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    Die Macht der Baracke
    Der Standard

    Wie kann man billig Wohnraum schaffen? Das ist eine dringliche Frage für die Townships Südafrikas. Der Architekt Hubert Klumpner hat ein Haus für 9000 Euro entwickelt – und ist damit für den RIBA Award 2018 nominiert.

    30. Dezember 2017 - Wojciech Czaja

    Das Bett steht, der Vorhang ist montiert, die Uhr hängt gut sichtbar gleich neben dem Kalender. Es ist 14.33 Uhr, früher als gedacht. Ein paar Tage lang nur musste die Familie bei den Nachbarn Unterschlupf finden. Gemeinsam mit Freunden, Bekannten und Handwerkern aus der Nachbarschaft wurde gemauert, gesägt und geschraubt. Eine Woche später war das Haus bezugsfertig.

    Khayelitsha am südöstlichsten Zipfel von Kapstadt, eingebettet zwischen Küste, Autobahn und Naturschutzgebiet, ist die zweitgrößte Township Südafrikas. Mehr als 400.000 Menschen leben hier, 99 Prozent Schwarzafrikaner, zum überwiegenden Teil in informellen, also illegalen Behausungen. Die meisten davon bestehen aus Wellblech und Pappe und haben keinen Strom, kein fließendes Wasser, keine funktionierende Kanalisation. Seit zehn Jahren schon versucht die Regierung, in verschiedenen Kampagnen die Lebensbedingungen der hier lebenden Menschen zu verbessern, doch die Wartelisten für die neu errichteten und nicht immer billigen RDP-Häuser – die Abkürzung steht für Reconstruction and Development Programme – sind lang.

    „Die Khayelitsha-Township ist ein gutes Beispiel für ein irgendwie ganz passabel funktionierendes Settlement“, sagt Hubert Klumpner. „Es gibt Handel und Gewerbe, und der Alltag in der Stadt scheint zu klappen. Die größte Schwierigkeit jedoch ist die extrem enge Bebauung und Verhüttelung, denn einerseits bringt das Hygieneprobleme mit sich, und andererseits kommt es dadurch immer wieder zu Brandzerstörungen. Es gibt weder Löschwasser noch Zufahrtsmöglichkeiten für die Feuerwehr.“

    Der „Slum-Architekt“

    Der österreichische, in Zürich lebende „Slum-Architekt“, wie ihn das Wirtschaftsmagazin Trend in einem Artikel betitelte, beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit dem Bauen in Entwicklungsländern und hat bereits zahlreiche Dwelling- und Mobility-Projekte in Afrika und Lateinamerika geleitet. Bekannt wurde er vor allem durch die 2003 von ihm initiierte Seilbahnverbindung zwischen der Innenstadt von Caracas, Venezuela, und dem Armenviertel San Agustín, die er mit dem Vorarlberger Seilbahnunternehmen Doppelmayr realisierte. Das Projekt ging um die Welt.

    Im Zuge des Forschungsprojekts „Empower Shack“ entwickelte Klumpner mit seinem Kollegen Alfredo Brillembourg und dem von ihm gegründeten Urban Think Tank an der ETH Zürich nun einen flexiblen Wohnprototyp, der in den kommenden Jahren in ganz Südafrika zur Anwendung kommen soll. Im Gegensatz zu den staatlich geförderten RDP-Häusern handelt es sich dabei nicht um perfekt geplante Middle-Class-Einfamilienhäuser, sondern um simple, zweigeschoßige Hütten, die mit den vor Ort üblichen Baustoffen errichtet werden können: Holz, Plastik, Betonstein, Wellblech und Polycarbonat.

    „Das Haus ist als Rohling zu verstehen“, erklärt Klumpner. „Wir bauen kein Idealhaus, sondern orientieren uns an der lokalen Baukultur – mit all ihren Mängeln und Möglichkeiten. Bloß machen wir es einen Hauch besser.“ Dazu gehört auch, dass jedes Haus mit WC und Wasseranschluss ausgestattet ist und über einen zweiten Stock mit interner Holztreppe verfügt. Dadurch lässt sich wertvolle Grundfläche einsparen, die die Bewohner als Garten und Anbaufläche nutzen können. Am wichtigsten ist jedoch, dass künftig auch wieder Sammeltaxis und Feuerwehr zufahren können.

    Bislang wurden in Khayelitsha 38 Häuser fertiggestellt – zum überwiegenden Teil in Selbstbauweise. Unterstützung kommt dabei von den professionellen NGOs Ikhayalami und Slum Dwellers International (SDI).

    Die Kosten pro Haus belaufen sich je nach Größe und Ausstattung auf 6000 bis 11.000 US-Dollar, rund 5000 bis 9300 Euro. Bis Ende 2018 sollen weitere 32 Häuser folgen. Das Gesamtprojektbudget beläuft sich – mit allen Forschungs- und Entwicklungskosten – auf 900.000 US-Dollar, rund 760.000 Euro.

    „Empower Shack“ besteht jedoch nicht nur aus Hardware, sondern auch aus Software. Der Urban Think Tank liefert nicht nur Pläne und Baumaterial, sondern kümmert sich auch um die Abwicklung des gesamten Umzugs- und Wiederbesiedelungsprozesses. „Die meisten Menschen leben hier illegal“, so Klumpner, „und die größte Angst bei jedem Neubau- oder Sanierungsprojekt ist der vorübergehende Wegzug während der Bauphase. Viele fürchten, das Grundstück und den jahrelang erworbenen sozialen Status zu verlieren, sobald sie die Township verlassen.“

    Anstatt in eine provisorische Unterkunft zu ziehen, sieht das Programm vor, dass die Bewohner während der kurzen Bauzeit bei ihren Nachbarn Obdach bekommen. Diese packen beim Bau gleich mit an und unterstützen die Familie beim Hin- und Hertragen der Möbel. Es ist ein Geben und Nehmen. Früher oder später kommt jeder dran. In der Zwischenzeit haben sich die Menschen sogar zu einer Kooperative zusammengeschlossen und zahlen gemeinsam in eine Kasse ein, um den Gebäudeverband in Zukunft selbstständig weiterentwickeln zu können.

    Genau das ist der Plan

    „Vonseiten der Regierung und der öffentlichen Hand bekommen wir so ein Angebot nicht“, sagt Spu Dala, Community-Leader und so etwas wie der Bauherrenvertreter und die gute Seele im kleinen Khayelitsha-Straßenblock. „Aber uns ist es gelungen. Wir sind glücklich und beeindruckt. Jetzt werden die Leute zu uns nach Südafrika kommen und sich ein Bild davon machen, was wir hier erreicht haben.“

    Genau das ist der Plan. Nicht zufällig heißt das Projekt „Empower Shack“, auf Deutsch so viel wie Ermächtigungsbaracke. „Südafrika hat eine akute Wohnungsnot, es fehlen im Moment rund zwei Millionen Häuser“, sagt Hubert Klumpner. „Und daher sind private wie auch öffentliche Bauträger und Entwickler dringend gefordert, diesen Bedarf zu decken. Mögen uns so viele wie möglich kopieren!“ Die Pläne und der gesamte Entwicklungsprozess werden als Open Source zur Verfügung gestellt.

    Über zwei Teilerfolge freut sich Klumpner besonders: Während man die ersten Baracken noch illegal errichten musste, werden die aktuellen Häuser bereits von der öffentlichen Hand geduldet. Mehr noch ist diese daran interessiert, den mittlerweile anerkannten Bautypus weiterzuentwickeln und auf einfache Weise wiederholbar zu machen. „Die Township als einstiger Rechtsfreiraum ist nun offiziell zum Experimentierfeld erklärt worden“, so Klumpner. Und zweitens findet sich das Projekt „Empower Shack“ auf der Longlist zum renommierten RIBA Award – zusammen übrigens mit dem nur 25 Kilometer entfernten Zeitz MOCAA Museum vom britischen Heatherwick Studio. Weiter entfernt könnten die Architekturwelten nicht sein. Anfang 2018 sollen die Gewinner bekanntgegeben werden.

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    Für den Beitrag verantwortlich: Der Standard

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