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Profil

Wojciech Czaja, geboren in Ruda Śląska, Polen, ist freischaffender Journalist für Tageszeitungen und Fachmagazine, u.a. für Der Standard, Architektur & Bauforum, VISO, db Deutsche Bauzeitung, und DETAIL. Er ist Autor zahlreicher Wohn- und Architekturbücher, u.a. Wohnen in Wien (2012), Zum Beispiel Wohnen (2012), Überholz (2015) und Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden (2015). Zuletzt erschien HEKTOPOLIS. Ein Reiseführer in hundert Städte im Verlag Edition Korrespondenzen. Er arbeitet als Moderator und leitet Diskussionsrunden in den Bereichen Architektur, Immobilienwirtschaft und Stadtkultur und veranstaltet unter dem Titel Ähm, ja also... Praxis-Workshops zum Thema Kommunikation und Präsentation. Er ist Dozent an der Universität für Angewandte Kunst in Wien sowie an der Kunstuniversität Linz und unterrichtet dort Kommunikation und Strategie für Architekten. Außerdem ist er von 2015 bis 2021 Mitglied im Stadtbaubeirat in Waidhofen an der Ybbs.

Publikationen

Wir spielen Architektur. Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit, Sonderzahl-Verlag, Wien 2005
periscope architecture. gerner gerner plus, Verlag Holzhausen, Wien 2007
Stavba. Die Strabag-Zentrale in Bratislava, Wien/Bratislava 2009
Light/Night. The Nouvel Tower in Vienna, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2010
Wohnen in Wien. 20 residential buildings by Albert Wimmer, Springer Verlag, Wien 2012
Zum Beispiel Wohnen. 80 ungewöhnliche Hausbesuche, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2012
Überholz. Gespräche zur Kultur eines Materials, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2015
Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden, Wien 2015
Der Fuß weiß alles. Markus Scheer, Ecowin Verlag, Wals bei Salzburg 2016
Der Erste Campus, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2017
motion mobility. Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien, Park Books, Zürich 2017
Hektopolis. Ein Reiseführer in hundert Städte, Edition Korrespondenzen, Wien 2018

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Artikel

16. September 2023 Der Standard

Kaczyńskis neue Camouflage

Zwei neue Museen in Warschau, das eine wunderschön, das andere von gigantischem Ausmaß, beweisen: Rechtsradikale Propaganda-Architektur ist Instagram-tauglich geworden.

Es ist, als würde sich der Beton samtig, streichelweich anfühlen. Als wäre das Haus in eine dicke Fischgrät-Strickdecke gehüllt. Als fühlte man sich warm und geborgen. „Genau das war unser Ziel“, sagt Krzysztof Budzisz, Partner im Warschauer Architekturbüro WXCA. „Vor vielen Jahren schon hatten wir die Idee, die Fassade als monolithisches Relief in diesem sinnlichen Ornament abzugießen. Es war ein langer Weg dahin, mit vielen Modellen und vielen, vielen unterschiedlichen Betonrezepturen, die wir ausprobiert haben. Doch die Arbeit hat sich gelohnt. Jetzt stehen wir da, vor der wahrscheinlich schönsten Fassade, die uns je gelungen ist.“

Entwickelt wurde das Projekt in Zusammenarbeit mit dem englischen Ingenieurspezialisten Buro Happold. Für die knapp acht Meter hohen Fassaden, die nicht als Fertigteile produziert, sondern direkt vor Ort im klassischen Schalungsbau gegossen wurden, musste eine eigene Silikonmatrize entwickelt werden. Mit Erfolg, das Ergebnis ist auf den Millimeter genau abgebunden, die Grate im warmen, ziegelroten Beton mit einer Kante wie vom Bildhauer. Schon jetzt, wenige Wochen nach Fertigstellung, wurde der Bau von Baufirmen und Betondelegationen aus aller Welt besucht.

Doch Achtung, in seinem materiellen – und noch mehr in seinem immateriellen – Inneren lauern große Überraschungen. Kaum hat man das Museum betreten, galoppieren historische Ritter durch die Hallen, mit Lederstiefeln und Kettenhemd bekleidet, nebenan eine ganze Batterie an Rüstungen und Speeren, überall polnische Fahnen und Flaggen von der Decke hängend, und dann schließlich, ein dramatischer Hintergrund wie im Schützengraben, ein sowjetischer Panzer, Modell T-34 mit 76-Millimeter-Rohrkanone, Baujahr 1943.

Polnische Geschichte

Das Museum der polnischen Armee, in Auftrag gegeben vom polnischen Verteidigungsministerium, Resultat eines internationalen Architekturwettbewerbs 2009, ist ohne jeden Zweifel eines der schönsten zeitgenössischen Bauten in ganz Warschau. Und plötzlich versteht man, dass es sich beim Zickzackmuster der Fassade, die man eben noch begeistert gestreichelt hat, um eine Anspielung auf Abzeichen und militärische Uniformapplikationen handeln muss.

Das Armeemuseum ist das erste, bereits eröffnete Kulturprojekt auf der Warschauer Zitadelle, die in den 1830er-Jahren von der Armee des Russischen Reiches errichtet und die längste Zeit vom polnischen Heer genutzt wurde. Bis vor wenigen Wochen war das 32 Hektar große Areal militärisches Sperrgebiet, nun steht es der Öffentlichkeit als grüne und kulturelle Oase zur Verfügung. So der offizielle Wortlaut dieser derzeit größten Museumsbaustelle Europas.

„Die Zitadelle war immer ein unbeliebter, negativ konnotierter Ort in Warschau“, sagt Budzisz. „Der Rückzug des Militärs und der Rückbau der Kasernengebäude bieten nun die Chance, den Park mit seinem riesigen Baumbestand als Naherholungsgebiet und Kulturquartier zu nutzen. Schließlich ist dies ein geschichtsträchtiger, historisch wertvoller Ort. Unser Traum ist, dass die Zitadelle bald wieder als ein Stück Stadt wahrgenommen wird.“

Die Chancen stehen gut, denn das 300 Millionen Złoty teure Projekt (rund 65 Millionen Euro) steht nicht allein da. Am 29. September wird das neue Museum der polnischen Geschichte eröffnet, ein gigantischer Bau aus weißem Marmor, 200 Meter lang, 60 Meter breit, 24 Meter hoch, Baukosten 650 Millionen Złoty (140 Millionen Euro), ebenfalls von WXCA geplant, mit Bühne, Konzertsaal, Amphitheater, Bibliothek, Werkstätten, Restaurant und Dachterrasse mitsamt Mirrorpool, in dem sich die Warschauer Skyline spiegelt.

Weltweite Aufmerksamkeit

Doch noch besser stehen die Chancen, dass die nationalistische, rechtspopulistische Partei PiS (Prawo i Sprawiedliwość, Recht und Gerechtigkeit), die das Land seit 2015 regiert, das 2009 gestartete Architekturprojekt dazu verwendet, sich ein Denkmal zu setzen und in der Bevölkerung zu suggerieren, eine moderne, weltoffene Partei zu sein, die in der Lage ist, Projekte zu realisieren, die weltweit für Furore sorgen. Es gibt kaum ein internationales Onlineportal im Bereich Architektur und Design, das in den letzten Wochen nicht darüber berichtet hätte. Mit tollen Fotos von leeren Räumen. Die Panzer, Waffen und Camouflage-Exponate sind darauf freilich nicht zu sehen.

Ebenfalls nicht kommuniziert wird die Tatsache, dass das bereits fertiggestellte Museum der polnischen Geschichte noch keine Dauerausstellung hat, dass die 7000 Quadratmeter große Halle im ersten Stock Rohbau ist und überhaupt erst noch befüllt werden muss, dass die Mitarbeiter und Mitglieder der Wissenschaftsbeiräte der beiden Museen ein Naheverhältnis zur PiS haben oder sogar mal ein politisches Amt innehatten, dass die Architekten den Platz zwischen den Museen begrünen wollten, was von der PiS allerdings verhindert wurde, weil sie ihn in Zukunft für politische Paraden nutzen will, dass das Armeemuseum demnächst einen Zwillingsbau erhält, in dem es dann nicht nur Panzer und Kampfflugzeuge geben wird, sondern auch Café, Kino und – jawoll – einen Schießstand zur freizeitlichen Beschäftigung.

„Die Museen, die unter der PiS-Regierung in den letzten Jahren gebaut oder personell neu besetzt wurden, sind nichts anderes als Lügen- und Inquisitionsmaschinen“, sagt der polnische, in Wien lebende Schriftsteller Radek Knapp, Autor des mittlerweile aktualisierten Buches Gebrauchsanweisung für Polen . „Je leerer und sinnentleerter die Politik, desto größer sind die von ihr geschaffenen Gebäude. Dass sie leerstehen, spielt keine Rolle.“

Scheinliberale Lebenssprache

Noch schärfer formuliert es der Warschauer Architekt, Kulturtheoretiker und Universitätsprofessor Jakub Szczęsny: „Manche dieser Institutionen sind bis in die Führungsebene hoch von Rechtsradikalen durchseucht, deren einziges Interesse es ist, die Geschichte und die Realität zu manipulieren und ihre Häuser als Propagandawerkzeug für Jarosław Kaczyńskis Vision eines heroischen, völkisch reinen Polens zu nutzen. Sie beherrschen das skrupellose Spiel genauso gut wie Orbán, Putin und Trump.“

Bei der Parlamentswahl in Polen 2019 erzielte die PiS mit 43,6 Prozent das beste Wahlergebnis, das eine Partei im demokratischen Polen je erreichte. „Und so, wie man die rechtskonservativen Wähler auf der Straße nicht mehr erkennt, weil sie mittlerweile eine moderne, scheinliberale Lebenssprache beherrschen, sind auch die baulichen Machtsymbole einer ultrarechtskonservativen, fast schon nationalsozialistischen Regierung nicht mehr als solche zu erkennen. Die Architektur des Bösen ist instagrammable geworden.“

2. September 2023 Der Standard

Per Propeller durch die Stadtgalaxis

An Passagierdrohnen wird bereits seit geraumer Zeit gearbeitet. Doch wo und wie werden die Flugobjekte in unseren Städten starten und landen? In diese Forschungs- und Entwicklungslücke hat sich nun der Berliner Flughafenplaner AMD.Sigma hineingesetzt.

Passenger W. Czaja, your e-flight from Dubai Jumeirah E-Hub to Abu Dhabi Marina Vertiport is ready for boarding. Please proceed to gate number X12. Airtaxi take-off in ten minutes.“ Mit dem Handgepäck geht es zum kleinen Cityairbus, drei Propeller an jedem Flügel, zwei weitere auf der Heckflosse, unübersehbar das charakteristische Branding von Emirates Next, Gesamtkapazität vier Personen, die Türen schließen, kurz darauf wird die Drohne zum Abflugpunkt gezogen, die Motoren starten, ein lautes Surren, in einer vertikalen Linie steigt das Ding in Sekundenschnelle nach oben.

Geht es nach dem Berliner Architektur- und Consulting-Büro AMD.Sigma Airport Management und Development GmbH, könnte diese Vision bereits innerhalb dieses Jahrzehnts Realität werden. „Und damit“, meint Olaf Bünck, Senior Manager, zuständig für strategische Flughafen- und Vertiport-Entwicklung im Unternehmen, „wird sich die urbane und interurbane Mobilität massiv verändern. Sie wird schneller und multimodaler – und trägt zu einer grünen, CO₂-reduzierten Mobilität bei.“
Vertiports

AMD.Sigma, eine Tochter der Flughafenbetreibergesellschaft Munich Airport International (MAI), ist darauf spezialisiert, Flughäfen zu planen, von der Entwicklung von Master- und Businessplänen bis hin zu Beratungsleistungen im Bereich Umbau, Ausbau, Sanierung, Übersiedlung, Baugenehmigung, Prozessentwicklung, Projektmanagement und strategische Neuausrichtung. Im Portfolio finden sich München, Berlin, Hamburg, Düsseldorf, Sofia, Istanbul, Abu Dhabi, Kuwait, Bangkok, Newark und Rio de Janeiro. Zu den aktuellen Consulting-Kunden zählen aber auch kleinere Flughäfen wie etwa Salzburg und Klagenfurt.

Als erstes Büro dieser Art weltweit beschäftigt sich AMD.Sigma nun auch mit Drohnenflugverkehr, Drohnenflughäfen und den damit verbundenen Auswirkungen auf Stadt, Architektur und Verkehrsplanung. Der Fokus richtet sich dabei vor allem auf die Standortfindung, Entwurfsplanung und Infrastrukturentwicklung von Drohnenflughäfen, sogenannten Vertiports. Im Fachjargon werden die elektrisch betriebenen Drohnen daher auch eVTOLs genannt. Die etwas sperrige Abkürzung steht für Electric Vertical Take-off and Landing Aircraft.

Hinter den Kulissen ist das Thema weitaus fortgeschrittener, als vielen bewusst ist. Das OECD International Transport Forum (ITF) arbeitet schon seit Jahren an rechtlichen und gesetzlichen Rahmenbedingungen für Drohnen zur Beförderung von Menschen, ein entsprechendes Paper wurde bereits von mehr als 50 Ländern aus aller Welt ratifiziert. Die European Union Aviation Safety Agency (EASA) hat vor einigen Monaten ein Manual für die Vertiportplanung und Einflugschneisen herausgegeben. Und in Zürich – einer der Pioniere der frühen Entwicklungsphase – fliegen zwar noch keine Menschen, in medizinischer respektive transplantiver Mission sehr wohl aber schon deren Organe und Blutkonserven durch die Lüfte.

„Weltweit gibt es rund 600 Tech-Unternehmen, die sich mit der Entwicklung und Optimierung von Drohnenkonzepten befassen“, sagt Bünck. „Es ist nur noch eine Frage von wenigen Jahren, bis die ersten eVTOLs zertifiziert und für den zivilen Luftverkehr zugelassen werden. Gleichzeitig aber gibt es bislang nur wenige Überlegungen, wie diese neue Verkehrstechnologie in bestehende Städte integriert werden kann. Und genau hier setzen wir an. Wir entwickeln Architektur- und Refurbishment-Modelle für Vertiports im urbanen und suburbanen Raum.“

Nicht wie im Sci-Fi-Film

Die weitverbreitete Annahme, dass Passagierdrohnen von bestehenden Großflughäfen wegfliegen und – wie in Science-Fiction-Filmen immer wieder dargestellt – auf irgendeinem Hochhaus landen werden, muss der Drohnenexperte relativieren. Auch das Andocken an einen klassischen Großflughafen ist komplexer, als man annehmen möchte. „Höhenwinde, Luftverwirbelungen und infrastrukturelle Anforderungen wie etwa elektrische Ladeeinrichtungen sind alles andere als trivial“, so Bünck. „Das alles sind große technische Herausforderungen. Kein unüberwindbares Hindernis zwar, aber eine komplexe Planungsaufgabe.“

Für viel wahrscheinlicher hält Bünck die Errichtung von Vertiports auf städtischen Freiflächen mit einer Mindestfläche von rund 10.000 Quadratmetern. Der Großteil des Areals entfällt auf Infrastrukturflächen wie etwa Lande- und Parkflächen für die Fluggeräte, PV-Anlage, Trafostation und Wartungsflächen sowie auf den sich trichterförmig nach oben öffnenden Luftraum für Start- und Landemanöver. Als Alternative könnte man auch bestehende Hochgaragen zu Mobility-Hubs ausbauen und – analog zum heute schon üblichen Park-and-Ride-Konzept – als Park-and-Fly-Anlagen nutzen. Pläne und Konzepte wie diese liegen im Büro von AMD.Sigma zuhauf auf dem Tisch.

Aktuell arbeiten die Berliner Architekten an einem Forschungsprojekt unter dem Titel InterRegional eAirport . Ziel dieser Studie ist es, eine enorme, in vielen Ländern Europas schlummernde Ressource zu nutzen. „Allein in Deutschland gibt es eine Vielzahl an kleinen Regionalflughäfen“, sagt Geschäftsführer Adam Symalla, „und viele davon sind defizitär oder stehen kurz vor dem wirtschaftlichen Aus. Diese bestehenden Infrastrukturen könnten allein schon aufgrund ihrer Größe durch Solarparks ergänzt und mit Vertiports kombiniert werden.“ Auf diese Weise, so Symalla, könnte man neben dem primären internationalen Flugnetz ein sekundäres, dezentrales, interurbanes Flugdrohnennetz aufbauen.

Stadtplanung hinkt hinterher

Die Entwicklung wird kommen. EU-Politik, Gesetzgebung, Flugindustrie und vor allem eine ganze Batterie an global agierenden Unternehmen, die sich mit hocheffizienten Ladetechnologien beschäftigen, sind in ihrer Arbeit weit fortgeschritten. „Bloß Architektur und Stadtplanung hinken noch hinterher“, meint Symalla. „Und das ist bedauerlich, denn wenn wir uns dieser künftigen Planungsaufgabe nicht annehmen und gute, intelligente Lösungen im Einklang mit der europäischen, historisch gewachsenen Stadt erarbeiten, dann geben wir das Zepter aus der Hand – und die Industrie wird diese Aufgabe im Alleingang lösen. Wollen wir das wirklich zulassen?“

Im Büro AMD.Sigma wird die nächste Powerpoint-Slide eingeblendet. Streng vertraulich, das Projekt ist noch unter Verschluss. „Das Thema ist zu reizvoll und im Sinne einer nachhaltigen Urban Mobility auch viel zu wichtig.“ Wann wird man mit eVTOLs von der Berliner City an die Ostsee fliegen können? „Früher, als Sie glauben!“

5. August 2023 Der Standard

Kann das Schiff da rauf?

„Kann die Wand da weg?“ Diese Frage stellt sich aktuell eine Münchner Ausstellung, die auf lustige und niederschwellige Weise einen Blick hinter die konstruktiven Kulissen der Architektur wirft.

Gleich neben der Münchner Großmarkthalle, nur wenige Winkelsekunden von der Isar entfernt, man traut seinen Augen kaum, ist auf der ehemaligen Eisenbahnbrücke ein Schiff vor Anker gegangen. „Und so ein Projekt“, sagt Thomas Beck, seines Zeichens Tragwerksplaner, im täglichen Sprachgebrauch den meisten eher als Statiker bekannt, „hat man nicht alle Tage. Für uns war die Berechnung und tragwerksplanerische Konzeption eine ziemliche Challenge, bei der wir sehr kreativ sein mussten, denn die Rahmenbedingungen waren mehr als verschärft.“

Was ist passiert? Einst war die MS Utting, Baujahr 1949, ein beliebtes Ausflugsschiff auf dem bayrischen Ammersee. Aufgrund technischer Mängel musste das 36 Meter lange Boot 2016 aus dem Verkehr gezogen und durch einen zeitgemäßen Nachfolger ersetzt werden. Daniel Hahn, ein wilder Hund in der Münchner Gastroszene, hatte die Idee, das ausgemusterte Ding zu kaufen, über der Lagerhausstraße zu parken und ihm neues Leben einzuhauchen – als Bar, Restaurant und Event-Location.

„Als wir das Projekt in Angriff genommen haben, war gerade Februar, das Schiff lag teilweise in gefrorenem Wasser“, erzählt Beck, Partner bei A.K.A. Ingenieuren. „Hinzu kommt, dass es fast keine Planunterlagen gab, mal abgesehen von einem alten, mäßig aussagekräftigen Spantenriss. Anhand der Wasserlinie, der Geometrie des Rumpfes und der Größe des Aufbaus waren wir gezwungen, das Schiffsgewicht zu schätzen. Die größte Erschwernis war, dass wir vom Auswassern im Ammersee bis zur Montage in München-Sendling ein Zeitfenster von einem Tag hatten. Es gab keinerlei Möglichkeit, einen Geometrieabgleich zu machen. Das ist echt verschärft!“

Mithilfe von Bockgestellen und unterschiedlich dimensionierten Holzkeilen, die in der Lage waren, Planabweichungen aufzunehmen, ist es gelungen, ein flexibles Tragwerkskonzept zu erstellen und das Schiff auf der stillgelegten Eisenbahnbrücke passgenau abzustellen. Sobald die beiden Krane ihre Arbeit erledigt hatten, konnte der Rumpf untermauert und mit einem massiven Fundament gestützt werden. Seit fünf Jahren ist das ehemalige Schiff, das mittlerweile auf den Namen Alte Utting hört, in Betrieb.

Diesen und vielen anderen Geschichten aus der Welt der Tragwerksplanung widmet die Architekturgalerie München im Bunker aktuell eine Ausstellung. Unter dem genialen, aus dem Alltag gegriffenen Titel Kann die Wand da weg? werden Projekte und Schlüsselmomente aus Thomas Becks beruflichem Leben geschildert. „Und ja“, sagt er, „die Frage, ob die Wand da, die Stütze da oder die Decke da wegkönne, die hört man als Tragwerksplaner, sobald man mit Bauherren in der Bestandssanierung zu tun hat, ziemlich regelmäßig.“

Für Nicola Borgmann, Direktorin der Architekturgalerie, ist es nicht das erste Mal, dass sie sich dem Thema widmet. Schon einmal, 2016, offenbarte sie in einer Ausstellung über die waghalsigen Hochhäuser und gigantischen, hauchdünnen Pencil-Skyscrapers des global tätigen, in New York ansässigen Ingenieurbüros SOM Skidmore, Owings & Merrill einen Blick hinter die konstruktiven Kulissen der Architektur.

„Architektur und Tragwerk sind untrennbar miteinander verbunden“, meint Borgmann, „und doch versteckt sich das eine Metier oft hinter dem anderen. Abgesehen von ein paar Architekturikonen wie etwa Centre Pompidou in Paris, Lloyd’s Building in London oder Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie in Berlin ist eine sichtbare, nachvollziehbare Konstruktion meist nicht erwünscht. Schade.“ Das bestätigt auch Beck. „Manchmal werden wir Tragwerksplaner einfach nur als Rechenknechte eingesetzt. Dann machen wir halt unseren Job und rechnen aus, was die Architekten sich wünschen, das ist schon okay. Aber die Großartigkeit unserer Arbeit startet dort, wo man grübeln, sich austoben und in enger Zusammenarbeit mit Bauherren und Architektinnen eine co-kreative Lösung schaffen kann.“ So wie die letzte Fahrt der MS Utting, die neben vielen anderen Projekten in München dokumentiert ist.

„Kann die Wand da weg?“ Bis 29. 9. in der Architekturgalerie München.

„Rechenknechte sind wir schon lange nicht mehr! Mittlerweile, habe ich das Gefühl, ist unsere Expertise in Fachkreisen anerkannt und wird auch sehr geschätzt. Natürlich ist nicht jedes einzelne Projekt, an dem man arbeitet, eine Neuerfindung des Rades, aber manche schon. Es gibt nichts Schöneres, als gemeinsam an einer Lösung zu arbeiten und ein Gebäude wachsen und entstehen zu sehen.“
Klaus Bollinger, Bollinger & Grohmann

„Ich empfinde meinen Job nach vielen, vielen Berufsjahren immer noch als herausfordernd. Jeden Tag gibt es neue Fragen und neue Aufgabenstellungen. Die Normen und Bauordnungen ändern sich ständig, und dann erst die neuen Software-Releases! Ich mag diese Abwechslung und die Zusammenarbeit mit spannenden, interessanten Bauherren und Architektinnen. Mir wird nie fad.“
Gretl Salzer, Wien

„Für die Landesausstellung Steiermark in Herberstein haben wir kürzlich einen neuartigen kraftschlüssigen Verbindungsknoten aus Holz entwickelt. Das war handwerkliches Engineering vom Feinsten! Ich mag diese Momente, wenn einem der Knopf aufgeht. Und selbst, wenn man was ganz Neues, noch nie Dagewesenes macht, ist man als Ingenieur immer auf der sicheren Seite, denn wir können alles immer auch berechnen.“
Peter Bauer, Werkraum, Vizepräsident, Kammer der ZiviltechnikerInnen Wien, Niederösterreich, Burgenland

„Für die Formel 1 und den MotoGP haben wir vor einigen Jahren eine mobile Red-Bull-Energy-Station entwickelt. Ein hochkomplexer Bausatz, der so konzipiert werden musste, dass man ihn innerhalb von wenigen Stunden auf- und wieder abbauen kann. Wenn man dann in Monaco steht und dabei zuschaut, wie ein dreigeschoßiges Holzhaus auf einem Lastenfloß in den Hafen geschippert wird … das ist schon wow!“
Kurt Pock, KPZT, Klagenfurt

„Eigentlich wollte ich in Bulgarien Architektur studieren, aber dann ist es doch Bauingenieurwesen geworden. Das Gute daran: Ich betrachte Tragwerksplanung aus der Sicht der Architektin und kombiniere technisches Fachwissen mit einem ästhetischen Gespür. So entstehen wunderbare, manchmal ziemlich komplizierte Juwelen.“
Neli Rachkova- Anastassova, Wien

22. Juli 2023 Der Standard

Hinterholz 101

Ein altes, baufälliges Gründerzeithaus am Stadtrand von Leipzig. Was tun? Das außergewöhnliche Architekturbüro Summacumfemmer hat sich des Patienten angenommen und ihn nicht saniert, nicht renoviert – sondern einfach nur repariert. Ein Besuch.

Der Putz abgeschlagen, die gesamte Fassade einfach nur mit Romanzement geschlämmt. Für ein hochwertiges Stiegenhaus kein Geld, stattdessen ein simples Bauprovisorium, aus handelsüblichen Schichtholzplatten zusammengebastelt. Fenster vom Fensterproduzenten, ebenfalls Fehlanzeige, zu teuer, zu aufwendig im Einbau, viel zu lange Lieferzeiten, es geht auch anders, einfache Zwei-Scheiben-Fixverglasungen zum Beispiel, mit Gummidichtungen und Klammern an die Mauerlaibung geschraubt, das tut’s fürs Erste auch.

„Wenn wir ein altes, in die Jahre gekommenes Haus in Schuss bringen“, sagt Florian Summa, 41 Jahre alt, „dann sprechen wir in der Regel von Sanierung, Renovierung, Restaurierung oder sogar Rekonstruktion. Aber diese kostspieligen Erneuerungen sind nicht die einzige Möglichkeit! Wir wollen beweisen, dass es auch anders geht, dass man ein altes, gründerzeitliches Haus auch reparieren kann, so wie man einen Schuh oder eine zerrissene Jeansjacke repariert.“

Mindset-radikal

Ort der baulich manifest gewordenen Beweisantretung ist die Dieskaustraße 101 in Leipzig, fernab der Innenstadt, elf Tramstationen stadtauswärts, im von Textilfabriken und schweren Industriearealen geprägten Stadtteil Kleinzschocher. Obwohl das 1888 errichtete Haus die letzten 30 Jahre lang leerstand, mit Taubenkolonien im Dachboden, teils eingestürzten Holzbalkendecken und längst zerstörtem Stiegenhaus, obwohl die Fassade mit blauen, engmaschigen Baugerüsten eingehüllt war, Gefahr in Verzug aufgrund von herabfallenden Bauteilen, war es um den Architekten und seine Partnerin Anne Femmer, die den Bastlerhit – die Bauruine – 2014 auf immoscout24.de gefunden hatten, von der allerersten Sekunde an geschehen.

„Wir hatten schon einige Jahre Auslandserfahrung hinter uns, hatten bereits in Wien, Zürich, Gent, London und Tokio gearbeitet, und uns schien die Zeit reif, uns eine eigene Existenz aufzubauen. Wo, wenn nicht in Leipzig! Eine spannende, dynamische Stadt, deren Geschichte noch nicht fertiggeschrieben ist, die noch viel Input, Inspiration und Initialzündungen benötigt, in der wir als Architekten, Architektinnen zur künftigen Entwicklung einen essenziellen Beitrag leisten können. Und dieses baufällige Haus, was für eine schöne Herausforderung!“

Der Kaufvertrag wurde unterzeichnet, das sächsische Hinterholz 8 nahm seinen Lauf, und das frisch gegründete Büro Summacumfemmer übte sich von da an nicht nur in der Schreibtischplanung von Architektur, sondern auch in der staubigen, baustelligen Realisierung selbiger – mit Maurerkelle, Kreissäge und kilometerweise ausgerollten Kabeltrommeln im ganzen Haus. Heute zählt Summacumfemmer, das auf der diesjährigen Architektur-Biennale in Venedig den deutschen Pavillon mitkuratiert hat, zu den jüngsten, fröhlichsten, ohne jeden Zweifel Mindset-radikalsten Architekturbüros Deutschlands.

„Unser Ziel war, aus dem Nichtfunktionieren wieder ein Funktionieren zu machen“, sagt Florian Summa, öffnet die Tür ins Stiegenhaus, eine simple Stalltür aus verzinktem Stahl, beplankt mit Polycarbonat-Stegplatten zur minimalen Wärmedämmung, gefunden um einen Pappenstiel bei einem bayerischen Stallproduzenten. Das alte Holzportal hingegen, verzogen und undicht, wurde um ein paar Meter versetzt und dient nun als Eingangstür ins erdgeschoßige Büro. Überall weiß gekalkte Ziegelwände, Lichtschalter vom Elektriker ums Eck, aufputzgeführte Stromkabel, im Durchbruch zwischen den beiden großen Arbeitsräumen steht ein Bullerjan, daneben ein Holzstapel für die winterlichen Monate.

Tausende Stunden Arbeitszeit

„Im ersten Stock wohnen wir mit unseren beiden Töchtern“, sagt Florian Summa, die Schichtholzskulptur emporklimmend, „im zweiten Stock gibt es zwei Wohnbereiche für unser Au-pair-Mädchen sowie für einen lieben Freund, der immer wieder in Leipzig pennt, und im dritten Stock und im Dachgeschoß ist noch Baustelle, da kann man sich ein Bild davon machen, was wir in den letzten Jahren schon alles repariert haben.“

Ein Fußboden aus Holzdielen und OSB-Platten, schlammgrün lackiert, eine silberne Unterspannbahn, damit die an der Decke angetackerte Wärmedämmung nicht auf den Kopf rieselt, zur Unterstützung in der Küche eine Gerüststange, die zugleich als Handtuchhalter dient, an der Wand eine gebrauchte, zufällig gefundene Küchenzeile von Bulthaup. Die Reparatur des Gründerzeithauses in der Dieskaustraße 101 ist noch lange nicht fertig. Zu den bereits investierten tausenden Stunden Arbeitszeit, schätzt Florian Summa, werden noch viele weitere Tausende hinzukommen. Doch wozu das ganze Unterfangen? „Als In-situ-Reallabor und Experiment am eigenen Leib. Denn wenn wir von Kreislaufwirtschaft und Ressourcenmanagement sprechen, dann können wir mit unseren Hausreparaturen nicht so umgehen, als würden wir jedes Mal aufs Neue einen perfekten, neuwertigen Neubau auf die grüne Wiese stellen, dann müssen wir endlich umdenken, die Bauordnung und die Normen adaptieren“ – und ganz generell die Planungskultur in der Architektur und Immobilienentwicklung gründlich überdenken.

„Wenn ich mich an ein altes Haus herantaste, dann will ich nicht zwei Jahre im Voraus bis zur letzten Türklinke alles vorausgedacht haben. Wo bleibt da noch Platz für Zufall und Spontaneität, für die Geschichten, die das Haus mir zu erzählen hat?“ Ist die Leipziger Hausreparatur der Schlüssel zur Zukunft? Nein, liebe Bauherren und Hausbesitzerinnen, aber ein wertvoller Gedankenöffner.

8. Juli 2023 Der Standard

Adieu, Hanni! Tschüss, Tlapa!

Mit den um sich wütenden Investoren und Immobilienentwicklern wird die Stadt sukzessive ihrer Identität beraubt. Der Wiener Künstler Andreas Fogarasi dokumentiert das Verschwinden auf so sinnliche wie nüchterne Weise. Zu sehen im Kunsthaus Muerz.

Unterstreicht Ihren Typ! Zeitlos elegant und dennoch sportiv! Und die Problemstellen um die Taille herum, die werden wunderbar kaschiert! Der Tlapa in der Favoritenstraße, das Modehaus mit dem mexikanischen Sprachfehler in der Phonetik, war das Klamotteneldorado unserer Kindheit. Egal, ob Erstkommunion, Konfirmation oder die dritte Hochzeit von Oma Klara, hier durften wir Arbeiterbezirkskinder mitsamt Mischpoche einmal im Jahr einen auf Kärntner Straße machen und wurden mit Sonntagspanier für die kommenden Anlässe eingedeckt.

Im Jänner 2016 musste das Modehaus Tlapa nach hohen Schulden und Verlusten seine Pforten schließen. Drei Jahre lang stand das Haus mit seiner eigenwilligen, aber aus kindlicher Perspektive stets interessanten Leichtmetallfassade und seiner orange folierten, rauchglasverspiegelten Glaspyramide am Eck leer. 2019 rollten die Abbruchbagger heran und machten den 1873 errichteten und sukzessive erweiterten Gebäudekomplex, der in den späten 1960er-Jahren vom Wiener Architekten Kurt Stiel seine eierschalenfarbene Elementfassade verpasst bekommen hatte, dem Erdboden gleich.

„Diese Art von vorgehängter Fassade, mit der man Bauten aus unterschiedlichen Epochen effizient kaschieren und zu einer gestalterischen Einheit zusammenfassen kann“, sagt Andreas Fogarasi, „hat man in der BRD und DDR damals in fast jeder Großstadt gesehen“, ob das nun Horten, Merkur, Schocken, Konsument oder die Centrum-Warenhäuser waren. Die sogenannte Horten-Kachel von Egon Eiermann hat Geschichte geschrieben. „Doch hier in Wien ist diese Architekturtypologie ein absolutes Unikum.“

3,1 Quadratmeter Tlapa-Fassade hängen nun im Kunsthaus Muerz an der Wand, ein Tableau aus zwölf Elementen, die Halbkreise mit 39 Zentimetern Durchmesser leicht aufgerollt, neun Zentimeter ragt das Blech vor und offenbart auf diese Weise einen klaffenden Sichelmond, der dem Gebäude in der Favoritenstraße einst sein charakteristisches Relief verlieh. Gemeinsam mit einem Fassadenmuster des Nachfolgebaus, ein gelochtes Wellblech, 112 mal 137 Zentimeter groß, bildet das Tlapa-Paneel nun eine Art Bündel, zusammengeschnürt mit einem Umreifungsband aus Stahl, strammgezogen mit einer Zange, festgeklammert, fertig.

Zeiten zusammenschnüren

Schon seit 2019 widmet sich Fogarasi, seines Zeichens ausgebildeter Architekt, heute bildender Künstler an der Schnittstelle zwischen Bild, Skulptur und Raum, den allmählich aus dem Stadtbild verschwindenden Architekturen, ob das nun vermeintlich schöne Gründerzeithäuser oder vermeintlich weniger schöne Bauten der Nachkriegsmoderne sind, die abgerissen, zu Tode saniert oder bis zur Unkenntlichkeit verändert werden. In seinen Paketen , wie er die zusammengeschnürten, verräumlichten Baustoffcollagen nennt, vereint er die Vergangenheit mit der Gegenwart und Zukunft.

„Unabhängig davon, ob es sich um historisch wertvolle oder gar denkmalgeschützte Bauten handelt oder nicht“, meint Fogarasi, „verliert die Stadt mit jeder weiteren Zerstörung ein Stück ihrer Identität. Ich möchte diesen Verlust dokumentieren, und ich möchte die alten mit den neuen Baustoffen, die zwar eine örtliche, aber niemals eine zeitliche Übereinstimmung haben, zusammenfügen und für immer aneinanderfesseln.“ Er sieht seine Pakete , die in den meisten Fällen auf einen ganz konkreten Ort referenzieren, nicht nur als Materialrettung, sondern vor allem als Dokument einer sinnlichen, atmosphärischen Stadtchronik.

Anstelle des Modehauses Tlapa entsteht nun ein Neubau mit Retail, Büros und 126 Serviced Apartments, ein Projekt des Immobilienentwicklers Vermehrt AG in Zusammenarbeit mit Pegasus Capital Partners, Sitz in Erlangen, ein Entwurf von Drawcon Architects, Brno, geplante Fertigstellung Anfang 2024, das Objekt schon seit zwei Jahren fast vollständig vermietet. Gestern Familienunternehmen, heute Finanzprodukt in einem internationalen Portfolio, gestern Handarbeit, heute Massenware-Bauprodukte von der Stange. „Die Komplexität eines Ortes, auf das Maximum reduziert“, wie Fogarasi sagt, nüchtern und emotionslos. Von der Wertigkeit der Baustoffe könne sich jeder selbst ein Bild machen.

Einstürzende Altbauen

Die Emotionen kommen erst in der Menge. Begonnen hat seine Serie Nine Buildings, Stripped vor vier Jahren mit in der Tat neun Materialcollagen, die zunächst in der Kunsthalle Wien, später auch in der Galerie Kargl zu sehen waren. In der Zwischenzeit umfasst die Serie bereits an die 40 Pakete , zum überwiegenden Teil aus Wiener Alt- und Neubauten erbettelt, erworben, ergaunert, aber etwa auch aus dem Palast der Republik und dem später nachfolgenden Humboldt-Forum in Berlin, aus dem Hotel Intercontinental Praha, das nach dem Refurbishment nächstes Jahr als Golden Prague Hotel wiederauferstehen wird, sowie von diversen Abbruchhäusern in der nordostrumänischen Stadt Iași.

Gestrippt wurden beispielsweise ein Gründerzeithäuser im 15. Bezirk, das Bürogebäude Schoeller-Bleckmann am Franz-Josefs-Kai, die Sozialversicherungsanstalt auf der Wiedner Hauptstraße, ein Schrebergartenhäuschen in Favoriten sowie die Bildhauerateliers im Wiener Prater. Ganz klein und unscheinbar, Nummer zwei an der Wand im Kunsthaus Muerz, fast wäre man daran vorbeigelaufen, wenn die glasierte Keramikkachel im Scheinwerferlicht nicht so schokoladig geschimmert hätte, ein Paket zur Villa Hanni, abgerissen in der ersten Corona-Lockdown-Woche 2020.

Errichtet wurde das Haus in der Dr.-Heinrich-Maier-Straße 35 in Währing, in direkter Nachbarschaft zum Pötzleinsdorfer Schlosspark, 1910 vom Otto-Wagner-Schüler Karl Adalbert Fischl. Im ersten Stock war die secessionistische, Semmeringpayerbachrax-anmutende Villa mit eisenoxidglasierten Keramikkacheln verkleidet. Das lange Zeit unbewohnte Haus scheint mutwillig den Kräften von Natur, Witterung und Vandalismus überlassen worden zu sein, alles Geschichte. An seiner Stelle steht nun ein vollwärmegeschütztes Haus aus Stahlbeton und Hohlblockziegeln.

In Fogarasis Ausstellung im Kunsthaus Muerz wird eine alte Kachel, nonverbale Liebeserklärung an Handwerk und hochwertige Produktqualität, mit einem neuen Putzmuster zusammengebunden. Das Umreifungsband aus Stahl hat sich schon jetzt in die chemisch verputzte Styroporplatte eingeschnürt. Die Baukunst ist zum Sondermüll geworden.

Ausstellungshinweis: „Last Minutes“ im Kunsthaus Muerz in Mürzzuschlag, mit Werken von Andreas Fogarasi und Markéta Othová. Zu sehen bis 3. September. Weitere „Stripped“-Arbeiten sind in der Ausstellung „1978“ im Quartz Studio in Turin zu sehen, bis 22. Juli.

24. Juni 2023 Der Standard

Hereinspaziert!

Der Wiener Prater war immer schon ein Ort geheimnisvoller Kuriositäten. Heute ist er ein Hort kurioser Geheimniskrämerei. Zwei Projekte werfen viele, viele Fragen auf.

Da steht sie also, 72 Meter lang, 42 Meter breit, 13 Meter hoch, vor wenigen Tagen wurde das umstrittene Projekt offiziell übergeben. Von den einen (Stadt Wien, Bezirksvorstehung, SPÖ) wurde die sogenannte Sport-&-Fun-Halle in der Venediger Au sehnlichst erwartet und in großen Worten herbeigelobt. Die anderen hingegen (Bürgerinitiative, Volksanwaltschaft, Grüne) kritisierten das intransparente Verfahren und die vermeintlich so illegale Vorgehensweise, dass einem jeder Fun vergeht. Was ist hier passiert?

„Nachdem klar war, dass die alte Sporthalle neben dem Ferry-Dusika-Stadion abgerissen wird, um Platz für den neuen Fernbusbahnhof zu machen“, sagt Architekt Michael Schluder, während er die Tür in die soeben fertiggestellte Sporthalle aufsperrt, „hatte die Stadt Wien die Verpflichtung, rasch eine Ersatzhalle zu errichten. Es gab eine Standortanalyse, und wir wurden eingeladen, eine Machbarkeitsstudie zu erstellen und ein Anbot vorzulegen. Basierend darauf haben wir einen Entwurf und eine mit der Auftraggeberin und den Behörden abgestimmte Einreichung nach § 71 der Wiener Bauordnung erstellt.“

Und jetzt wird’s kompliziert. Denn der Flächenwidmungsplan für das besagte Grundstück in der Venediger Au, in der von 1895 bis 1901 singende Gondolieri die Besucher auf eine venezianische Kanalreise entführt hatten, sieht für die Parzelle zwar eine sogenannte „Esp Erholungsfläche Sport“ vor, die die Errichtung sportnaher Bauten ermöglicht – allerdings mit einem nicht unwesentlichen Passus namens „BB1 Besondere Bestimmungen“, die im Wiener Gemeinderat im Mai 2003 beschlossen wurden: „Auf der mit BB1 bezeichneten und als Grünland (…) gewidmeten Grundfläche dürfen keine Gebäude errichtet werden.“

Zumindest temporär

Stadt Wien und Architekt haben darauf mit besagtem § 71 reagiert. Dieser ermöglicht, selbst auf einem Grundstück mit noch nicht projektkonformer Flächenwidmung und Bebauungsbestimmung ein zumindest temporäres Bauwerk zu errichten. In diesem Fall ist die Sport-&-Fun-Halle für die Dauer von fünf Jahren bewilligt, in dieser Zeit kann die Stadt Wien das Grundstück entsprechend nachwidmen. „Bei Projekten mit engem Zeitplan“, sagt Andreas Machold, Geschäftsführer der WIP Wiener Infrastruktur Projekt GmbH, auf Anfrage des ΔTANDARD, „ist das ein durchaus übliches Vorgehen. Die rechtlichen Rahmenbedingungen werden an das dann bereits bestehende Gebäude nachträglich angepasst.“

Die Stimmung in der zwölf Millionen Euro teuren Halle ist sehr angenehm. Ein Holzleichtbau mit Leimbinderstützen, luftig leichtem Holzfachwerk und duftenden Wänden aus Brettsperrholz. Darüber ein Lichtband aus Polycarbonat-Stegplatten, die ein mattes, diffuses Licht ins Innere bringen. Sportflächen für Streetsoccer, Street-Basketball, Inline-Hockey, Badminton und sogar Beachvolleyball. Am Ende eine betonierte Galerie mit korallenrot eingefärbten Böden, Treppen und Metallgeländern. Roland Rainers Stadthallenbad lässt grüßen. Eine sportliche Referenz. „Die Architekten haben die Bauaufgabe adäquat gelöst, ein hübsches Projekt, wenngleich eine monofunktionale Kiste auf der grünen Wiese im Sinne der Stadtverdichtung und Nutzungsmischung der absolut falsche Ansatz ist“, sagt der Leopoldstädter Bezirksvorsteher-Stellvertreter Bernhard Seitz (Grüne). „Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass dieses Bauwerk illegal errichtet wurde. Die Stadt Wien als Auftraggeberin und bewilligende Baubehörde in institutioneller Union hat sich hier selbst ein Okay gegeben.“

Fragen bitte nur schriftlich

Noch schärfer formuliert es Lorenz E. Riegler, Allright Rechtsanwälte, der im Auftrag der Grünen im September 2022 ein Gutachten erstellte. „Jeder andere Bauwerber, der in seiner Einreichplanung nur ein Prozent von der Wiener Bauordnung abweicht, wird wieder heimgeschickt. Hier ist man zu 100 Prozent abgewichen und hat dennoch einen positiven Baubescheid bekommen, der von der Stadt Wien und der Baupolizei jedoch unter Verschluss gehalten wird. Auch mir wurde die Einsicht in den Akt verweigert. Dieses Projekt ist eine schwere Wunde im Rechtsstaat, die man nur schwer wieder verarzten kann.“

Sämtliche Projektbeteiligte beziehen sich in ihren Stellungnahmen darauf, dass so ein Prozedere bei öffentlichen Bauvorhaben „ein ganz normaler, üblicher Vorgang“ sei, dass die Halle „streng baurechtlich betrachtet legal“ errichtet worden sei. Fragt sich nur: Warum spricht dann niemand mit den Anrainern und Skeptikerinnen darüber? Warum fährt die Stadt Wien eine Kommunikationskampagne des Schweigens? Und warum bekommt eine Tageszeitung bei der Stadt Wien, bei der Bezirksvorstehung und den involvierten Magistratsabteilungen keine telefonische Auskunft? Fragen zu diesem Projekt, heißt es, bitte nur schriftlich.

800 Meter Luftlinie von der Sport-&-Fun-Halle entfernt steht angrenzend zum Freudplatz eine weitere Kuriosität, die sich derzeit im Rohbau befindet – das Panorama Vienna, ein 34 Meter hoher Betonzylinder, also genau ein Meter unter dem Schwellenwert zur Wiener Hochhausregelung. Das Projekt der Berliner Unternehmerin Ilona Cardoso Vicente wird ein 3500 Quadratmeter großes 360-Grad-Rundgemälde beheimaten, das im Jahresrhythmus kuratiert und ausgetauscht werden soll. Auf der Website bezieht man sich auf die Wiener Weltausstellung anno 1873, die heuer ihr 150. Jubiläum feiert.

Der Innenraum ist gewaltig, die Nachhallzeit im Gespräch mit der Bauherrin beträgt beeindruckende sieben, acht Sekunden, das wird schon eine Wucht werden. Etwas befremdlicher hingegen mutet das Rendering an, das die Vida Panorama GmbH vor einigen Jahren im Umlauf gebracht hat und das ein wenig an ein Gasspeicherbecken in der OMV-Raffinerie Schwechat erinnert. Die MA 19 (Architektur und Stadtgestaltung) spricht in ihrer Stellungnahme von einem „skulpturalen Gebäudekomplex“ und einem „stadtgestalterischen Bindeglied“. Hmmm.

Kein Innovationsschub

Der Wiener Stadthistoriker Peter Payer sieht das anders: „Die Bauten im historischen Prater und vor allem auf der Weltausstellung 1873 haben sich stets durch eine hohe Innovationskraft ausgezeichnet, die Attraktionen waren ein Versuchslabor mit einem oft lustvollen, sinnlichen, illusorischen, jedenfalls hohen baulichen Anspruch. Auf dem Rendering macht das Gebäude einen nüchternen, abweisenden Eindruck. Ein Innovationsschub teilt sich hier nicht wirklich mit.“

Bauherrin Vicente und ihr Architekturbüro WGA entgegnen, der Stand sei längst überholt, es werde an einer modernen Energiefassade mit PV-Modulen und teilweiser Begrünung gearbeitet. „Wir sind auf dem Designweg unterwegs. Bitte beurteilen Sie uns erst, wenn das Projekt abgeschlossen und das Federkleid montiert ist.“ Mehr wird derzeit nicht verraten. Die Stadt Wien beansprucht für sich, eine lebenswerte Stadt mit innovativer Stadtplanung, transparenten Prozessen und einem regen Austausch mit ihrer Zivilbevölkerung zu sein. Selbstbild und Fremdbild müssen dringend in Einklang gebracht werden. Bis dahin gilt: Hereinspaziert ins Kuriositätenkabinett!

3. Juni 2023 Der Standard

Dieser Ort war mein Alterlaa

Harry Glücks Wohnpark Alterlaa macht auch heute noch viele Menschen glücklich. Die Regisseurin Bianca Gleissinger, selbst Kind dieses Hauses, geht in ihrem Film „27 Storeys“ der Frage nach, woran das liegt.

Tschuldigung! Wir drehen einen Film. „Dort wo die Blumen blühn, dort wo die Täler grün, dort war ich einmal zu Hause“, singt Freddy Quinn aus der Konserve, 33. Minute, während Edi und Gitti in ihrem Freddy-Quinn-Museum gerade ein paar Freddy-Quinn-Pappaufsteller durch die Tür bugsieren. „Wo ich die Liebste fand, da liegt mein Heimatland, wie lang bin ich noch allein?“

Wow! Wie viele sind denn das? Eine CD-Sammlung mit mehr als 300 CDs, hunderte VHS-Videobänder mit dem österreichischen Schlagersänger in allen erdenklichen Rollen und Bühnenauftritten, dazu tausende Plakate und Schellacks, mit denen das kleine Museum im Block A, Stiege 8, Etage 2, ausgekleidet und bis unter den Plafond komplett zutapeziert ist. „So schön, schön war die Zeit, so schön, schön war die Zeit…“

Edi und Gitti suchen noch jemanden, der die Nachfolge fürs Museum übernimmt, wenn sie einmal in Rente gehen. Ihre Kinder waren mit mir in der Schule und hörten damals am liebsten die Nu-Metal-Band Limp Bizkit. Freddy Quinn. Stationen einer Karriere 1949–2006. Und mittendrin die Filmregisseurin Bianca Gleissinger, die sich immer wieder ins Bild hineinschleicht, die Szenen mit ihrer frechen, „goscherten“ (Kleine Zeitung) , irgendwie immer noch pinken Stimme aus dem Off kommentiert und sich mit ihrer Soziodokumentation auf die Spuren ihrer eigenen Kindheit begibt, auf die Suche nach Fragen und Antworten ihres damals so ungetrübt rosaroten Lebens. Licht aus, Tür zu, und Schnitt.

Architekt Harry Glück hatte 1960 einen revolutionären Traum – den Wohnpark Alterlaa. Denn er forderte das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl. Drei Wohnblocks, 250.000 Quadratmeter, 27 Stockwerke, Swimmingpools und Tennisplätze. „Ich bin hier aufgewachsen“, sagt Gleissinger, Absolventin der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB), die mit ihrem Film 27 Storeys – Alterlaa Forever ihr Abschlussprojekt und zugleich ihr 82-minütiges Filmdebüt vorlegt, im Gespräch mit dem ΔTANDARD. „Für mich war das Wohnen in Alterlaa mit all seinen Annehmlichkeiten damals ganz normal. Erst später habe ich begriffen, was für ein besonderer Ort das hier ist.“

Ein riesiger Pool nahm hart arbeitenden Vätern den Druck des wirtschaftlichen Aufstiegs. Die Hausfrau konnte nun auch am Leben teilnehmen, da die Küche erstmals an den Wohnraum angebunden war. Wohnen wie die Reichen für alle war das Motto. Oder wie Kritiker das damals formulierten: Pools für die Proleten! „Ob hier wirklich so viele Proleten wohnen? Natürlich! Wenn man 3200 Wohnungen für 9000 Menschen baut“, sagt Gleissinger, „dann ist in gewisser Weise alles wahr und unwahr zugleich, denn wo viele Menschen wohnen, da hat das Leben auch viele verschiedene Farben.“

Proleten wie wir! Wir hatten dank Alterlaa alles, was es für ein glückliches Leben brauchte. Wir waren Harry Glücks Glücksutopie. Und als wir ausziehen mussten, habe ich mich weinend an die Dunstabzugshaube geklammert. Bis heute zählt Harry Glücks Wohnpark Alterlaa – der nicht nur für seine Swimmingpools auf dem Dach berühmt ist, sondern auch für seine vielen Vereine und exotischen Clubräume wie etwa Bridge-Salon, Schießhalle, und Modellbauwerkstatt – zu den beliebtesten Wohnbauten Österreichs. Die Fluktuation ist extrem gering, die Wohnzufriedenheit mit 98 Prozent unschlagbar hoch, der Wohnbau immer wieder Motiv für Studien und Forschungsarbeiten.

Das Alterlaa der Gegenwart ist ein Paradies für analoge Menschen. Doch dieser Film dreht sich nicht nur um das Objekt, wie es schon so oft untersucht und dokumentiert wurde, sondern vor allem um die hierin lebenden Subjekte. Zu Wort kommen Urgesteine, die hier seit dem allerersten Tag eingemietet sind, Fertigstellung 1976, aber auch Jugendliche und neu Zugezogene, die mit Alterlaa in ein neues Leben durchstarten wollen. Kinder fahren mit dem Scooter durchs Bild, Teenager verabreden sich über die hausinterne Sprechanlage auf ein Bier, in den Küchen werden Schnitzel geklopft. Und dann, in der 76. Minute, wird Hanna nachdenklich.

Das Alterlaa der Gegenwart ist das größte Altenheim Österreichs, sagen Kritikerinnen. „Alterlaa ist für mich ein schönes beginnendes Ende meines Lebens, ich fühle mich sehr wohl hier“, sagt die kürzlich pensionierte Hanna, während sie ihre Reiseführer ausmistet, weil sie wahrscheinlich nie wieder nach Florida reisen wird. „Hier kannst du alt werden. Bis der Tod Alterlaa und mich scheidet.“ Auch das passiert. Peter, einer der Protagonisten im Film, verstirbt während der Dreharbeiten. Seine Wohnung wird geräumt, ausgemalt, für die nächsten Mieterinnen instand gesetzt.

Mein Alterlaa war kein Ort, es war eine Zeit, die ich nicht loslassen wollte. Eine Zeit, in der ich noch gar keine Vorstellung davon hatte, dass alle Dinge vergänglich sind. „Natürlich ist 27 Storeys auch ein Film über Alterlaa“, sagt die 33-jährige Regisseurin, „denn Harry Glück hatte die große Gabe, die damalige Zeit mit einem sehr wachen Auge zu lesen und in eine ansprechende, sozial adäquate Architekturform zu übersetzen. Aber es ist auch ein Film über Kindheit, über kindliches Glück, über erfüllte und geplatzte Kindheitsträume.“

Ich wollte Prinzessin werden, aber ich wollte auch Kriegerin sein, hier in unserem Wohnzimmer. Im Gymnasium wollte ich Britney Spears sein, und mit 19 wollte ich Playmate werden. In meinem Zimmer war alles pink, pink, pink. Vielleicht muss das Mädchen mit den pinken Wänden nur eines tun – eine Dunstabzugshaube loslassen. „Dieser Film ist aber auch ein Werkzeug, um von alten sozialen Utopien loszulassen, denn die Zeiten von der Stadt in der Stadt – von Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Einkaufen unter einem Dach – sind vorbei. Das interessiert heute niemanden mehr.“

Wir hatten 10.000 Nachbarn und Nachbarinnen, darunter weltberühmte Stars und Fußball-Legenden. Wer in Alterlaa gewohnt hat, der war wer! Alle anderen fanden das komisch. Und wir fanden alle anderen komisch. Bei aller Sentimentalität, Menschlichkeit und Freddy-Quinn-Skurrilität schafft es der Film, nicht nur in die Geschichte zurückzublicken und die Gegenwart darzustellen, sondern auch die Frage zu stellen, wie wir es schaffen, unsere Wohnutopien zu transformieren und innovative Lebensmodelle für die Zukunft zu entwickeln. Ein dringlicher Auftrag an alle Politiker, Bauträger und Architektinnen: Über welche zeitgenössischen Wohnprojekte wird man in 50 Jahren einen Film drehen wollen?

„27 Storeys – Alterlaa Forever“, ab sofort im Kino.

20. Mai 2023 Der Standard

Im Labor der vergessenen Ideen

Soeben wurde die 18. Architekturbiennale in Venedig eröffnet. Unter dem Titel „The Laboratory of the Future“ üben einige Länder heuer massiv Kritik am Veranstalter. Manche stellen das Format überhaupt infrage.

Ein Liter Gemüsesaft Wetland, eine Tüte Kartoffelchips Extreme Natur e, einmal Hustenzuckerln Amnesia, ein Vollwaschmittel Villa Frankenstein, und dann noch eine Packung Chicken-Wings Making Heimat . Mit den Lebenbismitteln im Einkaufskorb geht es ab zur Kassa, der Kassier ist voll nett, zahlen muss man hier nämlich nix, dafür aber bekommt man zur Dokumentation des getätigten Einkaufs einen Originalbeleg überreicht. Das Faksimile bleibt in der Kassa, denn am Ende der 18. Architekturbiennale – nach insgesamt 190 Tagen Laufzeit – soll ausgewertet werden, welche Produkte vom Publikum am häufigsten geshoppt wurden.

„Wir sind natürlich kein echter Supermarkt“, sagt Ernests Cerbulis. „Aber wir sind ein echt super Wissensmarkt, denn die insgesamt 506 Produkte, die wir im Sortiment haben, wurden eigens für Venedig konzipiert und von ausgesuchten Experten und Spezialistinnen in Handarbeit produziert. Mehr Qualität geht nicht.“ Entwickelt wurden die hier lagernden Wissens- und Lebensmittel von sämtlichen partizipierenden Länderpavillons und Kuratorenteams der letzten zehn Architekturbiennalen, also der Jahre 2002 bis 2021. Es ist alles vertreten, von Made in Germany bis Made in Elfenbeinküste.

Wissen konsumieren

„Die Architekturbiennale ist eine Shoppingmall voller Ideen, Konzepte und außergewöhnlicher Urheberschaften, die sich mit den Problemen und Herausforderungen unseres Zusammenlebens beschäftigen“, sagt Cerbulis, einer der Kuratoren des lettischen Länderpavillons mit dem Titel TCL. Die Abkürzung steht für Trade Center Latvia, die diskontartige Anmutung über der Kassa, die an Lidl und Hofer erinnert, könnte kaum besser sein. „Bloß stellt sich die Frage: Was passiert mit all dem akkumulierten, kollektiven Wissen nach der Biennale?“

Die Antwort ist: Es verschwindet in der Kulturschublade und gerät in Vergessenheit. Lettland macht die Archivboxen wieder auf, reibt uns (und dem Präsidium der Biennale) unter die Nase, was eh schon alles erdacht und erfunden wurde, und lädt uns dazu ein, die am dringendsten benötigten Produkte in den Korb zu legen, sie miteinander zu kombinieren und das ganze Wissen endlich zu konsumieren. „Es steht viel Arbeit an. Es braucht nur noch die richtigen Entscheidungen in den Kassen der öffentlichen Hand.“

Lettland ist nicht der einzige Beitrag, der die Architekturbiennale in ihrer heutigen Form auf den Prüfstand stellt. Auch Österreich, Deutschland, die Schweiz und die Niederlande stellen infrage, ob die Biennale tatsächlich so sinnvoll und kulturell nachhaltig ist, wie sie es für sich selbst beansprucht, ob das Modell der Länderkonkurrenz überhaupt noch zeitgemäß ist und ob die monofunktionale Nutzung der Pavillons nicht ein bisschen eindimensional ist. Und all diese Länder mussten sich an den Behörden und Biennale-Verantwortlichen zum Teil die Zähne ausbeißen.

Biennale dekonstruieren

Ob das wohl das war, was sich Lesley Lokko, Gesamtkommissärin der 18. Architekturbiennale, erhoffte, als sie das diesjährige Motto The Laboratory of the Future ausrief und die Teilnehmenden dazu ermutigte, sich als „Agents of Change“ einzubringen?

Dabei hat Lokko, schottische Architektin und Lehrende mit ghanaischen Wurzeln, eine längst überfällige Evolution eingeleitet: Sie hat Afrika und die afrikanische Diaspora gepusht und die kulturgeistigen Leistungen dieses gigantischen Kontinents endlich sichtbar gemacht, sie hat den teilnehmenden Künstlerinnen und Künstlern in der gesamten Ausstellung mit Porträtfotos ein physisches Gesicht gegeben, und sie hat angeregt, das Format der Ausstellung nicht bloß als „Momentaufnahme mit einem Narrativ“ zu verstehen, sondern als Prozess.

Ihr einziges Pech ist, dass manche Länder den Prozess sehr wörtlich genommen haben und nun die Biennale dekonstruieren – sowohl materiell als auch immateriell. Die Schweiz verbindet ihren Bruno-Giacometti-Pavillon mit dem venezolanischen Gegenstück von Carlo Scarpa, indem sie die trennenden Mauerelemente entfernt. Die Holländer haben Löcher in die Dachkonstruktion geschnitten und sammeln nun das Regenwasser ihres Pavillons, um mit der flüssigen Metapher auf die Fehlerstellen in unserem globalen Kapitalsystem (Cashflow, Liquidität, in Geld schwimmen) hinzuweisen.

Und das österreichische Kuratorenteam – bestehend aus dem Architekturkollektiv AKT und dem Wiener Architekten Hermann Czech – hat sich eineinhalb Jahre lang darum bemüht, einen Teil des Österreich-Pavillons für die Dauer der Biennale der lokalen Bevölkerung zur Verfügung zu stellen. Vergeblich.

„Wir wollten den Pavillon durch eine Öffnung in der Giardini-Mauer vom Stadtteil Sant’Elena aus zugänglich machen“, sagt Fabian Antosch von AKT. „Seit ihrem Beginn 1980 hat sich die Architekturbiennale massiv ausgebreitet und die hier lebenden Menschen mehr und mehr zurückgedrängt.“ Inzwischen umfasst die Biennale im Arsenale und in den Giardini – die auch außerhalb der Biennale-Saison öffentlich nicht zugänglich sind – 13 Hektar Land sowie eine Vielzahl an Kirchen, Palazzi, Wohnhäusern, Hotels, Bibliotheken und leerstehenden Geschäftslokalen. Biennale, Baubehörde und Denkmalamt haben die von AKT und Czech vorgeschlagene Öffnung abgelehnt (DERΔTANDARD berichtete).

Teil des Problems

Ein substanzielles Rütteln an der architektonischen Nabelschau ist auch der diesjährige Beitrag Deutschlands. Unter dem Titel Wegen Umbau geöffnet wird der Pavillon coram publico umgebaut, repariert und „instandbesetzt“, wie dies das Kuratorenteam rund um Anh-Linh Ngo formuliert. „Seit vielen Jahren sehen wir auf den Biennalen, was wir gegen die Klimakrise und die fortschreitende Ökologiekatastrophe tun sollten“, sagt Ngo, „lassen dabei aber außer Acht, dass wir Teil des Problems und nicht Teil der Lösung sind. Wir machen bei diesem Zirkus mit.“

Von der letzten Kunstbiennale 2022 wurden Tonnen von Baumaterialien eingesammelt, die sonst auf der Müllhalde gelandet wären. Mit dem angehamsterten Baustofflager repariert der Pavillon nun sich selbst: Der NS-Bau bekommt eine Werkstatt, eine Ökotoilette und eine barrierefreie Rampe.

„Wir bauen den Pavillon nach unseren gesellschaftlichen Vorstellungen um“, so Ngo. „Und wenn dieser Teil abgeschlossen ist, werden wir mit den Studierenden, die ab kommender Woche hier arbeiten werden, auch diverse bauliche Schäden und Abnützungserscheinungen in der umliegenden Stadt beheben.“

Damit ist nun die größte aller Baustellen eröffnet: Das Fundament der Architekturbiennale bröckelt, die Säulen der sozialen, ökologischen und gesellschaftspolitischen Relevanz wurden heuer ordentlich ins Wanken gebracht, es braucht dringend eine Sanierung. The Laboratory of the Future, so scheint es, ist zu einem Museum of the Past geworden.

19. Mai 2023 Der Standard

Zirkus, Zynismus, Zukunftslabor?

Die 18. Architekturbiennale in Venedig ist eröffnet. „The Laboratory of the Future“ lautet das heurige Gesamtmotto. Eine Handvoll Länderpavillons – allen voran Österreich – reagiert darauf auf subversive, intelligente Weise.

Eigentlich war alles anders geplant. Es hätte der Österreich-Pavillon in den Giardini zum Teil an die venezianische Bevölkerung abgegeben werden sollen. 350 Quadratmeter für die Menschen, die hier wohnen und arbeiten, für die alten Leute und Schulkids, als Treffpunkt und Veranstaltungsort, zum Kartenspielen und Fußballschauen. Dies sollte mit einem Durchbruch in der Mauer des österreichischen Pavillons und mit einer Wiederöffnung eines ehemaligen Durchgangs in der Giardini-Mauer ermöglicht werden, damit die Leute ein- und ausgehen können. Als Plan B hätte es eine über die Mauer führende Brückenkonstruktion gegeben.

Doch es kam anders. Aus dem „Eigentlich“ wurde ein theoretisches, offenbar nicht realisierbares Gedankenkonstrukt, das am Starrsinn der Behörden und der Angst und Egomanie der Biennale-Direktion scheiterte. Die Baustelle ist eröffnet, der Brückenpfeiler steht, die Treppe aus normalen Gerüstelementen ist errichtet – doch dann die große Überraschung, die Absperrung, das Ende. Damit mutiert der Titel Partecipazione / Beteiligung zum bürokratischen Zynismus.

Schon an den ersten beiden Preview-Tagen für die Presse sorgte der Pavillon für regen Besuch und noch regeres Kopfschütteln. „Wir haben alles Mögliche unternommen, hatten intensiven Kontakt mit der Baubehörde, mit der Denkmalbehörde und mit den Verantwortlichen der Biennale“, sagt Lena Kohlmayr vom 17-köpfigen Architekturkollektiv AKT, das für den österreichischen Beitrag in Kooperation mit dem Wiener Architekten Hermann Czech verantwortlich zeichnet. „Doch die Gespräche waren mühsam, zum Teil kamen negative Bescheide, und zum Teil lässt man uns seit Monaten zappeln. Wir machen diese Ablehnung sichtbar.“

Kunst- und Kulturminister Werner Kogler (Grüne), der nach Venedig angereist war, bezeichnete das Projekt in seiner Eröffnungsrede als Gegenmodell zum sonst üblichen „Friss-oder-stirb-Missverständnis“, das in der Politik, Stadtplanung und Immobilienwirtschaft oft zu beobachten sei. „Dieses Projekt“, sagte Kogler, „zeigt auf, wie wir zusammenleben und Raum teilen können. Und es beweist, dass es auch auf der anderen Seite der Mauer Menschen, städtisches Leben sowie Potenziale und Herausforderungen gibt.“
Jährliche Heuschrecken

Und Letztere sind in Venedig in der Tat massiv. Sie umfassen Kunst-Gentrification, spekulative Raumpolitik, Airbnb-Aushöhlung und Horden an Galeristen und Kulturbobos (den Autor dieser Zeilen miteingeschlossen), die zur alljährlichen Kunst- oder Architekturbiennale wie Heuschrecken über die Lagunenstadt herfallen und die überaus sensiblen sozialen Rituale und gesellschaftlichen Infrastrukturen zerstören. Und die Raumnahme der Fremden wird immer größer.

Die erste Biennale 1895 umfasste einen einzigen Palazzo dell’Esposizione, zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die Giardini und Teile des Stadtviertels Sant’Elena einverleibt, in den 1990ern breitete sich die Biennale auf das Arsenale und auf immer mehr Kirchen und Palazzi in der Stadt aus. Heute infiltriert die Biennale viele Hotels, Wohnbauten, Bibliotheken, Erdgeschoßlokale und leerstehende Gewerbebetriebe.

Jane da Mosto und Carolyn Smith von der Initiative We are here Venice haben sich ausgerechnet, dass neben den 13 Hektar Land der Giardini und des Arsenale auf dem schwarzen Brett der Biennale weitere 49 (!) Hektar Ausstellungsfläche in der Stadt gelistet sind, viele davon am Canal Grande gelegen. Sechs Hektar wurden bei der letztjährigen Kunstbiennale in Besitz genommen.
Treffpunkt verloren

„Das ist eindeutig zu viel“, sagt Remi Wacogne, Sprecher der lokalen Bürgerinitiative OCIO: „Die Biennale ist für Venedig ohne jeden Zweifel ein wichtiger Wirtschafts- und Tourismusfaktor. Aber den Venezianern gehen dadurch wichtige soziale, konsumfreie Treffpunkte verloren. Immer mehr Stadt gehört der Biennale. Und auch die Giardini sind – wenn nicht gerade Biennale ist – zugesperrt und öffentlich nicht zugänglich. Als politisches Zeichen ist das verheerend.“

Ob das wohl das war, was sich Lesley Lokko, Gesamtkommissärin der 18. Architekturbiennale, erhoffte, als sie das diesjährige Motto The Laboratory of the Future ausrief? Österreich ist mit seiner subversiven Kritik übrigens nicht das einzige Land, das die Existenzberechtigung der Biennale in ihrer heutigen Form auf den Prüfstein stellt. Auch die Schweiz und die Niederlande positionieren sich heuer als Stachel im Fleisch. Noch unverfrorener machen das Deutschland und Lettland, indem sie die Biennale und ihre weder sozial noch ökologisch nachhaltigen Machenschaften komplett dekonstruieren und sich hinter all den repräsentativen, medienwirksamen Fassaden die Frage stellen, was nach so vielen Architekturbiennalen mit dem ganzen kollektiven Wissen passiert. Zahlt sich der ganze Zirkus überhaupt noch aus?

6. Mai 2023 Der Standard

Die Welt hinter der rosaroten Brille

Eine (zum Glück analoge) Ausstellung widmet sich den Reizen und Potenzialen virtueller Räume und KI-generierter Architekturbilder. Wollen wir da wirklich hin? Ja und nein.

Neunzig Millionen Bienenstöcke, 3357 Algenfarmen und 932 Zettabytes an Daten. Geht es nach dem australischen Architekten und Filmemacher Liam Young, so könnte man die zehn Milliarden Menschen, die im Jahr 2050 die Erde bevölkern werden, in einer einzigen Stadt zusammenpferchen. Diese Stadtutopie, kurz Planet City, würde lediglich 0,2 Prozent der Erdoberfläche einnehmen – vergleichbar mit der Größe von Texas, Ägypten oder Skandinavien, mit dem Vorteil, dass sich in Zukunft 99,98 Prozent des Planeten wieder regenerieren könnten.

Der gleichnamige Film Planet City, 15 Minuten geballter Utopie, zeigt riesige Wohntürme, zerklüftete Felskanten mit drangepickten Häuschen, romantische Abenddämmerungen, pinke Gemüsefelder, so weit das Auge reicht, und gigantische Batterien von Solarfarmen, die die neue Hyperpolis umgeben und mit Energie versorgen. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Blicken in die Zukunft ist dieser nicht nur dystopisch. 2555 Feste und Feiertage, hat sich Young ausgerechnet, würden in Planet City aufgrund der kulturellen Dichte nahtlos ineinander übergehen.

„Planet City ist ein Mikrokosmos, der auf dem globalen Konsens beruht, dass wir uns auf kleiner Fläche zurückziehen und die Erde wieder sich selbst überlassen“, sagt Young, den die BBC als „the man designing our futures“ bezeichnet. „Ob ich möchte, dass diese Stadt auch wirklich gebaut wird? Natürlich nicht! Planet City ist eine Provokation. Es ist die Einladung, dass wir uns eines Tages an einem pinken Algensee verlieben. Dass wir uns in unterschiedliche Zukünfte hineindenken und hineinprojizieren. Dass wir das, was wir hier lernen, auch auf die gebaute, bereits existierende Stadt übertragen.“

Sehnsuchtsorte und Dreamscapes

Planet City hat nun erstmals den Weg in ein österreichisches Museum gefunden, und zwar in die Ausstellung /imagine: Eine Reise in die neue Virtualität, die kommenden Dienstag im Museum für angewandte Kunst (Mak) in Wien eröffnet wird. /imagine: ist eine zum Glück reale, analoge, ganz und gar handfeste Ausstellung über die neuen virtuellen Welten, die wir permanent kreieren, über ihre künstlich geschaffenen Räume, über ihre kulturellen und ökologischen Potenziale – aber auch über die sozialen, politischen und kapitalistischen Abgründe, die in der neuen Technologie lauern.

„Im Corona-Lockdown sind viele Sehnsuchtsorte entstanden, sogenannte Dreamscapes, die in den sozialen Netzwerken viral gegangen sind“, sagen die beiden Kuratorinnen Marlies Wirth und Bika Rebek. „Es ist aufregend, diese Bilder zu konsumieren und sich dem Hype hinzugeben, der nicht mehr einigen wenigen Fachleuten vorbehalten ist wie noch vor ein paar Jahren, sondern dank niederschwelliger Programme wie etwa Dall-E, Midjourney und Stable Diffusion nun auch für die breite Masse zugänglich ist.“

Die Aufgabe der Kulturtechnik sei es, nicht nur auf der Welle mitzuschwimmen, sondern die neuen virtuellen Möglichkeiten zu hinterfragen und zu analysieren. „Wer sind die Protagonistinnen und Künstler? Woher kommt der Wunsch nach diesen fiktiven Orten überhaupt? Und wohin kann die Reise gehen?“ Der typografisch etwas sperrige Titel /imagine: wird eingefleischten Fans bekannt vorkommen, handelt es sich dabei doch um eine Art Reiseantritt, um den Tastaturbefehl, den man im KI-Programm Midjourney eingeben muss, um computergenerierte Images, sogenannte CGIs, zu erstellen.

Charlotte Taylor und Anthony Authié vom Pariser ZYVA Studio haben das schon öfter gemacht. Als Reaktion auf Covid- und Klimakrise bedienen sich die beiden bekannter Architekturikonen des 20. Jahrhunderts und setzen diese in eine neue, post-anthropozentrische, geografisch leicht verfremdete Welt. Nicht in Los Angeles, sondern plötzlich an einer pinkfröhlichen Steilküste in der Nähe von Marseille balanciert, einsam und menschenleer, John Lautners berühmtes Chemosphere House aus dem Jahr 1960.

Immer öfter dient der virtuelle Raum auch als grenzenlose Visitenkarte für Abenteuer und Kundenakquise. Das Salzburger Architekturbüro Studio Precht kommt genau so an seine Aufträge: Statt an offenen, unbezahlten Wettbewerben teilzunehmen, investiert es lieber in virtuelle Entwürfe, die dermaßen schön, g’scheit und sympathisch sind, dass sich sämtliche Blogs, Newsletter und Zeitschriften darum reißen – und manchmal eine reale Anfrage eines realen Bauherrn eintrudelt. So wie zum Beispiel beim Baumhaus Bert, das auf diese Weise von der Pixelwelt auf den Pogusch kam, wo es für 400 Euro pro Nacht an Restaurantgäste des Steirerecks vermietet wird.

Erste Euphoriephase

Andrés Reisingers Hortensia Chair blickt auf eine ähnliche Erfolgsgeschichte zurück: Vor fünf Jahren präsentierte der argentinische Designer einen fiktiven, 3D-gerenderten Fauteuil auf Instagram und bekam daraufhin eine solche Flut an Kaufanfragen, dass das gute Stück – in Kooperation mit der Textildesignerin Júlia Esqué und dem dänischen Möbelhersteller MOOOI – erst in eine limitierte Kleinserie und schließlich in Serienproduktion gegangen ist. Um 6500 Euro kann man in den rund 30.000 zusammengenähten Polyester-Blütenblättern Platz nehmen, et voilà!

„Wir stecken derzeit in der Euphoriephase, was die Möglichkeiten der virtuellen 3D- und KI-Produktion betrifft“, sagen Marlies Wirth und Bika Rebek. „Zugleich aber tauchen bereits die ersten Ängste und Zweifel auf: Wie können wir Datenmissbrauch unterbinden? Was tun, wenn wir in Bild- und Filmwelten bald nicht mehr wissen, was echt und was unecht ist? Und wie können wir uns in Zukunft gegen Fake News und Digital Colonialism der White-Collar-Gesellschaft zur Wehr setzen?“

Gleichzeitig bietet die Welt hinter dem Befehl /imagine: große Chancen. In der Baubranche können Prozesse optimiert, Müll und Verschnitt reduziert, materielle Ressourcen geschont werden. Dank KI können wir von der gebauten Welt und unseren Kulturgütern – auch von bedrohten oder bereits zerstörten – digitale Zwillinge erstellen. „Vor allem aber“, sagen die beiden Kuratorinnen, „kann KI die Fantasie anregen und ein Katalysator für Gedankenexperimente sein. Wir können damit nicht nur Architektur entwerfen, sondern vielleicht auch den Umgang mit unserem Planeten neu denken.“ Das sollten wir.

„/imagine: Eine Reise in die neue Virtualität“ im Mak, Eröffnung am 9. Mai 2023, 19 Uhr

22. April 2023 Der Standard

Ganz schön hässlich

Über Geschmack lässt sich nicht streiten, heißt es. Oh doch! Eine Ausstellung in Linz widmet sich nun der „Scheeheit“ und der „Schiachheit“ in der Architektur – und bringt wichtige Erkenntnisse zutage.

Die Fassade in Hellblau, Orange oder Weiß, das Dach in Gelb, Blau oder Rot, dazu bunte Fensterläden, das Ganze wahlweise mit oder ohne Zaun, manchmal gibt es noch einen Schornstein obendrauf, am Ende des Dorfes schließlich eine Kirche mit 10,3 Zentimeter hohem Plastiktürmchen. „Die frühkindliche Prägung ist voll von diesen architektonischen Stereotypen“, sagt Franz Koppelstätter. „Im Umgang mit diesen Spielzeugen lernen wir bereits in frühen Jahren, was wir später einmal als schön oder hässlich empfinden werden. Es gibt fast kein Entkommen.“

Das Modell „1/22 Häuschen ohne Zaun“ ist in der Preisliste des oberösterreichischen Spielwarenherstellers Hoffmann, Stand 1962, mit fünf Schilling ausgepriesen. „513 Bergkapelle“ schlägt mit zwölf Schilling zu Buche. Die Miniaturarchitekturen im Maßstab 1:87 von Hoffmann sowie vom deutschen Schwesterunternehmen Faller zählten jahrzehntelang zu den meistverkauften Spielzeugen in Europa. Die einen spielten damit Architektur, eine Hoffmann-Spielesammlung trägt sogar den Titel „Der kleine Städtebauer“, die anderen, vielleicht etwas älteren Spieler nutzten sie als Kulisse für ihre Märklin-Modelleisenbahn.

„Ob Modellhäuschen, Puppenhäuser, Puppenmöbel, Pixi-Bücher, Kindervideos, Kinderlieder oder Märchen, die am Abend vor dem Schlafengehen vorgelesen werden“, sagt Koppelstätter, Leiter des afo architekturforum oberösterreich, „in allen materiellen und immateriellen Medien, die wir in unserer Kindheit konsumieren, stecken bereits festgefahrene Geschmacksbilder drin, die altmodische, längst veraltete Wohn- und Lebensmodelle vordeterminieren, von denen wir uns später nur schwer wieder trennen können.“

Genau diesem Phänomen widmet sich die Ausstellung schee schiach (im breiten Dialekt gesprochen, mit einem schön verschluckten Nasallaut am Ende), die Koppelstätter konzipiert und gemeinsam mit Kollegen und Kuratorinnen umgesetzt hat. Seit Freitag ist die Ausstellung im afo zu sehen.

„Schon seit Jahrtausenden macht sich die Menschheit Gedanken darüber, was schee und was schiach ist, und bis heute gibt es darauf keine Antwort. Fachleute und Laien reden aneinander vorbei und haben meist weder eine gemeinsame Sprache noch eine übereinstimmende Definition von Schönheit.“

Der Traum aller Österreicher

schee schiach ist in mehrere Kapitel unterteilt und soll über die gesamte Laufzeit adaptiert und um zeitgenössische und künftige, visionäre, utopische Ansätze ergänzt und erweitert werden. Eine Annäherung in progress sozusagen. Neben der Spielzeugecke widmet sich die Ausstellung immer wieder dem Traum aller Österreicher, dem Einfamilienhaus. Nach wie vor sehen 65 Prozent aller Erwachsenen (Gallup-Umfrage, 2021) das Einfamilienhaus als ideale, erstrebenswerte Wohnform. Und das, obwohl die Kosten für ein Durchschnittseinfamilienhaus samt Durchschnittsgrundstück in den letzten Jahren regelrecht explodiert sind: Waren es 2018 noch 386.000 Euro pro Haus und Grund, so muss man laut einer Studie des Market-Instituts heute bereits 537.600 Euro hinblättern.

Geschmacksdiktatur

Wolfgang Stempfer, Dozent und Innenarchitekt, widmet sich in der Ausstellung der Genese des Einfamilienhauses und findet die Ursprünge dafür in der römischen Antike. Schon ab dem zweiten Jahrhundert vor Christus war der Gestank Roms den Angehörigen der Oberschicht ein Dorn in der Nase, worauf sie sich an den Stadträndern eine Villa suburbana errichten ließen, um sich dort dem Nichtstun und den wohligen Düften der Natur hinzugeben. In der Renaissance erfuhr die Einfamilienvilla im Latium, im Veneto und in der Toskana einen neuen Aufschwung.

„Und bis heute“, sagt Stempfer, „wird das Einfamilienhaus trotz aller ökologischen, ökonomischen und volkswirtschaftlichen Nachteile – was etwa Straßenbau, Ausbau der Infrastruktur und finanzielle Belastung der öffentlichen Hand betrifft – von der Politik propagiert.“ Sei es hierzulande in Form von Förderungen und Pendlerpauschalen, sei es in den USA, wo das Einfamilienhaus immer noch als heteronormatives Mantra beworben wird, um die Menschen mit Eigentum, Hypotheken und materiellem Patriotismus an das eigene Land zu binden. In einem Inserat des Own Your Home Committee anno 1922 heißt es: „The man who owns his home – is a better worker, husband, father, citizen and a real American.“

Die vielleicht stärkste ästhetische Prägung jedoch, die im deutschsprachigen Raum der Gesellschaft aufgebürdet wurde, meint der Linzer Kunst- und Architekturhistoriker Georg Wilbertz, sei im Nationalsozialismus zu beobachten gewesen. „Das NS-Regime war unter anderem auch ein Geschmacksregime“, sagt er. „Es gab eine starke propagandistische Auseinandersetzung mit Stil, Ästhetik und Angemessenheit.“ Manche Bücher wie beispielsweise Gerdy Troosts Das Bauen im neuen Reich, herausgegeben im Gauverlag Bayerische Ostmark, erreichten Auflagen von bis zu 40.000 Stück.

„Die Maler der deutschen Romantik haben uns das Antlitz unserer Heimat zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts treu bewahrt“, schreibt Troost in ihrem Bestseller. „Die sorgfältige Durchbildung jedes einzelnen Baues, der in Deutschland errichtet wird, nach den Grundgesichtspunkten eines deutschen Kulturempfindens, bringt uns dem bedeutsamen Ziele näher, die Wohnstätten unseres Volkes auch seelisch zu seiner Heimat zu machen. Unter sicherer Führung überwindet die neue deutsche Baukultur das seelische Elend, das die kunstvernichtende Unkultur des liberalen Zeitalters verschuldet hat.“

Auch wenn sich die politischen Vorzeichen in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert haben, so hat sich in vielen Teilen der Gesellschaft bis heute dennoch eine Geschmacksdiktatur erhalten, die über „schee“ und „schiach“ entscheidet – seien es diktatorische Regimes in Zentralasien, seien es Bauinnungen, Baustofflobbys, Fertighaushersteller oder konservative Gestaltungsratgeber-Plattformen auf Länderebene, wie sie etwa in Niederösterreich zu finden sind. Doch Vorsicht!

Keine Einbahnstraße

„Für den Gap zwischen schee und schiach sind aber nicht nur die anderen verantwortlich“, sagt afo-Leiter Franz Koppelstätter, „sondern eben auch die Architekturschaffenden selbst. Das kulturelle und kommunikative Missverständnis ist keine Einbahn. Auch Architektinnen und Architekten verstehen oft nicht, was andere Menschen unter Schönheit verstehen. Und das ist ein Problem. Wir wollen diese Übersetzungslücke sichtbar machen. Und zwar ohne Boulevard-Bashing.“

Die Ausstellung „schee schiach“ ist noch bis 23. Juni 2023 zu sehen. In Kooperation mit dem afo werden kommende Woche beim Crossing-Europe-Filmfestival Linz einige Kurz- und Langfilme zum Thema gezeigt. Lotte Schreiber hat die Auswahl kuratiert. Zu sehen ist u. a. „Retreat“ von Anabela Angelovska, ein 30-minütiger Dokumentarfilm, der der Frage nachgeht, warum in Nordmazedonien plötzlich zuhauf pseudoluxuriöse Südstaatenvillen aus dem Boden sprießen. 26. April bis 1. Mai 2023.

15. April 2023 Der Standard

Kampf der Herzerln

Vor drei Jahren hat Spittal an der Drau einen neuen Rathausplatz bekommen. Der neue Bürgermeister findet ihn „schiach“ und hat nun begonnen, ihn verbal und materiell zu demontieren. Im Sommer soll er mit Palmen und Pavillons aufgemotzt werden. Hilfe!

Szene 1, 2017: Vor dem Rathaus von Spittal an der Drau steht ein romantisch anmutender Eisenpavillon mit einer weiß lackierten Parkbank. Frisch vermählte Hochzeitspaare, hört man, lassen sich hier gerne fotografieren. Der restliche Rathausplatz ist als Platz kaum existent, eine Mischung aus Parkplatz und Rathausrückseite, überall Asphalt, vollgepfercht mit schräg parkenden Autos, keine Menschenseele weit und breit, in der Mitte ein leerstehendes Haus.

Szene 2, 2020: Es wird ein Wettbewerb zur Umgestaltung ausgeschrieben. Der Sieg geht an das Kärntner Architekturbüro Gasparin & Meier, das den Platz 2020 in eine Begegnungszone umbaut – mit Brunnen, Basketballplatz und gemütlichen Sitzecken, die in ihrer Gestaltung mit Lounge-Möbeln, Omama-Stehlampen und stilisierten Teppichen einem Wohnzimmer nachempfunden sind. Der gesamte Platz ist gepflastert, keine Versiegelung, das Kopfsteinpflaster wie in Italien im Schotterbett verlegt. Im Sinne der Schwammstadt soll das Regenwasser versickern. Es fließt in mehrere Retentionsbecken unter dem Platz und wird zur Bewässerung der 22 neu gepflanzten Bäume verwendet. Auf diese Weise wird die Kanalisation entlastet.

Szene 3, letzte Woche: Auf einem der zehn Quadratmeter großen Teppiche wurden die Lounge-Möbel, da sie „im Weg gestanden“ seien, vom neuen Bürgermeister Gerhard Köfer (Team Kärnten, zuvor Team Stronach, zuvor SPÖ, seit 2021 im Amt) bereits abgebaut. Stattdessen gibt es nun einen immergrünen Kunstrasen, zwölf Quadratmeter in der Fläche, mit weißer Rosamunde-Pilcher-Parkbank, Eisenherzerl und bunten Plastikblumen zum Fotografieren. Laut Köfer solle im Sommer nun auch der restliche Platz umgebaut werden, mit einem Pavillon als „Fotopoint“ in der Platzmitte.

Wir fragen den Bürgermeister:Am Gründonnerstag, Karwoche, wird Der ΔTANDARD von Bürgermeister Köfer in Empfang genommen. „Viel Zeit habe ich nicht. Sie schreiben ja sowieso, was Sie wollen.“ Zum einen kritisiert Köfer im Interview die Gestaltung des Platzes: „Wenn ich da runterschaue, dann sehe ich: Das ist einfach schiach. Das schaut ja lächerlich aus! Wir müssen den Rathausplatz neu beleben. Wir arbeiten nun daran, dass der Platz zeitgemäß wird.“

Noch eine Kritik: „Und zum anderen wurde der Platz so gebaut, dass er nahezu unbegehbar ist.“ Die Kritik richtet sich an den Bodenbelag, also an die Verlegung mit nicht geschnittenen, sondern gebrochenen Pflastersteinen. Es sei schwierig, den Platz mit Rollstuhl zu befahren und mit Stöckelschuhen zu begehen. „Da fällt dir das Gebiss raus, wenn du jemanden im Rollstuhl rüberschiebst.“ Der Landesrechnungshof empfiehlt in einer schriftlichen Stellungnahme, zu prüfen, ob ein Zusatz zum Fugensand mit erhöhtem Feinanteil die Fugenoberfläche besser verfestigen würde. Das könne die Unebenheiten reduzieren.

Bloß bitte nicht Basketball spielen! Auch am ehemaligen Basketballplatz – die bereits montierten Basketballkörbe mussten nach wenigen Tagen, nachdem sich Anrainer wegen des Lärms beschwert hatten, wieder abgebaut werden – lässt Köfer kein gutes Haar: „Übriggeblieben ist dieser weiße Schmutz. Wenn’s regnet, ist das eklig.“ Damit hätten auch die Marktbetreiber, die jeden Donnerstagvormittag hier unten ihren Bauernmarkt aufbauen, keine Freude, meint er. Sie freuten sich auf eine Pavillonüberdachung, versichert er. „Fragen S’ die Leute!“ Das tun wir. Wir hören uns mal um. „Der Platz ist schon okay, ein cooles Ding eigentlich, ganz anders, als man das sonst kennt“, sagt Ivo Burušić, 30 Jahre alt, er betreibt mit seinen Eltern jeden Donnerstag einen Obst-und-Gemüse-Stand. „Aber bitte keinen Pavillon! Wir fahren hier mit unseren Kombis und Lieferwagen auf den Platz, es ist jetzt schon eng!“ Corinna Ebner und Vanessa Goller, zwei befreundete Mütter, die mit ihren Kindern hier sind, meinen: „Früher war das nur eine Durchfahrtsstraße mit Parkplatz. Etwas mehr Grün wäre schön, und vielleicht noch mehr Spielgeräte für die Kinder, aber der Platz mit den Wohnzimmer-Lounges ist sehr nett, endlich mal was anderes!“

Die Sache mit dem Kopfsteinpflaster: Mario Rindlisbacher, Ofensetzer von Beruf, freut sich über den Bodenbelag: „Meist bemüht man sich, ein südliches, historisches Flair in eine Stadt zu bringen. Mit dem Kopfsteinpflaster ist das hier absolut gelungen. Ich würde an diesem Platz absolut nix ändern wollen!“ Etwas anders sieht das Svetlana Thaler, Betreiberin des angrenzenden Stadtcafés: „Schön ist der Platz ja, und auch gemütlich. Nur die Pflasterung finde ich nicht so geeignet. Wenn ein Wind kommt, ist der Sand überall.“

Barrierefreiheit? Am stärksten bekrittelt Bürgermeister Gerhard Köfer die Barrierefreiheit. Wir fragen Lukas Hofer, 34 Jahre alt, er ist in der Tageswerkstätte der Stiftung Liebenau beschäftigt und sitzt im Rollstuhl. Er macht gerade Pause im Eissalon. „Ein ganz glatter Boden wäre natürlich einfacher zu befahren, keine Frage. Aber es geht schon, ich würde sagen, dieser Platz ist sehr wohl barrierefrei. Das viel größere Problem sind die ganzen Randsteine in der Stadt. Die sind ein Kas. Das habe ich dem Bürgermeister schon öfter geschrieben, aber der meldet sich nie zurück.“

Und jetzt? Im Sommer soll der Rathausplatz, der vor erst drei Jahren aus stadtklimatischen Gründen bewusst als Versickerungsfläche angelegt wurde, zum Teil verfugt, versiegelt und umgebaut werden. Dazu hat Köfer im Rahmen des Leader-Förderprogramms der EU bereits einen Förderantrag unter dem etwas befremdlichen Titel „Makeover einer Dame“ gestellt. Mit 20 Palmen solle ein südliches Flair in die Stadt gebracht werden, der Rathausplatz erhalte zudem einen „mediterranen Pavillon mit Bepflanzung“. Auch so kann man der Erderwärmung begegnen.

Das Problem: Gerhard Köfer, der bereits kurz nach Amtsantritt den unabhängigen Gestaltungsbeirat von Spittal an der Drau aufgelöst hat, weigert sich, zur Umgestaltung des Platzes das Büro Gasparin & Meier – oder auch irgendwelche anderen Architekten – heranzuziehen. Das könne er selbst am besten. „Ich habe keine Ausbildung, aber ich mache das schon seit 30 Jahren. Ich habe eine starke Vorstellungskraft für alles, was mit Bauen zu tun hat.“ Oder auch seine Frau Evelyn Köfer. Die leitet den Ausschuss Stadtmarketing. Und ist für Herzerln und Blumenpavillons zuständig. „Wir haben so viel Kreativität im Haus. Und auch viel Gefühl für etwas.“

Fazit: Der Bürgermeister ist in Österreich immer noch die oberste Bauinstanz. Wie g’scheit das ist, wird man im nächsten Sommer in Spittal an der Drau sehen können. Oder aber die Geschichte nimmt doch noch ein gutes Ende.

25. März 2023 Der Standard

Superstadtsanierungsrevolution

Die Cité Le Lignon in Genf ist so etwas wie der Karl-Marx-Hof in Wien, nur mit zwölf Stockwerken und mehr. Nun wurde die Ikone der Moderne saniert. C'est très bon!

Madame Ruth hat Kaffee aufgesetzt. Im Körbchen liegen frische Croissants aus ihrer Lieblingsbäckerei. „Gleich unten ums Eck, denn hier in Lignon, hier kriegt man fast alles! Doch Sie sind ja nicht gekommen, um mit mir über Gebäck zu sprechen. Sie wollen etwas über diese riesige Wohnhausanlage wissen, die in den letzten Jahren saniert wurde. Lieber Herr Architekt, vielen Dank dafür! Meine Heizrechnung hat sich seitdem halbiert. Also, was darf ich Ihnen erzählen?“

Ruth Righenzi-Eggenberger, 81 Lenze alt und ein Lächeln wie ein freches Mädchen, wohnt seit über 50 Jahren in Le Lignon, dem größten Bauwerk der Schweiz. Mit mehr als einem Kilometer Länge, 84 Stiegenhäusern, knapp 2800 Wohnungen und sogar einer eigenen Postleitzahl ist Le Lignon am westlichen Stadtrand von Genf eine der größten Wohnhausanlagen der Welt. Errichtet wurde die Ikone der späten Moderne am Ufer der Rhône in den Jahren 1963 bis 1971 nach Plänen von Georges Addor und Dominique Julliard. Aufgrund ihrer einzigartigen Größe und architektonischen Qualität wurde die Superstadt, die heute rund 6500 Menschen beherbergt, 2009 vom Kanton Genf unter Denkmalschutz gestellt.

„Was seitdem passiert ist, scheint wie ein technisches Paradebeispiel aus dem Bilderbuch“, sagt Ruth. „Mit wenigen Handgriffen wurde die Fassade von innen gedämmt, die Loggia bekam eine Isolierverglasung, die Fenster wurden saniert, die Steigleitungen wurden erneuert, zudem wurden im Stiegenhaus die Türen und Bodenbeläge getauscht.“ Ruth macht einen Bissen vom Croissant. „Resch und knackig, nicht wahr? So wie der Zeitplan der Baufirma, denn soll ich Ihnen was verraten? Die Bauarbeiten in meiner Wohnung haben vielleicht zwei Wochen gedauert, und ich musste in dieser Zeit nicht einmal ausziehen. Wirklich bravo!“

Das freut natürlich den Architekten. Denn genau das war der Plan. Stephan Gratzer, Partner im Genfer Architekturbüro Jaccaud + Associés, betreut das Projekt seit vielen Jahren. Die Wohnungen auf Stiege 49 – also auch jene von Madame Ruth – wurden bereits 2012 saniert und thermisch und energetisch ertüchtigt. Seitdem haben sich die Architekten, Baufirmen, Schlosser, Fensterbauer und Installateure Stiege für Stiege vorgearbeitet. Mittlerweile wurden 47 Stiegen erneuert, und die Bauarbeiten sind noch lange nicht abgeschlossen. Für das außergewöhnliche Sanierungsprojekt wurde das Büro Jaccaud + Associés von der Schweizer Architekturzeitschrift Hochparterre sogar mit dem Goldenen Hasen ausgezeichnet.

„Die Schwierigkeit in Le Lignon ist, dass die 84 Stiegen verschiedenen Bauträgern und Hausverwaltern gehören“, erklärt Gratzer. „Das heißt: Wir haben es hier mit vielen Entscheidern, vielen Ansprechpartnern und vor allem vielen unterschiedlichen Unternehmenskulturen zu tun. Daher war für uns die oberste Prämisse, dass die sanierten Fassaden gegenüber den unsanierten nicht herausstechen. Das Bauwerk muss trotz aller Veränderungen und unabhängig vom jeweiligen Sanierungsfortschritt wie aus einem Guss erscheinen.“

Das erklärt auch den Denkmalschutz. Denn nur mit diesem Kniff war es möglich, das historische Erscheinungsbild und die originale Curtain-Wall-Fassade mit ihren dunkelgrauen Gläsern, ihren kantigen Aluminium-Einfassungen und ihren warmen Loggien aus Zedern- und Mahagoniholz rechtens zu schützen. Als Nächstes wurde das Institut für Technik und Schutz der modernen Architektur (TSAM) der École Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL) beauftragt, mit ihren Studierenden die einzelnen Bauteile zu analysieren und einen Sanierungskatalog zu entwickeln, der erstens die Besonderheiten der Nachkriegsmoderne wahrt und zweitens einen Umbau ohne Gerüst und ohne Auszug der Mieterinnen und Mieter ermöglicht.

Vorbild für Österreich

Auf dieser Basis kamen die Architekten Jaccaud + Associés ins Spiel. „Das ist ein hochkomplexes Projekt mit vielen, vielen Wohnungen“, sagt Gratzer. „So etwas ist nur möglich, wenn alle an einem Strang ziehen und die gewohnten Pfade verlassen.“ Um die behördlichen Wege zu beschleunigen, musste für das gesamte Sanierungsprojekt lediglich eine einzige Rahmenbaubewilligung angesucht werden – ein absolutes Novum. Hinzu kommen einige Hundert technische Leitdetails, die in einem dicken Handbuch festgehalten sind und an die sich die involvierten Generalunternehmer und Handwerker penibel zu halten haben.

„Le Lignon ist trotz seiner hohen räumlichen Qualitäten eine rigide Stahlbetonmatrix mit wenig baulicher Flexibilität“, erklärt Gratzer. „Vor allem bei der Wärmeisolierung mussten wir daher sehr effizient arbeiten.“ Die Decken und Parapete wurden mit Glaswolle gedämmt, auf den Laubengängen kamen sogenannte Aerogel-Kügelchen zum Einsatz, unter den Terrassen und Laubengängen wurden, um wertvolle Höhe zu sparen, Vakuum-Dämmplatten verlegt. „War nicht gerade billig, aber es funktioniert.“

Die Architekten, der Generalunternehmer und das Comité Central du Lignon, der in diesem Projekt als eine Art Schirmbauherr fungiert, sind mit den Bewohnerinnen im engen Kontakt, und es hat sich herausgestellt, dass die Halbierung der Heizrechnung bei Madame Ruth kein Einzelfall ist. Die meisten Mieter berichten von einer Reduktion der Energiekosten und von besseren, angenehmeren Innenraumtemperaturen im Sommer wie im Winter.

„Ich würde sagen, dass 80 Prozent der hier wohnenden Menschen mit der Sanierung sehr zufrieden sind“, sagt Ruth Righenzi-Eggenberger. „Die restlichen 20 Prozent hätten sich wahrscheinlich mehr erwartet und sind enttäuscht, dass das Haus immer noch so aussieht, wie es war. Doch genau das ist die große Qualität! Wir wohnen hier, wir leben hier, wir sind hier zu Hause – und jetzt ist unser Zuhause ökologisch besser und ökonomisch leistbarer, ohne dass sich irgendetwas Großes verändert hätte. Meine Wohnung schaut immer noch aus wie eine alte Bauernstube! Also ich finde das wunderbar.“

Auch in Österreich steht uns mit der rechtlich verankerten Dekarbonisierung bis 2040 ein radikaler Stadtumbau bevor, der in seinen sozialen, ökonomischen und stadtplanerischen Ausmaßen mit der Gründerzeit, vielleicht sogar mit dem Bau der Wiener Ringstraße zu vergleichen ist. Zehntausende Wohnhäuser, die in den Nachkriegsjahren errichtet wurden und die schlecht gedämmt und an fossile Energieträger gebunden sind, müssen zukunftsfit gemacht werden.

Ohne standardisierten Katalog, ohne kollektiven Rückhalt aus Politik und Industrie und ohne den visionären Elan, der in Le Lignon ganz viel Wohnglück produziert hat, wird es nicht gehen.

18. März 2023 Der Standard

An einem Bächlein helle

Am 22. März ist UN-Weltwassertag. Ein guter Anlass, um über die Zukunft von Wasser und Stadtklima nachzudenken. Eine Gruppe von Forschenden will die Wienerwaldbäche, die einst durch die Stadt flossen, wieder an die Oberfläche bringen.

An der Fassade des Palais Montenuovo auf der Freyung erfährt man Wissenswertes über die Geschichte Wiens. Eine kleine Reiterfigur mit Krummsäbel und Turban erinnert an die Erste Türkenbelagerung anno 1529. Doch auch überaus überraschende Trivia zur Wiener Stadtmorphologie sind an dieser Stelle ersichtlich, etwa auf einem verblassten Schild zu Füßen des Osmanen: „Bis zum J. 1456 floß durch diese Gasse und durch den tiefen Graben der Alsbach der Donau zu.“

In wenigen Tagen, am 22. März, findet der alljährliche UN-Weltwassertag statt. Das weltweite Ereignis unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen steht heuer unter dem Motto „Accelerating Change“ („Beschleunigung des Wandels“). Dringliche Worte, die auf den Zusammenhang zwischen Klimakrise, Landnutzung und der elementaren Bedeutung von Wasser für Mensch, Fauna und Flora hinweisen. „Es muss gelingen“, ist auf der Website eines teilnehmenden Regierungspartners zu lesen, „die Resilienz des Wasserhaushalts zu stärken, zu viel und zu wenig Wasser zu managen und Wasser wieder verstärkt in der Fläche zu halten.“

Mammutprojekt

Welchen Beitrag dazu könnte etwa der ehemalige Alsbach leisten, der einst in Dornbach und Neuwaldegg entsprang und nach einer Umleitung im Hochmittelalter durch Hernals und weiter durch die heutigen Straßenverläufe von Währinger Straße, Schottentor, Herrengasse, Freyung, Tiefer Graben und Concordiaplatz plätscherte, ehe er am Werdertor in den Wiener Arm der Donau mündete? Und gibt es den Alsbach heute überhaupt noch?

„Insgesamt gibt es rund 50 Bäche, die im Wienerwald entspringen und die in früheren Zeiten in offener Führung durch Wien flossen“, sagt Renate Hammer, Leiterin des Institute of Building Research & Innovation (IBR&I). „Zahlreiche Straßennamen wie etwa Badgasse, Hofmühlgasse oder Alserbachstraße verweisen auf die einst große Präsenz der Wiener Wasserläufe.“

Allein, mit den Choleraepidemien Mitte des 19. Jahrhunderts wurden viele Bäche aus siedlungshygienischen und volksgesundheitlichen Gründen in künstliche Kanäle gefasst und verschwanden unter der Erde.

„Heute“, meint Hammer, „gehört dieses Problem der Vergangenheit an. Stattdessen haben wir ein neues Problem, nämlich ein stadtklimatisches und ressourcentechnisches, auf das wir dringend reagieren müssen.“ In Zusammenarbeit mit Kolleginnen und diversen Partnerinstituten arbeitet Hammer seit 2021 an einem umfassenden Forschungsprojekt unter dem Titel „ProBach“. Das vierjährige, vom Klima- und Energiefonds mit rund 530.000 Euro geförderte Mammutprojekt untersucht die Durchflussmengen und die unterirdischen Verläufe der Wienerwaldbäche und befasst sich mit der Frage, mit welchen rechtlichen, technischen und städtebaulichen Mitteln die historischen Gewässer wieder an die Oberfläche gebracht werden könnten.

„Die natürlichen Einzugsgebiete im Wienerwald sind bis heute vorhanden, doch spätestens an den Bebauungsrändern werden die Bäche ins Wiener Kanalisationsnetz eingeleitet. Damit geht das kostbare Wasser verloren“, so die Forscherin. Mehr noch: Anstatt es effizient zu nutzen, etwa für die Bewässerung von Stadtbäumen, belastet es die Kanalisation und verlangt zudem nach größeren Kanalquerschnitten. Das kostet Geld.

„Wir haben insgesamt 16 Wienerwaldbäche untersucht, nicht alle davon führen ganzjährig Wasser, doch am ergiebigsten erscheint der Alsbach mit einer kontinuierlichen Wassermenge von zumindest fünf Litern pro Sekunde“, sagt Florian Kretschmer vom Institut für Siedlungswasserbau, Industriewasserwirtschaft und Gewässerschutz, Boku Wien. „Das klingt nicht nach viel, aber selbst im heißen Sommer sind das mehr als 400 Kubikmeter Wasser pro Tag, die erst in den Kanal geführt und verschmutzt und in der Folge in der Kläranlage wieder gereinigt werden müssen. Das müssen wir hinterfragen!“

Stellt sich die Frage: Wie bekommt man das saubere Bach- und Regenwasser wieder aus dem Kanal heraus? „Es gibt in Europa einige gute Rohr-in-Rohr-Projekte, in denen das Reinwasser aus dem Kanal wieder entkoppelt wurde“, erklärt Philipp Stern, Junior Partner und Studienleiter am IBR&I, und nennt als Beispiele den Bründl- und den Einödbach in Graz, den Darmbach in Darmstadt, den Melaan in Mechelen und die Alna in Oslo. Die bislang umfassendste Erfahrung mit der Entkoppelung von Kanal- und Regenwasser hat die Stadt Zürich, die seit den 1980er-Jahren insgesamt 18 Kilometer Bachläufe rekonstruiert und sukzessive an die Oberfläche zurückgeholt hat.

Die Studie „ProBach“, die noch bis 2024 läuft und keineswegs die erste ihrer Art ist (es wurden in den letzten Jahren schon einige Studien beauftragt und durchgeführt, allerdings wurden diese von der Stadt Wien bislang unter Verschluss gehalten), analysiert die unterschiedlichen Bachrouten und kommt zum Schluss, dass der Als-, der Erbsen- und der Schreiberbach – mit einer Durchflussmenge von sieben bis zwölf Litern pro Sekunde an zumindest 300 Tagen im Jahr – ausreichend Wasser führen, um das Bachwasser über weite Strecken im Fluss zu halten.

Attraktive Räume

„Entlang der Bäche“, meint Magdalena Holzer, Stadtklimatologin bei Weatherpark, „könnte man Stauden und Sträucher pflanzen, Bäume setzen, mit großen Steinen arbeiten, verschattete Aufenthaltsbereiche schaffen und auf diese Weise vor allem für sozioökonomisch schwächer gestellte Menschen innerhalb der dicht verbauten Stadt attraktive öffentliche Räume schaffen.“ Aus zahlreichen Untersuchungen wisse man, dass mit großflächiger Beschattung und Verdunstungskälte durch Wasser die subjektiv empfundene Temperatur im Hochsommer um bis zu zehn Grad Celsius reduziert werden könne.

In der Inneren Stadt, am Alsergrund, in Ottakring und in Hernals gibt es großes Interesse an erlebbarem Wasser in der Stadt. Zur Diskussion standen bereits Wasserflächen, mobile Flussoasen und sogar ein offen geführter Schanibach. Auch Bernd Vogl, neuer Geschäftsführer des Klima- und Energiefonds, erklärt auf Anfrage des STANDARD: „Der eine oder andere neue Kilometer Gewässer in Wien wäre ein Beitrag zur Lebensqualität.“

Leider gab es für die Bestrebungen der Bezirke seitens Ulli Sima, der amtierenden Stadträtin für Innovation, Stadtplanung und vieles andere, vertraulichen Quellen zufolge bislang keine Unterstützung. Auch auf Anfrage des STANDARD reagiert sie skeptisch, steht für ein Gespräch nicht zur Verfügung, lässt über die Pressesprecherin der MA 45 (Wiener Gewässer) ausrichten, es gebe in Wien keine unterirdischen Bäche, die freigelegt werden können, denn diese seien Teil des Kanalsystems.

Die Forschungsergebnisse von „ProBach“ könnten dazu herangezogen werden, über ein resilientes, zukunftsfittes Wien nachzudenken. Und mit wissenschaftlich fundierter Forschungsarbeit den Gegenbeweis anzutreten. Dass es vielleicht doch geht. Beschleunigung des Wandels. Es braucht dringend ein Pilotprojekt.

6. März 2023 Der Standard

Margherita Spiluttini 1947–2023

Die Ausnahmefotografin trug dazu bei, dass Architekturfotografie als Kunstmedium anerkannt wurde

Ihre ersten Fotos waren radioaktive und radiologische Innenraumfotografien vom menschlichen Körper, wie sie selbst zu sagen pflegte. Margherita Spiluttini machte eine Ausbildung zur medizinisch-technischen Assistentin und arbeitete in jungen Jahren in der nuklearmedizinischen Abteilung des Wiener AKH. Eines Tages begann sie, auch außerhalb des Krankenhauses zu fotografieren: Menschen, Momente, Landschaften, Stilllebenserien im eigenen Haushalt, Dokumentationsfotos der frühen Frauenbewegungen in Österreich.

In den 1980er- und 1990er-Jahren entdeckte sie ihre Liebe für das Gebaute. Nun ist Österreichs wichtigste Architekturfotografin 76-jährig in Wien verstorben. „Als ich begonnen habe zu fotografieren“, sagte Spiluttini einmal im Interview, „war die Branche traditionell und verkrustet. Fotografie als zeitgenössische Kunstform war ein Fremdwort.“ Spiluttini, aufgewachsen im Pongau, hatte schon früh mit bedrohlichen Bergen und technischen Eingriffen in die Natur zu tun, war geprägt von Rohbauten, Brückenpfeilern und Tunneleinfahrten. Sie fotografierte für die größten und bekanntesten Künstler und Architekten der Welt – unter anderem für Roland Rainer, Peter Zumthor, Aldo Rossi, Álvaro Siza Vieria, Tadao Ando, Sol LeWitt, James Turrell, Olafur Eliasson, Friedensreich Hundertwasser und war jahrelang Haus- und Hoffotografin für das Schweizer Büro Herzog & de Meuron.

Sie beteiligte sich an zahlreichen Biennalen in Venedig, war Vorstandsmitglied der Wiener Secession und lehrte an der Angewandten in Wien sowie an der Kunstuniversität Linz. „Ich liebe diesen Moment, wenn ich unter dem schwarzen Tuch meiner Plattenbodenkamera verschwinde“, sagte sie. „Das Bild auf der Mattscheibe steht am Kopf, alles ist seitenverkehrt, man schaut anders, irgendwie konzentrierter auf die Welt.“ 2014 schoss sie selbstständig das letzte Foto ihrer Karriere. 1995 war bei ihr Multiple Sklerose (MS) diagnostiziert worden, seit 2006 war sie auf den Rollstuhl angewiesen, das Fotografieren wurde immer schwieriger.

Spiluttini trug dazu bei, dass das fotografierte Bauwerk heute als eigenständige Kunst anerkannt ist. Dafür wurde sie 2006 mit dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst, 2016 mit dem Österreichischen Staatspreis für künstlerische Fotografie ausgezeichnet. Anfang Jänner verstarb ihr Lebensgefährte, der Architekt Gunther Wawrik, wenige Wochen später ist sie ihm nun an den Folgen ihrer MS-Erkrankung nachgefolgt.

Spiluttini hinterlässt ein unschätzbares Œuvre an 120.000 Diapositiven und Negativen, die sie zu Lebzeiten als Vorlass dem Architekturzentrum Wien übergab.

3. März 2023 Der Standard

Architekturfotografin Margherita Spiluttini gestorben

Die österreichische Autodidaktin hat dazu beigetragen, dass Architekturfotografie heute als künstlerisches Medium anerkannt ist

Ihre ersten Fotos waren radioaktive und radiologische Innenraumfotografien vom menschlichen Körper, wie sie selbst zu sagen pflegte. Margherita Spiluttini machte eine Ausbildung zur medizinisch-technischen Assistentin und arbeitete in ihren jungen Jahren in der nuklearmedizinischen Abteilung des Wiener AKH. Eines Tages begann sie, auch außerhalb des Krankenhauses zu fotografieren: Menschen, Momente, Landschaften, Stilllebenserien im eigenen Haushalt, Dokumentationsfotos der frühen Frauenbewegungen in Österreich. In den 1980er- und 1990er-Jahren entdeckte sie ihre Liebe für das Gebaute, für das von Menschenhand Geschaffene. Nun ist Österreichs, wenn nicht sogar Europas wichtigste Architekturfotografin 76-jährig in Wien verstorben.

„Als ich begonnen habe zu fotografieren“, sagte Spiluttini einmal in einem Interview mit dem STANDARD, „war die Branche traditionell und verkrustet. Fotografie als zeitgenössische Kunstform war ein Fremdwort. Ja, es gab die Magnum-Fotos, die alle bewundert haben, aber die waren mir zu anekdotisch.“
Aus Hassliebe wurde Faszination

Spiluttini, Tochter eines Baumeisters, aufgewachsen im Pongau, hatte schon früh mit bedrohlichen Bergen und technischen Eingriffen in die Natur zu tun, war geprägt von Rohbauten, Brückenpfeilern und Tunneleinfahrten. „Es war eine Art Hassliebe“, sagte die Autodidaktin. „Eines Tages ist aus dieser Hassliebe eine tiefe Faszination geworden, eine Faszination für Architektur, die mich nie wieder losgelassen hat.“

Spiluttini fotografierte für die größten und bekanntesten Künstler und Architekten der Welt – unter anderem für Roland Rainer, Peter Zumthor, Aldo Rossi, Álvaro Siza Vieria, Tadao Andō, Sol LeWitt, James Turrell, Ólafur Elíasson, Friedensreich Hundertwasser – und war jahrelang Haus- und Hoffotografin für das Schweizer Büro Herzog & de Meuron. Sie beteiligte sich an zahlreichen Biennalen in Venedig, war Vorstandsmitglied der Wiener Secession und lehrte an der Angewandten in Wien sowie an der Kunstuniversität Linz.

Diagnose: Multiple Sklerose

„Ich liebe diesen Moment, wenn ich unter dem schwarzen Tuch meiner Plattenbodenkamera verschwinde“, sagte sie. „Das Bild auf der Mattscheibe steht auf dem Kopf, alles ist seitenverkehrt, man schaut anders, irgendwie konzentrierter auf die Welt.“ 2014 schoss sie selbstständig das letzte Foto ihrer Karriere. 1995 nämlich war bei ihr multiple Sklerose (MS) diagnostiziert worden, seit 2006 war sie auf den Rollstuhl angewiesen, das Fotografieren wurde immer schwieriger. „Ich hatte einen elektrischen Rollstuhl mit integrierter Stehfunktion. Und jetzt stellen Sie sich einmal diese Situation auf der Straße mit Kamerastativ und großem, schwarzem Tuch darüber vor! Gemeinsam mit meiner Assistentin habe ich am Ende schon oft lustige Blicke geerntet.“

Unschätzbares Œuvre

Margherita Spiluttini hat es geschafft, die Architekturfotografie in ihrer Wertigkeit zu heben. Sie hat dazu beigetragen, dass das fotografierte Bauwerk heute als eigenständige Kunst anerkannt ist. Dafür wurde sie 2006 mit dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst, 2016 mit dem Österreichischen Staatspreis für künstlerische Fotografie ausgezeichnet. Anfang Jänner verstarb ihr Lebensgefährte, der Wiener Architekt Gunther Wawrik, wenige Wochen später ist sie ihm nun – aufgrund der Folgen ihrer MS-Erkrankung – nachgefolgt. Spiluttini hinterlässt ein unschätzbares Œuvre von 120.000 Diapositiven und Negativen, von 120.000 Blicken auf die Welt, die sie noch zu Lebzeiten als Vorlass dem Architekturzentrum Wien übergab.

25. Februar 2023 Der Standard

„Meine Häuser sind eine Heimat für Verletzlichkeit“

Der Münchner Architekt Peter Haimerl hat eine Vorliebe für kaputte Bauten und urbane Dysfunktionalitäten. Kommenden Samstag hält er einen Vortrag beim Architekturfestival Turn On in Wien.

Standard: Sie gelten als einer der radikalsten Architekten im deutschsprachigen Raum. Sehen Sie das selbst auch so?

Haimerl: Selbstbeurteilung ist eine schwierige Sache. Ich empfinde mich nicht als radikal, aber ich mache eine Architektur, die bis an die Grenzen geht, die sich bemüht, Raum nicht nur als etwas Funktionales zu sehen, sondern immer auch als einen Gedankenraum mit sinnlichen, theoretischen und philosophischen Facetten. Und ja, ich will diese Facetten ohne Kompromiss in die Realität umsetzen.

Standard: Sie haben eine Vorliebe für Schuppen, Stallungen und kaputte Bauernhäuser – aber auch für ausgestorbene und verwahrloste Orte in der Stadt. Woher kommt diese Faszination?

Haimerl: Es ist wie immer im Leben: Gebrochene Charaktere und Lebensgeschichten Gezeichneter sind interessanter als alles, was glatt und eindimensional ist. Mich interessieren Gebäude, die Narben und Nahtoderfahrungen haben, die schon was durchgemacht haben. Es steckt in ihnen eine unverfälschte Wahrheit, die man auch auf die Jetztzeit übertragen kann.

Standard: Was genau können wir von kaputten Häusern lernen?

Haimerl: Die Verletztheit und Verletzlichkeit. Die meisten glauben, es geht in der Architektur um die perfekte Lösung, um die tollste Form, um das schönste Detail. Nein! Es geht darum, Räume zu schaffen, die Würde und Verständnis ausstrahlen und die eine Heimat bieten für die Verletzlichkeit in uns Menschen.

Standard:Ihre Projekte – ob nun Altbau oder Neubau – wirken an sich schon sehr archaisch und dramatisch. Dennoch werden die fertigen Häuser manchmal mit Kühen, Pferden und geheimnisvollen Frauen in Szene gesetzt. Wieso denn das?

Haimerl: Klassische Architekturfotografie langweilt mich zu Tode. Ich möchte über das klassische Bild hinausgehen. Bei der schwarzen Frau, die auf einigen Fotos zu sehen ist, handelt es sich um meine Frau Jutta Görlich, sie inszeniert die Räume gemeinsam mit dem Fotografen Edward Beierle. Dazu betreibt sie Geschichtsforschung zum Ort und zum Haus und verknüpft die Resultate mit Humor und Surrealismus.

Standard: Und dann steht plötzlich eine Kuh in der Badewanne.

Haimerl: Ja, das kann passieren. Dann ist die Badewanne eben nicht nur eine Badewanne, sondern auch ein Behältnis mit Geschichte.

Standard: Seit fast 30 Jahren beschäftigen Sie sich mit der sogenannten Zoomtown. Worum geht es da?

Haimerl: Das Konzept der Zoomtown habe ich schon in den 1990er-Jahren entwickelt. Bei Zoomtown geht es um Europa, denn wenn wir gegen die alten und neuen Supermächte wie USA, Russland, China und Indien kulturell überleben wollen, dann müssen wir damit anfangen, die europäischen Städte als großes Ganzes, als urbanes Kollektiv, als eine Art zusammenhängende Supermetropole zu betrachten: London, Paris, Berlin, Warschau, Madrid, Rom, Wien, Belgrad, Athen, Istanbul und so weiter. Ich bezeichne dieses Netzwerk als UME, als United Metropoles of Europe. Und diese UME sind gemeinsam stark genug, die Fehler der Moderne zu beheben und endlich wieder schöne, lebenswerte, auch menschlich funktionierende Städte daraus zu machen.

Standard: Von welchen Fehlern sprechen wir hier im Speziellen?

Haimerl: Vor allem davon, dass die amerikanische Moderne mit ihren Autos und Autobahnen wie ein Fremdkörper auf den europäischen Kontinent appliziert wurde und diesen in den letzten 70, 80 Jahren massiv verändert und verschlechtert hat. Die europäische Stadt hat seitdem vieles von ihrem historischen Charakter eingebüßt und ist zu einem scheinbar effizienten Straßenraum für individuelle, motorisierte Mobilität geworden. Doch die Wahrheit ist: Das Auto braucht viel Platz – und diesen vielen Platz nimmt es uns Menschen weg. Das müssen wir dringend wieder reparieren.

Standard: Wie?

Haimerl: Mit dem Verdrängen von Autos, mit dem Rückbau von Straßen, mit dem Entrümpeln und Entsiegeln des öffentlichen Raums und mit der Implementierung eines neuen paneuropäischen öffentlichen Verkehrsnetzes – einer Art Europa-Schnellbahn, die aber nicht nur bis zum Hauptbahnhof fährt, sondern bis in die wichtigsten Subzentren und Quartiere hineindringt.

Standard: Klingt gut. Aber wozu braucht es das?

Haimerl: Weil die europäische, historisch gewachsene Stadt ihre eigene Zukunft finden muss, wenn sie kulturell überleben will. Mit einer amerikanischen Moderne-Vision wird das nicht gelingen. Dass wir jetzt schon an die räumlichen und verkehrstechnischen Grenzen stoßen, zeigt sich in vielen europäischen Städten. Einige davon haben bereits begonnen, radikal umzudenken.

Standard:Das diesjährige Architekturfestival Turn On beschäftigt sich mit den geopolitischen Verwerfungen des letzten Jahres. Welche Auswirkungen hat das auf die europäische Stadt?

Haimerl: Das ist eine große Frage! Die Corona-Pandemie, die Energiekrise, der Krieg in der Ukraine und die politische Willkür Russlands haben dazu geführt, dass wir heute in einem Angstraum leben. Und ein solcher Angstraum lässt keine Visionen zu. Lieber flüchtet man ins Lokale, ins Regionale, ins Ruhige, ins Nostalgische, ins intellektuell und emotional gerade noch Fassbare. Es scheint jetzt nicht die Zeit für große Sprünge zu sein – obwohl wir gedanklich, technologisch und wirtschaftlich dazu imstande wären.

Standard: Was wünschen Sie sich?

Haimerl: Dass wir die Kraft der multiplen Krisen dazu nutzen, massiv umzudenken. Ich wünsche mir ein Bekenntnis zu einem Europa ohne Partikularinteressendebatten, ich wünsche mir ein architekturpolitisches und verkehrsräumliches Miteinander, und ich wünsche mir die sofortige Abschaffung von Kurzstreckenflügen.

Peter Haimerl (62) leitet ein Architekturbüro in München und beschäftigt sich mit der Revitalisierung alter Häuser sowie mit der Neuerfindung der europäischen Stadt. Von 2018 bis 2023 war er Professor an der Kunstuni in Linz. Am Samstag, den 4. März, hält er einen Vortrag beim Architekturfestival Turn On.

Turn On

Die multiplen Krisen der letzten Jahre, allen voran der Krieg in der Ukraine und die Sichtbarwerdung von Abhängigkeiten und Fehlentwicklungen, machen auch vor dem Bauen und Wohnen nicht halt. Mit den konkreten Auswirkungen dieser Zeitenwende befasst sich das Architekturfestival Turn On, das kommende Woche bereits zum 21. Mal über die Bühne geht. Vorgestellt werden etwa das kürzlich eröffnete Parlament, der Ikea am Westbahnhof, das neue Wien-Museum, das Wohnprojekt The Marks, der Campus Tower Hamburg, diverse innovative Modelle im geförderten und freifinanzierten Wohnbau sowie ein Revitalisierungskonzept für Bad Gastein, das „Manhattan der Alpen“. Mit Vorträgen von PPAG, DMAA, feld72, gaupenraub +/–, Pedevilla, bergmeisterwolf, Ripoll Tizón, Sergison Bates, Peter Haimerl u. v. m. Beginn Donnerstag, 2. März, 14.30 Uhr. Bis Samstag, 4. März, 22 Uhr. ORF-Radiokulturhaus, Argentinierstraße 30a, 1040 Wien. Eintritt frei.

11. Februar 2023 Der Standard

Die Herren L.O.M.O.

Im Gegensatz zu Schwestern haben Brüderpaare in der Architektur eine lange Tradition. Es gibt eine Menge von ihnen. Zum Beispiel Laurids und Manfred Ortner. Der eine in Wien, der andere in Berlin.

In der Seestadt Aspern gibt es einen Wohnbau namens Die drei Schwestern , die einzelnen Häuser heißen Anna, Bella und Clara. In der Architekturgeschichte wiederum werden historische Pionierinnen aus der Zeit der ersten hochschulausgebildeten Architektinnen und Ziviltechnikerinnen gerne als „Margarete Schütte-Lihotzkys Schwestern“ bezeichnet. Auffällig ist auch, dass Schwestern immer wieder als Auftraggeberinnen auftreten – es gibt Doppelhäuser für Schwestern in Wien (querkraft), Innsbruck (Paolo Pizzignacco), Zürich (raumfindung), Brixen (bergmeisterwolf), Kirchheim (Alexander Brenner), Bochum (Eigenentwurf) und in der spanischen Provinz Murcia (Blancafort Reus Arquitectura).

Abgesehen davon jedoch sind weibliche Geschwisterschaften in der Architekturzunft ein eher seltenes Phänomen. Was man von männlichen Geschwisterpaaren definitiv nicht behaupten kann. In den 1920er-Jahren zählten die Stuttgarter Brüder Heinz und Bodo Rasch zu den wichtigsten Vertretern der Moderne, in der Schweiz planten die Gebrüder Pfister eine Vielzahl öffentlicher Bauten, in Preußen hingegen arbeiteten Bruno und Max Taut eher aneinander vorbei als miteinander, und auch heute noch nehmen Brüder gerne zu zweit das Geodreieck in die Hand. Die Liste allein im deutschsprachigen Raum ist lang: Pedevilla Architekten, Marte.Marte, Najjar & Najjar, Chalabi & Chalabi, Brückner und Brückner, Innerhofer oder Innerhofer – oder etwa die beiden Architektenbrüder Laurids und Manfred Ortner, die inzwischen ein Riesenbüro mit 80 Mitarbeitern betreiben, der eine in Wien sitzend, der andere in Berlin.

Von O&O stammen viele zentrale, stadtprägende Bauwerke wie etwa das Wiener Museumsquartier, der Bürocluster Wien-Mitte, das Landesarchiv NRW in Duisburg, das Berliner Shoppingcenter Alexa, das Theater- und Kulturzentrum Schiffbau in Zürich, die Sächsische Landes-Staats- und Universitätsbibliothek in Dresden (übrigens eine der zehn größten der Welt) sowie weitere Wohn-, Büro- und Hotelbauten in ganz Deutschland.

Geboren und aufgewachsen sind die beiden in Linz, Laurids Jahrgang 1941, Manfred Jahrgang 1943. Schon in der Schulzeit zeichneten und malten beide gerne, spielten meist mit ihren Zinnsoldaten, denen sie mit Farbe Kleidung auf den Leib pinselten. Dazu wurden Flaggen entworfen, Schiffe gebaut und Häuser zusammengezimmert. Das brüderliche Spiel empfanden die beiden damals als eine Art kreative Rivalität: Man durfte sich voneinander Inspiration holen und es anders und besser machen, durfte den anderen mit seinen eigenen Waffen schlagen, nur eines war damals schon verpönt im Hause Klein Ortner: nachahmen und kopieren.

Texte, Bilder, Zeichnungen

Und so trennten sich die Wege nach der Matura: Während Manfred an der Wiener Akademie der bildenden Künste aufgenommen wurde, wo er Malerei und Kunsterziehung studierte, musste für Laurids eigens der Familienrat einberufen werden: Der arme Bub, grad noch durch die Schule gekommen, was soll nur aus ihm werden? Architektur an der TU Wien, so der Konsens, schien noch die beste aller Optionen.

In ihrer Studienzeit hatten L. O. und M. O. phasenweise nur wenige Berührungspunkte, holten sich beim anderen aber immer wieder Rat – und Inspiration. Und so entstanden einige Texte, Bilder, Zeichnungen und fiktive Raumentwürfe, die damals schon mit „L.O.M.O.“ signiert wurden. Laurids gründete mit seinen Kollegen Günter Zamp Kelp und Klaus Pinter die viel beachtete Architektur- und Kunstgruppe Haus-Rucker-Co, die international so erfolgreich war, dass Anfang der 1970er-Jahre gleich zwei Studios eröffnet wurden: eines in New York von Zamp Kelp und Pinter, das andere in Düsseldorf von Laurids – und Bruder Manfred, der 1971 in die Gruppe einstieg. Haus-Rucker-Co mischte in der Kunstszene der 70er und 80er kräftig mit. Die „Architekten-Künstlergemeinschaft“, so die Eigendefinition, war zum Beispiel bis zur endgültigen Auflösung 1992 dreimal auf der Documenta in Kassel vertreten.

Im Jahr 1987 beschlossen die Brüder, ein eigenständiges Architekturbüro zu gründen: Ortner & Ortner. Der Rest ist Architekturgeschichte und O&O in der Zwischenzeit ein Imperium mit Niederlassungen in Wien, Köln und Berlin. In ihren Büros: Bücher, Bücher, Bücher und tausende Materialmuster aus Holz, Glas, Beton, Metall und Keramik auf den Tischen. Wir haben L. O. und M. O. getrennt voneinander gefragt:

Architektenbrüder also, wie ist das so?

Was uns heute auszeichnet, nach nunmehr acht Jahrzehnten, das ist ein fast sprachloses Verständnis. Es ist alles schon tausendmal gesagt worden, wir kommunizieren mittlerweile nonverbal, und wir verstehen uns von Grund auf. Über all die kleineren Querelen, die es natürlich gibt, hinweg haben wir eine Art symbiotische Beziehung. Ich weiß nicht, ob ich das zwischen uns als Liebe oder Freundschaft bezeichnen würde, keine Ahnung. Auf jeden Fall aber ist es eine tiefe Verbundenheit, die sich sehr gut anfühlt. Die Rivalität der Kindheit hat sich in eine Differenzierung transformiert: Manfred ist der bessere Zeichner von uns beiden, und er ist auch derjenige, der einen organischeren Zugang im Denken und in der körperlichen Bewegung hat. Ich wiederum bin der Texter, der Stratege, der thematisch besser Aufgestellte. Ob er mir fehlt, wenn wir uns nicht sehen? Ich glaube nicht, es braucht eine gesunde Distanz, nur nicht aufeinanderpicken! Aber wenn wir uns sehen … ein Traum! Niemand bringt mich so zum Lachen wie er!

Was immer schon unser Trumpf war, in all der langen Zeit, ist das gegenseitige Vertrauen. Wir haben schon alle Phasen durchgemacht, von Konkurrenz und Rivalität über ein jahrelanges Nebeneinander bis hin zu einer gegenseitigen Stärkung und Inspiration. Heute hat unsere Beziehung einen so reichen Bodensatz, dass wir manchmal schon zig Schachzüge des anderen vorausdenken können. Und obwohl wir eh schon wissen, was der andere sagen wird, ist uns seine Meinung immer noch wichtig. Wir sind Sparringspartner füreinander. Manchmal fliegen die Fetzen, Laurids ist der schärfste Kritiker, den man sich vorstellen kann, er bringt immer eine zusätzliche Perspektive rein, er denkt und formuliert mit Worten wie ein Schwert. Dafür bin ich derjenige, der den Laden zusammenhält und sich kommunikativ einbringt, ich bin einer, der Dinge erledigt. Es funktioniert gut an zwei Orten, er in Wien, ich hier in Berlin. Wenn wir uns nicht sehen, vermisse ich ihn. Wenn wir uns dann sehen … was wir lachen können!

21. Januar 2023 Der Standard

SOS Gründerzeit

Teil 1 Immer mehr Gründerzeithäuser werden abgerissen. Mit der zunehmenden Zerstörungswut verändert sich auch das Stadtbild. Was heißt das für Wien? Fünf Protokolle.

Gründerzeit? Eine endliche Ressource!

„Die Wiener Gründerzeit ist image- und stadtbildprägend. Mit diesen Bildern sind wir alle aufgewachsen. Mit dem Weiterwachsen der Stadt und mit dem zunehmenden Verwertungsdruck der Immobilienwirtschaft jedoch wird uns allmählich klar, dass die gründerzeitliche Substanz eine endliche Ressource ist.

Der Abbruch eines nicht denkmalgeschützten Hauses und das Füllen einer solchen Baulücke mit einem modernen Wohnbau, der den heutigen Bedürfnissen und der Nachfrage am Markt entspricht, ist im Einzelfall absolut legitim. In der Summe aber müssen wir anerkennen, dass uns ein Stück der Wiener Identität, die auch im Tourismus eine große Rolle spielt, zu verschwinden droht.

Was tun? Mein Begehr ist ein gutes Nebeneinander aus Alt und Neu. Dazu muss man die baukulturelle Qualität im Neubau nach oben heben. In den meisten Fällen lässt diese nämlich zu wünschen übrig. Auch in der Gründerzeit war nicht alles eitel Wonne – mit dem Unterschied allerdings, dass es ein Bewusstsein für Ensembles, für Stadtbilder und für eine gesamtstädtische Verantwortung gab.“

Peter Payer ist Stadtforscher und Stadthistoriker in Wien.

Ästhetik hat im Neubau keinen Stellenwert

„Nicht nur in Wien, auch in anderen Städten bin ich viel unterwegs und beobachte, wie sich die gebaute Stadt verändert. An vielen Orten gelingt es, den Neubau in die historische Stadt so einzuweben, dass zwischen Alt und Neu eine gewisse Balance entsteht. Man nimmt Rücksicht auf Farbe, Material, Geschoßhöhe und Fensterproportionen.

In Wien hat Ästhetik im Neubau keinen Stellenwert. Entweder haben Architekten ein ästhetisches Empfinden, das nicht der breiten Masse entspricht, oder aber die Bauherren, Investorinnen und Wohnbauträger weigern sich, Geld in eine ansprechend gestaltete und im menschlichen Maßstab gegliederte Fassade zu investieren. Natürlich, der gründerzeitliche Stuck war meist vorgefertigt, hört man immer wieder als Kritik, die reinste Katalogware. Na und? Die heutigen Häuser bestehen auch aus vorgefertigten Elementen. Wo ist da der Unterschied?

Das neue Wien fühlt sich an, als würden Laien, Architektinnen und Bauherren in unterschiedlichen Welten leben. Ich wünsche mir mehr Schönheit an den Fassaden und gestalterische Mindeststandards, die ein Wohnhaus im gründerzeitlichen Wien erfüllen muss. Die Stahlbetonkisten mit ihren Vollwärmeverbundsystemen machen die Stadt kaputt.“

Georg Scherer betreibt seit 2018 den Blog wienschauen.at.

2,50 Meter hohe Erdgeschoße sind ein No-Go

„Nicht jedes Haus, das in der Gründerzeit erbaut wurde, ist auch wirklich schützenswert. In Summe aber bietet die gründerzeitliche Bausubstanz Qualitäten, die der gewerbliche Wohnbau der jüngeren Zeit leider nicht mitbringt. Das merkt man auch im Stadtparterre der historischen Bestandsstadt: Früher gab es im Erdgeschoß in den sogenannten G’wölben ein reges Leben mit Handel, Gastronomie und produzierendem Gewerbe.

Das ist heute anders. Die meisten Neubauten bestehen im Erdgeschoß aus Haustor, Garageneinfahrt und Zugang zum Müllraum. Dazwischen parken hunderttausende Autos. Damit ist das Erdgeschoß vielerorts monoton und unbelebt. Die wenigen Erdgeschoßlokale, die man findet, stehen entweder leer oder werden als gewerbliche Storage-Räume genutzt, was aber auch nicht unbedingt zu einer Belebung des Erdgeschoßes beiträgt.

In den 1990er-Jahren haben sich viele Kreative und Architekturbüros im Erdgeschoß eingemietet. Heute findet man immer häufiger Arztpraxen und Zahnärztinnen. Die Möglichkeiten müssen dringend ausgeweitet werden! Denn das Erdgeschoß ist eine Raumressource für künftige Nutzungen, die wir uns heute vielleicht nicht einmal noch vorstellen können. Das heißt: 2,50 Meter Raumhöhe im EG ist ein No-Go.“

Angelika Psenner ist Professorin für Stadtstrukturforschung an der TU Wien.

Auf der Suche nach der gemeinsamen Sprache

„Um Klartext zu sprechen: Nicht nur die heutigen Baulückenhäuser, auch viele Gründerzeithäuser waren gewerblich errichtet, gewinnorientiert, bodenausnutzend, dichte Burgen mit geringem Lebenskomfort. Kein Unterschied also zum heutigen neoliberalen Neubau.

Mit einem Unterschied aber: Damals gab es so etwas wie eine gemeinsame Sprache, die innerhalb der Regeln Variationen zuließ. Der Charakter einer Straße wurde durch den Takt rhythmisiert: Baulinie, Putzfarben, Fenstergiebel, Kordongesimse. Damit blieb das einzelne Haus – trotz seiner individuellen Züge – stets in ein verbindliches Stadtbild eingebunden.

Heute gewinnt man manchmal den Eindruck, als hätten die Häuser mit ihren Nachbarbauten und der Straße, in der sie stehen, nichts zu tun. Zwar ist in der heutigen Bauordnung immer noch vom „Stadtbild“ die Rede, aber die Verbindlichkeit eines solchen Bildes ist Geschichte. Dem gewinnorientierten, gewerblich errichteten Neubau, der steif dasteht und sich auf seine vielleicht schillernde Fassade verlässt, fehlen diese Qualitäten.

Ich wünsche mir mehr Wandlungsfähigkeit, mehr kleinmaßstäbliche Nutzungsvielfalt und mehr Augenmerk auf den Kontext – ohne Heraufbeschwören alter Zeiten, die auch damals nicht rosig waren.“

Gabriele Kaiser ist Architekturhistorikerin in Wien und Linz.

Eine schöne Fassade ist kein Verbrechen

„Wir rechnen heute mit einem Lebenszyklus von 50 Jahren. Die gründerzeitlichen Häuser haben schon 120 Jahre auf dem Buckel, wären nach heutigen wirtschaftlichen Gesichtspunkten also schon doppelt abgeschrieben, stehen aber immer noch da. Den Gebäuden scheint eine Qualität innezuwohnen, die sie überlebensfähig macht. Mit diesem historischen Kapital zu arbeiten und die Stadt in ihrem Charakter weiterzubauen ist unser aller Verantwortung, denn die Qualität der gründerzeitlichen Stadt ist, sobald sie einmal zerstört ist, unwiederbringlich verloren.

Egal, ob wir bei Hild und K neu bauen oder sanieren: Wir verstehen unsere Arbeit als Bauen im Bestand, denn im städtischen Kontext ist man immer von Bestand umgeben. Wir kennen, wenn es um Schönheit an der Fassade geht, keine Tabus. Wir arbeiten gerne mit Humor, mit Zitaten, mit Ornamenten, mit der Freiheit der Transformation. Zudem sind manche Qualitäten – wie etwa eine lebendige Erdgeschoßzone und eine ästhetische und hochwertige Fassade – unverzichtbar.

Abbrüche und Neubauten, die einzig und allein ökonomisch motiviert sind und alle anderen Aspekte ignorieren, sind aus baukultureller und ökologischer Sicht abzulehnen. Diese Abrisse müssen gestoppt werden.“

Matthias Haber ist Partner bei Hild und K Architekten in München und Berlin.

Lesen Sie nächste WocheTeil 2: Zerstörung im ländlichen Raum

24. Dezember 2022 Der Standard

Kann denn Kirche Sünde sein?

Direkt neben dem Ceaușescu-Palast in Bukarest wächst die orthodoxe Nationalkathedrale in den Himmel. Das Projekt bricht sämtliche Weltrekorde – aber auch die Grenzen von Ethik und Angemessenheit.

Letzte Nacht hatte ich einen Traum“, singt Dan Teodorescu, Komponist und Frontman der rumänischen Band Taxi. „Ich ging morgens in die Kathedrale, um nach Gott Ausschau zu halten, aber ich fand ihn nicht, obwohl ich sogar in den Mehrzweckräumen, in den zwölf Aufzügen und in der Tiefgarage nach ihm suchte. Kein Wunder, dass man ihn nicht findet, auf einer Fläche von elf Hektar Land.“

Im Refrain des 2016 erschienenen Chansons Despre Smerenie („Über die Demut“) stimmen schließlich knapp 70 rumänische Promis mit ein, darunter etwa Sänger, Künstlerinnen, Architektinnen, Schriftsteller, TV-Moderatoren, Sportlerinnen und Schauspieler aus Film und Bühne. Gott wird nicht zu finden sein, singen sie, zumindest nicht hier in der neuen Nationalkathedrale, die sich derzeit in Bau befindet, sondern ganz woanders, vielleicht in einer kleinen Holzkirche irgendwo oben auf einem Hügel. 67-mal ist der Refrain zu hören: „Ich glaube, Gott bevorzugt Holz, Holz und kleine Räume.“

Der Bau der neuen rumänisch-orthodoxen Nationalkathedrale (Originalwortlaut Catedrala Mântuirii Neamului Românesc, Kathedrale der Erlösung des rumänischen Volkes) schlägt seit Anbeginn schon Wellen der Empörung. Der Wunsch nach einem riesigen Gotteshaus in der Hauptstadt ist rund 130 Jahre alt und geht auf den rumänischen König Karl I. zurück. Nachdem der über zweieinhalb Jahrzehnte machthabende kommunistische Diktator Nicolae Ceaușescu in seiner Amtszeit ganze Bukarester Stadtviertel – darunter auch eine Vielzahl von Kirchen – hatte abreißen lassen, nahm die Idee nach seinem Tod am 25. Dezember 1989 erneut Fahrt auf.

Erfahrung mit Shoppingmalls

Drei unterschiedliche Standorte standen jahrelang zur Diskussion, wurden von der Stadtregierung aufgrund der Ortsunverträglichkeit jedoch immer wieder abgelehnt. 2010 schließlich konnten sich Staat und Kirche einigen und beschlossen, die neue Nationalkathedrale direkt neben dem Ceaușescu-Palast, dem heutigen Palatul Parlamentului, zu errichten. Aus einem nationalen Wettbewerb ging Augustin Ioan, Architekt und Professor an der Ion-Mincu-Universität für Architektur und Stadtplanung (UAUIM), mit seinem Team an Studierenden als Sieger hervor.

Doch so weit sollte es nicht kommen. Das Projekt wurde gestoppt, stattdessen erteilte das rumänisch-orthodoxe Patriarchat, das bei diesem Mammutprojekt als Bauherr fungiert, einen Direktauftrag an das Ingenieurbüro Vanel Exim S.R.L., das mit Bahnhöfen, Krankenhäusern und zahlreichen Shoppingmalls im ganzen Land bereits reichlich Erfahrung im großmaßstäblichen Bau sammeln konnte. Und die ist hier vonnöten, denn mit 127 Meter Höhe und 127 Meter Länge ist die Nationalkathedrale die größte orthodoxe Kirche Europas. Die 407 Quadratmeter große Ikonostase aus Millionen goldenen Mosaiksteinchen fand sogar den Weg ins Guinness-Buch der Rekorde.

„Es gibt für die Kathedrale kein historisches Vorbild, denn in diesen Dimensionen sind Kirchen im orthodoxen Christentum nicht verankert“, sagt die Bukarester Architektin Adina Buzea. „Die Elemente, die hier verwendet wurden, sind entweder eine Weiterentwicklung und Neuinterpretation von römisch-katholischen Kirchen oder aber eine Vergrößerung und Aufblasung orthodoxer Versatzstücke bis zu einem Maßstab, der einfach nur lächerlich und übertrieben wirkt.“

Kritisch sieht Buzea nicht nur die Architektursprache, sondern das Projekt an sich: „Aufgrund budgetärer Engpässe wurden in Rumänien in den letzten Jahren etliche Krankenhäuser geschlossen. Das Land ist mit Gesundheitseinrichtungen chronisch unterversorgt. Für eine Kirche in diesen Dimensionen aber ist das Geld da.“ Kolportierte Baukosten: 185 bis 300 Millionen Euro. Das Grundstück an der Ecke Calea 13 Septembrie und Strada Izvor, direkt neben dem Ceaușescu-Palast, wurde der – per Verfassung wohlgemerkt steuerbefreiten – Kirche kostenlos zur Verfügung gestellt.

Das Bild im städtischen Gefüge ist grotesk. Inmitten eines sechs- bis achtspurigen Straßenrings, fernab von U-Bahn und infrastrukturellen Einrichtungen entstehen ein Gotteshaus für 7000 Besucher, ein steinerner Vorplatz mit beheizten Stufen und eine unterirdische Garage mit hunderten Pkw-Stellplätzen. Auf den Renderings am Bauzaun ist kein einziges Stückchen Grün zu sehen. Stattdessen überall Marmor, Beton und gülden glitzernde Kuppeln. Oder, wie dies der einstige Wettbewerbssieger Augustin Ioan in einem Interview formuliert: „Was hier entsteht, sieht alt und neu zugleich aus. Das ist Mittelmaß, korrupter Zynismus, Eitelkeit ohne Konsequenz. Dieses Projekt ist eine einzige Sünde.“

Constantin Amâiei, Architekt im Planungsbüro Vanel Exim, hat vom Patriarchat einen Maulkorb verpasst bekommen und darf sich zum eigenen Projekt nicht äußern und keine Informationen zur Verfügung stellen. Das Patriarchat wiederum lehnt jedes Medieninterview ab und schickt stattdessen per Mail einen Haufen Links zu selbstherrlichen Artikeln auf der Website der orthodoxen Nachrichtenagentur, basilica.ro. Da erfährt man unter anderem, dass das Geläut in der Innsbrucker Glockengießerei Grassmayr hergestellt wurde. Mit 25 Tonnen Gewicht und 3,35 Meter Durchmesser handelt es sich dabei um die größte Schwingglocke Europas. Guinness-Buch der Rekorde.

Quantität statt Qualität

„Die Nationalkathedrale ist die Summe von Macht und Weltrekorden, sie ist ein Symbol für die Kohabitation von Staat und Religion“, sagt Ștefan Simion, Associate Professor für Architektur an der Ion-Mincu-Universität sowie Herausgeber des architekturtheoretischen, zeitkritischen Magazins Mazzocchioo. „Es geht um Quantität und nicht um Qualität, die architektonische und baukulturelle Leistung liegt fast bei null. Leider wurde diese Kirche ohne Rücksicht auf die Stadt, auf ihre Menschen und ihre Bedürfnisse errichtet. Das Resultat ist eine Art Disneyland, nur viel böser.“

Am Nachmittag geht der Schichtbetrieb zu Ende. Die Bauarbeiter stellen die Helme ins Regal und steigen in dutzende Busse ein, die auf dem Parkplatz stehen. An der Karosserie große Klebebuchstaben, geschwungener Schriftzug, Basilica, Abfahrt im Konvoi. Geplante Fertigstellung: 2025. Dann startet die Suche nach Gott.

10. Dezember 2022 mit Maik Novotny
Der Standard

„Alles ist so ernst geworden“

Am 13. Dezember feiert Wolf Prix seinen 80. Geburtstag. Dem ΔTANDARDerzählt er, wofür er heute brennt, warum er es für blödsinnig hält, die Bauwirtschaft als CO2 -Sünderin hinzustellen, und wie es ist, für Autokraten zu bauen.

STANDARD: In Ihren jungen Jahren haben Sie gesagt: „Architektur muss brennen.“ Muss sie das, wenn man 80 ist, immer noch?

Prix: Freilich! Die meisten glauben, dass wir wirklich Feuer legen wollen, aber das wollen wir natürlich nicht. Im übertragenen Sinne muss Architektur aber auf jeden Fall Emotionen erzeugen.

STANDARD: Was wurde aus den „jungen Wilden“, wie Sie sich damals genannt haben? Wird man zu einem alten Wilden? Oder doch zu einem jungen Gemäßigten?

Prix: Heute bin ich gelassener. Ich ärgere mich nicht mehr über unsere Fehler und die Fehler der anderen, sondern ich ärgere mich gar nicht mehr, ich lache gerne. Allerdings wurde früher mehr gelacht, die Architekten waren lustiger und frecher, die Medien waren provokant, die Gesellschaft war offener. In den letzten Jahren ist alles ernst geworden, man versteht keinen Spaß mehr. Vielleicht liegt das auch an den Architektenverträgen, die immer dicker und umfangreicher werden.

STANDARD: Die Rolling Stones galten früher als Rebellen, heute füllen sie Stadien für die ganze Familie. Auch Sie waren ein frecher Rebell, heute bauen Sie für Zentralbanken und Regierungen. Sehen Sie hier Parallelen?

Prix: Kann sein, dass es hier tatsächlich Parallelen gibt. Auch die Karriere eines bauenden Architekten wandelt sich mit der Zeit. Stellen Sie sich vor, ich würde heute das Gleiche planen wie 1968, als wir mit unseren Gedankenräumen eine neue Lebensweise wecken wollten. Das ist heute unvorstellbar! Beim Bauen und Realisieren und mit dem Älterwerden geht man mit der Kraft ökonomischer um. Um diese Erfahrung kommt man nicht herum.

STANDARD: Gemeinsam mit Ihren Zeitgenossen – mit Zünd-Up, Missing Link und Haus-Rucker-Co – haben Sie in den 1960er-Jahren an der Verbesserung der Welt gearbeitet. Was wurde aus den damaligen Visionen?

Prix: Ich sage gerne, dass wir verloren haben. Die Idee der optimistischen Gedankengebäude war nicht durchsetzbar. Der Unterschied ist nur, dass wir damals das zukünftige Leben völlig neu definiert haben! Heute ist die Lebensqualität einer Stadt nichts anderes als ein neues Biedermeier: Rückzug in die Ego-Privatheit, Rückzug aus dem öffentlichen Raum, Rückzug in die Gemütlichkeit, auf dem grünen Balkon im Liegestuhl sitzend, mit einer Flasche Bier in der Hand, die romantische Scheinrealität einer grünen Stadt. Wo sind die zukünftigen innovativen Lebenskonzepte?

STANDARD: Heute reden wir über Ressourcenschonung. Die Bauwirtschaft steht als CO2 -Sünderin am Pranger.

Prix: Oje, schon wieder diese blödsinnige Feststellung.

STANDARD: Wissen Sie, wo der Stahl für Ihre Museen und Konferenzzentren herkommt?

Prix: Nein, das weiß ich nicht. Muss ich auch nicht. Aber ich mag diese Diskussionen nicht. Denn wenn wir von Materialverschwendung sprechen, dann müssen wir schon die Architekturindustrie mit der Waffenindustrie vergleichen. Wir bauen Waffen aus Unmengen von Stahl, die nur einen einzigen Zweck haben: Zerstörung. Und wir bauen Kampfflugzeuge, wovon eines so viel kostet wie das Musée des Confluences in Lyon, und nach spätestens fünf Jahren wird es abgeschossen. Das müssen wir vergleichen! Vergleichen wir doch den CO2 -Ausstoß des Kriegs in der Ukraine mit dem CO2 -Ausstoß von unseren Kulturbauten auf der Krim. Darüber müssten wir sprechen!

STANDARD: Ihre größten und wichtigsten Projekte haben Sie stets im Ausland realisiert, zuletzt vor allem in China. Aktuell bauen Sie in Russland und auf der Halbinsel Krim. 1998 haben Sie in einer Rede in Wien gesagt: „Autoritäre Systeme vertragen keinen Ungehorsam.“ Wie verträgt sich das?

Prix: Es kommt nicht darauf an, für wen oder wo wir bauen, sondern was wir bauen. Was Russland betrifft, so habe ich alles Relevante schon im Spiegel -Interview gesagt. Außerdem sind wir jetzt von der EU sowieso sanktioniert. Wir dürfen nicht mehr für Russland arbeiten – ein demokratisches Arbeitsverbot. Alle Aufträge, die wir in Arbeit haben, Hochhäuser, Theater, Schulen und Kulturzentren, können wir wegwerfen. Toll!

STANDARD: Auf der Krim nach 2014 zu bauen dient der Legitimierung einer völkerrechtswidrigen Annexion. Sehen Sie das anders?

Prix: Wir hatten auf der Krim nie ein Arbeitsverbot, denn Kulturbauten waren von den Sanktionen ausgenommen. Aber ja, nun müssen wir auch dieses Projekt stoppen. Ein Freund von mir hatte auf der Krim eine Fabrik für Maschinenteile und wurde ebenfalls sanktioniert. Wer, glauben Sie, hat diese Lieferungen übernommen? Ein Amerikaner! Also hören Sie mir auf mit den moralischen und angeblich politischen Darstellungen ...

STANDARD: Die meisten und größten Ihrer Aufträge kommen von autokratischen Regimen. Was macht das mit Ihnen?

Prix: Gar nix. Gegenargument: Ich habe Sympathie für eine Gesellschaft, demokratisch oder autokratisch, die sich erlaubt, auf einen Schlag in sieben Städten Kulturzentren zu bauen. Bei uns heißt es nur: Brauchen wir nicht! Es wird gerne vergessen, dass auch ein François Mitterrand autokratisch entschieden und zahlreiche Großprojekte beauftragt hat. Und ganz ehrlich: Es macht keinen Unterschied, ob man für Autokraten oder für Turbokapitalisten baut. Für Autokraten ist es sogar etwas angenehmer, weil sie nicht jeden Cent berechnet haben wollen, um zu wissen, wie viel sie mit einem Projekt verdienen.

STANDARD: Welche Auswirkungen haben die Russland-Sanktionen auf Ihr Büro?

Prix: Wir arbeiten nun für einen anderen Autokraten und sitzen mit all jenen, die gesagt haben, dass sie für Russland nicht mehr arbeiten wollen, Schulter an Schulter in Saudi-Arabien. Dort planen wir alle an der 170 Kilometer langen Linearstadt Neom. Das ist eine der radikalsten Stadtplanungsideen, eine Mischung aus Le Corbusier und Superstudio.

STANDARD: Im Rückblick auf mehr als 50 Jahre Schaffen: Gibt es etwas, worauf Sie besonders stolz sind?

Prix: Auf drei Dinge: auf den Dachbodenausbau in der Wiener Falkestraße, auf das Musée des Confluences in Lyon und auf das Mocape-Museum in Shenzhen, weil ich bei diesem Projekt Piranesi am nächsten gekommen bin.

STANDARD: Am 13. Dezember werden Sie 80. Was wünschen Sie sich zum Geburtstag?

Prix: Weiß ich nicht. Das ist ein Tag wie jeder andere. Das ganze Drumherum ist mir völlig egal. Aber ich weiß, dass ich nicht noch weitere 80 Jahre vor mir habe. Und dass ich gewisse Dinge nicht mehr erleben werde, von denen ich als junger Architekt dachte, ich würde sie noch erleben. Zum Beispiel die Projekte in Russland. Oder dass ich noch lerne, Keith Richards Riff in Gimme Shelter spielen zu können.

STANDARD: Gibt es einen Wunsch für die Zukunft?

Prix: Ich habe immer noch den Wunsch, dass wir die großen Probleme der Welt mit Wissen und Optimismus lösen können – und dabei nicht vergessen zu lachen.

STANDARD: Wofür brennt Wolf Prix heute?

Prix: Für die Möglichkeit, Architektur zu bauen, die beweist, dass wir mit manchen Aussagen recht gehabt haben könnten. Und trotzdem: Jeder hat recht, aber nichts ist richtig.

Wolf Dieter Prix, geboren am 13. Dezember 1942 in Wien, gründete 1968 mit Helmut Swiczinsky und Michael Holzer das Büro Coop Himmelb(l)au, das er seit 2001 allein leitet. Er zählt zu den wichtigsten Vertretern des Dekonstruktivismus.

3. Dezember 2022 Der Standard

Anti-Asphalt-Manifest

Alle reden von Entsiegelung. Doch keiner tut es. Wie genau müsste man so etwas in Angriff nehmen? Eine Handlungsanleitung anhand der Wiener Kirchengasse. Leider nur eine Utopie. Oder doch nicht?

1. Der grüne Traum

Eine Klatschmohnwiese wie bei den Fernsehbienen Willi und Maja, damals in den Siebzigern, mit allerlei buntem Gestrüpp und Geblüm, mit Viecherln und Insekten, ja sogar ein Eichhörnchen hat den Weg hierher gefunden und hält auf einer der aufgebrochenen Asphaltschollen nun Ausschau nach Nussigem. „Wir träumen von einem richtigen Urban Jungle“, sagen Christian Kircher, Philipp Buxbaum und Viola Habichel, die in der Kirchengasse 23, siebter Wiener Gemeindebezirk, aktuell eine Beton- und Asphaltwüste, das Büro Smartvoll Architekten leiten. „Gerade in der gründerzeitlichen Stadt, die nur wenig Grün zu bieten hat, wäre so eine Entsiegelung ein Beitrag für mehr Lebensqualität und ein besseres, erträglicheres Stadtklima.“ Alles nur ein Traum? „Es reicht ein Blick auf die U-Bahn-Baustelle U2 und U5. Wenn der Wille da ist, geht alles.“

2. Die graue Wahrheit

Österreich ist Versiegelungseuropameister. Pro Minute werden 80 Quadratmeter Boden versiegelt, das sind 11,5 Hektar pro Tag, 42 Quadratkilometer pro Jahr. Mit anderen Worten: Jahr für Jahr wird in Österreich Grünland in der Größe von Eisenstadt zubetoniert und mit Asphalt zugegossen. Die dringend benötigte Produktion von Wohnraum in städtischen Ballungsräumen lässt die Entwicklung nicht abflachen. Vom politischen Ziel, den Flächenverbrauch bis 2030 auf 2,5 Hektar pro Tag zu reduzieren, sind wir Lichtjahre entfernt. Was tun? In Anlehnung an das Wiener Baumschutzgesetz, demnach für jeden gefällten Baum ein Ersatzbaum zu pflanzen ist, könnte man einen Eins-zu-eins-Tausch für Versiegelung und Entsiegelung gesetzlich verankern. In Anbetracht der dramatisch zunehmenden Klimakrise fragt man sich, warum diese Diskussion nicht schon längst geführt wird.

3. Die Standortsuche

In mikroklimatischer Hinsicht ist jede einzelne Straße für eine Entsiegelung geeignet. Durch den Wegfall von massiven Baustoffen, durch die Verdunstungskälte der Pflanzen (Evapotranspiration) und nicht zuletzt durch die Verschattung mittels Bäumen würde selbst das kleinste Gasserl von einem Asphaltabbruch profitieren. In stadtklimatischer Hinsicht eignen sich für eine Entsiegelung vor allem größere, zusammenhängende Grünbänder, die im Idealfall in die heißesten Urban-Heat-Islands hineingeschlagen werden – im Falle von Wien also im Bereich der Innenbezirke und entlang des Westgürtels. Einen noch höheren Effekt erzielt man durch die Entsiegelung von West-Ost-Kaltluftschneisen: Auf diese Weise könnte die frische Wienerwald-Luft aus dem Westen durch begrünte Kanäle noch schneller, noch kühler, noch effizienter bis in die Innenstadt vordringen.

4. Das Entsiegelungs-Einmaleins

Ein klassischer Straßenaufbau misst rund 70 Zentimeter. In der historischen Stadt jedoch sind die historisch gewachsenen Aufbauten oft bis zu zwei, drei Meter dick. Hinzu kommen zahlreiche Einbauten für Strom, Telefon, Glasfaser, Gas, Wasser, Abwasser und Fernwärme, die im Falle einer Entsiegelung verlegt oder zumindest geschützt werden müssten. Anbieten würde sich dafür eine Bündelung aller Installationsleitungen in sogenannten Kollektorgängen, wie sie in einigen Städten weltweit bereits Standard sind. Nachdem der unter einer Versiegelung befindliche Boden biologisch und chemisch betrachtet tot ist, müsste der Bodenaufbau komplett neu komponiert werden. Denn: Nur ein gesunder, lebendiger Boden trägt zur Klimaregulierung bei und ist in der Lage, mit einer biodiversen Fauna und Flora Wärme zu puffern und Wasser zu speichern.

5. Die technischen Gefahren

Technisch betrachtet ist die Stadt – mit Ausnahme von grünen Plätzen und Parkanlagen – ein versiegeltes Bauwerk, das über ein komplexes, künstlich angelegtes Kanalsystem entwässert wird. Reißt man die Versiegelung an einer x-beliebigen Stelle auf, ist es, als würde man in der Badewanne den Stöpsel ziehen. Gar nicht gut. Damit die entsiegelte Fläche also nicht unkontrollierbare Regenwassermengen abbekommt, müssen Topografie und Beschaffenheit der angrenzenden Häuser und Dachflächen sowie die Retentions- und Entwässerungskonzepte genau überprüft werden. Die angrenzenden Hausfassaden und Kellerwände müssten – wie bei einem Einfamilienhaus auf der grünen Wiese – mit Abdichtungen und Drainagen ertüchtigt werden.

6. Die juristische Hürden

Die größte Herausforderung jedoch liegt nicht in der Bautechnik, sondern in den hochkomplexen magistratischen Strukturen: Um einen so starken Eingriff ins Straßensystem zu ermöglichen, müssten nach Auskunft von Experten rund 20 Wiener Magistratsabteilungen ihr Einverständnis geben – darunter etwa die Abteilungen für Stadtteilplanung und Flächennutzung (MA 21), Straßenverwaltung und Straßenbau (MA 28), Baupolizei (MA 37), Wiener Stadtgärten (MA 42) sowie Bau-, Energie-, Eisenbahn- und Luftfahrtrecht (MA 64). Hinzu kommen die Okays von weiteren Stellen wie etwa Wiener Netzen, Wien Kanal und Feuerwehr, vom jeweils zuständigen Bezirk sowie vom Wiener Planungsdirektor Thomas Madreiter, vom Stadtbaudirektor Bernhard Jarolim sowie von der amtierenden Planungsstadträtin Ulli Sima.

7. Die Moral von der Geschicht

Die Entsiegelung bereits versiegelter Verkehrsflächen ist technisch und juristisch möglich – wenn auch mit hohem baulichem Aufwand und einem Höllenritt durch die Magistrate. Zudem muss der tote, kontaminierte Boden – wie beim Rudolf-Bednar-Park (Nordbahnhof) oder Helmut-Zilk-Park (Sonnwendviertel) – abtransportiert und durch neues, gesundes Substrat ersetzt werden. Eine günstigere Alternative ist die punktuelle Begrünung und Bepflanzung mit Schwammstadtbäumen oder kompakten Street-Trees, die auf einer Fläche von nur einem Pkw-Stellplatz ihr Auslangen finden. Wasserreserven sind genug vorhanden. Aktuell versickern in Wien lediglich sieben Prozent des Regenwassers im Untergrund, 93 Prozent müssen über Kanäle abgeleitet werden. Das ist teuer, aufwendig und stadtklimatisch unvernünftig. Fakt ist: Die zubetonierte Stadt in ihrer heutigen Form ist nicht zukunftsfähig. Wir müssen unsere Zukunftsbilder neu malen.

Der Artikel entstand in enger Zusammenarbeit mit Christian Kircher, Philipp Buxbaum und Viola Habichel (Smartvoll Architekten), Daniel Zimmermann (3:0 Landschaftsarchitektur), Susanne Formanek (Innovationslabor Grün Statt Grau), Bernhard Scharf (Green 4 Cities), Simon Tschannett (Weatherpark), Renate Hammer (Institute of Building Research and Innovation), Thomas Hauck (Institut für Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung, TU Wien) und Markus Busta (HSP Rechtsanwälte).

Danke für Ihre Expertise!

12. November 2022 Der Standard

Kreislaufwirtschaft ist kein Klumpert

Vor wenigen Tagen hat das neue Social-Business-Hotel Magdas in Wien seine Pforten geöffnet. Und nun öffnet es uns die Augen, was im Bereich von Pflege, Erhaltung und Kreislaufwirtschaft alles möglich ist.

Da, wo jetzt die Hugos, Aperol-Spritzer und Magdas-Habibi-Special-Gin-Drinks ausgeschenkt werden, wurde auch früher schon allerhand Sünde zutage gefördert, wenn auch dereinst ohne Alkoholeinfluss, tagein, tagaus, viele, viele Tausende Male über all die Jahrzehnte. „Was glauben Sie, woher das Holz hinter der Bar stammt? Das erraten Sie nie!“ Und recht hat sie, die Frau Sonnleitner. Denn die dunkle Holzvertäfelung mit ihren vertikalen, leicht genuteten Sprossen, die nun den Background für Mohammeds und Magdalenas Schanktat am Tresen bilden, war früher einmal Teil eines Beichtstuhls im sogenannten Waldkloster, Wien-Favoriten.

Die Zeiten der Rosenkränze sind vorbei. Heute führen die hochwertig gearbeiteten Holztafeln – so wie viele andere Möbel und Bauteile auch – ein Leben nach dem Materialtod, und zwar im neuen Magdas Hotel in der Ungargasse, das seit wenigen Tagen in Betrieb ist. Im Erdgeschoß gibt’s Drinks, Frühstücke, supergute Mittagsmenüs, regionale und levantinische Köstlichkeiten sowie ein eigenartiges, halbherzig interpretiertes Austrian Vitello Tonnato vom Mageren Meisel mit leider von Bord gegangenem Thunfisch. In den Etagen darüber kann man sich für 89 Euro aufwärts in ein Vintage-Paradies mit Omama-Kommoden und Großvaters Lounge-Fauteuils betten.

„2015 haben wir unser erstes Magdas Hotel im Prater eröffnet“, sagt Gabriela Sonnleitner, Hotelmanagerin und Geschäftsführerin von Magdas Social Business. „Wir haben dort mit wenig Aufwand ein ehemaliges Pflegehaus der Caritas in ein Hotel mit sozialem Schwerpunkt umgebaut, in dem wir vor allem Geflüchtete, Asylwerber und Langzeitarbeitslose beschäftigen konnten. Aufgrund des Nutzungsvertrags hatte das Projekt ein Ablaufdatum. Umso besser, dass das Konzept seitdem reifen konnte und wir nun in zentraler, städtischer Lage unser noch schöneres Nachfolgeprojekt in Angriff nehmen können.“

Errichtet wurde das Haus 1963 vom damaligen Dombaumeister Kurt Stögerer. Bis vor kurzem diente das schmucklose Gebäude in der Ungargasse 38 als Priesterwohnheim, alles sehr karg und wenig hedonistisch, eher nach innen gekehrt und auf die wortlose Begegnung mit Gott ausgerichtet, lediglich die Kapelle im sechsten Stock, die wie ein betonierter Schiffsbug durch die Fassade in den Straßenraum hinausbricht, machte schon von weitem auf die ungewöhnliche Funktion aufmerksam.

„Viele Häuser der Nachkriegszeit haben eine gewisse unaufgeregte Eleganz“, sagt Johann Moser, Partner bei BWM Architekten. „Doch dieses spezielle Haus ist eine Besonderheit, weil es irgendwie Fluch und Segen zugleich ist.“ Einerseits, so der Architekt, seien viele Bauteile wie etwa Wände, Decken und Oberflächenmaterialien sehr billig und zum Teil minderwertig gebaut worden. Andererseits aber sei das Haus aufgrund seiner semisakralen Nutzung so gut gepflegt und so wenig verändert worden, dass sich die asketische, spirituelle Atmosphäre bis zur Gegenwart erhalten habe. „Darauf konnten wir echt gut reagieren.“

Der Tisch war mal ein Schrank

Die Umbauarbeiten umfassen vor allem Reparaturen und Ertüchtigungen: Die Wände wurden aufgedoppelt und schallisoliert, die Deckenplatten, die an einigen Stellen gerade mal fünf Zentimeter dick waren, wurden statisch verstärkt und bekamen einen neuen Estrich, das Erdgeschoß wurde entkernt, ein barrierefreier Lift wurde eingebaut, der Parkplatz auf der Rückseite des Hauses wurde wegrationalisiert und in einen Gastgarten mit Salbei, Mangold und Pfefferminze umgestaltet.

„Die Außenfassade“, sagt Moser, „wurde erfreulicherweise schon in den 1980er-Jahren gedämmt und mit neuen Kunststoffisolierfenstern aufgepäppelt. Ist zwar alles nicht wirklich schön, aber absolut brauchbar und auch energetisch durchschnittlich gut. Das konnten wir unverändert belassen – was uns im Sinne der Kreislaufwirtschaft natürlich sehr freut.“ Die technisch größte Veränderung liegt in der Tiefe verborgen: Um das Haus mit geothermischer Energie zu versorgen, wurde darunter 18-mal in die Tiefe gebohrt. Zur Abdeckung der Winterspitzen gibt es einen neuen Fernwärmeanschluss. Gesamtinvestitionsvolumen: neun Millionen Euro, finanziert mit einem konditionsgünstigen Social-Business-Kredit der Bank Austria.

Platz nehmen, Fritz-Kola bestellen, in ein paar Minuten wird die Menüsuppe serviert. Die Tische im Restaurant, schönes Ulmenfurnier, wie man es heute kaum noch irgendwo findet, waren früher einmal Schranktüren, oben in den Priesterschlafzimmern. Irgendwo, sagt der Kellner, versteckt sich noch ein Schlüsselloch in der Tischplatte. Die Holzstühle, ein Entwurf des Architekten und Angewandte-Professors Franz Schuster, waren bereits im Prater-Hotel im Einsatz und wurden nun in der Caritas-Werkstatt in Retz einer Frischekur unterzogen. Und die Lampen stammen – wie auch schon die Beichtstuhlpaneele – aus besagtem Waldkloster in Favoriten. Amen.

„Wir wollen nicht nur sozial, sondern auch baulich, klimatisch und ökologisch nachhaltig agieren“, sagt Hotelchefin Gabriela Sonnleitner. „Das heißt: Wir wollten möglichst wenig von hier raustragen und wegschmeißen und möglichst viel Klumpert erhalten.“ Das kreislaufwirtschaftliche Konzept entstand in Zusammenarbeit mit den Materialnomaden, die Möbelumbauten, die in den Zimmern bisweilen lustige Formate annehmen und zum Schmunzeln anregen, sind ein Kunst-am-Bau-Projekt des Wiener Künstlers und Designers Daniel M. Büchel. Am Ende schaut’s aus, als wäre es nie anders gewesen, nur mit ein bissl mehr Humor.

Der Beweis ist gelungen, wieder einmal. Mit seinen 85 Zimmern und 171 Betten ist das Magdas Hotel ein wirklich entzückendes Exempel für Erhalt, für Weiterbauen, für Kreislaufwirtschaft. Jetzt liegt es an der Politik und Verwaltung, mit ihren Baugesetzen Projekte wieder diese nicht mehr zu erschweren, sondern zu fördern und Incentives für Investoren und Entwicklerinnen zu schaffen. Das Magdas darf keine exotische Orchidee bleiben, sondern muss zum neuen, normativen Baukulturstandard werden.

Aktuell arbeitet Wien gerade an einer Bauordnungsnovelle, die 2023 in Kraft treten soll. Diese Woche fand im Wiener Rathaus eine Enquete dazu statt. Experten und Expertinnen aus sämtlichen technischen Bereichen gaben Impulse, was in der Novellierung alles Niederschlag finden muss. Liebe Stadt, da geht die Reise hin! Bitte anschauen und Weichen stellen, dringender Handlungsbedarf.

22. Oktober 2022 Der Standard

Eine andere Sicht auf die Dinge

Am Donnerstag wurde in Wien der Anotherviewture Award verliehen. Der Preis honoriert die Leistungen und Initiativen von Architektinnen und Ziviltechnikerinnen. Dahinter steckt eine unglaubliche Power.

Im Sommer, sagt sie, wurde hier ein Kinderbuch präsentiert. Kurz darauf hat der Kosmetikhersteller Maybelline New York mit Freiheitsstatuen aus Pappkarton seine neue Produktlinie Winter 2022 vorgestellt. Und erst kürzlich hat sich ein privates Unternehmen eingemietet, um mit seinen Kundinnen und Kunden auf die kommende Saison anzustoßen – mitsamt Showeinlage von Dragqueens und Akrobaten.

„Dieser Raum ist für alle“, sagt Sabina Grincevičiūtė. „Wir wollen diesen schönen, exotischen Ort bekannt machen und dafür sorgen, dass dieses bislang unsichtbare Eck von Vilnius, das die Leute meist nur mit Lagerhallen und Heizkraftwerk assoziieren, endlich auf der Mental Map landet, denn eigentlich ist es hier wirklich großartig.“

Grincevičiūtė, 35 Jahre alt, ist Partnerin im litauischen Büro Do Architects. Gemeinsam mit Algimantas Neniškis und ihren beiden Kolleginnen Andrė Baldišiūtė und Gilma Teodora Gylytė leitet sie ein Team mit knapp 60 Leuten – und zählt damit zu den drei größten Architekturbüros des Landes. Die Projekte umfassen sämtliche Bautypologien von Wohn-, Büro- und Bildungsbau über Quartiersentwicklungen und urbane Refurbishments bis hin zu rein kommerziellen Corporate-Projekten, mit deren lukrativen Planungshonoraren diverse Pro-bono-Projekte für NGOs und karitative Zwecke finanziert werden.

„Wir sind ein junger Haufen aus Architektinnen, Landschaftsarchitekten, Designern, Interior-Spezialisten, Projektmanagern, Soziologinnen und Rechtsexpertinnen, und in den neun Jahren seit unserer Gründung ist es uns gelungen, uns nicht nur als ein Büro unter zu drei Vierteln weiblicher Führung zu etablieren, sondern uns auch zu den wichtigsten Aktivistinnen im Stadt- und Kulturbereich zu entwickeln. Das ist eine unglaubliche Power, die wir nutzen wollen. Wir können was bewegen!“

Und Do Architects meinen es mit ihrem programmatischen Büronamen wirklich ernst: In regelmäßigen Abständen veranstalten sie im öffentlichen Raum und in irgendwelchen Innenhöfen Feste, Picknicks und Bauernmärkte. Sie nehmen Kontakt zu Fonds, Rechtsanwälten und Immobilienentwicklern auf und halten Workshops zum Thema Architektur und Stadtkultur ab – denn: „Wir müssen die Macherinnen und Macher in der Immobilienbranche dringend sensibilisieren – dahingehend, dass sie nicht nur Grundstücke verwerten, sondern die Stadt weiterbauen und damit eine große kulturelle und gesellschaftliche Verantwortung tragen.“

Und als wäre das alles nicht genug, hat sich das Büro bei seiner Gründung 2013 vorgenommen, alle drei Jahre zu übersiedeln und jeweils ein neues Stadtentwicklungsgebiet in Angriff zu nehmen oder eine vergessene, verwaiste Stadtbrache mit seiner Präsenz wachzuküssen. Die letzte Übersiedlung führte sie nach Vilkpėdė, rund fünf Kilometer außerhalb der Altstadt.

„Seit ein paar Monaten sind wir nun an unserem insgesamt vierten Standort“, sagt Grincevičiūtė, „und zwar in einer ehemaligen Betonfabrik im Südwesten der Stadt. Nachdem die Produktion aufgelassen wurde, war es hier still und leer. Wir waren die Ersten vor Ort, haben bereits einige Kreative anlocken können und betreiben auch einen Veranstaltungsraum, den wir zu diversen Zwecken an Externe weitervermieten.“ Mittlerweile ist Betono Fabrikas ein stadtbekannter Hotspot in der Kulturszene.

Unterrepräsentierte Frauen

Für ihre außergewöhnlichen Leistungen wurde Sabina Grincevičiūtė am Donnerstag in der Akademie der bildenden Künste Wien mit dem verbal-phonetischen nicht ganz einfachen Anotherviewture Award ausgezeichnet. Das bissl verkopfte Kofferwort birgt das englische „her view“ im Namen und hat es sich zur Aufgabe gemacht, nicht nur die weibliche Perspektive auf das Bauen anschaulich zu machen, sondern auch planerisch beeindruckende Leistungen von Architektinnen, Stadtplanerinnen und Ziviltechnikerinnen vor den Vorhang zu holen.

„Es gibt tolle Frauen, die im Bereich des Planens und Bauens viel bewegen, aber in vielen Ländern ist der Anteil weiblicher Architekturschaffenden in den Medien und in der Berufspraxis immer noch massiv unterrepräsentiert“, sagt Bettina Dreier, Architektin in Graz und innerhalb der Länder- und Bundeskammer Arch+Ing Vorsitzende des Ausschusses der Ziviltechnikerinnen – mit kleinem „i“, wie sie betont, denn dieser Ausschuss widmet sich ausschließlich den Anliegen und der Sichtbarmachung der Frauen.

Vor einigen Jahren startete Dreier mit ihrem Kolleginnenteam eine Initiative unter dem Titel Yes We Plan!. In Kooperation mit Deutschland, Frankreich, Spanien und Slowenien wurde die aktuelle Situation von Architektinnen und Ziviltechnikerinnen analysiert – mit einem erschreckenden Ergebnis: 52 Prozent aller Architektur- und Bauingenieur-Absolventen in Österreich sind weiblich (Stand 2019). Unter den insgesamt 5741 beeideten Architekturschaffenden jedoch beträgt der Frauenanteil dann nur noch 15,2 Prozent. Damit ist Österreich hinter Frankreich (28,6 %), Spanien (31,5 %), Deutschland (33,1 %) und Slowenien (45,2 %) trauriges Schlusslicht.

Ein ganzes Bündel an nationalen und internationalen Maßnahmen soll nun dafür sorgen, dass sich die Situation bessert: Ausstellungen, Publikationen, Symposien und nicht zuletzt der erstmals verliehene Anotherviewture Award, der in Anlehnung an den französischen, schon längst etablierten Prix des Femmes Architectes von der Arch+Ing-Kammer ins Leben gerufen wurde. Zu den österreichischen Preisträgerinnen, die sich ebenfalls über 5000 Euro Preisgeld freuen dürfen, zählen Barbara Poberschnigg, Catharina Maul und Carla Lo. Der ΔTANDARD gratuliert – und hofft, dass dieser Preis eines Tages absurd erscheinen wird.

1. Oktober 2022 Der Standard

Der Glücklichmacher

Karl Schwanzers BMW-Hochhaus in München ist 50 Jahre alt. Filmemacher Max Gruber und Schauspieler Nicholas Ofczarek widmen dem Ausnahmearchitekten eine Hommage. Und was für eine!

Sobald wieder ein Stockwerk am Boden zusammengebaut war, zeiteffizient und auf den Millimeter genau, wurde es an den rund 80 Meter langen Stahlseilen um ein paar Meter nach oben gezogen und hydraulisch nach oben gepumpt, und die nächste Etage war dran. Damit hat Karl Schwanzer die Gesetzmäßigkeiten von Architektur und Schwerkraft komplett auf den Kopf gestellt: Der 22. Stock wurde zuallererst montiert, der erste zuallerletzt. Architektur ist ja nicht etwas Statisches, sondern wird erlebt.

Das 1972 fertiggestellte BMW-Hochhaus am Petuelring im Norden Münchens ist laut DIN-Norm kein Gebäude, sondern eine Hängebrücke. Um das Gewicht der einzelnen Bauteile zu reduzieren, hat Schwanzer ausschließlich mit Leichtbauelementen gearbeitet. So wurde für die 2304 Fassadenelemente etwa – erstmals in Europa – ein Alugussverfahren eingesetzt, das Schwanzer auf einer seiner Reisen nach Japan entdeckt hat. Ohne völlige Hingabe an ein Werk ist keine Optimierung einer Leistung denkbar.

Die charakteristische Schrägstellung der Fenster ist nicht etwa gestalterische Willkür, sondern hatte die Aufgabe, den Raumschall von Tippen und Telefonieren, aber auch den eindringenden Straßenlärm gegen die Akustikdecke zu lenken, ehe er abgedämpft auf die Arbeitsplätze zurückreflektiert wurde. Das Streben nach der besten Lösung, nach Vollkommenheit ist dem menschlichen Wesen zutiefst inhärent.

Sogar schon in der Wettbewerbsphase landete Schwanzer einen Coup. Um den damals noch skeptischen BMW-Vorstand vom Entwurf und vor allem von der runden Konstruktion zu überzeugen, ließ er in den Bavaria-Filmstudios auf eigene Kosten eine ganze Büroetage als 1:1-Modell aufbauen – mit Fassade, Möblierung, Schreibmaschinen, Münchner Fotopanorama und einer ganzen Crew an Schauspielerinnen und Statisten. Eine Million Schilling kostete ihn das taktische, wiewohl erfolgreiche Unterfangen. Die Architekturgeschichte zeigt, dass für großzügige Lösungen auch Opfer erbracht werden müssen.

Bis heute ist der „BMW-Vierzylinder“, seit 1999 unter Denkmalschutz stehend, eine der wichtigsten Ikonen europäischer Nachkriegsarchitektur – und zudem ein absoluter Pionier in Sachen Büroarbeit und Corporate Architecture. Aber hat ein Haus nur die Funktion, den Menschen drinnen zu dienen – und nicht auch den vielen, die es von außen erleben und anzusehen haben? Das Haus als Erscheinung, wie es die Umwelt bestimmt, gehört uns allen.

Rechtzeitig zum 50. Geburtstag des Vierzylinders hat der österreichische Filmemacher Max Gruber, der vor drei Jahren bereits mit seinem genialen Comic Schwanzer. Architekt aus Leidenschaft auf sich aufmerksam gemacht hatte, nun einen Dokumentarfilm gedreht, der den Wahnsinn dieses Projekts und die unendliche Passion Schwanzers anschaulich macht. Wenn man sich entschlossen hat, Architekt zu sein, muss man den Mut aufbringen, Visionen erfüllen zu wollen.

„Schwanzer steht für eine große künstlerische Kraft, für eine dramatische, aber undogmatische Suche nach tiefer Wahrhaftigkeit“, sagt Gruber. „Mich fasziniert, wie ganzheitlich er gedacht und gearbeitet hat. Auf der einen Seite war er ein Poet, hat Texte und Lyrik geschrieben, auf der anderen Seite war er ein grandioser Manager und hat damals schon ein Büro mit mehr als 100 Mitarbeitern geschupft. Er war ein Billy Wilder der Architektur!“ Oft werde ich gefragt: Was ist Ihre Spezialisierung? Meine Spezialisierung ist die Mehrgleisigkeit, die ins Weite führt.

Die 73-minütige Doku basiert auf aktuellen Bildern, historischem TV-Material und bislang unveröffentlichten Super-8-Filmen aus dem privaten Archiv. Zu Wort kommen ehemalige Studenten und Mitarbeiterinnen Schwanzers, aber auch BMW-Leute und zeitgenössische Kommentatoren. Und dann ist da noch ein nachdenklich dreinblickender Nicholas Ofczarek, Hornbrille und Stecktuch, in der Verkörperung des 1975 verstorbenen Ausnahmearchitekten. Dass niemand an die Denkmäler von morgen denkt! Das aber ist unser Auftrag, den wir von der Geschichte bekommen haben – dass wir Architekten Spuren hinterlassen.

„Ich bin kein Architekt, und ich nehme mir nicht das Recht, mir ein Urteil über seine Bauten zu bilden“, sagt Ofczarek im Interview mit dem ΔTANDARD. „Aber die Auseinandersetzung mit seiner Persönlichkeit entfaltet einen Sog, dem man nicht widerstehen kann. Wie dieser Mann gedacht hat und wie er formuliert hat, was Architektur, Kunst und Schönheit anbelangt, ist für jeden kreativen – und auch unkreativen – Menschen eine große Inspiration. Der Versuch, ins Unbekannte vorzustoßen, erfordert den Mut zur Unvollkommenheit – wie den zum Besseren.

„Ich kannte zwar das Philips-Haus und natürlich auch das 20er-Haus im Schweizergarten, aber wirklich kennengelernt habe ich Schwanzer letztendlich über seine Texte“, meint Ofczarek. „Der Charakter formt sich energetisch in dem, was der Mensch gesagt hat und was in Schrift und Sprache materialisiert ist. Wenn man auf diesen Inhalt vertraut, schafft man es, zum Wesen vorzudringen. Ich glaube, ich bin Schwanzer nähergekommen.“ Das Abtauchen in die eigene Tiefe, der Wahrheit auf den Grund gehen, das kann man nur selbst.

Max Gruber, Nicholas Ofczarek und den zu Wort kommenden Zeitgenossen ist es gelungen, Schwanzer in einer großen Vielschichtigkeit zu porträtieren – als Architekten, Manager, Lehrer, als leidenschaftlichen Visionär und unermüdlichen Workaholic, als einen, der es versteht, das Künstlerische und Programmatische mit dem Unternehmerischen und Pragmatischen zu verbinden. Nur wenige Menschen sind zu Spitzenleistungen prädestiniert. Diese Auswahl ist die Macht des Schicksals.

Der Film hilft zu verstehen, was früher einmal war und heute nicht mehr ist. Nämlich die Überzeugung, dass Architektur die Welt nicht nur zubaut, sondern sie auch ein Stückchen schöner und besser macht. Wie sagte doch Karl Schwanzer?Die Architekten besitzen ein Instrument, Menschen glücklich zu machen.

„Er flog voraus. Karl Schwanzer. Architektenpoem“. Premiere am Dienstag, 4. Oktober, im Gartenbau-Kino, 19.30 Uhr, in Anwesenheit von Max Gruber und Nicholas Ofczarek. Regulärer Kinostart in Österreich: 14. Oktober.

Publikationen

2024

Wien Museum Neu

Der Band ist eine visuelle und essayistische Reflexion über ein bedeutendes Kultur-Bauprojekt an einem der zentralen Orte Wiens in unmittelbarer Nachbarschaft zu Karlskirche, Künstlerhaus und Musikverein.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Müry Salzmann Verlag

2022

mittendrin und rundherum
Reden, Planen, Bauen auf dem Land und in der Stadt Ein nonconform Lesebuch

Seit über 20 Jahren ist nonconform in Deutschland und Österreich in der räumlichen Transformation tätig. Architektur ist für das interdisziplinäre Kollektiv nie bloß ein fertiges, fotogenes Resultat, sondern immer auch ein lustvoller, horizonterweiternder Prozess, in den die Bürger:innen einer Gemeinde,
Hrsg: Wojciech Czaja, Barbara Feller
Verlag: JOVIS

2022

Brick 22
Ausgezeichnete internationale Ziegelarchitektur

Vom handgemachten Ziegelstein zum hoch entwickelten modernen Produkt: Das Bauen mit gebrannten Tonblöcken schöpft heute aus einem Erbe von neun Jahrtausenden Baugeschichte und dank ihrer vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten, ihrer konstruktiven Qualitäten und ihrer Nachhaltigkeit sind Ziegel bis heute
Hrsg: Wienerberger AG
Autor: Wojciech Czaja, Anneke Bokern, Christian Holl, Matevž Celik, Anna Cymer, Isabella Leber, Henrietta Palmer, Anders Krug
Verlag: JOVIS

2021

Frauen Bauen Stadt

Wie weiblich ist die Stadt von morgen? Im Jahr 2030 werden weltweit 2,5 Milliarden Frauen in Städten leben und arbeiten. Traditionell war die Arbeit am Lebenskonzept Polis in ihrer Beauftragung, Planung und Ausführung jedoch männlich dominiert. Frauen Bauen Stadt porträtiert 18 Städtebauerinnen aus
Hrsg: Wojciech Czaja, Katja Schechtner
Verlag: Birkhäuser Verlag

2020

Almost
100 Städte in Wien

Was macht ein Reisender, wenn er nicht reisen kann? Er reist trotzdem. Wojciech Czaja setzte sich im Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 aus Frust auf die Vespa und begann, seine Heimatstadt Wien zu erkunden. Er fuhr in versteckte Gassen, unbekannte Grätzel und fernab liegende Adressen am Rande der Stadt
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2018

Hektopolis
Ein Reiseführer in hundert Städte

Jede Stadt ist anders. Jede Stadt hat ihren eigenen Charakter, aber auch ihre ganz eigenen Geschichten. Der vielreisende Stadtliebhaber Wojciech Czaja widmet sich in seinem Buch Hektopolis genau diesen ortsspezifischen, feinstofflichen Beobachtungen, Erlebnissen und Anekdoten. Porträtiert werden hundert
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2017

Motion Mobility
Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien

In einem von der Grundstückssuche bis zur Fertigstellung interdisziplinären Prozess planten Pichler & Traupmann Architekten, FCP Fritsch, Chiari & Partner als Ingenieure und das Beratungsunternehmen M.O.O.CON in Zusammenarbeit mit der Agentur Nofrontiere Design und SIDE Studio für Information Design
Autor: Wojciech Czaja, Matthias Boeckl
Verlag: Park Books

2012

Wohnen in Wien
20 residential buildings by Albert Wimmer

Wie wohnen die Wienerinnen und Wiener? Inwiefern decken sich architektonisches Konzept und gelebter Alltag? Der Architekturjournalist Wojciech Czaja und die Fotografin Lisi Specht werfen gemeinsam einen Blick hinter die Fassaden des geförderten Wiener Wohnbaus und bitten die Mieter und Eigentümerinnen
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: SpringerWienNewYork

2012

Zum Beispiel Wohnen
80 ungewöhnliche Hausbesuche

Wohnen ist eine zutiefst persönliche Sache. Kein Raum in unserem Leben steht uns so nahe wie unsere eigene Wohnung, wie unser eigenes Haus. Die beiden Autoren Wojciech Czaja und Michael Hausenblas reisen quer durch Österreich und sind zu Besuch bei Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Wirtschaft. Die
Autor: Wojciech Czaja, Michael Hausenblas
Verlag: Verlag Anton Pustet

2007

91° More than Architecture

Architektinnen und Architekten sind Arbeitstiere. Viele von ihnen arbeiten zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 50 Wochen im Jahr. Die wenige Zeit, die zwischen den dichten Arbeitsstunden noch übrig bleibt, ist wie ein Heiligtum und muss als solches respektiert werden. In diesem Sinne ist 91°
Hrsg: Wojciech Czaja, Eternit Österreich, Dansk Eternit Holding
Verlag: Birkhäuser Verlag

2007

Periscope Architecture
gerner°gerner plus

Vor zehn Jahren haben Andreas und Gerda Gerner mit einem Einfamilienhaus begonnen: „Für ein erstes Projekt ist das Haus Hinterberger sehr unkonventionell. Wir haben uns permanent gefragt: Trauen wir uns das? Seitdem hat man sich oft aus dem Fenster gelehnt“ Entstanden ist das schwebende Haus Südsee in
Hrsg: GERNER GERNER PLUS.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Verlag Holzhausen GmbH

2005

Wir spielen Architektur
Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit

Was ist eigentlich ein Kind? Der Jurist wird uns darauf eine andere Antwort geben als der Soziologe, der Pädagoge eine andere als der Philosoph. Und der Architekt? Wird er schweigen und weiterbauen?
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Sonderzahl Verlag