Artikel

Superstadtsanierungsrevolution
Der Standard

Die Cité Le Lignon in Genf ist so etwas wie der Karl-Marx-Hof in Wien, nur mit zwölf Stockwerken und mehr. Nun wurde die Ikone der Moderne saniert. C'est très bon!

25. März 2023 - Wojciech Czaja
Madame Ruth hat Kaffee aufgesetzt. Im Körbchen liegen frische Croissants aus ihrer Lieblingsbäckerei. „Gleich unten ums Eck, denn hier in Lignon, hier kriegt man fast alles! Doch Sie sind ja nicht gekommen, um mit mir über Gebäck zu sprechen. Sie wollen etwas über diese riesige Wohnhausanlage wissen, die in den letzten Jahren saniert wurde. Lieber Herr Architekt, vielen Dank dafür! Meine Heizrechnung hat sich seitdem halbiert. Also, was darf ich Ihnen erzählen?“

Ruth Righenzi-Eggenberger, 81 Lenze alt und ein Lächeln wie ein freches Mädchen, wohnt seit über 50 Jahren in Le Lignon, dem größten Bauwerk der Schweiz. Mit mehr als einem Kilometer Länge, 84 Stiegenhäusern, knapp 2800 Wohnungen und sogar einer eigenen Postleitzahl ist Le Lignon am westlichen Stadtrand von Genf eine der größten Wohnhausanlagen der Welt. Errichtet wurde die Ikone der späten Moderne am Ufer der Rhône in den Jahren 1963 bis 1971 nach Plänen von Georges Addor und Dominique Julliard. Aufgrund ihrer einzigartigen Größe und architektonischen Qualität wurde die Superstadt, die heute rund 6500 Menschen beherbergt, 2009 vom Kanton Genf unter Denkmalschutz gestellt.

„Was seitdem passiert ist, scheint wie ein technisches Paradebeispiel aus dem Bilderbuch“, sagt Ruth. „Mit wenigen Handgriffen wurde die Fassade von innen gedämmt, die Loggia bekam eine Isolierverglasung, die Fenster wurden saniert, die Steigleitungen wurden erneuert, zudem wurden im Stiegenhaus die Türen und Bodenbeläge getauscht.“ Ruth macht einen Bissen vom Croissant. „Resch und knackig, nicht wahr? So wie der Zeitplan der Baufirma, denn soll ich Ihnen was verraten? Die Bauarbeiten in meiner Wohnung haben vielleicht zwei Wochen gedauert, und ich musste in dieser Zeit nicht einmal ausziehen. Wirklich bravo!“

Das freut natürlich den Architekten. Denn genau das war der Plan. Stephan Gratzer, Partner im Genfer Architekturbüro Jaccaud + Associés, betreut das Projekt seit vielen Jahren. Die Wohnungen auf Stiege 49 – also auch jene von Madame Ruth – wurden bereits 2012 saniert und thermisch und energetisch ertüchtigt. Seitdem haben sich die Architekten, Baufirmen, Schlosser, Fensterbauer und Installateure Stiege für Stiege vorgearbeitet. Mittlerweile wurden 47 Stiegen erneuert, und die Bauarbeiten sind noch lange nicht abgeschlossen. Für das außergewöhnliche Sanierungsprojekt wurde das Büro Jaccaud + Associés von der Schweizer Architekturzeitschrift Hochparterre sogar mit dem Goldenen Hasen ausgezeichnet.

„Die Schwierigkeit in Le Lignon ist, dass die 84 Stiegen verschiedenen Bauträgern und Hausverwaltern gehören“, erklärt Gratzer. „Das heißt: Wir haben es hier mit vielen Entscheidern, vielen Ansprechpartnern und vor allem vielen unterschiedlichen Unternehmenskulturen zu tun. Daher war für uns die oberste Prämisse, dass die sanierten Fassaden gegenüber den unsanierten nicht herausstechen. Das Bauwerk muss trotz aller Veränderungen und unabhängig vom jeweiligen Sanierungsfortschritt wie aus einem Guss erscheinen.“

Das erklärt auch den Denkmalschutz. Denn nur mit diesem Kniff war es möglich, das historische Erscheinungsbild und die originale Curtain-Wall-Fassade mit ihren dunkelgrauen Gläsern, ihren kantigen Aluminium-Einfassungen und ihren warmen Loggien aus Zedern- und Mahagoniholz rechtens zu schützen. Als Nächstes wurde das Institut für Technik und Schutz der modernen Architektur (TSAM) der École Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL) beauftragt, mit ihren Studierenden die einzelnen Bauteile zu analysieren und einen Sanierungskatalog zu entwickeln, der erstens die Besonderheiten der Nachkriegsmoderne wahrt und zweitens einen Umbau ohne Gerüst und ohne Auszug der Mieterinnen und Mieter ermöglicht.

Vorbild für Österreich

Auf dieser Basis kamen die Architekten Jaccaud + Associés ins Spiel. „Das ist ein hochkomplexes Projekt mit vielen, vielen Wohnungen“, sagt Gratzer. „So etwas ist nur möglich, wenn alle an einem Strang ziehen und die gewohnten Pfade verlassen.“ Um die behördlichen Wege zu beschleunigen, musste für das gesamte Sanierungsprojekt lediglich eine einzige Rahmenbaubewilligung angesucht werden – ein absolutes Novum. Hinzu kommen einige Hundert technische Leitdetails, die in einem dicken Handbuch festgehalten sind und an die sich die involvierten Generalunternehmer und Handwerker penibel zu halten haben.

„Le Lignon ist trotz seiner hohen räumlichen Qualitäten eine rigide Stahlbetonmatrix mit wenig baulicher Flexibilität“, erklärt Gratzer. „Vor allem bei der Wärmeisolierung mussten wir daher sehr effizient arbeiten.“ Die Decken und Parapete wurden mit Glaswolle gedämmt, auf den Laubengängen kamen sogenannte Aerogel-Kügelchen zum Einsatz, unter den Terrassen und Laubengängen wurden, um wertvolle Höhe zu sparen, Vakuum-Dämmplatten verlegt. „War nicht gerade billig, aber es funktioniert.“

Die Architekten, der Generalunternehmer und das Comité Central du Lignon, der in diesem Projekt als eine Art Schirmbauherr fungiert, sind mit den Bewohnerinnen im engen Kontakt, und es hat sich herausgestellt, dass die Halbierung der Heizrechnung bei Madame Ruth kein Einzelfall ist. Die meisten Mieter berichten von einer Reduktion der Energiekosten und von besseren, angenehmeren Innenraumtemperaturen im Sommer wie im Winter.

„Ich würde sagen, dass 80 Prozent der hier wohnenden Menschen mit der Sanierung sehr zufrieden sind“, sagt Ruth Righenzi-Eggenberger. „Die restlichen 20 Prozent hätten sich wahrscheinlich mehr erwartet und sind enttäuscht, dass das Haus immer noch so aussieht, wie es war. Doch genau das ist die große Qualität! Wir wohnen hier, wir leben hier, wir sind hier zu Hause – und jetzt ist unser Zuhause ökologisch besser und ökonomisch leistbarer, ohne dass sich irgendetwas Großes verändert hätte. Meine Wohnung schaut immer noch aus wie eine alte Bauernstube! Also ich finde das wunderbar.“

Auch in Österreich steht uns mit der rechtlich verankerten Dekarbonisierung bis 2040 ein radikaler Stadtumbau bevor, der in seinen sozialen, ökonomischen und stadtplanerischen Ausmaßen mit der Gründerzeit, vielleicht sogar mit dem Bau der Wiener Ringstraße zu vergleichen ist. Zehntausende Wohnhäuser, die in den Nachkriegsjahren errichtet wurden und die schlecht gedämmt und an fossile Energieträger gebunden sind, müssen zukunftsfit gemacht werden.

Ohne standardisierten Katalog, ohne kollektiven Rückhalt aus Politik und Industrie und ohne den visionären Elan, der in Le Lignon ganz viel Wohnglück produziert hat, wird es nicht gehen.

teilen auf

Für den Beitrag verantwortlich: Der Standard

Ansprechpartner:in für diese Seite: nextroomoffice[at]nextroom.at

Tools: