Bauwerk

Parc del Clot
Daniel Freixes, Vicente Miranda - Barcelona (E) - 1986
Parc del Clot, Foto: Udo Weilacher
Parc del Clot, Foto: Udo Weilacher
Parc del Clot, Foto: Udo Weilacher

Ein junger Klassiker mit zwei Gesichtern

Keine zwanzig Jahre alt und schon ein Klassiker? Den kleinen städtischen Parc del Clot, inmitten eines dichten Wohn- und Gewerbequartiers aus den sechziger und siebziger Jahren in Barcelona gelegen, darf man getrost als einen Klassiker der Landschaftsarchitektur des späten 20. Jahrhunderts bezeichnen, auch wenn nicht recht klar ist, ob es sich eigentlich um einen Park oder um einen Platz handelt. Doch vielleicht ist es gerade diese Mehrdeutigkeit, die ihn in jüngster Zeit wieder in den Mittelpunkt der Diskussion um die Gestaltung zukünftiger Stadtparks gerückt hat.

1. Oktober 2003 - Udo Weilacher
Die Olympischen Spiele von 1992 vor Augen, investierte Barcelona Mitte der achtziger Jahre enorme Energie und Kreativität in ein Programm zur Schaffung von Parks, Plätzen und anderen öffentlichen Einrichtungen zum Wohl der Stadtbevölkerung und zur Erbauung der Touristen. In erster Linie waren es der sorgsame Umgang mit innerstädtischen öffentlichen Räumen, die markante architektonische Gestaltung von Parks und Plätzen sowie die intelligente Integration von bildender Kunst in den öffentlichen Raum, die als beispielhaft galten und die die katalanische Metropole zum international anerkannten Modell für innerstädtische Freiraumgestaltung avancieren liessen.

Eine der wichtigsten Strategien zur Schaffung von neuen Freiräumen, die auch für andere europäische Städte vorbildlich wurde, basierte auf einer Bestimmung aus dem Generalplan für Barcelona aus dem Jahr 1976. Diese sah vor, dass einstige Industrieflächen der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden sollten. Die Schliessung alter Schlachthöfe, Fabriken, Werkstätten und Steinbrüche oder die Stilllegung von Eisenbahnanlagen setzten Räume frei, die in der dichten Stadt zu Parks und Plätzen umgewandelt werden konnten. Häufig bezog man Teile alter Industrieanlagen in die Gestaltung ein und integrierte darin teilweise öffentliche Einrichtungen wie zum Beispiel Bibliotheken.

Der Parc del Clot entstand zwischen 1985 und 1986 nach den Plänen der Architekten Dani Freixes und Vicente Miranda auf dem ehemaligen Werkstattgelände der Red Nacional de los Ferrocarriles Españoles (Renfe). Das 27 000 Quadratmeter grosse Areal der staatlichen Eisenbahngesellschaft Spaniens war noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts benutzt worden; es hatte sich ursprünglich am Rand eines nordöstlich vor der Stadt gelegenen Dorfes befunden, das im Lauf der Zeit vom rasanten Stadtwachstum eingeholt wurde.

An die ehemalige Kulisse des Werksgeländes mit seinen Industriehallen und -schloten aus rotem Backstein erinnert heute noch jener Teil der erhaltenen Fassaden, der - romantischen Ruinen im klassischen Landschaftspark gleichend - die nördliche Parkhälfte einfasst, sowie ein imposantes Industriekamin. Es markiert als weithin sichtbares Wahrzeichen die nordöstliche Ecke des Parks, wo eine breite Treppe aus dem tiefer liegenden Stadtquartier durch die alten Torbogen des Fabrikgebäudes in den Park hinaufsteigt. Ein hochgelegter Steg und eine lange Pergola-Passerelle führen von den gegenüberliegenden Seiten des Parks und aus dem angrenzenden Wohnquartier diagonal auf den Schlot zu und durchqueren dabei die beiden unterschiedlich charakterisierten Hälften der Parkanlage: parkartig gestaltet der nördliche Teil, platzartig konzipiert der südliche.

Als ein Zitat von Landschaft ist der Nordteil der Anlage zu lesen, den ein grosser, naturalistisch geformter Rasenhügel akzentuiert. An seinen Flanken breitet sich mediterrane Blütenpracht aus, während der Fuss des Hangs an drei Seiten von einer Art kleinem Waldgürtel, einem dichten Pinienbestand, gefasst wird.

Versteckt hinter dem Waldsaum, in der nördlichen Ecke des Parks, ist ein Teil des alten Gewölbeskeletts der Werkshalle zu entdecken. Vom Dach befreit, wirkt es wie ein uralter Pavillon. Im schattigen Zentrum der mit Efeu berankten Konstruktion, mitten in einem quadratischen Reflexionsbecken, verbreitet die grosse, expressive Bronzeskulptur «Rites of Spring» des amerikanischen Künstlers Bryan Hunt eine meditative Stimmung. Nur vom nahe gelegenen Kinderspielplatz, auch er von Pinien umfasst, dringt immer wieder das Gejauchze ausgelassen spielender Kinder in den Meditationsraum.

Am östlichen Fuss des Hügels, der seine Existenz dem Aushub des Bauschutts verdankt, bestimmt eine kleine Wasserfläche mit stilisiertem Strand die Szene. Einem kleinen Aquädukt gleichend, schiebt sich die alte Backsteinfassade mit ihren Segmentbogenfenstern zwischen den Hügel und die von Bäumen flankierte angrenzende Quartierstrasse. Tatsächlich rinnt entlang der Mauerkrone ein kleiner Wasserlauf; er giesst in das Becken einen 25 Meter breiten Wasservorhang, der für eine erfrischende Geräuschkulisse sorgt und für spürbare Abkühlung in der Hitze.
Ein formaler Kontrast zur abwechslungsreichen Miniaturlandschaft ist die architektonisch gestaltete südliche Hälfte des Parks; sie besteht aus einem tiefer gelegenen Platz, gefasst von zwei grossen Sitztreppenanlagen. Das um etwa drei Meter abgesenkte Niveau entstand, nachdem man die Werkhalle bis auf die Ebene des Untergeschosses abgetragen hatte. Von den Sitztreppen aus, vor allem aber auch von der Pergola-Passerelle, die den Platz in der Höhe überquert, kann man bequem dem Treiben der Jugendlichen auf dem Platz zusehen. Vier grosse Lichtstelen sorgen dafür, dass ihr unermüdliches Ballspiel auch nach Einbruch der Dunkelheit noch lange nicht zu Ende geht. Im gesamten Park sorgt gezielte Illumination für die stimmungsvolle Inszenierung der landschaftlichen und der baulichen Kulissen im Parc del Clot.

Der Park hat bei den Anwohnern von Anfang an grossen Anklang gefunden. Sie schätzen die vielfältige Nutzbarkeit der unterschiedlichen Park- und Platzbereiche, wo nahezu jede Altersgruppe ihre Nische findet. Die Faszination der Menschen für «ihren» Park ist aber auch den einprägsam komponierten Bildern zu verdanken, die besonders im Parkteil an romantische Impressionen aus englischen Landschaftsgärten anknüpfen. Malerische Ruinen, eingebettet in ein arkadisches Ambiente, waren schon im 18. Jahrhundert ein beliebtes Motiv gewesen.

Der Parc del Clot ist ein Park des 20. Jahrhunderts, in dem sich aktuelle und geschichtliche Strukturen komplex überlagern und sich zu neuen Bildern fügen. Gerade wegen des ideenreichen Umgangs mit den vorgefundenen Resten des Industriezeitalters und aufgrund der gelungenen Uminterpretation und Umnutzung der Fabrikruinen avancierte der Park in der internationalen Landschaftsarchitektur zum vielzitierten Vorbild.

Die Multioptionsgesellschaft des 21. Jahrhunderts schätzt an diesem Park den hybriden Charakter, der beides verspricht: das Idealbild schöner Natur als Zitat von «Landschaft» in der Stadt als auch das Zitat von «Platz», das gutes, kulturell reichhaltiges städtisches Leben verheisst.

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