Bauwerk

Kirche Oberrohrbach
Schermann & Stolfa - Oberrohrbach (A) - 2008
Kirche Oberrohrbach, Foto: Bruno Klomfar
Kirche Oberrohrbach, Foto: Bruno Klomfar
Kirche Oberrohrbach, Foto: Bruno Klomfar

Licht in der Schnecke

Eine Rarität im Architektenalltag: der Kirchenbau. In Oberrohrbach im Weinviertel glückte beim Neubau einer Kirche die Balance zwischen Spiritualität und pragmatischer Gelassenheit.

18. Januar 2009 - Franziska Leeb
Es sei „ein seltenes Ereignis im Berufsleben der meisten Architekten“, so Konrad Schermann und Werner Stolfa, den Auftrag zur Planung eines Kirchenneubaus zu erhalten. Auch für den Bauherren ist es eine rare Aufgabe, kann man hinzufügen, schließlich handelt es sich bei der Kirche in Oberrohrbach im Weinviertel – nach der Kirche in der Wiener Donau-City von Heinz Tesar – um den ersten Kirchenneubau in der Erzdiözese Wien seit acht Jahren. Seit den 1960er-Jahren musste man sich im Ort mit einer „Notkirche“ zufriedengeben. Als Versammlungsraum erfüllte diese zwar halbwegs ihre Funktion, besonders feierlich war das Ambiente in der Baracke aber nie, und festliche Anlässe wie Taufen oder Hochzeiten begingen die Pfarrmitglieder daher lieber anderswo. Sechs Architekturbüros – eine Mischung aus lokalen Architekten, solchen, die dem Bauamt bereits bekannt waren, und „neuen“ Teams – wurden 2004 daher zum Wettbewerb für den Neubau der zur Pfarre Kleinwilfersdorf gehörenden Filialkirche geladen. Konrad Schermann und Werner Stolfa, die bis dahin noch keine Referenzen im Sakralbau aufweisen konnten, entschieden den Wettbewerb für sich.

Dem Bauplatz auf einer Hügelkuppe zwischen der erwähnten Notkirche und der Florianikapelle aus dem 19. Jahrhundert schrieben sie einen schlichten Baukörper ein, der von einem über eine flach ansteigende Freitreppe erschlossenen Platz gefasst wird. Der Kirchenraum selbst entwickelt sich über einem annähernd ellipsenförmigen Grundriss. Ein flacher kubischer Anbau birgt Eingang, Nebenräume und nördlich gelegene Vorhalle. Ein frei stehender Glockenturm auf kreuzförmigem Grundriss am imaginären Schnittpunkt von östlicher und südlicher Gebäudeflucht definiert eine unmittelbare Vorzone. Auch wenn die Öffnungen der Betonhülle, die im Ton des Lehms der lokalen Weinberge gefärbt ist, sparsam gesetzt sind, bieten sie schon von außen viel Einblick in den Kirchenraum. Der Zugang hingegen ist in einer wohlüberlegt choreografierten Abfolge in Spiralform gestaltet und führt über einen Vorraum vorbei an einem kleinen bekiesten Lichthof in die Vorhalle der Kirche. Hier befindet sich symbolträchtig gleich am Eingang als Zeichen des Anfangs eines christlichen Lebens der Taufbrunnen, der zugleich als Weihwasserbecken genutzt wird. In der Nordwand der zum Kirchenraum hin offenen Vorhalle sind in einer horizontalen Reihe aus 14 quadratischen Fenstern die Kreuzwegstationen dargestellt.

Das Innere ist im Gegensatz zur harten Betonschale mit Platten aus Buchensperrholz verkleidet, die für eine Atmosphäre der Geborgenheit sorgen. In drei Segmenten sind die Bankreihen im Halbkreis um den Altarbereich angeordnet. Selbst wenn die 140 Sitzplätze nur spärlich besetzt sind, kommt dank der Konfiguration und Dimensionierung des Raumes, der nach oben mit einer auch akustisch günstig wirksamen, konvex gekrümmten Holzdecke abgeschlossen wird, keinerlei Gefühl von Verlorenheit auf. – Es gehört zur Mindestanforderung eines Kirchenbaus, adäquaten Raum für die Liturgie bereitzustellen. Schermann und Stolfa gelang es darüber hinaus, bei aller Schlichtheit und formaler Zurückhaltung eine ausgesprochen vielseitige Bühne für Inszenierungen und Rituale zu schaffen. Zusätzlich zum bereits geschilderten etappenweisen Heranführen in das Kircheninnere können dank dem weiteren, westlichen Ausgang und dem ausreichend dimensionierten Platz im Freien zu den entsprechenden Gelegenheiten Prozessionen durch die Kirche und um sie herum geführt werden.

Wohlüberlegt ist auch die Lichtregie, die stark zum Ausdruck des Raumes beiträgt: Die Morgensonne dringt durch das Oberlichtband in den Raum und fällt durch den vertikalen Schlitz am östlichen Ende der Schnecke direkt auf den Altar. Durch einen Lichtspalt in der Decke ergießt sich das Tageslicht über das raumhohe Altarkreuz aus geschliffenem Aluminium. Das warme Licht der Abendsonne dringt durch die Öffnung im Westen, vor der sich das Podest für den Kirchenchor befindet. Auch die künstliche Beleuchtung, die mit dem Lichtplaner Bernhard Steindl erarbeitet wurde, ermöglicht mitrelativ simplen Mitteln von einer schummrigen Grundbeleuchtung bis zu glanzvoller Helligkeit ein breites Spektrum an Lichtstimmungen. Im Sockel wird verdeckt ein LED-Licht als Orientierungslicht geführt. 20 an der Wand angebrachte Strahler sind jeweils mit einer Natriumdampflampe und einer dimmbaren Halogenlampe bestückt und in mehreren Gruppen schaltbar.

Für das konsensfähig gestaltete liturgische Inventar zeichnen die Architekten nicht verantwortlich. Altarraumgestaltung (Otto Lorenz), Kreuzweg (Tobias Kammerer) und Taufbecken (Silvia Kropfreiter-Weihsbeck), die sich durchaus dezent in die Architektur einfügen, gingen aus geladenen Künstlerwettbewerben hervor.

Auch wenn die künstlerische Ausgestaltung – wahrscheinlich auch aus Rücksichtnahme auf die vermeintlich weniger aufgeschlossene Landbevölkerung – die Rezipienten wenig zur geistigen Auseinandersetzung provoziert, hat mit dem städtebaulich und formal sorgfältig konzipierten Neubau die Erzdiözese Wien als Bauherr ein Bekenntnis zu ihrer kulturellen Verantwortung abgelegt und eine gerade im ländlichen Raum wichtige Vorbildrolle übernommen. Der mit Gespür für Ort und Zweck konzipierte Wettbewerbsbeitrag erfuhr in der Planungsphase in der Abstimmung zwischen Architekten, Diözesanbauamt und Pfarrgemeinde seinen Feinschliff. Insgesamt spürt man an der Ausstrahlung des Gebäudes und den architektonischen Details, dass es ein konstruktives, konfliktfreies Zusammenwirken der Beteiligten gewesen sein muss. Resultat dessen sind aber wohl auch die beiden Türen in der Ostfassade des Anbaus, die auf Wunsch der Pfarrgemeinde der Sakristei und einem Nebenraum einen direkten Zugang ins Freie verschaffen, und die zwei kleinen Fenster. Zweckmäßig mag das sein, Ruhe und Harmonie der Gesamtanlage werden jedoch durch die im Vergleich zu den übrigen elegant detaillierten Öffnungen banal ausgefallenen Elemente ein wenig gestört. Dennoch, insgesamt überzeugt die Oberrohrbacher Kirche durch eine angenehme Balance zwischen Spiritualität und pragmatischer Gelassenheit. Es handelt sich zwar „nur“ um eine winzige Dorfkirche, diese behauptet sich aber auch als städtebauliche Dominante im Ortsbild und ist zugleich eine der raren zeitgenössischen architektonischen Kostbarkeiten in der Region.

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