Artikel

Ein Brüsseler Plenarsaal in den Wolken
Spectrum

Der Wettbewerb für ein neues EU-Parlament in Brüssel ist entschieden. Ob wirklich etwas Neues entsteht oder es am Ende bei der Sanierung eines schwachen Bestands bleibt, ist freilich noch offen.

16. Dezember 2022 - Christian Kühn
Versucht man einem Gast aus den USA die politische Struktur der EU zu erklären, wird es rasch kompliziert. In den USA bilden der Präsident, der Kongress und der oberste Gerichtshof ein stabiles Dreieck von Exekutive, Legislative und Judikative. In der EU gibt es gleich drei Präsident:innen: eine mächtige für die Kommission, eine weniger mächtige für das Parlament und einen vergleichsweise machtlosen, alle 2,5 Jahre neu gewählten, der den „Europäischen Rat“ der Regierungschefs leitet; im „Rat der EU“ treffen sich die Minister auf fachlicher Ebene.

Immerhin haben die beiden EU-Räte seit ein paar Jahren ein eigenes Haus: die Erweiterung eines Art-déco-Gebäudes aus den 1920er-Jahren unweit des Brüsseler Place Schumann, genau gegenüber vom Sitz der Kommission. Der Bestand wurde vom belgischen Büro Samyn und Partner um einen gebäudehohen Wintergarten erweitert, hinter dessen Fassade aus nachgenutzten Eichenholzfenstern eine gigantische gläserne Amphore hervorleuchtet, in der die Ratssäle gestapelt sind. Das Ensemble aus Alt und Neu wirkt einigermaßen surrealistisch, insbesondere da die Amphore nicht kreisrund, sondern gequetscht ist, was ihr in der Seitenansicht einen beachtlichen Schmerbauch verleiht. Als Hintergrund für die mediale Berichterstattung ist das „Haus Europa“ aber gut brauchbar. Im Logo der Räte findet sich das Haus ebenso wieder: als kleines Fass mit horizontalen Streifen.

Auch das Europäische Parlament hat ein Logo: einen konzentrisch angelegten Plenarsaal, das einen konzentrisch angelegten Plenarsaal darstellt. Dass hier kein Gebäude gezeigt wird, ist kein Zufall. Die Frage, wo das Europaparlament zu Hause ist, lässt sich nämlich nicht so einfach beantworten. Straßburg ist als offizieller Sitz des Parlaments in Verträgen festgeschrieben, die nur einstimmig geändert werden können. Dass es klüger wäre, Kommission, Räte und Parlament an einem gemeinsamen Ort unterzubringen, liegt aber auf der Hand.

Zwischen Brüssel und Straßburg

Als die Belgier Ende der 1980er-Jahre versuchten, das Parlament in einen Neubau nach Brüssel zu locken, musste dieser Plan quasi geheim umgesetzt werden, was bei einer Bauführung im Ausmaß von mehreren Hunderttausend Quadratmetern Fläche nicht einfach ist. Der Zaubertrick, mit dem dies gelang, war die Planung eines Kongresszentrums in zufällig denselben Ausmaßen, wie sie das EU-Parlament benötigte. Der Standort dieses als „Espace Léopold“ bezeichneten Komplexes liegt prominent am Rande des Quartier Léopold, 15 Minuten Fußweg vom Place Schumann entfernt. Sein Spitzname „Caprice des Dieux“ bezieht sich auf einen Käse gleichen Namens, dessen Schachtel eine ähnlich längliche, an beiden Seiten abgerundete Form aufweist wie das Parlamentsgebäude. Heute finden hier im Schnitt sechs Sitzungen des EU-Parlaments pro Jahr sowie die Ausschuss- und Fraktionssitzungen statt. Zwölf weitere Sitzungen des Plenums erfolgen im 400 Kilometer entfernten Straßburg, wo seit 1999 ein für 470 Millionen Euro errichteter Parlamentsneubau zur Verfügung steht. Mit diesem Investment signalisierte Paris, dass es der EU nie erlauben würde, das Parlament komplett nach Brüssel zu verlagern. Das hat seinen Preis: Die Kosten für das Hin- und Herreisen werden auf rund 200 Millionen Euro pro Jahr geschätzt.

Nun steht das Brüsseler Parlament nach knapp 30 Jahren und zahlreichen Zu- und Umbauten vor einer Generalsanierung, die bis zum Abbruch und Neubau gehen könnte. Um Vorschläge dafür zu erhalten, startete das Parlament 2019 einen mehrstufigen Architekturwettbewerb für ein Projekt mit einem Kostenrahmen von rund 300 Millionen Euro. Diesmal wollte die EU nichts falsch machen: Die Ausschreibung war präzise, das Preisgeld angemessen, und in der Jury saßen mit Kazuyo Sejima, Dorte Mandrup, Manuelle Gautrand und Kristiaan Borret international ausgewiesene Expert:innen. Die Jurysitzung der letzten Stufe mit 25 Finalisten fand im Juni 2021 statt. Die Ergebnisse wurden dem Parlament coronabedingt erst im Sommer 2022 präsentiert und kürzlich im Internet veröffentlicht.

Wo Demokratie reflektiert wird

Die Grundentscheidung war jene zwischen Abbruch und Neubau. Ist es ökologisch vertretbar, ein Objekt dieser Größe nach nur 30 Jahren abzutragen? Nein, argumentieren in ihrem Projekt die Architekten Baumschlager-Eberle: Der Bestand wird transformiert, teilweise in Holz ergänzt und in eine neue Hülle gepackt, die nicht unangenehm auffällt. Ja, argumentieren Jabornegg und Pálffy, die in Kooperation mit Kuehn Malvezzi den zweiten Platz im Wettbewerb erzielten: Ein Plenarsaal fast in den Wolken verbindet sich mit einem Sockelgebäude zu einer gläsernen Skulptur, die aus dem Kontext herauswächst. Der defizitäre Bestand wird abgetragen, womit der Weg frei wird zu einer präzisen räumlichen Fassung des parlamentarischen Betriebs, mit grandiosen Foyers, Besucherterrassen und Gärten. Das Ergebnis ist ein Ort, an dem Demokratie nicht nur praktiziert, sondern auch reflektiert wird. Über die nächsten 50 oder 100 Jahre, die das Gebäude überdauern sollte, wird sich auch die Praxis der Demokratie verändern. Die großzügigen Begegnungszonen in diesem Entwurf bieten dafür den nötigen Raum.

Der erste Platz im Wettbewerb ging an einen Kompromiss: Das belgische Büro JDS in Partnerschaft mit Carlo Ratti, NL Architects, Ensamble Studio und Coldefy aus Frankreich entfernt den mittleren Teil des Bestandes und implantiert dort die Elemente des parlamentarischen Betriebs als Revue von Themen: eine Rolltreppenhalle für die Besucher, ein als Totem bezeichnetes Implantat für diplomatische Spezialanlässe, dazwischen eingespannt der Plenarsaal, über dem als krönender Abschluss ein Wintergarten errichtet wird, in dem Pflanzen aus der ganzen EU wachsen sollen.

Diese Theatralik wirkt etwas billig. Aus der Käseschachtel würde mit diesem Projekt eine Pralinenschachtel. Das mag ein Fortschritt sein, aber er reicht nicht. Laut Ausschreibung muss der Auftraggeber den Rat der Jury nicht unbedingt befolgen. Er sollte diese Option nutzen und ein konsequentes Projekt wählen statt eines faulen Kompromisses – falls er an einer Umsetzung interessiert ist. Vonseiten der Parlamentspräsidentin Roberta Metsola gibt es jedenfalls kein offizielles Statement zum Projekt.

teilen auf

Für den Beitrag verantwortlich: Spectrum

Ansprechpartner:in für diese Seite: nextroomoffice[at]nextroom.at

Tools: