Bauwerk

Kai 36
Lam Architektur - Graz (A) - 2020
Kai 36, Foto: Dietmar Reinbacher
Kai 36, Foto: Dietmar Reinbacher
Kai 36, Foto: Dietmar Reinbacher

Mit dem Rücken zum Berg

Unkonventionell und gleichermaßen seriös: So beschreibt die Jury der Geramb-Rose die Herangehensweise an ein neues Stadthotel im Herzen von Graz. Die Herausforderung dabei: die Adaptierung eines mehr als 400 Jahre alten Denkmals am Fuße des Schlossbergs.

12. Dezember 2020 - Karin Tschavgova
Da war die Welt des Städtetourismus noch in Ordnung. „Hotel-Boom: Zehn neue Hotels in Graz sind gerade im Anflug“, titelte eine Grazer Zeitung im November 2019. Die Nächtigungszahlen in Graz stiegen im Herbst um zehn Prozent, die Aussichten für eine Fortsetzung des Aufwärtstrends schienen rosig. Selbst der Tourismus-Chef, bekannt als besonnener Manager, war voller Zuversicht, bis 2023 eine halbe Million an Übernachtungen dazugewinnen zu können, und meinte, dass Graz diese Hotelneubauten „vertragen“ könne.

Nun kam es ganz anders, doch da das Planen und Bauen lange Vorlaufzeiten verlangen und einiges zu diesem Zeitpunkt schon „in der Pipeline“ war, wurden 2020 in Graz tatsächlich zwei neue Hotels eröffnet. Das der Hotelkette beim Hauptbahnhof muss nicht extra vorgestellt werden. Das andere jedoch, das sich bescheiden nach seiner Adresse nennt, lohnt näherer Betrachtung. Es vereint in sich mehrere Themen des Bauens im historischen Zentrum von Graz, die eine Herausforderung für das Weltkulturerbe sind. „Kai 36“ liegt in der Verlängerung der Sackstraße, einer der ältesten Straßen von Graz am Fuße des Schlossbergs, die durch ein Tor vom Kai am Ufer der Mur getrennt war. Auch wenn sich der Blick dort weiten kann und die Uferstraße von Bäumen gesäumt ist, stehen die Häuser am Kai dicht aneinandergebaut, mit dem Rücken zum steilen Hang des Schlossbergs. Das Haus mit einem auffallend weit ausladenden Schleppdach über drei Geschoße nimmt eine Sonderrolle ein. Es ist eines der ältesten, in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts errichtet. Trotzdem stand es lange leer, bis der Grazer Rennsportmanager Helmut Marko es kaufte und beschloss, es auszubauen und seinem Portfolio von drei Hotels hinzuzufügen. Der Umbau wurde in die Hände von Nicole Lam gelegt, die bereits den jüngsten Neubau, das Hotel „Lend“, für den Hotelier geplant hatte.

Mit dem unter Denkmalschutz stehenden Ensemble betrat die Grazer Architektin Neuland. In enger Abstimmung mit dem Denkmalamt und der Altstadtkommission wurde die historische Struktur freigelegt und lediglich ein neuer Treppenaufgang geschaffen, der nun auch innen liegend den Hofflügel erschließt, der früher nur über einen Balkon zugänglich war. Anstelle eines steilen Pultdachs wurden diesem Hoftrakt zwei Ebenen mit Hotelzimmern aufgesetzt. Das Haupthaus blieb in seiner ursprünglichen Gestalt erhalten, die Fassade wurde denkmalgerecht saniert. Mehrere Achsen im Erdgeschoß schloss die Architektin durch gut gesetzte Durchgänge zu einem Kontinuum mit unterschiedlichen Gewölben zusammen, die jetzt eine Café-Bar mit kleiner, offener Küche, die Rezeption und den Treppenaufgang enthalten. In diesem zur Straße gewandten Bereich, der vermutlich auch in früheren Zeiten unterschiedliche Funktionen hatte und jetzt noch durch Stufen unterbrochen wird, entstanden atmosphärisch differenzierte Orte des Verweilens. Das radikal Neue zeigt sich erst, wenn man mit Lift oder Treppe an Höhe gewinnt und aus dem Hofhaus hinaus auf eine der oberen Hangterrassen tritt. Dem dritten Bestandsgebäude im Hof, einem frei stehenden, dicht am Fels gebauten Stöckl wurde ein Geschoß aufgesetzt, das nun von oben über eine kleine Terrasse mit Wiesenfläche erreicht wird. Noch höher, eine Terrassenstufe weiter, das einzige gänzlich neue Implantat: ein kleines Hofhaus für ein Apartment und die Toiletten für die Nutzer der Freiräume. Ensemblewirkung mit den beiden Dachaufbauten entsteht, weil alle drei Dächer wie eine Plastik bearbeitet und geformt und über die Fassaden hinab mit Kupferblech überzogen wurden. Spürbar ist auch, dass der kleine Neubau in einem guten Verhältnis zum überbauten Bestand steht. Lage und Proportion sind wohlüberlegt. Das erzeugt Spannung.

Mit diesen Einbauten, aber auch mit der Vielfalt der Freiräume unter Einbeziehung vorhandener Geländestufen und der neu genutzten Terrassen, Treppen und Zugangswege entsteht ein lebendiges Ganzes – erkennbar als Zeitschicht von 2020. Dass die Gratwanderung zwischen Bewahrung und Erneuerung im historischen, über die Jahrhunderte unterschiedlich genutzten Denkmal mit diesem Plan gelingen kann, erkannte die Grazer Altstadtkommission offensichtlich und genehmigte ihn trotz der sensiblen Lage am gut einsehbaren Abhang des Schlossbergs. Für den Bauherrn war die Erweiterung unabdingbar, entstand doch auch mit den Aufbauten nur eine Anzahl an Zimmern, die für kühle Rechner noch immer weit unter den üblichen Grenzen der Wirtschaftlichkeit liegt.

Die Gäste erwarten 21 individuell gestaltete Zimmer, die mit dem Lift, im Stiegenaufgang oder über den kleinen Innenhof erst gefunden werden wollen. Wenn auch unter den riesigen Dachflächen das Gebälk sichtbar blieb, so zeigt sich doch überall im Inneren das Bedürfnis der Architektin, dem Haus ohne rechte Winkel eine frische, unkonventionelle Note zu verleihen. Sanitärzellen bleiben als Raum im Raum ersichtlich, und die Treppe ins oberste Geschoß wird als formschönes, kompaktes Möbel gestaltet. Wo nichts im Lot war, wurden Böden so verlegt, dass Puristen vermutlich die Nase rümpfen – schräg, in ungewöhnlichen Formaten und im Materialmix Naturstein und matt belassenes Holz. Nichts wirkt luxuriös. Öffentliche Bereiche wie das Café, das auch der Frühstücksraum für die Hotelgäste sein wird, sollten die Intimität von Wohnräumen spiegeln. Was man aus Lokalen in hippen Stadtquartieren von Berlin oder München kennt, findet sich auch hier – Naturmaterialien und Detailverliebtheit, ein üppiger Mix an Mobiliar und überall Kunst an den Wänden.

Am Kai Nummer 36 wurde auf äußerst schwierigem Terrain ein Mehrwert geschaffen, der zeigt, dass Erhaltung und sensibles Weiterbauen unserer historischen Stadtlandschaften nicht nur notwendig sind, um eine Stadt am Leben zu halten, sondern auch befruchtend schön sein können. Die Jury der Geramb-Rose 2020 sah im Hotel „ein hervorragendes Beispiel dafür, dass ein Bestandsobjekt, das für eine ganz andere Nutzung vorgesehen war, eine neue räumliche Vielfalt entwickeln kann“. Der Gast, der in jeder Stadt das Besondere finden und hinter die Kulissen, die historischen Fassaden, blicken will, wird hier das Gefühl haben, ins Innere vorgedrungen und für die Zeit seines Aufenthalts willkommen zu sein.

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