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Profil

Wojciech Czaja, geboren in Ruda Śląska, Polen, ist freischaffender Journalist für Tageszeitungen und Fachmagazine, u.a. für Der Standard, Architektur & Bauforum, VISO, db Deutsche Bauzeitung, und DETAIL. Er ist Autor zahlreicher Wohn- und Architekturbücher, u.a. Wohnen in Wien (2012), Zum Beispiel Wohnen (2012), Überholz (2015) und Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden (2015). Zuletzt erschien HEKTOPOLIS. Ein Reiseführer in hundert Städte im Verlag Edition Korrespondenzen. Er arbeitet als Moderator und leitet Diskussionsrunden in den Bereichen Architektur, Immobilienwirtschaft und Stadtkultur und veranstaltet unter dem Titel Ähm, ja also... Praxis-Workshops zum Thema Kommunikation und Präsentation. Er ist Dozent an der Universität für Angewandte Kunst in Wien sowie an der Kunstuniversität Linz und unterrichtet dort Kommunikation und Strategie für Architekten. Außerdem ist er von 2015 bis 2021 Mitglied im Stadtbaubeirat in Waidhofen an der Ybbs.

Publikationen

Wir spielen Architektur. Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit, Sonderzahl-Verlag, Wien 2005
periscope architecture. gerner gerner plus, Verlag Holzhausen, Wien 2007
Stavba. Die Strabag-Zentrale in Bratislava, Wien/Bratislava 2009
Light/Night. The Nouvel Tower in Vienna, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2010
Wohnen in Wien. 20 residential buildings by Albert Wimmer, Springer Verlag, Wien 2012
Zum Beispiel Wohnen. 80 ungewöhnliche Hausbesuche, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2012
Überholz. Gespräche zur Kultur eines Materials, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2015
Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden, Wien 2015
Der Fuß weiß alles. Markus Scheer, Ecowin Verlag, Wals bei Salzburg 2016
Der Erste Campus, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2017
motion mobility. Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien, Park Books, Zürich 2017
Hektopolis. Ein Reiseführer in hundert Städte, Edition Korrespondenzen, Wien 2018

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Artikel

7. September 2019 Der Standard

Im Wuchtelwald

Morgen, Sonntag, wird nach medialen Kontroversen die Kunstinstallation „For Forest“ im Klagenfurter Wörthersee-Stadion eröffnet. Was will uns die Architektur aus 299 Bäumen sagen?

D ie ersten Vögel haben sich schon niedergelassen. Es zwitschert ganz leise aus dem Wald heraus. „Denn natürlich“, sagt Klaus Littmann, „ist das nicht nur ein Kunstprojekt, sondern auch ein temporärer Lebensraum für Fauna und Flora.“ Dass die Kunstinstallation For Forest derzeit ausgerechnet dem Menschen, insbesondere der dem Leder hinterherlaufenden Spezies, versperrt bleibt, ist angesichts des Wunders von Wolfsberg, da der Verein WAC im Mai mehr als überraschend in die Qualifikationsrunde der UEFA Europa League aufgestiegen ist und nun nicht einmal ein Heimstadion hat, in dem er seine Spiele austragen kann, sondern bis November ins Grazer Exil ausweichen muss, umso skurriler. „Fußballfeindliches Projekt!“, mokieren sich die Gegner.

Littmann, Schweizer Künstler seines Zeichens, geht mit der Idee, ein Stadion zu bewalden, schon seit fast 30 Jahren schwanger. Damals, 1990 war das, stieß er in einer Ausstellung in Wien auf eine Bleistiftzeichnung des Wiener Künstlers Max Peintner. Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur, so der Titel des 1970 erstellten und in die USA verkauften Werks, das derzeit in der Stadtgalerie Klagenfurt gastiert, wirft einen verstörenden, dystopischen Blick in die Zukunft.

In eine vielleicht gar nicht so ferne Zeit, wie sich auf geopolitischer Ebene zeigt, in der der Wald zum raren Spektakel geworden ist, das man nur noch im geschützten Rahmen im Stadion bewundern kann. Selbiges ist in Max Peintners Zeichnung, die hier Pate stand, im Gegensatz zum Klagenfurter Jörg-Haider-Vermächtnis, das seit der UEFA EM 2008 etwas karg dahinvegetiert, zum Bersten gefüllt, bis auf den letzten Sitzplatz ausverkauft. In den nächsten sieben Wochen bis 27. Oktober, so der Plan, soll es auch hier wieder etwas voller werden, im 33.000-Besucher-Stadion der 100.000-Einwohner-Landeshauptstadt.

„Ich habe jahrelang nach einem Stadion gesucht“, erinnert sich Littmann, „aber wenn ein Fußballclub einigermaßen erfolgreich spielt, ist so viel Geld involviert, dass es eigentlich unmöglich ist, sich für ein paar Monate mit einem Kunstprojekt einzumieten.“ Und dann kamen Klagenfurt und der österreichische Fußball. Dass das von ihm initiierte Megaprojekt derartige landesfürstliche Wunden aufreißen und zum Politikum werden würde, sagt er, hätte er nicht geahnt. Einige Wuchtelfans drohen damit, den Bäumen mit der Kettensäge an den Stamm zu gehen. Die Kunstszene ätzt indes, ob die ganze Angelegenheit überhaupt den Aufwand wert sei – und das obwohl nach Auskunft der Klagenfurter Bürgermeisterin Marie-Luise Mathiaschitz (SPÖ), wie sie betonet, „kein Euro Steuergeld von öffentlicher Hand in dieses Projekt geflossen ist“. Die kolportierten Investitionskosten, die zur Gänze aus privaten Sponsoren- und Mäzenengeldern stammen, belaufen sich auf vier Millionen Euro.

Was die CO2-Bilanz betrifft

Die Sonnenstrahlen arbeiten sich durch das Blätter- und Nadelwerk durch. Zwischen Pappeln und Platanen flattert ein verirrtes Täubchen umher. Insgesamt 299 große, ausgewachsene Bäume mit acht bis 16 Meter Höhe bis zu den Wipfeln wurden in den letzten Wochen ins Stadion verfrachtet. Ursprünglich wollte man die Bäume allesamt aus österreichischen Baumschulen ankaufen, doch daraus wurde nichts. Die Mischung aus 18 verschiedenen Baumspezies, mit der man den Kärntner Mischwald nachahmen will, sei in österreichischen Schulen in dieser Menge nicht verfügbar, hieß es. Und so musste man nach Italien, Belgien und Norddeutschland ausweichen. „Aus Sicht der Konzeptkunst war das schon ein ziemlicher emotionaler Knick“, sagt Enzo Enea. „Für mich als Landschaftsarchitekt aber ist der Transport von Bäumen quer durch Europa mein tägliches Geschäft. Bäume sind nie dort, wo man sie braucht. Was die CO2-Bilanz betrifft, so kann ich insofern beruhigen, als Bäume in diesem Alter und in dieser Wuchsgröße durchaus gute Kompensationsarbeit leisten. Ein solcher Baum produziert rund drei Millionen Liter Sauerstoff pro Jahr.“

Enea, der am Zürichsee sitzt, ein eigenes Baummuseum betreibt und von dort Privatgärten in der ganzen Welt konzipiert, errichtet und mit seinem insgesamt 220-köpfigen Team auch kontinuierlich betreut, ist derjenige, der das temporäre Projekt technisch überhaupt erst möglich machte. Seit vielen Jahren schon ist der Gärtner darauf spezialisiert, bedrohte Bäume zu retten, die Investoren, Verkehrsplanern und Stadtentwicklern im Weg stehen, ihre Wurzelballen zu beschneiden und die Bäume in das von ihm gegründete Museum nach Rapperswil zu transportieren, wo sie schließlich ein Leben nach dem Scheintod fristen.

„Genauso“, sagt Enea, „sind wir auch in Klagenfurt vorgegangen. Wir haben geschulte Bäume mit kleinen, kompakten Wurzelballen aufgekauft, denn aufgrund der bestehenden Rasenheizung im Klagenfurter Stadion, die wir keinesfalls beschädigen dürfen, mussten wir uns in der Höhe auf ein Minimum beschränken.“ Die kompakten Wurzelballen stehen auf einer simplen Unterkonstruktion aus Holzbalken und massiven Aluminiumplatten, an die sie aus Stabilitätsgründen mittels Zuggurten festgezurrt wurden. Am Ende wurde der 7000 Quadratmeter große Wald auf Zeit, der im Unterholz noch mit 6000 Gräsern und Gebüschen nachverdichtet wurde, mit Hackschnitzeln und Rindenmulch aufgeschüttet.

Es piepst und zwitschert im Gehölz. Und da ein Schmetterling! Am Ende der Installation, die in Klagenfurt in ein üppiges Rahmenprogramm und allerhand Merchandising-Produkte eingebettet ist, wird das Kunstwerk um einen Kilometer nach Westen übersiedeln. Auf dem Lakeside-Campus der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt sollen die 299 Bäume in der gleichen Konstellation dauerhaft eingepflanzt werden. Herzog & de Meuron werden einen kleinen Pavillon errichten, in dem das Projekt dokumentiert werden soll.

Temporäres Kunstwerk? Mega-Mahnmal? Aufgebauschtes Medienspektakel in der Klagenfurter Ikone für Korruption und sportliche Machenschaften? Die Frage stellt sich nicht. Zumindest nicht jetzt. Ein brasilianischer Psychopath fackelt den Amazonas ab. Und Max Peintner, Klaus Littmann und Enzo Enea liefern nach Jahrzehnten Vorarbeit eine so punktgenaue und realitätsnahe Glosse, dass einem bang wird.

24. August 2019 Der Standard

Bahnsteig mit Balkon

Das Wiener Architekturbüro Einszueins hat sich auf die Planung von Partizipationsprojekten spezialisiert. Das neueste Wohnhaus im Baugruppenportfolio wurde vor wenigen Wochen an seine Bewohner übergeben. Die Umzugskartons stehen noch herum. Ein Besuch.

Eigentlich“, sagt Julia, „wollte ich einfach nur eine schöne Wohnung mit Balkon. Das war mein ursprünglicher und vielleicht wichtigster Wunsch vor vier Jahren. Doch das, was wir heute haben, ist mehr, als ich je zu träumen gewagt hätte. Wir haben’s geschafft, aus dem Haus mehr zu machen als nur die Summe der Quadratmeter.“ Julia Hainz, mitten in der Karenz, den fünfmonatigen Maximilian im Arm, wohnt mit ihrem Mann und ihren beiden Kids auf Top 31, vierter Stock, 88 Quadratmeter. Den Balkon, den hat sie. Und ein ganzes Paket an Hausfreunden und nachbarschaftlichem Miteinander noch dazu.

Die 35-Jährige ist eine von insgesamt 22 Gründerinnen, die sich zwischen Winter 2014 und Frühjahr 2015 für die Baugruppe Gleis 21 im Wiener Sonnwendviertel starkgemacht haben. Wochen- und monatelang trafen sich die 22 künftigen Bewohnerinnen und Bewohner, um sich über ihre Werte, Wünsche, Wohnvorstellungen auszutauschen. Am Ende jedes Workshops, der von Mal zu Mal größer und umfangreicher wurde, ehe die Baugruppe schließlich auf 46 Erwachsene und 20 Kinder anwuchs, wurde diskutiert, debattiert und mit soziokratischen Widerstandspunkten abgestimmt.

Offen leben

„So ein Wohnprojekt in der Gemeinschaft hat nicht nur mit Architektur zu tun, sondern vor allem auch mit der eigenen Persönlichkeitsentwicklung“, sagt Julia. „Heute weiß ich, dass der Balkon ein nettes Feature ist. Aber es gibt wichtigere Dinge im Leben.“ Auch Kati Hellwagner und Sebastian Schublach, Top 25, dritter Stock, 104 Quadratmeter, sie wohnen aus dem Karton, die Küche ist noch immer nicht geliefert, auf dem Tisch steht ein Plastikkorb mit Äpfeln, Zwetschken, Bananen, sehen im Wohnen mehr als bloß die Hardware: „Die Wohnung ist wichtig, keine Frage, aber irgendwann checkt man, dass da mehr dahintersteckt, dass es um gelebte Nachbarschaft, dass es um eine ganz neue Form des alltäglichen Zusammenlebens geht.“

Es ist heiß heute, die Sonne knallt erbarmungslos vom Himmel. Die meisten Fenster zum Laubengang sind gekippt, manche komplett geöffnet, um Querlüftung zu ermöglichen, sogar die eine oder andere Wohnungstür, Top 13, erster Stock, Patrick Herold, ein 34-jähriger Architekt, steht mancherorts sperrangelweit offen und lässt Einblicke ins Wohnen zu. Auf der Bühne des täglichen Lebens wird gekocht, gespielt und telefoniert. „Man lebt hier offen und miteinander“, sagt Patrick, „und wenn man einmal von der nachbarschaftlichen Nähe die Nase voll hat, dann macht man halt die Türen und Fenster zu und ist allein. Das System funktioniert und wird von allen respektiert.“

Gleis 21 mit insgesamt 34 Wohnungen, ein paar Flex-Apartments für Gäste und Flüchtlinge, einer Gemeinschaftsküche auf dem Dach, einer Bibliothek, einem Saunahaus, einer Werkstatt, einem Fitnessraum, einer großzügig verglasten Waschküche, einem leider noch schlummernden Restaurant, einer privaten Musikschule und sogar einem öffentlich nutzbaren Veranstaltungssaal im Erdgeschoß, der unter anderem vom Stadtkino und vom Burgtheater bespielt wird, ist eines der radikalsten Wohnprojekte auf den neu bebauten Gründen des ehemaligen Südbahnhofs, vielleicht sogar in ganz Wien. Und es ist kein Einzelfall. Das planende Büro hinter diesem ungewöhnlichen Ding, Einszueins Architektur, hat sich den partizipativen Wahnsinn nicht zum ersten Mal angetan.

„Von Antun kann keine Rede sein“, sagt Projektleiterin Annegret Haider. „Partizipatives Planen macht die eigene Arbeit schöner. Die Zusammenarbeit mit den Menschen und die Zufriedenheit derer, für die man plant, sind eine der schönsten Befriedigungen, die man als Architektin erleben kann. So ein Prozess ist anstrengend und langwierig, aber am Ende kriegt jeder Einzelne mehr Energie zurück, als er investiert hat.“ Zu den bislang realisierten Baugruppenprojekten zählen das Wohnprojekt Wien (2013), der Seestern Aspern (2015) und das Wohnprojekt Hasendorf (2018). Fünf weitere partizipative Baugruppenhäuser in Wien und Niederösterreich, die „vom Städtebau bis zur Steckdose“ (O-Ton Einszueins) mit den Bewohnerinnen kooperativ geplant werden, sind bereits in Entwicklung.

Wohnen als Lebenskultur

„Wir arbeiten mit Menschen, die Wohnen nicht nur als Ware, sondern in erster Linie als Lebenskultur verstehen“, sagt Architekt Markus Zilker, „und das steht in einem großen Widerspruch dazu, wie Wohnraum heutzutage meist produziert wird.“ Gleis 21, ein Hybridbau aus Holz und Beton, ist mit Sicherheit nicht die günstigste Bauweise, die man auf die grüne Wiese stellen kann. Aber es ist die für diese Bewohnergruppe ethisch passendste. So manches konstruktive Detail würde eher den Weg in die Fibel der Herzen als ins Bauhandbuch für Ingenieure finden.

Entwickelt wurde das 4000 Quadratmeter große Haus mit dem Bauträger Schwarzatal, der es kurz nach Fertigstellung an den Verein Gleis 21 verkaufte, errichtet wurde es vom Kärntner Holzbauunternehmen Weissenseer. Finanziert wurde das Projekt über 20 Prozent Eigenmittel, 20 Prozent Wohnbauförderung und 60 Prozent Kredit. Die Bewohner selbst mieten sich über ein hochkomplexes, kooperativ designtes Entgeltsystem in die Immobilie ein. Nachdem für den Verkauf des Gesamtobjekts eine Vier-Fünftel-Mehrheit des Vereins nötig wäre, ist das Haus für die nächsten Generationen de facto dem spekulativen Immobilienmarkt entzogen.

Dieses Haus wird nicht allen gefallen. Genauso wenig wird die dahintersteckende Partizipationshacke jeden Geschmack treffen. Ist auch nicht nötig. In einem mehr und mehr von Mittelmaß und Belanglosigkeit geprägten Wohnungsmarkt aber stellt Gleis 21 die allerbesten Weichen in eine alternative, selbstwirksame Zukunft mit Zugkraft.

12. August 2019 deutsche bauzeitung

Die Offenheit der Tiefe

Unterwasserrestaurant »Under« Lindesnes-Båly (N)

An der südnorwegischen Küste wurde eine Betonröhre in die Nordsee gesenkt, um die Gäste eines gehobenen Restaurants mit einem Unterwasser-Erlebnis zu verwöhnen. Die ansprechend gestalteten Innenräume sind auf eine 25 cm dicke Acrylglasscheibe hin ausgerichtet, die den Gastraum von der offenen See trennt, und stellen gängige Vorstellungen von physischer Abgeschlossenheit und gefühlter Offenheit auf den Prüfstand.

Früher leitete der heute 32-jährige Chefkoch Nicolai Ellitsgaard den Gourmettempel Måltid im 70 km entfernten Kristiansand – bis ihn vor etwa zwei Jahren der Hotelbesitzer und Investor Stig Ubostad anrief, um ihm ein abgrundtief unmoralisches Angebot zu unterbreiten. »Als ich die Pläne und die ersten Visualisierungen gesehen habe, ist mir die Spucke weggeblieben. Alles, was ich herausbrachte, war: Wo muss ich unterschreiben?«

Seit wenigen Monaten ist die surreal wirkende, sich nach außen hermetisch abschottende Skulptur nun Wirklichkeit. Im Innern der betonierten Röhre, die wie eine umgekippte Stele im Fjord liegt, befindet sich das erste Unterwasser-Restaurant Europas und das größte seiner Art weltweit. Mit Superlativen hält man sich hier, am Fjord von Båly, rund 90 Autominuten vom nächsten Flughafen entfernt, keineswegs zurück: Der Name »Under« ist mit größter Programmatik und Medienwirksamkeit gewählt und bezieht sich nicht nur auf die hier zur Marke erhobene Lage unter der Wasseroberfläche, sondern ist zugleich auch das norwegische Wort für Wunder.

»Und an diesem Wunder haben wir wirklich intensiv gearbeitet«, erzählt Bauherr Stig Ubostad, der hier vor einigen Jahren ein mehr schlecht als recht funktionierendes Hotel mit 98 Zimmern geerbt hat. Das wunderbare Restaurant, so der Plan, sollte seine Herberge endlich aus den roten Zahlen hinauskatapultieren. »Wissen Sie, diese Region lockt nur einige norwegische Naturliebhaber an und ist international kaum bekannt. Daher habe ich beschlossen, in den Fjord eine Landmarke zu setzen. Ein architektonisches Bauwerk, das weltweit einzigartig ist. Mit wem realisiert man so ein Projekt – wenn nicht mit dem besten Architekturbüro Norwegens!«

Die Architekten von Snøhetta, die sich mit der Bibliothek von Alexandria und der Oper von Oslo bereits international einen Namen machen konnten, entwarfen ein Gebäude, das nicht nur den Faktor Standort neu denken lässt, ­sondern das auch neue Sichtweisen auf Land und Wasser, auf oben und unten, auf innen und außen, auf hell und dunkel, auf offen und geschlossen provoziert. Oder, wie Kjetil Trædal Thorsen, Gründungsvater und Partner von Snøhetta meint: »Dieses Bauwerk ist in jeder Hinsicht ein Hybrid, der mit scheinbar diametralen Positionen spielt und experimentiert. Doch dann merkt man plötzlich, dass dieses hybride Objekt weniger spaltet als vielmehr die vermeintlichen Kontraste und Differenzen in einer neuen, überraschenden Synthese vereint.«

Während der Zugang zur rund 35 m langen, unter 20 Grad versenkten Betonröhre über eine stählerne Gangway erfolgt und die kleine Terrasse vor dem Eingang noch ein wenig an eine mit hochglanzlackierten Eichenbohlen ausgelegte Luxusyacht erinnert, schließt sich die an einer Ecke wie mit einem feinen Skalpell amorph aufgeschabte Skulptur bald zu einem kastenförmigen XXL-Profil und verschwindet mit archaischer Wucht in den mal spiegelglatt ruhigen, mal wütend tosenden Tiefen des Meeres. Auffällig ist die leichte, konvexe Bauchung der Oberfläche, die sich nicht mit nackter, mathematischer Geometrie zufriedenzugeben scheint, sondern in ihrer Anspannung fast schon etwas männlich Muskulöses hat.

»Wir sind an einem besonderen Ort und müssen mit den Kräften der Natur arbeiten, die uns hier auf Schritt und Tritt begegnen und die das Projekt ­maßgeblich mitgeformt haben«, sagt Thorsen. »Die aquadynamische Bauchung haben wir in Simulationen errechnet. Sie garantiert, dass selbst bei stärksten Stürmen das Gebäude niemals wie eine Barriere wirkt. Die großen Wellen werden den Beton weich umspülen und über den Eingangsbereich schwappen.« Schade nur, dass an genau jener Stelle, an der die Gebäudeunterseite die Wasseroberfläche durchsticht, die Illusion der schräg lehnenden Betonröhre massiv gestört wird. Denn rund 30 cm über dem Wasser knickt die Gebäudekontur ab und setzt sich senkrecht nach unten fort. Der morphologische Kompromiss ist verhängnisvoll. »Der Knick war unter der Wasseroberfläche geplant, dann wäre er nicht mehr sichtbar gewesen. Wir haben lange gegen die Statik gekämpft. Schließlich mussten wir uns geschlagen geben.«

Betoniert wurde das Gebäude übrigens auf einem schwimmenden Ponton, der in der Nachbarbucht in 100 m Entfernung vor Anker lag. In einer eintägigen Reise wurde das 1600 t schwere Ungetüm nach monatelanger Aushärtungszeit im Juni 2018 mit Seilen und luftgefüllten Tarierballons an Ort und Stelle gezogen. Dort wurde der massive, doppelwandig betonierte und mit einer innenliegenden Wärmedämmung versehene Hohlkörper, der zu diesem Zeitpunkt bereits verglast und wasserdicht gemacht worden war, mit Gewichten belastet, z. T. mit Wasser geflutet und schließlich mit acht riesigen Ankerbolzen in 5 m Tiefe ans Fundament geschraubt.

5 000 Millimeter unter dem Meer

Auf der obersten Etage der Röhre befinden sich der Empfang mit Garderobe und Zugang zum Lift. Der Fußweg führt Stufe für Stufe in immer dumpfer, immer blauer werdende, sehnsüchtig in die Tiefe saugenden Gefilde hinab. Auf der nächst unteren Etage wartet die Bar mit dem sich elegant an die Fas­sade schmiegenden Lounge-Bereich. Das hier eingeschnittene Acrylglas­fenster, ein vertikaler, schmaler, bis ins 2. UG reichender Schlitz, offenbart die Lage direkt am Übergang zwischen Über- und Unterwasser; die Wellen tanzen an der Glasscheibe, oben fliegen Vögel, unten schwimmt ein Zwergseeskorpion durch das bläulich leuchtende Nass.

Mit dem Fensterschlitz offenbart sich bereits das lang gehütete Geheimnis der Offenheit und Verschlossenheit dieses Gebäudes, denn zu keiner Sekunde wirkt das Under eng oder gar klaustrophobisch, wie man an Land gemeinhin noch vermuten mag. Der Innenraum wirkt luftig und hell und im besten des Wortes in eine nordische Mystik getaucht. Erstaunlicherweise gibt nicht die Lichtmenge, sondern allein die Farbtemperatur Aufschluss über die Unterwasserlage: In den ersten 5 m unter der Wasseroberfläche werden nach und nach die Rotschwingungen aus dem Spektrum herausgefiltert, und je ­tiefer man hinabsteigt, umso bläulicher wird das Rundherum. Kleine LED-Spots im Plafond korrigieren die Wellenlänge und sorgen dafür, dass einem das Date vis-à-vis nicht wie eine blaulippige Wasserleiche erscheint.

Weitere perfekt bis zum letzten Millimeter verarbeitete Holztreppen führen schließlich hinab in die blauesten Tiefen. An der Decke und an den Wänden wird der Raum von sisal-artigen, mit bunten und naturfarbenen Fäden gewebten Paneelen gesäumt. Die akustisch wirksamen Platten sind eine Sonderanfertigung des dänischen Stoffproduzenten Kvadrat. Mittels eines Algorithmus wurde die Produktion der aus nicht brennbarem Trevira-Garn gewebten Matten so programmiert, dass sich mit jedem Tiefenmeter die Fadenfarbe verändert, dass sie von Rot zu Grün und Blau wechselt, dass sie über den gesamten Innenraum betrachtet ein lebendig changierendes Bild erzeugt. Die akustische Maßnahme ist bitter nötig, denn die Geräusche der selbst entworfenen Holzstühle auf dem mit einer Fußbodenheizung ausgestatteten Terrazzo wären ohne die hübschen Paneele wohl noch durchdringender.

Unten angekommen darf man für rund 225 Euro das 18-gängige Menü ge­nießen, das erklärtermaßen die Ressourcen vor Ort nutzt, das Meer und die Wiesen und Wälder rundherum.

Und plötzlich schwimmt wieder ein Zwergseeskorpion vorbei – die gesamte Gastgesellschaft lässt den zweiten Gang links liegen und strömt zum Fenster. Die 11 m breite und 3 m hohe Acrylglasscheibe musste wegen des hohen Wasserdrucks massiv und 25 cm dick (!) dimensioniert werden. Auf dem künst­lichen Riff davor haben sich in den letzten Monaten, zwischen den olivgrünen Kelpblättern Schutz suchend, Venusmuscheln und Seeigel angesiedelt. Am Abend wird es künstlich beleuchtet, worauf sich das Fenster vor den bis zu 40 speisenden Gästen in einen 33 m² großen Lampenschirm verwandelt.

»Das Wasser zu beleuchten klingt nach einem dramatischen Eingriff in die Natur«, erklären die beiden Meeresbiologen Trond Rafoss und Kim Halvorsen, die das Projekt von Anfang an begleitet haben und im Under nicht nur ein Restaurant, sondern auch eine maritime Beobachtungsstation sehen. »Aber die permanente Lichtverschmutzung in den Dörfern und Städten hat weitaus größere Auswirkungen als die sieben Scheinwerfer, die in den Abendstunden die paar Kubikmeter des Meeres ausleuchten. Viele Fische fühlen sich vom Licht angezogen. Und die anderen, die das Licht scheuen, ohnehin fernbleiben.« Ob sich das karge Bild mit dem irgendwie distanziert wirkenden Blick in die maritime Fauna und Flora dann inten­sivieren wird, darf man anzweifeln; die Nordsee ist nicht der Indische Ozean.

Mit rund 7,2 Mio. Euro, die in Forschung, Entwicklung und Errichtung flossen, soll das Unterwasser-Restaurant nicht zuletzt den internationalen Tourismus, der die norwegische Südküste auf dem Weg nach Stavanger, Bergen und auf die Hurtigruten bisher übersprungen hat, ankurbeln. Das Konzept könnte aufgehen – am 2. April wurde das Lokal, das nordischen Matadoren wie Noma (Kopenhagen) und Maaemo (Oslo) Konkurrenz machen soll, eröffnet. Die Tische sind bis November ausgebucht.

10. August 2019 Der Standard

Als die Zukunft noch orange war

Die Architektur der Siebzigerjahre wird oft unterschätzt. Das hat nun ein Ende. Der Wiener Architekturfotograf Stefan Oláh hat eine Liebeserklärung abgegeben – in Form eines bunten, brutalen, bisweilen berührenden Bildbands.

Es riecht nach Leder, Cognac und Club 2. Der ganze Saal ist mit edel furnierten, an den Enden leicht abgerundeten Holzplatten verkleidet. Über dem Eingangsbereich hängen Leuchtkästen für die sechs offiziellen Uno-Sprachen Englisch, Französisch, Spanisch, Russisch, Chinesisch und Arabisch. Und in den Armlehnen der gesteppten Ledersessel befinden sich Steckdose, Lichtschalter und Lautstärkeregler. Sogar ein kleines Fach für die Kopfhörer ist geschickt in die Geometrie des an Komfort unüberbietbaren Sitzmöbels integriert. Man möchte sofort daran drehen und drücken und ein paar Minuten lang Sekretär spielen.

„Obwohl das Gebäude seit 40 Jahren in Verwendung ist, halten sich die Abnutzungsspuren im Rahmen. Vor allem aber fasziniert mich, dass die gesamte Architektur so konzipiert ist, dass sie bis heute die neuesten Licht- und Tontechniken aufnehmen kann, ohne etwas von ihrer Einzigartigkeit einzubüßen.“ Anneliese Heber ist Mitarbeiterin im Informationsdienst der Vereinten Nationen, und das seit dem allerersten Tag, als das Vienna International Centre, umgangssprachlich besser bekannt als Uno-City, am 23. August 1979 seinen Betrieb aufnahm.

Insgesamt hatten sich 183 Architekturbüros am 1970 ausgeschriebenen Wettbewerb beteiligt. Auf den ersten drei Plätzen rangierten Cesar Pelli (Los Angeles), BDP Building Design Partnership (London) sowie das deutsche Architekturbüro Novotny & Mähner. Nachdem sich die Vereinten Nationen jedoch nicht über das auszuführende Siegerprojekt einigen konnten, entschied sich der damalige Bundeskanzler Bruno Kreisky kurzerhand und sehr zum Leidwesen der ÖVP-Opposition und des Nationalrats, der sogar einen Untersuchungsausschuss einberief, dem Viertplatziertem den Zuschlag zu geben. Es sollte das größte und wichtigste Projekt des österreichischen Architekten Johann Staber (1928–2005) werden.

„Die Uno-City ist ein ikonografisches Gebäude auf exterritorialem Boden mit einer eigenen Postleitzahl“, so Heber. „Und obwohl die meisten das Bauwerk nur aus der Entfernung kennen, ist es dennoch jedem Wiener ein Begriff. Die wuchtigen Betonscheiben, die fast schwerelos dazwischen hängenden Geschoße und die beiden Farben Silber und Orange, mit denen sich der Architekt an den Silberpfeil-Wagons der Wiener U-Bahn orientierte, sind zutiefst einprägsam. Von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern jedenfalls wird die Atmosphäre dieses Hauses sehr geschätzt.“

Oder, wie Friedrich Achleitner in seinem Österreichischen Architekturführer anmerkt: „Dem Staber’schen Entwurf mit seinen sechs Y-förmigen Türmen wurde unter anderem ein dekorativer Städtebau mit einer für das Umfeld provokanten Maßstabslosigkeit vorgeworfen, andererseits konnte man der bizarren Konzeption gegenüber den anderen Projekten eine gewisse Zeichenhaftigkeit, Merkbarkeit und auch einen konstruktiven Elan nicht absprechen.“

Genau dieser Elan hat es dem Wiener Architekturfotografen Stefan Oláh angetan. Nachdem er sich in sehr schönen und zum Teil längst vergriffenen Büchern den Wiener Tankstellen, den Wiener Würstelständen, den Wiener Stadtbahnbögen und der österreichischen Architektur der Fünfzigerjahre gewidmet hatte, nahm Oláh diesmal die Architektur von Wickie, Slime und Paiper unter die Lupe. Sein Bildband Bunt, sozial, brutal ist eine Ode an die Aufbruchstimmung und die oft kompromisslose bauliche Manifestation dessen, wie man sich damals Zukunft vorstellte.

„In den 1970er-Jahren wurde viel Neues, teils auch Widersprüchliches ausprobiert“, sagt Oláh. „Es war eine Zeit voller technischer Innovationen und poppig-bunter Träume, aber auch eine Dekade mit Ölkrise, Konsumskepsis und einigen politischen Dämpfern. Das alles spiegelt sich auch in der Architektur wider.“ Allein die orange lackierten Liftkabinen und Stiegenhäuser in der Uno-City bezeichnet der Fotograf als einen Optimismus, den man heute kaum noch irgendwo vorfindet. „Ein Repräsentationsgebäude der Vereinten Nationen mit diesen Farben und einer Formensprache wie in Raumstationen und U-Booten … das muss man sich einmal vorstellen!“

Oláhs Bildsprache ist so reduziert und archaisch, dass nichts vom fotografierten Motiv ablenkt. Sein Werkzeug ist die Linhof Technika, eine klappbare Laufbodenkamera, bei der der Fotograf, damit er die Mattscheibe besser sehen kann, unter einem schwarzen Tuch verschwindet. „Ich behübsche nichts, ich retuschiere nichts weg, ich zeige jedes Objekt im Originalzustand mit all seinen Gebrauchsspuren.“ Im Zeitalter der Instagram-Bildinflation ist das fast schon eine Kampfansage.

„Mein Appell ist an die Wahrnehmung gerichtet“, sagt Oláh, der in seinem Bildband rund 30 Bauwerke aus ganz Österreich einfängt: Kirchen, Schulen, Villen, Wohnbauten, Konzerthäuser, Bürogebäude und Infrastrukturbauten in den entlegensten alpinen Regionen. Die Liebe zum Detail und zum Genius Loci ist bisweilen berührend. „Mein Ziel ist, die Wahrnehmung für das visuelle Bild zu schärfen, aber auch jene für den Wert des Gebauten. Die Architektur der Siebzigerjahre verdient es, liebevoll und wohlwollend betrachtet zu werden.“ Dieses Buch hilft dabei.

verknüpfte Publikationen
- Bunt, sozial, brutal

6. Juli 2019 Der Standard

Bauen für ein besseres Leben

Was haben eine alte Zugfabrik, eine stillgelegte Autobahn und ein Algengarten aus dem 3D-Drucker gemeinsam? Sie alle sind Zeugen einer lust- und genussvollen Zukunft – und sind derzeit in einer Ausstellung im Wiener Mak zu sehen.

Die alten Farb- und Lackschichten haften an den genieteten Stahlsäulen, mal rot, mal grün, mal magenta, und in der Luft, ist man fast geneigt zu glauben, liegt noch der Duft von Ruß und schwerem Maschinenöl, gerade so, als sei die letzte Lok vor wenigen Minuten erst aus der Halle geschoben worden. Aber das, sagt er Architekt, sei pure Absicht gewesen, denn wenn man schon die Möglichkeit habe, mit so einem Raum zu arbeiten, dann müsse man auch den Mut aufbringen, seinen unverwechselbaren Charakter, so gut es eben geht, zu bewahren.

„Die Lokomotivhalle wurde 1932 errichtet, und wahrscheinlich gibt es in ganz Tilburg keinen einzigen Einwohner, der nicht irgendjemanden kennt, der nicht irgendwann einmal hier gearbeitet oder sich zumindest mal nachts in die Werkstatt der Nederlandse Spoorwegen hineingeschlichen hat“, sagt Gert Kwekkeboom, Partner im holländischen Büro Civic Architects, das das Projekt gemeinsam mit Braaksma & Roos, Petra Blaisse, Mecanoo und Donkergroen auf Schiene gebracht hat. „Diese Halle ist ein emotionales Denkmal, das im kollektiven Gedächtnis dieser Stadt fest verankert ist. Schön, dass sich die Stadtregierung dazu entschieden hat, das Bauwerk zu erhalten und hier die neue Stadtbibliothek anzusiedeln.“

Wo einst Loks geflickt, geschweißt, geschraubt wurden, befindet sich nun eine Werkstatt des Netzwerkens und der Wissensvermittlung. Die vor wenigen Monaten eröffnete LocHal, so der offizielle Titel, beherbergt nämlich nicht nur die städtische Bücherei, sondern auch Café, Coworking-Spaces und anmietbare Event- und Konferenzräume. Im Zuge der Revitalisierungsmaßnahmen wurden die einst 5000 Quadratmeter mittels eingezogener Podeste, umlaufender Galerien und dramatischer Stiegenlandschaften zum Gehen, Sitzen, Lümmeln auf 11.000 Quadratmeter mehr als verdoppelt. „Es war ein sehr lustvolles Projekt, in dem wir intensiv mit Restauratoren und mit der Denkmalschutzbehörde zusammengearbeitet haben“, erinnert sich Kwekkeboom. „Die größte Herausforderung bei alledem war zweifelsohne die Haustechnik, denn so ein einst industriell genutztes Baudenkmal erlaubt es nicht, mit Wärmedämmung, Dreischeibenverglasung und gewohnten Klimakomfortvorstellungen zu agieren – zumindest nicht, wenn man den Genius loci nicht komplett umbringen will.“

Die Lösung: Der Großteil der Halle wurde als witterungsgeschützter Außenraum gedacht, in dem man im Sommer mitunter ins Schwitzen kommt, während einem der Kellner im Stadscafé im Winter bei Bedarf eine Wolldecke serviert. Temporäre Aufenthaltszonen wie etwa Lesebereiche, Bühne und Auditorium können mit riesigen, vom Stahlfachwerk herabhängenden Vorhängen abgetrennt und lokal beheizt oder gekühlt werden. Lediglich ständige Arbeitsbereiche wie etwa Coworking-Büros, Konferenzräume und der gesamte Verwaltungsapparat befinden sich in thermisch abgetrennten Haus-in-Haus-Zonen, die mit gewohntem Innenraumklima aufwarten. Kwekkeboom, lapidar: „Wer die Seele schützen will, muss Kompromisse eingehen.“

Das 18 Millionen Euro teure Bauwerk, das im Mai vom niederländischen Publikum zum „Besten Gebäude des Jahres“ gekürt wurde, ist eines von insgesamt 23 Projekten, die derzeit im Museum für angewandte Kunst (Mak) in der Ausstellung Space and Experience zu sehen sind. Ausgewählt wurden Architekturprojekte und Raumideen, die auf technische, ökologische oder auch soziale Weise innovativ sind und einen gewissen Mehrwert in die aktuelle Architekturdiskussion einzahlen.

„Das gute Leben umfasst leistbares Wohnen, einen anständigen Job und eine funktionierende Infrastruktur“, sagt die Kuratorin und Kulturwissenschafterin Nicole Stoecklmayr. „Aber was zeichnet ein besseres Leben aus? Die Antwort, die diese Ausstellung gibt, beinhaltet einen gewissen Lustfaktor und Abenteuerwert, der sich sowohl in der räumlichen Erfahrung als auch in der Forschung und Entwicklung von Architektur niederschlägt.“ Also eigentlich alles von Alpha bis Omega.

So gesehen ist es auch legitim, dass die Ausstellung mehr in die Breite als in die Tiefe geht. Gezeigt werden 3D-gedruckte Gartenskulpturen, die mit grünem Algengetier für ein besseres Raumklima sorgen sollen (H.O.R.T.U.S. XL Astaxanthin.g, ecoLogicStudio, Claudia Pasquero und Marco Poletto), stillgelegte Autobahnen, die das postfossile Zeitalter einläuten, indem sie zu grünen Parks umfunktioniert werden (Seoul Skygarden, MVRDV) sowie Gartenlandschaften, die von Robotern für Roboter geplant und gebaut werden (Robot Garden, University of Michigan, Ann Arbor, SPAN Architects). Die Zukunft kann und will und soll kommen. Eine abenteuerliche Reise.

[ Die Ausstellung „Space and Experience. Architektur für ein besseres Leben“ im Rahmen der Vienna Biennale im Mak ist noch bis 6. Oktober zu sehen. ]

17. Juni 2019 Der Standard

Wilhelm Holzbauer 1930–2019

Der Architekt prägte die 1970er- und 1980er-Jahre als wichtiger Visionär – von der Wiener U-Bahn bis zum Bankgebäude

Wir waren arme Schlucker, finanziell ist es uns am Anfang wirklich schlecht gegangen“, sagte er einmal über seine ersten Jahre als Architekt. „Doch jeder, der irgendwann einmal mit Architektur zu tun hat, weiß, dass am allerwichtigsten in diesem Job das Geldverdienen ist.“ Am Samstag ist Wilhelm Holzbauer, der sich selbst stets als Dienstleister und Geschäftsmann bezeichnet hat, im Alter von 88 Jahren in Wien gestorben.

Holzbauer wurde 1930 in Salzburg geboren. Er studierte Architektur an der Akademie der bildenden Künste in Wien sowie am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston. Seine ersten Berufsjahre waren von Visionen und Tatendrang geprägt. In der „arbeitsgruppe 4“ forschte er an Weltraumschulen und anderen utopischen Projekten und realisierte bald einige– vor allem sakrale – Bauten wie etwa die Pfarrkirche in Salzburg-Parsch oder das Seelsorgezentrum Steyr-Ennsleiten. Die rund 120 Projektentwürfe der arbeitsgruppe 4 gelten bis heute als Meilensteine der österreichischen Architekturgeschichte.

1964 gründete Holzbauer sein eigenes Architekturbüro. In den Jahren 1970 bis 1973 entwickelte er im Rahmen der Architektengruppe U-Bahn das Design und das bis heute aktuelle Architekturleitbild für die Wiener U-Bahnen, das so konsequent und ikonisch war, dass es zehn Jahre später von der kanadischen Stadt Vancouver übernommen wurde.

Er plante die Fußgängerzone in der Kärntner Straße, das Landhaus Bregenz sowie das Rathaus und die Oper von Amsterdam. Von 1987 bis 1991 war Holzbauer Rektor der Hochschule für angewandte Kunst in Wien. Auf dem positiven Höhepunkt seines Schaffens leistete sich der Hedonist sogar ein eigenes Restaurant. Das von 1979 bis 1989 bestehende Mattes in der Schönlaterngasse im ersten Wiener Gemeindebezirk mit Reinhard Gerer am Herd war das erste Haubenrestaurant Wiens.

In den 1990er-Jahren entwarf Holzbauer lukrative Projekte wie etwa die Ringstraßengalerien, den Andromeda-Tower auf der Donauplatte sowie etliche Bankgebäude entlang der Lassallestraße – und wechselte schließlich von der hellen auf die dunkle Seite der Macht. Bei einigen Wettbewerben wie etwa dem für das Konzerthaus in Konstanz oder das 2006 eröffnete „Haus für Mozart“ in Salzburg entpuppte er sich als schlechter Verlierer. Mit List, Kalkül und politischer Verbandelung gelang es ihm immer wieder, die erstplatzierten Sieger vom Sockel zu stoßen und als Nachrückender entgegen der Juryentscheidung den einen oder anderen Auftrag an Land zu ziehen. „Man muss sich eben wehren können“, sagte er ungeniert in einem STANDARD-Interview. „Das ist ja alles ein abgekartetes Spiel. Ich baue auch dann, wenn ich nicht gewinne. Aber dieses Freispiel hat es immer schon gegeben.“

Im Jahr 2000 wurde er mit dem Großen Österreichischen Staatspreis ausgezeichnet. Er füllte in seinem Leben das gesamte Spektrum des Bauens aus – von konstruktiven Visionen zu Beginn seiner Karriere bis hin zu destruktiven Machenschaften in den letzten Jahrzehnten. „Das ist kein Beruf, in dem Freundschaften geboren werden“, sagte er. „Und ich habe mir ziemlich viele Feinde gemacht.“ Wilhelm Holzbauer war der prägende kontroversielle Kopf einer Epoche, die sich langsam dem Ende zuneigt. Er wurde 88 Jahre alt.

15. Juni 2019 Der Standard

Grundstücke am Firmament

Die Wiener Weltraumarchitektin Sandra Häuplik-Meusburger arbeitet mit ihren Studenten an Projekten für den Mond. Ihre Mission: neu denken. Denn das Bauland auf dem Erdtrabanten unterliegt anderen Rahmenbedingungen als hier unten auf der Erde.

D er Rover hat soeben den Mooncampus verlassen. In einer Stunde werden die Geologen den Rand des Shackleton-Kraters erreicht haben, wo sie Regolith-Staub einsammeln und zur chemischen Auswertung mitnehmen werden. Während der gesamten Mission werden sie in regelmäßiger Sprechverbindung mit der Mission-Control stehen. Diese befindet sich direkt unter der Kuppelschale, die im 3D-Druckverfahren aus Mondgestein hergestellt wurde und die die Kommandozentrale vor Weltraumstrahlung schützen soll.

Doch der eigentliche Mooncampus, erklären Baris Dogan und Iuliia Oblitcova, die das fiktive, aber detailliert durchdachte Projekt im Rahmen eines Mondsemesters an der TU Wien entworfen haben, befindet sich unterirdisch und umfasst auf insgesamt vier Ebenen Labore, Werkstätten und Wohnräume für bis zu 20 Wissenschafter. Hier sollen die Astronauten mehrwöchige Trainings und Auffrischungskurse über sich ergehen lassen und sich auf diese Weise nach und nach an die neuen Gegebenheiten auf dem Erdtrabanten gewöhnen.

„Wenn sich die Studierenden entschließen, ihr Projekt unter der Oberfläche des Mondes anzusiedeln“, sagt Sandra Häuplik-Meusburger, „können wir dann wirklich noch von unterirdischen Systemen sprechen? Oder müssten wir diese Form der Behausung nicht viel eher als untermondische Architektur bezeichnen?“ Am Mond ist eben alles ein bisschen anders. Und das bezieht sich nicht nur auf physikalische Aspekte wie etwa die deutlich geringere Schwerkraft und die starke, ungeschützt einwirkende Strahlung, sondern auch auf technische, materielle und vor allem logistische Fragen: Wie können wir auf dem Mond Häuser bauen?

Häuplik-Meusburger ist passionierte Weltraumarchitektin. 2011 interviewte sie neun Raumfahrer und analysierte insgesamt sechs Stationen – Apollo, Saljut, Skylab, Spaceshuttle, MIR und ISS – in Bezug auf die Lebensbedingungen außerhalb der Erdatmosphäre. Ihre Forschungsergebnisse sammelte sie in einem 300-seitigen Buch unter dem Titel Architecture for Astronauts. Heute arbeitet sie als Dozentin an der TU Wien und vermittelt Architekturwissen unter einem etwas anderen Blickwinkel. Die von ihr betreuten Mondprojekte sind nicht nur eine Reaktion auf das 50-Jahre-Jubiläum der Mondlandung, sondern beziehen sich auch auf eine dezidierte Vision der Europäischen Weltraumorganisation ESA.

„Alle sprechen von der Reise zum Mars, und das ist definitiv der nächste große Schritt“, sagt ESA-Generaldirektor Jan Wörner. „Doch wir müssen erst wieder zum Mond, um zu lernen und bessere Technologien zu entwickeln. Kein Mensch hat je die Rückseite des Mondes besucht. Und noch nie ist irgendwer in seine Polargebiete vorgedrungen, wo unbemannte Sonden vor einigen Jahren Wassereis im Boden entdeckt haben. All das gilt es zu erforschen. Erst danach können wir weiter zum Mars.“

2016 formulierte Wörner erstmals die Idee, ein Moon Village zu errichten. Dieses könnte nicht nur als Forschungsstation dienen, sondern auch als Zwischenstation für spätere Reisen zum Mars. „Unter Moon Village stelle ich mir aber keine Häuser, Straßen oder Kirchen vor“, so Wörner. „Ich denke dabei eher an das Grundgerüst eines Dorfs, in dem Menschen zusammen leben und arbeiten.“ Im internationalen und interglobalen Moon Village, so der Plan, sollen Know-how und Kompetenzen verschiedener Weltraumnationen wie etwa China, Russland, Indien, USA und ESA bewusst gebündelt werden. Zudem könnten die Protagonisten auf dieser permanenten Mondbasis in ganz unterschiedlichen Feldern aktiv sein – in Wissenschaft und Grundlagenforschung, aber auch im kommerziellen Bereich, etwa im Weltraumtourismus und in der Gewinnung von Rohstoffen.

Ein wichtiges Thema auf dem Mond ist die Grundversorgung mit Energie und Nahrungsmitteln. Alexander Garber und Katharina Lehr-Splawinksi (Foto links u.) haben ein Food Research Lab entworfen, in dem der Anbau von Nahrungsmitteln erforscht und praktiziert werden soll. Die ringförmige Konstruktion, die aus addierbaren Faltmodulen sowie aus aufblasbaren Unterkünften, sogenannten Inflatables, besteht, ist zugleich die Antwort auf eines der größten Probleme der Mondarchitektur – des Transports. Im komprimierten Zustand sollen die einzelnen Elemente in einen Raketenkopf passen.

Günes Aydar, Emirhan Veyseloglu und Gözde Yilmaz hingegen haben sich mit solarer Energiegewinnung beschäftigt und analysiert, welche Teile des Mondes am häufigsten und stärksten von der Sonne beschienen werden. Ihr mobiles Forschungsmodul Sundial Habitat (Foto rechts u.) ist so konzipiert, dass es in konzentrischen Bewegungen dem Sonnenverlauf über Stein und Geröll folgen und sich autark mit Energie versorgen soll.

„Natürlich ist das alles Zukunftsmusik, aber diese Zukunft wird nicht erst übermorgen eintreten“, meint Sandra Häuplik-Meusburger. „Daher müssen wir schon heute das Selbstverständliche unserer Erde verlassen und lernen, uns auf neue, ungewohnte Rahmenbedingungen einzulassen. Bevor wir den Mond besiedeln, müssen wir Fragen der Wasser- und Energieversorgung, des Materialtransports und vor allem des außerirdischen Bauens beantworten. Das sind die ersten Schritte dazu.“

Die Space-Architektin zögert ein wenig. Und spricht am Ende über Kindermärchen und Kunstgeschichte. „Fakt ist: Mit den ersten Moon Villages wird die Dunkelheit des Mondes für immer verschwunden sein. Dann werden wir auch bei Neumond leuchtende Städte und Dörfer im Himmel sehen. Wollen wir das?“

13. Juni 2019 Der Standard

Holzplektron mit sozialem Herz

Im Grazer Nobelviertel Rosenhain errichtete die Siedlungsgenossenschaft Ennstal einen Holzbau für vor allem einkommensschwächere Familien. Das gemütliche Atrium im Inneren soll die Bewohner zusammenführen.

Große Villen, üppig begrünte Grundstücke, ein Wäldchen mit kleinen Fischteichen: Rosenhain im Grazer Bezirk Geidorf zählt zu den nobelsten und teuersten Adressen der steirischen Landeshauptstadt. Kein Wunder, dass das Grazer Immobilienunternehmen Immo Circle in Zusammenarbeit mit dem Fertighaushersteller Griffner genau hier sieben luxuriöse Nobelvillen entwickelt, die um rund 6200 Euro pro Quadratmeter am Markt stehen. Geplante Fertigstellung: Sommer 2020.

„Rosenhain ist eine Wohngegend, in der üblicherweise gewerblicher Wohnbau mit Profitmaximierung entsteht“, sagt der Grazer Architekt Stefan Nussmüller. „Niemand hätte erwartet, dass sich die Stadt Graz entschließt, genau hier einen Übertragungswohnbau für sozial schwache Einkommensschichten zu errichten. Das Bekenntnis zur sozialen Durchmischung in dieser Konsequenz ist ein echter Glücksfall.“

Das Projekt, auf das der Architekt anspielt, befindet sich in der Max-Mell-Allee 6, ein paar Schritte nur vom Uni-Sportzentrum entfernt, und umfasst nach seinen Plänen insgesamt 38 kompakt geschnittene Wohnungen, die in ihrer cleveren Winzigkeit sogar die Wiener Smart-Wohnungen überbieten. Das Spektrum reicht von kleinen Garçonnièren bis hin zu Fünf-Zimmer-Wohnungen auf gerade mal 85 Quadratmetern Nutzfläche. Das Angebot richtet sich an einkommensschwächere, auch kinderreiche Familien, denen die Anzahl der getrennten Schlafzimmer finanziell bedingt wichtiger ist als ein komfortabel dimensioniertes Wohnzimmer. In manchen Wohnungen misst die Wohnküche kaum 20 Quadratmeter.

„Der Bedarf an solchen kompakten Wohnungen ist groß“, sagt Birgit Schauer, Projektleiterin in der gemeinnützigen Siedlungsgenossenschaft Ennstal, die das Projekt im Rahmen eines Bauträgerwettbewerbs mit nachgeschaltetem Architekturwettbewerb entwickelt hat. „Wir verwalten die Anlage nur. Sowohl das Grundstück als auch das Einweisungsrecht liegen nach wie vor in den Händen der Stadt Graz.“ Durch das Baurecht sowie durch behördliche Anreize wie etwa den Entfall der sogenannten Bauabgabe sei es möglich gewesen, die Mietkosten auf 7,85 Euro pro Quadratmeter zu reduzieren – inklusive Umsatzsteuer, Betriebskosten und eingebauter Küchenzeile.

Nicht alltäglich ist auch die Bauweise: Nachdem in der Steiermark 25 Prozent aller geförderten Wohnbauten in Holz errichtet werden müssen, fiel die Entscheidung für das Baumaterial nicht schwer. Die Wahl fiel auf massives Brettschichtholz für die Decken und Innenwände sowie auf eine Riegelkonstruktion mit innenliegender Wärmedämmung für die Außenwände. Durch den platzsparenden Wandaufbau konnten gegenüber einer klassischen massiven Außenwandkonstruktion bei gleichbleibendem Außenvolumen zusätzlich 50 verwertbare Quadratmeter gewonnen werden.

Das Holz kam nicht nur konstruktiv zum Einsatz, sondern prägt das Haus, das im Grundriss wie ein überdimensionales Plektron daherkommt, auch optisch: Jeder Wohnung ist eine breite Balkon- und Loggienschicht vorgelagert, die an der Fassade mit zueinander versetzten Lärchenholzrosten verkleidet ist. Die hölzernen, über zwei Geschoße reichenden Schattenspender dienen zugleich als Sichtschutz und Rankgerüst für Pflanzen. Die Freiräume sind bewusst groß dimensioniert und sollen die oft knappen Wohnflächen kompensieren.

Doch die wahre Besonderheit des Hauses liegt im Innenhof verborgen: Nachdem sämtliche Wohnungen von hier aus – entweder direkt über den Hof oder über einen Laubengang – erschlossen werden, entschied sich Architekt Nussmüller, diesen Flächen eine Zweitfunktion zu geben: „Es ist in Österreich brandschutzrechtlich verboten, brennbare Gegenstände auf den Gang zu stellen. Aber unsere Gänge sind so breit, dass für kleinere Sachen dennoch Platz ist. Wenn man heute durch die Anlage spaziert, sieht man bereits Schuhe, Kräutertöpfe, Sitzbankerln, und ich gehe davon aus, dass diese lebendige Bespielung in den kommenden Jahren noch deutlich zunehmen wird. Hier findet das soziale Leben statt.“

Trotz aller Qualitäten war das Objekt (Baukosten 4,4 Millionen Euro) schwieriger zu verwerten als vergleichbare Häuser in anderen Lagen: „Für einige Familien mit Migrationshintergrund war Rosenhain alles andere als eine begehrte Wohnlage im Grünen“, sagt Schauer, „vielmehr lediglich ein Bezirk mit zu wenig Infrastruktur und zu großer Entfernung zur Innenstadt und zu den vielen kleinen Geschäften in Gries und Lend.“

Und auch der Gemeinschaftsraum muss hier, damit er tatsächlich genutzt wird, von außen programmiert werden: Regelmäßig organisiert die SG Ennstal, die sogar eine eigene Mediationsabteilung hat, Frühstücke, Spielenachmittage und Nachhilfestunden für Kinder und Jugendliche.

18. Mai 2019 Der Standard

In das Wohnzimmer passt meine ganze ehemalige Wiener Wohnung hinein

Der Vorarlberger Architekt Lukas Böckle hat ein Herz für leerstehende Häuser. Seit letztem Sommer wohnt er in der Villa Müller in Feldkirch – und betreibt das Haus als Thinktank und öffentliche Kulturplattform.

Ich liege auf dem alten Samtsofa, in gefühlt 2,80 Metern Höhe über dem Fußboden. Unter mir befindet sich ein Sammelsurium an Möbeln. Und wie ich so nach unten durchs Fenster blicke und am Fuße des Berges die Altstadt von Feldkirch entdecke, denke ich mir: super Blickwinkel! Früher habe ich in Wien gewohnt und wollte nie wieder nach Vorarlberg zurückkehren. Trotzdem bin ich seit Sommer 2018 wieder da, in einer Mission wohlgemerkt, und bewohne vorübergehend eine 750 Quadratmeter große Villa mit einem Wohnzimmer, das so groß ist, dass hier meine ganze ehemalige Wiener Wohnung hineinpassen würde. Die Japaner würden es sogar schaffen, zwei oder drei Wohnungen in diesen Salon hineinzustopfen.

Wie es zu diesem Möbelberg gekommen ist? Letztes Jahr, kurz nachdem ich hierhergezogen bin, habe ich die Vorarlberger Künstlerin Nadine Hirschauer kennengelernt. Sie war gerade dabei, ein Projekt zum Thema Heimat zu planen, und war auf der Suche nach einer geeigneten Location dafür. Ich habe ihr die Villa Müller angeboten, denn genau für solche Aktionen ist dieser Ort konzipiert. Die Villa Müller ist ein Thinktank, ein Seminarort der Extraklasse, eine temporäre Wohn- und Arbeitslocation für Artists in Residence sowie eine Kunst- und Kulturplattform für Musik, Literatur und bildende Kunst.

Anfang des Jahres hat Nadine also begonnen, das Mobiliar im Wohnzimmer Stück für Stück zu inventarisieren und jedes einzelne Möbelstück minutiös aufzulisten – mit der Schreibmaschine, so wie damals. Sobald ein Objekt in die Inventarliste aufgenommen wurde, landete es in diesem Eck des Salons. Und so begab es sich, dass ich eines Tages nach Hause gekommen bin und diesen Möbelberg hier vorgefunden habe. Ich bin von dieser Installation sehr angetan, denn sie veranschaulicht die höchstmögliche Konzentration des Wohnens.

Zu vielen Möbeln gibt es keinen Zugang mehr, der Weg zu den eigenen Sachen ist versperrt, und so ist man plötzlich mit der Frage des Überflusses konfrontiert: Was brauche ich wirklich zum Wohnen? Wie viele Sessel? Wie viele Tische? Wie viele Stehlampen? Immerhin: Die Bar steht ganz vorne griffbereit! Ich selbst bewohne ein kleines Schlafzimmer mit 14 Quadratmetern Fläche und einem eigenen Bad mit grünen Oma-Fliesen an der Wand. Die Villa Müller wurde 1960 von Architekt Walter Bosshart errichtet, und zwar für die Familie Müller-Degerdon, die in Bludesch eine große Textilfärberei betrieb. Das Haus war für ein Ehepaar mit drei Kindern und Personal bemessen.

Vier Jahre lang stand die Villa nun leer. Seit letztem Jahr nutzen wir sie als Kulturlocation und Seminarhotel – und sammeln nebenbei auf empirische Weise Erfahrungen, um festzustellen, wie dieser Leerstand langfristig am besten nachzunutzen wäre. Bis Jahresende wollen wir eine Entscheidung getroffen und mit der Eigentümerfamilie – die uns übrigens mehr als positiv aufgenommen hat – die Zukunft besprochen haben. Ich bezeichne diesen Prozess als alternative Projektentwicklung.

Für mich ist dieser Ort mit all seinen eigenartigen, oft surrealen Momenten ein Zeitzeuge der Sechzigerjahre – und eine Erinnerung daran, mit unseren Ressourcen intelligent und nachhaltig umzugehen. Und nicht sofort alles wegzureißen, nur weil es nicht mehr schön oder funktional ist. Ich bin sehr glücklich hier und erkenne meine Heimat im Gastgeben, Netzwerken und Verknüpfen. Die Villa Müller ist mein ganz persönlicher temporärer Zustand. Der Rest wird sich weisen.

4. Mai 2019 Der Standard

Autofokus auf Schmäh und Schmach

Gestern, Freitag, wurde in Frankfurt der Preis für Europäische Architekturfotografie vergeben. Trotz des fröhlichen Generalmottos „Joyful Architecture“ ist einem nicht immer zu lachen zumute.

Ein Kletterseil ist empfehlenswert, ein Helm aufgrund des sich mitunter lösenden Gerölls absolute Pflicht, und dann kommt er, der sogenannte Stopselzieher, der kleine, schmale Felstunnel, durch den man durchkraxeln muss und der einem schließlich die letzte Passage auf die steil zulaufende Zugspitze offenbart. „Nach fünf bis sechs Stunden Fußmarsch ist man durchgeschwitzt und ausgepumpt“, sagt der Münchner Architekt Dirk Härle, „und dann steht man plötzlich vor dem diesem befremdlich anmutenden Objekt, bei dem man weder weiß, was es ist, noch, wann es errichtet wurde. Am liebsten möchte man anklopfen und sofort eintreten.“

Die Höhenstrahlungsstation in 2962 Meter Seehöhe wurde 1966 für das Fraunhofer-Institut errichtet und besteht aus massiven Aluminiumplatten. Dank der ungewöhnlichen Materialwahl können im Inneren der Station präzise, unverfälschte Messwerte gewonnen werden. Die an eine Mondkapsel erinnernde Form wiederum hat mit der Witterung zu tun und sorgt dafür, dass die enormen Schneemassen an den glatten Flächen spurlos abgleiten können. Die dreieckige Gaupe scheint ein schelmisch zwinkerndes Zitat an das Bauen im alpinen Raum zu sein.

Humorvolle Momente

„Ich habe, egal wohin ich gehe, immer eine klein Fuji-Kamera dabei und notiere damit all das, was ich witzig oder in irgendeiner Art und Weise im Kontext spannend finde“, so Härle. „Ob das nun ein Heimspiel meines Lieblingsvereins 1860 im Grünwalder Stadion in Giesing ist, eine überdimensionale Kupferkrone über der Garage eines Spenglereibetriebs in der Münchner Innenstadt oder eine alte Plastiksitzschale aus dem alten 1860er-Stadion, die sich plötzlich mitten im winterlichen Wald wiederfindet, und das sogar in Sichtweite zur neuen Allianz-Arena.“

Genau diese eigentümlichen, deplatzierten, ganz tief drinnen humorvollen Momente, die nicht unbedingt mit visueller Ästhetik als vielmehr mit der Wahl des Motivs zu tun haben, haben dem 47-jährigen Architekten gestern, Freitag, den Sieg beim Europäischen Architekturfotografie-Preis beschert.

Der biennal vergebene Preis, der vom deutschen Verein Architekturbild e. V. in Zusammenarbeit mit der Bundesstiftung Baukultur und dem Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt am Main ausgelobt wird und der heuer unter dem Motto „Joyful Architecture“ stand, hat die Aufgabe, das oft sperrige, oft menschenlose, oft schablonenhafte Medium der Architekturfotografie vor den Vorhang zu holen – und zu zeigen, dass es auch anders geht.

„Uns interessiert nicht die klassische Gebäudedokumentation, sondern die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema Architektur“, erklärt die Vereinsvorsitzende Christina Gräwe. „Architektur wird oft sehr ernst und seriös betrachtet. Daher haben wir uns diesmal ganz bewusst dafür entschieden, uns auf die fröhliche, genussvolle Komponente des Bauens zu konzentrieren.“ Zwar gebe es unter den insgesamt 105 eingereichten Fotoserien etliche Spielplätze und lustige Schnappschüsse aus der Welt des Bauens, doch die Mehrheit der Arbeiten, so Gräwe, offenbare hinter der oberflächlichen Fröhlichkeit eine durchaus kritische Tiefenschärfe.

Hässlichkeiten Österreichs

So auch die mit einer Auszeichnung prämierte Serie Bewegtbilder des Tullner Fotografen Rainer Friedl. Hinter den vier bunten, angenehm kolorierten und hübsch anzuschauenden Tableaus verbirgt sich eine der größten Hässlichkeiten Österreichs. „Die Lärmschutzwände entlang der Autobahnen sind eine ziemliche optische Herausforderung. Und je schöner man sie zu tarnen, kaschieren und behübschen versucht, umso schlimmer stemmen sich die hunderte Kilometer langen Trennwände gegen die Landschaft.“

Vor allem aber machen die Lärmschutzwände, die Friedl in den letzten Monaten auf der A1, A2 und A21 aus dem fahrenden Auto heraus fotografiert hat, anschaulich, wie wir in diesem Land mit Mobilität, Wohnraum und Baulandwidmung umgehen: „Wir rasen möglichst schnell irgendwohin, um Ruhe zu haben. Und auf dem Weg dorthin belästigen wir all jene, die sich ihren Traum im Grünen verwirklichen wollten, letztendlich aber der österreichischen Raumplanung und Zersiedelungspolitik zum Opfer gefallen sind, für die wir wiederum mit Steuergeldern akustische Schutzmaßnahmen errichten müssen.“ Ein verschwommenes Foto kann tausend Worte sagen.

[ Die Ausstellung „Joyful Architecture“ im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt am Main ist bis 1. September 2019 zu sehen. ]

27. April 2019 Der Standard

Der Planet im Emergency-Room

Die Erde ist in einer Krise, und die Menschen und die Baubranche tragen Mitschuld daran. Wie man aus dieser globalen Misere wieder herauskommt, zeigt die Ausstellung „Critical Care“ in Wien.

Öffnungszeiten 9.00 bis 20.30 Uhr. Sonntags und feiertags ist das Freibad bis 17.30 Uhr geöffnet. 20 Real kostet der reguläre Eintritt, Mitglieder zahlen die Hälfte. Für die umgerechnet zwei bis vier Euro gibt es nicht nur eine nasse Abkühlung unter freiem Himmel, sondern auch einen ungetrübten Blick auf die Skyline von São Paulo. Und auf Wunsch sogar eine dermatologische Untersuchung. Die wahre Besonderheit des 25 mal 25 Meter großen Schwimmbeckens jedoch ist die Lage, denn die Piscina SESC 24 de Maio befindet sich nicht etwa in irgendeinem beschaulichen Wohnviertel am Stadtrand, sondern mitten im Zentrum, rund hundert Meter Luftlinie vom Stadttheater São Paulo entfernt, im 14. Stock eines ehemaligen, heruntergewirtschafteten Sechzigerjahre-Kaufhauses.

„Üblicherweise ist das Freibad auf dem Dach ein Systembild des globalen Reichtums und bedient das eine oberste Prozent der Menschen“, sagt die Wiener Stadtforscherin Elke Krasny, die das außergewöhnliche Projekt letztes Jahr besucht hat. „Doch in diesem Fall richtet sich der Swimmingpool mit Sonnenterrasse in der Tat an die 99 Prozent der städtischen Bevölkerung, die sich genau solche Einrichtungen üblicherweise nicht leisten können.“

Nachdem das Mesbla-Einkaufszentrum jahrelang leer gestanden war, wurde das Gebäude vom Serviço Social do Comércio (SESC) aufgekauft und komplett umgebaut. Die 1946 gegründete Non-Profit-Organisation, die in ganz Brasilien tätig ist und am ehesten mit einem Kammerfonds oder Wohlfahrtstopf zu vergleichen ist, versteht sich als Bildungs-, Kultur- und Freizeitnetzwerk für Arbeiter und Angehörige des handelnden Gewerbes. Allein in São Paulo betreibt die SESC rund 40 Einrichtungen dieser Art.

Das SESC-Zentrum an der Ecke Rua 24 de Maio und Rua Dom José de Barros, das seit zwei Jahren in Betrieb ist, zählt wahrscheinlich zu den schönsten und spektakulärsten und umfasst neben dem Outdoorpool auf dem Dach eine Zahnklinik für die SESC-Mitglieder sowie Theater, Bibliothek, Café, Restaurant, Tanzstudio, Fitnesscenter, Ausstellungsflächen und temporär anmietbare Wohn- und Arbeitsflächen. Verbunden wird die vertikale Ministadt von unzähligen Rampen, auf denen man Meter für Meter in die Höhe wandern kann. Die Planung dafür stammt vom brasilianischen Architekten und Pritzker-Preis-Träger Paulo Mendes da Rocha.

Allen Grund zur Sorge

Das SESC-Schwimmbad im Herzen des brasilianischen Megamolochs ist eines von insgesamt 21 Projekten, die in der neuen Ausstellung im Architekturzentrum Wien (AzW) zu sehen sind. Critical Care. Architektur für einen Planeten in der Krise, so der offizielle Titel, wirft einen Blick auf innovative, intelligente und vor allem prototypische Impulse, die als architektonische und stadtplanerische Bedienungsanleitung für den leicht maroden Erdball zu verstehen sind. Kein Wunder also, dass in der englischen Übersetzung nicht bloß von „Krise“, sondern bereits von „broken planet“ die Rede ist. Der Hut brennt.

„Das Wetter wird immer radikaler, die ökologischen Werte geben allen Grund zur Sorge, und die Erderwärmung spüren wir mittlerweile am eigenen Leib“, sagt Angelika Fitz, Direktorin des AzW. Sie hat die Ausstellung gemeinsam mit der schwimmenden Elke Krasny kuratiert und in den letzten drei Jahren aus aller Welt zusammenrecherchiert. „Die Erde ist in der Notaufnahme. Der menschengemachte Klimawandel droht den Planeten unbewohnbar zu machen. Und diese Ausstellung ist – um im medizinischen Diskurs zu bleiben – eine Intensivstation, in der wir einige Medikationen präsentieren, wie mit dieser Situation umzugehen ist, denn Architektur und Urbanismus sind in diese Krise massiv verstrickt.“

Was tun? Die Reise, auf die man subtil-didaktisch entführt wird (diesmal nicht mit der üblichen Architekturbrille, sondern mit einem ganz anderen, differenzierten Blick voller Aha- und Oje-Momente), umspannt fast alle Kontinente und zeigt Best-Practice-Beispiele im sozialen, ökologischen und wirtschaftspolitischen Kontext. Manche Projekte sind bekannt und werden in der Fachwelt längst schon als heilig hin- und hergereicht. Andere sind neu und machen Gänsehaut.

Das Friendship Centre in Gaibandha, Bangladesch, ist ein Ausbildungszentrum mitten im Überschwemmungsgebiet des Brahmaputra. Während die meisten Bauten in der Region mit viel Erdmaterial teuer und ressourcenintensiv aufgeschüttet werden, um sie vor dem regelmäßigen Hochwasser zu schützen, wurde das Friendship Centre lediglich mit einem Wall umgeben. Mit dem Fluss ist die Anlage aus der Feder von Kashef Mahboob Chowdhury über kommunizierende Gefäße verbunden, die das Gebäude mit Nutzwasser für Toilettenspülung, Fischteiche und natürliche Ventilation versorgen.

In der Sindh-Region entwickelte die pakistanische Architektin Yasmeen Lari ein Lehmhaus, das dank massiv gemauerten Sockels ebenfalls hochwasserresistent ist und dessen Pläne und konstruktive Detaillösungen nun als Open Source zur Verfügung stehen. Das Projekt ist nicht zuletzt als nachhaltige Gegenposition zu den vielen Zelten und Containern internationaler NGOs zu verstehen. Im Gegensatz zu den importierten temporären Fremdbehausungen bleibt die Wertschöpfungskette in der Region. Rund 40.000 Häuser konnten auf diese Weise bereits errichtet werden.

Hinzu kommen großflächige Verkehrsberuhigungen in Barcelona, in dessen Zuge die Straßenblocks zu autofreien, dicht begrünten Superblocks zusammengefasst werden. In San Juan, Puerto Rico, wiederum wurde ein Community Land Trust eingerichtet, um die informellen Favela-Siedlungen am Rande des Financial Districts und somit auch seine Bewohner vor dem total Ausverkauf zu schützen. Und in Frankreich zeigen die Pariser Architekten Lacaton & Vassal schon seit vielen Jahren vor, wie sozial und ökonomisch clever man mit unliebsamen Wohnbauten aus den Sechziger- und Siebzigerjahren umgehen kann.

Einen der schrägsten und zugleich aber sinnvollsten und logischsten Beiträge in der Ausstellung Critical Care liefert die deutsch-indische Architektin Anupama Kundoo. In Pondicherry, Südindien, baute sie ein Kinderheim aus Lehmziegeln, das wie ein Cluster aus gemauerten Iglus um einen großen Innenhof herum gruppiert ist. Um die Festigkeit der Bauten zu erhöhen, wurden die Häuser nach Fertigstellung im wahrsten Sinne des Wortes angezündet und mutierten auf diese Weise vier Tage lang zu gebrannten Ziegelbauten. Zuvor wurden die „Brennöfen“ noch mit Ziegeln und allerlei Keramik- und Töpferware gefüllt.

„Sowohl Architektur als auch die Produktion von Keramik sind sehr energie- und ressourcenintensiv“, sagen die beiden Kuratorinnen Angelika Fitz und Elke Krasny. „Hier werden mit einem ungewöhnlichen Blick auf die Dinge Synergieeffekte geschaffen.“ Architektur ist nicht nur Schöpfung, als die sie von Medien und (männlichen) Stararchitekten immer wieder gepriesen wird, sondern mitunter auch schöpferische Reparatur an unserem Planeten. Pathos hin oder her: Wollen wir die Erde jemals wieder aus dem Emergency-Room hinausrollen, muss diese Erkenntnis milliardenfach zu den Stakeholdern und Entscheidungsträgern gelangen. Jetzt.

„Critical Care. Architektur für einen Planeten in der Krise“, Architekturzentrum Wien, bis 9. September 2019

13. April 2019 Der Standard

„Triff niemals einen Investor unter vier Augen!“

Matúš Vallo ist Architekt. Doch da er mit seiner Stadt unzufrieden war, beschloss er, in die Politik zu gehen. Seit drei Monaten ist er nun Bürgermeister von Bratislava. Ein Gespräch.

Standard: Wann haben Sie Ihr letztes Haus geplant?

Vallo: Das Timing war ziemlich perfekt, denn an meinem letzten Projekt Nádvorie in Trnava, für das wir schon mit etlichen Preisen ausgezeichnet wurden, habe ich insgesamt sieben Jahre lang gearbeitet. Im Sommer 2018 war das Projekt zu Ende. Zu diesem Zeitpunkt ist der Wahlkampf in die heiße Phase gekommen.

Standard: Fehlt Ihnen Ihr Job als Architekt?

Vallo: Und wie! Ein Architekt ist ein Mensch, der der gebauten Welt kraft seiner Gestaltungsgabe eine Form gibt. Ich bin gerade dabei, mich damit abzufinden, dass ich als Bürgermeister nichts anderes tue. Ich gestalte die Welt. Nur sind meine Werkzeuge jetzt nicht mehr Ziegel und Beton, sondern Dialog, Stadtverfassung und politische Macht, die es sinnvoll einzusetzen gilt.

Standard: Im Büro Vallo Sadovský Architects taucht Ihr Name nach wie vor auf.

Vallo: Operativ habe ich mich bereits zurückgezogen. Nächstes Jahr wird sich dann auch der Büroname ändern. Wir arbeiten gerade am Ausstiegsszenario. Ich habe eine Träne im Auge.

Standard: Wie kommt man als Architekt auf die Idee, Politiker zu werden?

Vallo: Veränderungen sind etwas Schönes! Rem Koolhaas war ursprünglich Journalist und Filmemacher! In meinem Fall habe ich eines Tages erkannt, dass ich als Architekt nur bis zu einem gewissen Grad in der Lage bin, die Stadt zu planen und ihr Schönheit und Funktionalität zu verleihen. Dort, wo man die Politik und Wirtschaft berührt, stößt man an seine Grenzen. Mir persönlich haben diese Grenzen nie gefallen, denn sie haben verhindert, dass sich die Stadt Bratislava, in der ich aufgewachsen bin und die ich sehr liebe, so entfalten konnte, wie es ihr zusteht.

Standard: Das klingt schon fast nach Politikerjargon.

Vallo: Mag sein. Es ist die Wahrheit. Bratislava ist eine großartige Stadt mit vielen Problemen. Ich wünsche mir, dass sie eine großartige Stadt ohne viele Probleme wird. Und ich werde mir den Arsch aufreißen, damit das gelingt.

Standard: Im November 2018 wurden Sie mit einer deutlichen Mehrheit zum neuen Bürgermeister von Bratislava gewählt. Wie ist Ihnen das gelungen?

Vallo: Als der Wahlkampf ein Jahr zuvor anfing, war ich in Bratislava außerhalb der Architekturszene kaum bekannt. Ich hatte einen Bekanntheitsgrad von nicht einmal acht Prozent. Ich wusste: Damit würde ich nichts reißen. Also habe ich beschlossen, Plán Bratislava zu schreiben, darin meine Visionen für diese Stadt zu schildern und das Buch in der Bevölkerung bekannt zu machen. Am Ende habe ich 36,5 Prozent der Wählerstimmen bekommen. Plán Bratislava war, wenn Sie so wollen, mein Werkzeug zum Erfolg.

Standard: Das ist das Wie. Was ist das Was?

Vallo: Bratislava hat viel zu wenige Gemeindewohnungen, nämlich gerade einmal 900 Wohneinheiten. Damit beträgt die Wartezeit auf eine kommunal geförderte Wohnung sieben bis acht Jahre. Das ist zum Schämen. Hinzu kommt, dass Bratislava eine Stadt ist, die als unsicher empfunden wird und die in vielen Teilen in der Tat eine hohe Kriminalität aufweist. Einige besonders traurige Vorfälle haben in den letzten Jahren Schlagzeilen gemacht. Und nicht zuletzt lässt der öffentliche Nahverkehr zu wünschen übrig. Die Busse sind alt und dreckig, sie fahren zu selten und zu unregelmäßig, und es gibt keinen digitalen Echtzeitfahrplan. Mein Was beinhaltet im Wesentlichen die Optimierung dieser drei Bereiche.

Standard: Das klingt nach viel Geld.

Vallo: Es wird nicht von heute auf morgen gehen. Wir werden das Geld gezielt und intelligent einsetzen müssen. Beim Wohnbau werden wir Partnerschaften mit privaten Wohnbauträgern eingehen müssen. Und was den öffentlichen Verkehr betrifft: Wir wollen Park-and-ride-Anlagen errichten und eigene Busspuren schaffen, sodass die Busse an den Staus ungehindert vorbeifahren können.

Standard: Welche Rolle spielt der Fußgänger- und Radverkehr?

Vallo: Danke für diese Frage! Die Gehsteige sind ein Trauerspiel und gehören dringend renoviert. Und das Radwegnetz ist viel zu dünn. In den nächsten vier Jahren wollen wir daher rund 40 Kilometer Radwege bauen. Aber wissen Sie, was das größte Problem ist?

Standard: Was denn?

Vallo: Haben Sie auf dem Weg ins Rathaus alte Leute gesehen?

Standard: Wenige. Es gibt vor allem junge Leute auf der Straße.

Vallo: So ist es! Das Durchschnittsalter in Bratislava liegt bei 39 Jahren. Das ist nur minimal geringer als beispielsweise in Wien. Aber dennoch sind die alten Menschen in Bratislava kaum im Straßenbild präsent. Und wissen Sie, woran das liegt? An den fehlenden Parkbänken! Es gibt in Bratislava viel zu wenige Sitzgelegenheiten. Ein alter Mann, eine alte Frau braucht alle 300 Meter eine Möglichkeit, sich hinzusetzen und sich auszuruhen, ohne dabei gleich ein Cola bestellen zu müssen. Aus Untersuchungen wissen wir, dass viele alte Menschen aus diesem Grund nur selten ihre Wohnung verlassen.

Standard: Was werden Sie tun?

Vallo: In meiner Amtszeit werde ich 10.000 Bäume pflanzen und rund 1000 Parkbänke errichten. Wir werden demnächst einen Ideenwettbewerb starten und das Copyright des Siegerentwurfs ankaufen, sodass wir das Modell beliebig oft zur Ausführung in Auftrag geben können.

Standard: Angenommen, der Bürgermeister Matúš Vallo könnte dem Architekten Matúš Vallo einen Direktauftrag geben: Was für ein Projekt müsste das sein?

Vallo: Ein neues Kulturzentrum. Und tausende leistbare Wohnungen für all jene, die heute Wohnungsnot erleben. Aber das wird es nicht spielen, denn ich bevorzuge die Transparenz.

Standard: Das heißt?

Vallo: Mein Motto lautet: Triff niemals einen Investor oder einen Immobilienentwickler unter vier Augen! Sondern immer in einer größeren Gruppe mit Zeugen. Außerdem haben wir auf der Rathaus-Website eine eigene Rubrik eingerichtet, in der wir die Inhalte und Resultate jedes einzelnen Investorengesprächs protokollieren und öffentlich zugänglich machen.

Standard: Davon höre ich zum ersten Mal.

Vallo: Das ist das, was ich unter Politik verstehe. Ich hoffe aus ganzem Herzen, dass ich mir diese Offenheit und Freigeistigkeit bewahren kann und nicht nach ein paar Jahren zu einem Durchschnittspolitiker verkomme. Ich will den Menschen in Bratislava auch nach vier Jahren noch tief in die Augen schauen können.

Standard: In Wien sprechen die Politiker seit Jahren von der Twin-City Wien und Bratislava. Was halten Sie von diesem Konzept?

Vallo: Bullshit. Das ist ein rein politisches Gedankenkonstrukt. Seit 2006 gibt es den Twin-City-Liner, und das ist eine tolle Verkehrsverbindung auf der Donau. Doch abgesehen davon sind diese 45 bis 60 Kilometer dazwischen so trennend, wie sie nur trennend sein können. Ja, ich würde mir eine Twin-City wünschen. Aber das geht nicht, indem man einfach nur behauptet, dass es so ist. Das bedarf einer intensiven kulturellen, politischen, wirtschaftlichen und infrastrukturellen Zusammenarbeit. Das ist Zukunftsmusik.

Standard: Ein Architekt wird Bürgermeister. Und erst kürzlich wurde die liberale Juristin und Umweltaktivistin Zuzana Čaputová zur neuen Staatspräsidentin gewählt. Ist das ein neuer politischer Wind in der Slowakei?

Vallo: Wir sind leise Vorboten. Ob in diesem Land wirklich ein neuer Wind weht? Bei den Parlamentswahlen 2020 wird sich die Wahrheit über die Slowakei zeigen.

Standard: Haben Sie einen persönlichen, egoistischen Wunsch für die Zukunft?

Vallo: Derzeit arbeite ich 18 Stunden pro Tag. Ich wünsche mir, dass mir auch in Zukunft noch etwas Freizeit bleibt, um mit meiner Band Para auf Tour zu gehen. Denn ich bin nicht nur Architekt und Bürgermeister, sondern auch leidenschaftlicher Gitarrist.

6. April 2019 Der Standard

Supermann aus Leidenschaft

Karl Schwanzer hat es verstanden, Visionen mit Ziegel und Beton zu bauen. Zwei neue Bücher würdigen den Architekten auf ungewöhnliche Weise. Einmal als Comic, einmal als Sammlung heimlicher Blicke.

Seilergasse 16. Am Straßenrand parkt ein roter VW Bulli, die Gewista wirbt gerade mit Bruno Kreisky, im Hintergrund ist noch das alte Haas-Haus, Baujahr 1951, zu sehen. Drei Bilder später steht man bereits in seinem Büro mit grünen Wänden, orangem Teppichboden und Blick auf den Stephansdom. Der Architekt sitzt im Drehstuhl und lässt sich von der Sekretärin zu seiner Gattin durchstellen. „Hilde, ich werd’ am Wochenende ins Büro müssen. Es ist einfach so viel zu tun.“ Und dann wird der Telefonhörer aufgelegt. „Clic!“

Vielreisender, Workaholic, leidenschaftlicher Visionär: Karl Schwanzer, der Herr mit Anzug, Krawatte und gegeltem Seitenscheitel, zählt ohne jeden Zweifel zu den wichtigsten und innovativsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Unter den 300 realisierten Projekten finden sich so weltberühmte, teils unter Denkmalschutz gestellte Ikonen wie das Philips-Haus an der Triester Straße, das 20er Haus im Schweizergarten, der Ziegelzubau zur Universität für angewandte Kunst, die österreichische Botschaft in Brasília sowie der markante Vierzylinder-Turm der BMW-Zentrale in München, dessen kreisrunde Büroetagen auf Zugseilen von oben herabhängen. Allem hochwertigen Schaffen zum Trotz ist der Name Schwanzers außerhalb der Architektur- und Kulturszene jedoch nur wenigen geläufig.

Das dürfte sich nun ändern. Der Wiener Trickfilmer und Illustrator Benjamin Swiczinsky verewigte den Umtriebigen, der seine Disziplin stets als Gesamtkunstwerk betrachtete und sogar Sessel, Barhocker und Türklinken entwarf, in einer Graphic Novel mit 600 Illustrationen. „Wir haben gründlich recherchiert und weltweit gerade mal drei Comics über Architekten gefunden, und zwar über Alvar Aalto, Le Corbusier und Adolf Loos“, sagt der 36-jährige Zeichner. „Hinzu kommen Rem Koolhaas und Frank O. Gehry, die mal einen Gastauftritt bei den Simpsons hatten. Das war’s.“

Ziel dieses so lebhaften wie anekdotenreichen Comicbuchs, das nicht nur durch Schwanzers Berufsleben führt und seine Bauten und Projekte vorstellt, sondern auch Einblick in die einmal manische, einmal depressive Privatperson gewährt, ist die unmittelbare, niederschwellige Begegnung mit einem der einflussreichsten Architekten der Nachkriegszeit. „Ich wollte Schwanzer greifbar machen“, sagt Swiczinsky. „Und das geht nicht mit einem klassischen Architekturbuch mit menschenlosen Architekturfotos und viel zu theoretischen Architekturtexten. Das geht nur, indem man die Erwartungen bricht. Beispielsweise mit einem Comic.“

Initiator hinter dem ungewöhnlichen Projekt ist Karl Schwanzers Sohn, Martin Schwanzer, seines Zeichens Architekt und Immobilienentwickler. „Ursprünglich wollte ich einen Zeichentrickfilm über meinen Vater machen“, so Schwanzer, „aber das hätte Millionen gekostet. Das Comic, das man immerhin als eine Art Storyboard für den bislang nicht realisierten Film auffassen kann, war ein guter, wirtschaftlich machbarer Kompromiss.“ Erst im Mai letzten Jahres, zum 100. Geburtstag seines Vaters, richtete Martin Schwanzer einen Instagram-Account ein, auf dem ein Teil des Schwanzer-Archivs – Hochglanzfotos, Baustellendokumentationen und flüchtige Reiseschnappschüsse aus drei Jahrzehnten – nun öffentlich zugänglich ist.

Ein Perfektionist

„Mein Vater war ein Perfektionist und hat detailgenaue Bestandspläne anfertigen und jedes einzelne seiner Projekte professionell fotografieren lassen“, erinnert sich Martin Schwanzer. „Auf diese Weise hat er uns ein perfektes, fast lückenloses Archiv hinterlassen. Daher gelang es, das Comic sehr nah an der Realität anzusiedeln.“ Die Wahrheitstreue bezieht sich auf die Darstellung der Häuser und Protagonisten, aber auch auf so manch intimen Moment zwischen Einsamkeit und Wutausbruch. Das Comic beschönigt keinen Moment lang. „Mit der Lösung eines Problems ist man verkettet bis zur Selbstaufgabe. Man vergisst alles um sich herum, vergisst zu essen, zu schlafen, zu lieben.“ (Karl Schwanzer, Seite 80.)

Fast zeitgleich zur Graphic Novel erschien ein ebenso berührender, im Blick überraschender Bildband zu Schwanzers in Würde gealterten Bauten. Die Spurensuche des Wiener Fotografen Stefan Oláh macht die im Comic skizzierte Welt in realen Bildern noch greifbarer. Viele der Fotografien erzeugen neue, unentdeckte Sichtweisen auf sein Werk. Sie bestätigen Schwanzers Qualitätsanspruch, der heute mehr denn je als Notruf zu verstehen ist: „Architektur darf sich nicht davon entfernen, künstlerisches Werk zu bleiben. Wenn man sich entschlossen hat, Architekt zu sein, muss man den Mut aufbringen, Visionen erfüllen zu wollen.“

Benjamin Swiczinsky, „Schwanzer. Architekt aus Leidenschaft“. € 29,95 / 96 Seiten. Birkhäuser 2018

Ulrike Matzer und Stefan Oláh, „Karl Schwanzer. Spuren. Eine Bestandsaufnahme“. € 49,95 / 128 Seiten. Birkhäuser 2018

verknüpfte Publikationen
- Schwanzer – Architekt aus Leidenschaft

23. März 2019 Der Standard

5000 Millimeter unter dem Meer

An der Südküste von Norwegen liegt ein schräg am Felsen lehnender Betonprügel auf Grund. Im Inneren des archaischen Bauwerks schufen die Architekten von Snøhetta das größte Unterwasser-Restaurant der Welt. „Under“ macht Appetit.

Da pickt eine Nacktschnecke auf der Glaswand, vielleicht drei oder vier Zentimeter groß, lässt ihre an den Spitzen rot eingefärbten Kiemen im Rhythmus der Wellen hin und her wiegen. Auf dem künstlichen Riff vor dem Fenster haben sich in den letzten Monaten indes, zwischen den fetten, olivgrünen Kelpblättern Schutz suchend, Venusmuscheln und Seeigel angesiedelt. Und plötzlich schwimmt ein kleiner Zwergseeskorpion herbei – die gesamte Gastschaft lässt den zweiten Gang, Fischkopftatar mit Rogen und irgendwelchen cremigen Emulsionen, links liegen und strömt zum Fenster – und beschließt, ihre abendlichen Spazierrunden just vor versammeltem Gourmetpublikum zu drehen.

„Damit sind die drei wichtigsten Zutaten unseres Unterwasser-Restaurants offengelegt“, sagt Nicolai Ellitsgaard Pedersen mit einem breiten Lächeln im Gesicht. „Gutes Essen, spektakuläre Architektur und ein kleiner Einblick in die Weiten der Unterwasserwelt.“ Der 32-jährige Chefkoch, seine Jugend funkelt noch unschuldig in den Augen, leitete früher den Gourmettempel Måltid in Kristiansand, irgendwo an der südlichsten Spitze des fjordzerklüfteten Norwegen, ehe ihn der Hotelbesitzer und Investor Stig Ubostad anrief, um ihm ein abgrundtief unmoralisches Angebot zu unterbreiten. „Als ich die Pläne und die ersten Visualisierungen gesehen habe, ist mir die Spucke weggeblieben. Alles, was ich rausbrachte, war: Wo muss ich unterschreiben?“

Wie ein umgekippter, an den schroffen Felsen lehnender Betonprügel liegt das Gebäude im Wasser, verbindet die eine mit der anderen, die nasse mit der trockenen Welt und stemmt sich den Wogen und Witterungen mit trotzendem Gewicht in den Weg. Während der Zugang zur rund 35 Meter langen, unter 20 Grad versenkten Betonröhre über eine stählerne Gangway erfolgt, während das Portal und die kleine Terrasse vor dem Eingang noch ein wenig an eine mit hochglanzlackierten Eichenbohlen verlegte Luxusjacht erinnern, taucht man, sobald man das Foyer und die Garderobe hinter sich gelegt hat, Stufe für Stufe in immer dumpfer, immer blauer werdende, sehnsüchtig in die Tiefe saugenden Gefilde ab.

Der Name des ungewöhnlichen Restaurants, das wie ein Fisch- und Meeresfrüchtefernseher in den Fjord von Båly hineinragt, 90 Autominuten vom nächsten Flughafen entfernt, ist Programm: Under bezieht sich nicht nur auf die hier zur Marke erhobene Lage unter der Wasseroberfläche, sondern ist zugleich auch das norwegische Wort für Wunder: Es das erste Unterwasser-Restaurant Europas. Und es ist das größte seiner Art weltweit. Alles andere als verwunderlich also sind die optischen Assoziationen auf der Restaurant-Website, die trotz der geringen Tiefe von nur fünf Metern unter dem Meeresspiegel so stürmisch, so abenteuerlich, so aggregatzuständlich befremdlich anmuten, als würde man beim 18-gängigen Dinner Jules Vernes höchstpersönlich gegenübersitzen.

Ungewöhnliche Kräfte

„Die Planung und Errichtung dieses Bauwerks war für uns in der Tat ein kühnes Experiment, denn wir haben es hier mit Kräften zu tun, die in der Architektur nicht ganz alltäglich sind“, sagt Kjetil Trædal Thorsen. Der 60-Jährige ist Gründer und Partner im norwegischen Architekturbüro Snøhetta, das Ateliers in Oslo, Innsbruck, Paris, New York und San Francisco betreibt und schon so atemberaubende Projekte wie die Bibliothek von Alexandria, die Oper von Oslo und das wie funkelnde Blutsteine in den Wüstenhimmel ragende King Abdulaziz Center in Dhahran, Saudi-Arabien, realisierte. Erst vor wenigen Monaten wurde in Wattens, Tirol, die Swarovski-Manufaktur in Betrieb genommen.

„Und mit neuen, ungewöhnlichen Kräften meine ich nicht nur die Macht des Wassers, die uns hier auf Schritt und Tritt begegnet und das Projekt maßgeblich geformt hat, sondern auch statische und konstruktive Lösungen, bei denen wir komplett umdenken mussten.“ Betoniert wurde das Gebäude, dessen Oberfläche aus aquadynamischen Gründen leicht gebaucht ist, auf einem schwimmenden Ponton, der in der Nachbarbucht in gerade mal 100 Meter Entfernung vor Anker lag. In einer eintägigen Reise wurde das 1600 Tonnen schwere Ungetüm nach monatelanger Aushärtungszeit im Juni 2018 mit Seilen und luftgefüllten Tarierballons an Ort und Stelle gezogen.

„Normalerweise sind Fundamente auf Druck beansprucht, weil auf ihnen eine schwere Baukonstruktion lastet“, sagt Thorsen, „doch in diesem Fall war es umgekehrt. Nachdem sich das Restaurant aufgrund seiner inneren Leere wie ein Schiff verhält und ohne Verankerung sofort an die Wasseroberfläche aufschwimmen würde, mussten wir das Fundament auf Zug konstruieren.“ Acht oberarmdicke Schraubbolzen, die von Tauchern festgezogen wurden, sorgen dafür, dass das Restaurant dort bleibt, wo es seinem Namen alle Ehre zu erweisen imstande ist.

Über eine elf Meter breite und drei Meter hohe Acrylglasscheibe, die aufgrund des umgebenden Wasserdrucks massiv in 25 Zentimeter Materialdicke (!) dimensioniert werden musste, gelangt das natürliche Licht, das sich durch das nasse Medium den Weg nach unten kämpft, in den Innenraum. Am Abend wird das dem Restaurant vorgelagerte Riff künstlich beleuchtet, worauf sich das Fenster vor den bis zu 40 speisenden Gästen in einen 33 Quadratmeter großen Lampenschirm verwandelt. Kleine LED-Spots im Plafond korrigieren die Wellenlänge und bereichern das bläulich-grünliche Licht des Wassers um die nötigen Rotschwingungen, die in fünf Metern verlorengegangen sind. Eine ästhetisch überaus wichtige Maßnahme, denn sie sorgt dafür, dass einem das Date vis-à-vis nicht wie eine blaulippige Wasserleiche erscheint.

Bis Oktober ausgebucht

„Das Wasser zu beleuchten klingt nach einem dramatischen Eingriff in die Natur“, erklären die beiden Meeresbiologen Trond Rafoss und Kim Halvorsen, die das Projekt von Anfang an begleitet haben und im Under nicht nur ein Restaurant, sondern auch eine maritime Beobachtungsstation sehen. „Aber die permanente Lichtverschmutzung in den Dörfern und Städten hat weitaus größere Auswirkungen als die sieben Scheinwerfer, die in den Abendstunden die paar Kubikmeter des Meeres ausleuchten. Viele Fische fühlen sich vom Licht angezogen. Und die anderen, die das Licht scheuen, werden uns eh fernbleiben.“

Mit rund 70 Millionen norwegischen Kronen (7,2 Millionen Euro), die in Forschung, Entwicklung und Errichtung flossen, soll das Unterwasser-Restaurant nicht zuletzt den internationalen Tourismus, der die norwegische Südküste auf dem Weg nach Stavanger, Bergen und auf die Hurtigruten bisher übersprungen hat, etwas ankurbeln. Das Konzept könnte aufgehen. Am 2. April wird das Lokal, das nordischen Matadoren wie Noma (Kopenhagen) und Maaemo (Oslo) Konkurrenz machen soll, offiziell eröffnet. Trotz eines Menüpreises von 2250 Kronen (230 Euro) sind die Tische bis Oktober ausgebucht.

9. März 2019 Der Standard

Der Architekt mit dem Kärcher

Das slowakische Architekturbüro Gutgut sagt mit seinen Projekten klassischen Immobilieninvestoren und Developern den Kampf an. Das revitalisierte Zementwerk Mlynica in Bratislava wird heute bei einem Vortrag in Wien vorgestellt.

An den eckigen Pfeilern haftet noch die Patina der letzten Jahrzehnte: Kratzer, Löcher, Markierungen in Weiß und Neonpink. Die dicke Rippendecke erzählt Geschichten von schweren Lasten und rüttelnden Maschinen. Und die Kabeltrassen an den Wänden sind geführt, als wäre mitten im Betrieb das Geld ausgegangen. Schauplatz ist die sogenannte Mlynica, eine aufgelassene Zementfabrik in der Turbinová am nordöstlichen Stadtrand von Bratislava.

„Die Fabrik wurde Anfang der Siebzigerjahre in Betrieb genommen, als der Kommunismus in seiner Blüte war und der Wohnbedarf in der ČSSR traditionsgemäß mit Plattenbauten gedeckt wurde“, erzählt Architekt Štefan Polakovič. „In der Mlynica wurden Stein und Zement gemahlen. Die daraus gegossenen Betonplatten prägen bis heute das Stadtbild in vielen osteuropäischen Städten.“ Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde das staatlich geführte Werk mangels privater Investitionen geschlossen. Seit damals stand die Anlage leer. „Der Zustand, als wir uns das Werk vor ein paar Jahren angesehen haben, war erbärmlich. Doch dann kamen wir ins Spiel.“

Postkommunistische Zeitgeschichte

Im Auftrag des slowakischen Developers ISE, der offenbar keine Angst vor Abgefucktheit hatte, sollte die ehemalige Mlynica in eine Eventlocation mit vermietbaren Büroflächen und stylishen, rough belassenen Lofts umgebaut werden. „In der Regel werden solche Gebäude so lange renoviert, bis von der alten Atmosphäre fast nichts mehr übrig ist“, erzählt Polakovič. „Doch das ist langweilig. Das interessiert uns nicht. Wir wollten das Gebäude in seinem ursprünglichen Charakter erhalten und nur dort reparieren, konstruktiv verstärken und mit neuen architektonischen Implantaten befüllen, wo dies für die Funktion notwendig war. Ansonsten ist das Gebäude unverändert. Nicht einmal die Wände haben wir ausgemalt.“ Kurze Pause. „Ach ja, den Schmutz haben wir natürlich mit dem Kärcher abgewaschen.“

Das Resultat dieses ungewöhnlichen Ansatzes ist eine dreidimensionale Collage aus Stahl, Beton, Ziegel, Bauholz und Profilitglas, die mitten im Industrieviertel, umgeben von Baumärkten, Chemiewerken und dem zentralen Bratislavaer Heizkraftwerk, eine Art lesbare, nonverbal konsumierbare Lektüre postindustrieller, postkommunistischer Zeitgeschichte formiert. Zugleich ist das Projekt, das man in seiner Unverfrorenheit in Berlin, London, New York, gewiss aber nicht in der Slowakei erwarten würde, eine Kampfansage an Privatisierung und an die Unkultur gewerblicher Investoren und Developer, die das Stadtbild von Bratislava seit 1989 massiv verändert haben.

Heute, Samstag, hält Štefan Polakovič gemeinsam mit seinem Kollegen Tomaš Vrtek einen Vortrag im Rahmen des Architekturfestivals Turn on. Ziel des Kongresses, der zum 17. Mal im großen Sendesaal im ORF-Radiokulturhaus ausgerichtet wird, ist die Vernetzung von Architektur, Politik und Bauindustrie. „Architektur ist eine ästhetische Qualität, die sich auf unterschiedliche Weise manifestieren kann“, sagt die Initiatorin und Organisatorin Margit Ulama. „Das Festival präsentiert vielfältigste thematische Facetten, wie die gebaute Umwelt das Leben auf positive Weise beeinflussen kann.“ Zum Beispiel auch so.

„Historische Identität tut jeder Stadt gut“, sagt Polakovič, der mit seinem Partner Lukáš Kordík das Architekturbüro Gutgut in einem stillen Wohnviertel am Rande der Innenstadt leitet. „Aber im Fall von Bratislava, die zu den am schnellsten wachsenden und sich am stärksten verändernden Hauptstädten Europas zählt, sind Rettung und Erhalt der Geschichte anhand der von ihr produzierten Gebäude nicht nur eine Kür, sondern eine Pflicht. Das Immobilienspiel, das die Investoren und Projektentwickler hier spielen, ohne sich für räumliche und historische Qualität zu interessieren, ist ein rasantes und ein brutales. Dem müssen wir dringend etwas entgegensetzen. Das ist unsere Aufgabe als Architekten.“

Mehr als nur gut

Polakovič, der mit seinem Auftritt und seinem offenen, einsichtigen Arbeitsatelier in der Auslage eine neue, nonchalante Lockerheit verkörpert, tunkt sein Supermarktsemmerl in den Mayonnaisesalat und macht ein paar Bissen lang Pause. Die Architektur wird nicht wegrennen. Zumindest nicht in den nächsten paar Minuten. „Wir sind ein kleiner Fisch. Ein kleines Büro, das Projekte bis zu 5000 Quadratmetern Nutzfläche abwickelt. Aber immerhin, wir leisten unseren Beitrag.“ Warum das Büro Gutgut heißt? „Früher hießen wir Gelb, dann Rot, dann Blau. Aber dann haben wir gemerkt, dass wir auch Farbe bekennen können, ohne bunt zu sein. Und ganz ehrlich? Wir sind mehr als nur gut. Wir sind echt gutgut.“

Wie können Qualität und Innovation in der Architektur unser Leben verbessern? Das ist die Grundfrage des Architekturfestivals Turn on, das heuer zum 17. Mal stattfindet. Auf dem Programm stehen die Themen Wohnbau, Hotels, Kulturbauten, Gesundheitsimmobilien und Quartiersentwicklung. Einleitende Worte von Christian Kühn (Architekturstiftung Österreich) und der Wiener Frauen- und Wohnbaustadträtin Kathrin Gaál. Mit Vorträgen von Feld72, Einszueins Architektur, Baumschlager Hutter, Alison Brooks Architects, Robertneun, Hermann Czech, Königlarch, Werner Neuwirth, Pool Architektur, Bevk Perović Arhitekti, Fasch & Fuchs, Franz & Sue, Dietger Wissounig, Erich Strolz, Dietrich Untertrifaller, Walter Angonese und dem slowakischen Büro Gutgut. Ergänzt wird der Vortragsnachmittag von einer Podiumsdiskussion mit der Wiener Architektin Bettina Götz (Artec), Bernhard Steger, Abteilungsleiter der MA 21A, sowie dem ehemaligen Direktor des Amtes für Städtebau der Stadt Zürich, Patrick Gmür.

6. März 2019 Der Standard

Pritzker-Preis geht an Arata Isozaki

Der mit 100.000 US-Dollar dotierte „Nobelpreis der Architektur“ geht zum achten Mal nach Japan

Es gibt den Raum, und es gibt die Zeit“, sagt der japanische Architekt Arata Isozaki. „Aber noch viel wichtiger als Raum und Zeit in der Architektur sind der Zwischenraum und die Zwischenzeit, also die Dinge zwischen den Elementen. So wie auch Japan nicht nur aus Inseln, sondern auch aus dem Wasser rundherum besteht.“

Das von ihm seit Jahrzehnten propagierte Konzept des Dazwischen hat im Japanischen sogar einen eigenen Namen: Ma. Für genau diese Liebe zum Zwischenraum wird der 87-Jährige, wie am Dienstagnachmittag bekannt wurde, mit dem renommierten Pritzker-Preis 2019 ausgezeichnet.

„Auf der anderen Seite der Bucht wurde die Atombombe auf Hiroshima fallen gelassen“, erinnert sich Isozaki im Gespräch. „Ich bin mitten in diesem Ground Zero aufgewachsen. Die Stadt war eine einzige Ruine. Es gab keine Architektur, keine Gebäude, nur Baracken und Verschläge. Mein erstes Verständnis von Architektur, damals als 14-Jähriger, war also jenes des leeren Zwischenraums. Und so habe ich mir Gedanken darüber gemacht, wie neue Häuser und neue Städte aussehen könnten.“

In vielen seiner Bauwerke, heißt es im Pritzker-Juryprotokoll, sei genau diese Faszination für die Leere zu spüren. Gebäude und Leere fänden dabei stets in einem Gleichgewicht zueinander. Schon einer seiner ersten, allerdings unrealisierten Entwürfe, die sogenannte City in the Air im Jahr 1962, ist ein Vorschlag, eine neue, scheinbar schwebende Stadt über der Stadt zu errichten. Damit greift Isozaki die zu dieser Zeit hoch im Kurs stehende Idee des Metabolismus auf, demnach Architektur und Städtebau einem kontinuierlichen Wachstum und energetischen Austausch mit der Außenwelt unterworfen seien.

Es folgen realisierte Bauten wie etwa die Bibliothek in Oita, die Expo 1970 in Osaka sowie mehrere Museen im ganzen Land. „Als einer der ersten Japaner hat Isozaki auch außerhalb Japans gebaut“, sagt Tom Pritzker, Vorsitzender der Hyatt Foundation, die den Preis seit 1979 jährlich auslobt. „Und das in einer Zeit, in der westliche Gesellschaften eher den Osten beeinflussten als umgekehrt.“

Es folgen Bauten in Los Angeles (Museum of Contemporary Art, 1986), Barcelona (Sporthalle Palau Sant Jordi, 1990), Turin (Eishockey-Stadion, 2005), auf dem Potsdamer Platz in Berlin sowie immer wieder auch in China und im arabischen Raum.

Eines der jüngsten Projekte des Architekten und Universitätsprofessors, der weltweit bereits mehr als hundert Bauten realisiert hat, ist der 202 Meter hohe, 50-geschoßige Allianz-Tower in Mailand. Damit krönt er den sogenannten Citylife-Bezirk, der anstelle des alten Messegeländes rund um einen öffentlichen Park angelegt wurde.

Während seine beiden Kollegen Daniel Libeskind und Zaha Hadid, die 2004 ebenfalls mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet wurde, eher laut gestikulierend um sich schlagen, frönt Isozaki mit seinem schlichten Turm einer japanischen, formalen Strenge.

Nur eine Frau bisher

Mit dem Namen Hadid ist auch der mittlerweile kritischste Aspekt des Pritzker-Preises angesprochen. Unter den berühmten Preisträgern seit 1979 – darunter Rem Koolhaas, Norman Foster, Frank O. Gehry, I. M. Pei, Robert Venturi, Oscar Niemeyer sowie der Österreicher Hans Hollein – finden sich bis auf Zaha Hadid ausschließlich Männer beziehungsweise selten auch gemischtgeschlechtliche Teams. Von Jahr zu Jahr steigt die Verwunderung über die einseitige Sichtweise auf die Kunst des räumlichen Gestaltens. Damit droht der als „Nobelpreis der Architektur“ bekannte Preis à la longue seinen außergewöhnlichen Ruf einzubüßen. Das wäre wohl nicht im Sinne seiner Gründer Jay und Cindy Pritzker.

Die mit 100.000 US-Dollar (88.000 Euro) dotierte Auszeichnung nimmt Arata Isozaki im Mai im Schloss Versailles entgegen.

6. März 2019 Der Standard

Wien-Breitenlee: Wohnen mit Dorfplatznostalgie

In Wien-Breitenlee entstehen Wohnungen, die um einen modernen, horizontal und vertikal begrünten Anger gruppiert sind – mit nachhaltigem Energie- und Mobilitätskonzept

Bis 1900 war Breitenlee landwirtschaftlich geprägt. Sogar das Grundstück in der Oleandergasse, auf dem die gemeinnützige Wohnbauvereinigung für Privatangestellte (WBV-GPA) 133 Wohnungen errichtete, die am Freitag an ihre Mieter übergeben werden, wurde bis vor kurzem noch als Weizenacker genutzt. Diese geschichtliche Identität des Ortes schwingt auf eine gewisse Weise mit. Denn als Vorbild für die ungewöhnliche Wohnhausanlage, deren Wohnungen um einen schmalen, langen Dorfplatz gruppiert sind, dient ein klassischer Siedlungstypus aus längst vergangenen Tagen.

Inspiriert vom Anger

„Die Dörfer im Weinviertel waren früher oft als längliche Plätze, als sogenannte Anger konzipiert“, erklärt Robert Haranza, Projektleiter bei Querkraft Architekten, die das Projekt in Zusammenarbeit mit Architekt Thomas Moosmann realisiert haben. „Wir haben uns davon inspirieren lassen. Die Wohnungen liegen nun rund um einen langgestreckten Innenhof, den wir in der Fläche mit Sträuchern und Beeten begrünt und in dem wir sogar 37 Bäume gepflanzt haben.“ Die Planung dafür stammt vom Wiener Landschaftsarchitekten Joachim Kräftner.

Doch während das Grünkonzept in den meisten Wohnhausanlagen auf die horizontale Ebene beschränkt ist, wird sich die Natur in ein paar Jahren schon an den in Erd- und Lehmfarben gestalteten Fassaden hocharbeiten. Der Clou dabei: Die um den Innenhof gruppierten Putzflächen sind mit insgesamt 2100 Quadratmeter Stahlgitter verkleidet, die den schon in der Bauphase gesäten Kletterpflanzen – darunter auch wilder Wein – als Rankgerüst dienen. Im begrünten Zustand soll die lebende Fassade nicht nur ein Eyecatcher sein, sondern auch zum Mikroklima innerhalb des Quartiers beitragen. Per Mietvertrag verpflichtet sich jeder Mieter, sich um die Bewässerung der vom Balkon oder von der Terrasse aus zugänglichen Flora zu kümmern. Schnitt und Unkrautentfernung übernimmt der Bauträger.

Wie ein Dorf

Um den dörflichen Charakter im „Wohnen am grünen Anger“ zu wahren, wurden die Wohnungen mal dichter, mal lockerer gruppiert. „Wir haben insgesamt sieben verschiedene Wohnungstypen zwischen 47 und 126 Quadratmetern, die wir nach dem Lego-Prinzip übereinandergestapelt und ineinander verschachtelt haben“, so Haranza. Die sägezahnartige Burgzinnen-Silhouette, hinter der sich ein-, zwei- und dreigeschoßige Wohnungen verbergen, ist schon von weitem sichtbar. „Manche der Wohneinheiten haben fast schon Einfamilien- oder Reihenhauscharakter.“ Die monatliche Miete liegt bei 5,99 Euro pro Quadratmeter (einmaliger Finanzierungsbeitrag 405 Euro pro m2) sowie bei 7,50 Euro (Finanzierungsbeitrag 60 Euro) im Falle der Smart-Wohnungen.

Grün ist aber nicht nur das äußere Erscheinungsbild des Angerprojekts, das ursprünglich als Holzhaus konzipiert war, ehe die Variante der günstigeren Stahlbetonoption gewichen ist, sondern auch das Energie- und Mobilitätskonzept. „30 Prozent der benötigten Energie können wir direkt vor Ort erzeugen“, sagt Michael Gehbauer, Geschäftsführer der Wohnbauvereinigung. „Die Dachlandschaft ist mit Fotovoltaik bestückt, hinzu kommen Luftwärmepumpen, die auf Niedrigenergiebasis die Fußbodenheizung in den Wohnungen zuspeisen.“ Die WBV-GPA ist im Gespräch mit Wien Energie, um für die Verteilung des PV-Stroms („Bewohnerstrom“) den Abrechnungsschlüssel festzulegen.

Auf eine unterirdische Garage wurde aus Kostengründen verzichtet. Stattdessen sind die knapp über 100 Stellplätze auf Straßenniveau angesiedelt. Jeder Stellplatz weist eine Leerverrohrung auf und kann von den Mietern mit einer E-Ladestation nachgerüstet werden. Ergänzt wird das Angebot durch ein E-Car, zwei E-Bikes und zwei E-Roller.

2. März 2019 Der Standard

„Unsquare Dance“ als Pflicht und Kür

Marte.Marte Architekten haben in Krems einen Würfel zum Tanzen gebracht. An diesem Wochenende ist die neue Landesgalerie Niederösterreich, die sich so sehnsuchtsvoll zur Donau neigt, erstmals öffentlich zugänglich.

Die Egon Schieles, Oskar Kokoschkas und die zeitgenössischen niederösterreichischen Malerinnen müssen sich bis Ende Mai gedulden. Bis dahin nämlich ist die Zeit der Bernhards. So heißen die 30 mal 30 mal 30 Zentimeter großen Kartonmodelle, 2000 Stück an der Zahl, die in Kooperation mit Kindern, Jugendlichen und der lokalen Bevölkerung in den letzten Monaten im Rahmen von#MyMuseum gebaut wurden und die nun in der neuen Landesgalerie sowie diversen Kremser Ämtern, Schulen und Museen zu sehen sind.

„Die Bernhards, die wir nach dem Architekten dieses Hauses benannt haben und die die unterschiedlichen Interpretationen und persönlichen Wünsche an dieses Museum darstellen, sind ein ganz wichtiger Bestandteil dieses Projekts“, sagt Christian Bauer, künstlerischer Direktor der Landesgalerie Niederösterreich, die an diesem Wochenende nach zweieinhalbjähriger Bauzeit ihr langersehntes und medial trommelbewirbeltes Pre-Opening über sich ergehen lässt.

„Denn die Funktion einer Landesgalerie ist zwar ohne jeden Zweifel eine überregionale und internationale, aber ohne die intensive Einbindung der lokalen Bevölkerung wird so eine Galerie niemals erfolgreich sein. Wir legen viel Wert darauf, dass dieses Haus die Herzen der Menschen erreicht.“ Und der Direktor meint es ernst mit dem, was er sagt: Rund 300 öffentliche und partizipative Veranstaltungen aller Art, die in Zusammenhang mit dem Neubau stehen, gingen in den vergangenen Jahren über die Bühne.

Tänzerin im Paillettenkleid

Jetzt ist er also fertig, der Bernhard. Oder der gedrehte Zinkwürfel. Oder die Tänzerin im Paillettenkleid. Namen für dieses Gebäude gibt es schon viele. „Während der Bauzeit“, erinnert sich Bauer, „war der massiv wirkende Rohbau sehr vordergründig, und viele Kremser haben sich damals gefragt, wie dieser Betonbunker, wie sie meinten, denn eines Tages aussehen würde. Doch dieses Bild ist gewichen, und zwar zugunsten einer Skulptur, eines leichtfüßigen Objekts, das die Kremser Kunstmeile mit einem dynamischen Schlussstein markiert.“

Genau dieser Clou war ausschlaggebend dafür, dass sich das Vorarlberger Architekturbüro Marte.Marte unter der Führung der Brüder Stefan und Bernhard Marte 2015 gegen 78 Kandidaten im EU-weiten, zweistufigen Wettbewerb (Juryvorsitz Elke Delugan-Meissl) einstimmig durchsetzen konnte. Von Anfang an habe die Drehung des 22 Meter hohen Würfels, der sich nach oben hin dreht und verjüngt und sich auch sehnsuchtsvoll nach dem Donauwasser reckt, die Jury überzeugt.

„Es war eine ganz bewusste Entscheidung, das Gebäude so auszurichten, dass es sich stark zur Donau orientiert und die dort ankommenden Besucher mit einer großzügigen Geste empfängt“, sagt Bernhard Marte. „Es ist fantastisch zu sehen, wie die Drehung des Baukörpers die malerischen Altstädte von Krems und Stein mit der umliegenden Naturlandschaft verbindet.“ Als Vorbild für diese waghalsige Drehung, die das Haus an der Südseite meterweit ins Nichts hinaustanzen lässt, diente die „Figura serpentinata“ von Giambologna, jenes manieristische Gestaltungsmotiv also, das ein Objekt von jedem Standpunkt aus unterschiedlich erscheinen lässt.

Von manchen Perspektiven wirkt der Marte-Würfel bedächtig ruhig und schwer, aus anderen erscheint das Ding wie eine sich um ihre eigene Achse drehende Tangotänzerin, eingehüllt in ein Kleid aus 7200 Pailletten in Form von diagonal verlegten Titanzinkschindeln, die kurz davor ist, jede Schwerkraft zu überwinden. Dazu passt auch die eingeschnittene Aussichtsterrasse im dritten Obergeschoß, von der aus man eine perfekte Sicht auf das Stift Göttweig jenseits des Flusses hat.

„Der Rohbau war in konstruktiver Hinsicht eine Herausforderung, denn aufgrund der sphärischen Krümmung und der sich weit hinauslehnenden Außenmauern musste die Schalung sonderangefertigt werden“, erklärt Alexandra Grups, Projektleiterin bei Marte.Marte. „Hier ist jeder Quadratzentimeter anders.“ Sogar die 91 Glasscheiben innerhalb der großen, erdgeschoßigen Bogenfenster folgen der komplexen, verdrehten Geometrie des Gebäudes: Jede Einzelne ist ein 3D-berechnetes Einzelstück, durch das so manches Mal die beinharte Realität Kremser Reihenhäuslichkeit ins Innere des Museums dringt. Eine radikale, wiewohl reizvolle Geste.

Während das Erdgeschoß und das dritte Obergeschoß mit Tageslicht durchflutet sind, bleiben das erste und zweite Obergeschoß sowie das 850 Quadratmeter große Untergeschoß in der Dunkelheit musealer Triple-A-Anforderungen. Damit, meint Chefkurator Günther Oberhollenzer, sei man in der Lage, heikle, lichtempfindliche Kunstwerke und auch wertvolle Leihgaben aus großen internationalen Häusern auszustellen.

„Die Architektur dieses Gebäudes ist eine Freude – und Herausforderung“, so Oberhollenzer, der damit nicht nur auf die schiefen, geneigten Wände, sondern auch auf die räumliche Anordnung der Ausstellungssäle anspielt. „Durch die vier unterschiedlichen Erschließungspunkte aus zwei Liften und zwei Stiegenhäusern sind wir nicht in der Lage, einen klassischen, chronologischen Weg durch die Ausstellung zu planen. Aus Kuratorensicht müssen wir in diesem Haus komplett umdenken. Ich bin neugierig, wie gut uns das gelingen wird.“

Der 35 Millionen Euro teure Bau, dessen Bildhaftigkeit und zugleich bildhafte Sprache unweigerlich an Dave Brubecks Unsquare Dance denken lässt, fasst nun erstmals die niederösterreichische Kunstsammlung an einem Ort zusammen und entlastet damit auch Hans Holleins Mehrspartenmuseum im Regierungsbezirk St. Pölten. Das erste Exponat, die Landesgalerie als kunstfertige Hülle ihrer selbst, zeigt sich ab diesem Wochenende erstmals der Öffentlichkeit. Die Tanzkür ist schön anzusehen. Über die Pflicht der vielgelobten Tänzerin wird man sich ein Urteil bilden können, wenn das Museum Ende Mai offiziell eröffnet wird.

23. Februar 2019 Der Standard

Die Welt darf nicht Matera werden

Wie wollen wir in Zukunft mit dem Weltkulturerbe umgehen? Wie lassen sich die Anforderungen der Unesco mit denen einer modernen Stadt in Einklang bringen? Letzte Woche fand dazu eine Konferenz in Wien statt. Resultat: die „Vienna Declaration“.

Zehn Uhr. Die Kirchenglocken haben es gerade klanghaft gemacht. Im süditalienischen Stundensystem ist dies die turbulenteste Zeit des Tages. Kinder rennen über die Piazza, Donne gehen über den Markt und machen Besorgungen fürs Abendmahl, ältere Signori stehen am Straßenrand und unterhalten sich über den neuesten Tratsch, den sie in der Gazzetta dello Sport gelesen haben. Das Klischeebild, das in vielen Städten in Apulien, Kalabrien und in der Basilicata noch den Alltag prägt, gehört in Matera, Kulturhauptstadt Europas 2019 und eine der ältesten Städte der Welt, jedoch der Vergangenheit an. Es ist still und menschenleer.

In einem der beängstigend ausgestorbenen Corti im Sasso Barisano, im Unesco-geschützten Felsenbezirk, befindet sich eine kleine Baustelle. Ein Hinterhof in der Via Sette Dolori, das Echo hallt durch die steinernen Gassen, ein Bauarbeiter, Jogginghose und Arbeitshandschuhe, saniert eines der uralten Felsenhäuser, das mit einiger Verspätung zum Kulturhauptstadtjahr fertig werden soll. In einem Monat werden die Menschenmassen erwartet, für die man die historische Innenstadt herausgeputzt und eigens Airbnb-Apartments, Wellnesstempel und echte türkische Bäder geschaffen hat.

„Das Problem von Matera ist leider kein Einzelfall“, sagt Denis Ricard, Generalsekretär der Organisation of World Heritage Cities (OWHC) mit Sitz in Québec, Kanada. „Wir kennen viele Städte, in denen es nicht gelingt, die Kür des Unesco-Weltkulturerbes mit den Anforderungen an eine wachsende, dynamische Stadt miteinander zu vereinbaren. Die Folge ist, dass viele Menschen aus den denkmalgeschützten Innenzonen abwandern und sich am Stadtrand niederlassen, während das Zentrum mehr und mehr zu einem touristischen Open-Air-Museum verkommt.“ In Matera, das seit 1993 als Unesco-Weltkulturerbe firmiert, ist dieser Prozess besonders fortgeschritten. Die mehrgeschoßigen Wohnhausanlagen in der Peripherie sind längst Teil der Skyline. Auf den Fotos sind die Betonklötze nie zu sehen.

1092 Welterbestätten

„Es ist ein Unterschied, ob die Unesco ein singuläres Bauwerk, ein kleines Gebäudeensemble oder eine zusammenhängende Innenstadt unter Schutz stellt“, so Ricard. „Daher setzen wir uns dafür ein, diese Unterschiede anzuerkennen und das Weltkulturerbe entsprechend differenziert handzuhaben.“ Das Interesse scheint groß zu sein: Unter den weltweit 1092 Unesco-Welterbestätten gibt es mehr als 300 städtische Gemeinden, die sich der OWHC angeschlossen haben, weil sie sich mit dem Weltkulturerbe nicht nur Glanz und Glorie eingekauft haben, sondern auch so manch operative, logistische, infrastrukturelle Pein.

Die vielleicht prominenteste OWHC-Mitgliedsstadt in der Unesco-Kartei ist Wien. Seit Juli 2017 befindet sich die Wiener Innenstadt, eines der größten Unesco-Schutzgebiete der Welt, auf der Roten Liste. Ausschlaggebend dafür seien der laxe Umgang mit Investoren, der fehlende, wiewohl verpflichtende Managementplan sowie die allzu weit auseinanderklaffenden Systemfehler zwischen Denkmalschutz (singuläre Bauwerke), Wiener Schutzzonen (Straßenzüge und Ensembles) und Unesco-Kern- und Pufferzone (zusammenhängendes Gebiet). Am aktuellen Heumarkt-Projekt verdichten sich die seit dem Unesco-Beitritt 2001 akkumulierten und bislang kaum gelösten Stadtplanungsprobleme zum scheinbar kulturpolitischen Super-GAU.

„Wien ist eine wachsende Stadt, in der viele Dinge im Spannungsfeld zwischen dem historischen Erbe und den Anforderungen an eine moderne Smart City sehr gut gelöst sind“, erklärt Erst Woller, Erster Wiener Landtagspräsident (SPÖ), auf Anfrage des STANDARD. „Es kann doch nicht sein, dass in einem so großen Schutzgebiet ein einziges Projekt imstande ist, das Unesco-Weltkulturerbe zu gefährden. Das steht in überhaupt keiner Relation! Viele Großstädte in aller Welt haben mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Unser politisches Ziel ist es, diese Herausforderungen transparent zu machen und uns anzuschauen, wie wir voneinander lernen können.“

Als Zeichen für dieses schrittweise Aufeinander-Zugehen lud die Stadt Wien in Zusammenarbeit mit der OWHC letzte Woche zu einem Workshop und einer Konferenz ins Wiener Rathaus. Unter dem Titel „Preservation, Development and Management of World Heritage in Dynamic Cities“ diskutierten Experten und Bürgermeisterinnen aus rund 25 Städten aus aller Welt: Prag, Brügge, Dubrovnik, Sankt Petersburg, Baku, Istanbul, Tel Aviv, Puebla, Suzhou und viele mehr. Am Ende der Konferenz wurde die „Vienna Declaration“ präsentiert, ein miteinander ausgearbeitetes Rahmenwerk, in dem die nötige Balance zwischen Erhalt und Entwicklung in 18 Punkten festgehalten ist.

„Weltkulturerbestätten sind lebende Organismen, deren Existenz nur dann erhalten werden kann, wenn man ihnen die Möglichkeit kontinuierlicher Veränderung und einer Ausgewogenheit zwischen Erhalt, Entwicklung und Management einräumt“, heißt es gleich zu Beginn des Papers. „Es gibt dringenden Bedarf an Weiterentwicklung. Die nötigen Stadtplanungsstrategien sollten daher berücksichtigt und mit der historischen Stadtlandschaft in Einklang gebracht werden.“ Im März, so der Plan, will die Organisation of World Heritage Cities die Deklaration in Québec vorstellen und auf institutioneller Ebene zu einer weltweit gültigen OWHC Declaration ausbauen.

Fraglich bleibt, wie die Unesco darauf reagieren wird. Entweder versteht sie die Deklaration als Kommunikationsangebot, um in Kooperation mit Icomos, OWHC und den betroffenen Welterbestädten zukunftsfähige Konzepte auszuarbeiten – oder aber als Kampfansage und Kritik an der bestehenden Unesco-Politik. „Ich habe vorerst noch ein großes Fragezeichen, was nach der Deklaration anders sein soll als davor“, erklärt Mechtild Rössler, Direktorin des Unesco-Welterbezentrums in Paris. „Fakt ist: Wir können die Konvention nicht aufweichen und zwischen Städten und Nichtstädten ein Zwei-Klassen-System einführen. Aber meine Tür steht offen. Ich bin bereit zum Gespräch.“

Die Türen in Matera sind längst zugefallen. Die Einheimischen sind ausgezogen und haben den Kern einer der ältesten Städte der Welt hinter sich gelassen. Die Kulturhauptstadt Europas 2019 wirft wichtige Fragen auf. Und eine Erkenntnis: Die Welt darf nicht Matera werden.

9. Februar 2019 Der Standard

Zukunft? Zedern und Zypressen!

In Tokio soll bis 2041 das höchste Holzhaus der Welt entstehen. Mit 350 Meter Höhe wird das japanische Architekturbüro Nikken Sekkei damit auf lange Zeit alle Rekorde brechen.

Eine grüne Blumenwiese, ein kleiner Nutzgarten mit Obst und Gemüse, ein wild in sich verdrehtes, verschraubtes Bäumchen, das mit seinen knorrigen Ästen skulpturengleich von der draußen liegenden Natur in den Innenraum hineinragt. Doch was in den ersten Sekunden den Anschein erweckt, als säße man in einem schintoistischen Schrein, in einem hölzernen Tempel vielleicht, mit krabbelnden Insekten und zwitschernden Flügelkreaturen rundherum, entpuppt sich bei näherem Hinsehen, sobald man die Augen geöffnet hat, als mitten ins Hochhaus hineingerissenes Atrium, das Lüftchen pfeift einem um die Ohren, irgendwo zwischen der 60. und 70. Etage.

Was heute noch Zukunftsmusik ist, wird sich in den nächsten 22 Jahren, geht es nach dem japanischen Forstunternehmen Sumitomo Forestry, als überaus reale Gegenwart präsentieren. Zu seinem 350-Jahr-Jubiläum nämlich möchte sich das 1691 gegründete Imperium, das sich seit damals um die Bewirtschaftung der japanischen Waldflächen kümmert, mit einer neuen Unternehmenszentrale belohnen. Im Tokioter Bezirk Marunouchi soll ein 350 Meter hohes Holzhochhaus entstehen, das auf den Namen W350 hört. Ein Höhenmeter für jedes bestehende Firmenjahr. Kolportierte Baukosten: 600 Milliarden Yen, rund 4,8 Milliarden Euro. Geplante Fertigstellung: 2041.

„Holz spielt in der japanischen Architektur seit geraumer Zeit eine unverzichtbare Rolle“, sagt Akira Ichikawa, Präsident der Sumitomo Forestry Co. Ltd. „Holzhäuser schaffen eine einzigartige Atmosphäre für den Menschen und eine angenehme Umgebung für Pflanzen und Organismen. Indem wir uns darauf spezialisiert haben, die Materialforschung und die technologischen Entwicklungen und Fertigungstechniken auf diesem Gebiet voranzutreiben, wollen wir das Holz als zukunftsfähigen Baustoff vorantreiben.“

Laut OECD weist Japan – hinter Finnland – den weltweit zweithöchsten Waldanteil auf. 68,5 Prozent der japanischen Landfläche sind von Wald bedeckt. Rund ein Drittel davon wurde im Laufe der letzten Jahrzehnte und Jahrhunderte künstlich angelegt, wobei sich die Pflanzungen nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem auf die beiden für die japanische Bauwirtschaft wichtigsten Baumarten konzentrieren – auf Zedern und Zypressen. „Dieses Holz ist nun in großen Mengen ausgewachsen und bereit zur Ernte“, so Ichikawa. „Mit dem Projekt W350 wollen wir ein Exempel statuieren.“

90 Prozent Massivholz

Errichtet wird das 70-stöckige Mammutprojekt auf einer Grundfläche von 70 mal 70 Metern, wobei das Haus wie eine innen hohle Röhre, wie eine Art Cannellone, in den Himmel ragen wird. Der Innenhof, der durch große, in die Fassade integrierte Atrien mit der Außenwelt verbunden sein wird, dient nicht nur der Belichtung, sondern auch der Erschließung in Form von Liften und quer durchs Nichts führenden Treppenläufen. 90 Prozent des Wolkenkratzers werden in Massivholz errichtet: Säulen, Pfeiler, Balken, Decken, Böden, Wände, Innenausbau. Ergänzt wird die Konstruktion von einem stählernen, außen liegenden Traggerüst, das dem Haus die nötige Elastizität und Erdbebensicherheit verleihen soll.

„Ein Holzhaus mit 350 Metern Höhe klingt nach Zukunftsmusik“, sagt Architekt Tadao Kamei, CEO und Präsident von Nikken Sekkei. „Aber tatsächlich könnten wir mit dem Bau, wenn der Auftraggeber nicht bis 2041 warten wollen würde, schon heute beginnen.“ Mit 2600 Mitarbeitern zählt das 1900 gegründete Büro zu den größten und ältesten Architekturbüros der Welt.

In seiner 120-jährigen Geschichte realisierte Nikken Sekkei, das heute Dependancen in Asien, in Europa und im Nahen Osten betreibt, bereits mehr als 25.000 Bauwerke. Derzeit widmet ihm die Architekturgalerie München eine Soloausstellung, die die Themen Ethik, Respekt und Nachhaltigkeit in diesem gigantischen Betrieb beleuchtet.

„Japanische Architektur ohne Holz ist nicht denkbar, aber mit dem starken Wachstum der Städte nach 1950 ist das Material fast zur Gänze aus dem Stadtbild verschwunden“, so Kamei. „Wir wollen diese Lücke schließen und Holz auch als urbanen Konstruktionswerkstoff wieder sichtbar machen.“

In dieser Maßstäblichkeit ist der Einsatz jedenfalls einzigartig: Allein die vertikalen Leimbinderpfeiler des Gebäudes werden im Fundamentbereich eine Dimension von 2,30 mal 2,30 Metern aufweisen. Wichtiges Detail am Rande: Schon jetzt, obwohl sich das Projekt noch in der Konzeptionsphase befindet, arbeitet Nikken Sekkei intensiv mit Handwerkern und Zimmermännern zusammen.

Das derzeit höchste Holzhochhaus mit insgesamt 18 Stockwerken befindet sich in Vancouver, Kanada. Schon bald wird den Rekord das 24-geschoßige Hoho in der Seestadt Aspern brechen. „Rohstoff für Holzhäuser gibt es jedenfalls zur Genüge“, sagt Georg Binder, Geschäftsführer von Proholz Austria. „Allein in den österreichischen Wäldern wächst alle 40 Sekunden ein ganzes Einfamilienhaus nach. Bedenkt man, dass der Holzbauanteil in der österreichischen Bauwirtschaft derzeit rund 22 Prozent beträgt, ist das Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft.“

Die Ausstellung „Nikken Sekkei. Experience, integrated“ in der Architekturgalerie München ist noch bis zum 1. März 2019 zu sehen.

2. Februar 2019 Der Standard

Wer hat Angst vor Frau Architekt?

Seit 1919 dürfen Frauen in Österreich Architektur studieren. Wir nehmen das 100-Jahr-Jubiläum zum Anlass, über Frauen im Bauen nachzudenken. Ein Gespräch mit der Wiener Architekturforscherin Sabina Riss.

STANDARD: Wir befinden uns hier im Roten Salon des Hotel Altstadt Vienna.

Riss: Der Raum wirkt schön, warm, gemütlich.

STANDARD: Er wurde von der Kärntner Innenarchitektin Thesi Treichl gestaltet. Oft wird die Frage gestellt, ob Frauen anders planen und entwerfen als Männer. Nervt Sie diese Frage?

Riss: Diese Frage wird immer wieder gestellt, denn die Menschen interessieren sich dafür, ob Frauen anders denken, anders gestalten, Prozesse anders leiten oder vielleicht subtiler und differenzierter an eine Bauaufgabe herangehen als Männer.

STANDARD: Und? Haben Sie eine Antwort darauf?

Riss: Frauen sind in ihrer Gruppe genauso heterogen wie Männer. Ich denke, dass jede Kategorisierung sofort Gefahr läuft, zu einem Klischee zu werden. Aber ich muss sagen: Aus dem Bauch heraus hätte ich die Gestaltung dieses Raumes einer Frau zugeschrieben.

STANDARD: Sie selbst beschäftigen sich schwerpunktmäßig mit Feminismus und Frauen im Berufsfeld. Ihre Doktorarbeit 2017 befasst sich mit der Impulsgebung von Frauen im Wohn- und Städtebau des 20. Jahrhunderts. Gibt es denn so etwas wie einen weiblichen Impuls in der Planung?

Riss: Beginnen wir mit dem männlichen Impuls! Der österreichische Wohnbau der Nachkriegszeit wurde über viele Jahrzehnte schematisch und oberflächlich abgehandelt. Bedürfnisse und Zusammenhänge zwischen Raum, Wohnung, Gebäude und Wohnumfeld haben kaum Beachtung gefunden. Frauen haben sich dieser Bauaufgabe etwas differenzierter, etwas tiefgreifender gewidmet und haben in ihren Projekten – das kann man wissenschaftlich belegen – die Wohnbedürfnisse der Gesellschaft besser und umfassender abgedeckt.

STANDARD: Wir sind schon mitten im Thema. Wie erklären Sie sich die seit Jahrzehnten thematisierte Dualität und Konkurrenz von Mann und Frau in der Architektur?

Riss: Gute Frage! Ich denke, das liegt an der Tatsache, dass der Prototyp des Architekten immer schon männlich war. Ab dem 19. Jahrhundert wurden Ziviltechniker in ihrer Beurkundungsautorität Staatsorganen gleichgestellt. Otto Wagner, Adolf Loos, Le Corbusier, das Bauhaus und auch die Darstellung des Architekten in den Hollywoodfilmen ... all das stärkt das männliche Architektenbild. Der Allwissende als Schöpfer. Dem gegenüber steht die Architektin, die Anfang des 20. Jahrhunderts plötzlich in die Männerdomäne eindringt.

STANDARD: Österreich feiert heuer ein 100-Jahr-Jubiläum. Kommt das früh oder spät?

Riss: 1919 hat die Technische Hochschule Wiens zum allerersten Mal ordentliche Hörerinnen aufgenommen. Das ist die Geburtsstunde der Architekturausbildung für Frauen in Österreich. Aber in gewisser Weise kommt dieses Jubiläum auch reichlich spät, denn in England, den Niederlanden und Deutschland konnten Frauen schon ab 1900 studieren.

STANDARD: Worauf ist die späte Öffnung in Österreich zurückzuführen?

Riss: Ich sehe die Gründe dafür in der kulturellen, religiösen und gesellschaftspolitischen Verfasstheit der Monarchie und der damit verbundenen Rolle von Frauen. Ganz im Gegensatz zu osteuropäischen Ländern, in denen die Frau im Berufsleben von jeher eine selbstverständlichere Position hatte.

STANDARD: Wie war denn der Start für Architektinnen in diesem Land? Können Sie uns ein kurzes Stimmungsbild dieser Zeit skizzieren?

Riss: Die männliche Domäne dürfte die ersten Architektinnen wie etwa Liane Zimbler, Helene Roth, Ella Briggs-Baumfeld, Friedl Dicker-Brandeis und Margarete Schütte-Lihotzky als große Gefahr wahrgenommen haben. Es war eine Zeit voller Ressentiments. Man hat sehr darauf geachtet, die Frauen in assistierenden Positionen einzusetzen und ihnen kleinere, dekorative und gestalterische Arbeiten zuzuteilen. Hochbau und die direkte Auseinandersetzung mit dem Bauherrn blieb dem Mann vorbehalten.

STANDARD: Gab es Unterstützung von den Interessenvertretungen?

Riss: Ganz im Gegenteil! Lange Zeit wurde auf offizieller Seite gegen den kulturellen Umbruch angekämpft. In der Monatszeitschrift der Zentralvereinigung der Architekten Österreichs ist 1933 zu lesen: „Um als Architekt guter Berater und Anwalt des Bauherrn zu werden, ist Originalität, Aggression, Strenge und Brutalität notwendig. Frauen sollen sich auf schöpferische und hauswirtschaftliche Inhalte beschränken.“ Ich denke, das sagt alles.

STANDARD: Wie hat sich die öffentliche Hand dazu positioniert?

Riss: Das lässt sich ganz gut in Zahlen fassen: Im Roten Wien wurden 379 Gemeindebauten mit insgesamt 60.000 Wohnungen errichtet. Unter den Planern gab es mehr als 190 Architekten – aber nur zwei Architektinnen, nämlich Ella Briggs-Baumfeld und Margarete Schütte-Lihotzky.

STANDARD: Wann hat sich die Situation gebessert?

Riss: Es ist ein Prozess. Und er ist bis heute nicht abgeschlossen.

STANDARD: 80 Prozent aller befugten und registrierten Architekturschaffenden in Österreich sind heute Männer. Mit lediglich 20 Prozent Frauenquote ist Österreich europäisches Schlusslicht.

Riss: Eine dramatische Zahl, oder? Und das, obwohl wir wissen, dass mehr als 50 Prozent aller Architekturabsolventen Frauen sind! Das Phänomen ist leider nicht nur ein österreichisches, sondern ein internationales. In den USA gibt es die Forschungs- und Vermittlungsinitiative „The Missing 32%: Where Are the Women Architects?“.

STANDARD: Und? Wo sind diese 32 Prozent geblieben?

Riss: Gemeinsam mit Silvia Forlati und Anne Isopp habe ich vor vier Jahren eine Studie unter dem Titel „Vereinbarkeit von Architekturberuf und Familie“ gemacht. Dabei hat sich gezeigt, dass die Rahmenbedingungen wie Prekariat, lange Arbeitszeiten, schlechte Bezahlung und geringe Karriereperspektiven nicht sehr attraktiv sind. Tatsache ist: Selbstständig tätige Frauen haben vergleichsweise kleinere Büros, die mit kleineren Aufträgen und Einkommen einhergehen.

STANDARD: Dem gegenüber stehen Länder wie etwa Litauen, Kroatien und Bulgarien, in denen der Frauenanteil unter den Selbstständigen 50 bis sogar 65 Prozent beträgt.

Riss: Da spielt sicher die kommunistische Vergangenheit mit. Wir wissen, dass in den Ostblockländern Frauen in der Gesellschaft eine selbstverständliche Rolle als Arbeitskraft einnahmen. Frauen wurden mit großen Projekten betraut und waren in leitenden, öffentlichen Funktionen tätig. Diese Arbeitskultur wirkt bis heute nach.

STANDARD: Was müsste passieren, um das österreichische Ungleichgewicht auszugleichen?

Riss: Es ist ein sehr komplexes System. Auf politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Ebene müsste man an vielen kleinen Schräubchen drehen.

STANDARD: Sie sind nicht nur Wissenschafterin, sondern arbeiten selbst auch als Architektin. Kommen da nie Emotionen hoch?

Riss: Manchmal. Meist gelingt es mir, eine gesunde Distanz zu wahren und die Energie zu bündeln. Mit meinen Studierenden an der TU Wien widme ich mich der Frage, welchen Beitrag wir alle leisten können, um eines Tages Gender-Equality zu erreichen. Mein Wissen ist eine Verantwortung, damit konstruktiv umzugehen.

7. Dezember 2018 Der Standard

„Meine Blüten sind halt die Fenster“

Die deutsche Architekturhistorikerin Turit Fröbe hat sich an den Schwammerl- und Schmetterlingsbüchern ein Beispiel genommen und nun ein Bestimmungsbuch für moderne Architektur geschrieben. „Alles nur Fassade?“ ist eine Einladung, einen liebevollen Blick auf das Alltägliche zu werfen. Ein Gespräch.

STANDARD: Sie haben sich sehr intensiv mit Fassaden aus mehr als einem Jahrhundert beschäftigt. Haben Sie eine Lieblingsepoche?

Fröbe: Ich habe schon seit langer Zeit ein Faible für die Fünfzigerjahre mit ihren Mosaiken, Buntglassteinen und fröhlichen, filigranen Formen. Aber das schlägt sich im Buch in keinster Weise nieder. Ich habe sehr darauf geachtet, allen Epochen mit der gleichen Wertschätzung zu begegnen.

STANDARD: Gibt es eine Nichtlieblingsepoche?

Fröbe: Ich habe gewisse Schwierigkeiten mit den Neunzigern. Das ist die einzige Dekade, in der ich keine materiellen und formalen Vorlieben erkenne. Wenn man den Dekonstruktivismus ausklammert, bleibt von den Neunzigern nicht viel übrig.

STANDARD: In Ihrem Buch „Alles nur Fassade?“ nehmen Sie den Leser an der Hand und geben ihm Werkzeuge mit auf den Weg, mit denen er das Entstehungsdatum eines Gebäudes bestimmen kann. Was sind denn die wichtigsten Elemente?

Fröbe: Den ersten und vielleicht auch besten Anhaltspunkt liefern die Fenster. Weitere Anhaltspunkte für die Bestimmung eines Gebäudes sind Form, Materialgebung und Siedlungsbau. Alles schön knapp und kompakt auf einer Doppelseite abgehandelt.

STANDARD: Warum ausgerechnet Fenster?

Fröbe: Üblicherweise betrachtet man in der Architekturgeschichte als Allererstes den Dekor und den Fassadenstuck. Doch das ist im 20. Jahrhundert schwierig, denn mit der Moderne haben die Architekten begonnen, auf den Dekor zu verzichten. In dem Moment sind die Fenster zu einem eigenständigen Gestaltungsmittel geworden, mit dem man die Errichtung eines Gebäudes sehr genau datieren kann. Jedes Jahrzehnt hat seine eigene Besonderheit und seine eigenen technischen Innovationen.

STANDARD: Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Fröbe: Anhand der Scheibengröße kann man sehr gut auf die Fertigungstechnik und somit auch auf die Entstehungszeit schließen. Das trifft etwa auf Schaufenster zu. Ein weiteres schönes Beispiel ist der Einsatz von quadratischen Fenstern. Zwar wurden auch in den 1920er-Jahren bereits quadratische Fenster eingebaut, aber so richtig in Mode kamen die dann in den Fifties – entweder als Einscheibenfenster oder als mehrteilige Fenster mit einer symmetrischen oder asymmetrischen Teilung.

STANDARD: Quadratische Fenster gab es doch auch in den Achtzigerjahren.

Fröbe: Das stimmt. Aber in den Achtzigern wurden vor allem Mittelkreuzstock-Fenster geplant, also quadratische Fenster mit quadratischen Sprossen. So etwas würde man in den Fünfzigerjahren nie finden!

STANDARD: Kann man das denn immer so genau sagen?

Fröbe: Ausnahmen bestimmen immer die Regel, denn Architekten waren und sind individuelle, künstlerische Wesen. Und die Launen der Bauherren spielen natürlich auch eine Rolle! Aber diese Ausreißer sind in der Tat sehr selten.

STANDARD: Sie sprechen unter anderem von gelutschten Ecken, Badewannenbalkonen und Fenstersprossen in Aspik. Warum diese einfache, fast naive Sprache?

Fröbe: Ich setze auf einen schnellen Lerneffekt. Dazu ist eine eingängige Sprache mit verbalem und visuellem Wiedererkennungswert sehr hilfreich. Das Ziel ist: Wenn man einmal ein Gebäude mit diesem Buch durchdekliniert hat, dann weiß man das für immer, dann erkennt man das nächste Gebäude aus dieser Zeit auch ohne Buch.

STANDARD: Das Buch erinnert sehr stark an ein Bestimmungsbuch, wie man das von Schwammerln und Schmetterlingen kennt. Warum eigentlich?

Fröbe: Weil man mit dem hochgehobenen, pädagogischen Zeigefinger nichts erreicht. Indem das Buch wie eine klassische Bestimmungsfibel aufgebaut ist, erschließt sich die Materie auch einem Fachfremden. Meine Blüten, Pilzformen und Schmetterlingsflügel sind halt die Fenster.

STANDARD: An wen richtet sich das Buch?

Fröbe: An Laien, die sich zuvor noch nie ernsthaft mit Architektur beschäftigt haben.

STANDARD: Und warum sollten sie das jetzt tun?

Fröbe: Weil sie es zu Weihnachten geschenkt bekommen. Ich wünsche mir, dass das Buch in ganz viele Laienhände gerät.

STANDARD: Was ist der Sinn und Zweck der Lektüre?

Fröbe: Architektur führt ein Schattendasein in unserem Bewusstsein. Sie ist das Letzte, was wir im Stadtraum beachten, weil sie immer in Konkurrenz zu den unendlich vielen bewegten, leuchtenden, riechenden, klingenden und haptischen Reizen der Stadt steht. Daher nehmen wir die Architektur meistens nur aus dem Augenwinkel wahr. Aufmerksam werden wir eigentlich nur, wenn Architektur richtig expressiv ist, zum Beispiel bei besonders auffälligen Bausünden, was uns wiederum darin bestätigt, dass das alles einfach nur eine grässliche Grütze ist. Diesen Kreislauf möchte ich unterbrechen, möchte zeigen, dass sich Architektur allein durch das Hinsehen verändert. Deshalb diese kleine Sehschule: Je mehr man weiß, umso mehr sieht man, und je mehr man sieht, umso schöner wird die Umgebung.

STANDARD: Sie veranstalten auch Fassadenführungen durch die Stadt. Wie kann man sich so etwas vorstellen?

Fröbe: Genau so! Ich gehe mit den Leuten spazieren und lasse sie bestimmen, was wir uns ansehen. Dann denken wir laut nach und ordnen gemeinsam die Architektur ein. Es ist ein tolles Format – so habe ich auch die Buchpräsentationen zu Alles nur Fassade? gemacht. Die Leute waren regelrecht euphorisch, weil sie zum ersten Mal erlebt haben, wie interessant es ist, sich in eine Fassade zu vertiefen, und was man dabei alles ablesen kann.

STANDARD: Wann werden Sie Ihre Arbeit als Erfolg bezeichnen?

Fröbe: Wenn die Baukultur im Herzen der Gesellschaft angekommen ist. Dann werde ich arbeitslos sein.

STANDARD: Werden wir das noch erleben?

Fröbe: Das kann schneller gehen, als man denkt! In Finnland ist es innerhalb von 20 Jahren gelungen, Architektur zu einem Herzensanliegen der Gesellschaft zu machen, indem man die Materie in den schulischen Lehrplan aufgenommen hat, indem man gezielt Erwachsenenbildung zu Stadt und Architektur angeboten hat und indem man sogar das Recht auf eine ansprechend gestaltete Lebensumgebung in die Verfassung aufgenommen hat. In Mitteleuropa sind wir davon noch meilenweit entfernt. Aber es geht. Mit dem Buch vielleicht ein bisschen schneller.

24. November 2018 Der Standard

Lernen von Denise

Sie hat Las Vegas studiert, Hässliches zum Schönen erkoren und neue Blicke auf das 20. Jahrhundert geworfen. Nun ist ihr architektonisches und stadtplanerisches Werk in einer Ausstellung zu begehen: Denise Scott Brown.

Ob ich diese Stadt schön finde? Natürlich finde ich sie schön! Und wie ich sie schön finde!“ Denise Scott Brown, weiße Haare, weiße Brille, eine kleine Ente als Brosche, die sich in ihrer Wollweste versteckt hat, sitzt in ihrem Büro in Philadelphia und erinnert sich an die 1960er und 1970er, als sie sich mit ihrem Mann Robert Venturi und ihren Studierenden der Yale University nach Las Vegas aufmachte, um die damals wie heute vielleicht eigenartigste Stadt der Welt zu studieren.

„Las Vegas ist eine der kommunikativsten Städte, die ich kenne, weil sie sich ihrem Betrachter inhaltlich mitteilt“, sagt Scott Brown. „In Europa, wo die Stadt zwischen alten Stadtmauern und auf den Fundamenten der Vergangenheit errichtet wird und stets in einen Kontext eingebettet ist, braucht es das nicht. Aber in der Neuen Welt sind die Schriften, Schilder und Leuchtreklamen ein wichtiges Verbindungsmittel zwischen Mensch und Architektur. Man hasst sie, oder man liebt sie. Ich aber liebe sie.“

So sehr sogar, dass sie ihrer Faszination für die Kasinometropole 1972 das (wie sich herausstellen sollte) millionenfach zitierte Buch Learning from Las Vegas widmete. „Man kann von jeder Stadt etwas lernen“, meint Scott Brown, „von den guten und den schlechten, von den schönen und den hässlichen, von den vertrauten und den befremdlichen. Und wenn man offen, interessiert und unvoreingenommen hinschaut, dann wird man auch im Hässlichen etwas Schönes finden. Oh yes! Keep your eyes fresh and horrify yourself! That makes life more joyful!“

Der heute 87-jährigen Liebhaberin des positiv genießerischen Schocks widmet das Architekturzentrum Wien (AzW) in seiner großen Ziegelhalle die weltweit erste umfassende Personale. Downtown Denise Scott Brown, so der Titel der Ausstellung, wirft einen sehr genauen und auch ziemlich humorigen Blick auf das architektonische, stadtplanerische und theoretische Schaffen jener Frau, die sich selbst als „Großmutter der Architektur“ bezeichnet und die der Zeitleiste der Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts einen ordentlichen Knick verpasste.

Manche behaupten sogar, sie und ihr erst im September verstorbener Partner Robert Venturi, mit dem sie 50 Jahre lang ein Architekturbüro leitete, hätten die Postmoderne aus der Taufe gehoben. Ein lächelnder Seufzer. „Da kommt er wieder, der Postmoderne-Eintopf! Ich bin eine durchaus postmoderne Frau, was die Literatur, Soziologie und Philosophie der 1960er-Jahre betrifft. Aber in Bezug auf die Architektur würde ich bestenfalls sagen, dass es mit der Postmoderne zwar Berührungspunkte gegeben hat, aber Postmodernisten … Nein, das waren wir nie!“

Die Ausstellung im AzW vermittelt anderes. Während in der Mitte des Raumes ein stilisierter Stadtbrunnen steht, der sich in Anlehnung an Learning from Las Vegas gleich selbst zum Denkmal erklärt (I am a monument), ist die rundherum aufgebaute Indoor-Piazza an den Seiten von zitierten Wiener Geschäftsportalen gesäumt. Jedes Portal – ob nun Buchhandlung, Kaffeehaus oder Ein-Euro-Shop – vermittelt nicht nur sich selbst, sondern auch die in der Auslage passend zusammengeballte Architektur- und Stadtplanungsphilosophie.

So wie sich die Postmoderne an der Architekturgeschichte bediente, so arbeitet man sich in Downtown Denise durch Versatzstücke aus Wien, Las Vegas, Philadelphia. Zu lesen gibt es eine Menge. Lustiges, Wissenschaftliches, Architekturgeschichtliches. Es grenzt an kuratorischen und archivarischen Wahnsinn, dass es sich bei den in der gesamten Ausstellung zu lesenden Texten (inklusive der auf den Tischen liegenden Zeitungen) um eine aus vielen Jahrzehnten zusammengetragene Collage aus O-Ton-Fragmenten der hier porträtierten Architektin handelt.

„Denise Scott Brown lehrt uns, in der Architektur und Stadtplanung niemals Tabula rasa zu machen, sondern immer auf das Vorhandene zurückzugreifen und damit zu arbeiten, was schon da ist“, erklärt AzW-Direktorin Angelika Fitz, die die Ausstellung gemeinsam mit Katharina Ritter und Scott Browns engstem Mitarbeiter Jeremy Tenenbaum kuratiert hat. „Sie ermutigt uns, die Stadt als einen oft hässlichen, komplexen und konfliktbeladenen Ort zu akzeptieren und all das in die Planung miteinzubeziehen.“

Viele zeitgenössische Stadtplanungskonzepte wie Partizipation, Placemaking und sanfte Stadterneuerung basieren auf dieser vor Jahrzehnten vorweggenommenen Doktrin. Auch die Kultur des kollektiven Planens, das lieber auf die Qualität des Heterogenen als auf den Nimbus des Heroischen setzt, lässt sich auf die frühe Denkschule Scott Browns zurückführen. „In einer Zeit, in der jeder heroisch ist, ist es originell, gewöhnlich zu sein“, ist im AzW mit Farbe an die Wand gepinselt.

Es ist eine Ironie des Schicksals, dass just ihr diese praktizierte Teamkultur 1991 selbst zum Verhängnis wurde. Trotz gleichberechtigter Kooperation in Forschung und Praxis ging der renommierte, von jeher chauvinistisch angehauchte Pritzker-Preis an den Alleinlaureaten Robert Venturi. Denise Scott Brown ging leer aus. Trotz massiven Drucks aus der Szene – mehr als 20.000 Menschen haben die Petition Change.org unterzeichnet – hat die Pritzker-Stiftung diesen Fehler nie behoben. Stattdessen bietet sich nun eine Reise nach Downtown Denise an, wo eine der außergewöhnlichsten Architektinnen und Stadtplanerinnen der Gegenwart vor den Vorhang geholt wird.

[ Bis 18. März 2019. Katalog „Your Guide to Downtown Denise Scott Brown“, 176 Seiten / € 36,–, Park Books ]

10. November 2018 Der Standard

Innovationen in luftiger Höhe

Jahr für Jahr werden weltweit rund 600 Wolkenkratzer aus dem Boden gestampft. Der Internationale Hochhauspreis 2018 würdigt die besten aller Türme. Sieger ist ein ungewöhnlicher Büroturm in Mexiko-Stadt.

Auf den ersten Blick wirkt der Tower abweisend und verschlossen. Wie ein betonierter Schutzschild stemmen sich die beiden Fassadenseiten im Norden und Osten gegen die Stadt. Die wenigen, pixelartigen Perforationen in der massiven Wand erinnern an das aufgerollte, pergamentartige Lochpapier einer historischen Leierorgel.

Erst die Südwestfassade des dreieckigen Turms, sich zum immergrünen Chapultepec-Park öffnend, offenbart Luftigkeit und Transparenz und eine ungebrochene Aussicht auf die Skyline der rapide wachsenden Metropole Mexiko-Stadt.

Letzte Woche wurde der 246 Meter hohe, 2016 errichtete Torre Reforma des mexikanischen Architekten Benjamín Romano im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt am Main mit dem Internationalen Hochhauspreis ausgezeichnet. Der biennal vergebene Preis würdigt gleichermaßen architektonisch ästhetische, städtebaulich intelligente wie auch technisch innovative Hochhäuser in aller Welt und hat sich zur Aufgabe gemacht, die in einer Zeit zunehmender Stadtverdichtung immer wichtiger werdende Bauform gesellschaftlich zu thematisieren und die Entwicklungen und Errungenschaften auf diesem Sektor vor den Vorhang zu holen.

Massive Konstruktion

„Der Torre Reforma ist ein sehr außergewöhnliches Projekt, das seine Besonderheiten allerdings erst auf den zweiten und dritten Blick offenbart“, sagt DAM-Direktor Peter Cachola Schmal, der der Jury als Mitglied beiwohnte. „Denn während die meisten Hochhäuser in Erdbebenregionen als flexibles, elastisches Stahlskelett errichtet werden, entschied sich der Architekt diesmal für eine massive Konstruktion, die wie ein aufgeklapptes Betonbuch auf dem Grundstück steht und 60 Meter tief in den Sumpf- und Felsboden hineingerammt wurde.“ Der erste Test ist überstanden: Im September letzten Jahres hat der Turm ohne jeglichen Schaden ein Erdbeben der Stärke 7,1 auf der Richterskala überstanden.

Die ungewöhnliche Bauweise ist kein Zufall. Erstens konnte das denkmalgeschützte Gebäude an der Ecke des Paseo de la Reforma mit der Calle Río Elba, das während der Bauzeit um 18 Meter verschoben und anschließend wieder zurückgerückt werden musste, erhalten bleiben. Andererseits konnten die 57 Geschoßplatten des Turms mitsamt ihren diagonalen Ausfachungen wie ein dreidimensionales Fachwerk zwischen die beiden Betonschenkel eingehängt werden.

Dank der über die gesamte Breite gespannten Zugkonstruktion kommt der Turm ohne eine einzige Stütze im Innenraum aus. Auf diese Weise war es möglich, im 22. Stock ein riesiges Auditorium mit dramatischer Sicht auf das Stadtpanorama unterzubringen.

„In den letzten zwei Jahren wurden weltweit rund 1200 Hochhäuser über 100 Meter Bauhöhe fertiggestellt“, so Schmal. „Die interessantesten und aufregendsten Projekte entstehen wie auch schon in der Vergangenheit immer noch in Singapur und New York City. Doch die Hälfte aller Wolkenkratzer wird mittlerweile in China errichtet.“ Umso überraschender sei die Tatsache, dass 18 der insgesamt 36 heuer nominierten Projekte von europäischen Architekten geplant wurden.

Hängende Gärten

So zum Beispiel auch die sogenannten Beirut Terraces von Herzog & de Meuron. Das Schweizer Architekturbüro, das seit jeher für ungewöhnliche Baulösungen bekannt ist, setzte ans Ufer des Yachthafens einen wunderschönen, 26-stöckigen Wohnturm mit verglasten Wänden und unterschiedlich weit hinauskragenden Terrassenflächen. Unweigerlich denkt man an eine Neuinterpretation der Hängenden Gärten der Semiramis. „Gestapelt, versetzt und verschoben schaffen die Wohnebenen einen grenzenlosen Übergang von innen nach außen, schützen vor direkter Sonne und bieten Aufenthaltsqualität sowie Ausblicke“, heißt es im Juryprotokoll. „Das ist Wohnen im Hochhaus at its best.“

Zu den weiteren Finalisten zählen der gepixelte und rundum angeknabberte Mahanakhon Tower in Bangkok (Ole Scheeren), das Chaoyang Park Plaza in Peking (MAD Architects) sowie das Oasia Hotel Downtown in Singapur (WOHA Architects).

Das Studium der Projekte lohnt, denn aufgrund der steigenden Urbanisation ist die Hochhauswelle längst auch schon auf Europa übergeschwappt. Auf der letzten Expo Real in München wurden so viele Wolkenkratzerprojekte präsentiert wie nie zuvor.

Die Ausstellung „Best Highrises“ ist noch bis 3. März 2019 im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt/Main zu sehen.

Der Büroturm Torre Reforma (im Vordergrund) in Mexiko-Stadt wirkt auf den ersten Blick abweisend. Er steht in einer Erdbebenregion. Darauf muss die Architektur Rücksicht nehmen.

10. November 2018 Der Standard

El Señor Psychobarock

Der bolivianische Architekt Freddy Mamani hat einen Plan: Er will seine Heimatstadt El Alto bunter machen. Nun sind seine Bauten und Herangehensweisen in einer Ausstellung zu bewundern.

Lego? Playmobil? Barbiepuppenhaus? Mit Kreisen, Dreiecken und wilden Zickzacklinien? Mit pastosen Farben, glühenden Neonstreifen und kräftig koloriertem Fensterglas? Doch was sich da am staubigen Straßenrand abzeichnet, ist weder Spielzeug noch visualisiertes Computerspiel, sondern gebaute Realität, die von den einen, wohlgemerkt, verteufelt und belächelt wird, während ihr die anderen Zeitungsberichte, Forschungsarbeiten und zeitgenössische Kunstausstellungen widmen – so wie derzeit in der Fondation Cartier in Paris.

„Auf der Hochebene rund um La Paz gibt es einerseits die karge, felsige Landschaft und andererseits die bunten, kräftig gewobenen Textilien der Aymara-Kultur, die hier oben seit Jahrhunderten gepflegt wird“, sagt Freddy Mamani. Und so ähnlich, meint der 47-jährige Architekt, verhalte es sich auch mit El Alto, der mit rund 800.000 Einwohnern zweitgrößten Stadt Boliviens. „Auch hier ist das Stadtbild von grauen, sandigen, ziegelfarbenen Tönen dominiert. Mit meinen Bauten jedoch will ich etwas Farbe in diese Eintönigkeit bringen, will ich die so schöne Textilkultur der Aymara auf den großen Maßstab der Architektur ausdehnen.“

Bislang hat der ausgebildete Zivilingenieur, der von vielen Architekturexperten in Bolivien aufgrund seines eigenwilligen Stils und seines nicht abgeschlossenen Architekturstudiums immer wieder missgünstig ins Visier genommen wird, in seiner Wahlheimat El Alto mehr als 60 sogenannte Cholets realisiert – hybride, stockweise gestapelte Funktionsgebilde mit Wohnungen, Büroflächen, Geschäftslokalen, Indoorsporthallen und reichlich dekorierten Festsälen. Wer seiner Architektur gesichtig wird, der sollte weder chromophob sein noch irgendeine Furcht vor allzu wütendem Geometriewahnsinn verspüren.

„Die Arquitectura Andina hat immer schon eine gewisse Vorliebe für Texturen und Strukturen gehabt“, erklärt Mamani. „Doch das war mir zu wenig, denn in der traditionellen Andenarchitektur vermisse ich einen gewissen baulichen Niederschlag der ausgelassenen Feierlaune und Zeremonienkultur, die für unsere Gesellschaft so typisch ist.“ Kurze Pause. In seiner Stimme schwingen Freude und Leidenschaft mit, aber auch eine gewisse Gereiztheit angesichts der ihm sooft entgegengebrachten Kritik. „Ich kann gar nicht anders. Ich will mit meinen Farben die Menschen glücklich machen.“

Bei Mamani ist alles bunt: Wände, Fenster, Stuck, Putzflächen, Gesimskanten, Fensterfaschen, Fliesen, Kacheln, Keramikleisten, Dachziegel, Teppichböden, sogar die Glasscheiben sind durchgefärbt, und dank längst schon leistbarer LED-Technologie wird sogar das Licht in die abenteuerlichsten Farbfamilien eingetaucht. Manche Experten bezeichnen Mamanis Stil als Kitsch und psychedelischen Barock. Der Architekt selbst spricht lieber von einer nun Einzug haltenden bolivianischen Postmoderne sowie von einer Neuinterpretation der regionalen Baukunst: Arquitectura Neo-Andina. Nicht zu Unrecht. Denn während Gaston Gallardo, Dekan der Universidad Mayor de San Andrés, in einem Filminterview erklärt, dass sich die architektonische Anstrengung dieser Bauten eher in Grenzen halte und dass Mamanis Häuser vielmehr mit Dekoration als mit Baukunst gleichzusetzen seien, widmen die bolivianischen Studentinnen und Studenten dem bunten Autodidakten bereits Forschungsarbeiten. Und in La Paz und El Alto tauchen sogar schon die ersten Kopien und Mamani-Plagiate auf.

Umso erfreulicher also, dass die Fondation Cartier in Paris dem in Europa fast unbekannten Architekten eine prominente Bühne bietet. Géométries Sud, du Mexique à la Terre de Feu, so der offizielle Titel der Ausstellung, versammelt 70 Künstler aus zwölf Ländern und geht der Frage nach, ob hinter den insgesamt 250 zusammengetragenen Exponaten so etwas wie eine gemeinsame lateinamerikanische DNA zu finden ist. Freddy Mamani bildet mit seinen Projekten sowie einer raumgreifenden, ballsaalartigen Installation einen deutlichen Schwerpunkt dieser schönen, intensiven und behutsam kuratierten Schau.

„Die Geometrie ist seit vielen Jahrhunderten ein identitätsstiftendes Element lateinamerikanischer Kunst“, sagt Kuratorin Marie Perennes. „Wir wollten die Grenzen zwischen den einzelnen Kunstgattungen bewusst sprengen und herausfinden, wie weit diese Kultur zurückreicht. Und wir waren erstaunt, was für ein weiches, zusammenhängendes Bild sich ergibt, wenn man solchermaßen einen Blick auf diesen Kontinent wirft.“ Das gezeigte Spektrum reicht von der rituellen Körperbemalung der brasilianischen Kadiwéu- und Kayapó-Stämme über Keramikkunst, Kunsthandwerk und naive Alltagsarchitektur bis hin zur südamerikanischen Moderne, zu zeitgenössischen Kunstpositionen sowie zu den filigranen Drahtskulpturen und hängenden Drahtsystemen der deutschen, nach Venezuela ausgewanderten Künstlerin Gego, die sich mit jedem Lufthauch tanzend im Raum bewegen. Zu den ältesten Exponaten der Ausstellung zählen Vasen aus der Zeit 200 vor Christus sowie eine 500 Jahre alte, schachbrettgemusterte Tunika der Inka.

Géométries Sud beweist, dass Freddy Mamani nicht allein ist. Sein mutiger und kompromissloser Psychobarock, den er bis zur Perfektion entwickelt hat, ist eingebettet in eine Kultur, die nun unter einem neuen Blickwinkel betrachtet wird und dem Besucher entsprechende Wow-Momente und Aha-Erlebnisse beschert. Sehr lustvoll.

[ „Géométries Sud, du Mexique à la Terre de Feu“, Fondation Cartier, Paris, bis 24. 2. 2019 ]

Publikationen

2024

Wien Museum Neu

Der Band ist eine visuelle und essayistische Reflexion über ein bedeutendes Kultur-Bauprojekt an einem der zentralen Orte Wiens in unmittelbarer Nachbarschaft zu Karlskirche, Künstlerhaus und Musikverein.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Müry Salzmann Verlag

2022

mittendrin und rundherum
Reden, Planen, Bauen auf dem Land und in der Stadt Ein nonconform Lesebuch

Seit über 20 Jahren ist nonconform in Deutschland und Österreich in der räumlichen Transformation tätig. Architektur ist für das interdisziplinäre Kollektiv nie bloß ein fertiges, fotogenes Resultat, sondern immer auch ein lustvoller, horizonterweiternder Prozess, in den die Bürger:innen einer Gemeinde,
Hrsg: Wojciech Czaja, Barbara Feller
Verlag: JOVIS

2022

Brick 22
Ausgezeichnete internationale Ziegelarchitektur

Vom handgemachten Ziegelstein zum hoch entwickelten modernen Produkt: Das Bauen mit gebrannten Tonblöcken schöpft heute aus einem Erbe von neun Jahrtausenden Baugeschichte und dank ihrer vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten, ihrer konstruktiven Qualitäten und ihrer Nachhaltigkeit sind Ziegel bis heute
Hrsg: Wienerberger AG
Autor: Wojciech Czaja, Anneke Bokern, Christian Holl, Matevž Celik, Anna Cymer, Isabella Leber, Henrietta Palmer, Anders Krug
Verlag: JOVIS

2021

Frauen Bauen Stadt

Wie weiblich ist die Stadt von morgen? Im Jahr 2030 werden weltweit 2,5 Milliarden Frauen in Städten leben und arbeiten. Traditionell war die Arbeit am Lebenskonzept Polis in ihrer Beauftragung, Planung und Ausführung jedoch männlich dominiert. Frauen Bauen Stadt porträtiert 18 Städtebauerinnen aus
Hrsg: Wojciech Czaja, Katja Schechtner
Verlag: Birkhäuser Verlag

2020

Almost
100 Städte in Wien

Was macht ein Reisender, wenn er nicht reisen kann? Er reist trotzdem. Wojciech Czaja setzte sich im Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 aus Frust auf die Vespa und begann, seine Heimatstadt Wien zu erkunden. Er fuhr in versteckte Gassen, unbekannte Grätzel und fernab liegende Adressen am Rande der Stadt
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2018

Hektopolis
Ein Reiseführer in hundert Städte

Jede Stadt ist anders. Jede Stadt hat ihren eigenen Charakter, aber auch ihre ganz eigenen Geschichten. Der vielreisende Stadtliebhaber Wojciech Czaja widmet sich in seinem Buch Hektopolis genau diesen ortsspezifischen, feinstofflichen Beobachtungen, Erlebnissen und Anekdoten. Porträtiert werden hundert
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2017

Motion Mobility
Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien

In einem von der Grundstückssuche bis zur Fertigstellung interdisziplinären Prozess planten Pichler & Traupmann Architekten, FCP Fritsch, Chiari & Partner als Ingenieure und das Beratungsunternehmen M.O.O.CON in Zusammenarbeit mit der Agentur Nofrontiere Design und SIDE Studio für Information Design
Autor: Wojciech Czaja, Matthias Boeckl
Verlag: Park Books

2012

Wohnen in Wien
20 residential buildings by Albert Wimmer

Wie wohnen die Wienerinnen und Wiener? Inwiefern decken sich architektonisches Konzept und gelebter Alltag? Der Architekturjournalist Wojciech Czaja und die Fotografin Lisi Specht werfen gemeinsam einen Blick hinter die Fassaden des geförderten Wiener Wohnbaus und bitten die Mieter und Eigentümerinnen
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: SpringerWienNewYork

2012

Zum Beispiel Wohnen
80 ungewöhnliche Hausbesuche

Wohnen ist eine zutiefst persönliche Sache. Kein Raum in unserem Leben steht uns so nahe wie unsere eigene Wohnung, wie unser eigenes Haus. Die beiden Autoren Wojciech Czaja und Michael Hausenblas reisen quer durch Österreich und sind zu Besuch bei Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Wirtschaft. Die
Autor: Wojciech Czaja, Michael Hausenblas
Verlag: Verlag Anton Pustet

2007

91° More than Architecture

Architektinnen und Architekten sind Arbeitstiere. Viele von ihnen arbeiten zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 50 Wochen im Jahr. Die wenige Zeit, die zwischen den dichten Arbeitsstunden noch übrig bleibt, ist wie ein Heiligtum und muss als solches respektiert werden. In diesem Sinne ist 91°
Hrsg: Wojciech Czaja, Eternit Österreich, Dansk Eternit Holding
Verlag: Birkhäuser Verlag

2007

Periscope Architecture
gerner°gerner plus

Vor zehn Jahren haben Andreas und Gerda Gerner mit einem Einfamilienhaus begonnen: „Für ein erstes Projekt ist das Haus Hinterberger sehr unkonventionell. Wir haben uns permanent gefragt: Trauen wir uns das? Seitdem hat man sich oft aus dem Fenster gelehnt“ Entstanden ist das schwebende Haus Südsee in
Hrsg: GERNER GERNER PLUS.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Verlag Holzhausen GmbH

2005

Wir spielen Architektur
Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit

Was ist eigentlich ein Kind? Der Jurist wird uns darauf eine andere Antwort geben als der Soziologe, der Pädagoge eine andere als der Philosoph. Und der Architekt? Wird er schweigen und weiterbauen?
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Sonderzahl Verlag