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Land der Moderne widmet sich den Spuren und Zeugnissen der bisher kaum beachteten Nachkriegsarchitektur in Kärnten. Ausgewählte, bemerkenswerte Bauten werden anhand der historischen Pläne und zeitgenössischer Aufnahmen aus dem Nachlass des Fotografen Hans-Jörg Abuja vorgestellt. Aktuelle Ansichten zeigt ein Fotoessay von Gerhard Maurer. Die Hinweise zur Baugeschichte und zu den beteiligten ArchitektInnen und Büros ergeben ein spannendes und komplexes Bild der Architekturlandschaft im südlichsten Bundesland Österreichs zwischen 1945 und 1979. Zugleich werden damit auch die Einflüsse der internationalen Architekturszene sichtbar.

„Schon Banham meinte: Aufbruch zur Gegenwart gelingt nur durch Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Aber ist die Moderne vergangen? Bauwerke jedenfalls haben den Vorzug, stets gegenwärtig zu sein – wo wir dies zulassen. Wo wir uns dafür einsetzen.“ (Albert Kirchengast zum Buch)

Herausgeber:in
Lukas Vejnik
Verlag
Ritter Verlag
ISBN
978-3-85415-603-1
Sprache
Deutsch
Publikationsdatum
2020
Umfang
240 S., mit zahlr. Sw- u. Farbabb.
Format
Broschur, 17 x 24 cm

Presseschau

17. Mai 2020 Maik Novotny
Der Standard

Forschungsprojekt: Die moderne Architektur Kärntens

Die Architektur der Nachkriegszeit wird nach und nach wiederentdeckt, aber Kärnten blieb bisher ein weißer Fleck. Ein Forschungsprojekt dokumentiert nun die Ära der Süd-Moderne

„Alles Leben ist abgewandert in Baukästen, / neue Not mildert man sanitär, in den Alleen / blüht die Kastanie duftlos.“ Eine Architektur der trostlosen Sauberkeit beschreibt Ingeborg Bachmann 1957 in ihrem Gedicht Große Landschaft bei Wien.

Klinisch reine Kästen, ein Vorurteil, mit dem die Bauten, mit denen der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg vonstattenging, heute noch oft konfrontiert werden. Dabei war das nicht immer so. Auch nicht in Ingeborg Bachmanns Heimat Kärnten. Klagenfurt und Villach waren im Krieg stark zerstört worden, Villach war sogar nach Wiener Neustadt die am stärksten betroffene Stadt Österreichs. Es gab viel zu tun, viele Wunden zu schließen. In den Städten entstanden Verwaltungsbauten, Wohnbauten, Schulen, Gemeindezentren und Kirchen, außerhalb der Städte Seilbahnstationen und Kraftwerke.

„Wenn man die Berichte in den Lokalzeitungen der 1950er- und 1960er-Jahre liest, sind sie oft euphorisch“, erklärt der junge Architekturforscher Lukas Vejnik. „Öffentliche Bauten konnten in Kärnten nicht modern genug sein, von Traditionalismus keine Spur!“ Vejnik hatte sich seit langem mit dem Hotel Obir in seinem Heimatort Bad Eisenkappel beschäftigt, ein 1977 eröffnetes rotbraunes Stück Adria-Moderne mitten im Ortszentrum, seit langem leerstehend. „Ich habe mich gefragt, ob es ähnliche Bauten in der Region gibt und ob sie überhaupt dokumentiert sind.“

Große Lücken

Die Antworten auf diese beiden Fragen fanden sich schnell: Die erste: Ja. Die zweite: Nein. „Nicht nur werden die Bauten heute kaum wertgeschätzt, es klafft hier auch eine große Lücke in der Architekturgeschichtsschreibung“, sagt Lukas Vejnik. Im Dezember 2018 bekam er für sein Projekt Architektur. Kultur. Landschaft. Nachkriegsmoderne im Alpen-Adria-Raum das Kärntner Architekturstipendium verliehen. Danach forschte er ein Jahr lang intensiv: in einem Seminar an der Universität Klagenfurt gemeinsam mit Simone Egger und Studierenden, kooperativ unterstützt vom Architektur Haus Kärnten und dem Landesmuseum Kärnten (LMK).

Es wurde in Archiven gestöbert, Friedrich Achleitners kritische Bestandsauf nahmen wurden konsultiert und bisweilen infrage gestellt, schließlich auf eigenen Exkursionen durch das ganze Bundesland den alten Fotos und Plänen nachgespürt. Oft folgte Ernüchterung, wenn das gesuchte Gebäude dann übermalt, umgebaut oder komplett verschwunden war. Oder auf einen seltsamen Torso reduziert, wie der ehemalige Sprungturm des Terrassenfreibads im Ort Klein St. Paul, der heute, seiner Sprungbretter beraubt, als rätselhaftes Monument in den Himmel ragt.

Denn manchmal bröckelte der moderne Enthusiasmus schon früh, oder die Traditionalisten behielten die Oberhand. So wie im Falle der Kirche von Kötschach-Mauthen, für die der große Roland Rainer einen Entwurf geliefert hatte, der ein Flachdach vorsah, was dem Bauausschuss der Gemeinde eindeutig zu weit ging. Die Eröffnung des schließlich spitzdachgekrönten Gotteshauses 1966 fand ohne den indignierten Wiener Architekten statt.

Dennoch deutet die Forschung von Lukas Vejnik nicht mit dem Zeigefinger auf die Stellen, an denen die Moderne scheiterte, sondern holt die Fälle ans Licht, bei denen sie funktioniert hat. „Die Bauten haben natürlich ihre Fehler, ihre Brüche, Ecken und Kanten, aber man kann lernen, damit zu leben.“ Und man lebt in Kärnten schon ein halbes Jahrhundert mit ihnen: In Klagenfurt mit der Universität, den Sternhochhäusern, dem Kelag-Hochhaus und dem eleganten Ruderverein Nautilus. Der wuchtigen Betonskulptur der Berg- und Talstationen der Ankogel-Seilbahn in Mallnitz und dem freundlichen Ferienheim der Wiener Sängerknaben in Sekirn.

Berühmte Namen sind dabei die Ausnahme. „Bei der Auswahl war es mir wichtig, dass nicht nur Stars wie Roland Rainer und Clemens Holzmeister dabei sind, sondern auch die vielen Unbekannten, die gute Architektur gemacht haben“, sagt Lukas Vejnik. Namen wie die Kirchenbauer Elisabeth Baudisch und Eberhard Klaura, Ferdinand Brunner und seine Bildungsbauten oder Adolf Bucher, der sich unter anderem als landschaftlich sensibler Bäderarchitekt profilierte.

Einige von ihnen sind selbst in Kärnten heute vergessen, wie Vejnik feststellen musste: „Es ist interessant, dass wir in der Region mehr über Baumeister aus dem Mittelalter wissen als über die eigene Großelterngeneration.“ Ein einheitlicher Stil einer „Kärntner Moderne“ lässt sich jedoch nicht ausmachen, zu verschieden waren die Einflüsse der damaligen Architektengeneration. Über die Karawanken kam der frische Wind der jugoslawischen Adria-Moderne, mit ihrer hohen Qualität, Produktivität und ihrem Ideenreichtum.

Andere Architekten hatten in der Schweiz und in Deutschland gearbeitet und brachten Ideen von dort mit. Dokumentiert sind die Bauten jetzt in Text und Plan sowie in den gestochen scharfen zeitgenössischen Schwarz-Weiß-Fotos des Fotografen Hans-Jörg Abuja (1919–2002), dessen Nachlass das Landesmuseum Kärnten 2018 angekauft hatte und dessen Fotos nun von den Studierenden um Lukas Vejnik und Simone Egger gesichtet wurden.

Als gegenwärtiges Gegenüber fungieren die Bilder des Fotografen Gerhard Maurer, der die Bauten in der soliden Alltäglichkeit ihres heutigen Zustands in allen Maßstäben vom Türknauf über den Handlauf bis zum Landschaftspanorama festhält, in lakonischer Präzision, weder ihre Einzigartigkeit zelebrierend noch ihren Verschleiß anklagend.
Frischer Wind

Diese Dokumentation ist jetzt in Buchform erschienen, die dazugehörige Ausstellung sollte eigentlich bereits Ende April eröffnet werden, sie wurde jedoch aufgrund der Corona-Pandemie verschoben. „Das Gute daran ist: Man kann sich in der Zwischenzeit die Gebäude an der frischen Luft anschauen“, sagt Lukas Vejnik.

Eröffnet wird die Ausstellung dann im April 2021, in Adolf Buchers Haus der Begegnung in Klagenfurt. Pointierterweise genau an dem Ort, an dem früher der Ingeborg-Bachmann-Lesewettbewerb stattfand. Ein kleines Zeichen der Versöhnung – und wer weiß, vielleicht hätte die Patina der Jahrzehnte die Dichterin mit den damals so klinisch reinen „Baukästen“ der Moderne versöhnt. Denn ob man sie mag oder nicht, sie sind längst Teil des Alltags in Stadt und Landschaft.

verknüpfte Publikationen
- Land der Moderne

25. August 2020 Martina Pfeifer Steiner
newroom

Kärnten. Fokus auf die Nachkriegsmoderne

Gut so. Der Preisträger für das Architekturstipendium Kärnten 2019 hieß Lukas Vejnik. Er stammt aus Bad Eisenkappel und erhielt es für die Arbeit „Architektur. Kultur. Landschaft. Nachkriegsmoderne im Alpen-Adria-Raum“. Als ein Ergebnis dieses Forschungsprojekts liegt nun ein wichtiges Buch über die Zeugnisse des Aufbruchs der Nachkriegsmoderne in Architektur und Städteplanung vor, die es zweifellos auch in Kärnten gibt.

Ausgangspunkt sind die Fotografien von Hans-Jörg Abuja (1919–2002), die das Landesmuseum Kärnten als Nachlass übernommen hat. Er war ein weltoffener, vielseitig interessierter Mensch, der stark in Kärntens Künstlerszene verankert war. Er hatte eine Vorliebe für Architekturfotografie und mit seiner „Linhof Master Technika Classic“, einer Balken-Plattenkamera dokumentierte er nahezu alle Autobahnbrücken, Speicherwerke, Schulen, Kirchen, Wohnbauten etc., die ab den 1950er-Jahren entstanden sind. Die schwarz-weiß Fotografien – pragmatisch in einen schwarzen Bilderrahmen gesetzt – begleiten die Essays verschiedener AutorInnen und im letzten Teil die Dokumentation ausgewählter Bauten.

Eingeschoben, als „Reise ins Land der Moderne – Teil 2“, ist das Fotoessay in Farbe von Gerhard Maurer. Assoziationsreiche Blickwinkel eröffnen diese Bilder auf im Alltag unbeachtete Bauwerke wie die Sternenhochhäuser in Klagenfurt, den Ruderverein Nautilus, die Ankogel Seilbahn in Mallnitz, das Generalkonsulat der Sozialistisch Föderativen Republik Jugoslawien, das Schulzentrum in Spittal an der Drau und das Ferienheim der Wiener Sängerknaben in Sekirn am Wörthersee. Sichtbar werden auch die Architekten, viele davon unbekannt oder vergessen, der bemerkenswerten Bauten aus der Nachkriegsmoderne. Darunter jedoch auch klingende Namen wie Clemens Holzmeister mit der Volksschule Grafenstein. Dokumentiert wird dieses Projekt neben weiteren im Schlussteil mit Geschichten rund um die Entstehung und originalem Planmaterial.

Die Publikation stellt wohl einen architekturhistorischen Meilenstein für Kärnten dar, der Titel „Land der Moderne“ ist durchaus angebracht und der Blick darauf sehr erkenntnisreich.

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