Bauwerk

Figge Art Museum
David Chipperfield - Davenport (USA) - 2004

Glaskristall am Mississippi

David Chipperfields Figge Art Museum in Davenport

Im Westen von Iowa am Mississippi gelegen, versucht Davenport - wie andere amerikanische Städte auch - sein Zentrum zu reaktivieren. Wichtigster Meilenstein der «River Renaissance» ist das jüngst eröffnete Kunstmuseum von David Chipperfield.

4. November 2005 - Hubertus Adam
Bisweilen schiebt sich ein schwerer Güterzug am Ufer des Mississippi entlang durch Davenport, als wollte er daran erinnern, dass die Stadt ganz im Westen Iowas einst ein Eisenbahnknotenpunkt von nationaler Bedeutung gewesen war. Im Zuge der Besiedlung des Mittelwestens war der Ort zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Brückenkopf an einer Engstelle des Stromes entstanden, und seit 1856 verband die erste Eisenbahnbrücke Davenport mit dem gegenüberliegenden Rock Island in Illinois. Die Wälder Minnesotas begünstigten den Holzhandel, die deutschen Immigranten betrieben Brauereien; mit der 1932 eingeweihten Schleuse des Mississippi wurden die Rock Island Rapids als Hindernis beseitigt.

River Renaissance

Wie in anderen Städten der Vereinigten Staaten führte der Ausbau des Highway-Netzes nach dem Zweiten Weltkrieg auch in Davenport zu gravierenden Veränderungen des urbanen Gefüges. Zentrifugale Siedlungstendenzen bedingten eine sukzessive Verwahrlosung und Verödung der Innenstadt, die einst das Ufer des Mississippi säumenden Geleiseareale fanden als grossräumige Parkflächen oder Schuttabladeplätze eine neue Nutzung. Als ein früher Kritiker dieser Entwicklung bleibt der Architekt Stanley Tigerman mit einer Aussage von 1971 in Erinnerung: «A city shouldn't have all that junk at the river's edge. Use the Mississippi as a building site.»

Es sollte noch geraume Zeit dauern, bis die lokalen Behörden Konsequenzen zogen, doch inzwischen gilt dem Stadtzentrum und dem kulturellen Erbe neu erwachtes Interesse. Wer das Informationszentrum in der stillgelegten Union Station von 1924 besucht, wird mit Broschüren versorgt, die zu Spaziergängen durch Quartiere mit einem reichen Bestand von Holzhäusern des 19. Jahrhunderts einladen. Und einige der Freiflächen am Fluss sind als Teil eines geplanten Grünbandes zu öffentlichen Parks umgewandelt worden. Glanzstück der vor Ort als «River Renaissance» propagierten urbanen Regeneration aber ist das im August eröffnete Figge Art Museum, das von dem in London tätigen Architekten David Chipperfield entworfen wurde.

Chipperfield war in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren durch minimalistische Boutiquen in der britischen Hauptstadt sowie durch Bürogebäude in Tokio bekannt geworden; sein sensibler Umbau des Museum of Natural History in London und der Bau des Rudermuseums in Henley-on-Thames liessen ihn zu einem gefragten Museumsarchitekten werden. Zu Chipperfields gegenwärtigen Planungen gehören die Rekonstruktion des kriegszerstörten Neuen Museums auf der Berliner Museumsinsel sowie die Erweiterung des Deutschen Literaturarchivs in Marbach am Neckar, dessen Fertigstellung für das nächste Jahr angekündigt ist. In den USA ist Chipperfield inzwischen mit den Erweiterungen des St. Louis Art Museum und des Anchorage Museum of History and Art betraut worden.

Einpassung in die Skyline

Ein weiteres Gebäude von ihm steht 160 Meilen westlich von Davenport in Des Moines, der Hauptstadt von Iowa, kurz vor der Fertigstellung: der Neubau der Public Library. Am Westende der auf das Capitol zuführenden zentralen Achse der Locust Street ist ein zweigeschossiger Flachbau entstanden, der sich an den früheren Masonic Temple von 1912 anschmiegt und mit seiner polygonalen Grundrissfigur in einem weitgehend von Bürotürmen, Hochgaragen und eingezäunten Brachen ausgefüllten Stadtraster öffentliche Räume entstehen lässt. Die Fassaden der Bibliothek bestehen aus Glas, als Lichtfilter dient fein perforiertes Kupferblech.

Gläsern schimmern auch die Fassaden des kubisch konzipierten Figge Art Museum in Davenport - besonders eindrucksvoll, wenn man über die Centennial Bridge mit ihren fünf Bögen hinüber nach Rock Island fährt und sieht, wie sich der strahlende Bau über den Wassermassen des Mississippi in die Silhouette der Stadt einfügt. Das erste Modell, mit dem sich Chipperfield in der Finalrunde des Wettbewerbs 1999 gegenüber den New Yorkern Richard Meier, Rafael Viñoly sowie Gwathmey Siegel, den Finnen Heikkinen & Komonen und dem Madrilenen Carlos Jiménez durchgesetzt hatte, sah noch eine Orientierung der Gebäudemassen quer zum Fluss und eine Verkleidung mit Aluminiumpaneelen vor; Skizzen und Modelle, die nun im Foyer des Figge Art Museum ausgestellt sind, zeigen, wie Chipperfield zunächst mit verschiedenen horizontalen und vertikalen Gruppierungen experimentierte. Als gläserne Box wendet nun das an den vielbefahrenen River Drive herangeschobene Gebäude dem Fluss seine Breitseite zu, die von einem quer gestellten kubischen Aufsatz mit den Sonderausstellungsbereichen überragt wird.

Das neue Gebäude stärkt die flussseitige Ansicht der Stadt, es bildet ein volumetrisches Pendant zu einem benachbarten historischen Geschäftshaus - und ordnet sich doch dem die Skyline prägenden Turm des einstigen American Commercial Bank Building deutlich unter. Im Norden, also auf der Stadtseite, ist ein leicht ansteigender Vorplatz entstanden, auf dem ein «Tower» von Sol LeWitt Aufstellung gefunden hat. Von hier aus wird das Museum betreten, sofern man nicht die Rampe vom River Drive aus benutzt. Um die Lobby gruppieren sich das mit Mobiliar von Harry Bertoia ausgestattete und im Farbklang Weiss, Orange, Schwarz gehaltene «Restaurant 225» und der Museum Store. Die Ausstellungsräume für die ständige Sammlung befinden sich wie auch Bereiche für Sonderausstellungen, Bibliothek, Museumspädagogik und Verwaltung im Niveau darüber, dem oberen Geschoss des Sockels. Räume unterschiedlichen Zuschnitts sind hier auf der Basis eines orthogonalen Grundrissrasters arrangiert; Chipperfield verwendete schlichte weisse Wände, dunkles Stabholzparkett und aus quadratischen Feldern bestehende Oberlichtelemente, mit denen sich natürliches Licht und künstliche Beleuchtung mischen lassen.

Die Bestände des Figge Art Museum umfassen eine kleine Kollektion europäischer Kunst des Mittelalters, der Renaissance und des Barock, europäische und amerikanische Kunst des 18. bis 20. Jahrhunderts sowie eine mexikanisch-koloniale und eine haitianische Kollektion. Die über die Jahrzehnte stetig gewachsene Sammlung war seit 1878 in einem Privathaus zugänglich und erhielt 1925 den Status einer Municipal Art Gallery; 1962 erfolgte der Umzug in einen Neubau im Feyervary Park am Rande der Innenstadt. An den Gesamtkosten des jetzigen Baus von knapp 47 Millionen Dollar beteiligte sich die ortsansässige Figge Foundation mit 12 Millionen.

Die beiden grossen Säle für Sonderausstellungen liegen übereinander im turmartigen Aufsatz und sind flussseitig durch eine grandiose Kaskadentreppe aus drei Läufen verbunden. Von diesem Wintergarten, dem eindringlichsten Raum des Gebäudes, fällt der Blick weit über den Strom nach Rock Island, von woher einst die aus Europa stammenden Siedler nach Davenport übersetzten, um den Westen zu erobern. Passend dazu zeigt das Figge Art Museum eine grandiose Ausstellung, die auf der 1999 vorgelegten Studie «The Great American Thing» der in Stanford lehrenden Kunsthistorikerin Wanda M. Corn beruht. Sie hat die sich verändernde Wahrnehmung nach 1900 zum Thema, als Hochhäuser und industrielle Massenprodukte, aber auch Jazz und die indianischen Kulturen das ästhetische Empfinden zunehmend prägten.

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Für den Beitrag verantwortlich: Neue Zürcher Zeitung

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