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An einem Bächlein helle
Der Standard

Am 22. März ist UN-Weltwassertag. Ein guter Anlass, um über die Zukunft von Wasser und Stadtklima nachzudenken. Eine Gruppe von Forschenden will die Wienerwaldbäche, die einst durch die Stadt flossen, wieder an die Oberfläche bringen.

18. März 2023 - Wojciech Czaja
An der Fassade des Palais Montenuovo auf der Freyung erfährt man Wissenswertes über die Geschichte Wiens. Eine kleine Reiterfigur mit Krummsäbel und Turban erinnert an die Erste Türkenbelagerung anno 1529. Doch auch überaus überraschende Trivia zur Wiener Stadtmorphologie sind an dieser Stelle ersichtlich, etwa auf einem verblassten Schild zu Füßen des Osmanen: „Bis zum J. 1456 floß durch diese Gasse und durch den tiefen Graben der Alsbach der Donau zu.“

In wenigen Tagen, am 22. März, findet der alljährliche UN-Weltwassertag statt. Das weltweite Ereignis unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen steht heuer unter dem Motto „Accelerating Change“ („Beschleunigung des Wandels“). Dringliche Worte, die auf den Zusammenhang zwischen Klimakrise, Landnutzung und der elementaren Bedeutung von Wasser für Mensch, Fauna und Flora hinweisen. „Es muss gelingen“, ist auf der Website eines teilnehmenden Regierungspartners zu lesen, „die Resilienz des Wasserhaushalts zu stärken, zu viel und zu wenig Wasser zu managen und Wasser wieder verstärkt in der Fläche zu halten.“

Mammutprojekt

Welchen Beitrag dazu könnte etwa der ehemalige Alsbach leisten, der einst in Dornbach und Neuwaldegg entsprang und nach einer Umleitung im Hochmittelalter durch Hernals und weiter durch die heutigen Straßenverläufe von Währinger Straße, Schottentor, Herrengasse, Freyung, Tiefer Graben und Concordiaplatz plätscherte, ehe er am Werdertor in den Wiener Arm der Donau mündete? Und gibt es den Alsbach heute überhaupt noch?

„Insgesamt gibt es rund 50 Bäche, die im Wienerwald entspringen und die in früheren Zeiten in offener Führung durch Wien flossen“, sagt Renate Hammer, Leiterin des Institute of Building Research & Innovation (IBR&I). „Zahlreiche Straßennamen wie etwa Badgasse, Hofmühlgasse oder Alserbachstraße verweisen auf die einst große Präsenz der Wiener Wasserläufe.“

Allein, mit den Choleraepidemien Mitte des 19. Jahrhunderts wurden viele Bäche aus siedlungshygienischen und volksgesundheitlichen Gründen in künstliche Kanäle gefasst und verschwanden unter der Erde.

„Heute“, meint Hammer, „gehört dieses Problem der Vergangenheit an. Stattdessen haben wir ein neues Problem, nämlich ein stadtklimatisches und ressourcentechnisches, auf das wir dringend reagieren müssen.“ In Zusammenarbeit mit Kolleginnen und diversen Partnerinstituten arbeitet Hammer seit 2021 an einem umfassenden Forschungsprojekt unter dem Titel „ProBach“. Das vierjährige, vom Klima- und Energiefonds mit rund 530.000 Euro geförderte Mammutprojekt untersucht die Durchflussmengen und die unterirdischen Verläufe der Wienerwaldbäche und befasst sich mit der Frage, mit welchen rechtlichen, technischen und städtebaulichen Mitteln die historischen Gewässer wieder an die Oberfläche gebracht werden könnten.

„Die natürlichen Einzugsgebiete im Wienerwald sind bis heute vorhanden, doch spätestens an den Bebauungsrändern werden die Bäche ins Wiener Kanalisationsnetz eingeleitet. Damit geht das kostbare Wasser verloren“, so die Forscherin. Mehr noch: Anstatt es effizient zu nutzen, etwa für die Bewässerung von Stadtbäumen, belastet es die Kanalisation und verlangt zudem nach größeren Kanalquerschnitten. Das kostet Geld.

„Wir haben insgesamt 16 Wienerwaldbäche untersucht, nicht alle davon führen ganzjährig Wasser, doch am ergiebigsten erscheint der Alsbach mit einer kontinuierlichen Wassermenge von zumindest fünf Litern pro Sekunde“, sagt Florian Kretschmer vom Institut für Siedlungswasserbau, Industriewasserwirtschaft und Gewässerschutz, Boku Wien. „Das klingt nicht nach viel, aber selbst im heißen Sommer sind das mehr als 400 Kubikmeter Wasser pro Tag, die erst in den Kanal geführt und verschmutzt und in der Folge in der Kläranlage wieder gereinigt werden müssen. Das müssen wir hinterfragen!“

Stellt sich die Frage: Wie bekommt man das saubere Bach- und Regenwasser wieder aus dem Kanal heraus? „Es gibt in Europa einige gute Rohr-in-Rohr-Projekte, in denen das Reinwasser aus dem Kanal wieder entkoppelt wurde“, erklärt Philipp Stern, Junior Partner und Studienleiter am IBR&I, und nennt als Beispiele den Bründl- und den Einödbach in Graz, den Darmbach in Darmstadt, den Melaan in Mechelen und die Alna in Oslo. Die bislang umfassendste Erfahrung mit der Entkoppelung von Kanal- und Regenwasser hat die Stadt Zürich, die seit den 1980er-Jahren insgesamt 18 Kilometer Bachläufe rekonstruiert und sukzessive an die Oberfläche zurückgeholt hat.

Die Studie „ProBach“, die noch bis 2024 läuft und keineswegs die erste ihrer Art ist (es wurden in den letzten Jahren schon einige Studien beauftragt und durchgeführt, allerdings wurden diese von der Stadt Wien bislang unter Verschluss gehalten), analysiert die unterschiedlichen Bachrouten und kommt zum Schluss, dass der Als-, der Erbsen- und der Schreiberbach – mit einer Durchflussmenge von sieben bis zwölf Litern pro Sekunde an zumindest 300 Tagen im Jahr – ausreichend Wasser führen, um das Bachwasser über weite Strecken im Fluss zu halten.

Attraktive Räume

„Entlang der Bäche“, meint Magdalena Holzer, Stadtklimatologin bei Weatherpark, „könnte man Stauden und Sträucher pflanzen, Bäume setzen, mit großen Steinen arbeiten, verschattete Aufenthaltsbereiche schaffen und auf diese Weise vor allem für sozioökonomisch schwächer gestellte Menschen innerhalb der dicht verbauten Stadt attraktive öffentliche Räume schaffen.“ Aus zahlreichen Untersuchungen wisse man, dass mit großflächiger Beschattung und Verdunstungskälte durch Wasser die subjektiv empfundene Temperatur im Hochsommer um bis zu zehn Grad Celsius reduziert werden könne.

In der Inneren Stadt, am Alsergrund, in Ottakring und in Hernals gibt es großes Interesse an erlebbarem Wasser in der Stadt. Zur Diskussion standen bereits Wasserflächen, mobile Flussoasen und sogar ein offen geführter Schanibach. Auch Bernd Vogl, neuer Geschäftsführer des Klima- und Energiefonds, erklärt auf Anfrage des STANDARD: „Der eine oder andere neue Kilometer Gewässer in Wien wäre ein Beitrag zur Lebensqualität.“

Leider gab es für die Bestrebungen der Bezirke seitens Ulli Sima, der amtierenden Stadträtin für Innovation, Stadtplanung und vieles andere, vertraulichen Quellen zufolge bislang keine Unterstützung. Auch auf Anfrage des STANDARD reagiert sie skeptisch, steht für ein Gespräch nicht zur Verfügung, lässt über die Pressesprecherin der MA 45 (Wiener Gewässer) ausrichten, es gebe in Wien keine unterirdischen Bäche, die freigelegt werden können, denn diese seien Teil des Kanalsystems.

Die Forschungsergebnisse von „ProBach“ könnten dazu herangezogen werden, über ein resilientes, zukunftsfittes Wien nachzudenken. Und mit wissenschaftlich fundierter Forschungsarbeit den Gegenbeweis anzutreten. Dass es vielleicht doch geht. Beschleunigung des Wandels. Es braucht dringend ein Pilotprojekt.

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