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Passt die neue Architektur zu den legendären Knödeln? Das neue Resselpark-Café auf dem Wiener Karlsplatz

Zehn Jahre hat es vom ersten Konzept 2014 bis zum Baubeginn 2024 gedauert, jetzt ist das Resselpark-Café am Karlsplatz wieder in Betrieb. Passt die neue Architektur zu den legendären Knödeln?
14. August 2025 - Christian Kühn
Die Erwartungen waren groß, als vergangenen Sommer der Abbruch des Café-Restaurant Resselpark auf dem Wiener Karlsplatz begann. Der kleine Holzpavillon mit dem großen Gastgarten war eine Institution, die von Studierenden und Mitarbeitern der TU Wien frequentiert wurde und von mehreren touristischen Trampelpfaden profitierte, die die Karlskirche mit dem Naschmarkt und über eine Passage mit den wichtigsten U-Bahnlinien und der Oper verbinden. Der kleine Pavillon erhielt 1958 eine Betriebsanlagen-Widmung als Meierei, ein Lokaltyp, der als „Milchtrinkhalle“ im späten 19. Jahrhundert bis in die 1920er-Jahre seine beste Zeit hatte. In mehreren Wiener Parks entstanden solche Meiereien, deren prominenteste, heute noch erhaltene im Stadtpark liegt. Der Entwurf des 1903 eröffneten Hauses stammt von Friedrich Ohmann, auf den auch die Gestaltung des Wienflussportals ein Stück flussaufwärts zurückgeht.
Heute beherbergt das Haus zwei miteinander verbundene Restaurants, die Meierei im Stadtpark und das Steirereck; Letzteres darf man als bestes Restaurant Österreichs bezeichnen. Dessen Erneuerung und Erweiterung im Jahr 2014 erfolgte nach Plänen des Büros PPAG, die dem Niveau der Küche das Wasser reichen konnten. Mit markanten Schiebefenstern und großformatigen, polierten Aluminiumplatten, die den Park reflektieren, gehört das Steirereck nicht nur kulinarisch, sondern auch architektonisch zu den Highlights der österreichischen Gastronomie.
Von Meiere zu Meierei
Als nach Baubeginn bekannt wurde, dass auch das neue Resselpark-Café nach Plänen von PPAG entstehen würde, durfte man gespannt sein. Wie viel lässt sich von Meierei zu Meierei übertragen, von der Spitzengastronomie auf ein gutbürgerliches Lokal mit vielen Stammgästen und einer soliden Küche ohne Experimente? Dass es dringend zumindest eine Generalsanierung brauchte, war evident. Die letzte größere Investition war 2006 die Erweiterung um einen Wintergarten gewesen, ein durchaus sympathischer Raum, in dem man zwar wie im Grünen sitzen konnte, der aber zugleich entsprechende Betriebskosten mit sich brachte. Der alte Gastraum war dagegen eher dunkel, mit abgeschirmten Nischen, wobei auch dieses Angebot seine Nachfrage fand. Für einen Abbruch und einen völligen Neubau sprachen schließlich die mangelnde Barrierefreiheit und der Gesamtzustand der Holzkonstruktion.
Das Konzept, das PPAG entwickelten, geht auf das Jahr 2014 zurück und sollte einerseits baukünstlerisch signifikant, andererseits nach allen pragmatischen Aspekten genehmigungsfähig sein. Wegen seiner besonderen Lage musste das Projekt trotz seiner geringen Größe dem Wiener Fachbeirat für Stadtplanung und Stadtgestaltung vorgelegt werden, der es positiv bewertete, aber auf die Wichtigkeit der detailbewussten Umsetzung hinwies. Nach einem Genehmigungsmarathon unter intensiver Einbeziehung der Stadt, nach Pandemie, Lockdown und Baukostenexplosion lag das Projekt auf Eis, bis schließlich im Frühjahr 2024 der Beschluss zur Umsetzung fiel, der dann ab dem Sommer unter großem Zeitdruck erfolgte.
Was heute auf dem Karlsplatz zu sehen ist, lässt sich als Versuch interpretieren, einen neuen Typus von Gasthaus zu entwerfen. Das Grundelement, das von dem Entwurf seinen Ausgang nimmt, ist die gesellige Tischrunde, die sich an einem Ort gruppiert, der von einem Tisch, einer L-förmigen Bank und ein paar Stühlen gebildet wird. Diese Orte werden addiert, im Raum gedreht und bilden so die gezackte Grundstruktur der Außenwände. Die kleinen haubenartigen Pultdächer, die auf der Grundstruktur aufbauen, geben diesen Orten mehr Raumhöhe und hatten ursprünglich einen zusätzlichen funktionellen Hintergrund. Es sollte auch hier – wie im Steirereck – vertikale Schiebefenster geben, nicht in der Hightech-Variante wie dort, sondern in einer einfacheren, in der die Fenster im offenen Zustand in den dreieckigen Zwickelräumen geparkt worden wären. Aufgrund höherer Kosten und des Zeitdrucks blieb es am Ende bei normalen Schiebefenstern mit einem Mittelkämpfer. Für die Lüftung ist diese Lösung ausreichend, aber von der Idee, den Raum komplett zu öffnen und das Café gleichsam in ein „Vogelhaus“ zu verwandeln, wie die Architekten erklären, ist durch diese Veränderung nicht viel übrig.
Das Konzept der betonten Tischgruppe funktioniert auch im Außenraum, wo die Betonung durch kleine Vordächer entlang der äußeren Kontur übernommen wird, die sich schützend über die dort Sitzenden aufspannen. Der Schutz ist zwar eher symbolisch, sobald der Wind den Regen gegen die Fassade treibt, aber die Vordächer sind auch aus formalen Gründen wichtig. Sie zeigen, wie dünn die äußerste Schicht aus großformatigen Eternitplatten ist, und lassen in der Nacht Licht durch die Fugen. Hinter der dünnen Haut verbirgt sich ein geometrisch komplexes Innenleben, das aus einer tragenden Schicht in Holztafelbauweise, einer dicken Isolationsschicht und der grauen äußeren Schutzschicht aus Eternit besteht.
Neuerdings Platten- statt Kiesboden
Gesessen wird im Gastgarten auf den alten Stühlen, aber auf einem neuen Plattenboden statt des früheren Kieses, den die Architekten erhalten wollten. Man kann die Entscheidung der Bauherrschaft gegen den Kies verstehen: Wer sich seit Jahren über die Steinchen ärgert, die ins Haus getragen werden, wird die Gelegenheit, sie loszuwerden, nicht auslassen. Aber an heißen Tagen sitzt es sich kühler über einem Kiesboden, und man hätte sich von der neuen Konkurrenz im Wien Museum, dessen Restaurantterrasse eine kleine Hitzeinsel für sich darstellt, durch eine Naturnähe, die der Situation im Park besser entspricht, absetzen können. Fairerweise muss man erwähnen, dass bestehende Asphaltflächen um das Café herum entsiegelt werden und selbst ein Plattenbelag nicht zwangsläufig eine Versiegelung bedeutet, wenn das Wasser durch Fugen versickern kann.
Eine große Qualität des Projekts, die erst nach Fertigstellung aller Außenanlagen des Projekts erfahrbar sein wird, ist die Tatsache, dass es in Zukunft kein Hinten und kein Vorne mehr geben wird, sondern eine Allansichtigkeit, wie es sich für einen Pavillon gehört. Der bestehende Tilgner-Brunnen, 1902 zum Gedenken an den 1896 verstorbenen Ringstraßen-Bildhauer Viktor Oskar Tilgner errichtet, wird aufgewertet und um „konsumationsfreie“ Bereiche, unter anderem an die Fassade angedockte Bänke, ergänzt. Dass das Vertrauen der Bauherrschaft, der Familie Trattner, in PPAG und vielleicht in die Architektur als baukünstlerische Praxis überhaupt enden wollend war, zeigt sich an einigen Punkten, bei denen sie die Architekten nicht einbezog und ihrem Rat nicht folgte. Gravierend fällt das etwa bei der Auswahl der Sessel im Innenraum auf. Der große, übersichtliche Raum mit Wänden aus hochwertiger Weißtanne bräuchte – wenn man wirklich einen neuen Typus von Gasthaus schaffen wollte – kräftige Holzstühle und keine mit hellgrauem Stoff bespannten Allerweltsstühle. Wenn sich das neue Resselpark-Café gut entwickelt: Hier wäre für eine Verbesserung Luft nach oben.
Heute beherbergt das Haus zwei miteinander verbundene Restaurants, die Meierei im Stadtpark und das Steirereck; Letzteres darf man als bestes Restaurant Österreichs bezeichnen. Dessen Erneuerung und Erweiterung im Jahr 2014 erfolgte nach Plänen des Büros PPAG, die dem Niveau der Küche das Wasser reichen konnten. Mit markanten Schiebefenstern und großformatigen, polierten Aluminiumplatten, die den Park reflektieren, gehört das Steirereck nicht nur kulinarisch, sondern auch architektonisch zu den Highlights der österreichischen Gastronomie.
Von Meiere zu Meierei
Als nach Baubeginn bekannt wurde, dass auch das neue Resselpark-Café nach Plänen von PPAG entstehen würde, durfte man gespannt sein. Wie viel lässt sich von Meierei zu Meierei übertragen, von der Spitzengastronomie auf ein gutbürgerliches Lokal mit vielen Stammgästen und einer soliden Küche ohne Experimente? Dass es dringend zumindest eine Generalsanierung brauchte, war evident. Die letzte größere Investition war 2006 die Erweiterung um einen Wintergarten gewesen, ein durchaus sympathischer Raum, in dem man zwar wie im Grünen sitzen konnte, der aber zugleich entsprechende Betriebskosten mit sich brachte. Der alte Gastraum war dagegen eher dunkel, mit abgeschirmten Nischen, wobei auch dieses Angebot seine Nachfrage fand. Für einen Abbruch und einen völligen Neubau sprachen schließlich die mangelnde Barrierefreiheit und der Gesamtzustand der Holzkonstruktion.
Das Konzept, das PPAG entwickelten, geht auf das Jahr 2014 zurück und sollte einerseits baukünstlerisch signifikant, andererseits nach allen pragmatischen Aspekten genehmigungsfähig sein. Wegen seiner besonderen Lage musste das Projekt trotz seiner geringen Größe dem Wiener Fachbeirat für Stadtplanung und Stadtgestaltung vorgelegt werden, der es positiv bewertete, aber auf die Wichtigkeit der detailbewussten Umsetzung hinwies. Nach einem Genehmigungsmarathon unter intensiver Einbeziehung der Stadt, nach Pandemie, Lockdown und Baukostenexplosion lag das Projekt auf Eis, bis schließlich im Frühjahr 2024 der Beschluss zur Umsetzung fiel, der dann ab dem Sommer unter großem Zeitdruck erfolgte.
Was heute auf dem Karlsplatz zu sehen ist, lässt sich als Versuch interpretieren, einen neuen Typus von Gasthaus zu entwerfen. Das Grundelement, das von dem Entwurf seinen Ausgang nimmt, ist die gesellige Tischrunde, die sich an einem Ort gruppiert, der von einem Tisch, einer L-förmigen Bank und ein paar Stühlen gebildet wird. Diese Orte werden addiert, im Raum gedreht und bilden so die gezackte Grundstruktur der Außenwände. Die kleinen haubenartigen Pultdächer, die auf der Grundstruktur aufbauen, geben diesen Orten mehr Raumhöhe und hatten ursprünglich einen zusätzlichen funktionellen Hintergrund. Es sollte auch hier – wie im Steirereck – vertikale Schiebefenster geben, nicht in der Hightech-Variante wie dort, sondern in einer einfacheren, in der die Fenster im offenen Zustand in den dreieckigen Zwickelräumen geparkt worden wären. Aufgrund höherer Kosten und des Zeitdrucks blieb es am Ende bei normalen Schiebefenstern mit einem Mittelkämpfer. Für die Lüftung ist diese Lösung ausreichend, aber von der Idee, den Raum komplett zu öffnen und das Café gleichsam in ein „Vogelhaus“ zu verwandeln, wie die Architekten erklären, ist durch diese Veränderung nicht viel übrig.
Das Konzept der betonten Tischgruppe funktioniert auch im Außenraum, wo die Betonung durch kleine Vordächer entlang der äußeren Kontur übernommen wird, die sich schützend über die dort Sitzenden aufspannen. Der Schutz ist zwar eher symbolisch, sobald der Wind den Regen gegen die Fassade treibt, aber die Vordächer sind auch aus formalen Gründen wichtig. Sie zeigen, wie dünn die äußerste Schicht aus großformatigen Eternitplatten ist, und lassen in der Nacht Licht durch die Fugen. Hinter der dünnen Haut verbirgt sich ein geometrisch komplexes Innenleben, das aus einer tragenden Schicht in Holztafelbauweise, einer dicken Isolationsschicht und der grauen äußeren Schutzschicht aus Eternit besteht.
Neuerdings Platten- statt Kiesboden
Gesessen wird im Gastgarten auf den alten Stühlen, aber auf einem neuen Plattenboden statt des früheren Kieses, den die Architekten erhalten wollten. Man kann die Entscheidung der Bauherrschaft gegen den Kies verstehen: Wer sich seit Jahren über die Steinchen ärgert, die ins Haus getragen werden, wird die Gelegenheit, sie loszuwerden, nicht auslassen. Aber an heißen Tagen sitzt es sich kühler über einem Kiesboden, und man hätte sich von der neuen Konkurrenz im Wien Museum, dessen Restaurantterrasse eine kleine Hitzeinsel für sich darstellt, durch eine Naturnähe, die der Situation im Park besser entspricht, absetzen können. Fairerweise muss man erwähnen, dass bestehende Asphaltflächen um das Café herum entsiegelt werden und selbst ein Plattenbelag nicht zwangsläufig eine Versiegelung bedeutet, wenn das Wasser durch Fugen versickern kann.
Eine große Qualität des Projekts, die erst nach Fertigstellung aller Außenanlagen des Projekts erfahrbar sein wird, ist die Tatsache, dass es in Zukunft kein Hinten und kein Vorne mehr geben wird, sondern eine Allansichtigkeit, wie es sich für einen Pavillon gehört. Der bestehende Tilgner-Brunnen, 1902 zum Gedenken an den 1896 verstorbenen Ringstraßen-Bildhauer Viktor Oskar Tilgner errichtet, wird aufgewertet und um „konsumationsfreie“ Bereiche, unter anderem an die Fassade angedockte Bänke, ergänzt. Dass das Vertrauen der Bauherrschaft, der Familie Trattner, in PPAG und vielleicht in die Architektur als baukünstlerische Praxis überhaupt enden wollend war, zeigt sich an einigen Punkten, bei denen sie die Architekten nicht einbezog und ihrem Rat nicht folgte. Gravierend fällt das etwa bei der Auswahl der Sessel im Innenraum auf. Der große, übersichtliche Raum mit Wänden aus hochwertiger Weißtanne bräuchte – wenn man wirklich einen neuen Typus von Gasthaus schaffen wollte – kräftige Holzstühle und keine mit hellgrauem Stoff bespannten Allerweltsstühle. Wenn sich das neue Resselpark-Café gut entwickelt: Hier wäre für eine Verbesserung Luft nach oben.
Für den Beitrag verantwortlich: Spectrum
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