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    Tom Turbo und die Welt der Wunder
    Der Standard

    Nach drei Monaten schließt die Expo 2017 ihre Pforten. Angedacht war ein weltumspannender Dialog über einen nachhaltigeren Umgang mit Energie. Das Resultat ist zum Schämen. Österreich aber ist ein fröhlicher Lichtblick.

    09. September 2017 - Wojciech Czaja

    Der kleine Zhomart ist begeistert. Die nicht mehr ganz so junge Benazir ebenso. Wie von der Tarantel gestochen treten die beiden in die Pedale und erzeugen auf diese Weise, so lernt man im österreichischen Pavillon, bis zu 100 Watt Leistung. Je schneller die beiden radeln, desto mehr lösen sich die Pixel auf den Bildschirmen vis-à-vis in immer feinere Kristalle auf, bis sie sich schließlich – die ersten Schweißperlen stehen bereits auf der Stirn – zu einem klaren, scharfen Bild aus der Kaiserschmarrnküche fügen. Willkommen auf der Expo 2017 in Astana, die morgen, Sonntag, nach insgesamt drei Monaten zu Ende geht.

    „Über Energie ist schon vieles gesagt worden, und wenn 140 Länder und Organisationen sich zu diesem Thema äußern, dann kann man davon ausgehen, dass viele Kommentare sehr ähnlich ausfallen werden“, sagt Johann Moser, Partner bei BWM Architekten. „Gerade auf einer Weltausstellung, auf der sich alles um Hightech und Innovation dreht und auf der man von Zahlen und Informationen erschlagen wird, wollten wir mit Überraschung und positivem Schock arbeiten. Also haben wir beschlossen, uns der Energie spielerisch anzunehmen.“

    Unter dem Titel Mit Hirn, Herz & Muskelkraft bauten die BWM Architekten ein hallenfüllendes Fitnesscenter oder, wie Moser meint, ein „bewegungs- und geräuschintensives Energietheater“. Als Vorbild diente die sogenannte Weltmaschine, an der der steirische Bauer Franz Gsellmann die letzten 23 Jahre seines Lebens bastelte. Im Fokus, so Moser, stehe die Produktion von Freude und Energie und nicht so sehr eine unmittelbare Sinnhaftigkeit, wie man dies von Maschinen sonst kenne.

    Und so gibt es neben den schweißtreibenden Fahrrädern eine ganze Batterie an Zugseilen und Wippschaukeln, mit denen man allerhand Materie bewegt: Riesenräder mit Schwarzenegger, Stephansdom und glücklichen Lipizzanern, dutzende Windräder und jede Menge Luftpumpen, die über Schläuche und Orgelpfeifen Musik in den unterschiedlichsten Tönen erzeugen. Eingepackt ist die ganze Maschinerie, die ein bisschen an Thomas Brezinas Wunderfahrrad Tom Turbo erinnert, in bunte Bilder und quietschgrelle Neonfarben. Die perfekte Kakocollage.

    „Man kann nicht von jedem Expo-Besucher erwarten, dass er über Österreich bestens Bescheid weiß“, erklärt Rudolf Ruzicka, Expo-Projektleiter in der Wirtschaftskammer Österreich (WKO). „Daher fangen wir bei null an, und somit auch bei ein paar Klischeebildern, die vielleicht jeder kennt.“ Sinn und Zweck sei es, Österreich als innovatives, querdenkendes Land zu positionieren und den Leuten zu vermitteln, dass die allererste Veränderung und Energieoptimierung nicht in einer neuen Technologie, sondern bei uns selbst liege. „Wenn wir auf diese Weise in Erinnerung bleiben, dann ist schon ein großer Teil unseres Auftrags erfüllt“, so Ruzicka.

    Loblied auf Wind und Sonne

    Und das ist schon mehr, als man von der gesamten Expo behaupten kann. Das heurige Motto „Future Energy. Action for Global Sustainability“, mit dem sich die kasachische Hauptstadt als Austragungsort der Weltausstellung beworben hatte, wäre eine Riesenchance gewesen, sich fundamentalen Fragestellungen zu widmen, die bisherige Energiekultur kritisch zu beleuchten und mögliche Modelle für eine planetenfreundliche Zukunft zu diskutieren. Doch so weit sollte es nicht kommen.

    Stattdessen rühmen sich die 114 teilnehmenden Länder in besten Superlativen, präsentieren sich als Hochburg nachhaltiger Energieproduktion, frönen dem heutigen Technikstand in Sachen Wind- und Sonnenkraft und deklinieren fröhlich die Mythen der Ersten Welt auf und ab. Deutschland machte einen auf „Wir wissen, wie’s geht“, Tschechien bietet Einblick in seine Kraftwerke und Pumpenindustrie, Italien gedenkt seines Batterieerfinders Alessandro Volta, Iran, Türkei und Turkmenistan rühren die Werbetrommel für ihre Kraftwerksanlagen, Aserbaidschan stellt Modelle seiner Bohrinseln aus, und Saudi-Arabien holt seine behaupteten Schwerpunkte Bildung, Forschung und Entwicklung vor den Vorhang.

    Richtig infam wird es, wenn der bisweilen ahnungslose Expo-Besucher als Marionette der Bau- und Energieindustrie instrumentalisiert wird. Etwa in Monaco, das zuerst einen wunderbar gemachten Film über die so perfekte Koexistenz von Festland und Mittelmeer herzeigt, nur um den solcherart mit fliegenden Walen und Mantarochen eingelullten Besucher gleich im Anschluss für die Pläne des drei Hektar großen Landgewinnungsprojekts „Anse du Partier“ empfänglich zu machen, für das ein großer Teil der Meeresfauna und -flora umgesiedelt werden muss. Auch Frankreich lässt keine Unappetitlichkeit aus und bietet seinen Hauptsponsoren Peugeot, Total und Saint-Gobain eine aufwendig gemachte und konkurrenzlos großartige Werbeplattform.

    Doch das alles ist nichts im Vergleich zu China und Russland. Das Reich der Mitte drückt auf die Tränendrüse und lässt auf der Leinwand eine Mutter sterben, um sie wenig später mit der Kraft des Atomkerns wieder zu reanimieren. Und Putinland füllt seinen Pavillon mit einer riesengroßen Kugel, die dank Lichtprojektionen zwischen Erdball und Atömchen oszilliert, und bläst die Fanfare für seine ganz und gar klima- und umweltverträgliche, nuklearbetriebene Eisbrecherflotte. Es ist zum Schämen und zum Heulen.

    Viele, viele Lebensbäume

    Des Horrors gäbe es noch viel zu zitieren. Da tut es schon mal gut, wenn man die schönen, subtil gestalteten Pavillons von Großbritannien, Israel und der Schweiz betritt oder sich alternativ in Ungarn, Vietnam und Malaysia an den zwar naiv, wiewohl friedvoll inszenierten „Lebensbäumen“ ergötzt. Oder man macht es gleich wie Afrika und Lateinamerika und lockt die Besucher mit einem touristischen Bazar voller Masken, Figuren und Kokosnussöl.

    Ilya Urazakov jedenfalls, seines Zeichens International Participiants Department Director der Expo, ist mit der globalen Nabelschau zufrieden. Im Gespräch mit dem Standard erklärt er: „Mit 3,8 Millionen Besuchern in drei Monaten, davon 17 Prozent aus dem Ausland, wurden all unsere Erwartungen übererfüllt. Das Echo war sehr positiv, und ich denke, wir haben viel Publikum für das Thema Energie sensibilisieren können.“

    Größenwahn und Muskelkraft

    Rund vier Milliarden Euro hat sich Kasachstan die Expo kosten lassen. Ein Großteil davon fließt in die Bebauung des 170 Hektar großen Areals, das bis vor drei Jahren noch Steppe war. Die 80 Meter große Kugel, die als kasachischer Pavillon diente und als größte Glaskugel der Welt gilt, soll als Energiemuseum erhalten bleiben. An der Errichtung war auch das österreichische Photovoltaik-Unternehmen Ertex Solar beteiligt. Alle anderen Pavillons sollen zum Teil an die Nasarbajew-Universität übergeben und zum Teil als Center of Green Technologies sowie als internationales Finanzzentrum genutzt werden.

    Die Pläne sind ambitioniert und setzen fort, was die Expo vorexerziert hat: Größenwahn und Muskelkraft. Chancen für einen seriösen Dialog mit der Welt hätte es viele gegeben. Österreichs Denkeinladung, in Zukunft mehr Herz und mehr Hirn einzusetzen, kommt wie gerufen.

    [ Die Reise nach Kasachstan erfolgte auf Einladung von Wirtschaftsministerium und WKO. ]

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