vor Architekten. Woher kommt das?

Chipperfield: Sie haben Angst vor ihnen, weil die meisten Architekten arrogant und überheblich sind. Sie erarbeiten sich ihre Position durch Widerstand und Hartnäckigkeit. Das sind nicht gerade die besten Voraussetzungen für Beliebtheit und Akzeptanz.

STANDARD: Wo würden Sie sich selbst positionieren?

Chipperfield: Sie meinen auf der Arroganz-Skala? Ich muss jeden Tag kämpfen. Ich kämpfe um Aufträge, ich kämpfe um Fairness, und ich kämpfe um Qualität. Mag schon sein, dass dieser Kampf gegen Auftraggeber und Behörden arrogant rüberkommt. Mag schon sein, dass ich dadurch manchmal wie ein „fighting bastard“ wirke. Damit kann ich leben.

STANDARD: Auf einer Skala von 0 bis 10?

Chipperfield: Ich würde sagen: 3 im Umgang mit der Öffentlichkeit, 7 im Umgang mit Investoren.

STANDARD: Wie wollen Sie erreichen, dass sich die Architekten an Ihre Vorgabe „Common Ground“ halten und nicht wieder ihre eigene Show abziehen wie so oft?

Chipperfield: Mit Optimismus. Die Vorgabe ist ganz klar.

STANDARD: Konkret: Was werden wir sehen?

Chipperfield: Ich möchte noch keine Details verraten. Bis zur Eröffnung sind es noch zehn Tage. So viel Geduld muss schon sein.

STANDARD: Inwiefern tragen Sie als Architekt selbst dazu bei, einen Common Ground in der Bevölkerung zu schaffen?

Chipperfield: Ich bin ein Verfechter einer Architektur für Menschen. Ich versuche, in all meinen Projekten die soziale Komponente mitzudenken. Aber vielleicht bin ich ja Idealist.

STANDARD: Sind Sie das?

Chipperfield: Die Art und Weise, wie wir heute Städte bauen, ist eine Ansammlung von vielen einzelnen Beiträgen. Und den meisten Beiträgen sieht man an, dass sie aus einem Impetus an Gewinnproduktion und Geldgier heraus entstanden sind. Die meisten Bauwerke in der Stadt sind nichts anderes als Geldmaschinen. Jedes Mal, wenn ich mich in meiner Heimatstadt London umschaue, bin ich zutiefst schockiert. So kann Stadt jedenfalls nicht funktionieren. Das muss sich ändern.

STANDARD: Was schlagen Sie vor?

Chipperfield: Wir brauchen einen intellektuellen Überbau. Wir brauchen Protagonisten, die das große Ganze im Blickfeld behalten. Und wir müssen es endlich schaffen, die Stadt zwischen den Häusern mitzudenken - und nicht nur von Grundstücksgrenze zu Grundstücksgrenze. Die Wahrheit ist: Der öffentliche Freiraum, also die Straßen, Plätze, Parks und Gärten - mit einem Wort: die Stadt - sollte jedem gehören. Doch in den meisten Städten hat man das Gefühl, dass sie niemandem gehört.

STANDARD: Können Sie auch ein positives Beispiel nennen?

Chipperfield: Wissen Sie, die Projektentwicklung im angelsächsischen Raum ist stark von Investoren geprägt. Das ist eine Tatsache. Daher bin ich der tiefsten Überzeugung, dass der freie Markt Führung braucht. Man muss den Projektentwicklern und Investoren eine gewisse Verantwortung aufbürden. Es gibt in London seit kurzer Zeit recht strenge Vorgaben für Neubauentwicklungen. Zum Beispiel: Wenn ein Investor ein teures Spekulationsprojekt mit Wohnungen und Büros errichtet, dann müssen 35 Prozent davon dem geförderten Wohnbau zugutekommen. Das sorgt für eine gewisse Durchmischung in der Stadt. Oder noch besser: Berlin! Ein wunderbarer Freiraum, der einfach in Anspruch genommen wurde, ist der ehemalige Flughafen Tempelhof. Das Areal liegt mitten in der Stadt. Und während die Stadt Millionen von Euro ausgibt, um Studien für mögliche Nachnutzungen in Auftrag zu geben, spazieren die Bewohner durch die Büsche und nutzen das Flugfeld und den Rasen als Park. Das gefällt mir.

STANDARD: Das heißt, dass öffentlicher Freiraum nicht erst teuer gestaltet werden muss?

Chipperfield: That's it! Stadt und städtische Qualität - das ist in erster Linie das Erkennen und Nutzen von Potenzialen. In Berlin ist man da relativ cool. Die meisten Städte aber praktizieren lieber eine Kultur des Verbietens als eine des Ermöglichens. Das ist ein mentaler Knoten in den Behörden. Daran kann auch ein Architekt nichts ändern. Bestenfalls nur die Bevölkerung als Gruppe.

STANDARD: Und eine Biennale in Venedig?

Chipperfield: Sie sind ja ein noch größerer Idealist als ich! Nein, das glaube ich ehrlich gesagt nicht. Dazu ist die Architektur-Biennale per se zu elitär und zu kulturaffin. Aber sie kann immerhin Alternativen aufzeigen.

STANDARD: Ihr größter Wunsch als Direktor?

Chipperfield: Ich hoffe, dass es mir gelingen wird, ein gewisses Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen. Ich will keine Selbstbeweihräucherung. Ich will keine Architekten, die durch die Biennale gehen und sich danach denken, wie toll sie sind. Alles - nur nicht schon wieder die Klischees und Ängste der Bevölkerung bestärken! Ich will die Besucher zum Nachdenken anregen und ihnen auf den Weg mitgeben: Common Ground - das sind wir alle.

David Chipperfield (58) ist Architekt in London. Er plante u. a. das Neue Museum in Berlin, das Kaufhaus Tyrol in Innsbruck und das Kaufhaus Peek & Cloppenburg in der Kärntner Straße in Wien. Anfang des Jahres wurde er zum Direktor der 13. Architektur-Biennale in Venedig ernannt.

Die Biennale 2012: Mit Kazuyo Sejima, Direktorin der Architektur-Biennale 2010, hat die regelmäßige venezianische Nabelschau der Stars und Sternchen ein Ende genommen. Der diesjährige Biennale-Direktor David Chipperfield setzt diese Zurückhaltung fort. Unter dem Generalmotto „Common Ground“ nehmen insgesamt 55 Nationen teil. Angola, die Republik Kosovo, Kuwait, Peru und die Türkei feiern in Venedig heuer ihr Debüt. Darüber hinaus präsentiert Chipperfield eine Ausstellung mit 60 Positionen von Architekten, Künstlern und Fotografen. Eröffnung am 29. August. Zu sehen bis 25. November. (woj)

11. August 2012 Der Standard

„Bloß nicht too much Schlagobers“

Der New Yorker Architekt Peter Eisenman wird heute 80 Jahre alt - ein Gespräch über Baseball, Richard Wagner und die Fremdheit im eigenen Land.

Ich fühle mich in den USA wie ein Alien. Es gibt keine Öffentlichkeit, keine kritische Matrix, und alles, was zählt, ist Geld, Geld, Geld. Dieses Land geht einfach nicht in meinen Kopf hinein.

STANDARD: Man kennt Sie mit einer roten Fliege um den Hals. Wo ist Ihre Fliege heute?

Eisenman: Mensch, es ist Sommer! Und es ist heiß! An solchen „casual days“ wie heute, wo ich die meiste Zeit im Büro verbringe, lege ich die Fliege ab. Da trage ich alte Sneakers, ein Hemd und khaki Hosen. Ich habe beschlossen, mich nur noch zu besonderen Anlässen feierlich und elegant zu kleiden. Mit dem Alter wird man cooler und gelassener.

STANDARD: Zum Achtziger ...

Eisenman: Zur Feier heute Abend, das kann ich Ihnen versprechen, werde ich eine Fliege tragen.

STANDARD: Warum gerade Fliege?

Eisenman: Beim Zeichnen ist die Krawatte immer im Weg. Sie wird schmutzig und verwischt die frische Tuschezeichnung auf dem Plan. Viele Architekten, die ich noch persönlich kannte, haben eine Fliege getragen, zum Beispiel Walter Gropius oder Le Corbusier. Meine Fliege ist, wenn Sie so wollen, eine Art Reverenz. Außerdem sagt man im Englischen, dass man Menschen mit Fliegen nichts abkaufen sollte, weil sie verrückt sind. Das fügt sich ganz gut. Man wird niemals belästigt.

STANDARD: Zeichnen Sie heute immer noch mit Tusche?

Eisenman: Ich erzähle Ihnen jetzt einmal was, und ich bitte Sie, das auch wirklich kundzutun, denn die Dinge entwickeln sich in eine völlig falsche Richtung. Auf dem Computer kann man nicht konzeptionell arbeiten, das ist unmöglich. Dazu braucht man Stift und Papier. Man muss die Bewegung in der Hand spüren, man muss das Entstehen physisch erleben.

STANDARD: Die meisten bei Ihnen im Büro arbeiten am Computer.

Eisenman: In diesem Büro wird der Computer nur zum Planzeichnen verwendet. Ich gebe zu, Tuschezeichnungen haben ihre Nachteile. Man ist langsamer, man hat immer nur mit einem Unikat zu tun, man kann Fehler viel schwieriger ausbessern, und man kann Tuschezeichnungen nicht per E-Mail verschicken.

STANDARD: Wo fühlen Sie sich eher zu Hause? Vergangenheit oder Zukunft?

Eisenman: Vergangenheit. Ich bin traditionell veranlagt. Ich reise lieber nach Europa als nach Dubai oder Schanghai. Ich liebe die europäischen Städte, ich gehe gerne durch Wien spazieren, beim Fußball halte ich zu Italien, Spanien und Deutschland, und ich bin immer wieder in Bayreuth, um mir ein Stück von Richard Wagner anzusehen. Ich bin der Meinung, jeder sollte zumindest einmal im Leben den Ring des Nibelungen gesehen haben.

STANDARD: Wie oft haben Sie den „Ring des Nibelungen“ schon gesehen?

Eisenman: Weiß nicht. Sechs- oder siebenmal.

STANDARD: 2005 wurde in Berlin das von Ihnen geplante Denkmal für die ermordeten Juden Europas eröffnet. Fühlen Sie sich der deutschen Geschichte nah?

Eisenman: Ja. Vor allem interessiere ich mich für die deutsche Geschichte seit 1919. Deutschland ist für mich eines der Länder, das Inbegriff einer fair gelebten, geförderten und kulturell bereichernden Demokratie ist. Ich kann bis heute nicht glauben, dass diese wertvolle Eigenschaft 1933 von einem Tag auf den anderen verlorengegangen ist. So gesehen denke ich, dass das Holocaust-Denkmal in Berlin mit Sicherheit eines meiner wichtigsten Projekte ist.

STANDARD: Hat sich seit Berlin etwas für Sie verändert?

Eisenman: Das war ein wichtiges Projekt für mich, und ich war sehr erfolgreich damit. Die Menschen sind von diesem Denkmal fasziniert. Manchmal bekomme ich sogar Post von Touristen, die dort waren und mir schreiben, wie sehr sie das Projekt bewegt hat.

STANDARD: Könnten Sie sich vorstellen, in Europa zu leben?

Eisenman: Und wie! Am liebsten würde ich in London, Berlin oder Mailand leben. Überall, bloß nicht in Wien. Das ist mir zu schwer, zu hermetisch und zu unbeweglich. Irgendwie too much Schlagobers. Bloß nicht!

STANDARD: Und wie lebt es sich in New York?

Eisenman: Sehr fremd. Und dabei ist New York City ja noch ganz in Ordnung! Fragen Sie mich doch einmal, wie ich mich in den USA fühle! Wie ein Alien! Ich verstehe dieses Land nicht. Dieses Land geht einfach nicht in meinen Kopf hinein.

STANDARD: Was ist so fremd daran?

Eisenman: In den USA gibt es keine Öffentlichkeit. Das ganze Land wird von der Privatwirtschaft regiert. Es gibt keine kritische Matrix, keine laute Stimme in den Tageszeitungen und kein Interesse für das soziale Zusammenleben, für die Umwelt, für das viele feine Rundherum, das einen Ort und eine Kultur ausmacht. Alles, was zählt, ist Geld, Geld, Geld.

STANDARD: Beim Bauen spielt Geld eine wichtige Rolle.

Eisenman: Ja, aber die Immobilienwirtschaft regiert das ganze Land. Die soziale Qualität ist de facto nicht vorhanden. Es ist zum Heulen. Schauen Sie sich nur einmal um! Wir haben viele wunderbare Architekten in den USA, vor allem hier in New York. Es gibt Daniel Libeskind, es gibt Diller & Scofidio, und es gab Raimund Abraham. Aber die Wahrheit ist: Die wirklich guten New Yorker Architekten bauen hierzulande nur sehr wenig.

STANDARD: Sie haben in den USA bisher auch nur wenig realisiert.

Eisenman: Die Amerikaner mögen mich nicht. Irgendwas an meinen Gebäuden ist ihnen zu abstrakt und zu einschüchternd. Ich glaube, ich bin ihnen zu verkopft.

STANDARD: Stattdessen bauen Sie in Europa.

Eisenman: Das kann man so nicht sagen.

STANDARD: Das größte Projekt Ihrer Laufbahn ist das Kulturzentrum in Santiago de Compostela.

Eisenman: Ja, das ist ein sehr umfangreiches Projekt. Die Cidade da Cultura in Santiago besteht aus dem Galizischen Museum, einer Bibliothek, einem Zeitungsarchiv und einem Bürogebäude. Das Internationale Kunstzentrum und das Theater- und Opernhaus müssen noch errichtet werden. In einem Artikel in El País war letztes Jahr zu lesen, dass mich dieses Projekt eines Tages wahrscheinlich umbringen wird. Doch dafür, hieß es darin, werde der Architekt mit einem Lächeln auf seinen Lippen sterben.

STANDARD: Und? Wird er das?

Eisenman: Oh ja, das wird er! Das ist ein sehr geerdetes Projekt.

STANDARD: Ursprünglich war das Projekt mit 108 Millionen Euro veranschlagt. Mittlerweile liegen die Baukosten bei 415 Millionen Euro. Was ist passiert?

Eisenman: Das ganze Projekt ist im Laufe der Zeit auf die fünffache Größe angewachsen. Die Oper war ursprünglich für 500 Zuschauer konzipiert, heute stehen wir bei 1800 Sitzplätzen. Die Bibliothek war zu Beginn für 250.000 Bücher ausgelegt. Eines Tages kam dann der Wunsch des Kulturministers, es auf eine Million Bücher aufzustocken. Und so weiter. Das sind die Entscheidungen der Auftraggeber. Architekten treffen solche Entscheidungen nicht.

STANDARD: Und das rechtfertigt eine Verdreifachung der Kosten?

Eisenman: Santiago de Compostela ist ein komplexes und wunderbares Projekt mit einer unglaublichen Detailgenauigkeit. Jedes einzelne Gebäude wurde unter Budget errichtet. Auf den Quadratmeter gerechnet, ist es eines der billigsten Museen Spaniens. Wir bauen um 2600 Euro pro Quadratmeter! Der neue Prado von Rafael Moneo hat 6000 Euro gekostet. Und Santiago Calatrava baut, wie wir alle wissen, noch teurer.

STANDARD: Im Juni wurde das Projekt gestoppt. 2015 soll erst wieder weitergebaut werden.

Eisenman: Spanien befindet sich in einer Krise. Die Errichtung von Infrastruktur ist zwar wichtig, aber bei einer Arbeitslosigkeit von 25 Prozent gibt es aus politischer Sicht wichtigere Sachen. Von der Oper stehen jetzt einmal das Fundament und ein Teil vom ersten Stock. Das Wissenschaftsmuseum ist noch Zukunftsmusik. Ich hoffe, dass sich die Situation in Spanien erholt und dass wir bald weiterbauen können.

STANDARD: Wird die Cidade da Cultura Ihr größtes Projekt bleiben?

Eisenman: Wie viele Projekte von herausragender Bedeutung ist ein Architekt imstande, im Laufe seines Lebens zu realisieren? Bestenfalls eine Handvoll. Und wenn es nur eines ist, dann ist das schon ein großer Erfolg! Manche Architekten bauen 30, 40, 50 Projekte, alle schauen gleich aus, und keines davon ist ein ernst zu nehmender Beitrag für die Entwicklung der Architektur. Das interessiert mich nicht.

STANDARD: Wie hoch würden Sie Ihre persönliche Quote an bedeutender Architektur beziffern?

Eisenman: Zehn Prozent. Und 90 Prozent sind guter Durchschnitt.

STANDARD: Was wünschen Sie sich zum Geburtstag?

Eisenman: Ich habe einen Doktortitel aus Cambridge, ich habe viel publiziert, und ich bin mittlerweile der am längsten lehrende Architekturprofessor der Welt. Ich unterrichte schon seit 1960. Und noch immer haben die Studenten Angst vor mir! Was soll ich mir denn da noch wünschen? Ich bin schon wunschlos glücklich.

STANDARD: Pläne für heute Abend?

Eisenman: Mal schauen. Ich bin ja ein riesengroßer Baseballfan und ich habe ein Saisonabo im Yankee-Stadion. Ich fühle mich dem Proletariat sehr verbunden. Ich glaube sogar, dass ich mehr über Baseball weiß als über Architektur. Manchmal setze ich mich eine Stunde vor dem Spiel auf die Tribüne, schaue auf das leere Spielfeld und beobachte, wie sich das Stadion langsam mit Besuchern füllt. Das ist wie Meditieren.

Peter Eisenman ist am 11. August 1932 in Newark, New Jersey, geboren. Er war Teil der Architektengruppe „New York Five“, die sich für die Wiederbelebung der Moderne von Le Corbusier und De Stijl engagierte. Er lehrte in Harvard und Princeton sowie an der Ohio State University. Zurzeit hat Eisenman einen Lehrstuhl an der Universität Yale inne. Sein bekanntestes Projekt ist das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin (2005).

7. Juli 2012 Der Standard

Show ist nicht alles

Mittelmäßige Beiträge, ein architektonisches Wow und ein Hoch auf die Regionalentwicklung: Rundgang durch die Expo 2012 in Yeosu, Südkorea.

Es war ausgerechnet eine Strelitzie, besser bekannt als Paradiesvogelblume, die das österreichische Architekturbüro Soma zu diesem innovativen Entwurf inspirierte. Kommt der hungrige, sich nach Blütennektar verzehrende Kolibri angeflogen, so landet er nämlich nicht zufällig auf dem hoffnungsvoll nach oben deutenden Blütenblatt. Die Wirkung folgt sogleich: Durch das Körpergewicht des Vogels senkt sich der Hebelarm, dieser wiederum dehnt das Hochblatt auseinander, und so offenbart sich das ganze saftige Innenleben der Strelitzie.

„Wir wollten uns an der Natur ein Vorbild nehmen“, erklärt Kristina Schinegger, Chefin des Salzburger Büros Soma. „Das Prinzip der physikalischen Krafteinwirkung, die ihrerseits eine bestimmte Bewegung bewirkt, hat uns sehr fasziniert. Wir wollten diese Idee auf die Architektur übertragen.“ Biomimese nennt sich dieses Abschauen von Mutter Natur im Fachjargon.

Auf der diesjährigen Weltausstellung in Yeosu, Südkorea, kann man das Resultat biomimetischen Nachdenkens in seiner vollen Pracht bestaunen. Noch nie zuvor wurde das technische Prinzip der Druckausübung und der damit verbundenen Verformung in dieser Dimension realisiert. Auf einer Länge von fast 160 Metern kann der Ocean-&-Coast-Themenpavillon der Salzburger Architekten je nach Lust und Laune sein äußeres Erscheinungsbild ändern - und damit auch die Sonneneinstrahlung und Belichtung des Innenraums regeln.

Knallt die Sonne vom Himmel, sind die 108 Lamellen auf der Westfassade im entspannten Modus. Die Haut ist geschlossen. Sobald die Sonne aber verschwindet, wird über kleine Elektromotoren von oben und unten Druck auf die bis zu 13 Meter hohen Lamellen ausgeübt. Die Folge: Die laminierten, glasfaserverstärkten Kiemen aus Kunststoff wölben und verformen sich und klappen dadurch bis zu einem Winkel von 60 Grad auf. Und hunderte Südkoreaner klatschen begeistert in die Hände. Jedes Mal aufs Neue.

Der Themenpavillon von Soma ist der absolute Renner auf der Expo 2012. Das rund sechs Sekunden dauernde Schauspiel des Auf- und Zuklappens fasziniert nicht nur Laien. Auch die Profis sind von dieser Technologie verzückt. Das südkoreanische Architekturmagazin Space widmete der Fassade in der Juni-Ausgabe ein ganzes Dossier. Dem Nachrichtensender CNN war die neue Hightech-Haut sogar einen eigenen TV-Beitrag wert. Da darf man schon einmal über die Qualität der baulichen Ausführung hinwegsehen.

Eine technische Sensation

„Aus technischer Sicht ist diese Lamellenfassade wirklich eine Revolution“, freut sich Schinegger. „Die meisten Weltausstellungen der letzten Jahre haben sich mit Edutainment und lustigen Shows begnügt. Das Ausstellen von technischen und wissenschaftlichen Errungenschaften, wie das früher öfter gemacht wurde, kommt heute meist viel zu kurz.“

36 Millionen Euro kostete der riesige Molch, der so prominent an der Wasserkante sitzt, als wäre er eben erst aus dem Urmeer herausgekrochen. Und das passt gut ins Konzept, denn das silbergraue Ding, Resultat eines internationalen Wettbewerbs 2009, ist Wahrzeichen einer Expo, die diesmal unter dem Motto „Der lebende Ozean und die Küste“ steht. „Es ist wichtig, dass die Menschen die Bedeutung der Meere für die Zukunft begreifen“, sagt Kim Keun Soo, Vizepräsident der Expo. „Wir müssen gegen den Klimawandel mit aller Kraft ankämpfen.“

Allerdings fällt der Kampf in Yeosu recht bescheiden aus. Zwar tauchen immer wieder technisch fokussierte Beiträge auf: Deutschland präsentiert ein Frühwarnsystem gegen Tsunamis, Japan widmet sich überhaupt dem Wiederaufbau von Erdbeben- und Tsunamigebieten, Norwegen zeigt Methoden umweltfreundlicher Energiegewinnung, und Frankreich philosophiert über ein Leben nach der Eisschmelze und stellt apokalyptische Wohnkonzepte auf dem Wasser vor, während zwischen Eiffelturm und Triumphbogen batteriebetriebene Hammerhaie hindurchschwimmen. Ganz nette Anregungen sind das.

Doch das Gros der 105 Länderpavillons und neun internationalen Organisationen schwingt entweder die Moralkeule oder verfällt in comicartigen Slapstick mit den beiden Expo-Maskottchen Yeony und Suny. Da spazieren Roboter durch die Hallen, da gibt es massenweise Lichtanimationen und Lasershows, da gibt es dramatische Wasserspiele zu Carmina Burana und Goldfinger. Und sogar die Polizei kommt per Jetski über die Welle geritten.

Dickes Pathos im USA-Pavillon: „Über Jahrhunderte haben die Ozeane die Menschheit geteilt“, sagt US-Außenministerin Hillary Clinton per Videobotschaft vor einem herabprasselnden Wasserfall. „Heute bieten die Ozeane eine Chance zur Zusammenarbeit.“ Bis schließlich US-Chef Barack Obama eins draufsetzt: „Als Präsident weiß ich, dass es Länder gibt, die nicht nur durch das Meer getrennt sind.“

Österreich hat sich heuer komplett ausgeklinkt. „Das Thema der diesjährigen Expo ist nicht genau für ein Binnenland wie Österreich zugeschnitten“, sagt Werner Somweber, Regionalmanager für Fernost und Ozeanien der Wirtschaftskammer Österreich. „Ich glaube, wir hätten damit nur wenige Firmen und Sponsoren interessieren können.“ Die Vermutung liegt jedoch nahe, dass Südkorea für Österreich kein besonders attraktiver und bei Laune zu haltender Handelspartner ist. Zumindest nicht ein so wichtiger wie die Volksrepublik China - zur Expo in Schanghai 2010 kam Bundeskanzler Faymann noch samt Entourage angeflogen.

Nach dem Spaziergang über das 170 Hektar große Gelände ist klar: Hier geht es nicht um die Küste und schon gar nicht um den lebenden Ozean, sondern einzig und allein um eine medial wirksame Infrastrukturspritze für die am weitesten entlegene und schwächste Region Südkoreas. Während die weit entwickelte Industrienation vielerorts mit 300 km/h Hochgeschwindigkeitszüge durchs Land jagt und ganze Städte aus dem Erdboden stampft, watet man rund um Yeosu noch knöcheltief im Wasser und sät Reis.

„Für die Regierung war von Anfang an klar, dass die Expo eine große und wichtige Chance ist, um den Süden zu entwickeln“, meint Jo Seung Koo, Professor für Architektur an der Universität Busan. „Bis heute ist das die strukturschwächste Region des Landes. Es mangelt an Autobahnen, Zugtrassen, Arbeitsplätzen und Industrie. Ich könnte mir vorstellen, dass die Expo daran mittelfristig etwas ändern könnte.“

Rund 1,9 Milliarden US-Dollar (1,5 Mrd. Euro) investierte die Regierung in den Ausbau des Expo-Geländes, das früher Hafen und Industriebrache war. Einst wurden hier Küstenpoller aus Beton hergestellt, doch die letzten Jahrzehnte wurde es still und schmierig. Weitere 13 Milliarden Dollar (10,4 Mrd. Euro) butterte das Land in den Ausbau von Autobahnen und Bahntrassen für den KTX-High-Speed-Train. Brauchte man früher einen halben Tag, um von Seoul aus in die zerklüftete Inselwelt rund um Yeosu zu gelangen, sind es nun 182 Minuten. Das ist mehr als nur eine symbolische Entwicklungsspritze.

Überall wird emsig gebaut: Straßen, Radwege, Brücken, ja sogar ganze Wohnsiedlungen. Während der Ocean-&-Coast-Themenpavillon der Soma-Architekten in den Visualisierungen noch aus einer saftig grünen Hügellandschaft ragte, wird er nun von Wohnhochhäusern und Bürotürmen umzingelt. Nach Ablauf der Expo sollen die Pavillons und das Aquarium als Museen weitergenutzt werden. Und für die große Länderhalle interessiert sich bereits ein Betreiber, der die Bauten für eine Shopping- und Gastronomiemeile am Wasser nutzen will. Für Yeosu ein voller Erfolg.

Sinneswandel in Südkorea

Auf der Werteskala der Weltausstellungen heißt das: Erstmals nach vielen Jahren steht nicht das eigentliche, wohlgemerkt mittelmäßige Spektakel im Vordergrund, sondern die damit verbundene Regionalentwicklung. In den meisten Expo-Projekten wird diese große Chance ignoriert, und die ehemals attraktiven Ausstellungsareale verfallen am Ende in einen elendigen Dornröschenschlaf oder werden wieder bis aufs Fundament abgebaut. So geschehen in Hannover 2000, in Nagakute und Seto 2005 und in Schanghai 2010.

Der in Südkorea zu beobachtende Sinneswandel könnte das aus heutiger Sicht unattraktive Auslaufmodell „Expo“ langfristig auf eine andere Ebene heben. Vielleicht weilt der Erfolg dann ja länger als nur der Flügelschlag eines hungrigen Kolibris.

2. Juli 2012 deutsche bauzeitung

Kleine Boxen ganz gross

»Wohnothek« in Deutsch Schützen (A)

Der Weg zu ihrer jeweiligen Unterkunft führt die Gäste der Wohnothek im Südburgenland nicht durch einen Hotelkorridor, sondern über Schotter und Rasen. Die »Zimmer« liegen umgeben von Grün und Vogelgezwitscher mitten im Weinberg und gehen auf eine Initiative von vier Weinbauern zurück. Obwohl die Konstellation der Bauherrngruppe sich als schwierig erwies, sieht man das allenfalls ein paar wenigen Details im Innern an, zum Glück aber nicht der Architektur insgesamt.

Die Zimmer heißen Kentaur, Vinea, Pfarrweingarten und Blue. »Eigenartige Namen? Aber nein!«, meint Gerda Wiesler, Wirtin im Haubenrestaurant Wachter-Wieslers Ratschen und Miteigentümerin des benachbarten Hotels. »Die Zimmer sind nach Rebsorten und Weinen benannt, die bei uns in der Ortschaft produziert werden. Mein liebstes Zimmer ist der Pfarrweingarten. Das ist der erfolgreichste Wein in unserem Sortiment: süffig und gut.«

Das kleine Hotel in Deutsch Schützen, weit unten im tiefsten Südburgenland, zählt zu den ungewöhnlichsten Gästehäusern Österreichs. Hotel ist vielleicht der falsche Ausdruck. Wohnotek – so der offizielle, etwas glücklose Name des im September 2011 eröffneten Etablissements – ist auch nicht viel besser. Vielmehr handelt es sich um zehn wie zufällig in die Landschaft gewürfelte Holzboxen, die all jenen Freunden des lukullischen Genusses zur Verfügung stehen, die nach einem wohlschmeckenden Menü oder nach einer etwas zu flüssigen Weindegustation vor einer weiten Heimfahrt zurückschrecken und sich stattdessen lieber für eine Nacht in fremde Federn betten. Zumindest unter der Woche ist diese Flexibilität noch möglich, für die Wochenenden sind die Zimmer in der Regel schon weit im Voraus gebucht.

Mitten im Weingarten

»Die Konzeptionsphase hat weit über ein Jahr gedauert«, erinnert sich Wiesler. »Wir wussten zwar, dass wir keines dieser normalen Hotels mit Zimmer und Frühstückssaal wollten, doch das genaue Resultat unserer Vorstellung ließ lange auf sich warten. Das war ein intensiver Prozess mit den Architekten.« Die Tatsache, dass es sich dabei um ein Kooperationsprojekt von insgesamt vier Winzerfamilien aus dem Ort handelt, wirkte sich auf die Planungsphase nicht gerade beschleunigend aus. Viele Köche verderben den Brei, heißt es. Viele Winzer, könnte man hinzufügen, vergären die Planung.

Nach rund 15 Monaten waren Brainstorming und Detailplanung abgeschlossen. Der Bau konnte beginnen. »Ursprünglich war das Hotelkonzept noch etwas stringenter und klarer im Aufbau«, erinnert sich Johannes Traupmann, einer der beiden Chefs von Pichler Traupmann Architekten (PXT), und erklärt: »Die Weinreben hätten bis an die Hauskante kommen sollen, das Gebaute wäre also Teil der Natur gewesen, und das Projekt hätte in Summe mehr Schlüssigkeit gehabt als das heute der Fall ist.« Doch zum Glück weiß der Laie nichts von alledem. Das ungewöhnliche Mini-Hotel im Weingarten ist allen Abstrichen zum Trotz überzeugend und attraktiv.

Alles ist aus Holz, Zäune und Mauern sucht man hier vergeblich. Sowohl das Material der Häuser als auch die »Zaunlosigkeit« des 3 000 m² großen Grundstücks waren eine Vorgabe der Behörde, denn das Projekt befindet sich mitten im Landschaftsschutzgebiet. Den Architekten kamen die strengen Richtlinien überaus gelegen. Eine Einzäunung hätte ihrer Meinung nach den Kontext des gesamten Projekts zerstört.

Verzahnung mit der Landschaft

Und so wandert man also vom Parkplatz hoch, geht ein paar Meter über knirschenden Schotter, lässt die letzten Weinreben hinter sich, und steht plötzlich im grünsten und offensten Hotelkorridor, den man sich vorstellen kann: Die Wände bestehen aus Wald und Panorama, der Plafond ist aus Wolken und Himmel, mittendrin ein riesiger Kirschbaum, und gelegentlich, wird sich am nächsten Morgen herausstellen, hoppelt ein Wildkaninchen über den Flur. »Unsere Gäste schätzen das ungewöhnliche Ambiente«, meint Gerda Wiesler. »In welchem Hotel liegt die Natur schon so nahe? Und wo kann man schon nach dem Duschen direkt ins Freie treten und bloßfüßig durch die Wiese marschieren?«

Rein ins Zimmer. Der erste Eindruck der knapp 24 m² großen Wohneinheit: Es riecht intensiv nach Holz. Boden, Wände und Decke bestehen aus unbehandelter Lärche. Lediglich im Nassbereich, also rund um das Waschbecken und im WC, wurde der Boden zum Schutz vor Feuchtigkeit versiegelt. Das geübte Auge erkennt den Unterschied.

Während Boden und Decke aus Kreuzlagenholz (KLH) bestehen und somit Konstruktion, Aufbau und Dämmung in einem Material vereinen, wurden die Wände in herkömmlicher Pfosten-Riegel-Konstruktion errichtet. Die Innenseite der Häuser ist großflächig mit Dreischichtplatten bekleidet, an der Außenfassade regiert das Prinzip des Zufalls. »Es gibt unterschiedlich breite Lärchenholzlatten, die zwischen 8 und 16 cm variieren«, erklärt Traupmann. »Wir haben die Handwerker gebeten, möglichst unregelmäßig zu arbeiten. Es wurde der Reihe nach an die Wand montiert, was auf der Palette gerade zur Hand lag.« Der kleine Maßstab mit seinen leichten Irritationen tut dem Projekt gut.

Die Inneneinrichtung stammt nur zu einem Teil aus Architektenhand – so z. B. die Liegebank, die flächenbündig zu einem integrierten Schreibtisch aufsteigt oder etwa der Waschtisch, der Minibar, Ablagefläche und Waschmöglichkeit in einem einzigen, schlichten Möbelband vereint. Bei anderen Details hingegen haben sich die Winzer durchgesetzt. So wirken diese an einigen Stellen lieblos und ungelöst. Leider trifft das auch auf die Lichtplanung zu. Statt schöner Leuchten und indirekter Beleuchtung hängen nun ordinäre Leuchtstoffröhren aus dem Baumarkt an der Wand. Eiskalte Lichtfarbe. Der Fauxpas ist unverzeihlich. Demnächst, versichern die Inhaber des Hotels, wolle man die Zimmer mit adäquaten Lichtquellen nachrüsten.

Seine größte Stärke spielt das Zimmer aus, wenn man in der Früh aufwacht und sich zwischen zwei riesigen Glasscheiben wiederfindet. Das Bett ist nämlich in einer Art Alkove untergebracht. Der Platz zu beiden Seiten der Schlafstatt ist eng, hinter den Nachtkästchen strömt unmittelbar die Natur in den Raum. »Die Integration in die Umgebung ist für mich das absolute Highlight«, sagt Johannes Traupmann. »Eigentlich gibt es eine Genehmigung für insgesamt 15 Hoteleinheiten, aber ich denke, dass wir dieses Potenzial nicht mehr ausschöpfen werden. Wenn wir die Dichte anheben, dann gehen die Qualitäten des Ausblicks und der Nähe zur Natur womöglich verloren.«

Mitreisser

Mit einer Bauzeit von nur 100 Tagen und einem Stückpreis von 43 000 Euro pro Box – das entspricht Baukosten von knapp 2 000 Eur/m2 – ist das Hotel günstig kalkuliert. Fast. Wäre da bloß nicht die dezentrale Lage in der Landschaft. »Die Zimmer liegen recht dispers, daher sind ziemlich hohe Nebenkosten angefallen, die bei einem herkömmlichen Hotelprojekt kaum ins Gewicht fallen würden«, so Traupmann. Der größte Brocken waren die Infrastruktur- und Erschließungskosten. Auch die gesamte Haustechnik – beheizt werden die Hotelzimmer mit einer Luft-Luft-Wärmepumpe – musste zehnfach ausgeführt werden. Trotz günstiger Bauweise belaufen sich die Gesamtinvestitionskosten daher auf rund 800 000 Euro. Das ist viel Geld.

Doch der Plan scheint aufzugehen. Allein in den ersten vier Monaten verzeichneten die Wachter-Wieslers mehr als tausend Übernachtungen. Bei Preisen zwischen 48 und 59 Euro pro Person – abhängig von Wochenende und Saison – wolle man innerhalb von fünf Jahren den »Break-even-Point« erreichen. »Es läuft sehr gut«, meint die Hausherrin. »Und wie es scheint, werden wir schon ab dem dritten Jahr Gewinn machen können. Für mich persönlich ist das ein geglücktes Beispiel für sanfte, nachhaltige Tourismusentwicklung in dieser Region.«

Sanft und nachhaltig sind auch die Zahlen: Die Wohnotek hat die Übernachtungen auch in den umliegenden Hotels und Pensionen nach oben geschraubt. Insgesamt verzeichnet man in Deutsch Schützen eine Gästeplus von rund 40 %. Die kleinen Boxen in den Weinreben haben großes Potenzial. Es fehlen noch ein, zwei nachträgliche Handgriffe, danach steht einem Aufstieg in den sternenlosen Olymp der Hotellerie nichts mehr im Weg.

23. Juni 2012 Der Standard

CSI Mauerwerk

Es ist vollbracht: Diese Woche wurden die ersten vier Häuser der Wiener Werkbundsiedlung übergeben. Beinahe eine Sanierung wie aus dem Bilderbuch. Bloß, wo ist das Museum?

„Am Anfang hatten wir eine unglaubliche Ehrfurcht vor dem Projekt“, erinnern sich die beiden Architekten Azita Goodarzi und Martin Praschl vom Wiener Büro P.Good. „Darf man auf ein altes Haus von Gerrit Rietveld oder Josef Hoffmann denn überhaupt mit dem Presslufthammer einschlagen? Muss man die nicht viel eher streicheln?“

Nach rund zehn Monaten sind die massiven Streicheleinheiten beendet. Am Mittwoch luden Wohnbau-Stadtrat Michael Ludwig, Landeskonservator Friedrich Dahm sowie Josef Wiesinger, Geschäftsführer der Wiener Substanzerhaltungs GmbH & Co KG (Wiseg) zur feierlichen Eröffnung in die Wiener Werkbundsiedlung. In brütender Hitze, unter knallig bunten Sonnenschirmen zusammengepfercht, fanden sich Architekten, Journalisten und neugierige Nachbarn ein, um - rechtzeitig zum 80. Jubiläum der 1932 eröffneten Werkbundsiedlung - die Sanierung der ersten vier Häuser zu bestaunen.

„Es sind zwar nur vier Wohnungen, und das ist wahrscheinlich das kleinste Wohnbauprojekt, das ich je eröffnen durfte“, sprach Michael Ludwig ins Mikrofon. „Dennoch ist es einer der historisch bedeutendsten Gebäudekomplexe in unserer Stadt, aber auch weit darüber hinaus.“ Im Gegensatz zu anderen Werkbundsiedlungen in Stuttgart, Zürich, Brünn und Prag befindet sich jene in Wien nach Auskunft von Experten nämlich in einem außerordentlich guten Zustand.

„Natürlich war die bauliche Qualität der Werkbundsiedlung so wie bei fast allen Bauten aus dieser Zeit nicht besonders hoch, und das Projekt war dringend sanierungsbedürftig“, sagt Friedrich Dahm vom Bundesdenkmalamt (BDA) zum STANDARD. „Doch in keiner anderen Siedlung in Europa ist heute noch so ein hoher Anteil an originalen Bauteilen und originalen Materialien erhalten wie hier.“

Der Befund des BDA ergab: Rund 80 Prozent aller Türen und Fenster und der dazugehörigen Tür- und Fensterbeschläge sowie 50 Prozent aller Verputze befanden sich im Originalzustand. Und in einem der vier sanierten Häuser, in der Woinovichgasse 20 von Architekt Gerrit Rietveld, lag sogar noch der 80 Jahre alte Linoleumboden - Druckstellen, Kratzer und historische Rundsiegel-Firmenprägung in der Raummitte inklusive.

80 Jahre alte Linoleumböden

Die Handwerker und Denkmalschützer scheuten keinen Aufwand. Mühsam kratzten sie alle noch bestehenden Linoleumoberflächen des über mehrere Häuser verteilten Fleckerlteppichs zusammen, schabten vorsichtig ab, was abzuschaben war, transferierten die Preziosen von einem Haus ins andere und füllten damit hässliche, im Laufe der Zeit entstandene Lücken und Löcher.

„Das war eine ziemlich langwierige Angelegenheit“, sagt Dahm. Nachdem Linoleum ein homogener, fugenloser Holzmehlwerkstoff ist, mussten die unterschiedlichen Fundstücke sorgfältig miteinander verbacken und verschliffen werden. Das Endergebnis (Foto Mitte) ist ein dunkelgraues Etwas mit viel Patina und viel Geschichte, das gewiss nicht jedem gefällt. Doch schon gibt es die ersten Interessenten. Sie wollen just das Haus mit dem alten Linoleumboden und kein anderes.

„Die Arbeiten an den drei Rietveld-Häusern und an dem einen Hoffmann-Haus sind wirklich in die Tiefe gegangen“, meint Susanne Beseler, Restauratorin für Putz und Stein. „Wir hatten hier die Gelegenheit, Materialproben zu entnehmen und im Labor ganz genaue Schichtanalysen unter dem Mikroskop vorzunehmen. Das war wie in einer CSI-Krimiserie. Das passiert dir in diesem Beruf nicht jeden Tag.“

Gerade eine solche Detailtiefe sei dringend nötig, um den Bauten des 20. Jahrhunderts endlich jenen Respekt zu erweisen, den sie verdienen. „Bei Barockgebäuden ist es mittlerweile selbstverständlich, nicht nur das historische Erscheinungsbild zu bewahren, sondern auch die historischen Materialien und die historischen Fertigungsmethoden. Bei der Moderne ist dieses Denken noch wenig verbreitet.“ Mit der Sanierung der Werkbundsiedlung, so Beseler, habe man nun ein Exempel für die kommenden Jahrzehnte statuiert.

Nicht nur bei handwerklichen Belangen, auch in puncto Bauphysik ist die ehemalige Musterwohnsiedlung in Hietzing ein Paradebeispiel für den Umgang mit Bauten der Moderne. 20 Zentimeter dicke Daunenjacken aus Styrodur und Mineralwolle sucht man hier vergeblich. „Das hätte nur die Bausubstanz zerstört“, sagt Architektin Azita Goodarzi. „Stattdessen haben wir bewiesen, dass man mit der Summe vieler kleiner Einzelmaßnahmen thermisch genauso viel erreichen kann.“

Nur nicht zu Tode sanieren

Kellerwände, Fundament und Flachdach wurden traditionell gedämmt, außerdem wurden die Fenster abgedichtet, und eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung wurde eingebaut. Dadurch soll in Zukunft Schimmelbildung vermieden werden. In Summe wurde der Heizwärmebedarf von exorbitant katastrophalen 250 kWh/m2a auf etwa 100 kWh/m2a gesenkt. Goodarzi: „So ein Gebäude wird nie Niedrigenergiehaus-Standard erreichen, aber das ist auch nicht nötig. Man muss nicht jedes Baudenkmal thermisch zu Tode sanieren.“

Die brutalste Baumaßnahme betrifft den Einbau der etwas überambitionierten Absturzsicherungen im Fensterbereich sowie einer aufgedoppelten Glasfassade im Hoffmann-Haus. Als wären Hightech-Ingenieure, bewaffnet mit Thermoschutzglas und Edelstahl, durch das Haus marschiert, tauchen nun hie und da gestalterische Eingriffe auf, die so penetrant den Zeitstempel des herbeigesehnten 22. Jahrhunderts tragen, dass es schon wehtut. Da wurde der Genius Loci mit dem Architektenskalpell malträtiert. Patient tot.

„Gebürstetes Niro ist ein Fremdmaterial, das in der Werkbundsielung sonst nicht vorkommt“, erklärt Architekt Martin Praschl das gestalterische Konzept. Dabei hätte es auch bleiben können. „Doch so sind wir nun in der Lage, die beiden Bauphasen 1932 und 2012 deutlich voneinander zu trennen und dem Denkmal auf diese Weise den nötigen Respekt zu erweisen.“

Das sind Luxusproblemchen. In Summe ist der Stadt Wien nämlich - das verrät schon das Lächeln der Denkmalschützer und Konservatoren - ein beeindruckender Sanierungs-Kick-off gelungen. Rund eine Million Euro wurde in der ersten Bauphase investiert. Für die restlichen 44 Werkbund-Häuser der Stadt Wien, die bis 2016 saniert werden sollen, stehen weitere neun Millionen Euro zur Verfügung.

Wer die Presslufthämmer und CSI-Putz-Forensiker in sein Mietobjekt einlädt, muss allerdings mit einer Mieterhöhung von 1,50 Euro auf 6,20 Euro pro Quadratmeter rechnen. Und: Die Bewohner jener 22 Werkbund-Häuser, die sich in Privateigentum befinden, können sich der Sanierungsoffensive nach Absprache anschließen.

Fast vergessen hallt es aus der Vergangenheit: War da nicht mal von einem Werkbund-Museum die Rede? Wollte man das Denkmal der Moderne einst nicht auch einem öffentlichen Publikum zugänglich machen? „Ein Museum hätte keinen Sinn gehabt“, meint Stadtrat Ludwig. „Erstens sind die Häuser klein und eng und für größere Gruppen nicht geeignet, und zweitens wäre das nicht im Sinne des damals projektverantwortlichen Mastermind-Architekten Josef Frank gewesen. Er wollte keine Museumsanlage errichten. Er wollte ein belebtes Wohnviertel.“

16. Juni 2012 Der Standard

Grün Ding braucht Weile

Am Stadtrand von Seoul entsteht eine ökologische Musterstadt, die dem Meer abgerungen wurde: Songdo New City. Sieht so die Zukunft urbanen Lebens aus?

Die Sonne scheint, fröhliche Menschen sitzen unter einer ziemlich großen Pergola, die mit Fotovoltaikpaneelen verkleidet ist, essen und trinken, im Hintergrund Radfahrer und ballspielende Kinder. Plötzlich biegt lautlos ein koreanisches Elektroauto um die Ecke. Stimme aus dem Off: „Songdo. Where future happens.“

Für die Songdo New City - so der offizielle Name - wird eifrig die Werbetrommel gerührt. Während die modernen KTX-Hochgeschwindigkeitszüge mit 300 km/h durch die Landschaft brettern, wandert der Fernsehspot alle paar Minuten über den Flatscreen. Songdo, was übersetzt so viel heißt wie „Zwergkieferninsel“, ist ein 800 Hektar großes künstlich aufgeschüttetes Eiland am südwestlichen Stadtrand Seouls, rund 40 Kilometer und mehr als 30 U-Bahn-Stationen von der Innenstadt entfernt. Und es ist der derzeit größte Stolz der südkoreanischen Wissenschafter und Planer.

Das Kooperationsprojekt des koreanischen Stahlunternehmens Posco E&C, des viertgrößten Stahlerzeugers weltweit, und des amerikanischen Real Estate Developers Gale International mit Sitz in New York, ist die erste bereits realisierte Smart City der Welt. Rund 20 Milliarden Euro wird man am Ende in die Zukunftsstadt insgesamt investiert haben. Dass das größte Konkurrenzprojekt, Norman Fosters Masdar City in Abu Dhabi, seit der Finanzkrise mehr oder weniger auf Eis liegt, wirkt sich auf die Stimmungslage der Südkoreaner nicht gerade negativ aus.

„Songdo ist das Exempel einer modernen, futuristischen Stadt“, sagt Angela Hong von der Incheon Development & Tourism Corporation (IDTC), die für die Vermarktung der Retortenstadt zuständig ist. „In manchen Punkten haben wir uns an der klassischen europäischen Stadtplanung orientiert. Was für die einen altmodisch ist, kann für die anderen eine Revolution sein.“

Das Straßennetz ist dicht, die Fahrbahnen sind verhältnismäßig schmal, die Gehsteige und Radwege dafür umso breiter, und überall Bänke, Bäume, blühende Büsche. Aufgelockert wird das Ganze von ein paar Plätzen und einem 40 Hektar großen „Central Park“ mit künstlichem See, Wassertaxis und Tretbootverleih. Eine Idylle wie aus dem Almanach für Stadtplanung. Fragt sich nur: Wo sind die Menschen? Und was ist smart an alledem?

„Die Metropolregion Seoul stößt mit ihren 25 Millionen Einwohnern allmählich an ihre topografischen und geografischen Grenzen, daher war klar, dass man eines Tages neues Land gewinnen muss“, erklärt Tom Murcott, Vizepräsident von Gale International, auf Anfrage des STANDARD. „Bei so ei-nem großen Projekt ergibt sich die einmalige Chance, neue technische Entwicklungen und Erkenntnisse aus der Wissenschaft und Stadtplanung einfließen zu lassen.“

Das flache Neuland, das mit einigen namhaften Software- und Hardware-Unternehmen wie etwa Arup, Cisco, LG, 3M und United Technologies entwickelt wurde, verfügt in allen Wohnungen und öffentlichen Gebäuden über „Telepresence“, ein neuartiges Kommunikationstool mit hoher akustischer und optischer Qualität, über Real-Time-Fahrpläne für U-Bahn und Busse, die online ersichtlich sind, sowie über Regen- und Salzwassernutzung.

Die wohl ungewöhnlichste infrastrukturelle Errungenschaft betrifft jedoch die Müllentsorgung: Stinkende Müllwagen wird man hier niemals zu Gesicht bekommen, denn die gesamte Müllentsorgung funktioniert unterirdisch und vollautomatisch über ein eigens entwickeltes pneumatisches Unterdrucksystem.

Müllentsorgung per Rohrpost

„Im Grunde genommen ist das nichts anderes als ein klassisches Rohrpostsystem, wie man es im vorigen Jahrhundert immer wieder in Bürogebäuden verwendet hat“, sagt James von Klemperer, Chefarchitekt bei Kohn Pedersen Fox Associates (KPF) in New York, das für den Masterplan der Songdo New City verantwortlich ist, „nur eben ein bisschen größer und ein bisschen weiter.“ Auf Knopfdruck wird der Mist durch die halbe Stadt gejagt, wo er am Ende in einem Kraftwerk zur Biogasgewinnung genutzt wird.

Ein Musterbeispiel für ökologische Stadtplanung - bloß warum ist von der im Film versprochenen Solarenergienutzung nichts zu sehen? Und wo sind die vielen E-Bikes oder E-Autos, mit denen im ganzen Land geworben wird und auf die man so sehnsüchtig wartet? „Diese Technologien sind leider noch nicht zur Genüge ausgereift“, so von Klemperer. „Die Ausbeute von Fotovoltaik ist noch viel zu gering, eine solche Anlage würde sich in Südkorea erst innerhalb von 20 Jahren rentieren. Und solange die koreanischen Autohersteller kein serienreifes Elektroauto produzieren, sind uns die Hände gebunden.“ Mit dem ersten Stromwagen am Markt werde sich die Situation ändern.

Bis dahin begnügt man sich mit einem ausgebauten Fuß- und Radwegnetz sowie strengen ökologischen Richtlinien für die Architektur. Sämtliche Bürotürme verfügen über begrünte Atrien, die die Luftfeuchtigkeit regeln. Das zentrale Konferenz- und Ausstellungszentrum „Convensia“ und das benachbarte Luxushotel Sheraton sind bereits nach LEED-Kriterien zertifiziert. Eines Tages, so jedenfalls lautet der Traum von Gale International, wolle man eine LEED-Zertifizierung für die ganze Stadt erreichen.

Auch um kulturelle Nachhaltigkeit ist man in Songdo bemüht. In der Mitte der Stadt steht das Hello Kitty Planet, ein Ausstellungshaus für die weißen Cartoon-Katzen. Daniel Libeskind hat ein Luxus-Shoppingcenter geplant, das demnächst in Bau gehen soll. Und der Schweizer Pritzker-Preis-Träger Peter Zumthor hat nach Auskunft von KPF ein Museum für zeitgenössische Kunst entworfen. Noch ist das Projekt nicht ausfinanziert.

Wunderbare Zukunft. Doch die Gegenwart sieht anders aus. Von den geplanten 70.000 Einwohnern, die hier eines Tages leben sollen, sind erst 22.000 vor Ort. Bis Jahresende wolle man 5000 weitere anziehen. „Wenn man bedenkt, dass hier vor zehn Jahren noch Meer war und dass die Stadt erst seit kurzem existiert, dann haben wir schon viel erreicht“, sagt Gale-Chef Tom Murcott. „Und ich bin mir sicher, dass Songdo eines Tages die smarteste Stadt der Welt sein wird.“ Denn eines dürfe man bei aller „Smartness“ nicht außer Acht lassen: „Eine grüne Stadt zu bauen bedarf nicht nur Architektur, Infrastruktur und Technologie, sondern vor allem Zeit.“

6. Juni 2012 Der Standard

Ein hässliches, aber nachhaltiges Entlein

Die Neue Heimat Tirol setzt auf die Sanierung alter Energieschleudern

DER STANDARD hat gemeinnützigen und privaten Bauträgern aus ganz Österreich die gleiche Frage gestellt: Was ist Ihr bester Wohnbaubeitrag zum Thema Nachhaltigkeit? Die Antworten sind sehr unterschiedlich.

Das Wohnhochhaus in der An-der-Lan-Straße in Innsbruck wurde im Jahr 1969 errichtet. Das Datum zeichnet sich nicht nur an der Optik ab, sondern auch an den technischen Eckdaten. Mit rund 120 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr war das Haus eine regelrechte Energieschleuder. Das entspricht dem 12-fachen Heizwärmebedarf eines heutigen Passivhauses und immer noch dem vier- bis fünffachen eines modernen Niedrigenergiehauses.

„Solche Energiewerte sind heute nicht mehr vertretbar“, erklärt Klaus Lugger, Geschäftsführer der Neuen Heimat Tirol (NHT). „Moderne Neubauten sind schön und gut, aber wenn man ernsthaft ei-nen ökologischen Beitrag leisten will, dann muss man im Bestand ansetzen. Die wahre Musik spielt in der thermischen Sanierung von Altbauten.“

1993 wurde die Wohnanlage in der Nähe des Olympischen Dorfes schon einmal saniert. 2001 wurde die Ölheizanlage auf Gas umgestellt, 2008 schließlich auf Pellets. Letztes Jahr wurde die schrittweise Sanierung mit einem Darlehen auf zehn Jahre fortgesetzt. Insgesamt picken an der Wand nun 18 Zentimeter Mineralwolle.

75 Prozent weniger heizen

„Natürlich hätten wir gern auch eine kontrollierte Wohnraumbelüftung eingebaut, aber das wäre ein zu großer und zu kostspieliger Eingriff in die Substanz gewesen“, meint Lugger. „Man muss es nicht übertreiben.“ Immerhin beträgt der Heizwärmebedarf jetzt rund 30 kWh/m2a. Das ist ein Viertel von dem, was einmal war.

„Als gemeinnütziger Bauträger kann ich mich mit solchen Projekten durchaus begnügen“, sagt der NHT-Chef. „Wenn das alle so sähen, dann wäre die Energiebilanz am Bau- und Wohnsektor heute wahrscheinlich eine andere.“

Im Zuge der thermischen Sanierung wurden auch Liftanlage und Steigleitungen erneuert. Der einzige gröbere Eingriff in den persönlichen Wohnbereich war der Tausch der Fenster. „Wir unterstützen die These, dass wir lieber laufend instand halten und nicht 30 Jahre lang warten und dann alles auf einmal machen müssen.“

Trotz großer Heizkostenersparnis hat sich die Monatsmiete für die Bewohner nur minimal verändert. Mit 4,99 Euro Miete inklusive Betriebs- und Heizkosten ist die finanzielle Belastung immer noch gering. Lugger: „Es kann am Markt nicht nur moderne Wunderbauten geben. Es muss auch günstige Alternativen geben. Nur so funktioniert der soziale Mix.“

6. Juni 2012 Der Standard

Wie hoch ist der Preis der Nachhaltigkeit?

Das Österreichische Siedlungswerk (ÖSW) errichtete zusammen mit dem Architekten Adolf Krischanitz ein Wohnhaus auf den Aspanggründen in Wien. Das vielbeachtete Passivhaus regt zum Nachdenken an.

DER STANDARD hat gemeinnützigen und privaten Bauträgern aus ganz Österreich die gleiche Frage gestellt: Was ist Ihr bester Wohnbaubeitrag zum Thema Nachhaltigkeit? Die Antworten sind sehr unterschiedlich.

Am 22. Februar wurde das beige-braun-gestreifte Ildefonso-Haus in Wien-Landstraße an seine Mieter übergeben. Bei der offiziellen Begehung mitsamt Bauträger-Chef und Architekt fand man an einer der insgesamt 110 Wohnungstüren eine fassungslose, etwas erboste Mängelliste mit Klebeband befestigt: „Keine Heizung! Wo ist die Heizung?“

Michael Pech, Vorstand des Österreichischen Siedlungswerks (ÖSW); sieht die Sache gelassen: „Scheinbar wissen noch nicht alle Bewohner, dass sie jetzt in einem Passivhaus wohnen“, sagt er zum STANDARD. „Tatsache ist, dass man in einem Passivhaus keine Heizung benötigt, weil die im Sommer gekühlte und im Winter erwärmte Frischluft über eine kontrollierte Wohnraumbelüftung direkt in die Wohnung strömt. Im Großen und Ganzen sind die Bewohner von dieser Technologie ziemlich begeistert.“

Im Sommer drei Grad kühler

Für Pech ist das Passivhaus auf dem Areal des ehemaligen Aspangbahnhofs ein Meilenstein in puncto ökologischer Nachhaltigkeit. Das gesamte Haus steht auf einer Gummidichtung, die einerseits die Schwingungen der vorbeifahrenden Schnellbahn abfedert, andererseits auch als thermische Abschottung gegen das Erdreich fungiert. Die Fensterflächen sind bewusst klein gehalten, um die Heizkosten zu minimieren. Und die Decke über dem letzten Geschoß wird bei Bedarf mittels Betonkernaktivierung gekühlt. So können selbst die Wohnungen im letzten Stock, die im Sommer üblicherweise stark überhitzen, um zwei bis drei Grad Celsius abgekühlt werden.

Architekt Adolf Krischanitz betont mit Stolz die deutlich abgerundeten Ecken seiner Ildefonso-Würfel: „Das ist nicht nur eine ästhetische Maßnahme, sondern hat in erster Linie bauphysikalische Gründe.“ Eine eckig ausgeführte Ecke sei sehr exponiert und daher die kälteste Stelle der Fassade. An einer runden Ecke sei die Differenz geringer. „Aber auch im Innenraum ist das Eck rund ausgeführt“, so Krischanitz. „Und das ist besser für die Luftverwirbelung im Raum.“

Doch das Vorzeigehaus im neuen Stadtteil Eurogate, der größten Passivhaussiedlung Europas, bietet nicht nur Grund zum Jubeln, sondern auch zum Nachdenken. „Die jährliche Heizkostenersparnis in einer 80-Quadratmeter-Wohnung gegenüber einem herkömmlichen Niedrigenergiehaus beträgt rund 240 Euro“, rechnet ÖSW-Chef Pech mit einer gehörigen Portion Selbstkritik vor. „Klar, das ist viel Geld, aber es fragt sich à la longue, ob dieser Betrag gesamtheitlich betrachtet tatsächlich ins Gewicht fällt.“

Höhere Betriebskosten

Denn: Die Betriebs- und Wartungskosten in einem Passivhaus sind deutlich höher als in jedem anderen Wohnhaus. „Die Energiekosten für Ventilatoren, diverse Filterwechsel, die regelmäßigen Kontrollen und so weiter ... All diese Faktoren werden üblicherweise gerne außer Acht gelassen.“ Das ÖSW will es jedoch genau wissen. Demnächst, versichert Pech, werde man das Projekt, das mit rund 1300 Nettobaukosten pro Quadratmeter zu Buche geschlagen hat, evaluieren.

Auch der Architekt sieht die Errichtung von Passivhäusern im geförderten Segment nicht nur positiv. „Es gibt für Passivhäuser zwar eine kleine Erhöhung der Fördermittel, aber diese reicht bei weitem nicht aus, um die tatsächlichen Mehrkosten eines technisch so aufwändigen Projekts abzufedern“, meint Krischanitz. „Und so bleibt uns letztendlich nichts anderes übrig, als auch an der Architektur zu sparen.“

Kleine Fenster, kompakte Baukubatur, wenig finanzieller Spielraum - das Österreichische Siedlungswerk wirft mit diesem hochwertig geplanten und ausgeführten Wohnbau zu Recht eine Frage aufs Parkett, die viele Bauträger schuldig bleiben: Wie hoch ist der Preis der Nachhaltigkeit?

6. Juni 2012 Der Standard

Das Stiegenhaus als sozialer Treffpunkt

Das „beste Stück“ der Sozialbau: 245 Wohnungen im neuen Sonnwendviertel

DER STANDARD hat gemeinnützigen und privaten Bauträgern aus ganz Österreich die gleiche Frage gestellt: Was ist Ihr bester Wohnbaubeitrag zum Thema Nachhaltigkeit? Die Antworten sind sehr unterschiedlich.

Rund um den neuen Wiener Hauptbahnhof rollen bereits die Bagger. Vor allem im Sonnwendviertel - da, wo früher die Rangiergleise und Transportbetriebe waren - tut sich viel. Der gemeinnützige Bauträger Sozialbau ist hier gleich mit zwei Wohnbauten vertreten: einmal mit einem Projekt von Hubert Riess und einmal mit einer expressiven Wohnhausanlage in der Hackergasse 7 aus der Feder des Wiener Architekturbüros Blaich Delugan.

245 Wohnungen sind insgesamt geplant, etwa 165 davon werden im Rahmen der Wiener Wohnbauinitiative errichtet. Das bedeutet: Die Wohnungen werden zwar am freien Markt vergeben, doch die Mietpreise orientieren sich am geförderten Wohnbau, ohne dass die Bewohner die sonst üblichen Förderrichtlinien erfüllen müssen.

„Das neue Programm der Stadt Wien ist ein großer Schritt in Richtung sozialer Nachhaltigkeit“, sagt Herbert Ludl, Generaldirektor der Sozialbau, und verrät: „Die Wahrheit ist, dass sich der Markt zur grundsätzlichen Schaffung eines nachhaltigen Wohnungsangebots in keinster Weise eignet.“ Die gewinnorientierten Bauträger agierten meist zu kurzfristig, vor allem aber seien sie den wilden Fieberkurven der Finanzmärkte ausgeliefert. Abhilfe schaffen könne nur jenes Bauvolumen, das aus der Wohnbauförderung, mithilfe der Wohnbaubanken sowie aus dem Eigenkapital der gemeinnützigen Bauträger geschaffen werde.

Eine WG für Taubblinde

Das Gebäude in der Hackergasse wurde in Zusammenarbeit mit dem deutschen Wohnbauforscher Joachim Brech entwickelt. Neben dem heterogenen Wohnungsmix wird es auch eine 500 Quadratmeter große WG geben, die das Österreichische Hilfswerk für Taubblinde und hochgradig Hör- und Sehbehinderte (ÖHTB) betreiben wird. Die Stiegenhäuser, die in den letzten Jahren vorzugsweise klein und intim gestaltet wurden, werden wieder an Größe zunehmen. Pro Stiege werden etwa 50 Wohnungen erschlossen. „Unser Ziel ist es, ein Haus zu entwickeln, das zum Flanieren und Kommunizieren einlädt“, erklärt Architekt Dieter Blaich. „In engen Gängen ist so etwas nicht möglich.“

Ob das Konzept aufgeht, wird sich ab Juli 2013 weisen. Die Mieten liegen bei 8,11 Euro pro Quadratmeter. Eine Reduktion auf Superförderung ist möglich.

6. Juni 2012 Der Standard

Ein Wintergarten für alle

Knapp neben der U2-Bahntrasse baute die Buwog ihr passives Vorzeigehaus „Am Mühlgrund“. Aus der Grundstücksnot wurde eine Tugend gemacht: Für die nötige Abschottung sorgt ein begrüntes Stiegenhaus.

DER STANDARD hat gemeinnützigen und privaten Bauträgern aus ganz Österreich die gleiche Frage gestellt: Was ist Ihr bester Wohnbaubeitrag zum Thema Nachhaltigkeit? Die Antworten sind sehr unterschiedlich.

Die Zertifizierung ist geglückt. Und wie. Das Passivwohnhaus Am Mühlgrund in Wien-Donaustadt wurde von klima:aktiv mit 980 von insgesamt 1000 möglichen Punkten ausgezeichnet. Und von der Österreichischen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (ÖGNB) wurden immerhin 897 Punkte zugestanden. „Wir haben das Haus im Jänner an unsere Mieterinnen und Mieter übergeben“, sagt Gerhard Schuster, Geschäftsführer der Buwog. „Die Technologie in dieser Hightech-Wohnmaschine funktioniert sehr gut. Wenn man das System nicht absichtlich sabotiert, kann eigentlich nichts schiefgehen.“

Allein, in der Auswahl der Bewohner hat man ein wenig nachgeholfen. „Normalerweise müssen wir bei geförderten Wohnbauten ein Drittel der Wohnungen an das Wohnservice übergeben“, so Schuster. „Doch hier haben wir die Bewohner selbst aussuchen können und uns auf jene konzentriert, die sich für das Thema Passivhaus interessiert haben.“ Als Gegenleistung habe man dem Wohnservice eine entsprechende Anzahl an Wohnungen in anderen Projekten zur Verfügung gestellt.

Die Nettobaukosten knabbern mit rund 1400 Euro pro Quadratmeter hart an der Grenze der Förderbarkeit. Die Finanzierungsbeiträge belaufen sich auf 400 Euro (65 Euro bei Superförderung) pro Quadratmeter, und die Mieten liegen mit sieben Euro pro Quadratmeter im Durchschnitt. Der langfristige finanzielle Profit wird sich durch die niedrigen Heizkosten einstellen.

Segelbaufirma hat mitgebaut

„Es war von Anfang an klar, dass das ein Passivhaus werden muss“, meint Richard Manahl von Artec Architekten. „Die U-Bahn fährt knapp am Grundstück vorbei, also mussten wir das Haus im Norden abschotten. Im Süden konnten wir es dafür großzügig öffnen. Ideale Bedingungen für ein Passivhaus.“ Die Loggienplatten dienen nicht nur dem Sitzen an der frischen Luft, sondern auch der Verschattung. Und wenn das alles nicht hilft, können an der Außenkante der Loggien Sonnensegel aufgespannt werden, die eigens von einer Segelbaufirma am Neusiedler See produziert wurden.

Doch das auffälligste Element des Mühlgrund-Hauses ist die geknickte Leichtbaufassade an der Nordseite. Die charakteristische Form ist keineswegs Zufall. Manahl: „Durch das mehrfache Vor- und Zurückspringen leiten wir das diffuse Sonnenlicht aus dem Norden gezielt ins Stiegenhaus.“ Dieses ist nötig, um die rund tausend Pflanzen, die nach einem Konzept der Landschaftsarchitekten Auböck & Kárász zusammengestellt wurden, ausreichend zu versorgen.

„Das Stiegenhaus ist einerseits die klimatische Lunge des Gebäudes und regelt Temperatur und Luftfeuchtigkeit, andererseits ist es auch als vertikaler Grünraum für die Bewohner gedacht“, sagt der Architekt. Das Grundstück ist knapp bemessen. So kann man zumindest vor der Wohnungstür von Natur umgeben sein. Ob das Angebot angenommen wird? „Das lässt sich heute noch nicht sagen. So etwas braucht Zeit.“

6. Juni 2012 Der Standard

Wohlfahrtsstaat im kleinen Maßstab

Verstaubtes Image war gestern: Im Salzburger Stadtteil Taxham baut „die salzburg“ mit zwei anderen gemeinnützigen Bauträgern ein modernes Wohnhaus mit Fokus auf soziale Nachhaltigkeit. Die Kosten werden fair aufgeteilt.

DER STANDARD hat gemeinnützigen und privaten Bauträgern aus ganz Österreich die gleiche Frage gestellt: Was ist Ihr bester Wohnbaubeitrag zum Thema Nachhaltigkeit? Die Antworten sind sehr unterschiedlich.

Meist sind es die Bobos und Jungfamilien mitsamt Kinderwagen, die beschwingten Schrittes durch die Computervisualisierungen der Wohnbauträger marschieren. Nicht so im Fall des Projekts „Rosa Zukunft“ in Salzburg-Taxham. Hier regiert das betagte, pensionierte Beige: Sandalen, Bermuda-Shorts, und obendrauf ein Sonnenhut.

„Wir haben uns mit den gesellschaftlichen Veränderungen sehr intensiv beschäftigt“, sagt Michael König vom Evangelischen Diakoniewerk Salzburg. „Es steht fest: Oberflächliche Kontakte im Netz oder in der unmittelbaren Wohnumgebung sind nicht in der Lage, die beständigeren Beziehungen in der Nachbarschaft, im Freundeskreis und in der Familie zu ersetzen.“ Daher sei eine Aufgabe künftig besonders wichtig: die Schaffung attraktiver sozialer Nahmilieus im Hausverband.

In Zusammenarbeit mit der Diakonie Salzburg als sozialer Beraterin soll bis Ende nächsten Jahres dieses Vorzeigeprojekt auf die Beine gestellt werden. „Für mich persönlich ist die Wohnanlage Rosa Zukunft unser derzeit wichtigster und umfassendster Beitrag zur sozialen Nachhaltigkeit“, sagt Markus Sturm, Chef der Siedlungsgenossenschaft die salzburg, die das 18,5 Millionen Euro teure Wohnbauvorhaben (129 Wohnungen) mit den beiden gemeinnützigen Bauträgern Salzburger Siedlungswerk und Hans Myslik GmbH entwickelt. Für die Planung ist der Halleiner Architekt Karl Thalmeier verantwortlich.

Die gesamte Anlage ist in mehrere Baukörper gegliedert. Während drei Bauteile in Form seniorengerechter Miet- und Eigentumswohnungen genutzt werden, stehen drei Häuser für sogenanntes Generationenwohnen zur Verfügung. Hier soll ein Austausch zwischen den Generationen stattfinden. Tauschbörsen, Flohmärkte, Babysitting-Organisation sowie ein eigener Bewohnerbeirat sollen das bauliche Angebot um die nötige soziale Infrastruktur bereichern. Darüber hinaus wird es E-Bikes und Car-Sharing geben.

Die Bruttomieten betragen rund acht Euro pro Quadratmeter. Hinzu kommt eine monatliche Betreuungspauschale, die alle Bewohner gleichermaßen zu zahlen haben: 30 Euro die Jungen, 45 Euro die pflegebedürftigen Senioren. Ein fairer Deal. So sieht Wohlfahrtsstaat im kleinen Maßstab aus.

19. Mai 2012 Der Standard

„Die Stadt ist kaputtgefahren“

Am Montag hält Vittorio Magnano Lampugnani, Architekturhistoriker an der ETH Zürich, einen Vortrag in Wien. Thema: Stadt und Peripherie.

STANDARD: Wie wohnen Sie?

Lampugnani: Ich wohne mit meiner Familie in einem älteren Haus mitten in Mailand. Und ich habe einen schönen Balkon mit Blick auf einen Garten.

STANDARD: Haben Sie auch schon mal abseits der Stadt gewohnt?

Lampugnani: Ja, eine Zeitlang, als die Kinder klein waren, habe ich versucht, auf dem Land zu wohnen. Ich dachte, es sei eine gute Idee, ins Grüne zu ziehen. Aber es war keine gute Idee. Ich habe die meiste Zeit im Auto verbracht und war schlecht gelaunt. So sind wir wieder in die Stadt gezogen.

STANDARD: Trotzdem ist das Haus im Grünen an der Peripherie immer noch der Traum vieler Mitteleuropäer. Warum?

Lampugnani: Das frage ich mich auch. Ich glaube, der Traum vom Haus beginnt mit der Vision einer Villa mit einem wunderschönen, großen Park rundherum. Am Ende landet man in einem Fertigteilhaus mit Vorgarten und einer Thujenhecke hinter der Terrasse. Immer noch besser als eine enge, überteuerte Wohnung mitten in der Stadt, nicht wahr? Das Wohnen an der Peripherie ist vor allem ein ökonomisches Argument. Das Leben ist viel billiger - zumindest auf den ersten Blick.

STANDARD: Und auf den zweiten Blick?

Lampugnani: Ziemlich teuer! Die langen Wege ins Büro, ins Shoppingcenter, ins Kino oder einfach nur ins Stadtzentrum schlagen im Familienbudget ordentlich zu Buche - zumal sie sich periodisch wiederholen. Das Auto wird zum unverzichtbaren Hilfsmittel. Das ist Zwangsmobilität. Hinzu kommt, dass ein europäischer Pendler im Vergleich zu einem Innenstadtbewohner pro Monat durchschnittlich 12 bis 14 Stunden verliert - weil er im Auto sitzt. Alles in allem ist das Leben an der Peripherie teuer und ineffizient.

STANDARD: Welche Möglichkeiten gibt es, diese finanziellen Nachteile besser anschaulich zu machen?

Lampugnani: Die Leute sind nicht blöd. Mehr und mehr Menschen sind sich der Nachteile bewusst und sind in der Lage, unterschiedliche Aspekte gegeneinander abzuwägen. Da mache ich mir keine Sorgen. Doch nicht nur der Einzelne wird durch die Agglomeration mit Mehrkosten konfrontiert, sondern auch die Gesellschaft.

STANDARD: Sie meinen die Kosten für Erschließung, Straßenbau, öffentlichen Verkehr und Infrastruktur?

Lampugnani: Ja. Das sind außerordentlich hohe finanzielle Belastungen, die die Gesellschaft tragen muss, also jeder einzelne Steuerzahler. Ich sehe nicht ein, warum ein Innenstadtbewohner für den grünen Traum des Landbewohners mitzahlen soll. Man muss einen Weg finden, die Urbanisierungs- und Infrastrukturkosten denjenigen in Rechnung zu stellen, die sie verursachen.

STANDARD: Damit stellen Sie den gesamten Wohlfahrtsstaat infrage.

Lampugnani: Ja, ich weiß.

STANDARD: Und?

Lampugnani: Der Wohlfahrtsstaat hat irgendwann ein Ende. Bis zum Zweiten Weltkrieg war die Besiedelungs- und Regionalpolitik mehr oder weniger in Ordnung. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren jedoch sind die Städte und Peripherien - bedingt durch den Freiheitswunsch und durch eine wachsende Automobillobby - in einer Art und Weise gewachsen, dass uns die Kontrolle darüber verlorengegangen ist. Zwei Drittel der europäischen Bevölkerung leben heute an der Peripherie rund um die Stadt. Doch Tatsache ist: Wir können uns die Zersiedelung als Gesellschaftsform in dieser Form heute nicht mehr leisten.

STANDARD: Was schlagen Sie vor?

Lampugnani: Der allererste Schritt wäre die Streichung der Wohnbauförderung für Einfamilienhäuser. Es kann nicht sein, dass man diese ohnehin schon volkswirtschaftlich extrem teure Lebensform auch noch finanziell unterstützt und forciert.

STANDARD: Damit machen Sie sich keine Freunde.

Lampugnani: Umdenken ist nie bequem ... Der zweite Schritt wäre ein Ende der Ausweisung von Bauland. Ich kenne die Situation in Österreich nicht gut genug, aber allein in der Schweiz wird ein Quadratkilometer Bauland pro Sekunde ausgewiesen. Das ist zu viel. Mit der Verdichtung von Bauland könnte man pro Jahr zwei Milliarden Schweizer Franken (rund 1,7 Mrd. Euro, Anm.) an Infrastrukturen einsparen. Das ist viel Geld. Und der dritte Schritt wäre, das Pendlerverhalten zu verändern, also das Verhältnis zwischen Individualverkehr und öffentlichem Verkehr zu optimieren.

STANDARD: Das klingt nach einer Abschaffung der Pendlerpauschale für Autofahrer.

Lampugnani: Gegenwärtig wäre das ein zu radikaler Schritt, der sozial zutiefst ungerecht wäre. Eine Abschaffung der Pendlerpauschale ist nur dann denkbar, wenn auch die Peripherie abgeschafft wird.

STANDARD: Haben Sie ein Auto?

Lampugnani: Ich bin ein ausgesprochener Gegner des Automobils und fahre meist mit dem Rad. Aber ja, ich habe ein Auto: eine Giulietta aus den Fünfzigern. Ein Liebhaberstück. Mehr Spielzeug als Auto.

STANDARD: Sie sind Nostalgiker?

Lampugnani: Ich kann dem Alten immer etwas abgewinnen, wenn es besser ist als das Neue.

STANDARD: 2008 waren Sie Jury-Chef des Wettbewerbs zur Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses.

Lampugnani: Ich war zunächst in der Kommission, die über den Wiederaufbau des Schlosses beraten und eine Empfehlung ausstellen sollte. Da habe ich mich klar gegen eine solche Rekonstruktion geäußert. Aber ich wurde überstimmt. Der Bundestag hat sich für den Wiederaufbau entschieden.

STANDARD: Trotzdem haben Sie zugestimmt, den Juryvorsitz zu übernehmen.

Lampugnani: Ich wollte dazu beitragen, innerhalb der engen und schwierigen Ausschreibungskriterien die beste Lösung zu finden. Das Projekt von Franco Stella hat gewonnen, weil es unter den gegebenen Bedingungen das beste war.

STANDARD: Das ist jetzt der erste Moment in unserem Gespräch, an dem Sie nicht besonders leidenschaftlich klingen.

Lampugnani: Die Debatte um das Stadtschloss ist eine zutiefst deutsche, die so in keinem anderen Land dieser Erde möglich gewesen wäre. Und sie beginnt, mich zu langweilen.

STANDARD: In Wien wird derzeit eine Satellitenstadt errichtet. Was sagen Sie dazu?

Lampugnani: Sie meinen die Seestadt Aspern? Ich kenne das Projekt zu wenig, um es seriös beurteilen zu können. Generell kann ich sagen: Es gibt zwar Satellitenstädte, die funktionieren, doch in der Regel ist diese Besiedelungsform eher problematisch. Wir sollten die Art und Weise, wie wir unsere Städte erweitern, überdenken. Ein neues Stadtviertel, das Teil des urbanen Gefüges ist, ist in meinen Augen die bessere Strategie, um die Stadt zu erweitern.

STANDARD: Es siegt nicht immer die bessere Lösung.

Lampugnani: Ja, die Politik trifft nicht immer die besten Entscheidungen. Viele Gemeinden versuchen verzweifelt zu wachsen, um Urbanisierungskosten einzukassieren. Das Ergebnis ist ein entsprechend zerfranster Stadtrand.

STANDARD: Was ist mit der Immobilienwirtschaft? Die kommt ungeschoren davon?

Lampugnani: Das ist ein wichtiger Punkt. Ein großer Teil des Neubaus unserer Städte beruht auf dubiosen ökonomischen Praktiken der Immobilienwirtschaft. Und diese ist, wie wir wissen, sehr einseitig ausgerichtet. Da geht es einzig und allein um wirtschaftlichen Profit. Wenn die öffentliche Hand nicht mit Entschiedenheit gegensteuert, entsteht das, was letztendlich niemand will - nicht einmal die Investoren.

STANDARD: Ein trauriges Ende.

Lampugnani: Wir haben unsere Städte in den letzten 50, 60 Jahren ziemlich rasch kaputtgefahren. Jetzt müssen wir sie langsam wieder in Ordnung bringen.

STANDARD: Wie sieht die Idealstadt aus?

Lampugnani: Die Zauberworte lauten Durchmischung, Dezentralisierung und Dichte. Das sind jene drei Regeln, die durch die zehn Jahrtausende, seitdem es Stadt gibt, konstant geblieben sind. Wir werden nicht umhinkommen, diesen Regeln in Zukunft mehr Aufmerksamkeit zu schenken als in der jüngeren Vergangenheit, wo eine Menge Fehlplanungen passiert sind. Denn es geht nicht nur um die Zukunft der Stadt, sondern auch um die Zukunft unserer Gesellschaft und unserer Kultur.

Am Montag, hält er einen Vortrag in Wien: „Die Peripherie gibt es nicht“. 21. Mai, 18.30 Uhr. Wien-Museum am Karlsplatz.

5. Mai 2012 Der Standard

Hier lernt man den Lufthaken

Vor wenigen Wochen wurde in Ithaca, Upstate New York, die Milstein Hall von Rem Koolhaas feierlich eröffnet. So sieht Lernen aus.

Um sieben Uhr morgens sitzen bereits die ersten Studenten in der Halle, kleben Holz und Karton, bauen Kulissen aus Lego, spannen gelbe Gummiseile quer durch den Raum. Ein paar Meter weiter hört man Stichsäge und Bohrmaschine. Aus dem hintersten Eck dröhnt das Surren eines hörbar überforderten Elektromotors. Ein quietschendes Aufjaulen. Ein dumpfes Fauchen. Und Stille.

„Ich fühle mich hier wie in einem riesigen Traumlabor“, sagt José Tihgerina. Der 22-jährige Bachelor-Student aus Mexiko-Stadt, der Mann mit den gelben Seilen, absolviert in Ithaca bereits sein viertes Jahr. „Noch fühlt sich das Gebäude neu an, und es hat einige Zeit gedauert, bis die Studenten sich wirklich getraut haben, es wie ein Werkzeug zu benützen. Doch nun ist die Stimmung ziemlich perfekt. Einen besseren und lebendigeren Arbeitsplatz kann ich mir nicht vorstellen.“

Verantwortlich dafür ist der niederländische Architekt Rem Koolhaas. Nach einer ganzen Reihe namhafter Kollegen wie etwa Thom Mayne, James Stirling, Richard Meier und Ieoh Ming Pei, die auf dem Campus der Cornell University im hohen Norden des US-Bundesstaats New York bereits ihre Handschriften hinterließen, ist er der Jüngste in der Riege der Bauenden.

Gemeinsam mit seinem Büro OMA plante er diesen 2500 Quadratmeter großen Arbeitssaal für das AAP Institute (Architecture, Art and Planning), das vor wenigen Wochen feierlich eröffnet wurde, unterfütterte es im Erdgeschoß und Keller mit einem Hörsaal und einem riesigen Kuppelraum für Kritiken und Projektpräsentationen, platzierte das Raumprogramm millimetergenau zwischen die beiden denkmalgeschützten Backsteinbauten aus dem 19. Jahrhundert und hängte das gesamte Gebäude schließlich an einer erklecklichen Anzahl Siemens-Lufthaken auf.

Stützen und Säulen

Anders kann man sich das unangestrengt schwerelose Schweben, ohne sich dabei auf die alten Mauern zu stützen, kaum erklären. „Es ist schon lustig“, erinnert sich Shohei Shigematsu, der Chefarchitekt und Projektleiter in der New Yorker OMA-Dependance. „Eigentlich wollten wir Kosten sparen und haben das Gebäude zu Beginn auf Stützen und Säulen gestellt. So wie man sich das halt vorstellt. Es war der ausdrückliche Wunsch der Cornell University, auf diese Maßnahmen zu verzichten und das gesamte Bauwerk stattdessen nach allen Seiten stützenfrei auskragen zu lassen. Meistens ist es der Architekt, der vor dem Auftraggeber darum kämpft, seine Visionen umzusetzen. In diesem Fall war es umgekehrt.“ Die paar Millionen US-Dollar, um die sich das Projekt dadurch verteuerte, schienen die Universität und den ehemaligen Absolventen und Hauptsponsor des Projekts, Paul Milstein, nicht zu kratzen. Am Ende betrugen die Baukosten 37,6 Millionen Dollar (rund 28,5 Mio. Euro). Die Life-Cycle-Kosten mitsamt Nebenkosten, Honoraren und Betriebskosten belaufen sich über die ermittelte Lebenszeit des Hauses auf etwa 55,5 Millionen Dollar (rund 42 Mio. Euro). In der Miteinbeziehung dieses Kostenfaktors sind die Nordamerikaner den Europäern definitiv einen Riesenschritt voraus.

„Das war das Geld schon wert“, meint Kent Kleinman, Dekan der AAP-Fakultät. „Das ist ein intelligent und überaus konsequent geplantes pädagogisches Instrument, das viele verschiedene Formen des Lehrens und Lernens ermöglicht. 300 Studenten, die miteinander in einem Raum arbeiten, kann es etwas Schöneres geben?“ Kurze Pause. „Aber soll ich Ihnen etwas verraten? Am liebsten habe ich es, wenn ich im Hörsaal stehe und durch die große Glasfassade die Leute auf der Straße beobachten kann, wie sie unter der großen Halle auf den Bus warten und sich dabei mit großen Gesten über die Statik dieses Gebäudes unterhalten.“

Es habe sogar schon Anfragen von Orchestern gegeben, die im Hörsaal Kammermusik aufführen wollten. Erst unlängst sei eine Anfrage eines verlobten Paares am Institut eingetrudelt. Mann und Frau wollen sich unter der stützenfreien Auskragung der Milstein Hall das Jawort geben. Kleinman: „Das Gebäude ist schon weit über den Campus hinaus bekannt. Und die Reaktionen der Leute zeigen, dass das Haus mehr ist als nur ein Haus. Es ist ein Symbol für zeitgenössisches Bauen.“

So sieht das Gebäude im Detail aus: Das erste Obergeschoß besteht aus einer wuchtigen Stahlkonstruktion. Unverblümt knallt das Neue auf das Alte. Vor der historischen Backsteinfassade tanzen weiß lackierte Fachwerkträger auf und ab. Ihnen ist zu verdanken, dass die große Halle sowohl an der Süd- als auch an der Nordseite rund 16 Meter weit ins Nichts hinauszischt.

An der Fassade ist das Gebäude nicht etwa mit lackierten Paneelen verkleidet, wie man vermuten möchte, sondern mit Marmor aus der Türkei. Unscheinbar ist der Name des Sponsors in die Oberfläche gefräst. Das ist Understatement pur. „Der Stein stammt zwar aus der Natur, aber aufgrund der Barcode-Optik könnte man es leicht mit einem künstlich hergestellten Baustoff verwechseln“, erklärt der Projektleiter. „Ich finde diese Irritation sehr lustig.“

Skaten und studieren

Unter der Halle bäumt sich die Erde zu einer organisch geformten Stahlbeton-Landschaft auf. Der höhlenartige Massivbau dient einerseits als Sockel, andererseits als Aussteifung. Die Skater haben den Ort längst in Besitz genommen. Nur an der Akustik hapert's noch. Das kathedralische Echo im Innenraum eignet sich mehr für Konzerte denn als Präsentationsraum für Studenten. Nach Auskunft von OMA arbeite man bereits daran, den Mangel zu beheben.

Zu entdecken gibt es genug - etwa die historisierenden Deckenverkleidungen aus Lochblech, die bedruckten Vorhänge mit Zitaten aus der Baukunst, die Hörsaal-Bestuhlung mit seitlich ausklappbaren Tischchen zum Mitschreiben. Sogar an die Linkshänder wurde gedacht. All diese versteckten Hinweise, all diese architektonischen Details mit Schmunzelpotenzial machen die Milstein Hall zu einer würdevollen Visitenkarte für die Studienzweige Kunst und Architektur. Nicht zuletzt ist sie ein Vozeigebeispiel für einen modernen, unverkrampften Umgang mit denkmalgeschützter Bausubstanz.

„Manche Leute finden das Haus echt eigenartig“, sagt Youngjin Yi. „Es gefällt nicht allen, aber alle reden darüber. An der Cornell University hat das Projekt jedenfalls einen Hype ausgelöst.“ Konzentriert schaut die 24-jährige Studentin in ihren Monitor, zeichnet ein paar Striche, blickt wieder auf. „Bis vor kurzem hatten wir unser Studio in ein paar kleinen Zimmern im Altbau. Jetzt sitzen wir hier zu dreihundert in diesem offenen und kommunikativen Raum und arbeiten uns gemeinsam durchs Studium. So stelle ich mir Lernen vor. Hast du schon den Typen mit den gelben Seilen interviewt? Der macht ein echt irres Projekt. Mit dem musst du reden!“

27. April 2012 Der Standard

Pioniere in der Krise

Am Donnerstag wurde an der TU Wien der Blue Award 2012 vergeben. Studenten aus aller Welt haben sich ihren Kopf über das Thema Nachhaltigkeit zerbrochen.

Der größte Widerstand liegt in den Köpfen der Menschen. „Mit Lehm will niemand bauen, weil das in Brasilien ein klassischer Arme-Leute-Baustoff ist“, sagt Gregor Fasching. „Und Bambus wächst hier ohne Ende, aber scheinbar ist noch niemand auf die Idee gekommen, die Pflanze als Baustoff zu nutzen.“ Seit einigen Jahren lebt der 33-jährige Architekturabsolvent der TU Wien mal in Österreich, mal in Brasilien. Gemeinsam mit seiner Kollegin Doris Großtessner-Hain plante er in Guarabira, Bundesstaat Paraíba, eine Schule, die diese beiden Unmöglichkeiten vereint: unten Lehmbau, und obendrauf ein Dach aus Bambusrohr. Demnächst ist Baubeginn.

Vorgestern, Donnerstag, wurde sein Projekt „Eine Schule für Anajô“ als eines von insgesamt drei Forschungsarbeiten im Kuppelsaal der TU Wien mit dem Blue Award 2012 ausgezeichnet. Ziel dieses Preises, der 2009 ins Leben gerufen und nun zum zweiten Mal vergeben wurde, ist die Hervorhebung besonderer akademischer Leistungen im Bereich nachhaltigen Planens und Bauens. 234 Studenten aus 38 Nationen nahmen heuer daran teil. Den Siegern winken 20.000 Euro Preisgeld.

„Die nominierten Projekte zeichnen sich durch eine sehr aufgeschlossene Herangehensweise aus“, sagt Françoise-Hélène Jourda, Initiatorin des Blue Award und Leiterin der Abteilung für Raumgestaltung und nachhaltiges Entwerfen der TU Wien. „Es ist erstaunlich, wie einfühlsam die meisten Studierenden auf die sozialen, kulturellen und ländlichen Gegebenheiten eines Ortes reagieren.“

Und der Londoner Architekt und Öko-Pionier Michael Hopkins, Ehrenpräsident des Blue Award, meint im STANDARD -Interview: „Die Studenten zerbrechen sich über Dinge den Kopf, an die nicht einmal die meisten Architekten denken. Doch Tatsache ist: Die Welt ändert sich. Und das haben wir selbst zu verantworten. Darauf nicht zu reagieren ist unverantwortlich. Insofern begrüße ich die eingereichten Projekte sehr.“

Zurück nach Anajô, wo Fasching bereits einen Zehn-Jahres-Plan entwickelt hat, der über den reinen Bau des Schulgebäudes weit hinausgeht. Sein Konzept beinhaltet nicht nur Entwurfs- und Detailpläne, sondern auch genaue Überlegungen zum Schulbetrieb. „In Brasilien herrscht Schulpflicht. Doch das größte Problem ist, dass die meisten Kinder nur am ersten und am letzten Schultag in der Klasse erscheinen. Das reicht, um das Schuljahr offiziell absolviert zu haben und ein positives Zeugnis in die Hand gedrückt zu bekommen. Leider wird diese Vorgehensweise in vielen Gegenden Brasiliens toleriert.“

Erst Mathe, dann Capoeira

In Zusammenarbeit mit der NGO Fundação Anajô arbeitete Fasching einen Plan aus, wie man diesem wenig zielführenden Trick der Kids entgegenwirken kann: Capoeira. „Das ist nicht nur traditionelle Kampfsportart, sondern auch ein unglaublicher Magnet, der viele Kinder und Jugendliche begeistert. Auf dieser Basis wollen wir aufbauen.“ Geplant ist, den Sport beziehungsweise die Sportausbildung in den täglichen Schulbetrieb miteinzubinden und den Schülern eine warme Mahlzeit pro Tag anzubieten. Als Gegenleistung für den Gratis-Capoeira-Kurs müssen sie die Schulbank drücken. Ein fairer Deal.

Während die Kosten für den laufenden Schulbetrieb mit zusätzlichen Privatsponsoren noch sichergestellt werden müssen, sind Grundstück und Gebäude mit 8000 Euro bereits komplett ausfinanziert. „Der Bau ist sehr billig“, erklärt Gregor Fasching. „Der Bambus wächst überall rundherum, und den Lehm bekommen wir vom Nachbarn zur Verfügung gestellt. Das einzig wirklich Teure an so einem Gebäude sind die Fenster und Türen.“

Die Lösung zum Problem: Die Türen sollen auf ein Minimum reduziert werden, und die Fenster werden gleich komplett weggelassen. Ein ordentlicher Dachüberstand soll die Wandlöcher in Zukunft vor starken tropischen Regenfällen schützen.

Ein Haus für Marmeladen

Den sozialen und ökonomischen Ungereimtheiten auf dem Land widmete sich auch Veronika Holczer, Siegerin in der Kategorie „Building in Existing Structures“. Die 28-jährige Absolventin der Technischen und Wirtschaftswissenschaftlichen Universität Budapest übersiedelte am Ende ihres Studiums nach Markóc, einer kleinen Siedlung an der ungarisch-kroatischen Grenze. 66 Menschen leben hier, großteils Arbeitslose und Bauern. „Viele Gebäude in Markóc waren ungenutzt und längst verfallen“, erinnert sich Holczer. „Eines Tages hat mich der Bürgermeister gebeten, einen der Schuppen zu revitalisieren und für die Menschen wieder nutzbar zu machen.“

In monatelanger Arbeit wurde aus der kaputten Holzbaracke ein Gemeinschaftsraum für die Bevölkerung. Es gibt Lagerungsmöglichkeiten für Ackerwerkzeug und eine Küche, in der die Bauern und Bäuerinnen ihre Produkte zu eingelegtem Gemüse und Marmelade verarbeiten können. Noch ist der Arbeitsschuppen ungedämmt und kann daher nur im Sommer verwendet werden. Das Preisgeld des Blue Award soll nun in Fenster und Dämmung investiert werden.

„Meine Beobachtung ist, dass die Bevölkerung am Land zunehmend benachteiligt wird.“ In Zukunft, meint Holczer, werde sich Architektur vermehrt auf die Bauaufgaben abseits von Großstadt und Hochglanzzeitschrift konzentrieren müssen. „Die Städte wachsen und prosperieren, und im ruralen Raum bleiben die Menschen auf der Strecke. Wenn wir Architektinnen und Architekten diese Ungleichheit akzeptieren, dann haben wir unseren Beruf eindeutig missverstanden.“

Schließlich führt die Reise nach Indien. Nikhil Chaudhary von der CEPT University in Ahmedabad bekam für sein Projekt „Reverse Thrust: Restructuring the Urban Fringe along Ring Roads“ den 1. Preis in der Kategorie „Urban Development and Transformation“. In der Industriestadt Nagpur in der Mitte des Landes will Chaudhary den ignoranten Autobahnplanungen der Stadtregierung entgegenwirken.

„Es gibt viele Infrastruktur- und Verkehrsprobleme in Nagpur, und die Chefplaner glauben, diese durch eine weitere Ringautobahn lösen zu können“, erklärt der 26-jährige Student. „Aber das ist definitiv nicht der Fall, denn mit jeder neuen Autobahn begünstigt man lediglich die Zentren rund um die Auf- und Abfahrten, wo wie überall Hochhäuser entstehen. Das weite Land dazwischen, wo viele tausend Menschen leben, bleibt unberücksichtigt.“

Chaudharys Projekt sieht einen detailliert ausgearbeiteten Stufenplan vor, wie die vielen Slums und Agrarflächen an ein entsprechendes infrastrukturelles Netz angebunden werden können - von Wasser und Kanalisation über Feldbewässerung bis hin zum Mobilitätsnetzwerk mit Geh- und Radwegen.

„Autobahnen bauen, die Starken stärken und die Schwachen schwächen - so funktioniert Stadtentwicklung in Indien heutzutage“, kritisiert Nikhil Chaudhary. „Es ist dringend an der Zeit, nicht nur auf der primären Ebene zu planen und alles darunter zu vergessen, sondern sich auch mit den Konsequenzen auseinanderzusetzen.“ Chaudhary hofft, dass sein Projekt ein Prototyp für strukturell geschädigte Großstädte in Indien werden könnte. Demnächst will er das Projekt der Stadtregierung zur Begutachtung vorlegen.

„Wie man anhand der siegreichen Projekte gut sieht, wächst unser Gespür für Nachhaltigkeit mit zunehmendem Maß an gesellschaftspolitischer und wirtschaftlicher Rezession“, sagt Blue-Award-Ehrenpräsident Michael Hopkins. „Das war schon immer so, und das wird auch immer so sein.“ So gesehen ist Krise eine große Chance für Neubeginn und Kreativität. Die Studenten, so scheint es, haben diese Lektion schneller begriffen als so mancher Architekt.

7. April 2012 Der Standard

Grüner als der Rasen

Dribbeln in der Wüste? Für die Fußball-WM 2022 plant Katar zwölf Stadien, die mit Sonnenenergie gekühlt werden sollen. Diese Woche fand dazu in Doha eine internationale Konferenz statt.

Frage an den Taxifahrer: „Sagen Sie, gibt es in Katar einen Nationalsport?“ Langes Zögern, Kratzen am Kinn, Runzeln auf der Stirn. Leise kommt es über die Lippen: „Falkenjagd. Und Kamelrennen vielleicht. Mehr fällt mir nicht ein.“ So oder so ähnlich gestaltete sich der letzte Spontandialog zwischen Gast und Einheimischem im Jahr 2005.

Sieben Jahre später ist alles anders. Frage an den Taxifahrer: „Sagen Sie, gibt es in Katar einen Nationalsport?“ Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Ja klar, Leichtathletik und Fußball. Sie haben wohl wirklich keine Ahnung, was?“

Zur Fußball-WM in zehn Jahren ist es noch ein breiter Weg. Doch seitdem sich Katar mit einem sieben Kilo schweren Bieterbuch für den Fifa World Cup 2022 beteiligte und vor mehr als einem Jahr dafür den Zuschlag erhielt, liegt über dem kleinen Wüstenstaat am Persischen Golf eine Art verzückter Vorfreude. Und Handeln.

Am Mittwoch fand in der katarischen Hauptstadt Doha, quasi in der Aura des bestehenden Khalifa-Stadions, das bis 2022 um 20.000 Sitzplätze erweitert und energetisch aufgemotzt werden soll, der Coliseum Summit 2012 statt. Das Symposium befasste sich mit Planung und Bau von Sportstätten und Veranstaltungshallen. Das Hauptaugenmerk galt den Chancen und Herausforderungen des bevorstehenden Megaevents, in das Katar mehr als vier Milliarden US-Dollar investieren will. Insgesamt sollen zwölf Stadien errichtet beziehungsweise adaptiert werden.

„Die Kritik, die im Zusammenhang mit der WM 2022 am häufigsten zu hören ist, betrifft das Klima und die hohen Temperaturen“, sagt Veranstalter Michael Rennschmied. Der Deutsche lebt seit sechs Jahren in Katar, ist Chef der MJR Communication Group und betreibt einen eigenen Architekturverlag. Über die immer und immer wieder gehörten Vorurteile könnte er bereits ein Buch schreiben.

„Natürlich ist es im Sommer sehr heiß, aber die Weltmeisterschaften in Mexiko 1986 und in den USA 1994 waren auch nicht gerade von Hitze verschont. Und wenn ich mir anschaue, unter welchen Bedingungen jedes Jahr die Australian Open stattfindet und wie die Tennisspieler unter der Sonne brüten, dann frage ich mich, worüber wir hier eigentlich diskutieren.“

Kicken gegen die Hitze

Eines ist nach wenigen Vorträgen klar: Auf vorgefasste Meinungen, was Klima und Wetter betrifft, reagieren sowohl die Katarer als auch die weitgereisten Vortragenden aus Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Österreich und der Schweiz, aber auch aus Brasilien, Australien und Südafrika mit Unverständnis und Ärger. Da hört sich der Spaß auf.

„Sport spielt in Katar schon seit langer Zeit eine große Rolle, und Fußball ist bei uns mittlerweile die Nummer 1“, meint Nasser al-Khater, Communication Director des Qatar 2022 Supreme Committee. „Und ja, die Temperatur in den Sommermonaten ist ein Faktum, das man nicht schönreden kann. Aber genau darin sehe ich eine große Chance für die Zukunft. Wir möchten uns mit diesem Problem ernsthaft auseinandersetzen und technische und infrastrukturelle Lösungen erarbeiten, die die Klimatisierung in den Golfstaaten nachhaltig verändern könnte.“

Was das genau heißt, erklärt Lee Hosking, Projektleiter bei Arup Associates und damit einer der federführenden Planer und Mitbieter für Katar 2022. „Wir haben der Fifa das Versprechen gegeben, dass wir die Stadien durch solare Kühlung ohne ein Gramm CO2-Emission auf ein akzeptables Maß runterkühlen können. Und dieses Versprechen werden wir auch halten.“ Ende 2010 stellte Arup ein kleines Showcase-Stadion für 500 Sitzplätze fertig. Der Prototyp beweist: Das Konzept funktioniert. Gekühlt wird mit der Sonne. Einerseits wird über eine 1400 Quadratmeter große Fotovoltaikanlage auf den Dachflächen und in der Nähe des Stadions Strom produziert, der ins öffentliche Netz gespeist und im Bedarfsfall wieder entnommen wird. So kann das Stadion temperiert werden. Andererseits wird durch die Sonneneinstrahlung Wärme gewonnen, die während des Tages in unterirdischen Wassertanks gespeichert wird. In sogenannten Absorptionskältemaschinen wird die Energie anschließend in Kälte umgewandelt. Das Prinzip ist nichts anderes als ein riesengroßer Kühlschrank XXL. Für den Notbetrieb stehen Generatoren auf Basis von Biosprit bereit. Hosking: „Natürlich ist ein Stadion für 80.000 Zuschauer etwas ganz anderes. Man muss dabei nicht nur den Maßstab und die Infrastruktur verändern, sondern auch andere Faktoren in die Planung miteinbeziehen, die bei einem 500-Mann-Gebäude nicht ins Gewicht fallen.“ Die größte Unbekannte in diesem System ist nicht die Sonne, sondern ausgerechnet der Wind. Sobald der Wüstenwind über das Stadion fegt, besteht die Gefahr, dass die Böe in die Arena gelangt und die mühsam abgekühlte Luft mit einem Stoß wieder rausschaufelt. Aus diesem Grund sollen die Stadien für den Fall eines Wetterumschwungs mit mobilen Dächern ausgestattet werden. „Wir müssen nicht erst warten, bis womöglich noch ausgereiftere und noch effizientere Technologien auf den Markt kommen. Es ist schon alles entwickelt.“ Zwei große Stadien, an denen Arup maßgeblich beteiligt ist, sind bereits in Planung. Die Details möchte man vorerst noch für sich behalten. Salah S. Nezar, Sustainability Director beim Projekt- und Baumanager QPM, erhofft sich durch Katar 2022 ein Umdenken in Sachen Energiehaushalt und Ressourcenverbrauch. „55 bis 60 Prozent des Energieverbrauchs in Katar werden für die Klimatisierung von Gebäuden verwendet. Und der Energiebedarf in den Golfstaaten wächst jedes Jahr um zwei Prozent. Das ist ein Wahnsinn.“ Man müsse effizienter werden, in erster Linie aber müsse man das Verhalten der Menschen ändern. „Ein World Cup mit so einem ambitionierten Programm ist sehr medientauglich. Damit kann man Probleme, Schwierigkeiten und Herausforderungen für die Masse leicht verständlich machen. Ich sehe darin eine enorme Chance.“ Mit etwas Glück, so Nezar, könnte Katar 2022 die Baukultur am Golf nachhaltig verändern. So steht es übrigens auch in der Masterstudie „Qatar Vision 2030“.

Und jetzt auch noch Olympia?

Dass man es mit der vielzitierten Nachhaltigkeit ernst meint, beweist die Tatsache, dass schon jetzt über Rückbau, Verkleinerung und Nachnutzungsmöglichkeiten diskutiert wird. Neun der insgesamt zwölf geplanten Stadien sollen nach der WM redimensioniert werden. Die modularen, nicht mehr benötigten Sitztribünen - 170.000 Sitzplätze insgesamt - will Katar nach der WM an ärmere Länder verschenken. Weiße Elefanten, die mitten im Wüstensand vor sich hinrotten, will man auf diese Weise vermeiden.

Nachhaltigkeit bedeutet aber vor allem, am Ball zu bleiben. „Im arabischen Raum gibt es schon fast alles“, sagt der Qatar-2022-Chef Nasser al-Khater zum Abschluss. „Aber auf Sport hat sich bisher noch kein Land und kein Emirat konzentriert. Das ist ein großes Manko in dieser Region. Wir holen das nach.“ Der World Cup 2022 ist noch nicht alles. Am 15. Februar hat sich Katar als Austragungsort für die Olympischen Sommerspiele 2020 beworben. Sportliche Ambitionen.

24. März 2012 Der Standard

Cineplex für Cineasten

Was die einen liebevoll als „Auster“ und die anderen noch liebevoller als „weißen Schwan“ bezeichnen, wurde von den Marketingleuten des Museums schlicht und nüchtern EYE genannt.

Szene eins. Hauptbahnhof Amsterdam, typische Feierabendhektik, am Ufer des Ij zischen Radfahrer und Bromfietser durchs Bild. Blick auf die Fähre. Die letzten Passagiere gelangen aufs Deck, die Rampe wird hochgeklappt, mit einem Ruck setzt sich das Schiff in Bewegung. Schwenk auf den leerstehenden Overhoeks Tower, besser bekannt als Shell-Hochhaus, die gesamte Fassade ist mit einem Werbebanner verhangen. Eine Möwe fliegt durchs Bild. Links davon taucht ein kantiges, weißes, hell beleuchtetes Ding auf. Abstrakte Erscheinung, dynamische Form, das Motiv macht neugierig. Und Schnitt.

Vorspann. EYE. Das neue Filmmuseum in Amsterdam. Ein Projekt des Wiener Büros Delugan Meissl Associated Architects (DMAA). „Die Erscheinung dieses Gebäudes fasziniert mich jedes Mal wieder“, sagt Architekt Roman Delugan, blickt genießerisch um sich, kommt aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus. „Es ist wie im Film. Es geht um bewegte Bilder. Doch in diesem Fall ist die Kamera nicht statisch, sondern befindet sich mitten in unserem Kopf und ist permanent in Bewegung. Und mit jedem Meter, den man sich bewegt, verändert sich der Bau, wird mal kräftiger und mal schlanker, mal höher und mal geduckter, mal offener und mal geschlossener.“

Vorgestern, Donnerstag, fand die Pressekonferenz für niederländische und deutschsprachige Medienvertreter statt. Während auf der Bühne große, pathetische Worte gesprochen wurden, waren im Hintergrund Bohrmaschine und Hammer zu hören. Noch muss ordentlich Hand angelegt werden. Die Arena aus Eichenparkett wird geschliffen, die letzten Blechpaneele werden montiert, Filmprojektoren und Videobeamer müssen millimetergenau kalibriert werden. Am 4. April wird das Bauwerk (Gesamtinvestitionsvolumen 30 Millionen Euro) in Anwesenheit von Königin Beatrix feierlich eröffnet.

Was die einen liebevoll als „Auster“ und die anderen noch liebevoller als „weißen Schwan“ bezeichnen, wurde von den Marketingleuten des Museums schlicht und nüchtern EYE genannt. Das Auge. Tatsächlich sind mit dem Blick in die Zukunft viele Hoffnungen verbunden. Einerseits soll der nationalen und internationalen Filmgeschichte endlich jener Respekt gezollt werden, der ihr gebührt. Andererseits soll damit ein längst in Vergessenheit geratenes Stadtviertel zu neuem Leben erweckt werden.

Ende der verbotenen Stadt

Jahrzehntelang machte sich hier der Mineralölkonzern Royal Dutch Shell breit, forschte und laborierte auf einem riesigen Areal, das für die Öffentlichkeit nicht zugänglich war. Der charakteristische, 20-stöckige Overhoeks Tower war das einzig sichtbare Signal nach außen. Mit dem Umzug auf ein kleineres Firmengelände im Norden wurde das Shell-Territorium leer und muss nun sukzessive dem organischen Gefüge der Stadt einverleibt werden. Ein großes Unterfangen. Die Errichtung des Filmmuseums - Grundstück und Haus sind Eigentum der ING Real Estate und werden nun für die Dauer von 25 Jahren an das Filmmuseum vermietet - war die Initialzündung. Weitere Projekte, die meisten davon Wohn- und Bürogebäude, befinden sich in Bau.

„Dieses Gebiet war für die Amsterdamer ein richtiges Tabu“, erinnert sich Sandra den Hamer, Direktorin des neuen EYE. „So gesehen bin ich sehr froh, dass wir die Ersten sind, die dafür sorgen werden, dass Menschen hierherkommen und dieses Stück Stadt nun langsam in Besitz nehmen werden.“ Die Ersten sind dieser Einladung bereits gefolgt, sitzen mit Hund und iPod am Kai oder arbeiten am Laptop.

Bis vor kurzem befand sich das Filmmuseum in einer schmucken Villa im Vondel-Park mitten in der Altstadt. Schon früh hatte man begonnen, alte Filme auszugraben, zu restaurieren und dem Publikum zugänglich zu machen. Dieser Pionierarbeit verdankt das Filmmuseum, dessen Sammlung sich mittlerweile auf 40.000 Filme beläuft, seine internationale Bedeutung. Ende 2009 erfolgte die Zusammenlegung mit Holland Film, mit der Filmbank und mit dem Netherlands Institute for Film Education. Zu viel Programm für so eine kleine Villa.

„Die Situation ist heute ganz anders“, sagt den Hamer. "Wir haben vier Kinosäle, darunter einen Premierensaal für 350 Zuschauer, einen großzügigen Ausstellungsraum und diverse interaktive Zuschauerbereiche für Kinder und Erwachsene. Damit haben die Amsterdamer Cineasten ein neues Zuhause. Und wenn bis Ende des Jahres alle holländischen Kinos auf Digitalbetrieb umgestellt werden, wird das EYE das einzige Kino der Niederlande mit klassischen Projektoren für 35- und 70-Millimeter-Filme sein.

Doch der größte Erfolg von DMAA, die 2005 als Sieger aus einem internationalen Bewerbungsverfahren hervorgegangen sind, ist die hölzerne Arena mit Blick auf die Stadt. Café und Bar, hunderte Sitzkissen auf den Stiegen und die dramatischen Deckenlampen des dänisch-isländischen Künstlers Olafur Eliasson sollen diesen Raum, der entgegen der ursprünglichen Ausschreibung von DMAA quasi als Bonustrack mitgeliefert wurde, schon bald zu einem Hotspot für Stadtflaneure und Cineasten machen. Sogar der nationale TV-Sender VPRO hat bereits Interesse bekundet und will hier Talkshows und Life-Debatten drehen.

Kein Popcorn, kein Cola

„Im klassischen Filmbetrieb kauft man Popcorn und Cola, sitzt dann zwei Stunden in einer Black- Box und wird nach der Projektion an der Rückseite des Gebäudes wieder auf die Straße entlassen“, erzählt Delugan. „Das ist deprimierend. Wir wollten daher bewusst einen Treffpunkt für die Bevölkerung schaffen, wo man sich danach auf ein Gin Tonic zusammensetzen und über den Film reden kann.“ Man hört bereits die Gläser klirren.

Genau das ist die Stärke dieses Hauses. Wäre das eine Filmkritik, würde hier nun stehen: Das Drehbuch ist spannend geschrieben und reagiert auf aktuelle gesellschaftliche und kulturpolitische Umstände, die Charaktere sind präzise ausgearbeitet, das Setting ist perfekt gewählt. Und die ersten Szenen sind vielversprechend. Doch in der zweiten Hälfte des Films geht den Protagonisten die Luft aus.

Kaum hat man die Arena verlassen und begibt sich in die Ausstellungs- und Filmvorführräume, wird es banal. Lange Gänge, rechteckige Kinoschachteln, VIP-Lounge ohne Herz und Charme. Von Film und Kino, von „Lichtmalerei“ und „räumlicher und architektonischer Illusion“, von der Roman Delugan gesprochen hat, von dieser für Delugan Meissl so typischen, geschmeidig geilen Raumflussarchitektur fehlt jede Spur. Räumliche Interaktion von Film und Architektur, die sehr spannend hätte werden können, sucht man vergeblich. Leider.

Es ist kein Zufall, dass der Architekt mehr über das neue Signal am anderen Ufer, mehr über die visuelle Erscheinung des Bauwerks, mehr über die Choreografie der Funktionen als über die Kinosäle und Ausstellungsräume spricht. Das ist schon okay. Um den kulturellen Erfolg des EYE braucht man sich ohnehin keine Sorgen zu machen.

Letzte Szene. „Das Filmmuseum an dieser neuralgischen Stelle gegenüber der Altstadt ist für mich vor allem ein Spiel mit Licht und Reflexion“, sagt Roland Delugan aus dem Off. Und beschreibt damit jene Stimmung, die man in den Innenräumen bisweilen vermisst. „Ich glaube, das hängt mit dieser speziellen Amsterdamer Lichtsituation und der hohen Luftfeuchtigkeit zusammen. Manchmal verschwindet das Gebäude im Dunst, und manchmal taucht es wie aus dem Nichts wieder auf.“ Abspann.

17. März 2012 Der Standard

Die Macht des Gummihandschuhs

Gegen Krisen ist kein Kraut gewachsen? Doch! Eine Ausstellung im Architekturzentrum Wien widmet sich dem grünen Städtebau von unten.

Das Gärtnerische war immer schon ein seismografischer Indikator für Krise. In Drucksituationen widmen sich die Menschen dem Grünraum und beginnen, Obst und Gemüse anzubauen.

Chi-Ho Chung ist Mitte 30, trägt Mittelscheitel und Hemd. Auf den ersten Blick sieht er aus wie ein Manager in der Wirtschaftsmetropole Hongkong. Doch der Schein trügt. Chi-Ho ist Designer, Aktivist und Nebenerwerbsbauer. In den New Territories, am nördlichen Stadtrand Hongkongs und direkt an der Grenze zu Shenzhen und Mainland China, steckt er täglich die Hände in die Erde, sät Samen, wühlt nach Gemüse und lehrt die lokale Bevölkerung, sich selbst zu versorgen.

„Wir leben in einer künstlichen Konsumwelt, werden mit jedem Tag abhängiger von der Nahrungsmittelindustrie und werden uns unser Leben in dieser Stadt bald nicht mehr leisten können“, sagt Chi-Ho. Die Ma Po Po Community Farm, ein wildromantisches Fleckchen Erde inmitten 40-stöckiger Wohnhochhäuser, soll Abhilfe schaffen. Bewohner aus der Umgebung lernen die Grundprinzipien des Ackerbaus kennen, können an der Farmschule einen Lehrgang absolvieren und treffen sich regelmäßig zur gemeinsamen Feldarbeit. Das geerntete Obst und Gemüse ist sowohl für den Eigenbedarf als auch für den Verkauf bestimmt.

Vor allem aber leisten die angehenden Hobbybauern einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung unserer Städte. Es ist genau diese Kraft an der Basis, die dem Turbokapitalismus und Neoliberalismus die lange Nase zeigt und sich den widrigen Machenschaften von Wirtschaft und Politik entzieht - oder es zumindest versucht. Diesen Menschen, diesen Initiativen und diesen Bottom-up-Bewegungen widmet das Architekturzentrum Wien (AZW) seit Mittwoch eine eigene Ausstellung. Hands-on Urbanism 1850-2012. Vom Recht auf Grün ist aber mehr als nur eine Ausstellung. Es ist eine inhaltlich dicht gespickte Forschungsreise durch Zeit und Raum, die beweist, dass die grüne Rebellion im Untergrund nicht erst eine Erfindung im Zeitalter der Globalisierung ist. Sie beweist, dass es informelle Stadtentwicklung schon seit der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts gibt, dass sie immer wieder da war, immer wieder aufkeimte wie ein junges Pflänzchen und immer wieder verendete und verschwand.

Wo eine Krise, da ein Garten

„Das Gärtnerische ist ein weltweites Phänomen, das sich nicht nur in Hongkong oder New York manifestiert, sondern überall auf der Welt“, sagt die Kuratorin Elke Krasny. Gemeinsam mit der Szenografin Alexandra Maringer ist sie für die inhaltliche und optische Gestaltung der Ausstellung zuständig. „Am meisten fasziniert mich, dass das Gärtnerische immer ein seismografischer Indikator für Krise ist. In politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Drucksituationen widmen sich die Menschen vermehrt dem Grünraum und beginnen, eigenhändig Obst und Gemüse anzubauen.“

Die Ma Po Po Farm in Hongkong ist so ein Beispiel. Einst waren die New Territories eine wichtige Landwirtschaftsregion, die die Bewohner der Megalopole mit Nahrungsmitteln versorgte. Mitte der Neunzigerjahre ging die lokale Produktion zurück. Investoren erkannten den Wert der Grundstücke und begannen, sie durch Bebauung, Vermietung und Verkauf lukrativer zu verwerten. Und die Hongkonger Regierung rechnete sich aus, dass die Auslagerung der Agrarproduktion und der Nahrungsmittelimport aus China wesentlich billiger ist als Eigenproduktion in der teuren Sonderwirtschaftszone.

Kampf mit Sense und Hacke

„Ja, man braucht heute viel Vorstellungskraft, um mit der Metropole Hongkong Landwirtschaft zu assoziieren“, sagt Chi-Ho Chung. „Traditionelle Symbole wie Fischteiche und Reisfelder geraten nach und nach aus dem Blickfeld und werden zu Erinnerungen.“ Stattdessen gibt es Parkplätze, Lagerhallen und Schrotthändler. Die Entwicklung ist nicht zu stoppen.

Doch gerade jetzt, da der kanadische Baugigant Henderson Development der ansässigen Bevölkerung auf die Pelle rückt und Pläne für eine Neubebauung der letzten grünen Reserven präsentiert, gerade jetzt, da die Regierung mit Zwangsabsiedelung droht, formiert sich Widerstand. Im Juli 2010 wurde die Ma Po Po Farm gegründet, schon ein Jahr später standen die ersten Absolventen der Farmschule in Gummistiefeln auf dem Feld und wurden als Biobauern aktiv. Doch die Stunden von Ma Po Po sind gezählt.

„Es scheint eine allgemein verbreitete Strategie der privaten Developer zu sein, landwirtschaftlich genutzte Flächen zuerst brachliegen und verkommen zu lassen und dann bei der Regierung eine Umwidmung der Flächen zu beantragen“, meint Chi-Ho. „Wir bauen Salat, Kartoffeln, Bohnen und Karfiol an, und wir zeigen vor, wie nachhaltiges Wohnen aussehen kann, wie man auch mit wenig Einkommen ein schönes und hochwertiges Leben führen kann. Die ersten Zwangsabsiedelungen durch Henderson wurden bereits angedroht. Ich hoffe, dass wir das Blatt noch wenden können.“

Auch andernorts auf der Welt spornen Krisensituationen zu grünen Meisterleistungen an. Eine gängige Methode des informellen Städtebaus sind die sogenannten Gecekondus in Istanbul. Die meist mehrstöckigen Häuser werden ohne Baubescheid errichtet. Die Menschen leben in großer Dichte, betreiben ein bisschen Landwirtschaft rund ums Haus und halten Hennen für den täglichen Bedarf.

„Ganze Stadtteile in der Türkei wurden auf diese Weise errichtet, so gesehen ist das informelle Bauen ein wichtiger Faktor für die Entwicklung des Landes“, sagt Stephan Schwarz, Architekt und Forscher bei ISSS Research. „Doch seit 2004 ist die Errichtung von Gecekondus illegal. Vor allem im innerstädtischen Bereich Istanbuls sind viele Gecekondu-Viertel heute von Abriss und Neubebauung bedroht. Ich fürchte, dass damit Lebensqualität, aber auch ein Stück regionaler Baukultur verlorengehen wird.“

Die Reise zu den erkämpften Zonen einer sich immer stärker emanzipierenden Gesellschaft ließe sich ohne Ende fortsetzen. In Kuba entstand im Zuge des Zusammenbruchs des europäischen Kommunismus ein Engpass an Chemikalien und Treibstoffen; durch die Auflösung der UdSSR verlor das Land einen wichtigen Handelspartner und damit auch den Zugang zu wichtigen Ressourcen. Das Handelsembargo der USA setzte der Regierung in Havanna zusätzlich zu. Das war das Ende der großen Landwirtschaft - aber auch der Beginn der sogenannten Organoponicos. Auf den unbebauten Restflächen in der Stadt begannen die Menschen damals Ackerbau zu betreiben. Derzeit gibt es in Havanna rund 160 Kommunen für Agrikultur. Ein genaues Mapping der Gemeinschaftsgärten existiert bis heute nicht.

Die Oase, ein schuldiger Ort

„Das ist nichts anderes als der Beginn der Wiener Siedlerbewegung und der ersten Schrebergartensiedlungen in Österreich“, sagt Kuratorin Elke Krasny, die in der Ausstellung vor einem der Bauzäune Platz genommen hat, umgeben von Gänseblümchen, Veitschi und Lavendel. „Das kollektive Anbauen ist eine Möglichkeit, der Krise zu entkommen und Menschen zu begegnen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden.“ Auch die Schrebergartenparzellen auf der Schmelz wurden einst als Kriegsgemüsegärten angelegt. Heute befindet sich hier eine der größten Kleingartensiedlungen Mitteleuropas.

„Der Garten ist kein unschuldiger Ort. Der Garten ist ein Topos, an dem sich Krisen manifestieren und an dem Menschen auf diese Krisensituationen mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln reagieren.“ Hier wird Stadt von unten gemacht. Oder wie Krasny sagt: „Das Gärtnern bringt Handlungsmacht hervor.“

Die Ausstellung „Hands-on Urbanism 1850-2012. Vom Recht auf Grün“ ist bis 25. Juni zu sehen. Reichhaltiges Begleitprogramm in Form von Vorträgen, Workshops und Exkursionen. Architekturzentrum Wien. www.azw.at

Zur Ausstellung ist das Buch „Hands-on Urbanism“ im Verlag Turia + Kant erschienen. Zwei Ausgaben Deutsch und Englisch. Der 356-seitige, schön gestaltete Schmöker präsentiert Beispiele aus aller Welt.

3. März 2012 Der Standard

„Dass ich dich wiederseh!“

Zwei Jahre lang wurde die Villa Tugendhat saniert und restauriert. Am Mittwoch wurde das wohl berühmteste Einfamilienhaus der Moderne wiedereröffnet.

Es riecht nach Linoleum und frischem Lack. Die Türklinken sind poliert und funkeln, als hätte man sie gerade erst ausgepackt. Und die Badewannenarmaturen aus Chrom und Keramik, ein Entwurf des Bauhaus-Architekten Walter Gropius, sprühen vor einer derart zeitlosen Eleganz, dass man sich sofort die Kleider vom Leib reißen und ein Bad in der Geschichte dieses Hauses nehmen will.

Am Mittwoch wurde die Villa Tugendhat, eines der Schlüsselwerke des deutschen Architekten Ludwig Mies van der Rohe, errichtet in den Jahren 1928 bis 1930, wiedereröffnet. Nach zweijähriger Bauphase befindet sich das Juwel der Moderne, von dem aus man einen fantastischen Ausblick auf die Brünner Altstadt hat, endlich wieder in einem herzeigbaren Zustand. Insgesamt wurden rund 174 Millionen Kronen (knapp sieben Millionen Euro) in die Sanierung und Restaurierung investiert. Den Großteil davon steuerte die EU bei.

Der Architekt hätte sich ob dieses Bildes wohl köstlich amüsiert: „High Heels verboten“, hieß es auf der Einladungskarte. Journalisten und Fotografen kamen aus ganz Europa angereist, schlüpften daraufhin in hellblaue Überzieher und rutschten mit ihren raschelnden Plastikschuhen im Watschelgang über den frisch verlegten Gummiboden. Die Geräuschkulisse war spektakulär. Lediglich den Ehrengästen auf dem Podium, allen voran dem Brünner Bürgermeister Roman Onderka sowie den beiden Töchtern des Bauherrenehepaares, Daniela Hammer-Tugendhat und Ruth Guggenheim-Tugendhat, war es vergönnt, etwas festlicher aufzutreten. „Natürlich wird hier nie wieder der Zustand eines bewohnten und belebten Hauses einkehren“, sagte Daniela Hammer-Tugendhat, die heute als Kunsthistorikerin in Wien lebt. „Aber es ist gelungen, jenen Charakter wiederherzustellen, der das Haus zu dem macht, was es ist. Und das freut mich sehr, denn das ist in seiner Schönheit und meditativen Atmosphäre, wie ich sie sonst nur aus Kirchen kenne, einer der überwältigendsten Innenräume der Moderne.“ Ein Besuch vor Ort sei unumgänglich, erklärte die Tochter des Hauses. Allein anhand von Fotos und Grundrissen könne man sich von diesem Raum keinen Eindruck machen. Man müsse ihn in der eigenen Bewegung erleben, man müsse ihn physisch erkunden.

„Ein absolutes Highlight“

„Ich bin mit dem Resultat sehr zufrieden“, bestätigte auch Ana Tostões, Präsidentin von Docomomo International, die sich mit der Dokumentation und dem Erhalt von Bauwerken der Moderne beschäftigt. „Der Zustand des Hauses war eine Katastrophe, die Substanz war ziemlich zerstört, und das Projekt war extrem kompliziert. Aber man kann den Wissenschaftern und dem tschechischen Planungs- und Ausführungsteam nur gratulieren. Was diese Leute daraus gemacht haben, ist ein absolutes Highlight historischer Bestandssanierung.“

Rückblende. Noch vor wenigen Jahren drohte die Villa Tugendhat abzurutschen. Die Fundamente hatten dem Hangwasser nachgegeben, die Risse im Putz und in den seitlichen Außenwänden waren nicht zu übersehen. Hinzu kamen Beton- und Steinoberflächen, die im Laufe der Zeit durch den Eintritt von Wasser und anschließende Eisbildung regelrecht abgesprengt wurden. Das Mauerwerk war durchfeuchtet, die Anschlüsse zwischen Stahlbauteilen und Beton waren völlig korrodiert. Auch der Umstand, dass das Gebäude 1995 zum Nationalen Kulturdenkmal und 2001 zum Unesco-Weltkulturerbe ernannt wurde, konnte daran nichts ändern.

„Es ist erstaunlich, dass die Villa Tugendhat selbst in diesem ruinösen Zustand eine unglaubliche architektonische Qualität hatte“, erinnert sich Ivo Hammer, Gebäuderestaurator und Vorsitzender des Tugendhat House International Expert Committee (Thicom). „Aber der Zeitpunkt war längst überfällig. Wir mussten dringend etwas tun.“

Die ersten Gespräche mit der Stadt Brünn seien nicht besonders zufriedenstellend verlaufen, erinnert sich Hammer. „Am Anfang meinte der Finanzstadtrat, dass nur ein bestimmtes Sanierungsbudget zur Verfügung stehe und dass man auf jeden Fall damit auskommen müsse. Aber darauf wollten wir uns nicht einlassen. Entweder man macht es ordentlich, oder man lässt es gleich bleiben.“ Nach längerem Tauziehen fiel die Entscheidung zugunsten der umfassenden Sanierung - allerdings mit einem Wermutstropfen: „Leider wurde das Komitee erst nominiert, nachdem die Bauarbeiten schon längst im Gange waren“, so Hammer. „Aber immer noch besser zu spät als gar nicht.“

Wo ist die Ebenholzwand?

Ein Expertenbeirat aus acht ausländischen und sieben tschechischen Denkmalpflegerinnen und Kunsthistorikern beurteilte den Zustand des Hauses, dokumentierte jedes einzelne Detail, stöberte in Archiven nach Originalplänen und alten Fotografien, forschte in schriftlichen Aufzeichnungen zwischen Mies van der Rohe und dem Brünner Textilindustriellen Fritz Tugendhat sowie seiner Frau Grete, suchte nach alten Materialien in der ganzen Stadt, stöberte die berühmte gebogene Wohnzimmerwand aus Makassar-Ebenholz im Keller des ehemaligen Brünner Gestapo-Sitzes aus, ließ Möbeln nach alter handwerklicher Tradition rekonstruieren und experimentierte mit unterschiedlichen mineralischen Putzen, Spachtelmassen und Injektionen fürs Mauerwerk.

„Schauen Sie sich nur diese Wände aus Stuccolustro an“, sagt Ivo Hammer, als er nach der Pressekonferenz einsam und allein im alten Herrenzimmer steht und mit der Hand nachdenklich über die neu verputzte Wand streicht. „Wir haben ziemlich lang mit unterschiedlichen Sanden aus der Gegend geforscht, bis wir endlich eine ganz feine Körnung gefunden haben, mit der der Innenputz dann genauso schön matt und samtig geworden ist, wie wir das wollten.“ Die Holzoberflächen - Fingerzeig in Richtung Kastenwand - habe er sogar eigenhändig von alten Lackschichten befreit. Ein sogenannter pneumatischer Mikromeißel half dem Restaurator dabei.

Open-Air-Salon auf Knopfdruck

Freilich, all die Anstrengungen der letzten 24 Monate wird kaum ein Besucher dieses Hauses je wieder nachvollziehen können, geschweige denn mit bloßem Auge erkennen. Die Summe der vielen kleinen Miniaturen, die die Thicom in Zusammenarbeit mit dem Generalplaner Unistav a.s. mit großer Detailliebe kreierte, schlägt sich jedoch in einem perfekten, vielleicht sogar zu perfekten Gesamteindruck nieder.

Alles an diesem seinerzeit teuersten Einfamilienhaus der Welt funktioniert wie am ersten Tag. Die Gegensprechanlage ist wieder in Betrieb, die Klimaanlage bläst einwandfrei kühle Frischluft in die Aufenthaltsräume, der Speisenlift fährt fröhlich auf und ab, und die riesige Glasfassade im Wohnzimmer lässt sich auf Knopfdruck im Boden versenken. Innerhalb einer Viertelminute sitzt man in einem Open-Air- Salon der Moderne. Berauschend.

„Meine Eltern haben das Haus 1938 fluchtartig verlassen“, sagte Daniela Hammer-Tugendhat bei der Pressekonferenz. „Und ich erinnere mich, wie ich mit meiner Mutter das erste Mal nach der Emigration zur Internationalen Konferenz 1969 ins Haus hineingekommen bin. Das war für sie sehr emotionalisierend und aufregend.“ Sie sei zur berühmten sieben Zentimeter dicken durchscheinenden Onyxwand gegangen und habe sie gestreichelt wie man sonst nur einen Menschen streicheln kann. Mit einem tiefen Seufzer habe sie daraufhin gesagt: „Dass ich dich wiederseh!“ Letzten Mittwoch schlossen sich die Fachleute und Ehrengäste dieser Meinung an.

Die Villa Tugendhat befindet sich heute in Besitz der Stadt Brünn. Sie wird vom Museum der Stadt Brünn betrieben und ist ab sofort wieder öffentlich zugänglich.

3. März 2012 Der Standard

Österreich baut Raum mit Menschen und Avataren

„Reports from a city without architecture“, so lautet das Motto des österreichischen Beitrags für die kommende Architekturbiennale in Venedig, die am 28. August eröffnet werden wird. Gestern, Freitag, lud Kulturministerin Claudia Schmied (SP) zur Pressekonferenz. Vorgestellt wurden das Planungsteam rund um den österreichischen Kommissär Arno Ritter, Leiter des Innsbrucker Architekturhauses aut, sowie das inhaltliche Konzept. Oder zumindest eine vage Andeutung dessen.

„Wir wollen keine klassische Architekturausstellung mit Fotos, Plänen und Modellen machen“, erklärte Ritter. Stattdessen werde es auf der kommenden Biennale einen einzigen „charakteristischen und unverwechselbaren“ Beitrag an der Schnittstelle von Architektur, Kunst und Grafikdesign geben.

In Zusammenarbeit mit Architekt Wolfgang Tschapeller, dem Grafischen Büro Wien und den beiden Künstlern Martin Perktold und Rens Veltman entwirft Ritter das, was er als „Projekt zwischen Science und Fiction“ bezeichnet. Geplant ist, den Österreich-Pavillon in den Giardini mit Projektionsflächen, Spiegeln und einem „topografisch gestalteten Boden“ auszustatten. Die projizierten Trickfilme sollen interaktiv sein. Anhand der sich bewegenden Menschen im Raum sollen Figuren in Echtzeit und im Maßstab 1:1 animiert und in den Raum projiziert werden. „Wir bauen einen Raum mit realen menschlichen Figuren und ihren Avataren“, so Architekt Tschapeller.

Claudia Schmied ist überzeugt, man könne sich auf der kommenden Biennale in Venedig „auf etwas Außergewöhnliches einstellen“. Und Arno Ritter fasste zusammen: „Ich möchte einen Pavillon machen, den die Leute entweder fluchtartig verlassen, weil sie damit nichts anfangen können, oder aber darin bleiben, wie sie selbst ein Bestandteil dieser neuen Architektur der Zukunft werden wollen.“

Vorerst nichts als vage Anspielungen. Doch eines scheint fix: Nach den letzten vorsichtigen und pluralistischen Ansätzen in Venedig bekennt sich Österreich endlich zu Radikalität und bezieht Stellung.

7. Februar 2012 Der Standard

Geschenk namens Arbeit

Das Wiener Architekturbüro gaupenraub zeichnet sich nicht nur durch Projektgeschenke an Obdachlose aus

Begonnen hat alles mit einem Dachgeschoßprojekt in Wien. „Wir haben von Anfang an gemerkt, dass wir keine Gaupen machen wollen, dass wir uns mit diesen hässlichen Warzen auf dem Dach nicht anfreunden können“, sagt Alexander Hagner. Damit war der Büroname geboren. Gemeinsam mit Ulrike Schartner betreibt er in einem aufgelassenen Stadtbahnbogen an der Wienzeile seither das Büro gaupenraub.

Zu den bisherigen Projekten zählen Einfamilienhäuser, Wohnungs- und Büroumbauten, gewerbliche Bauten sowie ein Eiermuseum im Burgenland. Aktuell arbeiten die beiden an einer privaten Begräbnisstätte und an Möbelentwürfen für demenzkranke Menschen.

Doch das wichtigste und bisher größte Projekt ist die teilweise ehrenamtliche Arbeit für Obdachlose. „Als Kind habe ich mir immer gedacht: Wenn ich ein großer Architekt bin, dann baue ich ein Dorf für Obdachlose“, sagt Hagner, der vom Obdachlosenverein „Vinzenzgemeinschaft St. Stephan“ mittlerweile zum Ehrenmitglied ernannt wurde. Ein ganzes Dorf wurde es noch nicht, doch dafür half Hagner bereits beim Umbau des Vinzirast-Hauses in Meidling mit.

„Die meisten Architekten verschenken ihre Arbeit, indem sie Monat für Monat unbezahlterweise an Wettbewerben teilnehmen, die sie nicht gewinnen“, sagt Hagner. „Wir haben uns gedacht, dass wir unsere Arbeit auch verschenken wollen, aber in eine Richtung, die sinnvoller ist und von der Leute direkt profitieren können.“

Am Montag war Baubeginn für ein Obdachlosenwohnhaus in der Währinger Straße. Bis Anfang des Jahres 2013 entsteht auf dem Eckgrundstück am Alsergrund ein Wohnheim für Obdachlose und Studenten mit dem angeschlossenem Café Mittendrin, Veranstaltungssaal und Beratungsstelle.

Das Projekt entsteht in enger Zusammenarbeit zwischen Vinzirast und der Universität Wien. Die Baukosten belaufen sich auf 2,5 Millionen Euro. Das Honorar ist diesmal nicht geschenkt, dafür aber mit 40 Prozent Preisnachlass.

4. Februar 2012 Der Standard

Der Mann mit dem grünen Glamour

Er hat grüne Haare und pflanzt grüne Wände. Ein Gespräch mit dem Pariser Landschaftskünstler Patrick Blanc.

Durch sein Atelier fliegen Kanarienvögel und Kolibris, aus dem Bücherregal lugen Geckos und Salamander hervor, und um Punkt zehn Uhr am Vormittag beginnt es hinter dem Schreibtisch zu regnen. Patrick Blanc, Botaniker und Künstler, wohnt und arbeitet in einem künstlich geschaffenen Urwald in einer ehemaligen Werkstatt am Rande von Paris. Das Grün sei nicht nur inspirierend für seine Arbeit, meint der 58-Jährige, sondern auch ein wichtiger Temperatur- und Feuchtigkeits-regulator.

Der „Mur Végétal“, der vertikale Garten, hat sich zu Blancs Markenzeichen entwickelt. Seit seinen ersten Projekten auf der Internationalen Gartenschau in Chaumont-sur-Loire (1994) und im Pariser Luxushotel Pershing Hall (2001) hat er bereits Dutzende Wände in aller Welt begrünt, darunter etwa die Fassade des Musée du Quai Branly von Jean Nouvel (2006), die Caixa Forum in Madrid von Herzog & de Meuron (2007), die Konzerthalle in Taipeh (2007) sowie das 2010 eröffnete Hotel Sofitel in Wien. Doch wie viel von alledem ist ein ernsthafter Beitrag zur Zukunft unserer Städte? Und wie viel ist nur Lifestyle und grüner Glamour? Zu Besuch in seinem Atelier in Ivry-sur-Seine.

STANDARD: Grüne Kleidung, grüne Haare und lange Fingernägel - Sie schauen aus, als könnten Sie sich nicht entscheiden, ob Sie Fauna oder Flora sein möchten.

Blanc: Fingernägel schneiden, das ist völlig unnatürlich. Wer von unseren Vorfahren hat sich schon die Nägel geschnitten? Niemand! Fingernägel braucht man, um sich zu kratzen und um in der Erde zu bohren. Und was die grünen Haare betrifft: Die habe ich schon seit 1985. Grün ist für mich Ausdruck von Natur, von Kraft, von Überlebensdrang, von wachsender Freude. Grün ist die schönste Wellenlänge auf Erden.

STANDARD: Wurmt es Sie nicht, dass Sie Blanc heißen - und nicht Vert?

Blanc: Überhaupt nicht! Im Weiß sind bereits alle Farbtöne des ganzen Farbspektrums vereint. Außerdem tröste ich mich mit der Tatsache, dass ich in der Clinique des Fleurs („Krankenhaus der Blumen“) zur Welt gekommen bin. Als hätte es die Hebamme geahnt!

STANDARD: Seit wann arbeiten Sie schon mit Pflanzen?

Blanc: Eigentlich schon immer. Als ich ein kleiner Bub war, habe ich ein Aquarium gehabt. Ich war fasziniert von den bunten Fischen im Wasser. Die Pflanzen waren zu Beginn nichts anderes als eine Notwendigkeit, um ein gewisses Gleichgewicht im Ökosystem herzustellen. Erst nach und nach habe ich gesehen, dass Pflanzen eine schöne und lebendige Materie sind. Eines Tages war dann klar, dass ich Biologie studieren werde. Ich habe mich dann auf tropische Botanik spezialisiert und habe während meines Studiums viele Monate meines Lebens im Dschungel verbracht - unter anderem in Malaysia, Thailand, Indonesien und Französisch-Guyana.

STANDARD: In Ihrem Brotberuf sind Sie Forscher und Botaniker. Wie sind Sie zu Ihren Kunstprojekten gekommen?

Blanc: Meine ersten Arbeiten waren 1986 im Pariser Museum für Wissenschaft, Technik und Industrie sowie 1994 auf der Internationalen Gartenschau in Chaumont-sur-Loire. Doch der wirklich große Durchbruch kam mit der begrünten Wand im Hotel Pershing Hall 2001. Ich kann mich gut erinnern: Andrée Putman hat mich angerufen und gesagt: „Patrick, du machst doch diese grünen Wände. Ich würde gerne mit dir zusammenarbeiten.“ Aber als ich dann auf die Baustelle gekommen bin, war ich total schockiert. Da ging es dann nicht mehr um Dimensionen von ein paar Metern, sondern um eine 30 Meter hohe Feuermauer. Das war ein großer Sprung in Richtung Architektur.

STANDARD: Auch in Wien haben Sie einen vertikalen Garten gepflanzt, und zwar in Jean Nouvels neuem Hotel Sofitel. In den unteren Stockwerken sieht der Garten in manchen Monaten allerdings dürftig aus. Ist es in Wien zu dunkel und zu kalt?

Blanc: Zu dunkel und zu kalt? Das kann ich mir kaum vorstellen. Wenn die Bewässerung und Beleuchtung funktionieren, dann sollte das Ökosystem eigentlich intakt sein. Ich glaube, das muss ich mir genauer anschauen. Danke für die Info.

STANDARD: Wie oft müssen die vertikalen Gärten gepflegt werden?

Blanc: Vielleicht drei-, viermal im Jahr. Das reicht absolut. Ich habe allerdings die Erfahrung gemacht, dass die Indoor-Gärten öfter und intensiver gepflegt werden. Erstens sind da die optischen Ansprüche höher, und zweitens hat das mit den Hygienevorschriften zu tun - etwa wenn es sich um ein Restaurant oder um eine Bar handelt.

STANDARD: Und wie viel kostet so eine grüne Wand?

Blanc: Das hängt von der Pflanzenvielfalt und von den Gegeben- heiten vor Ort ab. Aber in Summe kann man mit 400 bis 700 Euro pro Quadratmeter rechnen. Bei den meisten Projekten bewegen sich die Kosten bei 500 Euro pro Quadratmeter.

STANDARD: Das ist viel Geld für ein Stückchen Garten!

Blanc: Das stimmt. Und hinzu kommen noch die 20 Prozent für mein Honorar! Aber dafür hat ein vertikaler Garten gegenüber einer horizontalen Fläche einige Vorteile. Erstens können Sie auf der gleichen Fläche viel mehr Pflanzen unterkriegen. Zweitens ist die Methode sehr platzsparend und somit auch für enge Grundstücke in der Innenstadt geeignet. Und drittens geht es dabei um das Überraschungsmoment. Mit einem Gärtchen auf der ebenen Fläche können Sie heute niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Bei einem vertikalen Garten aber schauen die Leute auf, machen sich Gedanken über die ungewöhnliche Installation und denken ein bisschen über die Natur nach.

STANDARD: Und was sind die ökologischen Vorteile?

Blanc: Im unmittelbaren Bereich eines Gartens gibt es natürlich ein viel besseres Mikroklima. Die Luft wird gefiltert, Schimmelpilze und Bakterien werden bekämpft, und die Luft riecht und schmeckt deutlich frischer.

STANDARD: Und im städtischen Maßstab?

Blanc: Im größeren Maßstab hat ein einziger Garten keinerlei Auswirkung auf das Klima. Es wäre schön, wenn ich das Gegenteil behaupten könnte. Doch das wäre gelogen.

STANDARD: Worum geht es dann?

Blanc: Ich möchte gar nicht bestreiten, dass die vertikalen Gärten einen gewissen Lifestyle-Faktor haben. Viele Privatbau-herren, Hotels und Unternehmen schmücken sich mit so einem Projekt, aber das ist auch gut so, denn auf diese Weise werden die Menschen angeregt und für diese Thematik sensibilisiert. Wenn Sie so wollen: Es geht um Psychologie und Soziologie.

STANDARD: In welche Richtung soll's gehen? Wie sieht die Stadt der Zukunft in Ihren Augen aus?

Blanc: Als Kind habe ich gerne Comics gelesen. Mein Lieblings-comic war Flash Gordon. Und dieser Flash Gordon ist immer durch futuristische, grüne Städte gelaufen und geflogen. Genau das ist meine Vision. Und sie ist gar nicht so abwegig. In Skandinavien und in Japan sind begrünte Dachter-rassen bereits ein wichtiger Faktor und ein selbstverständlicher Teil des Stadtbildes. Und in manchen Städten wird bereits emsig Urban Gardening betrieben. Berlin ist so ein Beispiel. Die Stadt ist flächenmäßig sehr groß und bietet genügend Platz für kleine Parkanlagen und Nachbarschaftsgärten. Auch in Hamburg funktioniert das sehr gut. Und sogar im dicht bebauten Manhattan gibt es eine ganze Menge an kleinen grünen Parzellen, auf denen die Bewohner Obst und Gemüse anbauen und sich für eine Stunde auf die Parkbank setzen, ins Grüne schauen oder ein Buch lesen. Ich finde das toll.

STANDARD: Paris hat vor, von 2012 bis 2016 den Eiffelturm zu begrünen. Was halten Sie davon?

Blanc: Da bin ich ziemlich voreingenommen. Ich wurde damals um meine Expertise zu diesem Projekt gebeten.

STANDARD: Und? Was haben Sie gesagt?

Blanc: Ich habe den Leuten gesagt: Das ist ein riesengroßer Blödsinn! Da mache ich nicht mit.

STANDARD: Warum nicht?

Blanc: Der Pariser Eiffelturm ist ein schlichtes und elegantes Ingenieursbauwerk. Und es ist zu einem wichtigen Symbol für diese Stadt geworden. Reicht das nicht schon? Außerdem steht das Projekt in keiner Relation zu seinem Nutzen. Wenn man schon einen Beitrag zum Klimaschutz leisten will, denn das ist die Grundintention dieses Projekts, dann kann man 72 Millionen Euro auch sinnvoller investieren.

STANDARD: Dann schlagen Sie mal vor!

Blanc: Grünes Leben kann überall sein. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt heute bereits in Städten. Natürlich sehnt man sich in der Freizeit nach Grün, nach ein bisschen frischer Luft, nach einer ruhigen Stunde mit Vogelgezwitscher. Doch wenn alle Menschen, die diese Sehnsucht befriedigen wollen, am Abend oder am Wochenende ins Auto steigen und aus der Stadt rausfahren, dann führt das alle ökologischen Bemühungen, die wir bisher unternommen haben, ad absurdum. Das kann unmöglich die Zukunft unserer Städte sein. Wir müssen in klei-neren Maßstäben denken. Wir müssen den Menschen in der Stadt rund um ihre Wohn- und Arbeitsstätte ein gewisses natürliches Umfeld bieten. Das kann ein Mur Végétal sein, das kann eine kleine begrünte Restparzelle sein, das kann Urban Gardening mit Tomaten- und Kartoffelfeldern sein. Ich bin davon überzeugt, dass solche grünen Impulse das Leben in der Stadt nachhaltig verändern können. Und zwar nicht, weil sie per se grün sind, sondern weil sie Alternativen bieten und dazu beitragen, die Prinzipien urbanen Lebens zu überdenken. Es ist höchste Zeit.

Patrick Blanc, geb. 1953 in Paris, ist Botaniker und Künstler. Neben seiner Tätigkeit am Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS) sowie in der Forschungsgruppe Biodiversité Tropicale et Facteurs Environnementaux (Biotrop) befasst er sich vor allem mit der Begrünung von vertikalen Wänden im städtischen Umfeld.

21. Januar 2012 Der Standard

Welt retten? Watscheneinfach!

Seit mehr als 30 Jahren fährt Zwischenwasser ein ambitioniertes Baukultur- und Architekturprogramm. Auf Stippvisite in der Vorarlberger Gemeinde.

Vorarlberg, Gemeinde Zwischenwasser, Mai 1980. Kaum im Amt, veranlasst Neo-Bürgermeister Josef Mathis eine massive Reduktion der Baulandreserven und eine Rückwidmung in Grünland. Es geht um viele Hektar Land. Das Verfahren dauert einige Jahre und endet mit einer Klage des Landesvolksanwalts beim Verfassungsgerichtshof. Abgewiesen.

Mehr als 30 Jahre später ist Josef Mathis (ÖVP) immer noch im Amt. Und die Korrektur des Flächenwidmungsplans anno 1980 ist eine gern erzählte Anekdote, denn mit ihr kam alles ins Rollen. „Die Rückwidmung von Bauland in Grünland war ein Kraftakt der Sonderklasse“, erinnert sich der Bürgermeister. „Aber es hat sich ausgezahlt, und die Bevölkerung hat trotz anfänglicher Proteste verstanden, dass nicht die ganze Welt Bauland sein kann, dass man nicht immer nur zersiedeln darf, sondern auch einmal konzentrieren muss.“

In den nächsten Jahren führte ein Pilotprojekt zum nächsten. 1990 wurde eine neue Volksschule eröffnet. Das Gebäude von Hermann Kaufmann, Walter Unterrainer und Sture Larsen war die erste solarbeheizte Schule Österreichs. 1994 wurde der Frödisch-Saal errichtet, ein Mehrzweckgebäude mit Biomasseheizung. 1997 schließlich wurde eine der ersten Passivwohnhausanlagen des Landes besiedelt. Es folgten ein Musikproberaum, eine Friedhofskapelle, eine Altenpflegewohnheim sowie diverse Einfamilienhäuser, die allesamt mit Architekturpreisen zugehagelt wurden.

Ein Mekka für Architekturfans

Zwischenwasser, ein Zusammenschluss der drei Ortschaften Muntlix, Batschuns und Dafins, mauserte sich im Laufe der Jahre zum Architektur-Mekka und wurde 2009 vom Verein LandLuft als beste Baukultur-Gemeinde Österreichs ausgezeichnet.

Doch das Besprechungszimmer im Gemeindeamt ist noch viel redseliger. Die Wände sind mit dutzenden Urkunden und Auszeichnungen zutapeziert: Klimaschutz-Gemeinde 2010, Energieeffizienteste Gemeinde in Europa 2009, Climate Star 2007, Europäischer Dorferneuerungspreis 2004, European Energy Award Gold 2002, Greenpeace-Gemeinde für Klimaschutz 1993 und so weiter. Die gerahmten Trophäen nehmen kein Ende. Nicht zuletzt ist Zwischenwasser eine der ersten zertifizierten e5-Gemeinden Österreichs. Das ist eine Art AAA-Auszeichnung für Ressourcenschonung und Energieeffizienz.

Wo liegt das Geheimnis dieses Erfolges? „Es gibt kein Geheimnis“, meint Mathis, der beruflich mit einem elektrischen Mitsubishi i-MiEV geräuschlos durch die Gegend rollt. „Ich dachte mir damals nur: Wenn du die Gestaltung der Gemeinde nicht selbst in die Hand nimmst, dann machen das die anderen für dich.“ Die anderen - das seien in dem Fall die Baukonzerne und Fertighausfirmen, erklärt er. „Und die mag ich sowieso nicht, denn die machen alles nur kaputt.“

Damit es nicht so weit kommt, richtete Mathis 1992 einen Fachbeirat für Architektur ein. Die zweiköpfige Jury, die alle drei Jahre wechselt, beurteilt jedes einzelne Bauansuchen, segnet es ab oder gibt konkrete Verbesserungsvorschläge. Außerdem wird im Gemeindeamt eine kostenlose Planungsberatung für Bauwerberinnen und Bauherren angeboten. „Das erspart uns allen unangenehme Verzögerungen“, sagt der Zwischenwasser-Chef. „Planungsfehler können auf diese Weise schon im Vorfeld abgefedert werden.“

Nicht zuletzt gibt es in der Gemeinde Zwischenwasser zwei sogenannte „Kümmerer“. Das sind kompetente und fachlich ausgebildete Profis, die von der Bevölkerung als Gutachter beziehungsweise objektive Beratungsinstanz in Anspruch genommen werden können - falls man mal vom Dachdecker an der Nase herumgeführt wird oder nicht weiß, wen man am besten kontaktiert, wenn der Biomasse-Kessel wieder mal spinnt. Auch dieser Service ist kostenlos.

„Eigentlich ist Baukultur watscheneinfach“, meint Mathis. „In erster Linie hat es damit zu tun, dass man die Bevölkerung für das Thema sensibilisiert und in die Projekte miteinbezieht.“ So geschehen beim Bau der Aufbahrungshalle in Batschuns 2002. Die Architekten Marte.Marte hatten ein einfaches, schönes Gebäude geplant, doch die arbeitsintensive Errichtung aus Stampflehm hätte das Budget der Gemeinde gesprengt. Eine Gemeinderätin hatte damals die Idee, im Ort nach freiwilligen Helfern zu suchen. 24 Leute meldeten sich zu Wort, schlüpften in den Blaumann und packten mit an. Manche nahmen sich sogar zwei Wochen Urlaub oder ließen sich karenzieren.

Und bei der Sanierung des Mitdafinerhuses in Dafins, in dem alte Menschen betreut werden, nahmen sich ein paar Bürger ein Herz, bauten das heruntergekommene Rheintalhaus zum modernen Wohnheim aus und vermieten die elf Kleinwohnungen nun an die Gemeinde zurück. Vis-à-vis befindet sich der Dorfladen „Sennerei“, der jede Woche an drei Halbtagen geöffnet hat. Die Miete übernimmt die Gemeinde, denn hier geht es nicht ums Geschäft, sondern um den sozialen Kontakt zur Bevölkerung. Im Geschoß darüber gibt es eine Notwohnung, die im Scheidungsfall oder bei familiärem Zoff Bedürftigen zur Verfügung steht.

Weniger Strom, weniger CO2

Geschichten wie aus dem Bilderbuch. Doch hinter den Elektromobilen, dem kleinen Greißler und den vielen Sonnenkollektoren auf den Dächern steckt ökologisches Kalkül. Der Stromverbrauch beträgt mit 3000 Kilowattstunden pro Kopf weniger als die Hälfte des restlichen Bundeslandes. Und während der CO2-Ausstoß der Haushalte inklusive Mobilität jährlich steigt, konnte er in Zwischenwasser in den letzten acht Jahren um 6,7 Prozent gesenkt werden.

„Davon brauchen wir mehr“, sagt Roland Gruber, Obmann des Vereins LandLuft, auf Anfrage des STANDARD. „In den Großstädten ist hochwertige Architektur längst eine Selbstverständlichkeit. Unser Ziel ist es nun, die Baukultur auch im ländlichen Raum zu fördern und den Bürgermeistern und der Bevölkerung zu beweisen, dass sie etwas ändern können.“ Zwischenwasser, meint Gruber, sei das beste Beispiel dafür, dass die Bemühungen der letzten Jahre Früchte trügen.

Am Nachfolge-Champion wird bereits gearbeitet. Die 17 Kandidaten für den Baukultur-Gemeindepreis 2012 befinden sich seit gestern, Freitag, in Begutachtung. Die Jury ist auf Achse und nimmt die Dörfer unter die Lupe. Im Herbst werden die Preisträger der Öffentlichkeit vorgestellt.

Am 2. Februar findet in Berlin die Fachtagung „Kommunale Kompetenz Baukultur“ statt; mit einem Vortrag von Josef Mathis. Zeitgleich startet die Ausstellung „LandLuft“; Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, Berlin.

Seit gestern, Freitag, ist in der Initiative Architektur Salzburg die Wanderausstellung „Wohn Raum Alpen. Zeitgenössische Wohnformen in den Alpen und ihre Perspektiven“ zu sehen. Bis 1. März. Infos unter www.initiativearchitektur.at

14. Januar 2012 Der Standard

Klosterfrau im gedämmten Habit

Das Hauptquartier von M.C.M. Klosterfrau Healthcare wurde umgebaut. Der Wärmebedarf konnte um mehr als 80 Prozent gesenkt werden. Vor kurzem wurde das Projekt mit dem Ethouse Award ausgezeichnet.

Noch vor zwei Jahren hat die Klosterfrau geschwitzt und gefröstelt. Doch die schlecht temperierten Zeiten im Hause Melissengeist sind vorbei. Seit rund einem Jahr sitzen die 17 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Wiener Niederlassung der M.C.M. Klosterfrau Healthcare GmbH und ihres Tochterunternehmens Maria Galland im komplett sanierten Gebäude im Gewerbegebiet Oberlaa. Vor kurzem wurde das Projekt von der Qualitätsgruppe Wärmedämmsysteme mit dem Ethouse Award 2011 ausgezeichnet.

„Das alte Haus war zwar architektonisch aufregend, doch in seinem Entstehungsjahr 1977 waren Ökologie und Nachhaltigkeit noch keine besonders gefragten Themen“, sagt Arno Gradwohl, Leiter der Abteilung Medizin und Wissenschaft bei Klosterfrau. Er erinnert sich: Bei Minusgraden waren die Fenster voller Eisblumen, im Sommer herrschten im verglasten Foyer (kleines Foto) bis zu 45 Grad. Wirklich wohl fühlten sich hier nur die Kakteen, die seit der Sanierung im Palmenhaus Schönbrunn beheimatet sind.

„Der Bestand war in einem sehr schlechten Zustand“, erklärt Ulrike Schartner vom Architekturbüro gaupenraub. „Das Dach bestand aus ungedämmtem Wellblech, die Betonwände hatten eine drei Zentimeter dicke Wärmedämmung, und die Fenster waren Einglasscheiben in Stahlprofilen.“ Das war auch der Grund dafür, warum das relativ kleine Gebäude zur Beheizung mehr als 40.000 Liter Heizöl pro Saison versoff.

Der Umbau umfasst ein vergrößertes Bürogeschoß, ein komplett neues Heiz- und Kühlsystem sowie einen neuen Zugang mittels doppelter Rampe, die einmal um ein Halbgeschoß nach oben und einmal um ein Halbgeschoß nach unten führt. Die alte Betonfassade musste thermisch gedämmt werden. Diese wurde anschließend mit Stegplatten aus Polycarbonat verkleidet.

Niedrigenergie-Standard

Die Herstellungskosten belaufen sich auf drei Millionen Euro. Der wirtschaftliche Profit liegt vor allem in den Heizkosten: Der Wärmebedarf des Gebäudes konnte von 233 kWh/m2a - ungedämmte Bauten aus den Siebzigern liegen in der Regel bei 150 bis 200 - auf 39 kWh/m2a gesenkt werden. Das ist eine Einsparung von 83 Prozent und entspricht Niedrigenergie-Bauweise. Zugleich wurde das Haus ans Fernwärmenetz angeschlossen. Das heißt: Die Betriebskosten konnten trotz Verdoppelung der Büroflächen um mehr als 40 Prozent gesenkt werden.

Arno Gradwohl ist mit dem Resultat zufrieden: „Meist wird den Bauwerken aus dieser Zeit wenig Liebe und Aufmerksamkeit entgegengebracht. Dieser Umbau beweist, dass man auch mit schwieriger Bausubstanz hochwertige und adäquate architektonische Lösungen erzielen kann.“ Benefit für die Mitarbeiter: Der alte, charakteristische Schriftzug „Klosterfrau“ wurde von der Fassade entfernt und prangt heute in Form beleuchteter Buchstaben hinter einem Kräuterbeet auf der Pausenterrasse der Mitarbeiter.

14. Januar 2012 Der Standard

Wie näht man eine Moschee?

Zur Zukunft islamischer Architektur: Am Freitag hält Azra Aksamija, Professorin am MIT, einen Vortrag in Wien. Wojciech Czaja traf sie zum Gespräch.

Sie näht Moscheen und forscht auf dem Gebiet religiösen Bauens. Azra Aksamija, 36-jährige Professorin am Massachusetts Institute of Technology (MIT), beschäftigt sich seit Jahren mit dem religiösen Raum von Gebetshäusern. In ihrer Dissertation Our Mosques are Us: Rewriting the National History of Bosnia-Herzegovina through Religious Architecture untersucht sie, wie sich die Wahrnehmung und Bedeutung von Moscheen in ihrer Heimat durch den Krieg 1992 bis 1995 verändert hat. Die Zerstörung der Gebetshäuser, so lautet ihre These, sei ein integraler Bestandteil des Genozids und der ethnischen Säuberung gewesen. Kommenden Freitag hält Aksamija auf Einladung der Österreichischen Gesellschaft für Architektur (ÖGFA) einen Vortrag in Wien.

STANDARD: 2006 haben Sie eine sogenannte Dirndlmoschee genäht. Was kann man sich darunter vorstellen?

Aksamija: Das ist ein traditionelles österreichisches Dirndlkleid, dessen Kittel sich in einen Gebetsteppich für drei Personen entfalten und aufklappen lässt. Das Projekt reagiert einerseits auf meine Kultur und meine Ursprünge, andererseits aber auch auf die kulturellen Gegebenheiten im Salzkammergut. Ich war damals eingeladen, an einem internationalen Künstlersymposium in Strobl am Wolfgangsee teilzunehmen. Ich habe mich von dem Ort inspirieren lassen und habe schließlich eine Dirndlmoschee entworfen.

STANDARD: Wie waren die Reaktionen der Leute?

Aksamija: Sehr gut. Viele Leute waren sehr daran interessiert, was dieses Dirndl alles kann. Und einige haben sogar gelacht. Das ist genau das, was ich bezwecken will. Ich benütze meine Projekte, um mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Humor, Augenzwinkern und eine freundliche Provokation sind dabei sehr hilfreich. Außerdem zeigt das Projekt, wie wenige Dinge man braucht, um per Definition eine Moschee zu kreieren.

STANDARD: Was sind die Grundelemente einer Moschee?

Aksamija: Die genaue Architektur einer Moschee ist weder im Koran noch in den Überlieferungen definiert. Theoretisch kann man den Gebetsteppich im Islam als den kleinsten architektonischen Raum verstehen. Er vereint alles, was man zum Beten braucht: ein Symbol zur Kommunikation und Zusammenkunft, eine klare Ausrichtung nach Mekka und einen sauberen Ort, an dem man auch seinen Kopf ablegen kann. Mehr braucht man zum Beten nicht. Man sieht in der Architekturgeschichte islamischer Bauten sehr deutlich, dass sich die eigentliche Form der Moscheen abhängig von Ort und Zeit immer wieder verändert hat. Die Moscheearchitektur hat sich eigentlich erst durch die Assimilation von Elementen verschiedenster Kulturkreise weiterentwickelt.

STANDARD: Das ist eine klare Definition. Warum sind die Diskussionen über islamische Architektur in den westlichen Ländern dann so festgefahren?

Aksamija: Der primäre Konfliktpunkt ist heute die Repräsentation, also die Sichtbarkeit der Muslime im öffentlichen Raum. Manche Formen wie etwa Kuppel und Minarett, die für gewisse ethnische Gruppen identitätsstiftend sind, haben sich in der Geschichte stärker etabliert als andere. Viele Migranten hängen sich heute genau an diesen Symbolen auf, weil sie ihre religiöse und kulturelle Identität in ihrem neuen Umfeld aufrechterhalten wollen. Dabei wird die Architektur meist auf ein paar leicht erkennbare Symbole reduziert. Und das ist schade, denn das Formenrepertoire der islamischen Architektur ist viel umfangreicher als nur Kuppel und Minarett.

STANDARD: Ohne diese baulichen Elemente sind Moscheen als solche aber kaum noch erkennbar.

Aksamija: In Westeuropa und in den USA machen Muslime von ihren demokratischen Rechten zunehmend Gebrauch, indem sie die Moscheen in der Öffentlichkeit sichtbar machen. In den dominanten Gesellschaften jedoch werden ihre Symbole meist verworfen. Initiativen wie etwa „Cities against Islamisation“ („Städte gegen Islamisierung“) sowie diverse Demonstrationen gegen den Bau von Moscheen, wie wir das in einigen europäischen Städten gesehen haben, beweisen, wie sehr man sich in Europa mit den Prozessen der Globalisierung schwertut.

STANDARD: Wie schätzen Sie die Architekturdiskussion in Österreich ein?

Aksamija: Ein Politikum! Wie überall sonst, ja vielleicht sogar ein bisschen stärker als in anderen Ländern. Wenn ich mir etwa die Moschee in Telfs oder die Moschee in Bad Vöslau ansehe, dann kann ich nur mit Bedauern feststellen, dass es sich dabei um politische Kompromisse handelt, die in beiden Fällen zu architektonisch ziemlich schwachen Lösungen geführt haben. In meinen Augen verbirgt sich hinter der Architekturdiskussion in Österreich oft eine versteckte und getarnte Ausländerfeindlichkeit. Was man mit dem Argument „Moscheen passen nicht ins lokale Umfeld“ eigentlich sagen will, ist: Wir wollen euch nicht!

STANDARD: Was hilft?

Aksamija: Mehr Bildung, und zwar bei allen Beteiligten.

STANDARD: Gibt es auch positive Beispiele in Österreich?

Aksamija: In Altach baut der Vorarlberger Architekt Bernardo Bader zurzeit einen islamischen Friedhof. Er ist zuständig für die Architektur, und ich mache eine künstlerische Gestaltung im Innenraum der Kapelle, also vor allem die Qibla-Wand und den Mihrab. Die Teppiche werden in Bosnien von Kriegsopfern gewebt. Die Eröffnung ist für Sommer geplant. In meinen Augen ist das ein gutes Beispiel für eine entpolitisierte Diskussion. Die Architekturqualität ist hoch. Sowohl die Bevölkerung vor Ort als auch die islamische Glaubensgemeinschaft wurden in den Planungsprozess intensiv miteinbezogen. Die Projektstelle für Zuwanderung und Integration „okay. zusammen leben“ hat in diesem Prozess eine tolle Mediationsarbeit geleistet.

STANDARD: Diese Kommunikation scheint in vielen anderen Projekten zu fehlen. Ich denke da nur an das Cordoba House im Süden Manhattans. Vor allem die Angehörigen der 9/11-Opfer fühlen sich durch dieses Projekt zu wenig respektiert.

Aksamija: Viele Muslime waren vor den Kopf gestoßen, wie die New Yorker auf den Entwurf dieser sogenannten Ground-Zero-Moschee reagiert haben. Es schockiert mich nach wie vor, dass so eine Debatte ausgerechnet in den USA stattfindet. Auch Muslime waren Opfer des Terrorismus von 9/11, und diese Debatte impliziert, dass Muslime, die diese Moschee bauen wollen, nun als Bedrohung gesehen werden. Es gibt sehr viele neue Moscheen in den USA, aber noch nie zuvor wurde ein Moscheebau so groß aufgeblasen wie in diesem Fall. Solche medialen Kampagnen sind gefährlich, weil sie die Gesellschaft polarisieren und Islamophobie salonfähig machen. Manche großen Ereignisse wie 9/11 können die Wahrnehmung und den kulturellen Stellenwert von Architektur nachhaltig verändern. Das ist auch das Thema meiner Dissertation Our Mosques are Us.

STANDARD: Sie beschäftigen sich darin mit der Auswirkung des Bosnienkrieges auf die Bedeutung von Moscheen. Was hat sich in den Jahren zwischen 1992 und 1995 verändert?

Aksamija: Früher waren Gebetshäuser primär ein Ort der Glaubensausübung. Im Krieg wurden diese Gebäude - und zwar Kirchen, Synagogen und Moscheen - von den nationalistischen Extremisten jedoch instrumentalisiert. Sie wollten die kulturelle und religiöse Koexistenz in Bosnien-Herzegowina, die bis dahin Jahrhunderte lang mehr oder weniger ganz gut geklappt hat, auseinanderbrechen und für immer zerstören. Allein in Bosnien-Herzegowina wurden 1200 Moscheen stark beschädigt oder sogar komplett zerstört. Die Art und Weise, wie das gemacht wurde, war ein integraler Bestandteil des Genozids und der ethnischen Säuberung. Durch die symbolische Kriegsführung wurden diese Gebetshäuser zum ethnischen Körper der Nation.

STANDARD: Wie ist die Situation in Bosnien heute?

Aksamija: Das kulturelle Erbe der Bosniaken wurde zerstört. Jetzt geht es darum, diese Identität wiederaufzubauen.

STANDARD: Wie sieht dieser Aufbau konkret aus?

Aksamija: Es gibt in Bosnien derzeit zwei ganz gegensätzliche Tendenzen. Auf der einen Seite wird der Krieg auf ziviler Ebene fortgesetzt, indem man die Kirchen und Moscheen in den Wettbewerb gegeneinander stellt. Es geht um Sichtbarkeit und territoriale Markierung. Die Gebäude müssen immer größer, immer höher, immer auffälliger sein. Auf der anderen Seite kann man allerdings beobachten, dass die Moschee zu einem Symbol für den Wiederaufbau sozialer Netzwerke wird.

STANDARD: Welche Rolle spielt dabei die Architektur?

Aksamija: Die religiöse Architektur ist paradoxerweise nicht nur ein Symbol für mentalen Krieg, sondern fungiert auch als pädagogisches Mittel. Die Probleme in Bosnien lassen sich zwar nicht mit hübschen Gebäuden lösen, aber die Architektur kann ein Medium sein, um Geschichte zu lernen und die kulturellen Codes der anderen zu begreifen.

Azra Aksamija, geboren 1976 in Sarajevo, lebt in Cambridge in den USA. Sie ist Assistenzprofessorin am MIT und unterrichtet an der Princeton University und an der Universität Graz.

Am Freitag, den 20. Jänner, hält sie auf Einladung der ÖGFA den Vortrag „National purification through religious architecture“ (Englisch), IG Architektur, Gumpendorfer Straße 63b, 1060 Wien, 19 Uhr.

Publikationen

2024

Wien Museum Neu

Der Band ist eine visuelle und essayistische Reflexion über ein bedeutendes Kultur-Bauprojekt an einem der zentralen Orte Wiens in unmittelbarer Nachbarschaft zu Karlskirche, Künstlerhaus und Musikverein.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Müry Salzmann Verlag

2022

mittendrin und rundherum
Reden, Planen, Bauen auf dem Land und in der Stadt Ein nonconform Lesebuch

Seit über 20 Jahren ist nonconform in Deutschland und Österreich in der räumlichen Transformation tätig. Architektur ist für das interdisziplinäre Kollektiv nie bloß ein fertiges, fotogenes Resultat, sondern immer auch ein lustvoller, horizonterweiternder Prozess, in den die Bürger:innen einer Gemeinde,
Hrsg: Wojciech Czaja, Barbara Feller
Verlag: JOVIS

2022

Brick 22
Ausgezeichnete internationale Ziegelarchitektur

Vom handgemachten Ziegelstein zum hoch entwickelten modernen Produkt: Das Bauen mit gebrannten Tonblöcken schöpft heute aus einem Erbe von neun Jahrtausenden Baugeschichte und dank ihrer vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten, ihrer konstruktiven Qualitäten und ihrer Nachhaltigkeit sind Ziegel bis heute
Hrsg: Wienerberger AG
Autor: Wojciech Czaja, Anneke Bokern, Christian Holl, Matevž Celik, Anna Cymer, Isabella Leber, Henrietta Palmer, Anders Krug
Verlag: JOVIS

2021

Frauen Bauen Stadt

Wie weiblich ist die Stadt von morgen? Im Jahr 2030 werden weltweit 2,5 Milliarden Frauen in Städten leben und arbeiten. Traditionell war die Arbeit am Lebenskonzept Polis in ihrer Beauftragung, Planung und Ausführung jedoch männlich dominiert. Frauen Bauen Stadt porträtiert 18 Städtebauerinnen aus
Hrsg: Wojciech Czaja, Katja Schechtner
Verlag: Birkhäuser Verlag

2020

Almost
100 Städte in Wien

Was macht ein Reisender, wenn er nicht reisen kann? Er reist trotzdem. Wojciech Czaja setzte sich im Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 aus Frust auf die Vespa und begann, seine Heimatstadt Wien zu erkunden. Er fuhr in versteckte Gassen, unbekannte Grätzel und fernab liegende Adressen am Rande der Stadt
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2018

Hektopolis
Ein Reiseführer in hundert Städte

Jede Stadt ist anders. Jede Stadt hat ihren eigenen Charakter, aber auch ihre ganz eigenen Geschichten. Der vielreisende Stadtliebhaber Wojciech Czaja widmet sich in seinem Buch Hektopolis genau diesen ortsspezifischen, feinstofflichen Beobachtungen, Erlebnissen und Anekdoten. Porträtiert werden hundert
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2017

Motion Mobility
Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien

In einem von der Grundstückssuche bis zur Fertigstellung interdisziplinären Prozess planten Pichler & Traupmann Architekten, FCP Fritsch, Chiari & Partner als Ingenieure und das Beratungsunternehmen M.O.O.CON in Zusammenarbeit mit der Agentur Nofrontiere Design und SIDE Studio für Information Design
Autor: Wojciech Czaja, Matthias Boeckl
Verlag: Park Books

2012

Wohnen in Wien
20 residential buildings by Albert Wimmer

Wie wohnen die Wienerinnen und Wiener? Inwiefern decken sich architektonisches Konzept und gelebter Alltag? Der Architekturjournalist Wojciech Czaja und die Fotografin Lisi Specht werfen gemeinsam einen Blick hinter die Fassaden des geförderten Wiener Wohnbaus und bitten die Mieter und Eigentümerinnen
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: SpringerWienNewYork

2012

Zum Beispiel Wohnen
80 ungewöhnliche Hausbesuche

Wohnen ist eine zutiefst persönliche Sache. Kein Raum in unserem Leben steht uns so nahe wie unsere eigene Wohnung, wie unser eigenes Haus. Die beiden Autoren Wojciech Czaja und Michael Hausenblas reisen quer durch Österreich und sind zu Besuch bei Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Wirtschaft. Die
Autor: Wojciech Czaja, Michael Hausenblas
Verlag: Verlag Anton Pustet

2007

91° More than Architecture

Architektinnen und Architekten sind Arbeitstiere. Viele von ihnen arbeiten zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 50 Wochen im Jahr. Die wenige Zeit, die zwischen den dichten Arbeitsstunden noch übrig bleibt, ist wie ein Heiligtum und muss als solches respektiert werden. In diesem Sinne ist 91°
Hrsg: Wojciech Czaja, Eternit Österreich, Dansk Eternit Holding
Verlag: Birkhäuser Verlag

2007

Periscope Architecture
gerner°gerner plus

Vor zehn Jahren haben Andreas und Gerda Gerner mit einem Einfamilienhaus begonnen: „Für ein erstes Projekt ist das Haus Hinterberger sehr unkonventionell. Wir haben uns permanent gefragt: Trauen wir uns das? Seitdem hat man sich oft aus dem Fenster gelehnt“ Entstanden ist das schwebende Haus Südsee in
Hrsg: GERNER GERNER PLUS.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Verlag Holzhausen GmbH

2005

Wir spielen Architektur
Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit

Was ist eigentlich ein Kind? Der Jurist wird uns darauf eine andere Antwort geben als der Soziologe, der Pädagoge eine andere als der Philosoph. Und der Architekt? Wird er schweigen und weiterbauen?
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Sonderzahl Verlag