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Kaczyńskis neue Camouflage
Der Standard

Zwei neue Museen in Warschau, das eine wunderschön, das andere von gigantischem Ausmaß, beweisen: Rechtsradikale Propaganda-Architektur ist Instagram-tauglich geworden.

16. September 2023 - Wojciech Czaja
Es ist, als würde sich der Beton samtig, streichelweich anfühlen. Als wäre das Haus in eine dicke Fischgrät-Strickdecke gehüllt. Als fühlte man sich warm und geborgen. „Genau das war unser Ziel“, sagt Krzysztof Budzisz, Partner im Warschauer Architekturbüro WXCA. „Vor vielen Jahren schon hatten wir die Idee, die Fassade als monolithisches Relief in diesem sinnlichen Ornament abzugießen. Es war ein langer Weg dahin, mit vielen Modellen und vielen, vielen unterschiedlichen Betonrezepturen, die wir ausprobiert haben. Doch die Arbeit hat sich gelohnt. Jetzt stehen wir da, vor der wahrscheinlich schönsten Fassade, die uns je gelungen ist.“

Entwickelt wurde das Projekt in Zusammenarbeit mit dem englischen Ingenieurspezialisten Buro Happold. Für die knapp acht Meter hohen Fassaden, die nicht als Fertigteile produziert, sondern direkt vor Ort im klassischen Schalungsbau gegossen wurden, musste eine eigene Silikonmatrize entwickelt werden. Mit Erfolg, das Ergebnis ist auf den Millimeter genau abgebunden, die Grate im warmen, ziegelroten Beton mit einer Kante wie vom Bildhauer. Schon jetzt, wenige Wochen nach Fertigstellung, wurde der Bau von Baufirmen und Betondelegationen aus aller Welt besucht.

Doch Achtung, in seinem materiellen – und noch mehr in seinem immateriellen – Inneren lauern große Überraschungen. Kaum hat man das Museum betreten, galoppieren historische Ritter durch die Hallen, mit Lederstiefeln und Kettenhemd bekleidet, nebenan eine ganze Batterie an Rüstungen und Speeren, überall polnische Fahnen und Flaggen von der Decke hängend, und dann schließlich, ein dramatischer Hintergrund wie im Schützengraben, ein sowjetischer Panzer, Modell T-34 mit 76-Millimeter-Rohrkanone, Baujahr 1943.

Polnische Geschichte

Das Museum der polnischen Armee, in Auftrag gegeben vom polnischen Verteidigungsministerium, Resultat eines internationalen Architekturwettbewerbs 2009, ist ohne jeden Zweifel eines der schönsten zeitgenössischen Bauten in ganz Warschau. Und plötzlich versteht man, dass es sich beim Zickzackmuster der Fassade, die man eben noch begeistert gestreichelt hat, um eine Anspielung auf Abzeichen und militärische Uniformapplikationen handeln muss.

Das Armeemuseum ist das erste, bereits eröffnete Kulturprojekt auf der Warschauer Zitadelle, die in den 1830er-Jahren von der Armee des Russischen Reiches errichtet und die längste Zeit vom polnischen Heer genutzt wurde. Bis vor wenigen Wochen war das 32 Hektar große Areal militärisches Sperrgebiet, nun steht es der Öffentlichkeit als grüne und kulturelle Oase zur Verfügung. So der offizielle Wortlaut dieser derzeit größten Museumsbaustelle Europas.

„Die Zitadelle war immer ein unbeliebter, negativ konnotierter Ort in Warschau“, sagt Budzisz. „Der Rückzug des Militärs und der Rückbau der Kasernengebäude bieten nun die Chance, den Park mit seinem riesigen Baumbestand als Naherholungsgebiet und Kulturquartier zu nutzen. Schließlich ist dies ein geschichtsträchtiger, historisch wertvoller Ort. Unser Traum ist, dass die Zitadelle bald wieder als ein Stück Stadt wahrgenommen wird.“

Die Chancen stehen gut, denn das 300 Millionen Złoty teure Projekt (rund 65 Millionen Euro) steht nicht allein da. Am 29. September wird das neue Museum der polnischen Geschichte eröffnet, ein gigantischer Bau aus weißem Marmor, 200 Meter lang, 60 Meter breit, 24 Meter hoch, Baukosten 650 Millionen Złoty (140 Millionen Euro), ebenfalls von WXCA geplant, mit Bühne, Konzertsaal, Amphitheater, Bibliothek, Werkstätten, Restaurant und Dachterrasse mitsamt Mirrorpool, in dem sich die Warschauer Skyline spiegelt.

Weltweite Aufmerksamkeit

Doch noch besser stehen die Chancen, dass die nationalistische, rechtspopulistische Partei PiS (Prawo i Sprawiedliwość, Recht und Gerechtigkeit), die das Land seit 2015 regiert, das 2009 gestartete Architekturprojekt dazu verwendet, sich ein Denkmal zu setzen und in der Bevölkerung zu suggerieren, eine moderne, weltoffene Partei zu sein, die in der Lage ist, Projekte zu realisieren, die weltweit für Furore sorgen. Es gibt kaum ein internationales Onlineportal im Bereich Architektur und Design, das in den letzten Wochen nicht darüber berichtet hätte. Mit tollen Fotos von leeren Räumen. Die Panzer, Waffen und Camouflage-Exponate sind darauf freilich nicht zu sehen.

Ebenfalls nicht kommuniziert wird die Tatsache, dass das bereits fertiggestellte Museum der polnischen Geschichte noch keine Dauerausstellung hat, dass die 7000 Quadratmeter große Halle im ersten Stock Rohbau ist und überhaupt erst noch befüllt werden muss, dass die Mitarbeiter und Mitglieder der Wissenschaftsbeiräte der beiden Museen ein Naheverhältnis zur PiS haben oder sogar mal ein politisches Amt innehatten, dass die Architekten den Platz zwischen den Museen begrünen wollten, was von der PiS allerdings verhindert wurde, weil sie ihn in Zukunft für politische Paraden nutzen will, dass das Armeemuseum demnächst einen Zwillingsbau erhält, in dem es dann nicht nur Panzer und Kampfflugzeuge geben wird, sondern auch Café, Kino und – jawoll – einen Schießstand zur freizeitlichen Beschäftigung.

„Die Museen, die unter der PiS-Regierung in den letzten Jahren gebaut oder personell neu besetzt wurden, sind nichts anderes als Lügen- und Inquisitionsmaschinen“, sagt der polnische, in Wien lebende Schriftsteller Radek Knapp, Autor des mittlerweile aktualisierten Buches Gebrauchsanweisung für Polen . „Je leerer und sinnentleerter die Politik, desto größer sind die von ihr geschaffenen Gebäude. Dass sie leerstehen, spielt keine Rolle.“

Scheinliberale Lebenssprache

Noch schärfer formuliert es der Warschauer Architekt, Kulturtheoretiker und Universitätsprofessor Jakub Szczęsny: „Manche dieser Institutionen sind bis in die Führungsebene hoch von Rechtsradikalen durchseucht, deren einziges Interesse es ist, die Geschichte und die Realität zu manipulieren und ihre Häuser als Propagandawerkzeug für Jarosław Kaczyńskis Vision eines heroischen, völkisch reinen Polens zu nutzen. Sie beherrschen das skrupellose Spiel genauso gut wie Orbán, Putin und Trump.“

Bei der Parlamentswahl in Polen 2019 erzielte die PiS mit 43,6 Prozent das beste Wahlergebnis, das eine Partei im demokratischen Polen je erreichte. „Und so, wie man die rechtskonservativen Wähler auf der Straße nicht mehr erkennt, weil sie mittlerweile eine moderne, scheinliberale Lebenssprache beherrschen, sind auch die baulichen Machtsymbole einer ultrarechtskonservativen, fast schon nationalsozialistischen Regierung nicht mehr als solche zu erkennen. Die Architektur des Bösen ist instagrammable geworden.“

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