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20 Jahre Museumsquartier: Oase mit einem Quäntchen Mut
Der Standard

Vor 20 Jahren wurde das Wiener Museumsquartier eröffnet, die Geburtsstunde eines der größten Kulturbezirke Europas. Doch wie hat sich das MQ in zwei Jahrzehnten gemausert?

18. September 2021 - Wojciech Czaja, Maik Novotny
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Wojciech Czaja

600Pferde und 200 Karossen, sagt Wikipedia, sollen in den ehemaligen Hofstallungen, errichtet 1713 nach Plänen des Barockbaumeisters Johann Bernhard Fischer von Erlach, Platz gefunden haben. In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts jedoch war von der einstigen Pracht nicht mehr viel zu spüren. Der sogenannte Messepalast verlor zusehends an Charme, und auch die letzten Ausstellungen Wunderblock oder Von der Natur in der Kunst , die wir mit unseren Vätern gesehen haben, glichen mehr einem Hindernisparcours durchs Gruselkabinett als einer kunst- und kulturwürdigen Ausstellungsstätte.

Im September 2001, vor genau zwei Jahrzehnten, wurde das Areal als saniertes und erweitertes Museumsquartier wiederbelebt – mit Mumok, Kunsthalle, Leopold-Museum, Architekturzentrum Wien, Zoom Kindermuseum, Tanzquartier Wien und ohne 67 Meter hohen Leseturm. Zugegeben, die Architektur im gesamten MQ ist mäßig spannend und endenwollend innovativ. Alles ist zu plump, zu niedrig, zu nichtssagend. Und die mindermittelmäßigen Kompromisse zwischen Kronen Zeitung , Bürgermeister Helmut Zilk und Denkmalschutzexperte Manfred Wehdorn haben mehr politischen als baukulturellen Aussagewert. Ja eh.

Und doch ist das Museumsquartier selbst nach 20 Jahren einer der spannendsten Orte Wiens. Wer weiß, vielleicht gerade deshalb – weil es keinen Leseturm gibt, weil der Fischer-von-Erlach-Trakt nie aufgerissen und zur Stadt hin geöffnet wurde, weil das MQ als architektonisch dermaßen langweilige Insel inmitten einer dichtbebauten Stadt schlummert, die außerhalb der MQ-Konturen einem stetigen stadtpolitischen und marktwirtschaftlichen Wandel unterworfen ist.

Michel Foucault hat in den 1960er-Jahren den Begriff der „Heterotopie“ geprägt, eines Ortes also, der in seiner Abgeschiedenheit nach speziellen gesellschaftlichen Codes funktioniert. „Die Heterotopie vermag an einem einzigen Ort mehrere Räume, mehrere Platzierungen zusammenzulegen, die an sich unvereinbar sind“, schrieb der französische Philosoph 1967. „Die Heterotopien setzen immer ein System von Öffnungen und Schließungen voraus, das sie gleichzeitig isoliert und durchdringlich macht.“

Das MQ als isolierte und doch durchdringliche urbane Heterotopie ist zu einem unverzichtbaren öffentlichen Freiraum Wiens geworden – mit bunten Enzis, die in ihrer Kleinheit und Genialität die Welt erobert haben, von Bayreuth über Moskau bis ins ferne Kanada, mit komischen Libellen, die unlängst auf dem Leopold-Dach gelandet sind, um doch noch einen neuen Society-Ort zu schaffen, und einem Unterhaltungsprogramm samt Stinkepunsch, Eisstockschießen und prokrastinativem Enzi-Bobolümmeln. Wien ohne MQ?

Unvorstellbar.

Minus
Maik Novotny

Vielleicht ist es eines der Geheimrezepte für Wiens Spitzenplatz in den Lebensqualitätsrankings, dass man in dieser Stadt das Sich-Arrangieren mit dem Kompromiss perfektioniert hat. Jede Empörung gleitet nach einer Zeit zuverlässig in einen Zustand des „Passt eh“ hinüber, ab dann ist jede Kritik ein Sudern, das die Gemütlichkeit stört. Ja, das gilt auch für das Museumsquartier. Sicher, 20 Jahre nach seiner Eröffnung gilt es als Erfolgsgeschichte, und das nicht ohne Grund. Der Innenhof funktioniert als Stadtraum perfekt für Einheimische und Touristen. Die kulturellen Highlights sind beeindruckend.

Aber dabei wird vergessen, dass der Kulturbezirk sich mit bleiernen Schuhen von der Startlinie schleppte: Er war im Stadtraum unsichtbar. So verzweifelt waren die Macher, dass der damalige Mumok-Direktor Edelbert Köb 2002 vorschlug, einen gigantischen Spiegel an einen Heißluftballon zu hängen, um den Hof von außen sichtbar zu machen.

Das lag daran, dass das MQ dank gewisser Kräfte (Gott habe Hans Dichand selig) gar nicht im Stadtraum sichtbar sein sollte. Der Leseturm wurde geculturecancelt, die Museen Leopold und Mumok mussten sich hinter die niedrigen Hofstallungen ducken, der Vorplatz an der Zweierlinie erinnert mit seinen Wiesen und Hecken an einen leblosen Kleingarten. An diesen Kinderkrankheiten laboriert man bis heute.

Der Weg zur Kunst ist ein Hindernislauf. Hat man es durch die maulwurfsartigen Durchschlupfe endlich in den Hof geschafft, heißt es, steile Stiegen emporzuklettern und sich durch niedrige Portale zu quetschen, bis man das Museumsinnere erreicht, das ebenfalls von drückender Enge ist, was immer wieder für kuratorisches Kopfzerbrechen sorgte. Die Kunsthalle mit ihrem Klinkerfassaden-Look à la Stadtbücherei Wolfenbüttel wurde gleich komplett in den Lieferantenhof verräumt, ihr labyrinthisches Foyer ist eine Farce. Die Höfe seitlich der weißen und schwarzen Würfel sind in ihrer Übriggebliebenheit bis heute leblose Quasi-Sackgassen, an deren Ende Muschelkalk und Basaltlava unmotiviert mit der sakrosankten barocken Putzfassade kollidieren.

Es musste viel nachgebessert werden (die Rampe zum nicht auffindbaren Restaurant im Mumok, das Wegeleitsystem), die Rettung des MQ kam mit den Sitzmöbeln der Enzis, weil man vergessen hatte, dass sich Menschen im öffentlichen Raum gerne hinsetzen. Schöne Kulisse und hochkarätiges Kulturprogramm – das konnte Wien schon immer. Aber das verdeckt bis heute die Tatsache, dass die Architektur und die Zugänglichkeit immer noch nicht funktionieren. Es hätte so viel besser sein können, wenn man es von Anfang an zugelassen hätte und den Kräften der Kulturlosigkeit nicht nachgegeben hätte. So bleibt ein schön scheinender Kompromiss.

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