Wien durfte nicht Bilbao werden
Das Museumsquartier feiert 25. Geburtstag. Eine Ausstellung im MQ Freiraum blickt anlässlich des Jubiläums auf Geschichte, Gegenwart und eine grüne, garagenlose Zukunft des Wiener Wohnzimmers.
Die Architekten träumten davon, auf dem Areal „eine heitere, widersprüchliche, im Grundsatz unordentliche Atmosphäre“ zu schaffen, denn „bildlich könnte man diese neuen Bauten als kulturelle Zeichen einer noch jungen Demokratie verstehen, die sich hier durchaus respektvoll dem imperialen Zentrum einer vergangenen Epoche zu nähern wagen. Mit ihren anderen Formen und unterschiedlichen Materialien, auch der vermeintlichen Unordentlichkeit, mit der sie daherkommen, haben diese Bauten gegenüber der gebauten Verfeinerung höfischer Konvention etwas Jugendlich-Barbarisches an sich.“
Die Rede ist vom Wiener Museumsquartier, Planungsstand 1990 bis 1993, noch lange vor Baubeginn der damals größten Kulturbaustelle Europas. Und die Architekten, Laurids Ortner aus Wien und dessen Bruder Manfred Ortner, der kurz darauf ein Büro in Berlin eröffnete, legten in Anbetracht der immer wieder neu aufgerollten Wettbewerbsphasen und der darin immer wieder neu formulierten Zielvorstellungen – eine Wiener Spezialität mit Tradition, wie es scheint – eine schier unendliche Geduld und Kompromissfreudigkeit an den Tag.
Schmutzkübelkampagne
Letztendlich aber ging der wahre Sieg an die Kronen Zeitung . Mit einer jahrelangen Schmutzkübelkampagne brachte das Boulevardblatt den 67 Meter hohen Leseturm, der den historischen Messepalast im Entwurf von Ortner & Ortner als weithin sichtbare Landmark überragen sollte, zu Fall – und damit auch viele andere Details aus dem einst erstplatzierten Wettbewerbsentwurf. Noch pikanter wird die ganze Geschichte angesichts der Tatsache, dass Hans Dichand, Herausgeber der Kronen Zeitung , in Zusammenarbeit mit dem politisch gut vernetzten Architekten Peter Czernin einige Jahre zuvor mit der Vorbereitung des Architekturwettbewerbs beauftragt wurde und sich mit 30 Millionen Schilling Honorar eine goldene Nase verdient hatte.
„Es gibt kaum einen Ort im innerstädtischen Wien, der so stark polarisiert und so viele realistische wie auch utopische Ideen und Projekte generiert hat wie das Areal des heutigen Museumsquartiers“, sagt der Wiener Architekturhistoriker Andreas Nierhaus. „Und zwar nicht nur in den letzten Jahrzehnten, die die Abhängigkeit zwischen Politik, Stadtplanung und medialer Macht sichtbar gemacht haben, sondern auch schon lange davor.“ Zum 25-Jahr-Jubiläum des 2001 eröffneten MQ kuratierte er nun eine Ausstellung unter dem Titel Vision und Widerstand . Am Montag wurde die Schau feierlich eröffnet.
Zu sehen sind darin unter anderem historische Ansichten aus dem 18. und 19. Jahrhundert, die die barocken Hofstallungen von Johann Bernhard Fischer von Erlach aus zum Teil ungewöhnlichen Perspektiven zeigen, aber auch utopische Neubauentwürfe von Otto Wagner, Rudolf Perco, Hermann Kutschera, Anton Ubl und sogar Harry Glück, die sich an der städtebaulichen Asymmetrie der Anlage allesamt die Zähne ausbissen und mehr oder weniger wahnsinnige bis größenwahnsinnige Alternativen ausarbeiteten – Letzterer mit einem postmodernen Gartenparadies, in dem Milch und Honig fließen, mit darüber schwebendem Glasdach ganz im Geiste der Achtziger.
„Visionen gab es viele, und nicht selten wurde in jüngster Vergangenheit das 1977 eröffnete Centre Pompidou in Paris als Referenz genannt“, erklärt Nierhaus, „einerseits in architektonischer Hinsicht, andererseits aber vor allem in Hinblick auf die stadträumliche und institutionelle Bündelung. Und in der Tat gab es unter den Wiener Architekten und Kunsthistorikerinnen eine sehr intensive Debatte darüber, was an so einem Ort überhaupt sein darf.“ Die Medien haben ein Machtwort gesprochen, die Politik hat sich diesem ohne Widerrede gebeugt, der Rest ist Geschichte.
„Das Museumsquartier ist so gesehen auch ein eindrucksvolles Dokument des Scheiterns“, sagt Nierhaus, „beim Versuch, ohne Rücksicht auf Kritik und Bedenken in Wien ein Bauvorhaben ähnlich den französischen Grands Projets umzusetzen, das neben der reinen Zweckbestimmung auch höchsten symbolischen Ansprüchen genügen konnte.“ Eine monumentale Erinnerung jedenfalls steht gleich als Auftakt der Ausstellung im ersten Raum, ein Leseturm aus Wabenkarton, fünf Meter hoch, tapeziert mit zahlreichen Schlagzeilen und Titelseiten der Kronen Zeitung : „Monsterprojekt zerstört Wien.“
Noch lange nicht fertig
Die letzten 25 Jahre beweisen, dass die Angst eine irrationale war. Mit den Museen und Institutionen für Jung und Alt und der ganzjährigen Bespielung mit Enzis, Eis am Stiel und Eisstockschießen haben sich die Innenhöfe des MQ zu einem der spannendsten und akzeptiertesten öffentlichen Räume Wiens entwickelt. „Und wir können froh sein, dass es überhaupt so weit gekommen ist“, sagt Bettina Leidl, Direktorin des Museumsquartiers, „denn in den Siebziger- und Achtzigerjahren waren hier auch Hotel, Kongresszentrum und sogar ein Shoppingcenter nach Vorbild der Shopping City Süd im Gespräch!“
Auch heute noch, ein Vierteljahrhundert nach Fertigstellung, sei das MQ noch lange nicht fertig, sei es immer noch ein Projekt in Progress, meint Leidl – und verweist auf das geplante Haus der Geschichte Österreichs im kleinen Klosterhof sowie auf die bevorstehende Begrünung der Innenhöfe unter dem Titel MQ goes Green . In den kommenden Jahren sollen die jetzt schon provisorisch platzierten Gräser, Stauden und Bäume nach einem Konzept von Anna Detzlhofer und Sabine Dessovic (DnD) eingepflanzt und automatisch bewässert werden und der vollflächig gepflasterten Hitzeinsel von heute ein Ende bereiten.
„Das MQ ist aber auch ein Ort der Geduld und Langfristigkeit, und die Pläne und Visionen reichen noch viel weiter“, sagt Leidl. „In 25 Jahren läuft der Pachtvertrag mit dem Betreiber der Tiefgarage aus, bis dahin wird auch der individuelle Verkehr auf der ehemaligen Lastenstraße abgenommen haben, dann werden sich zwischen den Hofmuseen und dem Museumsquartier ober- und unterirdisch neue Synergieeffekte ergeben.“ Das MQ bleibt ein Ort in Bewegung – und Exempel dafür, dass es für kulturellen, stadtgesellschaftlichen Erfolg nicht immer einen Bilbao-Effekt braucht.
[ „Vision und Widerstand. Wie das Museumsquartier Wien veränderte“, MQ Freiraum, bis 25. Jänner 2027. Zur Ausstellung ist ein Katalog im Czernin-Verlag erschienen. € 35,– / 188 Seiten ]