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db deutsche bauzeitung 09|2010
Temporär
db deutsche bauzeitung 09|2010

Wider den Lärm

OpernPavillon »21 MINI Opera Space«

Kein Aufschrei, kein Entsetzen – der silbrig-kühle, spitzwinklige Pavillon auf dem Marstallplatz in München scheint trotz Dornen und Zacken beim Publikum anzukommen – bzw. angekommen zu sein, schließlich nähert sich seine Zeit dem Ende. Gerade wegen seines harten Kontrasts zur Umgebung belebt er wohltuend provokant den Platz. Die Entwurfsherleitung für die Gestaltung des Pavillons ist allerdings genauso kühn wie sein Outfit: Auf die Außenhülle wurde formal eine Sequenz aus einem Song Jimi Hendrix' und aus einer Oper von Mozart transkribiert. Kann Musik Ideengeber sein und sich ein temporäres, dünnes Leichtbauwerk für eine Opernaufführung eignen?

7. September 2010 - Klaus F. Linscheid
München als wohltemperierten Nährboden avantgardistischer Architektur zu bezeichnen, wäre mehr als verwegen. Dazu ist die bajuwarische Seele viel zu traditionsbewusst und die sprichwörtliche »Gemütlichkeit« den Münchnern ein viel zu hohes Gut. Was nicht bedeutet, dass es in der »nördlichsten Stadt Italiens« nicht richtungsweisende Bauwerke gäbe – allen voran – und mit weitem Abstand – das Olympiastadion, das den erst kürzlich verstorbenen Günter Behnisch international bekannt machte. Auch die Pinakothek der Moderne und die BMW Welt locken jährlich tausende Besucher an – u. a. wegen ihrer Architektur. »Gegner« letztgenannter Projekte hielten mit ihrer Kritik nie hinterm Berg. Und nun explodiert mitten im Herzen Münchens, auf dem Marstallplatz gegenüber der 1820-22 von Leo von Klenze errichteten ehemaligen Hofreitschule des Bayerischen Königshauses, eine architektonische Bombe – doch dieses Mal schauen die Münchner gelassen zu.

Die 2,1 Mio. Euro teure mobile Spielstätte für die Opernfestspiele ist das dritte Münchner Projekt der Wiener Himmelsstürmer COOP HIMMELB(L)AU. Nach nur achtmonatiger Planungszeit ging der Wunsch von Staatsoper-Intendant Nikolaus Bachler nach einer »ästhetisch aufregenden Lösung« in Erfüllung. Einen »Ort der Begegnung und des Austauschs« sollte Wolf D. Prix kreieren, der diesen Auftrag nach eigenen Angaben bei einem Treffen mit Bachler im Wiener Burgtheater erhielt. Finanziert wurde das Projekt zu je einem Drittel vom Freistaat Bayern, der Bayerischen Staatsoper und vom Projektpartner BMW-Group/MINI, wodurch sich auch der Name erklärt.

Als temporäres Gebäude fällt der Pavillon in die Kategorie Fliegende Bauten und unterliegt somit einem vereinfachten Baugenehmigungsverfahren. Unmittelbar auf das Pflaster des Platzes gestellt, konnte er in wenigen Wochen montiert und kann er binnen rund zwei Wochen wieder demontiert werden. Ob er, wie geplant, nach Ende der vierwöchigen Spielzeit in München eine »Reise um die Welt« zu anderen Spielstätten und Orten antreten wird, um einen Teil der Baukosten reinzuholen, ist noch offen. Zunächst wird er wohl Mitte September abgebaut und zwischengelagert werden. Die Aufgabenstellung, ein Widerspruch in sich?

Der in Leichtbauweise errichtete, mobile Musikpavillon für 300 sitzende bzw. 700 stehende Besucher sollte eine gute Akustik haben und gleichzeitig den Lärm der Stadt abschirmen. Keine einfache Aufgabe, da insbesondere tiefere Frequenzen, wie sie beispielsweise durch Fahrzeugverkehr entstehen, nur durch schwere Materialien zuverlässig in den Griff zu bekommen sind. Der für einen Kammermusiksaal übliche Hintergrundgeräuschpegel von maximal 25 dBA kann mit Leichtbauweise nicht erreicht werden. Ziel der Planer war jedoch, einen Hintergrundgeräuschpegel von 35 dBA für die niedrigen Frequenzen nicht zu überschreiten. Am Marstallplatz wurden zwar keine exakten Schallmessungen durchgeführt, doch weisen vergleichbare Plätze einen Geräuschpegel von rund 55 dBA und Lärmemissionen durch Fahrzeugverkehr von 65 bis 75 dBA auf.

Gelungen: Ein »akustisches schwarzes Loch«

Die Strategie, das Unmögliche möglich zu machen, lautet »Soundscaping« und geht so: Man erzeuge eine »Geräuschkulisse«, die Umgebungslärm reduziert – und schaffe gleichzeitig geräuscharme Bereiche um den Pavillon herum. Dazu waren drei Maßnahmen erforderlich, die zusammen mit dem Londoner Akustikplaner Arup entwickelt wurden: Erstens die Abschirmung zur (hier kopfsteingepflasterten) Straßenseite. Zweitens eine Gebäudegeometrie, die durch die Ausrichtung der Oberflächen Schall sowohl absorbiert als auch umlenkt. Und drittens die Verwendung zusätzlich Schall schluckender bzw. reflektierender Materialien für die Außenhaut und für das Podest vor dem Pavillon. Dieses sowie die Rampen, die zur Überbrückung eines installationstechnisch erforderlichen Höhenunterschiedes zwischen Marstallplatz und Pavillon von mehreren Seiten auf das Gebäude zu führen, bestehen aus einem roten Tartanboden. Der Kunststoffbelag erinnert an einen roten Teppich und federt beim Betreten ein wenig.

Und weil all das eventuell immer noch nicht ausreicht, alle möglicherweise auftretenden Hintergrundgeräusche ausreichend zu dämmen, empfahlen die Planer, die meisten Darbietungen im Pavillon zu verstärken, um die Hintergrundgeräusche zu übertönen und mögliche Beeinträchtigungen während einer Aufführung zu vermeiden.

Offensichtlich hat sich das Gesamtkonzept bewährt. Nach Ende der Spielzeit zeigt sich die Bayerische Staatsoper jedenfalls zufrieden und bestätigt, dass das Feedback der Besucher »durchweg positiv« ausgefallen sei.

Gestalterisch handelt es sich bei dem Opernpavillon um eine Box mit einer bespielbaren Fläche von 21 x 17 m und einer Höhe zwischen 6 und 8 m. Ein »akustisches schwarzes Loch«, wie die Architekten sagen, »das die sinnliche Wahrnehmung um den Pavillon und am Marstallplatz verändert und so die Aufmerksamkeit zusätzlich zum visuellen Eindruck erhöht«. Die Box ist modular zusammengesetzt, so dass sie in Seecontainer verpackt und weiter transportiert werden kann, ihre Primärkonstruktion besteht aus einem Stahltragwerk. Die erforderliche Schalldämmung ergibt sich durch den Schichtenaufbau: Einem 50 mm dicken Metallsandwichpaneel im Innern folgt ein 200 mm tiefer Luftraum und als Außenhaut eine 3 mm dicke, teilweise perforierte, eloxierte und gebürstete Aluminiumbekleidung. Erst zum Schluss wurden außen die markanten »Spikes« – pyramidenartige Schallkörper, die wie Dornen auf der Fassade sitzen – angebracht. Sie haben jedoch keine Entsprechung im Inneren.

Im Gegensatz zum ursprünglichen Konzept, das noch rund herumlaufende Elemente vorsah, beschränkt sich der realisierte Pavillon (aus Budgetgründen!) auf die Ausbildung der Schallkörper nur an der Nordwestseite. Das ist insofern bedauerlich, als sich dadurch jetzt eine eindeutige Rückseite ergibt, die auch noch lieblos mit Technikcontainern drapiert wurde – für das angrenzende Café kein angemessenes Gegenüber. Die Nutzung an anderen Orten wird durch die einseitige Schalldämmung zudem weniger flexibel.

Neugierig machender Fremd- und Resonanzkörper

Ob COOP HIMMELB(L)AU mit diesem Gebäude Maßstäbe gesetzt hat, mag dem persönlichen Urteil jedes Einzelnen nach einem Besuch vor Ort überlassen bleiben. Ein Zeichen haben die Wiener damit aber allemal gesetzt. Was hier in wenigen Wochen Bauzeit entstanden ist, gibt nicht nur eine akzeptable Antwort auf diesen Ort – es ist wahrscheinlich die einzig mögliche Reaktion. Ein – in positivem Sinne des Wortes – »Fremdkörper«, der neugierig macht, eigenständig ist und gar nicht erst versucht, auf den »genius loci« zu reagieren. Die Sorge vieler Münchner, dass durch den Pavillon der Blick auf den Marstall verdeckt würde, erwies sich übrigens als unbegründet. Im Gegenteil: Schlendert man aus Richtung Maximilianstraße am Probengebäude der Bayerischen Staatsoper vorbei, weckt der Blick auf die stachelige Fassade Interesse. Zumindest diese Ecke erfüllt den beabsichtigten Zweck. Der Kontrast zum dahinter liegenden Marstallgebäude ist phänomenal und mutig zugleich. Hier kann man den Architekten beipflichten: »Gute Architektur hat immer Maßstäbe gesetzt, sie war nie reaktiv, sondern immer aktiv«. Ebenso kann man Wolf D. Prix’ Wunsch nachvollziehen: »Ich hoffe, dass der Pavillon fehlen wird, wenn er abgebaut wird«und die Leere zurückkehrt auf den Marstallplatz.

Gebaute Musik?

Ein Wermutstropfen aber bleibt: War im Entwurf des ursprünglich mit umlaufenden Schallkörpern gespickten Pavillons noch »Musik drin«, sind beim realisierten Gebäude davon nur wenige Noten übrig geblieben. Mozarts »Don Giovanni« und Jimi Hendrix‘ »Purple Haze« haben Wolf D. Prix angeblich zu dieser Fassade inspiriert. Aus letzterem wurde die Sequenz »Scuse me while I kiss the sky« herausgefiltert und durch Verknüpfung mit dem computergenerierten 3D-Modell über ein »Scripting« in formgebende Elemente umgewandelt. So soll die Musik, wenn auch dieser Vorgang für Laien schwer nachvollziehbar ist, räumlich erfahrbar gemacht worden sein.

Parallelen zwischen Musik und Architektur sind spätestens seit Iannis Xenakis‘ Phillips-Pavillon für die Brüsseler Weltausstellung 1958 bekannt. Doch das Münchner Ergebnis erinnert leider weniger an die »dreidimensionale Umsetzung von Musik in Architektur«. Musik ist schließlich mehr als die Summe einzelner Töne.

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Für den Beitrag verantwortlich: deutsche bauzeitung

Ansprechpartner:in für diese Seite: Ulrike Kunkelulrike.kunkel[at]konradin.de

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