Bauwerk

Operation Augenblick
LOOPING ARCHITECTURE - Wien (A) - 2005

Im rechten Augenblick

In der Auslage ihrer von LOOPING architecture entworfenen Parterre- Praxis arbeitet die Kinderaugenärztin und setzt so ein lebendiges Signal in die Umgebung.

18. März 2006 - Isabella Marboe
Beschwerden, Unsicherheit, leise Angst und Überwindung begleiten oft den Weg zum Arzt, der Beigeschmack notwendigen Übels haftet vielen Ordinationen an. Sprechstundenhilfen an karteikartenbestückten Tresen, musternde Blicke, gedämpfte Stimmen, weiße Arztkittel und schwere Türen erzeugen eine Atmosphäre, die Kinder mehr verstört als Erwachsene.

Ihre Praxis sollte ein entspannter Ort ohne Schwellenängste sein, Termine unbürokratisch direkt vereinbar, beschloss eine auf Kinder spezialisierte Augenärztin. Also suchte sie ein leeres Geschäftslokal im Erdgeschoß. Gleichsam in der Auslage für jeden sichtbar, wollte sie hier mit einer offenen, barrierefreien Ordination an Umgebung und Patienten ein einladendes Signal senden. In einem zweistöckigen Biedermeierhaus in der Albertgasse entdeckte sie einen verwaisten Laden, der einige Branchenwechsel hinter sich hatte. Die Besitzer freuten sich über mehr Kinder und Leben im Haus, sie mietete sich ein, ließ sich von der Zeichnerin Reinhilde Becker ein fröhliches Logo entwerfen - und hatten damit ihre Architekten gefunden: Reinhildes Schwester Eva Becker und Christa Stürzlinger von LOOPING architecture.

Das Architektenteam hatte bereits ein mobiles Bar-Tool und einige Umbauten realisiert, die mit klugem Interieur auf wenig Platz viel Raum schaffen. Das war auch hier gefragt, denn das Budget war klein und das Anforderungsprofil an den winzigen Laden in der Josefstadt umfassend: zwei ca. 3,5 Meter breite, kaum fünf Meter tiefe Räume an der Straße an hohen Schaufenstern und Teeküche.

Die Ärztin arbeitet mit einer Orthoptistin zusammen, beide brauchen ihren eigenen Platz und Therapiebereiche, im Behandlungsraum sollte es eine Besprechungszone, die Sehtest-Messdistanz von fünf Meter, Wickeltisch und Mini-Archiv geben, der Warteraum viel Bewegungsspielraum und die Garderobe auch Kinderwägen Platz bieten.

An der denkmalgeschützten Fassade regiert die feine Klinge: das helle Grau von Wandsockel und Holzrahmen nimmt den Farbton von Kopfsteinpflaster und Häusern auf, die Tür bekam einen Lüftungsflügel, die Fenster Isolierglas, im Jalousienkasten ist die Beleuchtung integriert.

Innen spielt der augenschonend hellgrüne Kautschukboden eine raumgestaltend tragende Rolle: Eben befahrbar, breitet er sich am Eingang zur kinderwagentauglichen Garderobe aus, um sich an der behindertenfreundlichen Rampe zum reduzierten L-Bankprofil zu knicken, das als räumlich-funktionale Demarkationslinie den Beginn der Wartezone definiert.

Frech-rotes Leder

An der Seitenwand setzt hier im komplementärfarbenen Rot eine Lederlehne zum Rückhalt bietenden Eckschwung auf die Bank mit den frech-roten Ledersitzen gegenüber an. Klar fassen die korrespondierenden Reihen eine freie Bodenmitte ein. Vier Lederwürfel an der Wand lassen sich beliebig besetzen und im Raum verteilen, der Boden mit roten Markierungen wird zum Instrumentarium der Orthoptistin. Sie nutzt ihn als zwanglosen Therapiebereich für spielerische Übungen vordiagnostisch mit und stimmt so die Patienten auf die ärztlichen Untersuchungen ein.

Tisch mit Glasauge

Eine Schiebetür bildet den fließenden Übergang in den Behandlungsraum, wo einen der Besprechungstisch an einer archivbergenden Wandnische empfängt: ein rundes Biedermeiermöbel mit eingefasster Glasplatte, die an ein Auge erinnert und Bezug zum Altbau aufnimmt.

Wickeltisch und Geräte rollen auf Rädern, am Fenster liegen die zwei Arbeitsplätze mit Blick auf die Straße. Passanten winken herein, durch einen Mauerdurchbruch hat die Ärztin den Warteraum im Visier, bedarfsweise bieten Jalousien Schutz. So leicht sind klare, lebendige Zeichen zu setzen.

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