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Profil

Wojciech Czaja, geboren in Ruda Śląska, Polen, ist freischaffender Journalist für Tageszeitungen und Fachmagazine, u.a. für Der Standard, Architektur & Bauforum, VISO, db Deutsche Bauzeitung, und DETAIL. Er ist Autor zahlreicher Wohn- und Architekturbücher, u.a. Wohnen in Wien (2012), Zum Beispiel Wohnen (2012), Überholz (2015) und Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden (2015). Zuletzt erschien HEKTOPOLIS. Ein Reiseführer in hundert Städte im Verlag Edition Korrespondenzen. Er arbeitet als Moderator und leitet Diskussionsrunden in den Bereichen Architektur, Immobilienwirtschaft und Stadtkultur und veranstaltet unter dem Titel Ähm, ja also... Praxis-Workshops zum Thema Kommunikation und Präsentation. Er ist Dozent an der Universität für Angewandte Kunst in Wien sowie an der Kunstuniversität Linz und unterrichtet dort Kommunikation und Strategie für Architekten. Außerdem ist er von 2015 bis 2021 Mitglied im Stadtbaubeirat in Waidhofen an der Ybbs.

Publikationen

Wir spielen Architektur. Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit, Sonderzahl-Verlag, Wien 2005
periscope architecture. gerner gerner plus, Verlag Holzhausen, Wien 2007
Stavba. Die Strabag-Zentrale in Bratislava, Wien/Bratislava 2009
Light/Night. The Nouvel Tower in Vienna, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2010
Wohnen in Wien. 20 residential buildings by Albert Wimmer, Springer Verlag, Wien 2012
Zum Beispiel Wohnen. 80 ungewöhnliche Hausbesuche, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2012
Überholz. Gespräche zur Kultur eines Materials, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2015
Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden, Wien 2015
Der Fuß weiß alles. Markus Scheer, Ecowin Verlag, Wals bei Salzburg 2016
Der Erste Campus, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2017
motion mobility. Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien, Park Books, Zürich 2017
Hektopolis. Ein Reiseführer in hundert Städte, Edition Korrespondenzen, Wien 2018

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Artikel

17. September 2022 Der Standard

Das überalle Klassenzimmer

Diese Woche war Schulbeginn in Oberösterreich. Das Oberstufengymnasium Rose in der Tabakfabrik Linz ist ein exotischer, mit der Stadt vernetzter Ausreißer. Ein Lokalaugenschein.

Ich war früher in einer HTL für Hoch- und Tiefbau“, sagt Tobias Lammer, 18 Jahre alt, seit wenigen Tagen Schüler in der achten Klasse, „und da war das pädagogische Konzept ganz klar: „Ich Lehrer, ich bin der G’scheite, und ihr Schüler, ihr seids die Depperten.„ So macht Lernen doch keinen Spaß, oder?“ Tobias sitzt auf einer vorgestrig gemusterten Oma-Couch, neben ihm ein übermaltes Nachtkastl aus dem Vintageladen, vor ihm eine Vase mit einer Sonnenblume drin. „Doch dann wurde mir die Rose empfohlen, alles andere als eine klassische, konventionelle Regelschule. Es ist ein pädagogisches Konzept auf Augenhöhe. Und der Raum, der ist richtig cool.“

Rose – das ist die Abkürzung für „Reformpädagogisches Oberstufenrealgymnasium Steyr der Evangelischen Kirche“, und vom S wie Steyr darf man sich nicht irritieren lassen, denn da war die Privatschule bis vor kurzem beheimatet. Vor wenigen Monaten jedoch übersiedelte man nach Linz, genauer gesagt in die ehemalige Tabakfabrik von Peter Behrens und Alexander Popp, einen denkmalgeschützten Industriebau aus den frühen 1930er-Jahren, den ersten Stahlskelettbau Österreichs. Im Erdgeschoß des ehemaligen Zollwarenlagers, des heutigen Haus Havanna, hat sich die Rose auf nunmehr 675 Quadratmetern eingemietet. Und zwar so richtig cool.

Über ein paar Stufen gelangt man vom Innenhof der Tabakfabrik auf eine vorgelagerte Terrasse, von dort in ein riesiges Loft, das lediglich von ein paar gläsernen Trennwänden und simplen Tischlereinbauten aus Schichtsperrholz mehr atmosphärisch denn akustisch zoniert und gegliedert wird. Dazwischen immer wieder Bauernschränke, Ohrenfauteuils, Thonet-Sessel und diverse Kleinmöbel, die das Mid-Century-Herz höherschlagen lassen. Es ist, als würde man einen Coworking-Space oder eine abgerockte Berliner Werbeagentur durchschreiten.

Keine Sonderräume

Erster Schultag im neuen Wintersemester 2022: Rund hundert Schülerinnen und Schüler sind heute in die Rose gekommen, manche mit besonderen Bedürfnissen, andere mit besonderen Talenten. Sie lümmeln gemütlich in der Ecke, tragen Hoodies mit der Aufschrift „Out of space“, so wie Tobias, sitzen auf den Tischen, lesen, lernen, trinken, essen, erzählen sich Highlights aus den Sommerferien, besprechen die morgige Klassensprecherwahl, stimmen gerade über die Schulordnung fürs kommende Semester ab, und auch über die Lernaufträge, die bis Ende September erfüllt werden müssen. Man muss schon genauer hinschauen, um in der Menge der Jugendlichen den sogenannten Lehrkörper auszumachen.

Doch irgendetwas fehlt. Und bald wird man feststellen: Die Rose hat keine Aula, keine Direktion, kein Lehrerzimmer, keine Bibliothek, keinen Festsaal, keinen Musiksaal, keinen Zeichensaal, keinen Werkerziehungssaal, keinen Turnsaal, keinen Speisesaal, keinen Chemiesaal für gefährliche H2 SO4 -Experimente. „Und genau das ist der Grund“, meint Michael Zinner, Schulraumforscher und Vorstandsmitglied im Evangelischen Schulerhalterverein der Rose, „warum wir uns für diesen besonderen Standort in der Tabakfabrik entschieden haben.“

Denn anstatt die Schule mit all diesen kostspieligen und die überwiegende Zeit ungenutzten Sonderräumen auszustatten, was im Rahmen der monatlichen Schulgelder ohne Großsponsor auch gar nicht finanzierbar gewesen wäre, gibt es Nutzungsvereinbarungen und Vereinsmitgliedschaften mit den benachbarten, in die Tabakfabrik eingemieteten Start-ups, Maker-Spaces, Unternehmen, Institutionen und universitären Bildungseinrichtungen.

In der Grand Garage können die Jugendlichen auf Fotostudios, Werkstätten, Hightech-Labore, Computerarbeitsplätze und 3D-Drucker zurückgreifen. Größere Technologieprojekte gehen an der Johannes-Kepler-Universität und im Ars Electronica Center über die Bühne. Die Modeklasse der Kunstuniversität Linz stellt ihre Studios und Textilateliers zur Verfügung. Im Festsaal der Tabakfabrik und des benachbarten Kulturhofs können größere Veranstaltungen stattfinden. Das Mittagessen kommt auf Wunsch von einem der vielen Lokale am Areal im Riesenkochtopf angerollt. Und zum Turnen gehen die Jugendlichen ins Martial-Arts-Studio nebenan, in die Pädagogische Hochschule oder einfach nur über den Zebrastreifen an die Donau.

Omniloziertes Lernen

„Wir sind zwar eine kleine, einfache Schule“, sagt Zinner, der nebenbei das architektonische Herzstück geplant und die ökologiezertifizierten Holzmöbel und Raum-in-Raum-Module entworfen hat, Gesamtinvestitionsvolumen 240.000 Euro, ein absolutes Low-Budget-Projekt, das sich nur ausgegangen ist, weil ein paar Eltern Tische zusammengeschraubt und Holzoberflächen eingeölt haben. „Aber dafür sind wir umgeben vom schönsten Klassenzimmer, das man sich nur vorstellen kann, mit bester technischer Infrastruktur und vielen tollen Synergieeffekten. Aus dem dislozierten Unterrichten wird ein omniloziertes Lernen.“

In der heutigen Gesellschaft, sagt Ulrike Schmidt-Zachl, pädagogische Leiterin der Rose, die unter anderem von der Future-Wings-Privatstiftung unterstützt wird und die sich an der renommierten Evangelischen Schule Berlin Zentrum (ESBZ) orientiert, gebe es einen enormen Bedarf an Veränderung. „Mit unserem räumlichen, funktionalen und pädagogischen Konzept kriegen die Schülerinnen und Schüler jeden Tag hautnah mit, wie Vernetzung, wie Kooperation, wie Kollaboration, wie städtische Gesellschaft und wie Kommunikation auf Augenhöhe funktionieren. Wenn sie das lernen und in ihrem späteren Berufsleben umsetzen und weiterentwickeln, dann haben wir schon viel erreicht.“

Charlie, ein Labradormischling, einer von insgesamt drei Schulhunden, die hier den ganzen Schultag genüsslich auf und ab spazieren, hat es sich gerade gemütlich gemacht, will von Mirjam Katzensteiner, Maturaklasse, offenbar am Kopf gestreichelt werden. „Im Biologieunterricht“, sagt sie, „haben wir letztes Semester Augen seziert und wochenlang den Verschimmelungsprozess von Toastbrot analysiert und dokumentiert. Wo gibt es das schon! Dafür haben wir halt keine Klassenräume mit Tür, es kann ganz schön laut werden, und manchmal geht’s ein bissl chaotisch zu. Na und!“

Die Rose, ein dritter Pädagoge mit Schönheit und Stachel, irgendwie „out of space“. Besser kann man Schule nicht machen.

20. August 2022 Der Standard

Im Tempel der Nüchternheit

In Teil 3 unserer Sommerserie reisen wir nach Nancy: Das 1954 errichtete Privathaus des Architekten Jean Prouvé steht zwar unter Denkmalschutz, doch sein Zustand ist ein sehr trauriger.

Geht zum Regal und nimmt eine Ausgabe der Zeitschrift AMC Revue d’Architecture zur Hand, Juni 1984, 80 Franc das Heft. „Hier ist es, Seite 54, genau danach habe ich gesucht.“ Luc Bonaccini, 57 Jahre alt, zerzauste Haare wie ein Professor, blättert hin und her, mal zum Text, dann zum Interview, schließlich zu den Plänen und Schwarz-Weiß-Fotografien. „Auf den Artikel über dieses Haus hier bin ich während meines Architekturstudiums gestoßen: Maison Jean Prouvé in Nancy. Es war Liebe auf den ersten Blick. Eines Tages, dachte ich mir damals, will ich das Haus von innen sehen. Und jetzt das: Ich wohne hier!“

Bonaccini ist Architekt, genauer gesagt Mitarbeiter im regionalen Architektur-, Stadtplanungs- und Umweltberatungsamt CAUE im Département Meurthe-et-Moselle. Vor 17 Jahren ist er von Straßburg nach Nancy gezogen, nahm seinen neuen Job im öffentlichen Dienst an und bekam von der Stadt Nancy ausgerechnet die Maison Jean Prouvé, Rue Augustin Hacquard 4–6, zur Miete angeboten. „Ich und dieses Haus! Ich konnte es kaum glauben! Die einzige Auflage war, dass ich mich um das Haus kümmern und es bei Bedarf einmal pro Woche für Besucher zugänglich machen müsse. Nichts leichter als das!“

Das Privathaus von Jean Prouvé, 1954 im Nordwesten von Nancy errichtet, ist eines der wenigen, erhaltenen Gebäude des französischen Ausnahmearchitekten. Während im Europa der Nachkriegszeit vor allem mit Beton gebaut und mit Nierentischen und pastelligen Farbtönen eine Renaissance der Gute-Laune-Heimat zelebriert wurde, experimentierte Prouvé in seinen Haus- und Möbelentwürfen mit industrieller Vorfertigung und gezielter Einsparung von Gewicht, Baustoffen und energetischen Ressourcen. Je weniger Material, je weniger Handgriffe, je weniger Komplexität, desto besser.

Im Zeichen der Multiplikation

Zu Beginn befasste sich der ausgebildete Kunstschmied und Metallarbeiter mit Reparaturen und historischen Rekonstruktionen. Seinen Durchbruch erzielte der autodidaktische Architekt und Möbelbauer 1931 mit seinem Wettbewerbsentwurf für die Möblierung der Cité Universitaire de Nancy. Von da an ging es steil bergauf: Für die französischen Kolonialstaaten in Westafrika entwickelte er günstige, aber robuste Schulmöbel, hinzu kamen Betten für Sanatorien und Internate, die zu Zehntausenden produziert und exportiert wurden.

Auch seine modular aufgebauten Architekturprojekte standen im Zeichen der Multiplikation, etwa 100 Tankstellenhäuschen in Frankreich sowie 600 Schulklassen in Kamerun. Zeitweise hatten Les Ateliers Jean Prouvé bis zu 200 Mitarbeiter in der Produktion.

„Sein Vermächtnis ist gigantisch“, sagt Luc Bonaccini, in der Hand eine Tasse Tee, während er an seinem Wohnzimmertisch sitzt, ein Entwurf von Jean Prouvé, was sonst. „Er war ein Superstar, der sich aber stets in den Dienst des Produkts, der industriellen Fertigungstechnik und einer gewissen Demokratisierung der einst unerschwinglichen Möbel- und Architekturdisziplin gestellt hat. Es ist eine Ehre, hier wohnen zu dürfen. Aber nein, es ist nicht immer leicht.“

Am 1954 errichteten Haus, das von Prouvé und seiner Familie in nur wenigen Monaten ohne Unterkellerung und ohne umfassende Hangsicherung wie ein modulares Fertighaus zusammengeschraubt wurde, nagt der Zahn der Zeit. Die charakteristischen Bullaugenpaneele aus Aluminium sind verbeult und zum Teil undicht, die vertikalen Fensterläden, die sich in der Brüstung versenken lassen, stecken fest, an den Fenstern sammelt sich Kondensat.

„Doch das größte Problem“, sagt Bonaccini, „ist die sommerliche Hitze. Das Holz-Blech-Dach ist nur wenige Zentimeter dick und so leicht, dass Prouvé im Wohnzimmer eine Säule einbauen musste – und zwar nicht, um das Gewicht zu tragen, sondern um das Dach vor dem Wegfliegen zu sichern.“ Die Temperaturunterschiede haben dem Bauwerk, das seit 1987 unter Denkmalschutz steht, ordentlich zugesetzt. Durch das starke Schwinden und Dehnen sind die Türen, Paneele und Holzverkleidungen vielerorts gerissen.

„Wir sind uns der Schönheit und Besonderheit des Hauses sehr bewusst, umso mehr schmerzt uns der bedauerliche Zustand“, sagt Kenza-Marie Safraoui, Kuratorin für Kulturerbe und zuständig für die Museen der Stadt Nancy. „Leider sind uns in der Museumsverwaltung die Hände gebunden, denn das Haus befindet sich im Eigentum der Stadt. Das Haus wird vermietet, wir hätten viele gute Ideen, haben aber leider keinen Zugriff darauf. Die Situation ist vertrackt.“

Und was sagt Vitra zu alledem? Vor 20 Jahren hat das deutsche Nobelmöbelhaus mit Sitz in Weil am Rhein bei Basel die alten Entwürfe von Jean Prouvé aus den Archiven gehoben und mit Prouvés Erben Kontakt aufgenommen, um den Nachlass des radikalen Avantgardisten in die Vitra-Produktlinie aufzunehmen. Der Stuhl Standard , der Fauteuil Direction , der EM Table und die Wandleuchte Potence werden seit vielen Jahren erfolgreich verkauft. Erst kürzlich stellte Vitra im Rahmen einer Pressereise ein neues Produkt vor – den blitzblauen Lounge-Chair Kangourou , ein Entwurf aus dem Jahre 1948.

Das Herz blutet

„Die Wiederentdeckung des fast verschollenen Jean Prouvé im Jahr 2002 war der Beginn einer Lovestory“, sagt Christian Grosen, Head of Design bei Vitra. „Prouvés Arbeit hat viele Künstler, Designer und Architekten inspiriert. Er zählt ohne jeden Zweifel zu den größten und wichtigsten Pionieren des 20. Jahrhunderts. Uns blutet das Herz, dass ausgerechnet sein eigenes Privathaus in so einem schlechten Zustand ist. Es wäre toll, wenn man das Haus wieder in Schuss bringen könnte.“

Die einen sind Besitzer eines Kulturdenkmals und mit dem Erhalt des Objekts sichtlich überfordert. Die anderen haben einen großen Schatz geborgen und sind in den letzten 20 Jahren zu wahren Prouvé-Connaisseurs aufgestiegen.

Möge dieser Text als Anstoß dienen, die Kräfte und Budgets zu bündeln und das angedepschte Schmuckkästchen in der Rue Augustin Hacquard zu sanieren und einer öffentlichen Nutzung zuzuführen – ob als Museum, Artists-Residency oder Vitra-Hotel für Fans des nüchternen Strichs. Wie sagte doch Prouvé? „Partir du détail pour arriver à l’ensemble.“ Im Kleinen anfangen, um zu einem Ganzen zu gelangen.

Hinweis: Die Reise nach Nancy erfolgte auf Einladung von Vitra.

6. August 2022 Der Standard

Die Verchipperfieldisierung Berlins

Im August begeben wir uns auf eine Reise durch Europa. Teil eins: Berlin, das in den letzten Jahren durch einen Architekten besonders stark geprägt wurde. Aber was macht David Chipperfield so deutsch? Und warum fügt sich seine Handschrift so gut in diese Stadt?

Über ihr ein alter, verrosteter Kran, an schweren Ketten von der Decke hängend, daneben eine ganze Batterie an Schläuchen und Spritzdüsen, die ehemalige Glasreinigungsanlage. „Sehen Sie die alten Mörtelfugen? Die gusseisernen Säulen? Die vielen Spuren von Fenstern, Gewölbedecken und Mauerdurchbrüchen, die man im Putz noch so wunderbar erkennen kann?“ Annette Hähn deutet durch die Glastür in die Halle. Die Zufriedenheit mit ihrem Arbeitsplatz ist ihr ins Gesicht geschrieben. „David Chipperfield hat schon das Neue Museum auf der Museumsinsel gebaut und die Neue Nationalgalerie saniert, und jetzt arbeiten auch wir in einem Chipperfield-Bau. Schon toll, oder?“

Nach der Wende stand die in den 1880er-Jahren errichtete Bötzow-Brauerei am Prenzlauer Berg, nur wenige Gehminuten vom Alexanderplatz entfernt, lange Zeit leer, ehe sie mehrere Male den Besitzer wechselte und schließlich 2010 in den Händen von Hans Georg Näder, Eigentümer der Ottobock SE, landete. Das niedersächsische Unternehmen ist auf die Herstellung von Prothesen, Orthesen, Exoskeletten und High-End-Rollstühlen spezialisiert – und hat beschlossen, das denkmalgeschützte Areal zu sanieren und sich hier mit Teilen der Verwaltung und einer Forschungsabteilung für Rollstühle anzusiedeln.

„Wir sind ein traditionsreiches Unternehmen, das seit über hundert Jahren besteht und sich seit seiner Gründung durch technische Innovation auszeichnet“, sagt Hähn, Assistentin am Berliner Standort von Ottobock, während sie den Journalisten durch die sanierte Brauerei begleitet und ihn auf eine kleine materialkundliche Entdeckungsreise entführt. Überall Stahl, Glas, nackter Beton, grober Reibputz an den Wänden, ockerfarbene, eigens für dieses Projekt gebrannte Ziegelklinker an der Fassade. „Auch in unsere Produkte kann man hineinblicken, ihnen die Funktionsweise ansehen und verstehen, wie sie beschaffen sind und welchen Zweck sie erfüllen. So gesehen, denke ich, passt die Architektur gut zu uns.“

In den kommen Jahren – die Grundplatten werden bereits betoniert – werden auf der noch unbebauten Freifläche, Prenzlauer Allee 242, drei Neubauten für Wohnen und Arbeiten errichtet, eingebettet in einen grünen Campus, geplante Fertigstellung Ende 2024. Damit ist die Bötzow-Brauerei – nach einem gefühlten Dutzend stadtprägender, gestaltgebender Chipperfield-Bauten in ganz Berlin – ein weiteres Riesenprojekt aus der Feder des britischen Neoklassizisten, der seit fast 25 Jahren ein Schwesternbüro in der deutschen Bundeshauptstadt betreibt. Mittlerweile ist die Berliner Dependance mit 140 Mitarbeitern phasenweise sogar größer als das Mutterbüro in London.

Der einzige Stararchitekt?

Gegründet wurde das Berliner Büro 1998 anlässlich des gewonnenen Architekturwettbewerbs für die Sanierung des Neuen Museums. In der Zwischenzeit wurden von hier aus bereits einige Hundert Projektplanungen in ganz Europa begleitet und betreut, ein Teil davon in und für Berlin – neben dem Neuen Museum beispielsweise die James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel, die Galerie am Kupfergraben, das Gropius-Ensemble, der Umbau des Ullstein-Verlags in der Friedrichstraße, der eigene Bürocampus in der Oranienburger Vorstadt oder zuletzt die Generalsanierung der Neuen Nationalgalerie von Ludwig Mies van der Rohe.

„Er baut viel in Berlin, ist oft in der Zeitung und im TV zu sehen“, sagt Annette Hähn. „Ich habe sogar das Gefühl, dass Chipperfield unter den Berliner Architekten der prominenteste ist, derjenige, der auch in der breiten Bevölkerung am häufigsten in Erscheinung tritt. Mich freut seine Präsenz insofern, als ich ihn, soweit ich das als Nichtarchitektin überhaupt beurteilen kann, für einen sehr sensiblen Architekten halte. Er eckt nicht an, er provoziert nicht, er ist einfach nur bestrebt, Schönheit zu erschaffen.“

In Fachkreisen ist immer wieder das spitze Bonmot zu hören, dass Chipperfield, obwohl in London zu Hause und im Besitz eines britischen Reisepasses, der berühmteste, wenn nicht sogar einzige Stararchitekt Deutschlands sei – bekannter, schillernder und einzigartiger im Auftreten als ein Gunter Henn, ein Werner Sobek, ein Meinhard von Gerkan. Aber was macht ihn so deutsch? Warum fügt sich seine Handschrift so gut in diese Stadt?

Unkompromittierte Häuser

„Die Arbeit am Neuen Museum war mit Sicherheit ein wichtiger Beitrag zur Entwicklung einer eigenen Architekturhaltung des Berliner Büros“, sagt Alexander Schwarz, Partner bei David Chipperfield Architects und Leiter der deutschen Niederlassung. „Am Neuen Museum lässt sich beispielhaft ablesen, wie Berlin beschaffen ist. Es ist gebrochen, fragmentarisch, im stetigen Wandel, in einer bis heute noch immer nicht abgeschlossenen Transformation befindlich. Dieser Umgang mit Leerstellen, diese Sehnsucht nach dem Weiterschreiben der Stadt ist ohne Zweifel ein Motor unseres Schaffens. Das passt gut zu Berlin.“

Oft finden sich dort Ziegel, roher Beton und sandfarbener Stein. Häufiger zumindest als bei den Projekten in München, London, New York, Ottawa oder Shanghai. Auch in Wien befindet sich das dritte Chipperfield-Projekt – nach dem Peek-&-Cloppenburg-Gebäude auf der Kärntner Straße und einem Hotel in Margareten – in Bau. Es handelt sich um Luxusvillen in Hietzing.

„Nein, wir wollen keine Bildebene bedienen, und wir betreiben auch keine metaphorische Architektur“, meint Schwarz. „Was wir machen, ist hochwertiges, langlebiges Bauen, das sich gut ins Umfeld fügt. Das ist selten laut und meistens zeitlos elegant. Und als Reaktion auf den Charakter dieser Stadt ist unsere Architektursprache in Berlin wahrscheinlich klassischer und klassizistischer als anderswo.“

Die nächsten Projekte sind bereits in Bau, darunter etwa der Jannowitz-Tower an der Jannowitzbrücke in Berlin-Mitte, eine 75 Meter hohe Landmark direkt an der Spree. In der Berliner Öffentlichkeit ist das Projekt bereits weitgehend bekannt. Über weitere Bauvorhaben, die sich bereits in der Pipeline befinden, wird vorerst noch nicht gesprochen. Paris hatte seinen Baron Haussmann, Ljubljana seinen Plečnik, Barcelona seinen Gaudí. Sind wir nun Zeugen einer Berliner Verchipperfieldisierung?

„Das halte ich für übertrieben“, meint Alexander Schwarz. „Doch Fakt ist: Es ist schwierig, in Deutschland herausragende Bauten hinzustellen, denn die Gesetzeslage und Mentalität führt zwar zu einer Kultur der hohen Nivellierung – allerdings mit wenig Luft nach oben für Extravagantes. Dass es ausgerechnet uns gelungen ist, hier so viele unkompromittierte Häuser zu realisieren, steht für das radikale Understatement unserer Herangehensweise.“ Wie Berlin wohl in den kommenden 25 Jahren Gestalt annehmen wird? Abwarten und Tee trinken.

23. Juli 2022 Der Standard

Der geschrumpfte Baumeister

Der bayerische Architekt Max Otto Zitzelsberger macht zwar immer wieder auch richtig große Häuser, doch die meisten seiner Projekte baut er en miniature. Wie schön! Aber warum eigentlich?

Die Wände aus Wellpappe und Büttenpapier, vor dem Haus ein Kilo Sand und Kieselsteinchen, eine Vegetation aus Lavendel, Schafgarben und getrocknetem Lampenputzergras. „Meist stammen die Bäume und Sträucher von einem schönen Feldblumenstrauß, den meine Frau bekommen hat, manchmal sogar von mir. Nachdem der Strauß in der Vase nach Wochen komplett vertrocknet ist, heißt es kurz vor der Entsorgung: Schatz, kannst du damit noch was anfangen?“

Und ob er das kann! Für Max Otto Zitzelsberger, Architekt in der bayerischen Pampa, sind die kleinen Dinge und Reststoffe unseres täglichen Wohnens und Arbeitens wertvolle Baumaterialien. Aus Drähten, Eis-am-Stiel-Stäbchen und Papieren in allen erdenklichen Farben, Strukturen, Grammaturen entstehen Häuser, Anbauten, Umbauten, Schulen, Kindergärten, Bauernhöfe und Verkaufsschuppen für Metzger und Fleischereibetriebe. Bloß sind seine Bauwerke meist kleiner, als man es gewohnt ist, denn Zitzelsbergers Welt ist eine Welt im Maßstab 1:25.

„Ich mag das Kleine, das Winzige, und mein allererstes Projekt, das ich realisiert habe, war ein Hühnerstall mit drei Quadratmetern Grundfläche“, sagt der ausgebildete Architekt, der drei kleine Bürostandorte in Bayern leitet und an der TU Kaiserslautern eine Juniorprofessur für Tektonik im Holzbau innehat. Für seinen Schwiegervater, einen Bauern mit Hühnern und Puten, entwarf er 2011 einen hölzernen Massivbau mit zehn Zentimeter dicken Wänden, die aus Holzklötzchen wie in einem klassischen Ziegelverband aufgemauert wurden. Der Stall wurde in diversen Fachmedien veröffentlicht. „Ein kleines Projekt für den Menschen, ein großes Haus für das Huhn“, so Zitzelsberger.

Kleinheit dominiert

Und heute? „Das Kleine und Geschrumpfte ist in meinen Bauten immer noch ein dominanter Faktor, denn die Architektur im großen Maßstab stellt mich schon lange nicht mehr zufrieden“, sagt der 39-Jährige mit einer Mischung aus breitem Grinsen und tiefem Seufzen. „Der Beruf des Architekten hat sich stark gewandelt, es gibt kaum noch schöne Aufträge, in die man als junger Planer hineinwachsen kann. Wer heute als Architekt tätig ist, der ist eine Projektmaschine, die verhältnismäßig wenig kreativen Spielraum hat – dafür aber immer mehr über Normen, Haftung, Finanzierung, Kostengarantien und rechtliche Gefahren wissen und sich um Verträge kümmern muss. Das macht keinen Spaß.“

Stattdessen könne man dies als Chance sehen, um das Gebiet der Baukultur neu zu definieren. „Jedes Gebäude, das errichtet wird, ist immer nur das Modell einer ursprünglich perfekten Planungsidee, einer Utopie“, sagt Zitzelsberger – und stimmt damit in den Kanon nichtbauender Architekten wie etwa Yona Friedman, Raimund Abraham, Friedrich Kiesler, Lebbeus Woods, Paul Laffoley oder Wolfgang Tschapeller ein. „Mit dem Bauen muss man den Perfektionismus und Idealismus aufgeben und Kompromisse eingehen. Für mich aber sind diese vielen, vielen Kompromisse nicht mehr tragbar. In der Welt en miniature muss ich weniger Eingeständnisse machen, kann Baukultur betreiben, wie ich will.“

In dieser, seiner Welt, in der die Häuser meist nicht höher als 30 Zentimeter, die Grundstücke nicht größer als zwei Quadratmeter sind, entstanden in den letzten Jahren die Sanierung eines 60er-Jahre-Wohnhauses in Vötting, ein Wohnbau für einen gemeinnützigen Bauträger in Salzburg, die Erweiterung des historischen Rathauses in Sinzing bei Regensburg, das längst aus allen Nähten platzt, sowie die Umnutzung des ehemaligen Distlerhofs in Berngau, der in Zitzelsberger erfundenen Breitengraden nun als Gemeindebauhof mitsamt generationengerechtem Wohnen fungiert.

Eine seiner liebsten Utopien jedoch ist das Geschäftshaus für einen Metzger, das sogenannte Wurst-Haus in Floß in der Oberpfalz. Im Vordergrund stand die Errichtung eines „dekorierten Schuppens“ in der architekturhistorischen Definition von Robert Venturi und Denise Scott Brown – mit einem Dach aus Wellkarton, einer dekorierten Fassadenfront, überdimensionierten Buchstaben über der Attika und eigenwilligen Beschattungselementen, wie sie etwa in der Architektur von John Hejduk zu finden sind. Postmoderne pur, geschrumpft auf die Größe eines Wohnzimmercouchtischs.

Zauberwelt Modelleisenbahn

Manchmal finden die Projekte, die von Kommunen und Privatbauherren als Entwurfsideen und Bebauungsstudien in Auftrag gegeben werden, dann aber doch den Weg in den Maßstab 1:1, wenn auch nicht in überbordender Regelmäßigkeit. „Ich fühle mich in der fiktiven Miniaturwelt wohl“, sagt Zitzelsberger, dessen Minihäuser die schlichte Eleganz eines Architekturmodells und zugleich die Detailliebe einer Märklin-Modelleisenbahn aufweisen. „Doch wenn das Schicksal es will, dass ein Projekt groß gemacht werden soll, dann wehre ich mich nicht dagegen. Es ist schön, wenn sich das ab und zu ergibt.“

Zu diesen Zufällen zählen neben dem schwiegerväterlichen Hühnerstall auch eine kleine Pfarrgalerie, ein Wohnungsumbau, ein Buswartehäuschen, ein revitalisierter Stadl sowie die sogenannte Erkläranlage in Berngau, eine Art Ideenwerkstatt und Open-Air-Freiluftklasse für Kinder mit und ohne Behinderung, die auf dem Areal einer alten, mittlerweile ungenutzten Kläranlage realisiert wurde. Das Projekt – entstanden in Kooperation mit Nonconform, der Lebenshilfe Neumarkt und dem Sozialwissenschaftlichen Institut für regionale Entwicklung (SIREG) – wurde vielfach publiziert und war sogar für den DAM-Preis für Architektur 2021 nominiert.

Was also ist neben diesen wenigen, aber vielbeachteten Bauten der Motor fürs Nichtbauen? „Mit den politischen, wirtschaftlichen und klimatischen Krisen hat sich die Architektur radikal verändert“, sagt Max Otto Zitzelsberger mit einem verschmitzten Lächeln, in dem hie und da die Weisheit eines hochbetagten Architekturtheoretikers durchblitzt.

„Wir haben unser Gespür für Schönheit verloren, wir haben das Zepter an die Immobilienwirtschaft abgegeben, wir müssen erst wieder verstehen lernen, was uns Baukultur überhaupt noch wert ist. Solange wir die Antwort darauf nicht haben, gehe ich diesen Fragen in 25-facher Verkleinerung nach.“

25. Juni 2022 Der Standard

Lernen von den Schwammerln

Nach sieben Jahren Laufzeit erreicht die Internationale Bauausstellung Wien nun ihren Höhepunkt. Doch was ist die IBA Wien überhaupt? Und welches Vermächtnis wird sie uns hinterlassen haben?

Das Bettsofa Flottebo, 120 Zentimeter breit, gab es um wohlfeile 699 Euro, das Kommodensystem Bestå schlug mit 440 Euro zu Buche, und den kleinen, kompakten Esstisch Tommaryd konnten die Architekten aus dem Selbstbedienungslager um 219 Euro mit heimnehmen. Neben der Terrassentür hängt ein schwarz-weißes Rendering, so soll’s hier eines Tages mal ausschauen, glückliche Menschen sitzen auf einer Picknickdecke in der Wiese, umzingelt von Bäumen, an der Wand daneben sind ein paar Porträtfotos zu sehen, Kinderfotos aus dem historischen Fundus der hier involvierten Planerinnen und Architekten.

„Schon alles sehr weiß hier, ein bisschen zu weiß vielleicht, wenn man das mit einem realistischen Wohnalltag vergleicht, in dem es meist etwas wilder und chaotischer zugeht“, sagt Musterbewohnerin Klara, 26 Jahre alt, „aber durchaus schön und gemütlich. Und man kriegt eine Idee davon, wie diese Wohnung eines Tages aussehen könnte.“ Für Mustermitbewohner Bernhard (56) sind vor allem die Schiebewände ein Hit, denn mit einer einzigen Handbewegung, sagt er, wird man in der Lage sein, Wohn-, Schlaf- und Arbeitsbereiche je nach Bedürfnis, je nach Tageszeit zusammenzulegen oder akustisch und atmosphärisch voneinander zu trennen.

Die weiße Gerbera auf dem künstlich-klapsmühlig in Szene gesetzten Foto mag zwar echt sein, doch darüber hinaus ist hier – noch – nichts real. Denn die 52 Quadratmeter große Musterwohnung im Gemeindebau Neu in der Mela-Köhler-Straße 7, Baufeld H4B in der Seestadt Aspern, rundherum Bagger und behelmte Bauarbeiter unterwegs, geplante Fertigstellung Frühjahr 2023, ist lediglich ein erster früher Vorbote der flexiblen, experimentell erarbeiteten Grundrisse, die die WUP Architekten für den gemeinnützigen Bauträger Wigeba hier realisieren.

Mit seinen 74 Wohnungen – ein Drittel davon mit schiebbaren Wänden ausgestattet – ist der innovative Gemeindebau eines der Pilotprojekte, die im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) Wien auf Schiene gebracht wurden und nun, von einem Qualitätsmonitoring begleitet, sukzessive umgesetzt werden. Nach sieben Jahren Projektzeit erreicht die IBA Wien damit ihren Höhepunkt. Seit vorgestern ist die finale IBA-Ausstellung Wie wohnen wir morgen? im IBA-Zentrum in der Nordwestbahnstraße, Brigittenau, zu sehen.

Vier-Zimmerchen-Wohnung

„Wohnen wird immer teurer, und wir stehen heute vor der immensen Herausforderung, dass sich viele Menschen – vor allem Alleinerziehende mit ein oder zwei Kindern – kaum noch eine ausreichend große Wohnung leisten können“, sagt Bernhard, Musterstatist in Weiß, Partner bei WUP Architekten, Weinberger mit Nachnamen. „Also haben wir im Prinzip eine Zwei-Zimmer-Wohnung entwickelt, die im Kreis begehbar und bei Bedarf mittels Schiebewänden im Nu in eine Vier-Zimmerchen-Wohnung umfunktioniert werden kann – mit einer kleinen Privatsphäre für jeden und für jede.“

Während selbst im günstigen, geförderten Wohnbau die Bestrebungen zunehmend in Richtung hoher Materialqualität gehen, begnügt sich der Gemeindebau in der Mela-Köhler-Straße mit Laminatböden, Kunststofffenstern und verzinkten Eisengeländern. Das materielle Hirnschmalz floss stattdessen in echt clevere Grundrisse, die mit Standardmöbeln und 60 Zentimeter tiefen Schrankwänden wohlfeil und intelligent einzurichten sind. „Im Fokus steht nicht die architektonische Ästhetik“, so Weinberger, „sondern das Raum- und Zimmerbedürfnis von Menschen in prekären Lebenssituationen.“ 7,50 Euro kostet die Miete pro Quadratmeter.

Die Entwicklung neuer, innovativer Lösungen auf Wohn- und Stadtteilebene – genau darum geht es bei der IBA Wien. Weniger handelt es sich dabei um eine Ausstellung im klassischen Sinne, wie der seit 1901 (!) gebräuchliche Titel vermuten lassen würde, als vielmehr um eine Initiative und einen experimentellen Prozessrahmen, in dem bislang unbekannte, unerprobte urbane Habitatmodelle und konkrete Pilotprojekte beispielhaft durchexerziert werden – mit dem Ziel, voneinander zu lernen, die Regelwerke und Standards zu überdenken und der eigenen, irgendwie zur Routine gewordenen Planungskultur wieder einen Schubs in Richtung Zukunft zu geben.

„Früher waren die IBAs tatsächlich eine Nabelschau von realisierten Projekten, im Vordergrund stand dabei meist die Exzellenz“, sagt Kurt Hofstetter, Leiter und Koordinator der IBA Wien. „Doch spätestens mit der IBA Hamburg 2013 hat sich der Fokus vom Projekt auf den Prozess verlagert. Heute geht es nicht mehr um exzellente Architektur im Sinne einer Einzelerscheinung, sondern um die Anhebung der Lebensqualität aller an einem Ort wohnenden, lebenden Menschen.“

Zwischen den Häusern

Die Argusaugen der IBA Wien, die Konzeption, Entwicklung, Planung, Errichtung und Wohnbetrieb gleichermaßen unter die Lupe nimmt, richten sich dabei zum einen auf singuläre Wohnbauten wie etwa den Gemeindebau Neu in der Seestadt Aspern, das Loft Living und den Grünen Markt im Sonnwendviertel oder das Holzbausystem Vivihouse, das als gebauter Prototyp derzeit am Donaufeld zu besichtigen ist.

Zum anderen aber hat sich die IBA Wien – mehr als die parallel stattfinden IBAs in Basel, Heidelberg, Stuttgart, Thüringen und in der Region Parkstad im südlichsten Zipfel der Niederlande – dem Quartiersmaßstab verschrieben, also dem Grätzel, der Nachbarschaft, der sozialen, technischen und gewerblichen Infrastruktur zwischen den Häusern.

„Als wir Anfang der 1990er-Jahre mit mehreren Bauträgern ein großes Wohnquartier in der Donaustadt entwickelt haben“, erinnert sich Hofstetter, „gab es keinen einzigen Plan, der die Erdgeschoßzone aller involvierten Bauträger abgebildet hat. Niemand wusste, was sein Nachbar für Pläne schmiedet. Also habe ich mich hingesetzt und mit Tusche einen quartiers- und bauträgerübergreifenden Erdgeschoßplan gezeichnet. Und zu meiner großen Verwunderung muss ich sagen: Bis heute ist das noch immer nicht Standard.“

In den letzten sieben Jahren ist es der IBA immerhin gelungen, dass im magistratsabteilungsparifizierten Wien die einzelnen Planungsstellen heute endlich miteinander reden und abteilungs- und kompetenzübergreifend im Kollektiv die Wohnquartiere der Zukunft planen. Die in der Ausstellung präsentierten und in vielen, vielen Stadttouren erkundbaren Quartiere – ob das nun im verdichteten, revitalisierten oder ganz neuen Wien ist – geben Einblick in die intensive Netzwerkarbeit, die schon fast zur Normalität geworden ist.

Damit ist das größte und wichtigste Exponat der Internationalen Bauausstellung Wien fast unsichtbar. Oder, wie Kurt Hofstetter meint, der gerade Merlin Sheldrakes Buch Verwobenes Leben über das Verhalten von Pilzen am Nachtkastl liegen hat: „Pilze, Schimmel und Myzelien sind hochintelligente Systeme, die sich untereinander austauschen und einander mit Nährstoffen versorgen. Wer grad hat, der gibt. Wer grad braucht, der nimmt. Wir alle, die wir Stadt bauen, können von Pilzen noch viel lernen.“

Schlusspräsentation IBA Wien im IBA-Zentrum, Nordwestbahnstraße 16, 1200 Wien. Zu sehen bis 18. November 2022. Mit einem sehr umfangreichen Veranstaltungs- und Exkursionsprogramm.

18. Juni 2022 Der Standard

Tonnenschwerer Leuchtturm

Das Nationalmuseum Oslo, vor kurzem eröffnet, ist optisch und programmatisch ein Kulturmonolith von enormen Dimensionen. Architektonisch kollidieren südliche Romantik und nordische Pragmatik.

Eigentlich hätte Klaus Schuwerk jeden Grund, glücklich zu sein. Der deutsche Architekt steht in dem von ihm entworfenen Nationalmuseum in Oslo, 6,05 Milliarden Kronen (rund 600 Millionen Euro) teuer und zwölf Jahre nachdem der weitgehend unbekannte Architekt im Team mit dem Berliner Büro Kleihues + Kleihues den Wettbewerb gewonnen hatte. Die Institution, 2003–2005 durch die Zusammenlegung von fünf Museen entstanden, hatte sich ein prestigeträchtiges Grundstück ausgewählt: auf dem Areal des ehemaligen Bahnhofs Oslo Vest am Ufer des Oslofjords, gegenüber dem monumentalen Rathaus.

Aber Klaus Schuwerk ist nicht glücklich. Dabei wurde sein Entwurf, der die gigantische Baumasse in ein gedrungenes Gebilde aus ineinandergeschobenen Quadern packte, plangemäß umgesetzt, und auch die Massen aus graugrünem norwegischem Quarzit an Fassade und im Foyer verbaut. Doch erstens, sagt er, sei es ein langer Kampf gewesen, einheimischen Stein und nicht billigeren Import zu verwenden, es hätten sich zu viele Beteiligte in seine Kernkompetenzen eingemischt, und überhaupt – er deutet resigniert in den Raum: Diese Möbel! Diese Mistkübel! Schrecklich! Für all das habe er eigene und schönere Entwürfe geliefert und sei ignoriert worden. Und das schwarze „Nm“-Logo auf der Fassade gefällt ihm auch nicht, das Museum sei schließlich auch so als solches erkennbar.

Nationale Identität

Es passiert nicht oft, dass man einen Architekten trösten möchte, sein neues Gebäude sei doch gar nicht so schlecht geworden, wie er sagt. Zugegeben, die tonnenschwere kantige Masse, in die wenige tiefe Fensterlöcher gestanzt wurden, empfängt die Besucher nicht gerade mit offenen Armen, doch ist man einmal drinnen, atmet das hohe, geräumige Foyer mit seinen schweren Eichenholztüren eine zeitlose Eleganz. Wer einmal durch Peter Zumthors berühmte Therme im Graubündner Ort Vals mit ihrer archaischen Steininszenierung wandelte, wird mit einem kleinen Déjà-vu belohnt.

Direktorin Karin Hindsbo wiederum ließ anlässlich der Eröffnung am 11. Juni mit nordisch-lockerer Sachlichkeit jedes Pathos vermissen, obwohl sie von nun an dem größten Museum der nordischen Länder vorsteht: 400.000 Objekte von Malerei über die Antike bis zum Designobjekt, davon 6500 in insgesamt 86 Räumen ausgestellt. Stattdessen betonte sie die gesellschaftliche Verpflichtung: „Das kulturelle Erbe einer Nation ist ihre Identität. Museen spielen hier eine wichtige Rolle, weil die Menschen ihnen vertrauen; mehr noch als Büchern oder Schulen. Diese Glaubwürdigkeit müssen wir erhalten.“

Für die erste Ausstellung I Call It Art wurden in einem Open Call 147 Werke von meist unbekannten Norwegern ausgewählt, um gleich von Beginn an zu vermitteln: Dieses Museum gehört euch allen. Das Ergebnis ist ein etwas anstrengendes Sammelsurium unbändigen Ausdruckswillens, das einen mit Dankbarkeit für die Existenz von Kunsthochschulen zurücklässt. Darüber hinaus lassen Eintrittspreise von 18 Euro diese Inklusionsgeste eher symbolisch erscheinen. Auch Architekt Klaus Schuwerk winkt ab. Er hätte sich stattdessen Werke gewünscht, die den Raum zur Geltung bringen. Vielleicht eine Stahlskulptur des (bei Architekten stets beliebten) Richard Serra.

Nun sind Unterschiede zwischen Bauherr und Architekt nichts Außergewöhnliches, hier jedoch sind sie Indiz für ein grundsätzliches kulturelles Missverständnis. Auf der einen Seite die romantisch-mediterrane Vorstellung des Architekten als Gesamtkünstler. Sein ideales Museum: hehr und heilig, erhaben und ewig, nobel und solide. Auf der anderen Seite die nordische Tradition der Offenheit, Teamarbeit und Inklusion. Hier elitäres 19. Jahrhundert, dort demokratisches 21. Jahrhundert. Hier Tempel, dort Sitzkreis. Selbst im düsteren Edvard-Munch-Saal laden didaktische bunte Bauklötze die kleinen Besucher ein, den Schrei nachzubauen.

Doch diese Widersprüche kann das Museum schon angesichts seiner schieren Größe gut aushalten, und die klassische Enfilade von Räumen lässt allen Exponaten der Dauerausstellung (Ausstellungsarchitektur: Guicciardini & Magni Architetti) genügend Raum. Gibt man den Anspruch auf, alles sehen zu wollen, hat das Megamuseum durchaus seinen Reiz. In der Malerei kann man sich ebenso verlieren wie in der fantastischen Design-Ausstellung und ihren großen Glaskabinetten, in denen Textilien, Möbel, Grafik und Objekte thematisch klug kombiniert werden und wo auch das berühmte Animationsvideo zu a-has Take on Me seinen Platz findet.

Quarzit-Gebirge

Mit einer nennenswerten Ausnahme: Das Quarzit-Gebirge bekam eine verglaste Halle aufgesetzt, die für Wechselausstellungen dient und nachts als horizontaler Leuchtturm aufglüht. Klaus Schuwerk nennt sie den „Alabaster Room“, doch die antike Erhabenheit, die dieser Name suggeriert, stellt sich nicht ein. Mit 130 Meter Länge ist die Halle im Inneren von ermüdender Endlosigkeit, die sieben Meter hohe transluzente Fassade drängt sich unruhig in den Raum und nimmt der Kunst die Freiheit zur Entfaltung. „Man kann an das Glas zwar keine Bilder hängen, aber es sieht gut aus“, sagt Sammlungsdirektorin Stina Högkvist lakonisch. Der nordische Pragmatismus wird es schon hinbekommen.

Möglicherweise sind die beiden Direktorinnen auch so entspannt, weil der größere Plan, in den sich das Nationalmuseum einordnet, mit Sicherheit aufgehen wird. Auch wenn es auf eine ikonische Großform verzichtet, mit der Stadt verschmilzt und seine kulturelle Bedeutung fast ausschließlich im Inneren zeigt, ist es ein Schlüsselelement in der Osloer Waterfront, deren Wiederentdeckung die Stadt komplett umkrempelt.

Ein Prozess, der 1993 mit Renzo Pianos leichtfüßigem Astrup-Fearnley-Museum begann und mit dem 2007 eröffneten, sofort zum Wahrzeichen gewordenen Opernhaus den Turbo einschaltete. 2020 kam die exzellente städtische Deichmann-Hauptbibliothek dazu, 2021 der recht emotionslos-anämisch geratene Stahl-Glas-Stapel des Munch-Museums. Das Nasjonalmuseet komplettiert diese Reihe und soll Oslo nun endgültig in die Königsklasse der globalen Kulturdestinationen katapultieren. Auch wenn der granitschwere Kunst-Leuchtturm, unter seinem eigenen Gewicht fast versinkt, dürfte er wie geplant Einheimische und Touristen an den Fjord locken. Und vielleicht macht auch der Architekt eines Tages seinen Frieden damit.

Die Reise nach Oslo erfolgte auf Einladung der norwegischen Botschaft Wien.

31. Mai 2022 Der Standard

Vanillesaucengelb trifft auf großes Drama

Viel Architektur auf wenig Raum im Horten-Museum

Constantin Luser bläst in seinen 6,22 Meter hohen Vibrosaurier . 25 Blasinstrumente erklingen in schrillen Tönen. Die Kakofonie füllt das ganze Haus. „Dieses Freispielen der Ecken und Durchbrechen der Decken war uns von Anfang an wichtig“, sagen Ernst J. Fuchs und Marie-Thérèse Harnoncourt vom Wiener Architekturbüro The Next Enterprise, die sich mit ihrem Entwurf im Wettbewerb 2019 gegen Kuehn Malvezzi und Ortner & Ortner durchsetzten. „Auf diese Weise gibt es kleine und große, gemütliche und dramatische Räume, und die Kunst kann sich optisch und akustisch ausbreiten.“

Mit nicht einmal 1500 Quadratmetern, verteilt auf drei Ausstellungsebenen und eine Büroetage im Dachgeschoß, ist das Haus deutlich kleiner, als man auf den ersten Blick glauben möchte. Das Foyer mit eingezogenen Ebenen und einer schluchtartigen Raumhöhe von über 17 Metern bis unters Dach verströmt beim Eintreten eine Weite, die man im Wiener Mumok etwa vergeblich sucht und im New Yorker MoMA erfolgreich findet. Die 240 Quadratmeter großen Lichtdecken und die frech in den Altbau eingeschriebene, um rund 45 Grad verdrehte Geometrie tun ihr Übriges.

Highlight sind die beiden Treppenläufe, die sich trotz ihres imposanten Gewichts von 6,5 Tonnen fast schwerelos an die schwebenden „Plateaus“ klammern. Die massiven Edelstahlskulpturen, die vor Ort zusammengeschweißt und in einem aufwendigen Verfahren glasperlengestrahlt wurden, animieren die Besucher zum Klopfen und Streicheln – und verraten nebenbei, dass die Auftraggeberin Heidi Horten weder Kosten noch Mühen gescheut hat.

Von 13 Millionen Euro Nettobaukosten war in der Wettbewerbsausschreibung die Rede. Zu den tatsächlichen Kosten will sich Museumsdirektorin Agnes Husslein-Arco nicht äußern.

„Das Wichtigste ist doch, dass dieses private Museum viele unterschiedliche Nutzungen und Bespielungen zulässt“, so Husslein-Arco. „Ich persönlich finde die Sequenz aus permanenten Überraschungen zwischen Altbau und Neubau am faszinierendsten.“ Ein solcher Überraschungsmoment ist auch der Tea Room in einem der Kabinette. Markus Schinwald entwickelte eine fast romantische Vitrinenwand mit gläsernen Bullaugen, und Hans Kupelwieser verschrottete mit einem Bagger 13 Alutafeln, die er in einem metallisch-samtigen Rot eloxieren ließ.

Fazit: Der 1914 errichtete, komplett entkernte und vanillesaucengelb gestrichene Altbau im Innenhof des Hanuschhofs ist von außen keine Wucht, aber das ist mit 29 Grundstückseigentümern an so einer Adresse auch kein Wunder. Doch in seinem Inneren entfaltet das Ding eine kleine, dramatische Museumslandschaft mit architektonischem Seltenheitswert.

21. Mai 2022 Der Standard

„Jetzt will ich feiern!“

Kommenden Freitag wird in London der heiß begehrte Pritzker-Preis an den heurigen Laureaten Diébédo Francis Kéré vergeben. Ein Gespräch über Lehm, unbequeme Schulmöbel und rauschende Feste mit dem ganzen Dorf.

Wo sind Sie gerade? Berlin, Benin, Burkina Faso? „Alles gut, ich bin in meinem Büro in Berlin, die Baustellen laufen gerade gut, außerdem muss ich mich noch auf die Zeremonie nächste Woche vorbereiten“, sagt Diébedo Francis Kéré am Beginn des Zoom-Interviews. Er mag Zoom und Telefonate, sagt er, da passiere meist Gutes. Und dann erzählt er vom Anruf der Pritzker-Preis-Direktorin Manuela Lucá-Dazio irgendwann im Februar, er war gerade in Benin, die Verbindung war schlecht, er verstand nur Wortfetzen: Pritzker, 2022, Jury, Gratulation. Er konnte es nicht fassen!

STANDARD: Viele Leute haben schon seit längerer Zeit damit spekuliert, wann der Pritzker-Preis endlich an Diébédo Francis Kéré vergeben wird. Sie auch?

Diébédo Francis Kéré: Wow! Was? Echt? Wollen Sie mich veräppeln? Emotional, würde ich sagen, habe ich die Botschaft schon ein wenig verarbeiten können. Da war alles dabei, von Lachen bis Weinen. Intellektuell kann ich es noch immer nicht fassen.

STANDARD: Was bedeutet Ihnen der Preis?

Kéré: Einerseits eine persönliche Genugtuung, andererseits eine gewaltige Anerkennung für die Arbeit, die ich mit meinen Leuten seit über 20 Jahren leiste. Zu Beginn hat man als Architekturstudent ja überhaupt keine Ahnung, was einem der Job später abverlangen wird, und geht mit einer gewissen Naivität in den Beruf hinein. Diese Naivität hat mir Tür und Tor geöffnet. Und es macht mich überglücklich, dass sich diese naive Annäherung an die Materie im Laufe der Jahre als so erfolgreich herausgestellt hat.

STANDARD: Wie sind Sie zum Bauen gekommen?

Kéré: Über viele Umwege. Schon mit sechs, sieben Jahren musste ich an den Nachmittagen nach der Schule arbeiten, um ein bisschen Geld zu verdienen. Ich hatte die Aufgabe, mit einem Eselskarren Baumaterialien anzuschaffen. Die Baustellen haben mich fasziniert. Eine weitere Prägung war, dass ich mich eines Tages gefragt habe, warum es im Klassenzimmer immer so heiß war. Wir sind unter einem Blechdach gesessen, es gab kaum Licht oder Frischluft, es war dunkel und unfassbar heiß. Ach, und dann die Schultische! Das waren Holzbretter mit Beinen, einfach zusammengenagelt, nicht einmal verschraubt, alles hat gewackelt. Die Nägel haben sich in den Stoff gebohrt und meine Hosen und Unterhosen kaputtgemacht. Ich habe nicht verstanden, warum das Leben so unbequem sein muss. Ich wollte es schöner, heller und bequemer machen.

STANDARD: Sie haben eine Tischlerausbildung gemacht.

Kéré: Ja, mit neun bin ich zu einem Tischler gekommen, der mich als Lehrling aufgenommen hat. Danach habe ich in Fada N’Gourma eine professionelle Tischler- und Mechanikerlehre absolviert. Ich wollte nie als Mechaniker arbeiten, aber ich wollte so gut mit Metall umgehen können, dass ich selbst Dächer decken kann. Ich wollte bessere Dächer machen als die, die wir in der Schule hatten.

STANDARD: Mit 20 Jahren sind Sie nach Berlin gekommen. Was war Ihr erster Eindruck?

Kéré: Nach Berlin bin ich mit einem Stipendium der Carl-Duisberg-Gesellschaft und des Deutschen Entwicklungsdienstes gekommen. Es war ein Stipendium für eine Tischlerausbildung. Mein erstes Mal außerhalb von Afrika. Dieser kontinentale Winter! Ich wusste nicht, wie ich diese Kälte überleben soll. Doch was mich wirklich schockiert hat, war die Erkenntnis, dass in einer deutschen Großstadt alle Flächen komplett versiegelt, zubetoniert und -asphaltiert sind. Nirgendwo gibt es ein Stückchen natürlicher Erde, nirgendwo ist Natur, überall ist Mensch. Das war ein Schock.

STANDARD: Obwohl Sie seit 2004 ein Büro in Berlin betreiben, bauen Sie vor allem in Burkina Faso, aber auch in Mali, Kenia, Senegal, Mosambik sowie in Benin und im Sudan. Wie schaffen Sie es, diese großen Projekte von Deutschland aus zu leiten?

Kéré: Zum einen bin ich selbst viel auf den Baustellen unterwegs, zum anderen bemühen wir uns immer sehr, vor jedem Projekt ein paar Handwerker und Fachleute vor Ort auszubilden und mit ihnen eine Art Crashkurs für bestimmte Bauweisen oder technische Details zu machen. Das funktioniert eigentlich sehr gut.

STANDARD: Sie arbeiten oft mit lokalen Materialien wie Stein, Holz und Lehm. Gerade im Global South sind dies jedoch Baustoffe, die oft stigmatisiert sind und mit Armut konnotiert werden. Was setzen Sie dem entgegen?

Kéré: Das ist tatsächlich ein enormes Problem in vielen armen Ländern im globalen Süden. Die Elite ignoriert meist alle Logiken lokalen und regionalen Bauens und kopiert stattdessen den Westen, denn aus dem Westen – so hält sich die Legende – kommen die guten, perfekten, hoch entwickelten Dinge. Bloß achtet man leider nicht darauf, ob sich diese westlichen Dinge auch in südlichen Klimaregionen eignen. Die Vorbildwirkung dieser Elite ist leider katastrophal.

STANDARD: Wie schaffen Sie es, dass Ihre Lehmbauten dann doch realisiert werden?

Kéré: Mit Argumenten. Ich kläre die Leute auf und rechne ihnen vor, wie viel Geld, Zeit und Energie sie sparen, wenn sie so und nicht anders bauen. Es geht um Kosten, Effizienz und Langlebigkeit. Solche Faktoren versteht jeder.

STANDARD: Ihre aktuellen Projekte werden immer größer. Ich denke da nur an die Benin National Assembly in Porto-Novo. Wie gelingt es Ihnen, den Geist zu bewahren und die Idee lokalen und regionalen Handwerks auf die nächste Maßstabsebene zu transferieren?

Kéré: Das ist keine leichte Aufgabe! Der Maßstabssprung von einer lokalen, räumlich überschaubaren Größe auf eine politische, in gewisser Weise internationale Ebene braucht ein unglaubliches Transformationsmoment – und auch symbolische Gesten. Wir bezeichnen das Projekt nicht als National Assembly, sondern als „L’arbre à palabres“, als Palaverbaum. Man kennt den Palaverbaum ja als traditionellen Versammlungsort, in dessen Schatten sich die Menschen über Politik, Gesellschaft und das Zusammenleben im Dorf austauschen. Das Parlamentsgebäude ist nichts anderes, bloß größer. Außerdem wollen wir für die Böden im ganzen Haus Steine aus Steinbrüchen in ganz Benin zusammenzutragen. Auch das ist ein Beitrag zu einer lokalen, regionalen Ökonomie.

STANDARD: Haben Sie einen Wunsch für die Zukunft?

Kéré: Natürlich! Ich wünsche mir, dass ich fit bleibe, weiterhin inneren Frieden finde und mir meine Kraft, Energie und Inspiration behalte, um Projekte zu realisieren, die die Menschen glücklich machen.

STANDARD: Der Pritzker-Preis ist mit 100.000 US-Dollar dotiert. Was werden Sie damit tun?

Kéré: Ganz ehrlich? Der Pritzker-Preis ist eine enorme Sache für mich und meine gesamte Familie. Meine Mutter hat mich immer schon gepusht, ermuntert und zur Schule geschickt, und auch heute noch verfolgt sie die Arbeit ihres Sohnes mit Stolz und Interesse mit. Auch einige meiner Freunde und Geschwister freuen sich mit mir mit. Ich lade sie alle zur Preisverleihung nach London ein – Visumanträge, Flugkosten, Unterbringung, einfach alles. Wir sind eine große Familie, da bleibt nicht mehr viel übrig.

STANDARD: Was machen Sie mit dem Rest?

Kéré: Mein ganzes Leben besteht aus Effizienz, sinnstiftender Arbeit und sorgfältigem Umgang mit Geld. Jetzt will ich feiern und in meinem Dorf in Burkina Faso ein großes Fest schmeißen.

[ Diébédo Francis Kéré, geb. 1965 in Gando, Burkina Faso, betreibt seit 2004 sein Architekturbüro in Berlin. Als erster afrikanischer Architekt wurde er heuer mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet. Am 27. Mai findet in London die Verleihung statt. ]

9. April 2022 Der Standard

Sattelfest

Nichts ist unter Architekten verschmähter als das gute, alte Satteldach. Was wurde nicht schon gespottet und geschimpft! Das Wiener Architekturbüro Smartvoll macht das ungeliebte Ding wieder salonfähig.

Vom Haupteingang bis ins Büro des Bürgermeisters sind’s keine 30 Schritte. Immer nur gradaus, meist steht die Tür sperrangelweit offen, direkt in der Sichtachse sitzt er, alles gut im Blickfeld habend, zugleich einsichtig wie nur was, tippt grad irgendwas in den Computer. „Ah, da sind Sie ja!“ Alois Zetsch, laut Gemeinde-Homepage bei der ÖVP, aber irgendwie mehr schwarz-rotgrün als türkis, ist eigentlich gelernter Elektriker, leitet seit vielen Jahren ein eigenes Elektrounternehmen. Seit 2005 ist er Mitglied im Gemeinderat, 2014 wurde er – keine Kurzschlusshandlung, sondern mit ziemlich überzeugender Mehrheit – zum Bürgermeister gewählt.

„Eine der Agenden“, sagt der 62-Jährige, Flanellhemd und Fleece-Jacke, „war ein neues Rathaus, denn das alte Gebäude platzte aus allen Nähten, war in keinster Weise barrierefrei, und selbst wenn wir es mühsam saniert hätten, wäre es dennoch ein hermetisches, altmodisches Haus geblieben. Ich aber wollte, dass Großweikersdorf endlich ein offenes, einladendes Gemeindeamt bekommt.“ Zur Auswahl standen zwei Grundstücke im Eigentum der Gemeinde, eines direkt am historischen Hauptplatz, eines am Stadtrand neben dem Bauhof. Gut, dass man sich fürs richtige entschieden hat.

Vier Architekten wurden im Rahmen eines kleinen geladenen Wettbewerbs um einen Entwurf gebeten – drei Büros aus der Region sowie ein Wiener Büro, von dem der Elektriker Zetsch bei einem Projekt vor vielen Jahren mal einen Auftrag bekommen hatte und dessen freche, innovative Architektur ihm seitdem in Erinnerung geblieben war. Diesmal drehte sich der Spieß um, und die Architekten bekamen den Auftrag vom zum Statthalter aufgestiegenen Professionisten. Im Herbst 2021 wurde das neue Rathaus feierlich eröffnet.

Wie eine Scheune in Iowa

Die Straßenfront wurde durchbrochen, statt einer langweiligen, verputzten Fensterfassade wurde mit städtebaulichem Wagemut eine hölzerne Satteldachfront in die Baulücke gestellt, links und rechts davon zwei wilde, verwunschene Gehwege, ein Abstecher in die Wohnsiedlung dahinter, gelegentlich kann man die Gemeindemitarbeiterinnen hier bei einer Zigarette und einer Tasse Kaffee antreffen, dazwischen erstreckt sich das Gebäude – wie eine Scheune irgendwo in Iowa – 60 Meter weit nach hinten.

„Wir wollten ein wirklich offenes, öffentlich zugängliches Rathaus, das sich anfühlt wie ein Kumpel, dem man gern mal auf die Schulter klopft, weil man ihn so gern hat“, sagt Philipp Buxbaum, der gemeinsam mit seinem Partner Christian Kircher das Wiener Büro Smartvoll Architekten leitet. Das Ziel wurde erreicht: Während in einem klassischen Rathaus, wie Buxbaum vorrechnet, lediglich zehn bis 15 Prozent der Nutzfläche hausfremden Personen zur Verfügung stehen, sind in Großweikersdorf rund 55 Prozent des Gebäudes öffentlich begehbar – darunter auch eine Art Wohnzimmer-Lounge mit Bibliothek und Sitztribüne. Den schulterklopfenden Sympathiefaktor erreicht man über das gute alte Satteldach.

„Wir sind überhaupt keine Satteldach-Spezialisten und auch keine Satteldach-Liebhaber, aber wir haben auch keine Scheu davor, wie viele andere Architekten“, sagt Kircher. „In diesem Fall hat sich das Satteldach angeboten, weil es das optische Erscheinungsbild des Gebäudes reduziert und irgendwie handlicher und kompakter macht. Und auch, weil es eine aus dem eigenen Einfamilienhaus bekannte Architekturtypologie ist, die sich den Bürgerinnen und Bürgern als Willkommensgruß und freundliches Kommunikationsmittel präsentiert.“

Großstadtdschungel

Bürgermeister Alois Zetsch hat bislang nur beste Rückmeldungen bekommen. „Die Leute lieben das Haus, und sie haben das Gefühl, dass ihnen die Gemeinde hier ein zweites Wohnzimmer hingestellt hat. Wenn sie einen Termin auf der Gemeinde haben und ein bissl warten müssen, dann sitzen sie nicht auf einem Konferenzstuhl im Wartezimmer, sondern auf einem grünen Sofa unter einem riesengroßen Holzdachstuhl.“ Der Erfolg des 5,3 Millionen Euro teuren Projekts hat schon weite Kreise gezogen: Nominierung für den Holzbaupreis und den INA Award 2021, Anerkennung beim Holzbaupreis, Sieger beim Architizer A+Award.

Und die Satteldach-Euphorie in der digitalen Crowd ist noch lange nicht zu Ende: Erst letztes Wochenende veröffentliche der Architekturblog designboom eine Projektstudie von Smartvoll, die sich – abermals mit einem Satteldach gekrönt – mit städtischer Nachverdichtung und urbanem Wohnen mit Zugang ins Grüne beschäftigt. Zwischen zwei Feuermauern im dichtest verbauten Wien-Ottakring stellen Buxbaum und Kircher fiktiv einen hölzernen Leichtbau auf das Dach eines niedrigen Gründerzeithauses und verwandeln die Lücke zwischen den beiden Feuermauern solcherart in einen wilden Großstadtdschungel.

„Die hohe Schule der österreichischen Architektur lehrt einen, 80 Stunden pro Woche zu arbeiten, niemals zu lachen, stets ernst zu bleiben, dem Flachdach zu huldigen und in modernen Raumkontinua wie bei Mies van der Rohe zu denken“, sagt Philipp Buxbaum. „Solche Kisten zu bauen ist unter Architekten eine Art Modeerscheinung – ach was, Religion! Doch es gibt auch eine Architektur jenseits dieser monokulturellen Dogmatik. Wir nennen das Biodiversität.“

7. März 2022 deutsche bauzeitung

Wie man einen Regenbogen baut

Kirchenneubau in Brünn (CZ)

Die Kirche der Seligen Maria Restituta in Brünn ist eine Skulptur aus Licht und Beton. Architekt Marek Jan Štĕpán hat sich an Vorbildern des 20. Jahrhunderts orientiert und einen ambivalent großartigen Ort geschaffen, bei dessen Anblick die Reaktion zwischen Begeisterung und Enttäuschung oszilliert.

Kaum hat man die Banalität des Außenraums hinter sich gelassen, kaum ist die gläserne, mit Holzlatten verkleidete Brandschutztür mit Panikbeschlag wie aus dem Baumarktkatalog mit einem metallischen Klick zugefallen, überfällt einen eine Mischung aus Schock und zauberhafter Überraschung. Man steht plötzlich mitten in einer Raum-Zeit-Maschine, in Millisekunden reist man nach Ronchamp zu Le Corbusiers Notre-Dame du Haut. Nackter Beton in unterschiedlichen Qualitäten und Oberflächen, mal glatt, mal rau, mit Besenstrich gekratzt oder konzentrisch in kleinen, 8 cm breiten Holzlatten geschalt, und über genau jene Fläche, die sich mit einem magischen Licht-Schatten-Spiel in 18 m Höhe über den Kirchenraum stülpt, legt sich wie ein dematerialisierter Schleier aus Licht ein kreisrunder Regenbogen in allen Farben dieser Welt.

»Schon seit Jahrhunderten beschäftigen sich die Menschen damit, wie man höhere, spirituelle Kräfte darstellen kann, und auch Umberto Eco bezeichnete die Identität Gottes einst als einen Lichtstrom, der das ganze Universum durchdringt«, sagt Architekt Marek Jan Štěpán. »Genau darum geht es in dieser Kirche. Die eigentliche Lichtquelle ist von unten betrachtet unsichtbar, und doch dringt dieses wunderbare sphärische Licht in den Innenraum und breitet sich auf der gesamten, im Durchmesser 25 m großen Kuppel aus. Das ist meine ganz persönliche Art und Weise, Spiritualität und universelle Kraft darzustellen. Es geht um Immaterialität und um eine fast uterushafte Sanftheit und Sicherheit.« Štěpán, 54 Jahre alt, selbst praktizierender Christ und Professor für sakrale Räume an der Technischen Hochschule Brünn, beschäftigt sich schon seit geraumer Zeit mit Kirchenarchitektur. Sein Portfolio umfasst katholische, evangelische und jüdische Gotteshäuser sowie zahlreiche Entwürfe für Altäre, Tabernakel und diverse liturgische Geräte. Mit besagtem Standort in Lesná, einer modernen Wohnsiedlung im Norden Brünns, die in den 60er Jahren von František Zounek und Viktor Rudiš nach dem Prinzip einer Gartenstadt errichtet wurde, hatte er schon mal während seines Diplomstudiums 1991 zu tun. Damals wurde ein öffentlicher Wettbewerb für eine Kirche und ein Glaubens- und Gemeindezentrum ausgeschrieben, den er gemeinsam mit Zdeněk Bureš gewinnen konnte. Das Gemeindezentrum von Bureš wurde realisiert, der Entwurf für die Kirche der Seligen Maria Restituta allerdings blieb in den Akten.

»Es vergingen 25 Jahre mit weit über 30 Entwurfsvarianten vieler beteiligter Architekten, doch die Diözese von Brünn konnte sich auf keine Lösung einigen«, erinnert sich Štěpán. 2016, ein Vierteljahrhundert später, wurde daher ein zweiter Wettbewerb ausgeschrieben. Und: »Ich konnte es kaum glauben, aber den habe schon wieder ich gewonnen! Es gibt einige Analogien zu meinem Erstentwurf, vieles ist ähnlich, aber im Großen und Ganzen ist das Projekt wohl reifer und erwachsener geworden. Während ich mich als Student noch mit einer expressiven Holzkonstruktion verewigen wollte, die ein wenig an Moby Dicks Skelett erinnert, ist meine Sprache im Laufe der Jahre ruhiger und in gewisser Weise entmaterialisierter geworden. Es geht um Baustoff in seiner reinsten Form und um Licht – um viel Licht.«

Zu ebener Erde liegt glatter Granit, an den Wänden ist die archaische Sprache Štěpáns ablesbar, sei es in Form von bauüblichen Betonfertigteilen, sei es in Form von unterschiedlich behandelten Kratztexturen und Schalungsadrücken. An zwei Stellen, die einen vagen rechten Winkel markieren, ragen organische, konvex geformte Emporen in den Kirchenraum, und fast scheint es, als habe Štěpán die beiden charakteristischen Betonvordächer in Ronchamps Kapelle mit einem bildhauerischen Kunstkniff von außen nach innen gestülpt. Unter den Kratzstrukturen verbergen sich vorgespannte Balkonplatten mit einer schiffsbauartigen Unterkonstruktion aus Holzleichtbau. Da ist er also wieder, Moby Dicks Bauch. Die erste Empore dient als erweiterter Sitzbereich, falls die Messe mal mehr Besucher locken sollte, die zweite, leicht höhenversetzte Galerie gehört den Chören und Organisten. Das räumliche Angebot dürfte nicht übertrieben sein. Nach Auskunft des Architekten besuchen rund 500 bis 600 Gläubige regelmäßig die beiden Sonntagsmessen. »Zwar gibt es in Mähren bloß 4 % praktizierende Christen, und tatsächlich befinden sich in der Brünner Altstadt viele Kirchen, die oft leer stehen, aber gerade in so dicht besiedelten Wohnquartieren wie hier in Lesná ist der Bedarf an gotteshäusern meist nicht gedeckt.« Rund 20 000 Menschen leben hier, und der Blick auf die Häuser, Lokale und Geschäfte, auf die waghalsig konstruierte Schwimmhalle und auf das heterogene atmosphärische Straßenbild lässt vermuten, dass die Bewohnerschaft von Lesná eine sozial, kulturell und demografisch durchmischte ist.

So facettenreich wie das Lichtspiel an der Decke

Die Geometrie der gesamten Kuppelkonstruktion ist so gelöst, dass das Fensterband von unten unsichtbar bleibt. Vor den thermischen Fenstern – kleine, handelsübliche Kippflügel, mit denen der Raum entlüftet werden kann – befindet sich die farbgebende Fassadenebene aus 4 m hohen Verbundsicherheitsgläsern, 120 Stück an der Zahl, die mit durchgefärbten Klebe- und Verbindungsfolien ihr volles Regenbogenspektrum entfalten. Zwischen Fenster und Kuppelvolute gibt es eine schmale Galerie, die über Turm und Stahlbrücke zu Wartungs- und Reparaturzwecken der Beleuchtungsanlage erreicht werden kann. Welch Freude, dass sich diese irdischen Funktionen dem perfekt inszenierten, illusorischen Bild des Betrachters entziehen.

Anders sieht es leider aus, sobald man den Innenraum verlassen hat. Im Anschluss an Štěpáns Neubau der Seligen Maria Restituta – benannt zu Ehren der Ordensschwester und Widerstandskämpferin gegen das NS-Regime, die 1943 hingerichtet und 1998 seliggesprochen wurde – befindet sich das bestehende Gemeindezentrum von Zdeněk Bureš, das im Zuge der Kirchenbauarbeiten lediglich in einem unauffälligen Grauton überstrichen wurde. Errichtet wurde die kreisrunde Kirche daneben auf einem rechteckigen Betonpodest, in dessen Mitte kleine Bäumchen gepflanzt wurden. Darunter befindet sich eine Tiefgarage mit rund 40 Stellplätzen und mechanischer Belüftung. Flankiert wird der mit Granit verkleidete Vorplatz schließlich von einem 31 m hohen Glockenturm mit dreieckigem Grundriss. Die Wendeltreppe im Innern des Turms dient in den unteren Metern als Garagenzugang und im oberirdischen Bereich als Erschließung der Fenstergalerie und des 16-teiligen Glockenspiels.

Und leider, spätestens hier, kippt die Euphorie über dieses sinnliche, spirituelle, mit wenig Budget und viel Leidenschaft gestaltete Projekt ins Gegenteil. Die euklidische Mengenlehre aus kreisrundem Zylinder, rechteckiger Garagenschachtel und dreieckigem Turm, die banale Kombination aus weißer Putzfassade, buntem Glasband und gelb-roter Glockenloggia am höchsten Punkt des Turms entwickelt an dieser Stelle des Gebäudes banale, ja fast naive Momente pseudo-postmoderner Gestaltungslehre. Marek Jan Štěpáns Erläuterungstext zum Konzept und zur architektonischen und religiösen Bedeutung des Kreises als perfekter, ganzheitlicher, formvollendeter Körper macht die Sache auch nicht besser. Verstärkt wird das kindliche Erscheinungsbild durch ein zum Teil technisch bedingtes Kunstprojekt an der Kirchenaußenwand. Um auf klassische Dehnungsfugen zu verzichten, legte der Künstler Petr Kvíčala ein amorphes, sich immer wieder überschneidendes Liniengeflecht über die gesamte Vollwärmedämmsystemfassade. Die linearen Mulden dienen der 3 cm dicken Putzschicht bei Temperaturschwankungen als Dehn- und Sollbruchstelle. Dazwischen schweben hieroglyphenartige, ebenfalls in den Putz hineingekratzte Piktogramme, die Aufschluss über das Leben und die Vorlieben der Ordensfrau Maria Restituta Kafka geben sollen: Sonnen, Kerzen, ‧Fische, Weintrauben, Blumen, Bücher und sogar ein Glas Bier, das über dem Eingang zu entdecken ist. Man ist hin- und hergerissen zwischen Schmunzeln und Schnaufen. Eigentlich schade.

Seinen Frieden schließen kann man mit diesem Bauwerk erst wieder aus der Entfernung. Wenn man den Ort verlassen und sich in die Straßenbahn gesetzt hat, ragt über den Baumkronen von Lesná – in einer fast schon wieder Le-Corbusier-haften Weise – der Kirchturm der Seligen Maria Restituta empor. Die zwei gelben und roten, weit in die Ferne hinausleuchtenden Glockenloggien ganz oben sind ein schöner, sympathischer städtebaulicher Orientierungspunkt. Und so bleibt der letzte Eindruck eines Hauses, das im sehr Kleinen und sehr Großen überzeugt – und dazwischen Abbild eines einst klerikal-kommunistischen Dilemmas ist, in dem die Bautypologie Kirche jahrzehntelang architektonischen Entwicklungsstillstand erleiden musste. Das Projekt in drei Worten: Himmel, Hölle, Himmel.

26. Februar 2022 Der Standard

„Wir dürfen die Fantasie nicht unterschätzen“ Turn On

Die Pariser Architektin Sophie Delhay hat es geschafft, mit den Richtlinien des geförderten Wohnbaus zu jonglieren. Ihre Häuser sind eine Anleitung zur Freiheit. Nächste Woche hält sie einen Vortrag beim Architekturfestival Turn On.

STANDARD: Wer ist die rote Frau auf den Fotos?

Delhay: Sie sind der Erste, der das fragt. Das bin ich!

STANDARD: Wie denn das?

Delhay: Es war alles organisiert. Die Wohnungen waren gereinigt, der Fotograf Bertrand Verney war mit seiner ganzen Ausrüstung vor Ort, und plötzlich haben wir gemerkt, dass es unmöglich ist, einen zweigeschoßigen, fünf Meter hohen Raum zu fotografieren, ohne dabei einen Größenbezug herzustellen. Es war sonst niemand da. Also haben wir mich als Maßstab inszeniert.

STANDARD: Die Fotos zeigen das Wohnhaus „32 Logements-Cathédrale“ in Dijon. Warum fünf Meter hohe Räume?

Delhay: Jedes Haus, das ich plane, hat seine eigene Religion. Dieses Wohnhaus in Dijon, das wir 2020 fertiggestellt haben, zeichnet sich dadurch aus, dass wir die Wohnzimmer zum Teil zweigeschoßig ausgeführt haben. Viel Raum, viel Licht, viel Großzügigkeit im Sein und Denken. Wir haben uns getraut, dem Wohnhaus den Namen „Cathédrale“ zu geben. Man fühlt sich irgendwie frei.

STANDARD: Sie sprechen von Religion. Wie kann sich diese Religion sonst noch bemerkbar machen?

Delhay: In unserem Projekt „Unité(s)“, ebenfalls in Dijon, sind wir von gleich großen Raumquadraten ausgegangen. Jedes Zimmer hat genau 13 Quadratmeter und ist über Schiebetüren mit den anderen Zimmern verbunden oder auch von ihnen getrennt. Wir geben keine Nutzung vor, sondern überlassen den Bewohnern, ob und wie sie die Räume zusammenlegen wollen. In wiederum einem anderen Projekt in Nantes haben wir uns getraut, jeweils ein Zimmer aus dem Wohnungsverband herauszulösen.

STANDARD: Das heißt?

Delhay: Man kann das Zimmer nur erreichen, indem man die Wohnung verlässt und im Garten oder auf der Terrasse ein paar Schritte durch den Außenraum schreitet. Es ist eine Art Exklave.

STANDARD: Wie reagieren die Bewohner darauf?

Delhay: Unsere Auftraggeber bitten uns meistens, zu jedem Projekt eine kleine Broschüre zu erstellen, in der wir in wenigen Worten das Konzept des Wohnprojekts erklären und niederschreiben, was wir uns dabei gedacht haben. Aber ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich das so gut finde.

STANDARD: Warum nicht?

Delhay: Weil jede Erklärung die Fantasie wegnimmt, weil jede Regulierung etwas kaputtmacht. Uns Architektinnen wird immer nachgesagt, wir hätten ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen. Nun, ich glaube auch an die Vorstellungskraft meiner Bewohnerinnen und Bewohner. Wir dürfen die Fantasie der Menschen nicht unterschätzen!

STANDARD: Sind Ihre Wohnkonzepte eine Herausforderung?

Delhay: Für manche wahrscheinlich schon. Für andere sind sie eine Anregung oder sogar eine Fantasiemaschine. In der Regel, wenn nicht gerade Covid ist, besuche ich nach circa zwei Jahren ein Projekt und frage die Bewohner, ob ich mir ihre Wohnungen anschauen darf. Und manchmal bin ich ganz schön überrascht.

STANDARD: Bitte ein Beispiel.

Delhay: In dem Projekt in Nantes, wo ein Zimmer der Wohnung nur über den Garten zu erreichen war, habe ich einen Mann getroffen, der diesen Extraraum als Wohnzimmer nutzt. Ich war ganz perplex. Und dann hat er mir erklärt, dass er seine Tochter nach der Scheidung nur selten sieht – doch wenn er sie bei sich hat, dann wohnen sie hier draußen, wo sie stundenlang spielen, reden und gemeinsame Momente teilen. Ist das nicht schön?

STANDARD: Was machen Sie, wenn ein Mieter mit Ihrer Wohnung überhaupt nichts anfangen kann?

Delhay: Im geförderten Wohnbau in Frankreich bekommt jeder Interessent genau drei Wohnungen präsentiert, aus denen er auswählen kann. Wer mit so einem Konzept nicht zurande kommt, kann auf zwei andere Wohnungen ausweichen. Die Vielfalt der Wohnkonzepte ist kein Problem, sondern eine Bereicherung.

STANDARD: Die meisten Ihrer Wohnprojekte sind sehr rough, haben Sichtbeton an den Wänden oder Metallgitter an der Fassade. Wieso denn das?

Delhay: Jede Entscheidung verändert das gesamte System. Wenn ich mich entscheide, hohe Räume zu machen, Schiebetüren einzubauen oder getrennte Wohnbereiche zu schaffen, dann kostet das Geld, dann muss ich das Geld an anderer Stelle wieder einsparen. Im Wohnhaus „32 Logements-Cathédrale“ mussten wir auf teure Böden und ausgemalte Wände verzichten, sonst wären wir mit dem Budget nicht ausgekommen. Es sind kommunizierende Gefäße.

STANDARD: Müssen Sie sich nicht an gewisse Mindeststandards im sozialen Wohnbau halten?

Delhay: Doch, und diese Mindeststandards definieren die Zimmergrößen, die Fußbodenoberflächen, weiß ausgemalte Wände und vieles mehr. Ich halte mich nicht daran. Aber ich halte mich daran, dass wir pro Quadratmeter Nutzfläche nur ein gewisses Budget verbauen dürfen. Wir verbauen es halt anders.

STANDARD: Das geht?

Delhay: Früher war ich jung und gutgläubig. Ich war eine „tête brûlée“, ein brennender Kopf, eine Art kompromissloser Geist. Und irgendwie hatte ich immer Glück, denn die Bauträger haben das Konzept verstanden – und erkannt, was sie an Mehrwert bekommen, wenn sie woanders auf gewisse Qualitäten verzichten. Heute ist das anders. Die Unternehmen wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie mich zu einem Bauträgerwettbewerb einladen.

STANDARD: Gewinnen Sie oft?

Delhay: Nein, die meisten Wettbewerbe verlieren wir. Aber wenn wir gewinnen, dann mit großer Euphorie unter allen Beteiligten.

STANDARD: Manchmal werden Sie als experimentell bezeichnet. Stimmen Sie dem zu?

Delhay: Nein. Ein Experiment hat immer mit Risiko und Laborversuch zu tun. Ich aber bemühe mich lediglich, ein architektonisches Vokabular für das zu finden, was schon längst da ist – und zwar für eine Gesellschaft, die sich verändert hat, die nach Freiheit und Offenheit verlangt, die nicht mehr in ein paar wenige Standards zu pressen ist. Unsere Wohnkultur braucht dringend eine neue Architektursprache.

STANDARD: Nächste Woche halten Sie einen Vortrag beim Architekturfestival Turn On. Worüber werden Sie sprechen?

Delhay: Über Freiheit – und darüber, dass es als Architekten, als Architektinnen unsere Aufgabe ist, diese Freiheit zu befreien.

[ Sophie Delhay (48) gründete das Architekturkollektiv Boskop in Lille und leitet seit 2008 ihr eigenes Architekturbüro in Paris. Sie unterrichtet an der École d’Architecture in Versailles. ]

12. Februar 2022 Der Standard

Architektur in der Antarktis: Die Schlacht am vereisten Buffet

In der Arktis wittern Nationen und Konzerne Rohstoffe und Schifffahrtsrouten. Das Interesse am Eis manifestiert sich auch in der Architektur. Fotograf Gregor Sailer hat sie eingefangen

Schaut aus, als würde von unten ein russisches U-Boot die Eisdecke aufbrechen und auftauchen wollen, daneben ein rotes Stahliglu, polygonal aus Fünf- und Sechsecken zusammengeschweißt, zwei Türen, der Eingang in die Bohrlochkammer, und dann kilometerweit nichts als Pipelines bis zum Horizont, bis in die Industriegebiete von Húsavík, Reykjavík und Reyðarfjörður, wo sich die größten Silizium- und Aluminiumwerke Islands befinden. „Der Wasserdampf aus den geothermischen Anlagen ist eine wertvolle Energiequelle“, sagt Gregor Sailer. „Heute schon werden in Island rund 575 Megawatt aus Erdwärme gewonnen. Ohne diese Anlagen hätte sich die isländische Schwerindustrie hier wohl niemals angesiedelt.“

Das Kraftwerk in Bjarnarflag neben dem Mývatn-See im Nordosten Islands, eingezäunt und bewacht wie so vieles im polaren Norden dieser Welt, ist nur eine von vielen Anlagen, die der Tiroler Fotograf in den Jahren zwischen 2017 und 2021 mit seiner Sinar-Laufbodenkamera auf die Filmplatte bannte. Die Begehrlichkeit des 42-Jährigen gilt dabei aber nicht so sehr dem Seltenen, Exotischen als vielmehr all jenen versteckten, in der Regel verborgenen Infrastrukturen, die Teil eines geopolitischen und globalwirtschaftlichen Netzwerks sind und hinter denen sich eine ebenso komplexe militärische Überwachungsmaschinerie verbirgt.

„Aufgrund der billigen und im Übermaß verfügbaren Energie ist Island ein strategisch wichtiger Industriestandort, zugleich aber müssen die Rohstoffe und veredelten Materialien über weite Strecken mit dem Schiff an- und abtransportiert werden“, sagt Sailer. „Viele Länder und Konzerne haben daran Interesse. Daher zählt Island zu den von der Nato am stärksten überwachten Regionen auf der Nordhalbkugel.“

Vier Jahre lang besuchte Sailer Kraftwerke, Produktionsstätten, Sendeanlagen, Radarstationen, Bohrinseln, Forschungscamps und ganzjährig eingeschneite Gewächshäuser in der Arktis – die meisten davon jenseits des nördlichen Polarkreises. Sie alle definieren eine rund 21 Millionen Quadratkilometer große Region, um die sich einige Weltmächte und Industrienationen prügeln wie bei einer Schlacht am vereisten Buffet. Im Fokus der Interessen von China, Russland und den USA stehen nicht nur begehrte Rohstoffe wie Öl, Gas und seltene Erden, die aufgrund der in der Klimakrise auftauenden Polkappen nun leichter zugänglich werden, sondern auch neue Schifffahrtsrouten.

„2018“, sagt Sailer, „hat die chinesische Regierung in ihrem Arctic White Paper erstmals die polare Seidenstraße erwähnt. Einerseits sollen die Frachtrouten dadurch um bis zu 40 Prozent verkürzt werden, was den globalen Schiffsverkehr billiger und effizienter machen wird, andererseits wäre diese Route eine attraktive Alternative zum längst überlasteten Suezkanal.“ Als im März 2021 die Ever Given die Sandböschung rammte und den Kanal verstopfte, stand der globale Frachtverkehr wochenlang still. Solche Super-GAUs möchte China mit der polaren Seidenstraße, die aufgrund der Erderwärmung bis spätestens 2050 eisfrei befahrbar sein wird, künftig vermeiden.

Fahne unter Wasser

„Tatsächlich gibt es viele Instanzen, die von der Klimakrise und Erderwärmung profitieren werden und die aus diesem Grund schon jetzt ihre Reviere in der Arktis markieren“, erzählt Sailer. Die politische und wirtschaftliche Machtgier nimmt bisweilen skurrile Züge an: Nachdem Russland seine Konkurrenten überlisten und die Grenzen des Festlandsockels und die daraus abgeleiteten Ansprüche auf Öl- und Gasvorräte geologisch korrekter verankern und dabei nicht nur auf vereistes Wasser setzen wollte, schickte es im Jahr 2007 ein U-Boot los und rammte auf dem Nordpol in über 4000 Meter Tiefe eine russische Fahne in den Meeresboden.

Für sein fotografisches Narrativ besuchte Gregor Sailer rund 20 Destinationen und Einrichtungen in Island, Grönland, Norwegen, Großbritannien und im eisigen Norden Kanadas. Einige andere Reisen wie etwa nach Russland wurden ihm verwehrt oder fielen den restriktiven Corona-Lockdowns zum Opfer.

Die meisten und visuell mit Abstand kältesten Fotos, die vor ein paar Monaten in seinem Buch The Polar Silk Road (Kehrer-Verlag) verewigt wurden, stammen aus dem Forschungscamp East Grip in der Einöde Grönlands, wo seit Jahren Eiskernbohrungen durchgeführt werden, um aus den rund 100.000 Jahresschichten Informationen über die Klimageschichte der Welt zu gewinnen, sowie von der militärischen Überwachungszentrale im kanadischen Tuktoyaktuk, wo sich direkt an der Beaufortsee eine Kontrollstation des North American Aerospace Defense Command (Norad) sowie eine von insgesamt 50 Radarstationen des North-Warning-System-Netzwerks (NWS) befinden.

„Ich finde die militärischen Einrichtungen faszinierend, weil sich aufgrund des Klimas und der in diesen Breitengraden verfügbaren Baustoffe ein typischer Farb- und Formenkanon entwickelt hat“, erzählt Sailer. „Meistens wird mit Stahl gebaut, die Kugeln und Polyeder sind allgegenwärtig, und die häufigste Farbe ist Weiß, gelegentlich findet man auch rote und schwarze Bauten.“ In den meisten Fällen, sagt der Fotograf, der bei minus 55 Grad Celsius fotografieren musste, verschmelzen die militärischen Einrichtungen mit der Landschaft oder verschwinden gleich ganz im Schneesturm.

Gespenstisch

Ein Objekt hier oben auf 69,4 Grad nördlicher Breite (kleines Foto) hat es ihm besonders angetan – und zwar die achteckige, rund 120 Meter breite Esso-Caisson-Bohrinsel, die 1982 in Japan gebaut und nach Beendigung ihrer fossilen Dienste vor einigen Jahren technisch ausgeweidet und in die Bucht von Tuktoyaktuk geschleppt wurde, wo sie seitdem im Wasser treibt und jeden Winter von meterdickem Eis eingefangen wird. Das Bild ist gespenstisch, irgendwie bedrohlich. Ein perfektes Setting für einen eiskalten Blade Runner-Film.

„Die Arktis ist geografisch zwar weit weg von uns“, sagt Gregor Sailer, „aber die territorialen Dispute, die sich hier oben abzeichnen und die in den nächsten 30 Jahren noch massiv zunehmen werden, betreffen uns alle. Ich hatte die Möglichkeit, diese versperrten Gebiete zu betreten und zu fotografieren. Und ich erachte es als meine Aufgabe, diese Geschichten sichtbar zu machen.“ Die eingeschneiten Architekturen sind Zeugen eines ziemlich kalten Krieges.

20. Dezember 2021 Der Standard

Richard Rogers 1933–2021

Mit dem Bau des Centre Pompidou hat er seinen Ruhm begründet – jetzt ist der britische Architekt 88-jährig gestorben

Februar 1977, Paris. Es regnet in Strömen. Richard Rogers steht vor dem kürzlich fertiggestellten Centre Pompidou und betrachtet sein vollendetes Werk, als plötzlich eine ältere Dame an ihn herantritt und ihm einen Platz unter ihrem Regenschirm anbietet. Was er denn von diesem Gebäude hielte, fragt sie. Und Rogers stolz: „Ich bin der Architekt.“ In der nächsten Sekunde bekam er mit dem Schirm eins über die Rübe gezogen.

Lange hatte es gedauert, bis die Pariser sein wohl berühmtestes Frühwerk zu schätzen gelernt haben. Die Presse bezeichnete es als Pompidoleum, als Erdölraffinerie, als Notre-Dame der Röhren. Die französische Tageszeitung Le Figaro sprach gar von einem „kulturellen King Kong“ und verglich das Haus auch mit jenem sagenumwobenen Monster im Loch Ness. Heute ist das Centre Pompidou, das Richard Rogers mit seinem damaligen Partner Renzo Piano plante, aus dem Pariser Stadtbild nicht mehr wegzudenken. In der Nacht von Samstag auf Sonntag ist Richard Rogers im Alter von 88 Jahren friedlich eingeschlafen, wie seine Familie der New York Times mitteilte.

Seine Kindheit und Jugend waren ein Horror. Geboren 1933 in Florenz, 1939 mit der Familie nach London übersiedelt, konnte er wegen einer nichtdiagnostizierten Legasthenie bis zu seinem elften Lebensjahr weder lesen noch schreiben. Er wurde regelmäßig gemobbt, „ich weinte mich jede Nacht in den Schlaf, Jahre der Traurigkeit“, schrieb er später in seiner Autobiografie A Place for all People . In den späten Fünfzigerjahren studierte der Schulabbrecher Architektur an der berühmten Architectural Association School of Architecture (AA) in London, hatte aber auch hier mit Misserfolgen zu kämpfen, flog in seinem vorletzten Studienjahr in fünf von sechs Fächern durch.

Mit einem Fulbright-Stipendium ging er 1962 nach Yale, wo er eine tiefe Freundschaft mit seiner späteren Frau Su Brumwell sowie mit Norman Foster und dessen Freundin Wendy Cheesman schloss. 1963 gründeten sie das sogenannte Team 4, das sich schon bald zu einem Nährboden für die britische Hightech-Bewegung herausstellen sollte. Inspiriert von den frühen Industriebauten in Nordengland entstanden die ersten realisierten Projekte in Vorfertigung und modularer Bauweise. Aus dieser Haltung heraus entstand schließlich das Centre Pompidou.

Die Saure-Gurken-Zeit war damit endgültig vorbei. Es folgten das Lloyd’s Building in London (1984), der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg (1994), der Millennium Dome in London (1999), der fröhlich bunte Flughafen Madrid Barajas (2004), der Justizpalast in Antwerpen (2006), das Leadenhall Building in London (2014), aufgrund seiner Form auch besser bekannt als „Käsereibe“, und schließlich das Three World Trade Center in New York (2018) sowie etliche Konzepte für günstiges, leistbares Wohnen in ganz Großbritannien.

1991 wird Rogers von Queen Elizabeth II zum Ritter erhoben, 2007 erhält er den renommierten Pritzker-Preis, 2015 wird er vom Männermagazin GQ zu den „50 best-dressed British men“ gezählt. Der freundliche, sympathische Mann, der stets in grasgrünen und knallpinken Hemden auftrat, hat die Welt für die Schönheit einer technoiden, konstruktiven und zugleich hellen, bunten, verspielten Architektur sensibilisiert wie kein anderer.

17. November 2021 Der Standard

Mit Wölkchen und Tarnfarbe

In der Joseph-Lister-Gasse in Wien-Hietzing hat die Sozialbau eine weitestgehend CO2 -freie Mustersiedlung mit Wärmepumpen und Photovoltaik errichtet. Die Architektur dafür stammt von zwei bekannten Büros.

Auf der Rückseite der Klinik Hietzing, einst Krankenhaus Lainz, befand sich früher ein Personalwohnheim. Nachdem sich die Anforderungen an Wohnen und Arbeiten in den letzten Jahrzehnten massiv verändert haben und die kleinen, niedrigen Wohnungen keine sinnvolle Weiterverwertung zuließen, wurde die alte Wohnhausanlage abgerissen. Heute stehen hier, in unmittelbarer Nähe zum benachbarten Hörndlwald, zehn fröhliche Sozialbau-Stadtvillen, die von zwei der bekanntesten Architekturbüros Österreichs geplant wurden: Coop Himmelb(l)au und DMAA Delugan Meissl Associated Architects.

„Unsere Häuser sind eine Neuinterpretation der weißen Moderne“, sagt Wolf Prix von Coop Himmelb(l)au. „Einerseits lösen wir mit den großen, eleganten Balkonskulpturen die Grenze zwischen Innen- und Außenraum auf, weil wir darauf den Wohnraum in den Freiraum hinaus erweitern, andererseits lassen wir uns auch nicht die Kunst aus der Baukunst vertreiben.“ Konkret: In Anlehnung an die bildhauerische Herangehensweise von Louis Kahn, Le Corbusier und Erwin Wurm, die Prix als Referenz für dieses Projekt zitiert, gibt es über jedem Hauseingang eine dreidimensionale, adressbildende Plastik – mal ein Haus, mal ein Kegel, mal ein durchlöcherter Würfel. Zudem gibt es auf jedem Haus eine Fassadenzeichnung aus dem Hause Himmelb(l)au, mit Sonne, Wölkchen und Signatur: CHBL.

Optischer Kontrapunkt

Ganz anders präsentieren sich die fünf Häuser von Delugan Meissl. „Wir wollten einen Kontrapunkt zu Coop Himmelb(l)au setzen“, sagt Gerhard Göller, Projektleiter bei DMAA, „und haben uns daher für eine erdige, olivgrüne Tarnfarbe entschieden. Um die Fassadenfläche zusätzlich zu strukturieren, sind die Häuser rundum in einen vertikalen Kratzputz gehüllt.“ Die handwerklich aufwendige, fast schon in Vergessenheit geratene Putzmethode sorgt für eine besonders raue Oberfläche und verhindert aufgrund der tausenden kleinen Mikrorisse, dass die Putzfläche eines fernen Tages durch die großen Temperaturdifferenzen zwischen Sommer und Winter aufplatzt oder reißt.

„Durch den hohen Anteil an Bäumen auf dem Grundstück und durch die sehr großflächige Verwurzelung im Boden wäre eine geothermische Lösung technisch kaum durchführbar gewesen“, sagt Sozialbau-Chef Josef Ostermayer. Stattdessen werden die insgesamt 194 Mietwohnungen – die Hälfte gefördert, die andere Hälfte am freien Markt – mit Luftwärmepumpen beheizt. Über eine Fußbodenheizung gelangt die Wärme in die Wohnungen. Im Sommer dient die Anlage als Stützkühlung.

Die Warmwasseraufbereitung erfolgt mittels einer Hochtemperatur-Luft-Wasser-Wärmepumpe pro Stiege. Auf den Dächern sind Photovoltaikmodule installiert, die den nötigen Strom für den Betrieb aller Wärmepumpen liefern. „Überschüssige Stromspitzen werden wir für die Beleuchtung der öffentlichen und halböffentlicheren Bereiche nutzen“, sagt Ostermayer. „Unterm Strich sollte es uns auf diese Weise gelingen, weitestgehend emissionsfrei zu sein.“

Die Wohnungsgrößen variieren zwischen 53 und 112 Quadratmetern. Dass das örtliche, technische und architektonische Angebot den Nerv der Zeit getroffen hat, zeigt sich in der extrem hohen Nachfrage: Nach Auskunft der Sozialbau gab es knapp 10.000 Vormerkungen. Das sind durchschnittlich 50 Interessenten pro Wohnung. Vor zwei Wochen wurden die Schlüssel übergeben.

17. November 2021 Der Standard

Ochsenblutrote Jubiläumsfeier

Zu ihrem 100. Geburtstag errichtet die Gesiba eine Wohnhausanlage, die komplett emissionsfrei beheizt werden soll

Vor hundert Jahren wurde die Gemeinwirtschaftliche Siedlungs- und Baustoffanstalt gegründet. Das daraus gebildete Akronym „Gesiba“ ist bis heute namensgebend. Was einst mit Siedlervereinen und Reihenhausstrukturen in dünn besiedelten Grätzeln begann, soll nun wieder aufgegriffen und auf neu interpretierte Weise zelebriert werden. „Nachdem wir bei der Siedlerbewegung sowie auf dem Gebiet von Niedrigenergie- und Passivhaustechnologien immer schon Vorreiter waren“, sagt Ewald Kirschner, Generaldirektor des gemeinnützigen Bauträgers, „haben wir diese CO2 -neutrale Wohnhausanlage zu unserem Jubiläumsprojekt auserkoren.“

Drei Architekturbüros sind daran beteiligt: Bauteil eins plant der alte Gesiba-Hase Rudolf Guttmann, Bauteil zwei das Studio Eder Krenn, Bauteil drei Herbert Binder in Kooperation mit dem Atelier Kaitna Smetana. Gemeinsamkeit aller drei Baulose: „Wir sind hier in einer sensiblen Gegend zwischen Oberem Mühlwasser und Asperner Siegesplatz umgeben von Einfamilienhäusern, Ackerflächen und Wäldern“, sagt Architekt Benni Eder, der hier 44 Wohnungen plant. „Daher wollen wir den Charakter dieses Ortes trotz wirtschaftlicher Ausnützung des Grundstücks auf jeden Fall beibehalten.“

Außen handelt es sich um 38 punktuelle Häuser in kubischer Form mit Balkonen, Dachterrassen und zum Teil ochsenblutrotem Anstrich. Ergänzt wird die Wohnhausanlage, die insgesamt 155 Wohnungen umfasst, von einem Kindergarten und einem übergreifenden Freiraumkonzept von DnD Landschaftsplanung. „Es wird hier nie eine urbane Atmosphäre mit hunderten urbanen Menschen vor ihren Häusern geben“, meint der Architekt, „daher wollten wir dieses Trugbild auch gar nicht in irgendwelchen fotorealistischen, sozialromantischen Darstellungen vortäuschen.“

Die Jubiläumsbesonderheit liegt im Technischen verborgen: Unter der Wohnhausanlage werden 200 Meter tiefe Sonden in den Boden gegraben, 80 Stück an der Zahl. Über Bauteilaktivierung sollen die Häuser im Winter beheizt und im Sommer immerhin um ein paar Grad nach unten temperiert werden. Die Stromversorgung für die Wärmepumpen erfolgt durch eine PV-Anlage auf dem Dach. Der gesamte Heizwärmebedarf soll auf diese Weise emissionsfrei abgedeckt werden.

„Während des Baubewilligungsverfahrens gab es ein paar Einsprüche“, erinnert sich Gesiba-Chef Kirschner. „Daher haben wir das Projekt ein bisschen redimensioniert und auf die volle Ausnützbarkeit verzichtet.“ Zwischen den Häusern ist Urban Farming geplant. Alle Wohnungen werden im Rahmen der Wiener Wohnbauinitiative errichtet – also mit Wohnkosten in geförderter Höhe zu freifinanzierten Konditionen. Die Miete beläuft sich auf 11,50 Euro, der Eigenmittelanteil auf 150 Euro pro Quadratmeter. Bauzeit: Mitte 2022 bis Mitte 2024.

17. November 2021 Der Standard

Mit Backrohr und Kühlschrank zur Miete

Die Wientalterrassen der WBV-GPA bauen auf dem Prinzip von CO2 -Neutralität und Kreislaufwirtschaft auf. Geheizt wird mit Geothermie und Wärmerückgewinnung. Die Haushaltsgeräte können im Haus angemietet werden.

Eingeklemmt zwischen Westbahngleisen und Hadikgasse, die kurz darauf zur Wientalautobahn mutiert, errichtet die Wohnbauvereinigung für Privatangestellte (WBV-GPA) auf einem ehemaligen ÖBB-Grundstück in der Käthe-Dorsch-Gasse eine Wohnhausanlage mit 196 klassisch geförderten Mietwohnungen und 99 Smart-Wohnungen. Die Bebauung ist recht kompakt, eine kammartige Struktur mit fünf Höfen, doch dafür gibt es – quasi als Kompensation für die hohe Dichte und die räumlich eng gesteckten Grenzen – drei riesige Dachterrassen im fünften, sechsten und siebten Stock mit Blick auf Wienfluss, Wienerwald und Lainzer Tiergarten.

Doch die wahren Vorzüge der sogenannten Wientalterrassen liegen nicht oben am Himmel, sondern tief verborgen unter der Erde. Über 60 Erdsonden, die bis zu 150 Meter in die Tiefe reichen, wird genug geothermische Energie gewonnen, um damit alle Wohnungen beheizen zu können. Mithilfe von Wärmepumpen und Bauteilaktivierung in den massiven Deckenplatten gelangt die Wärme schließlich in die Wohnbereiche. Unterstützt wird das Niedrigenergiekonzept durch Solarthermie auf dem Dach und ein in Österreich in diesem Maßstab erstmals angewandtes Wärmerückgewinnungssystem, das die Restwärme aus dem Abwasser der gesamten Wohnhausanlage entnimmt und über Wärmetauscher wieder ins Netz zurückspeist.

„Auf diese Weise können wir auf fossile Brennstoffe komplett verzichten“, sagt Michael Gehbauer, Geschäftsführer der WBV-GPA, die das Konzept in Zusammenarbeit mit Ingenieuren des Austrian Institute of Technology (AIT) entwickelte. „Für uns gemeinnützige Bauträger in Österreich ist dieses System neu, in der Schweiz allerdings sind derartige Abwasserwärmerückgewinnungskreisläufe bereits gang und gäbe. Daher haben wir uns im Rahmen einer Exkursion einige Projekte live angeschaut – und uns mit den verantwortlichen Bauträgern und Genossenschaften über ihre Erfahrungswerte im alltäglichen Betrieb ausgetauscht.“

Das physikalische Gleichgewicht der Kräfte sorgt für einen buchstäblich coolen Nebeneffekt: „Wenn die Erdbatterien am Ende des Winters leer und ausgekühlt sind“, sagt Architekt Alfred Berger, der gemeinsam mit seiner Partnerin Tiina Parkkinen das Büro Berger+Parkkinen leitet und das Projekt in Kooperation mit Architekt Christoph Lechner (CEHL) geplant und umgesetzt hat, „müssen wir sie für die kommende Saison wieder mit Energie auffüllen. Daher nutzen wir die Geothermie, um die Wohnungen im Sommer um ein paar Grad zu kühlen. Das ist ein überaus komfortables Angebot, das im geförderten Wohnbau Seltenheitswert hat.“

Eine weitere Besonderheit ist das gemeinsam mit dem Verein Rusz (Reparatur- und Servicezentrum) betriebene Reparaturcafé, in dem die Bewohner mit der Instandsetzung von Haushaltsgeräten vertraut gemacht werden sollen. Weiters wird die WBV-GPA die Haushaltsgeräte in den Waschküchen und in den bereits möblierten Wohneinheiten von Rusz anmieten. Auf Wunsch soll das nachhaltige Kreislaufwirtschaftskonzept auch auf die Wohnungen übertragen werden. Wer möchte, kann – statt in neue Elektrogeräte zu investieren – eine Art Nutzungsvertrag mit dem Verein Rusz abschließen und seine Elektrogeräte über eine monatliche Gebühr anmieten, servicieren und bei Bedarf auch kostenlos reparieren und erneuern lassen.

„All in Penzing“

Der Eigenmittelanteil beläuft sich auf 298 Euro pro Quadratmeter, die monatliche Miete auf 7,97 Euro pro Quadratmeter. In den Smart-Wohnungen reduzieren sich die Kosten ganz klassisch auf 60 Euro Eigenmittelanteil und 7,50 Euro Miete. Hinzu kommen diverse Verbandswohnungen für Alleinerziehende, Garçonnierenverbünde, eine WG für Kinder und Jugendliche, Werkstätten und Büros für den Verein Balance sowie ein Intergenerationenzentrum unter dem Namen „All in Penzing“, das vom Kuratorium Wiener Pensionistenwohnheime betrieben wird und die lokale Nachbarschaft von Jung und Alt stärken soll. Geplante Fertigstellung: November 2022.

9. Oktober 2021 Der Standard

Das Paradies ist die Hölle

The Villages, ein schwer profitables Sozialexperiment mitten in Florida, ist die größte Rentnersiedlung der Welt. Der Dokumentarfilm „The Bubble“ holt das Leben der 150.000 Einwohner vor die Linse. Seit gestern im Kino.

Fokussierter Blick nach vorn, Augen zusammengekniffen, auf dem Kopf ein schwarzes Baseball-Käppi, Aufnäher von der National Rifle Association, „NRA Instructor“, darüber schwarze Ohrenschützer – und dann Schuss, und noch einer, Volltreffer ins Schwarze. „Ich habe heute fast mehr zu tun als in meinen Berufsjahren“, sagt Terry Marksberry in der zehnten Minute. „Bei mir ist fast jeden Tag etwas los. Dieser aktive Lebensstil hält einen jung. Hier sitzt man nicht auf seiner Veranda im Schaukelstuhl. Oh nein, so funktioniert das hier nicht.“

The Villages ist die größte Rentnersiedlung der Welt und zugleich das schnellstwachsende Stadtgebiet der USA. Mehr als 150.000 Pensionistinnen und Pensionisten haben hier, im Herzen Floridas, eine Autostunde nordwestlich von Orlando, ein Zuhause gefunden, in dem sie nun ihren Lebensherbst verbringen. Wohnberechtigt ist, wer zumindest das 55. Lebensjahr abgeschlossen hat. Die meisten bleiben hier bis zu ihrem Tod. „Sowieso. Ich wüsste gar nicht, wo ich sonst hingehen sollte“, sagt Terry schulterzuckend, 80 Jahre alt, jung geblieben wie nur was. Und Schnitt.

Aneinander vorbeileben

„Streng genommen ist The Villages aber nicht einmal eine Stadt, geschweige denn eine politische Gemeinde“, sagt Valerie Blankenbyl, „sondern ein Entwicklungsgebiet eines mittlerweile sehr großen und sehr mächtigen Familienunternehmens. The Villages Incorporated kauft seit den 1980er-Jahren permanent Land an und hat sich auf diese Weise auf die beinahe doppelte Fläche von Manhattan vergrößert.“ 142 Quadratkilometer privates Firmengelände, öffentlich ist hier nur eine Handvoll Straßen und Plätze.

Seit 2014 forscht die 37-jährige Filmemacherin bereits an urbanen Strukturen, in denen alte und junge Generationen aneinander vorbeileben. 2017 nahm das Projekt konkrete Formen an, 2019 haben nach jahrelanger Recherche die Dreharbeiten begonnen. Immer wieder wurden dem Filmteam seitens The Villages Inc. Steine in den Weg gelegt, mitsamt Drohungen und Rufschädigung in der ganzen Stadt. Nun ist der 950.000 Euro teure Dokumentarfilm endlich fertig. Am Dienstag war Premiere im Wiener Votiv-Kino. Seit Freitag läuft The Bubble österreichweit in den Kinos.

Die Expansion stoppen

„Wir wissen, wir sind hier in einer Bubble“, sagt Toni Hyde, eine fesche alte, mehrfach auf dem OP-Tisch verjüngte Frau, die mit ihrem BMW-Cabrio in die Disco fährt, um dort live zu singen. „I want a little sugar in my bowl. I want a little sweetness down in my soul.“ „Aber es ist eine schöne Blase.“ Später im Film wird man sie mal ohne Perücke sehen, die melierte Schönheit in der Hand haltend, mit der Bürste durchkämmend. „Es ist eine wunderbare Sache. Man geht in den Supermarkt, in den Nachtclub oder auf den Golfplatz, und alle sind in unserem Alter. Wir denken also gar nicht an das Alter. Wir sind alle gleich.“

The Villages bietet 54 Golfplätze, 70 Swimmingpools, 96 Freizeitzentren und mehr als 3000 Klubs und Vereine. Auch der Vorspann des Films, in dem nach einer strengen Choreografie sieben Golfcarts plötzlich gleichzeitig auf die Straße hinausrollen und – von einer Drohne gefilmt – im Gänsemarsch durch die Stadt fahren, wurde in Zusammenarbeit mit dem örtlichen Golf Cart Precision Drill Team gedreht, erzählt die Regisseurin. Man lacht, man schüttelt den Kopf, man erwischt sich selbst dabei, wie man die hier lebenden Menschen – wie so oft im etwas strangen Make-it-great-again-America – verächtlich bemitleidet. Alles sehr lustig. Eh klar.

Doch die größte Qualität von The Bubble besteht darin, dass der Film die vordergründige, oberflächlich humorvolle Sozialblase nach nicht einmal einer Viertelstunde erstmals zum Platzen bringt. Seit geraumer Zeit betreibt das von Harold S. Schwartz gegründete und nun in dritter Generation geführte Familienunternehmen The Villages Inc. eine aggressive Expansionspolitik, bei der mit Scheinfirmen und versteckten Tochterunternehmen den Großgrundbesitzern das Land abkauft und die für Florida typischen Sumpfgebiete unter Umgehung von Bauvorschriften und Widmungsvorgaben mehr und mehr in Siedlungsretorten verwandelt werden.

Und die Strategie wird von Jahr zu Jahr unappetitlicher: Grundbesitzer, die sich weigern, ihr Land und ihre Häuser zu verkaufen, und das oft unter Wert, werden von The Village einfach wie ein Krebsgeschwür eingekesselt und mit Mauern und Zufahrtsschranken zugebaut. In den nächsten zehn Jahren, so der Plan, soll sich das Rentnerparadies auf die Fläche von Orlando verdoppelt haben. Rund um The Villages haben sich zahlreiche Bürgerinitiativen gebildet, die mit allen Mitteln versuchen, die Expansion zu stoppen. Zum Teil vergeblich. Manche Grundstücke haben längst die Besitzer gewechselt.

„Was The Villages ausmacht? Sie wollen alles kontrollieren“, sagt Lauren Ritchie, Journalistin und Kolumnistin für den Orlando Sentinal, eine der wenigen kritischen Stimmen, die sich trauen, namentlich aufzutreten. „Das ist ein wirklich seltsames soziales Experiment.“ Andere, die im Film anonym bleiben, wurden von The Villages Inc. bereits erpresst und mehrfach bedroht. Die lokale Tageszeitung Daily Sun liegt fest in der Hand des Vorstands. Und aus den öffentlichen Lautsprechern auf Straßen und Plätzen dringen rund um die Uhr Musik, Werbung und Nachrichten von WVLG, FM 102,7, einem Partner von Fox News.

Surreale Wucht

„Künstliche Konstrukte wie The Villages sind eine Bedrohung für den Menschen und die Natur“, sagt Valerie Blankenbyl. „Die Sümpfe verschwinden, die Moskitos werden mit Pestiziden ausgerottet, und aufgrund des hohen Wasserverbrauchs für die 54 Golfplätze ist der lokale Grundwasserspiegel rund um den Ort um bis zu drei Meter gesunken.“ Die Bilder von Kameramann Joe Berger, die diese Phänomene einfangen, sind eine surreale Wucht.

Gefahr sieht die Filmemacherin, die von den Anwälten von The Villages regelmäßig unter Druck gesetzt wurde, aber auch für die Gesellschaft: „Jeder von uns lebt in einer Bubble. Den Wunsch nach dieser Idylle kann man den Bewohnerinnen und Bewohnern von The Villages nicht vorwerfen. Die Kritik richtet sich an die Bau- und Immobilienwirtschaft, die diese monokulturellen und sozial radikalen, kaum durchmischten Strukturen fördert und als Sehnsuchtsort bewirbt.“ Am Anfang Lachen, am Ende Trauer und Wut. Ein Meisterwerk.

18. September 2021 mit Maik Novotny
Der Standard

20 Jahre Museumsquartier: Oase mit einem Quäntchen Mut

Vor 20 Jahren wurde das Wiener Museumsquartier eröffnet, die Geburtsstunde eines der größten Kulturbezirke Europas. Doch wie hat sich das MQ in zwei Jahrzehnten gemausert?

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Wojciech Czaja

600Pferde und 200 Karossen, sagt Wikipedia, sollen in den ehemaligen Hofstallungen, errichtet 1713 nach Plänen des Barockbaumeisters Johann Bernhard Fischer von Erlach, Platz gefunden haben. In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts jedoch war von der einstigen Pracht nicht mehr viel zu spüren. Der sogenannte Messepalast verlor zusehends an Charme, und auch die letzten Ausstellungen Wunderblock oder Von der Natur in der Kunst , die wir mit unseren Vätern gesehen haben, glichen mehr einem Hindernisparcours durchs Gruselkabinett als einer kunst- und kulturwürdigen Ausstellungsstätte.

Im September 2001, vor genau zwei Jahrzehnten, wurde das Areal als saniertes und erweitertes Museumsquartier wiederbelebt – mit Mumok, Kunsthalle, Leopold-Museum, Architekturzentrum Wien, Zoom Kindermuseum, Tanzquartier Wien und ohne 67 Meter hohen Leseturm. Zugegeben, die Architektur im gesamten MQ ist mäßig spannend und endenwollend innovativ. Alles ist zu plump, zu niedrig, zu nichtssagend. Und die mindermittelmäßigen Kompromisse zwischen Kronen Zeitung , Bürgermeister Helmut Zilk und Denkmalschutzexperte Manfred Wehdorn haben mehr politischen als baukulturellen Aussagewert. Ja eh.

Und doch ist das Museumsquartier selbst nach 20 Jahren einer der spannendsten Orte Wiens. Wer weiß, vielleicht gerade deshalb – weil es keinen Leseturm gibt, weil der Fischer-von-Erlach-Trakt nie aufgerissen und zur Stadt hin geöffnet wurde, weil das MQ als architektonisch dermaßen langweilige Insel inmitten einer dichtbebauten Stadt schlummert, die außerhalb der MQ-Konturen einem stetigen stadtpolitischen und marktwirtschaftlichen Wandel unterworfen ist.

Michel Foucault hat in den 1960er-Jahren den Begriff der „Heterotopie“ geprägt, eines Ortes also, der in seiner Abgeschiedenheit nach speziellen gesellschaftlichen Codes funktioniert. „Die Heterotopie vermag an einem einzigen Ort mehrere Räume, mehrere Platzierungen zusammenzulegen, die an sich unvereinbar sind“, schrieb der französische Philosoph 1967. „Die Heterotopien setzen immer ein System von Öffnungen und Schließungen voraus, das sie gleichzeitig isoliert und durchdringlich macht.“

Das MQ als isolierte und doch durchdringliche urbane Heterotopie ist zu einem unverzichtbaren öffentlichen Freiraum Wiens geworden – mit bunten Enzis, die in ihrer Kleinheit und Genialität die Welt erobert haben, von Bayreuth über Moskau bis ins ferne Kanada, mit komischen Libellen, die unlängst auf dem Leopold-Dach gelandet sind, um doch noch einen neuen Society-Ort zu schaffen, und einem Unterhaltungsprogramm samt Stinkepunsch, Eisstockschießen und prokrastinativem Enzi-Bobolümmeln. Wien ohne MQ?

Unvorstellbar.

Minus
Maik Novotny

Vielleicht ist es eines der Geheimrezepte für Wiens Spitzenplatz in den Lebensqualitätsrankings, dass man in dieser Stadt das Sich-Arrangieren mit dem Kompromiss perfektioniert hat. Jede Empörung gleitet nach einer Zeit zuverlässig in einen Zustand des „Passt eh“ hinüber, ab dann ist jede Kritik ein Sudern, das die Gemütlichkeit stört. Ja, das gilt auch für das Museumsquartier. Sicher, 20 Jahre nach seiner Eröffnung gilt es als Erfolgsgeschichte, und das nicht ohne Grund. Der Innenhof funktioniert als Stadtraum perfekt für Einheimische und Touristen. Die kulturellen Highlights sind beeindruckend.

Aber dabei wird vergessen, dass der Kulturbezirk sich mit bleiernen Schuhen von der Startlinie schleppte: Er war im Stadtraum unsichtbar. So verzweifelt waren die Macher, dass der damalige Mumok-Direktor Edelbert Köb 2002 vorschlug, einen gigantischen Spiegel an einen Heißluftballon zu hängen, um den Hof von außen sichtbar zu machen.

Das lag daran, dass das MQ dank gewisser Kräfte (Gott habe Hans Dichand selig) gar nicht im Stadtraum sichtbar sein sollte. Der Leseturm wurde geculturecancelt, die Museen Leopold und Mumok mussten sich hinter die niedrigen Hofstallungen ducken, der Vorplatz an der Zweierlinie erinnert mit seinen Wiesen und Hecken an einen leblosen Kleingarten. An diesen Kinderkrankheiten laboriert man bis heute.

Der Weg zur Kunst ist ein Hindernislauf. Hat man es durch die maulwurfsartigen Durchschlupfe endlich in den Hof geschafft, heißt es, steile Stiegen emporzuklettern und sich durch niedrige Portale zu quetschen, bis man das Museumsinnere erreicht, das ebenfalls von drückender Enge ist, was immer wieder für kuratorisches Kopfzerbrechen sorgte. Die Kunsthalle mit ihrem Klinkerfassaden-Look à la Stadtbücherei Wolfenbüttel wurde gleich komplett in den Lieferantenhof verräumt, ihr labyrinthisches Foyer ist eine Farce. Die Höfe seitlich der weißen und schwarzen Würfel sind in ihrer Übriggebliebenheit bis heute leblose Quasi-Sackgassen, an deren Ende Muschelkalk und Basaltlava unmotiviert mit der sakrosankten barocken Putzfassade kollidieren.

Es musste viel nachgebessert werden (die Rampe zum nicht auffindbaren Restaurant im Mumok, das Wegeleitsystem), die Rettung des MQ kam mit den Sitzmöbeln der Enzis, weil man vergessen hatte, dass sich Menschen im öffentlichen Raum gerne hinsetzen. Schöne Kulisse und hochkarätiges Kulturprogramm – das konnte Wien schon immer. Aber das verdeckt bis heute die Tatsache, dass die Architektur und die Zugänglichkeit immer noch nicht funktionieren. Es hätte so viel besser sein können, wenn man es von Anfang an zugelassen hätte und den Kräften der Kulturlosigkeit nicht nachgegeben hätte. So bleibt ein schön scheinender Kompromiss.

8. September 2021 Der Standard

Ein Haus wartet auf die Mobilitätswende

Die Wohnanlage in der Oleandergasse hätte ein wunderbares Pilotprojekt für die Sharing Economy werden sollen. Doch es kam anders. Heute sind die Wohnungen im Norden der Donaustadt vor allem eine wertvolle Quelle der Erkenntnis.

Wenn die Straßen nach Ginster, Herzblumen und Pelargonien benannt sind, dann weiß man, dass die Stadtgrenze nicht mehr fern ist. Im Falle der Wohnsiedlung Oleandergasse, errichtet von der Wohnbauvereinigung für Privatangestellte (WBV-GPA), sind es keine 2000 Schritte quer durch den Acker, bis man Wien verlassen hat und mit beiden Beinen in Niederösterreich steht. Und doch hat sich der gemeinnützige Bauträger für dieses Projekt ein besonderes Mobilitätskonzept einfallen lassen – ohne Tiefgarage, dafür aber mit einem flexibel befahrbaren und beparkbaren Anger sowie einem elektrischen Fuhrpark auf Sharing-Basis. So viel zur Theorie. Die Praxis sieht ein wenig anders aus.

Am Anfang stand die Idee im Raum, hier oben im Wiener Norden die Bebauungs- und Besiedelungskultur der letzten Jahrhunderte zu respektieren und ein Wohnprojekt zu errichten, dass sich ganz in die Tradition dieses Ortes fügt. Breitenlee zeichnet sich durch Ackerbau, landwirtschaftlich geprägte Dörfer und historische Angerstrukturen mit Hakenhöfen aus. Und so entstand die Idee, auf eine kostspielige Tiefgarage zu verzichten und stattdessen in einen hochwertigen Holzbau und eine bis dahin einzigartige Freiraumgestaltung zu investieren, in der Mensch und Auto je nach Bedarf einmal mehr, einmal weniger Platz einnehmen.

Wer unbedingt ein eigenes Fahrzeug benötigt, so der Plan von Querkraft Architekten und Architekt Thomas Moosmann, der soll am Rande des Angers parken und die Mitte zum Spielen und Spazierengehen frei lassen. Je weniger Menschen parken, desto größer der unverparkte Dorfplatz im Zentrum der Anlage. Um den Umstieg auf Sharing Economy zu versüßen, wurde ein Mobility-Point mit E-Bikes, E-Scootern und Elektroautos samt Steckdose errichtet. 2018 wurden die Wohnungen übergeben.

Allein, nach zwei Jahren mäßig geglückten Betriebs musste das Mobility-Konzept mangels Nachfrage aufgegeben werden. „Im Grunde genommen bietet eine Wohnhausanlage mit 133 Wohnungen ausreichend kritische Masse für so ein innovatives Mobilitätskonzept“, sagt Cilli Wiltschko, Leiterin der Projektentwicklung in der WBV-GPA. „Allerdings haben wir uns als Bauträger in einem Punkt verkalkuliert. Denn für Sharing Mobility liegt die Oleandergasse erstens zu weit am Stadtrand und ist zweitens nicht gut genug an den öffentlichen Verkehr angebunden. Die meisten Leute, die hier eingezogen sind, haben ein eigenes Auto. In der Seestadt Aspern oder in der Nähe einer U-Bahn-Station hätte das Konzept wahrscheinlich wunderbar funktioniert.“ Nun stehen so viele Autos auf dem Anger, dass die freie Mitte auf ein Minimum geschrumpft ist, berichtet Wiltschko. „Das ist schade, aber auch Teil des Freiraum- und Mobilitätskonzepts.“
Das Stadtrandproblem

Was ist das Learning für die Zukunft? „Ich mag dieses Projekt, weil hier tolle Ideen und auch wichtige Erkenntnisse drinstecken“, sagt Wiltschko und appelliert daran, in Zukunft nicht alle Bauträgerwettbewerbe über einen Kamm zu scheren. „Ein innovatives Mobilitätskonzept hat durchaus Sinn in der Stadt, entlang der U-Bahn oder in Stadterweiterungsgebieten mit einer bestimmten, von den Bewohnerinnen und Bewohnern mitgetragenen Identität. Am Stadtrand aber ist so ein Konzept – zumindest aus heutiger Sicht – nicht zielführend.“

Die Hoffnung ist noch lange nicht verloren. „Wir können davon ausgehen“, sagt Architekt Jakob Dunkl von Querkraft, „dass sich die individuelle Mobilität in den nächsten zehn bis 20 Jahren dramatisch verändern wird – weg vom Auto als Eigentumsobjekt hin zur Bewegung als Dienstleistung. Die Wohnhausanlage in der Oleandergasse wird darauf rasch reagieren und sich im Nu in einen Dorfplatz zum Spielen und Spazierengehen verwandeln.“

28. August 2021 Der Standard

Ein Haus für Billy

Ein radikales Möbelhaus mit Symbolwirkung am Wiener Westbahnhof: Der neue City-Ikea von Querkraft Architekten hat nicht nur 160 Bäume auf dem Dach und an der Fassade, sondern auch keine Autos in keiner Garage.

Das Haus, die Fassade, die Offenheit, die vielen Bäume, und dann erst die Bienen, die kommendes Frühjahr einziehen werden“, sagt Marie, gelbes T-Shirt, am Rücken ein „Hej!“, wir sind per du, „also ich finde dieses Konzept absolut überwältigend. Für mich ist das der schönste und außergewöhnlichste Ikea, in dem ich je war.“ Seit sechs Monaten ist Marie Hofmann Customer Experience and Event Manager, so nennt sich ihr Job, am neuen City-Standort neben dem Wiener Westbahnhof. Sie hat das Projekt in der letzten Bauphase begleitet und ihre Expertise eingebracht, damit das Einkaufserlebnis im kleinsten Schwedenmöbelhaus Österreichs zum Abenteuer wird.

Erster Eindruck nach einem Minieinkauf mit selbst eingescannten und kontaktlos bezahlten Jubla, Fantastisk und Sommardröm: Viel Arbeit wird Marie damit nicht haben, denn die ersten Kundinnen und Kunden, die sich für die Einkaufspremiere online registrieren mussten, sind ganz verzückt beim Durchwandern der Etagen, ohne dass sie zwischen potemkinschen Schlafzimmerkojen irgendwelchen blöden Pfeilen auf dem Boden folgen müssen. Und auch das architektonische Auge ist bisweilen ungehalten baff ob der Tatsache, dass dieses Konzept eines autolosen Blumentopfhauses – wie zu Beginn in tollkühner Manier direkt aus dem Hirn herausskizziert – den Weg in die Realität gefunden hat.

„Das war von Anfang an eine sehr einzigartige Zusammenarbeit“, sagt Jakob Dunkl, Querkraft Architekten, „denn wir wurden gebeten, einen radikalen Entwurf zu machen und uns ruhig etwas zu trauen. Also haben wir uns getraut.“ Neun Architekturbüros aus ganz Europa wurden 2017 zu einem zweistufigen Wettbewerb eingeladen, darunter auch so alte Retailhasen wie BWM, BEHF und Snøhetta. Aufgrund eines Kopf-an-Kopf-Rennens wurde kurzerhand noch eine dritte Stufe einberufen, die Querkraft für sich beanspruchen konnte.

„Ikea hat viel weniger Nutzfläche gefordert als laut Bauordnung und Flächenwidmung auf das Grundstück draufgepasst hätte, also haben wir uns entschieden, auf allen Seiten um mehr als vier Meter zurückzuspringen und der Stadt ein Stück Natur zurückzugeben“, so Dunkl. Rund um das eigentliche Gebäude, das in Stahlbeton-Skelettbauweise errichtet wurde und während der Bauphase noch ein mäßig famoses Bild abgegeben hat, steht nun ein weißes, sechsgeschoßiges Stahlregal aus 30 Zentimeter fetten I-Trägern und bildet damit eine Matrix für Erker, Terrassen und Dutzende Laub- und Nadelbäume, die ausschauen, als hätte ein Riese Bonsaibäumchen und kleine Sukkulenten in sein Billy-Regal hineingestellt.

Zu den an der Fassade eingetopften Pflanzen zählen Ahorne, Kiefern, Birken, Buchen, Eichen, Eschen, Weidenbäume sowie diverse Gräser, Stauden und Beeren. Die Artenvielfalt spiegelt jene Flora wider, die in der südschwedischen Provinz Småland – der Heimat des Ikea-Gründers Ingvar Kamprad – zu finden ist. Entwickelt wurde die Freiraumplanung von Green for Cities und Kräftner Landschaftsarchitektur. Den beiden Büros ist auch die unsichtbare Gartentechnik zu verdanken, denn jeder einzelne der insgesamt 160 Blumentöpfe, die an vier Fassaden und auf der öffentlich zugänglichen Dachterrasse montiert sind, ist mit Feuchtigkeitssensoren und automatischer Be- und Entwässerung ausgestattet.

„Die Lieferung und Montage der Bäume war sehr spannend, denn aufgrund des großen Gewichts mussten die Töpfe, die Bäume und das Erdreich voneinander getrennt auf das Haus gehoben werden“, sagt Sandra Sindler-Larsson, Market Establishment Manager beziehungsweise, weniger du-ikea-deutsch, technische Projektleiterin auf Bauherrenseite. Immerhin wiegen die gefüllten und bewässerten Behältnisse, eine Ingefära-Kopie, Blumenabteilung, vier Euro das Stück, je nach Größe und Baumsorte zwischen 1,5 und sieben Tonnen. „Natürlich wären eckige Tröge billiger gewesen als diese runde Version aus gebogenem, zusammengeschweißtem Stahlblech, aber Blumentöpfe sind nun einmal rund.“

Im Inneren gleicht der Ikea, dessen Fassade mit Glas und Sandwich-Paneelen verkleidet und der an das Wiener Fernwärmenetz angeschlossen wurde, auf den ersten Blick einem normalen, viergeschoßigen Möbelhaus. Mit nur 20 nachgestellten Showrooms liegt der Fokus weniger auf dem häuslichen Einlullen wie in jeder anderen blaugelben Kiste am Stadtrand als vielmehr auf dem Spaziergehen und Stöbern.

Auch das Sortiment unterscheidet sich deutlich: Kaufen kann man alles, bis hin zur maßgeschneiderten Küche, allerdings liegen im unterirdischen, vollautomatisierten Regallager lediglich 3000 Cash-and-Carry-Produkte bereit. Mitnehmen kann man nur, was man in einer Tragtasche in der U-Bahn transportieren kann. Alles andere wird mit einem der 30 neu angeschafften Elektro-Trucks bis vor die Wiener Wohnungstür geliefert.

Aus genau diesem Grund gibt es auch keine Pkw-Garage. Es ist das erste Mal weltweit, dass Ikea dieses radikale Mobilitätskonzept umsetzt. Zu verdanken ist dies vor allem zwei querdenkenden Personen, die 2012 die Initiative ergriffen und die Spielregeln für eine innerstädtische Ansiedlung des schwedischen Unternehmens definiert haben – der damaligen Wiener Planungsstadträtin Maria Vassilakou und dem ehemaligen Wiener Planungssprecher Christoph Chorherr (beide Grüne).

In den obersten zwei Stockwerken gibt es ein Hostel mit 345 Betten, das von der Accor-Tochter Jo&Joe betrieben wird und das sowohl von der Straße per Lift als auch direkt vom Ikea-Restaurant aus betreten werden kann. Durch begrünte Atrien, die von oben ins Haus hineingedrückt wurden, werden alle Zimmer und Dorms mit Tageslicht erschlossen. Das Dachgeschoß schließlich ist, wie dies im städtebaulichen Vertrag vorgeschrieben war, täglich von acht bis 24 Uhr öffentlich zugänglich. Mit zig Bäumen, weißen Container-Bars und betonierten Klippan-Sofas mit Blick auf die Stadt.

Seit wenigen Tagen ist das neue Haus (Gesamtinvestitionsvolumen 140 Millionen Euro) in Betrieb. Seit wenigen Tagen hat Wien endlich eine zeitgenössische, sehenswerte Architekturikone. Hej!

24. Juli 2021 Der Standard

Utopie Alltag

Eisenhüttenstadt ist die erste sozialistische Planstadt der DDR. In einer Ausstellung werden nun Geschichte, Gegenwart und Zukunft beleuchtet. Lernfaktor enorm.

Der Hochofen ist das höchste Bauwerk der Stadt. So etwas wie der Kirchturm auf dem Dorfplatz. Bloß halt wichtiger, praktischer, effizienter. „19. September 1951 in Betrieb genommen“, steht auf einer Metalltafel am Fundament. Und damit nahm Eisenhüttenstadt an der ostdeutsch-polnischen Grenze, knapp 100 Straßenkilometer von Berlin entfernt, seinen Anfang. Heute zählt die sozialistische Planstadt, die aussieht, als hätte ein SED-Funktionär mit der Modelleisenbahn gespielt und zwischen all den Häusern, Laternen und Moosgummibäumen vor lauter Euphorie auf die Zuggleise vergessen, zu den außergewöhnlichsten Stadtutopien des 20. Jahrhunderts.

„Eisenhüttenstadt ist die erste sozialistische Planstadt der DDR und war damals der gebaute, manifest gewordene Ausdruck eines neuen gesellschaftlichen Modells“, sagt Florentine Nadolni. „Tatsächlich steht diese Stadt für Euphorie und Optimismus, denn sie war das Produkt einer jungen, tatkräftigen und technisch gebildeten Bevölkerung, die dem kriegszerstörten Deutschland den Rücken kehrte und in dieser neuen Stadtutopie ihre Träume ausleben konnte. Schon der erste Eindruck auf der Leninallee mit ihren weiten Plätzen, ihren Blumenbeeten und all ihren Lokalen und Feinkostläden war für die Ankommenden ein Erlebnis.“

Nadolni, 40 Jahre alt, selbst ein Kind der DDR, ist ausgebildete Soziologin und Kulturwissenschafterin und beschäftigt sich mit dem kulturellen Erbe der Deutschen Demokratischen Republik. Seit 2017 leitet sie das Museum Utopie und Alltag mit Sitz in Eisenhüttenstadt. Die rund 500 Quadratmeter kleine Institution ist in einem ehemaligen Kindergarten beheimatet und widmet sich der wissenschaftlichen Aufbereitung und Dokumentation der DDR-Alltagskultur.

„Ohne Ende Anfang“

„Und Teil dieser Kultur“, sagt Nadolni, die die Ausstellung gemeinsam mit Axel Drieschner kuratierte, „ist auch die Art und Weise, wie in der DDR gelebt und gewohnt wurde und wie wir mit diesem Erbe heute umgehen.“ Diesen Fragestellungen widmet sich die Ausstellung Ohne Ende Anfang , die neben dem prominenten Protagonisten Eisenhüttenstadt auch Querverbindungen zu Schwedt/Oder (Erdölverarbeitung) und zum polnischen Pendant Nowa Huta bei Krakau (Stahlindustrie) schafft.

Im Gegensatz zu bestehenden Städten, die in den DDR-Jahrzehnten lediglich überformt und erweitert wurden, konnten in Eisenhüttenstadt jene 16 Grundsätze des Städtebaus , die im April 1950 in der Sowjetunion verfasst und im Juli 1950 vom Ministerrat der DDR verabschiedet wurden, vom Fundament auf als perfektes Ideal realisiert werden. Dazu zählen etwa die „harmonische Befriedigung des menschlichen Anspruchs auf Arbeit, Wohnung, Kultur und Erholung“ (2. Grundsatz) sowie ein adäquates „Antlitz der Stadt“, eine „individuelle künstlerische Gestalt“ und Plätze als „strukturelle Grundlage der Planung der Stadt und ihrer architektonischen Gesamtkomposition“ (9. Grundsatz).

„Das Zentrum von Eisenhüttenstadt wurde zu Beginn errichtet und ist in einem historisierenden, sozialistischen Klassizismus gehalten“, sagt Nadolni. „Mit dem Tod Stalins 1953 ändert sich die Architektursprache, und die weiteren Bauten werden schlichter, nüchterner, industrieller. In den äußeren Wohnkomplexen wurden dann nur noch günstige und schnell zu errichtende Plattenbauten realisiert. Was sich jedoch als Qualität durch ganz Eisenhüttenstadt durchzieht: Platz, Weite, Licht, Luft und viel Grün.“

Zudem wurden die Straßen und Wohnhäuser so positioniert, dass die Menschen von daheim in die Arbeit zu Fuß gehen und dabei den Straßenverkehr meiden konnten. „Die Innenhöfe sind miteinander verbunden, sodass sie nicht nur ein Ort der Freizeit, sondern auch eine attraktive Verkehrsfläche für Passantinnen und Passanten sind.“ Aufgrund der Architektur und der besonderen städtebaulichen Anlage steht Eisenhüttenstadt heute unter Denkmalschutz. Teile dieses größten Flächendenkmals Deutschlands sogar schon seit den 1980er-Jahren.

Wie geht es weiter?

Um die dramatisch schrumpfende Stadt – die Hälfte der einst 50.000 Einwohner ist bereits weg – vor dem Verfall zu schützen, hat sich Eisenhüttenstadt für einen einzigartigen Weg entschieden: Die Stadtränder mit ihren Plattenbau-Wohnkomplexen wurden in den letzten Jahren sukzessive abgerissen, das Zentrum der Stadt jedoch zum Teil aufwendig und behutsam saniert – zumindest dort, wo die Handhabe noch möglich ist. Nadolni: „Einige Schlüsselbauwerke wie etwa das Hotel Lunik befinden sich in privater Hand und sind reine Spekulationsobjekte. Die Investoren halten sich bedeckt, man kann den Häusern beim Einsturz zusehen.“

Wie geht es weiter? Bis 2026 soll die Stahlhütte – einst Eisenhüttenkombinat Ost (EKO), heute ArcelorMittal – auf grüne Energie umgestellt werden. Fragwürdig, ob das Werk, das statt der einst 16.000 heute nur noch 2500 Menschen beschäftigt, eine weitere Wende überleben wird. „Aus denkmalpflegerischer Sicht ist Eisenhüttenstadt ein richtiges Juwel, aber das Gesellschaftsmodell, das diese Stadt verkörpert, ist bereits Geschichte“, sagt Thomas Drachenberg, Landeskonservator in Brandenburg, dem ΔTANDARD. „Es braucht ein Existenzkonzept für die Zukunft, auch ohne die Schwerindustrie.“

Wie dieses Konzept aussehen könnte, ist Teil der Ausstellung. Die Besucher sind eingeladen, ihre Ideen zu teilen. Und Kuratorin Florentine Nadolni träumt davon, sich mit anderen Planstädten wie etwa Nowa Huta, Dunaújváros (Ungarn), Dimitrowgrad (Bulgarien) und Magnitogorsk (Russland) zu vernetzen. „Bei aller Liebe zu diesem Denkmal, aber wir sind auch von Rückbau und Depression betroffen. Umso wichtiger sind eine gesamteuropäische Offenheit und eine internationale Vision für uns alle.“

[ „Ohne Ende Anfang. Zur Transformation der sozialistischen Stadt“, Museum Utopie und Alltag in Eisenhüttenstadt. Bis 29. Mai 2022 ]

17. Juli 2021 Der Standard

Stadt, Land, Bild

Gestern, Freitag, wurde in Frankfurt der Europäische Architekturfotografie-Preis vergeben. An der Schnittstelle von arm und reich, von schön und hässlich, von städtisch und ländlich gibt es eine Bewegungsunschärfe.

Wohnblöcke, Plattenbauten, austauschbare Hochhäuser bis zum Horizont. Und nicht selten sind auf seinen Fotos noch Rohbauten und dutzende Baukräne zu sehen, die sich im Kreis drehen und Fenster und Betonfertigteile in den zehnten oder 20. Stock hinaufziehen. Doch eine Gemeinsamkeit haben sie alle, die rund 30 dezentralen Stadtlagen in der Türkei, die der deutsche Architekturfotograf Norman Behrendt in den letzten Jahren mit seiner Linse eingefangen hat: Irgendwo dazwischen findet sich immer eine Moschee mit unzähligen Kuppeln und Minaretten, anachronistisch in Gold, Silber und Kupfer schimmernd, und man kennt sich nicht aus: Was ist alt, und was ist neu?

Passend zu Corona-Zeiten

„Der Zuzug der ländlichen Bevölkerung in die Städte ist enorm, und so wird an den Stadträndern im Eiltempo gebaut, um Wohnraum für Tausende von Menschen zu schaffen“, sagt Behrendt, der regelmäßig in der Türkei ist und 2015 seine Fotoserie Brave New Turkey gestartet hat. „Der Bau von Moscheen ist Teil dieser Stadtentwicklung, dabei gibt es zwischen der modernen, zeitgenössischen Architektursprache der Wohnblöcke und der historistischen Anmutung der Gebetshäuser einen stilistischen Clash, der mitunter sehr befremdlich wirkt und mich darüber nachdenklich stimmt, welchen Stellenwert die Religion in der derzeit konservativ regierten Türkei einnimmt. Viele Aleviten, mit denen ich gesprochen habe, halten diese Entwicklung für fragwürdig und beängstigend.“

So wie am Beispiel der Yaşamkent-Nur-Moschee in Ankara. Die gezeigte Aufnahme mit der gülden glitzernden Dachlandschaft stammt aus dem Jahr 2017 und findet sich unter jenen Preisträgern und Auszeichnungen, die gestern, Freitag, im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt am Main mit dem Europäischen Architekturfotografie-Preis ausgezeichnet wurden. Die Ausschreibung stand heuer unter dem Motto „Das Urbane im Peripheren“ und widmete sich jenen Tendenzen und Entwicklungen, in denen die uns bekannten Stadt- und Landbilder mal sanft, mal heftig, mal poetisch irritierend aufeinanderprallen.

„Wir haben den Preis vor Beginn der Pandemie ausgeschrieben, aber es ist fast unheimlich zu sehen, wie passend die Thematik auch in Zeiten von Corona erscheint, wenn man bedenkt, wie viele Menschen plötzlich auf das Land geflüchtet sind und wie menschenleer und gespenstisch dörflich die Stadt an manchen Tagen gewirkt hat“, sagt Christina Gräwe, Vorsitzende des Vereins Architekturbild e. V. mit Sitz in Berlin und Heidelberg. „Ja, die urbanen Spuren im ländlichen Raum sind unübersehbar.“

So auch bei Torsten Andreas Hoffmann. Der deutsche Fotograf reist regelmäßig nach Indien und erforscht mit seinen beiden Kameras, Canon 5DS R und Leica CL, die rasant wachsende Metropole Mumbai. „Es gibt wenige Städte, in denen die Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen Upperclass und Abgrund so groß und so tief ist wie in Mumbai. Aufgrund ihrer begrenzten Lage auf einer Halbinsel treffen die unterschiedlichen Facetten dieser Stadt hier besonders chaotisch aufeinander.“

Soziale Reibung

Mit seiner Serie Peripherie für die Armen hielt er das weltberühmte Slumviertel Dharavi fest, in dem laut Schätzungen rund 600.000 Menschen leben sollen. „Früher lag Dharavi am Stadtrand, und man fuhr auf dem Weg zum Flughafen daran vorbei“, sagt Hoffmann. „Heute aber hat sich die Stadt so weit in den Norden ausgedehnt, dass Dharavi geografisch gesehen in der Mitte der Stadt liegt. Die wichtigsten Verkehrswege führen mittendurch, die Reibung ist spürbar.“

Um genau diese soziale Reibung darzustellen, und zwar in einem Viertel, in dem die Menschen vor allem als Masse wahrgenommen werden und kaum ein individuelles Gesicht haben, fotografiert Hoffmann mit speziellen Neutraldichtefiltern, was – auch untertags – zu Bewegungsunschärfen und Belichtungszeiten von fünf bis zehn Sekunden führt.

Mit ungewöhnlich langen Belichtungszeiten arbeitet auch Oliver Heinl. Seine Fotos, die er mit bis zu 15 Sekunden lang geöffneter Blende einfängt, wurden gestern mit dem ersten Preis ausgezeichnet. „Die Stadt wird nie unsichtbar, auch nicht hier draußen im Umland von Nürnberg“, sagt der 55-Jährige. Sein Motiv: kein Gewitter, keine Polarlichter, sondern einzig und allein die nächtliche Lichtverschmutzung, die in der urbanen Peripherie die Nacht zum Tag macht. Damit gewinnt der menschliche Eingriff an der Schnittstelle Stadt und Land an sozialpolitischer und ökologischer Brisanz. Stadt ist immer und überall, auch wenn es nur ein optisches Echo am Himmel ist.

6. Juli 2021 deutsche bauzeitung

Die Baugruppe von Bullerbü

Baugruppenprojekt B.R.O.T. in Pressbaum (A)

Das Gemeinschaftswohnprojekt B.R.O.T. in Pressbaum ist eines der auf den ersten Blick unscheinbarsten und bei näherer Betrachtung wohl schönsten Baugruppen-Projekte Österreichs. Das Wiener Büro nonconform zimmerte ein nachhaltiges Dorf aus zehn vorgefertigten Holzhäusern.

Die Kleinen laufen nackt durch die Botanik und richten wassergefüllte Spritzpistolen aufeinander. Fangenspielen, Räuber und Gendarm, Käferbegutachtungen auf der ausgebreiteten Handfläche. »Spinnst du? Das ist doch kein Marienkäfer! Der ist ja nicht mal rot!« – »Oh ja, die sind nicht alle rot! Du hast ja keine Ahnung …« Die ersten Minuten vor Ort fühlen sich an, als wäre man in eine Zeitmaschine ein- und in irgendeiner smartphone- und applosen Parallelwelt wieder ausgestiegen. Wie ein Wald- und Wiesenspaziergang durch Bullerbü, mit Pippi Langstrumpf , Tommy und Annika an der Hand.

»Die meisten von uns kommen aus Wien und haben sich nach einem ruhigen, nachhaltigen Leben mit geringem CO2-Fußabdruck gesehnt«, sagt Johanna Leutgöb. »Es gibt sehr viele Kinder, sehr viel Natur und auch ein gewisses Bewusstsein für die Gestaltung des Wohn- und Lebensalltags, das uns alle verbindet. Und trotzdem wohnen hier ganz viele unterschiedliche Leute aus unterschiedlichen beruflichen Backgrounds mit unterschiedlichen Lebensvorstellungen.« Johanna, 64 Jahre alt, ist Coach und Organisationsberaterin und lebt hier gemeinsam mit ihrem Partner Peter, seines Zeichens Landschaftsplaner und Landschaftsökologe. Er steht gerade in der Küche und mischt den Teig für Rosinenbrot und gebackene Mäuse.

»Mit 22 Jahren bin ich in mein erstes ökotopisches Wohnprojekt eingezogen, und ich würde sagen, mit Baugruppen und gemeinschaftlichen Wohnmodellen mit all ihren Vor- und Nachteilen kenne ich mich mittlerweile ziemlich gut aus«, so Johanna. »Viele Fehler, die man zu Beginn macht, haben wir hier versucht zu vermeiden.« Soziale Homogenität sucht man vergeblich. Die Bewohnerinnen und Bewohner stammen aus mehreren Generationen, Einkommensschichten und kulturellen Backgrounds. Es wurde sogar eine Crowdfunding-Kampagne gemacht, um einer jungen Flüchtlingsfamilie aus Afghanistan eine 50 m² große Wohnung zur Verfügung zu stellen. Mehr als 40 000 € konnten auf diese Weise zusammengetragen werden.

All diese Wärme und Lebendigkeit dieses ungewöhnlichen Projekts scheint in der niederösterreichischen Frühlingsluft zu liegen, sobald man zwischen den vorgefertigten Holzhäusern durchmarschiert und hinter den großen, ungemähten Flockenblumen, Schafgarben und Kamillen in den Fenstern das soziale Durcheinander beobachtet. Die Initiative geht zurück auf Helmuth Schattovits (1939-2015), der bereits in den 90er Jahren in Wien das erste Wohnprojekt unter der Dachmarke B.R.O.T. errichtete. Hinter dem etwas eigenwillig kohlehydrathaltigen Akronym verbergen sich die Worte und Werte »Begegnen, Reden, Offensein, Teilen«.

Nach mehreren Wohnprojekten dieser Art innerhalb der Wiener Stadtgrenzen stieß Schattovits 2011 durch Zufall auf dieses Grundstück am Haitzawinkel, 20 km westlich von Wien, das von der Pfarre Pressbaum zur Bebauung im Baurecht angeboten wurde. B.R.O.T. griff zu und sicherte sich das Areal für 99 Jahre. Eine weitere Fügung sorgte dafür, dass Schattovits bei einer Straßenbahnfahrt auf Architekt Peter Nageler, Partner im Wiener Architekturbüro nonconform, stieß, und so nahm das Projekt seinen Lauf. Einreichplanung 2015, Spatenstich 2017, Fertigstellung 2018. Jetzt stehen wir also da, die Rotzlöffel und ich, die Spritzpistole auf den Journalisten gerichtet. »Wer bist du? Was machst du da?«

Aufgeteilt ist das ursprünglich 14 000 m² große Hanggrundstück, das von der höchsten bis zur tiefsten Stelle um rund 10 m abfällt, auf elf Parzellen mit insgesamt zehn Wohnhäusern und einem Gemeinschaftshaus im Zentrum. Außerdem gibt es einen Sportplatz und eine E-Ladestation im Süden sowie Spielplatz, Schwimmteich, Gewächshaus, Parkplatz und in den Hang eingegrabene Stauraumboxen im nördlichen Teil des Areals. Einer der Bewohner betreibt sogar eine Bienenfarm mit etlichen Stöcken. Aktuell wird ein Haus der Stille errichtet. Das Fundament steht schon.

»Partizipationsprojekte haben wir schon viele gemacht, aber in diesem Fall war der Prozess besonders reibungslos und unkompliziert«, sagt Johanna Steinhäusler, Projektleiterin bei nonconform. »Die Baugruppe zeichnete sich von Anfang an durch ein hohes Engagement aus – und durch eine gewisse Sturheit, weil sie auf manche Dinge auf keinen Fall verzichten wollte. Der starke gemeinschaftliche Zusammenhalt funktioniert bis heute.« Zu den unumstößlichen Entscheidungen der Gruppe zählen v. a. Bauweise und Haustechnik. Bis auf das Gemeinschaftshaus und die Treppenhauskerne, die in Stahlbeton errichtet wurden, handelt es sich beim gesamten Projekt um Holzleichtbau mit kreuzlagenverleimten Deckenplatten.

Die vorgefertigten Fassadenelemente sind geschoßhoch und bis zu 8 m lang und bestehen aus einer Fichtenkonstruktion mit vertikaler Lärchenlattung und innen liegender, eingeblasener Zellulosedämmung mit 30 cm Dicke. Innenbeplankung und nichttragende Wände sind ganz klassisch im Trockenleichtbau errichtet worden. Auffällig ist die Raumhöhe von 2,70 m in den Wohnräumen sowie die KLH-Decke mit belassener Sichtoberfläche in den Aufenthaltsräumen. Die meisten Bewohner haben eine unbehandelte Deckenuntersicht, einige wenige haben das Holz eingeölt oder lackiert. Lediglich in den Vorzimmern sowie in den Sanitärräumen wurde eine abgehängte Gipskartondecke eingezogen. In den Hohlräumen befindet sich die Installation für die kontrollierte Wohnraumlüftung.

»Ein großes Anliegen«, sagt Architektin Steinhäusler, »war uns die Positionierung der Fenster und Fenstertüren. Wo immer dies mit Rücksicht auf die Möblierung möglich war, haben wir die Fensteröffnungen ganz in die Ecke gerückt. Durch den flächenbündigen Anschluss an die angrenzende Innenwand ergibt sich auf der Oberfläche ein sehr schönes Licht- und Schattenspiel. Zudem sorgt das flach einfallende Streulicht durch die Reflexion für zusätzliche Helligkeit in den Innenräumen.« Sämtliche Fenster – auch jene in den OGs – sind französisch ausgeführt und verlaufen fast bis zum Boden. Die Absturzsicherung besteht aus verzinkten Stabgeländern. Sehr easy, sehr rough, sehr passend zum hier innewohnenden Geist.

Geheizt wird mit Biomasse. Neben dem Gemeinschaftshaus wurde eine kleine Hackschnitzelanlage errichtet, die mit Holzabfällen aus dem lokalen Maschinenring gespeist wird. Zudem wurden auf den Gebäuden 50 m² Sonnenkollektoren mit 4 000 l Pufferspeicher sowie sechs PV-Anlagen im Gesamtausmaß von 97 kW Peak-Nennleistung angebracht. Übers Jahr gerechnet können damit rund 75 % des Strombedarfs gedeckt werden. Kleiner Wermutstropfen: Während der Großteil des Wohnprojekts aussieht wie eine Mischung aus Bullerbü und Biene Majas Klatschmohnwiese mit einem Hauch Woodstock, dominiert auf der Technikzentrale mit ihren schräg aufgeklappten Kollektorflächen der Eindruck eines etwas aus den Fugen geratenen Sonnenkraftwerks. Der visuelle Schmerz ist verkraftbar.

Umso schöner die Tatsache, dass sich die Baugruppe vom Kärntner Holzproduzenten Weissenseer, der sich auf dem innovativen Holzbausektor mittlerweile einen über die Branche hinaus bekannten Namen gemacht hat, die Holz- und KLH-Reststücke hat anliefern lassen. Einige davon fristen nun ein Dasein als Klettergerüst oder Küchenarbeitsplatte im Gemeinschaftshaus. Neben der Werkstatttür lehnt ein unförmiges Holzstück mit etwa 1,50 m Länge. Mit Bleistift hat jemand die Absichtserklärung auf die Oberfläche geschrieben: »Reserviert Rutsche!!!«

»Wir wohnen hier jetzt seit über drei Jahren«, sagt Stefan Fittner, Kassier der Vereins B.R.O.T. Pressbaum. »Über eine eigens eingerichtete Signal-Gruppe stehen wir permanent in Kontakt. Wer auch immer etwas braucht, ob das nun Hilfe in der Werkstatt oder Unterstützung in der Food-Coop ist, schreibt einfach eine kurze Nachricht in die Gruppe.« Und Anita Scharl, die beruflich in der Umweltanwaltschaft tätig ist und den Verein eine Zeit lang als Pressesprecherin repräsentierte, freut sich v. a. über das gute Raumklima in den Wohnungen und über das insgesamt gute Preis-Leistungs-Verhältnis des Projekts. »Es gab viele Aufs und Abs mit der Kirche, mit den Kreditvereinbarungen, mit den Kostenangeboten bei den Baufirmen, aber letztendlich ist das Projekt verhältnismäßig gut über die Bühne gegangen. Es ist super, hier zu wohnen.«

Auf ihrer Terrasse wird gerade eine Pergola errichtet. Der Bruder, Zimmermann von Beruf, ist zur Stelle, die Mutter zupft das Unkraut aus den Gemüsebeeten, der 80-jährige Vater, der dem Autor dieses Artikels schnell noch einen Crash-Kurs im Sensenmähen gibt, kümmert sich um das viel zu hohe Gras auf der Böschung zwischen Wohnhaus und Sportplatz. »Es ist nicht immer alles so harmonisch wie heute«, sagt Anita. »Aber fast immer. Ich mein’, schau dich mal um! Ich persönlich hätte mir zwar ein klassisches Satteldach gewünscht, aber in diesem Punkt bin ich halt von der Baugruppe und den Architekten überstimmt worden. Abgesehen davon ist unser kleines Dorf hier einfach nur großartig.«

5. Juni 2021 Der Standard

Von Kokosnüssen und Schwammerln

Die in Ghana und New York lebende Architekturforscherin Mae-ling Lokko beschäftigt sich mit Abfallprodukten aus der Landwirtschaft. In ihren Projekten arbeitet sie mit Kokosfasern und Pilzsporen. Eine Anleitung zum Träumen.

Die machen Schaffelle aus Plastikflaschen. Die machen Lampen aus Seegras. Die machen Schüsseln aus Mais.“ So lautet die aktuelle Ikea-Werbekampagne, die seit einigen Wochen im österreichischen und deutschen Fernsehen ausgestrahlt wird. Am Ende schließlich, mit schwedischem Akzent: „Ideen sind unsere wertvollste Ressource.“

Allein das Experimentieren mit innovativen Materialien beschränkt sich nicht nur auf die Möbel- und Haushaltsindustrie. Architektinnen und Architekten beschäftigen sich schon seit geraumer Zeit mit der Entwicklung von Baustoffen aus nachwachsenden Rohstoffen wie etwa Palmenfasern, Myzelien und Hanf. Eine davon ist die New Yorker Architekturforscherin Mae-ling Lokko, die kommende Woche an der Universität für angewandte Kunst einen Vortrag halten wird.

Seit rund 15 Jahren erforscht die gebürtige Saudi-Araberin, die in Ghana und auf den Philippinen aufgewachsen ist, die Potenziale jener Abfallstoffe, die als Nebenprodukt der globalen Nahrungsmittelproduktion anfallen – des sogenannten Agrowaste. Weltweit fabrizieren wir, während wir unsere Schnitzel und Pommes frites heranzüchten, rund 350 Milliarden Tonnen Müll pro Jahr, Tendenz steigend.

Organische Müllberge

„Immer mehr Menschen brauchen immer mehr Nahrung“, sagt Lokko. „Daher sehe ich hier einen wachsenden Rohstoffmarkt, der zwar unglaubliches Potenzial hat, dessen Möglichkeiten wir heute aber nur marginal nutzen. Der überwiegende Teil der hier anfallenden Fasern und organischen Müllberge landet auf der Deponie oder wird verbrannt.“ An den Stadträndern der ghanaischen Hauptstadt Accra, erzählt die Forscherin, werden jede Nacht illegal Tonnen von Kokosfasern und Kokosnussschalen abgeladen und angezündet, auf diese Weise werden – anstatt im Kreislauf zu bleiben – Unmengen von CO2 in die Atmosphäre geschleudert.

Dummes Downcycling

„Klar kann man Kokosfasern verbrennen und damit Energie produzieren“, sagt die Forscherin. „Aber das ist nichts anderes als dummes Downcycling, mit dem der potenzielle Lebenszyklus dieses Werkstoffs drastisch verkürzt wird.“ Lokkos Antwort auf das Problem: In Zusammenarbeit mit dem Rensselaer Polytechnic Institute in Troy, Upstate New York, und dem von ihr gegründeten Forschungsunternehmen Willow Technologies in Ghana trennte sie die Spelzen vom Kokosfasermark, häckselte das Ganze zu feinen Fasern und verpresste die Gemengelage unter Einwirkung von Hitze und Druck – ganz nach den Fertigungsprinzipien von Sperrholz – schließlich zu dreidimensionalen Modulen, die als Raumteiler oder Schallschutzelemente eingesetzt werden können.

„Leider ist der Fertigungsprozess sehr aufwendig und energieintensiv und eher für die Produktion und den Verkauf in hochentwickelten Industrieländern geeignet, während der Rohstoff selbst im Global South in meist sehr armen Regionen anfällt“, resümiert Lokko. „Die geografischen, wirtschaftlichen und geopolitischen Hürden sind kaum zu überwinden. Daher kann man dieses Projekt wohl als gescheitert betrachten.“ Im Rahmen der Vienna Biennale for Change 2021 sind die Platten zurzeit im Angewandte Innovation Lab (AIL) in der Otto-Wagner-Postsparkasse zu sehen.

Weitaus aussichtsreicher ist Lokkos aktuelle Vision, mit der sie keineswegs allein dasteht, sondern sich in eine ganze Riege von innovativen Schwammerlutopisten aus dem Kunst- und Designbereich einreiht: Sie entwickelt Geschirr, Möbelstücke und Bausteine aus Pilzsporen in der noch vegetativen Phase, aus sogenannten Myzelien. Mit diversen Fasern aus der Reis-, Mais-, Kokos- oder Getreideproduktion vermengt und in entsprechende Schalungen gepresst, können die Myzelien – die richtige Temperatur und Luftfeuchtigkeit vorausgesetzt – innerhalb von ein paar Tagen zu harten, dichten Formstücken heranwachsen, die anschließend nur noch getrocknet werden müssen.

Kein Sick-Building-Syndrome

In den letzten drei Jahren wurde das von ihr entwickelte Agrowaste-Biokomposit auf zahlreichen Festivals und Ausstellungen ausgestellt, das unter anderem mit dem Visible Award 2019 und dem Royal Academy Dorfman Award 2020 ausgezeichnet wurde. Unter dem Titel Agricologies schafften es die von ihr gepflanzten Tassen, Teller, Schüsseln, Schalen und Vasen, die im täglichen Umgang mit der gleichen Sorgfalt wie etwa unlackiertes, naturbelassenes Holz behandelt werden müssen, sogar ins Reich der Lifestylemagazine. Nun soll das bis jetzt gewonnene Know-how im Rahmen von Schulworkshops an Kinder und Jugendliche weitergegeben werden.

„Wir träumen heute davon, unsere Häuser in Zukunft im 3D-Drucker hochzuziehen“, sagt Mae-ling Lokko, die soeben einen Job als Professorin an der Yale University angenommen hat und dort ab 2022 unterrichten wird. „Aber wer weiß, vielleicht werden unsere Gebäude eines Tages von allein wachsen und sich verfestigen.“ Im Gegensatz zu vielen Produkten, an denen heute geforscht wird, kommt die fungale Myzelienarchitektur ganz ohne Weichmacher oder künstliche und mineralische Bindemittel aus. „Der nächste Schritt“, so Lokko, „sind Langzeitstudien, die etwaige Auswirkungen auf die Gesundheit der darin lebenden Menschen untersuchen. Aus heutiger Sicht aber gibt es keinerlei Anzeichen für ein Sick-Building-Syndrome.“

Noch ein langer Weg

Bis zum Einsatz im Baubereich sei es noch ein langer Weg. Es brauche noch jahrelange Arbeit, um die biologischen, chemischen und physikalischen Eigenschaften von Myzelien zu erforschen und zu optimieren. Doch realisierte Pilotprojekte wie etwa der 13 Meter hohe Hy Fi Tower aus reinen Myzelziegelsteinen, den der New Yorker Architekt David Benjamin vor drei Jahren im MoMA PS1 in Brooklyn in den Himmel hochgeschlichtet hat, lassen die Spekulation zu, dass diese Utopie in nicht allzu ferner Zukunft eintreten könnte.

Wenn einem auf der Architektur-Biennale in Venedig das Träumen schon vermiest und vermieft wurde, so darf man sich in Zeiten, in denen schwedische Möbelhäuser Bettwäsche aus Holz machen, zumindest auf der Vienna Biennale for Change ein wenig vom Idealismus verleiten lassen. Solche Köpfe braucht die Welt.

[ Mae-ling Lokko, Vortrag im Rahmen der Sliver Lectures an der Universität für angewandte Kunst: Donnerstag, 10. Juni, 19 Uhr ]

Publikationen

2024

Wien Museum Neu

Der Band ist eine visuelle und essayistische Reflexion über ein bedeutendes Kultur-Bauprojekt an einem der zentralen Orte Wiens in unmittelbarer Nachbarschaft zu Karlskirche, Künstlerhaus und Musikverein.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Müry Salzmann Verlag

2022

mittendrin und rundherum
Reden, Planen, Bauen auf dem Land und in der Stadt Ein nonconform Lesebuch

Seit über 20 Jahren ist nonconform in Deutschland und Österreich in der räumlichen Transformation tätig. Architektur ist für das interdisziplinäre Kollektiv nie bloß ein fertiges, fotogenes Resultat, sondern immer auch ein lustvoller, horizonterweiternder Prozess, in den die Bürger:innen einer Gemeinde,
Hrsg: Wojciech Czaja, Barbara Feller
Verlag: JOVIS

2022

Brick 22
Ausgezeichnete internationale Ziegelarchitektur

Vom handgemachten Ziegelstein zum hoch entwickelten modernen Produkt: Das Bauen mit gebrannten Tonblöcken schöpft heute aus einem Erbe von neun Jahrtausenden Baugeschichte und dank ihrer vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten, ihrer konstruktiven Qualitäten und ihrer Nachhaltigkeit sind Ziegel bis heute
Hrsg: Wienerberger AG
Autor: Wojciech Czaja, Anneke Bokern, Christian Holl, Matevž Celik, Anna Cymer, Isabella Leber, Henrietta Palmer, Anders Krug
Verlag: JOVIS

2021

Frauen Bauen Stadt

Wie weiblich ist die Stadt von morgen? Im Jahr 2030 werden weltweit 2,5 Milliarden Frauen in Städten leben und arbeiten. Traditionell war die Arbeit am Lebenskonzept Polis in ihrer Beauftragung, Planung und Ausführung jedoch männlich dominiert. Frauen Bauen Stadt porträtiert 18 Städtebauerinnen aus
Hrsg: Wojciech Czaja, Katja Schechtner
Verlag: Birkhäuser Verlag

2020

Almost
100 Städte in Wien

Was macht ein Reisender, wenn er nicht reisen kann? Er reist trotzdem. Wojciech Czaja setzte sich im Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 aus Frust auf die Vespa und begann, seine Heimatstadt Wien zu erkunden. Er fuhr in versteckte Gassen, unbekannte Grätzel und fernab liegende Adressen am Rande der Stadt
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2018

Hektopolis
Ein Reiseführer in hundert Städte

Jede Stadt ist anders. Jede Stadt hat ihren eigenen Charakter, aber auch ihre ganz eigenen Geschichten. Der vielreisende Stadtliebhaber Wojciech Czaja widmet sich in seinem Buch Hektopolis genau diesen ortsspezifischen, feinstofflichen Beobachtungen, Erlebnissen und Anekdoten. Porträtiert werden hundert
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2017

Motion Mobility
Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien

In einem von der Grundstückssuche bis zur Fertigstellung interdisziplinären Prozess planten Pichler & Traupmann Architekten, FCP Fritsch, Chiari & Partner als Ingenieure und das Beratungsunternehmen M.O.O.CON in Zusammenarbeit mit der Agentur Nofrontiere Design und SIDE Studio für Information Design
Autor: Wojciech Czaja, Matthias Boeckl
Verlag: Park Books

2012

Wohnen in Wien
20 residential buildings by Albert Wimmer

Wie wohnen die Wienerinnen und Wiener? Inwiefern decken sich architektonisches Konzept und gelebter Alltag? Der Architekturjournalist Wojciech Czaja und die Fotografin Lisi Specht werfen gemeinsam einen Blick hinter die Fassaden des geförderten Wiener Wohnbaus und bitten die Mieter und Eigentümerinnen
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: SpringerWienNewYork

2012

Zum Beispiel Wohnen
80 ungewöhnliche Hausbesuche

Wohnen ist eine zutiefst persönliche Sache. Kein Raum in unserem Leben steht uns so nahe wie unsere eigene Wohnung, wie unser eigenes Haus. Die beiden Autoren Wojciech Czaja und Michael Hausenblas reisen quer durch Österreich und sind zu Besuch bei Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Wirtschaft. Die
Autor: Wojciech Czaja, Michael Hausenblas
Verlag: Verlag Anton Pustet

2007

91° More than Architecture

Architektinnen und Architekten sind Arbeitstiere. Viele von ihnen arbeiten zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 50 Wochen im Jahr. Die wenige Zeit, die zwischen den dichten Arbeitsstunden noch übrig bleibt, ist wie ein Heiligtum und muss als solches respektiert werden. In diesem Sinne ist 91°
Hrsg: Wojciech Czaja, Eternit Österreich, Dansk Eternit Holding
Verlag: Birkhäuser Verlag

2007

Periscope Architecture
gerner°gerner plus

Vor zehn Jahren haben Andreas und Gerda Gerner mit einem Einfamilienhaus begonnen: „Für ein erstes Projekt ist das Haus Hinterberger sehr unkonventionell. Wir haben uns permanent gefragt: Trauen wir uns das? Seitdem hat man sich oft aus dem Fenster gelehnt“ Entstanden ist das schwebende Haus Südsee in
Hrsg: GERNER GERNER PLUS.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Verlag Holzhausen GmbH

2005

Wir spielen Architektur
Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit

Was ist eigentlich ein Kind? Der Jurist wird uns darauf eine andere Antwort geben als der Soziologe, der Pädagoge eine andere als der Philosoph. Und der Architekt? Wird er schweigen und weiterbauen?
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Sonderzahl Verlag