Bauwerk

Place du Général-Leclerc
Yves Brunier - Tours (F) - 1992
Place du Général-Leclerc, Foto: Udo Weilacher
Place du Général-Leclerc, Foto: Udo Weilacher
Place du Général-Leclerc, Foto: Udo Weilacher
Place du Général-Leclerc, Foto: Udo Weilacher

Der Eisberg im Fliedermeer

1. November 2000 - Udo Weilacher
Wenn die Kreppmyrte in heissen Sommern ihrem Ruf als «Flieder des Südens» alle Ehre macht und mehr als 50 Lagerstroemia indica über der Place du Général-Leclerc ihr violett-rosa Blütendach aufspannen, vergisst man fast, dass man sich auf dem Bahnhofsplatz in Tours befindet. Im Zentrum des Platzes rauscht Wasser, der Klangteppich überlagert den Lärm der Autos, die nicht nur den Platz umkreisen, sondern auch unter ihm geparkt werden. Lässt man sich auf einer der vielen Bänke im Schatten der kleinen, malerischen Blütenbäume nieder, dann blendet der dichte, etwa eineinhalb Meter hohe Heckenrahmen aus streng geschnittenen Eiben an den Rändern des Platzes den umgebenden Strassenverkehr auch visuell aus.

Selbst die Lüftungsschächte der Tiefgarage verschwinden im Grün der Eiben. Die Illusion eines Fliedergartens mitten in der Stadt könnte perfekt sein, wenn sich am Boden ein Teppich aus Gräsern oder Stauden ausbreiten würde. Statt dessen wachsen die kleinen knorrigen Baumstämme mit ihrer glatten grauen Borke aus einer homogenen Granitfläche, und diagonal durch den rasterförmig gepflanzten Hain zieht sich eine breite Schneise, die sich zwischen den zwei grossen städtebaulichen Brennpunkten aufspannt: dem alten, stattlichen Bahnhofsgebäude im Süden und dem futuristischen, stromlinienförmigen Kongressgebäude Le Vinci im Norden.

Ihre Neugestaltung verdankt die Place du Général-Leclerc einem Architekturwettbewerb zum Bau des neuen Centre international des Congrès Le Vinci und einer Tiefgarage unter dem angrenzenden Platz aus dem Jahr 1989. Der junge französische Landschaftsarchitekt Yves Brunier war ein Mitarbeiter im erfolgreichen Wettbewerbsteam von Jean Nouvel und entwickelte die neue, urbane Identität des Platzes. Nachdem Nouvel den Wettbewerb gewonnen hatte und mit dem Bau des Kongressgebäudes beauftragt worden war, beschloss die Stadt, die Platzgestaltung als gesonderten Auftrag an Yves Brunier und seine Partnerin, die Landschaftsarchitektin Isabell Auricoste, zu vergeben. Nach drei Jahren Planungs- und Bauzeit wurde das bemerkenswerte Projekt 1992 fertiggestellt, zu spät für Yves Brunier: er starb 1991 im Alter von 29 Jahren an Aids.

Brunier, der nach seinem Studium in Paris zunächst bei Rem Koolhaas arbeitete und in dessen Büro OMA seine Blitzkarriere begann, suchte nicht nach harmonischen Naturbildern in der Stadt. Er kultivierte in seinen Entwürfen vielmehr eine schöpferische Strategie, in der das scheinbar Widersprüchliche des urbanen Alltags, die Brüche zwischen Natur und Kultur zu neuen Sinnzusammenhängen verschmolzen. Nirgendwo kam diese Methode deutlicher zum Ausdruck als in Bruniers künstlerischen Bildcollagen, mit denen er den Charakter seiner geplanten landschaftsarchitektonischen Interventionen treffsicher ausdrückte.

Analog zu seinen Collagen setzten sich seine Projekte konzeptionell meist aus Fragmenten unterschiedlicher Bilder, Situationen oder Ideen zusammen, die er zu erfrischend unkonventionellen Kompositionen verband, ohne dass die Einzelelemente ihre Identität verloren. Bruniers Arbeiten spiegelten damit eine Zerrissenheit und einen Schwebezustand wieder, die nicht nur für sein Leben prägend waren, sondern auch das aktuelle Lebensgefühl der modernen Gesellschaft charakterisieren.

Die Place du Général-Leclerc ist sowohl Vexierbild als auch Collage. In einer rasterförmigen Grundstruktur sind von den Bäumen bis zu den Bänken alle Elemente fest im flächendeckenden Granitbelag verankert. Auch der direkte seitliche Verbindungsweg zwischen dem Bahnhof und dem nahe gelegenen Park ist durch eine Eibenhecke vom eigentlichen Platz getrennt und mit linear aufgereihten Magnolien gesäumt. Zum Hybrid zwischen öffentlichem Platz und Garten wird die Anlage erst durch die Kombination zwischen kontrollierter urbaner Härte und verschwenderischer Blütenpracht.

Beim zentralen Gestaltungselement, dem Brunnen, kommt hingegen deutlich das Collagenhafte des Projektes zum Ausdruck. In die diagonale Schneise, eingespannt zwischen den gläsernen Fassaden des Kongressgebäudes und des Kopfbahnhofes, setzte Brunier einen grossen, etwa 23 Meter langen Brunnen, dessen mandelförmiger Grundriss im Plan wie ein eigenwilliger, aus der Ordnung ausscherender Fremdkörper wirkt.

Der Brunnen ist zugleich eine grosse Lichtöffnung für die unterirdische Parkgarage. Über dieser Öffnung liegt ein imposanter bläulich-grünlicher Glaskörper, der wie ein umgekippter Schiffsrumpf das Oberlicht schliesst. Aus einer ganzen Batterie von Düsen spritzen kräftige Wasserstrahlen rundum auf den Glaskörper, spülen und kühlen ihn. Aus der Tiefgarage betrachtet, entsteht fast der Eindruck, ein Fluss ströme über das Dach hinweg. Ein imposantes Schauspiel, wäre da nicht die allzu massive Tragkonstruktion des Glaskörpers, die die Wirkung erheblich beeinträchtigt.

«Glacis d'eau», vermerkte Yves Brunier unter seiner Aquarellskizze zum Projekt und wünschte sich einen grossen Eisberg mitten im Platz. Die eisige Farbe des Glaskörpers, die kühle Luft und das kräftige Rauschen bestimmen die Atmosphäre, verstärkt durch den Kontrast zwischen Heiss und Kalt: Mitten im rötlichen Blütenmeer der sonnenhungrigen Lagerstroemia scheint der bläuliche Brunnen noch eisiger, und im Hintergrund der Gischt wirkt Jean Nouvels Bauwerk plötzlich wie die Brücke eines Ozeandampfers, der sich in den Platz schiebt.

Nachts prägt eine sanfte, indirekte Lichtführung den fliessenden Charakter der Place du Général-Leclerc. Dann wird der Eisberg von innen beleuchtet und liegt wie ein schweres fluoreszierendes Ungetüm mitten im Platz. Nur die bunten Neonreklamen über den Baumkronen signalisieren das pulsierende nächtliche Leben der Stadt.

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