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Nordbahnareal Wien: Dieser Tanker bietet Platz für alle(s)
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Im Nordbahnareal, einem der größten inneren Stadtentwicklungsgebiete Wiens, steht die HausWirtschaft. Ein Ort zum Wohnen und Arbeiten unter einem Dach.

24. November 2023 - Isabella Marboe
Von außen sieht es ziemlich wuchtig aus: ein Haus wie ein Tanker auf einem annähernd dreieckigen Grundstück. Acht Geschoße, eierschalenfarbene Lochfassade, ein paar Balkone. Die HausWirtschaft vereint Wohnen und Arbeiten unter einem Dach und ist bei Weitem das größte, komplexeste Baugruppenprojekt, das das einschlägig spezialisierte Büro Einszueins Architektur je realisierte: Sie bildet eine neue Kategorie.

Der kompakte Baukörper ist energetisch effizient, gewinnt mit jedem Meter und wird innen richtig schön: Zwei zentrale Atrien machen aus der Grundstückstiefe einen Gewinn. Sie erhellen die Arbeitsflächen in den unteren drei Geschoßen und die umlaufenden Laubengänge in den fünf Wohnebenen darüber. Deren Regelgeschoß mit Ein- bis Fünfzimmertypen wurde partizipativ mit der Bewohnerschaft geplant.

Urbane Wildnis zähmen

Die HausWirtschaft steht im 85 Hektar großen Nordbahnhofsareal. Bis 2026 sollen dort 10.000 Wohnungen und 20.000 Arbeitsplätze entstanden sein. Das Areal ist eines der größten inneren Stadtentwicklungsgebiete Wiens. Das letzte 32 Hektar große Teilgebiet, das Nordbahnviertel, ist noch am Werden. Dessen städtebauliches Leitbild „Freie Mitte – vielseitiger Rand“ stammt vom Planungsteam StudioVlayStreeruwitz, Agence Ter und Traffix. Es beruht darauf, die urbane Wildnis, die zwischen der Schnellbahntrasse im Westen und dem denkmalgeschützten Wasserturm im Osten entstanden war, zu zähmen und dem Neubaugebiet als „freie Mitte“ zu erhalten. Der Preis dafür ist eine hohe Dichte von 2,1 bis 5,4 am Rand.

Zwischen Scheiben und Riegel mischen sich Türme als städtebauliche Hochpunkte zwischen 60 und 100 Meter Höhe. Letzterer, „Schneewittchen“ von Pevk Berović Arhitekti, ist nur einen Block weiter. „Der Aushandlungsprozess um die Grenzen der Bauplätze war intensiv, die Gebäudeform ergibt sich aus dem Grundstück“, sagt Annegret Haider von Einszueins. „Im Erdgeschoß haben wir einen großzügigen Durchgang, der nicht gewidmet war.“ Im Nordosten rückt der 66 Meter hohe Wohnturm „Laywand“ von Franz und Sue Architekten der HausWirtschaft schon sehr nah. Dort springt der Baukörper zurück und ist der Durchgang. Hier wird das Haus durchlässig und streckt seine Fühler in den öffentlichen Raum aus.

Freiluft-Foyer

Hier beginnt der leicht zurückversetzte, terrakottafarbige, dreigeschoßige Bauteil, vor dem sich im Norden die „freie Mitte“ ausbreitet. Vor dem „Bug“ schafft ein Raster zwischen sich und den Glasfassaden jeder Ebene ihren gedeckten Freiraum. Im vier Meter hohen Erdgeschoß dient er dem „NordbahnSaal“ als Freiluft-Foyer. Davor führt eine Treppe in einen abgesenkten Innenhof – die Ouvertüre. In der HausWirtschaft manifestiert sich eine Haltung zur Stadt, die auf Gemeinschaft fußt und einen Beitrag leisten will. Sie wurde aus Mitteln des Klima- und Energiefonds gefördert, was Exkursionen zu anderen Projekten und die soziale Begleitung durch das einschlägig spezialisierte Büro Realitylab ermöglichte. Die Open Hauswirtschaft war ein Forschungsprojekt des Future Lab RC der TU Wien im Programm „Smart Cities Demo – Living Urban Innovation 2018“ und 2022 bei der Wiener IBA vertreten, Bauträger ist die Erste gemeinnützige Wohnungsgesellschaft (EGW).

Die HausWirtschaft vereint Wohnen und Arbeiten im Verhältnis 50:50. Der Maßstab ist beachtlich: 48 Wohnungen, 3500 Quadratmeter Gewerbe, davon 700 Quadratmeter Co-Working Spaces und die „HausPension“, ein kleines Hotel mit neun Zimmern. Die Lobby mit Empfang ist sieben Meter hoch, der erste Stock der physischen und seelischen Gesundheit gewidmet. Dort befinden sich zwölf Praxisräume für Therapeuten aller Art, ein Kindergarten, ein Rechtsanwaltsbüro sowie zwei große Seminarräume mit großen Fensterfronten, davor ein gedeckter Balkon mit freiem Blick auf die „freie Mitte“.

Geringe Fluktuation

Im zweiten Stock liegt darüber der drei Meter hohe Co-Working-Bereich, die umlaufenden Gänge rund um das zweite, große Atrium im tiefen Baukörper dahinter sind tief und hell genug für informelles Begegnen und Arbeiten. Hier reihen sich Büros, die Ateliers einer Töpferin, einer Siebdruckerin und die Feinwerkstatt aneinander. Im dritten Obergeschoß beginnt das Wohnen an Laubengängen um einen Innenhof. Erste Pflanzen und Schuhe erobern den Sichtbeton, vor der riesigen Gemeinschaftsküche im „Bug“ mit dem Tisch für 20 Personen breitet sich das Dach des niederen Bauteils aus. Die Landschaftsarchitekten von ZwoPK haben es als Garten mit Hügeln und Spielplatz gestaltet. Auch ihr Büro ist in der HausWirtschaft.

„Begonnen hat alles ganz klein im Sommer 2016, ich suchte Kollegen und Kolleginnen für eine Gemeinschaftspraxis“, erzählt Shiatsu-Praktiker Peter Rippl, der seit Oktober 2016 „nebenberuflich hauptsächlich“ der Initiator und Projektentwickler der HausWirtschaft war. Damals kam die Idee auf, Wohnen und Arbeiten zu verbinden, rasch waren Einszueins Architektur im Boot. „Dann konnten wir die EGW als Bauträger gewinnen, und alles wurde immer konkreter“, sagt Angela Kohl, die sich heute mit Peter Rippl die Geschäftsführung teilt, für HausPension und FlexRäume zuständig ist.

Gut besuchte Yoga- und Pilates-Kurse

An die 200 Menschen leben und arbeiten in der HausWirtschaft, die genossenschaftlich organisiert ist. Das heißt: Jeder Kleinunternehmer und jede Kleinunternehmerin zahlt beim Einstieg einen fixen Genossenschaftsbeitrag und ist damit Mitglied. Fast jeder, der hier wohnt, arbeitet auch hier. Fast jeder, der hier arbeitet, identifiziert sich mit der Idee. „Das hat den Vorteil, dass die Fluktuation sehr gering ist und jeder die strategische Entwicklung mitbestimmen kann“, sagt Rippl. Jeder Gewinn kommt der Genossenschaft zugute, ihr Ziel ist klar: leistbaren Wohn- und Arbeitsraum zu schaffen.

„Es war eine große Challenge, wir haben alle noch nie ein Haus gebaut“, sagt Kohl. Die Aussicht, etwas zu tun, was es bis dato in Wien so noch nicht gab, beflügelte die Baugruppe. Zwischen 2016 und 2022 hatte sie kontinuierlich an die 50 Mitglieder, in den jüngsten 1,5 Jahren waren es 85, jeder brachte monatlich gute 15 Stunden Arbeitszeit und seine spezifische Expertise in das Projekt ein. „Wir konnten das nur leisten, weil sehr viele Leute aus der Gruppe sehr viel mitgearbeitet haben. Bis zum Einzug haben wir alles selbst gemanagt.“ Inzwischen gibt es Angestellte. Für die Geschäftsführung, den Betrieb der HausPension, der FlexRäume und des NordbahnSaals.

Seit September 2023 ist das Gebäude besiedelt, bis auf ein paar Co-Working-Plätze ist alles vergeben. Die sonntäglichen Yoga- und Pilates-Kurse waren bestens besucht. Sie weckten sogar bei künftigen Bewohner:innen des benachbarten Wohnturms „Leywand“ Interesse, dabei ist Letzterer noch gar nicht fertig . . .

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