Neues Porzellan im Augarten für dringende Bedürfnisse
Die öffentlichen Toiletten im Augarten stammten ursprünglich aus den 1970er-Jahren, waren stark beansprucht und am Ende ihrer Lebensdauer. Nun haben Susanne Zottl und Daniel Kerbler sie neu gestaltet, nach japanischem Vorbild.
Jeder und jede braucht sie von Zeit zu Zeit, trotzdem meidet man sie, wenn es geht. Ganz abgesehen davon, dass es viel zu wenige davon gibt und viele etwas kosten. Öffentliche Toiletten sind allzu oft ein öffentliches Ärgernis, auch wenn kaum jemand darüber spricht. Denn sie sind so intim, wie Räume in der Öffentlichkeit nur sein können. Sie sind gleichermaßen Tabu wie Notwendigkeit. Im Fall der Fälle sollten sie gut sichtbar sein und liegen doch oft so versteckt, dass der Grat zum Angstraum – besonders nachts – schmal ist.
In Japan startete die Nippon Foundation 2020 gemeinsam mit dem Bezirk Shibuya das Tokyo-Toilet-Projekt. An 17 Standorten gestalteten 16 Architekten von Weltformat – darunter Shigeru Ban, Toyo Ito, Kengo Kuma, Tadao Ando und Sou Fujimoto – öffentliche WC-Anlagen, die unter Architekturinteressierten längst Kultstatus genießen. Im Film „Perfect Days“ von Wim Wenders werden einige davon zum Sinnbild für die buddhistische Lebenseinstellung von Hirayama (Kōji Yakusho), dessen Arbeit darin besteht, sie mit der Ernsthaftigkeit einer Meditationsübung zu putzen.
Reinigungskräfte gelten als Kostenfaktor
In der Alltagsrealität von Wiener WC-Anlagen gelten Reinigungskräfte vor allem als Kostenfaktor. Je wartungsärmer, desto besser. Toilettenfrauen findet man nur noch vereinzelt, die Stadt Wien setzt bei neuen Anlagen auf vorgefertigte, normierte, robuste Nirosta-WCs. Diese genügen heutigen Anforderungen an Hygiene und Barrierefreiheit, auch rollstuhl- und gendergerechte Typen gibt es. Sie sind gut sichtbar, nicht zu aufdringlich, meist gegen eine Gebühr von 50 Cent zu benutzen und erfüllen ihren Zweck. Aber nicht mehr.
„Ich betrachte öffentliche Toiletten als Orte, an denen sich die Menschen einer Gemeinschaft gegenseitig helfen und unterstützen“, zitiert die Plattform collater.al den japanischen Modedesigner Tomoaki Nagao, besser bekannt als Nigo. Er plante die „Tokyo Toilet“ Jingūmae als eingeschoßiges weißes Häuschen mit rotem Satteldach. Fenster- und Türrahmen sind türkis, sogar einen kleinen Garten mit weißem Lattenzaun gibt es – das Gebäude bildet einen Kontrast zu den umliegenden Wolkenkratzern.
Nicht nur die Primärfunktion erfüllen
Mit einer ähnlichen Haltung gingen auch Architektin Susanne Zottl und Daniel Kerbler an die Gestaltung der neuen Toiletten im Wiener Augarten heran. „Wir wollten nicht nur die Primärfunktion erfüllen, sondern auch einen öffentlichen Raum schaffen, an dem man einander begegnen und unterstützen kann“, sagen die beiden. Sie sind überzeugt, dass sorgfältige Gestaltung die wirksamste Maßnahme gegen Vandalismus ist. Die Fassade der Toilettenhäuschen, deren weich gerundete, organische Form mit der kultivierten Naturlandschaft des denkmalgeschützten Barockgartens harmoniert, besteht aus weiß glasierter Keramik. So zerbrechlich das Material als Geschirr ist, so hochwertig und widerstandsfähig erweist es sich an der Fassade. Auch Otto Wagner verwendete es unter anderem bei seinem Majolikahaus und dem Schützenhaus.
„Dieses Material passt zur Porzellanmanufaktur Augarten“, sagt Zottl. „Außerdem kennen wir es aus unseren Wohnungen, es vermittelt ein vertrautes Gefühl von Sauberkeit und macht das Innere auch nach außen hin sichtbar.“ Allerdings nur symbolisch. Denn im Inneren befindet sich keine Sanitärkeramik, sondern eine normierte Nirosta-Kabine. Dennoch gelang Zottl und Kerbler eine wesentliche Verbesserung: Sie ersetzten das Systemdach durch eine Oberlichtkuppel. So fällt Tageslicht in die Kabine, und man kann den Himmel erahnen.
Urinale waren kostenlos, WCs nur mit Münzeinwurf benutzbar
Die öffentlichen Toiletten im Augarten stammten ursprünglich aus den 1970er-Jahren, waren stark beansprucht und am Ende ihrer Lebensdauer. Zudem bevorzugten sie Männer: Urinale waren kostenlos, WCs nur mit Münzeinwurf benutzbar. Die Burghauptmannschaft beauftragte Zottl und Kerbler mit der Planung. Die beiden hatten bereits das Atelier im Augarten, das Saalgebäude, die Brennhalle sowie die Büros der Burghauptmannschaft im Augarten geplant. Die neuen Toiletten mussten vollständig barrierefrei, inklusiv, leicht bedienbar, wartungsfreundlich, robust und langlebig sein – und zugleich besonders gestaltet. Denn der Augarten zählt zu den 56 denkmalgeschützten historischen Parks Österreichs. Ein Gutachten definiert den gewünschten Idealzustand des Barockgartens und legt fest, welche Sichtachsen, Alleen und weiteren charakteristischen Merkmale erhalten bleiben müssen. So kann Wien zumindest im Augarten ein wenig Tokio werden. Ein wenig, denn im Kern sind die schmucken Häuschen – bis auf die Oberlichtkuppel – Systembauten. Die Gesamtkosten betrugen netto 1.297.252,03 Euro, Budgetüberschreitungen gab es nicht.
Die Standorte waren bereits etabliert und blieben unverändert. Die neuen Baukörper berücksichtigen ihr Umfeld jedoch wesentlich stärker als ihre standardisierten Vorgänger. Zottl und Kerbler reagierten auf die historische Gartenanlage. Die Dachform nimmt den Schwung der Baumkronen auf, deren weich geschwungener Saum einen bewegten Horizont bildet. Die vertikalen keramischen Fassadenelemente sind halbrund eingekerbt, als hätte man kleine Baumstämmchen hineingelegt. Ihre konvexe Form erzeugt konkave Abdrücke. Dafür wurden eigens stranggepresste Elemente angefertigt. Es gibt sie in drei Breiten – 13, 16 und 21 Zentimeter –, wodurch sie der Rundung der Fassade folgen können.
Die Häuschen sind dezent
Zottl und Kerbler bearbeiteten zwei Standorte: einen bei der „Schankwirtschaft“ an der Oberen Lindenallee und einen beim historischen Saalgebäude. Letzterer war besonders heikel, weil er prominent liegt. Insgesamt drei WCs, eines davon rollstuhlgerecht, wurden hier auf zwei freigeformte Baukörper verteilt. Die erste Version beanstandete das Bundesdenkmalamt. „Sie sollten sich nicht optisch in den Vordergrund spielen. Die Belichtungsaufsätze waren zu hoch“, erklärt Stephan Bstieler, stellvertretender Leiter der zuständigen Abteilung für Spezialmaterien. „Wir haben aber einen guten Kompromiss gefunden.“ Nun ragen die Häuschen dezent, aber wahrnehmbar über die umgebenden Hecken hinaus. Zwischen den breiten Durchgängen mit ihren flachen, rollstuhlgerechten Rampen schlängelt sich ein Weg, der sich zu einem kleinen Platz mit Brunnen und Sitzbank erweitert. Auch die Bank ist geschwungen. Beides wird intensiv genutzt, vor allem von Familien mit Kindern.
Auch der Standort bei der „Schankwirtschaft“ hat neben der gewöhnlichen auch eine barrierefreie Kabine, auch dort gibt es einen kleinen Brunnen, einzig die Bank ist gerade. Der Pächter bestätigt: Sie werden gut angenommen. Die Toiletten sind unisex, mit Brailleschrift versehen, alle verfügen über ein Waschbecken, in einer Kabine gibt es sogar einen Wickeltisch. Sie stehen kostenlos zur Verfügung. Das funktioniert allerdings nur, solange sie sorgsam behandelt werden. Die Burghauptmannschaft versteht die gebührenfreie Nutzung daher als gemeinschaftliche Verantwortung. Bisher sind die neuen öffentlichen Klos so schön wie am ersten Tag.