Zeitschrift

UmBau 23
Diffus im Fokus - Focus on Blur
UmBau 23
zur Zeitschrift: UmBau
Herausgeber:in: ÖGFA
Als wir den Call for Papers für die vorliegende Ausgabe des UmBau formulierten, gab es unterschiedliche Auffassungen über die Frage, worauf das Phänomen „Unschärfe“ in der Architektur zurückzuführen sei. Die heftigsten Diskussionen entstanden um die These, es handle sich um eine Flucht in den Ästhetizismus, also um die eskapistische Abwendung von einer Welt, in der gerade heute immer mehr klare Fronten sichtbar und wirksam würden. Welchen anderen Sinn hätte die Anrufung des Diffusen sonst in einem geistigen Umfeld, das mit der Einteilung der Welt in die Achsen „Gut“ und „Böse“ zu entschlossenem Handeln gefunden hat? Wo politische Allianzen nach dem Motto „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“ geschmiedet werden, ist wohl kein Platz für das Diffuse.

Inzwischen hat sich die politische Großwetterlage etwas geändert. Von einer neuen Ordnung der Welt ist trotz gegenteiliger Rhetorik nichts zu spüren. Und fast scheint es, als hätte die Politik einen kurzen eskapistischen Ausflug in eine Welt der klaren Fronten unternommen, während die Architektur der Unschärfe den Komplexitäten und inneren Widersprüchen der Welt eher gerecht wird, wenn auch primär mit ästhetischen Mitteln.

Es ist also durchaus passend, wenn wir ein Interview mit Robert Venturi und Denise Scott Brown an den Anfang der vorliegenden Ausgabe stellen. Lässt man Mehrdeutigkeit als eine Form des Diffusen gelten, hat sich die Architektur schon seit bald 50 Jahren mit diesem Phänomen beschäftigt. Dass Unschärfe in der Architektur keine primär formale Frage ist, zeigt der Europan-Beitrag von Wolfgang Kölbl für Waidhofen an der Ybbs, ein „Entwurfs-Prolog“, der bewusst ein diffuses, teilweise ironisch vermintes Planungsfeld aufspannt, anstatt eine klare Lösung anzubieten. Der Fotoessay von Gisela Erlacher führt scheinbar in die Antithese des Diffusen, in die engen Räume von Bunkern und Haftanstalten. Aber auch hier lauert in der Abfolge der Bilder, wenn der Unterschied zwischen Schutzraum und Gefängnis zu verschwimmen beginnt, ein Moment der Unschärfe.

Der wissenschaftliche Teil bringt diesmal 9 Beiträge, die von Kari Jormakka ab Seite 52 eingeleitet werden. Wir hoffen, dass die vorliegende Ausgabe in aller gebotenen Klarheit dem Thema gerecht wird. Christian Kühn

10 Vorwort | Christian Kühn

12 In Memoriam Ernst Hiesmayr | Christian Kühn
14 Signs and Systems | Robert Venturi and Denise Scott Brown talking with Dörte Kuhlmann
19 Übereifrige Aufklärung | Christian Kühn
22 Ende der Illusionsarchitektur | Wolfgang Koelbl
46 Keine Angst vorm Ornament | Anita Aigner
52 Unbrauchbar: Ein Lexikon als „Ansatzpunkt für weitere Recherchen“ | Tatiana Winkelmann
56 10 Jahre nextroom | Christian Kühn
58 Nachrufe | Christian Kühn

FotoEssay
64 UnterGrund | Gisela Erlacher
98 Schutzraum und Zelle. Der Augenblick der Freiheit | Gabriele Ruff

Focus on Blur
100 Foreword: Blur Blur Blur | Kari Jormakka
104 The Spheres of Peter Sloterdijk | Andreas Leo Findeisen
111 Erosion der Erinnerung | Arne Winkelmann
129 Architektur ohne Architekten | Christian Junge
140 Cultural Blur and the Return of Minor Languages | Philip Loskant
148 The Blurred Inframince of Exteriority | Thomas Mical
160 R&Sie reading Bataille’s „Formless“ | Ingrid Böck
173 Das Entgleiten der Form | Manfred Russo
189 Als ob einem die Augenlider weggeschnitten wären | Wulf Walter Böttger
202 The Production of Diffuse Spaces | Markus Jatsch

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Weiterführende Links:
Verlag Anton Pustet

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