Zeitschrift

TEC21 2009|20
Im besten Alter
TEC21 2009|20
zur Zeitschrift: TEC21
Verlag: Verlags-AG
Das Parlamentsgebäude (so die korrekte Bezeichnung des mittleren Teils des Bundeshauses) ist das wichtigste Gebäude der Eidgenossenschaft. Zum ersten Mal seit seinem Bau 1894–1902 ist es umfassend saniert worden. In Zürich wird zurzeit das Schulhaus Chriesiweg von 1957 erneuert; es ist vielleicht das wichtigste Schulhaus der Stadt aus den Nachkriegsjahrzehnten. Diese Renovationen, beide mit überdurchschnittlicher Sorgfalt ausgeführt, geben Anlass zu Betrachtungen darüber, wie der Lauf der Zeit unseren Blick auf Bauten verändert.

Das Parlamentsgebäude wurde als stark genutztes, multifunktionales Gebäude im Lauf von hundert Jahren immer wieder neuen Ansprüchen angepasst. Neue Nutzungen und technische Verbesserungen wurden eingefügt. Die Interventionen spiegelten den jeweiligen gestalterischen Zeitgeist, es wurden «moderne» Räume geschaffen, weil die üppige Gestaltung von 1902 nicht mehr «zeitgemäss» schien. Bei der jüngsten Renovation sind sie alle rückgängig gemacht worden: Die abgehängten Decken wurden herausgerissen, ebenso das Labyrinth der Presseräume im Dachgeschoss, vermauerte Fenster wurden wieder geöffnet, Gewölbe, Wandgliederungen, Dekorationen und die einstige Farbigkeit wurden befreit und rekonstruiert. Das ursprüngliche Raum- und Gestaltungskonzept von Architekt Hans Wilhelm Auer ist nun wieder sichtbar – und siehe da: Es eignet sich offenbar hervorragend für die Aufgaben, die das Gebäude zu erfüllen hat.

Das Schulhaus Chriesiweg wurde in fünfzig Jahren nie verändert. Es muss nur instand gestellt und heutigen Energie- und Sicherheitsstandards angepasst werden. Konzeptionell ist nichts zu tun, denn die Anlage war damals der Zeit weit voraus. Beispielsweise sind den Schulzimmern Gruppenräume beigeordnet, also genau das, was heute bei Schulhausrenovationen meist mühsam eingebaut werden muss. Gruppenunterricht in entsprechenden Räumen gehört seit den 1950er-Jahren zu den Forderungen moderner Pädagogik. Doch abgesehen vom Schulhaus Chriesiweg, das die Zürcher Stadtregierung als Musterschule im Rahmen der Ausstellung «Das neue Schulhaus» 1953 im Kunstgewerbemuseum planen liess, dauerte es ein halbes Jahrhundert, bis sich das Postulat in der schulischen Praxis und in den Bauprogrammen niederschlug.

Beide Bauten wurden gekonnt entworfen und konsequent nach ihrem gestalterischen Konzept realisiert, beide wurden wegen ihres hohen Ansehens nie massiv beeinträchtigt. Deshalb können sie sich heute – nach fünfzig bzw. hundert Jahren und einer Gesamtrenovation – in ihrem besten Alter präsentieren.
Ruedi Weidmann

05 WETTBEWERBE
Neugestaltung Bahnhofplatz, St. Gallen

13 MAGAZIN
Publish or perish – zwei Rezensionen

18 EIN GANZES AUS ALT UND NEU
Bernhard Furrer
Zum ersten Mal ist das Parlamentsgebäude umfassend renoviert worden. Die Analyse der historischen Substanz, die Restaurierungen und die Ergänzungen zeichnen sich durch ausgesuchte Sorgfalt aus.

26 FRISCH WIE EINST
Michael Hanak
Die 1. Etappe der dezenten Instandsetzung des Schulhauses Chriesiweg in Zürich ist abgeschlossen. Nach Abschluss der 2. Etappe werden sich die bedeutenden Pavillonbauten wieder in alter Frische zeigen.

33 SIA
Besichtigung Learning Center EPFL | Kurs: Finanzielle Führung | «Energieleitbild Bau»

37 PRODUKTE

45 IMPRESSUM

46 VERANSTALTUNGEN

teilen auf

Weiterführende Links:
Verlags-AG der akademischen technischen Vereine

Tools: