Bauwerk

Forum 3
Diener & Diener, Gerold Wiederin, Helmut Federle - Basel (CH) - 2005
Forum 3, Foto: Hans Ege
Forum 3, Foto: Hans Ege

Veredlung und Verwandlung

Das erste Bauwerk des neuen Novartis Campus ist diesen Sommer eingeweiht worden. Die Fassade – unterschiedlich intensiv getönte, verschieden farbige Gläser, die in drei Schichten angeordnet sind und sich zum Teil überlagern – erhält durch ihr farbiges Leuchten eine erhabene, fast sakrale Qualität.

15. Oktober 2005 - Christiane Gabler

Für die Eröffnung des Forum 3 auf dem Gelände des Pharmakonzerns Novartis – im linksrheinischen Quartier St. Johann in Basel gelegen – wurden diesen Sommer alle Register der modernen Vermarktung von Architektur und Kunst gezogen. Eine parallel laufende Ausstellung im Architekturmuseum Basel feierte die Fertigstellung des ersten Bauwerks auf der Grundlage des Masterplans, den Vittorio Magnago Lampugnani 2002 für den Novartis Campus entwickelt hatte. Auch das Buch zum Haus ist bereits erschienen, und sogar die Basler Bevölkerung durfte an einem Tag das Gebäude besichtigen, allerdings nur nach Voranmeldung. Ansonsten bleibt das Firmengelände von Novartis auch mittelfristig unzugänglich. Dem derzeit weit verbreiteten Geist des Entertainments in der Kunst – vor dem sich gerade die Autoren des Werkes, das Basler Büro Diener & Diener und der Künstler Helmut Federle, eigentlich eher scheuen – wurde ausgiebig gehuldigt.

«Das Haus als Bild» betitelte die NZZ ihren Artikel zur offiziellen Einweihung. Tatsächlich bestimmt das künstlerische Konzept der Fassade, eine Überlagerung von Glasscheiben unterschiedlicher Grössen und Farben, die Helmut Federle mit dem Architekten Gerold Wiederin entwickelt hat, massgeblich den Ausdruck des Gebäudes, in welchem die Abteilungen Development und Technical Operation demnächst ihren Sitz haben werden. Ohne bestimmte kompositorische Prinzipien wurden handelsübliche Gläser in drei Schichten auf einer Konstruktion aus Zugstangen vor den etwa zwei Meter tiefen Loggien verteilt. Sie sind sowohl vertikal als auch horizontal ausgerichtet und überlagern sich zum Teil.

Der Farbton und die Farbintensität der Gläser wechseln je nach der Nutzung der dahinter befindlichen Räume. Vor den Zonen mit den Arbeitsplätzen sind eher getönte oder klare Gläser angeordnet, in den Nebenraumzonen Gläser mit kräftigeren Farben. Die Darstellung der Fassade im Katalog zur Ausstellung zeigt in schwarz-weissen Grafiken die jeweiligen «Zustände»: «Alle Gläser Südfassade», «Alle Leerräume und Klarglasbrüstungen», «Alle intensiv farbigen Gläser» erscheinen wie Deklinationen der Black Series, die der Künstler in verschiedenen Reihen über die Jahre entwickelte. Die Fassade begreift sich als Form von verschiedenen geschichteten und doch verknüpften Bildern. Jeder Versuch, das Konstruktionsprinzip zu entschlüsseln, scheitert. Keine mathematisch erfassbare, rationale Ordnung trägt die Struktur; die Fassade ist keine abstrakte Komposition farbiger Flächen in der Tradition der Malerei der Zwanzigerjahre. Das Material selbst trägt zur Mehrdeutigkeit des Werkes bei: Die Filterung und Spiegelung des Glases generiert ein ständig wechselndes Erscheinungsbild. Die Fassade wird zu einer Trennschicht, die durch ihre Filterung Inneres und Äusseres verwandelt und dabei selbst verwandelt wird. Sie spiegelt sich selbst und ihre Umgebung. Die Umkleidung des Volumens ist porös. Die Struktur des gläsernen Vorhanges ist durch Leerstellen und die weiten Abstände der Schichten zueinander sehr offen und wirkt auf dem prägnanten Gestänge eher wie eine nachträgliche Applikation. Die Glasplatten bilden in ihrer Feinheit und Immaterialität ein eher fragiles Gebilde. Höchstens in der Fernsicht ergibt sich so noch das Bild, welches die Animation suggerierte – die grünlich schimmernde, kompakte Box mit farbigen Akzenten. Ausschliesslich in der Flächenprojektion entwickelt sich die gewünschte Wirkung, also doch das Haus als Bild?

Erhabenes Leuchten

Farbiges Glas als Baustoff ist ein Thema, das sich immer wieder in Projekten wiederholt, welche Helmut Federle gemeinsam mit Architekten bearbeitet. Inwieweit es sich um Architektur handelt oder doch möglicherweise um Skulptur und Kunst, wird gern diskutiert; etwa in Bezug auf die Nachtwallfahrtskapelle Locherboden, das Erstlingswerk von Ge- rold Wiederin, welches 1996 in Zusammenarbeit mit dem Künstler entstand. Die aufgebrochene, von venezianischen Glasbrocken ergänzte Rückwand der Kapelle bildet eine Quelle, die von einem inneren Licht zu sprechen scheint. Die schweren Glassteine – seltsam materiell in ihren kristallinen, den Bergen ähnlichen Strukturen – zeugen von Tiefe, durch ihre Schichtung und die Intensität der Farbe verströmen sie Sinnlichkeit und geballte Energie.

Ein opulentes, 55 Quadratmeter grosses Fenster aus ineinander verschmolzenen Glaselementen hat Helmut Federle für Hans Kollhoffs Landeszentralbank der Freistaaten Sachsen und Thüringen in Meiningen geschaffen. In einer Technik, die häufig für Glasfenster in Kirchen verwendet wird, wird ein Raum – ähnlich wie beim Forum 3 mit einer profanen Nutzung – in ein Farbenspiel von hoher Intensität getaucht. Trotz Federles Verzicht auf jegliche religiöse Symbolik schafft die Dichte und Materialität des Glases, welches oft als verfeinerte, auskristallisierte Struktur des umfassenden Steins interpretiert wird, eine Veredlung und Verwandlung.

Kunstvolles Bauen statt Kunst am Bau

Der Degradierung der Kunst am Bau zum rein dekorativen Element, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts langsam einsetzte und nur in wenigen Gebäuden der Moderne aufgehoben wurde, ist Gegenstand der zeitgenössischen Architekturdebatte. Die Verflechtung von Architektur und Kunst wird in vielen Projekten angestrebt, um die Architektur weg von einem reinen Gebrauchsgegenstand hin zu einem Träger anderer Bedeutungsebenen zu entwickeln. Die Fassade der Bibliothek in Eberswalde von Herzog & de Meuron steht mit einer Struktur aus Fotografien von Thomas Ruff beispielhaft für diese Entwicklung. Der Architekt Roger Diener, mit dem Federle bereits beim Bau der Schweizerischen Botschaft in Berlin zusammenarbeitete, äusserte in einem Interview mit Winfried Nerdinger zum angestrebten Verhältnis von Kunst und Haus: «Die Zusammenarbeit mit den Künstlern setzt dort an, wo unsere Entwürfe frei bleiben, dass heisst in den zahllosen Feldern, die unbesetzt sind. [ . . . ] Wichtig ist die doppelte Kohärenz: Die Arbeit muss eine eigenständige Qualität entwickeln, und sie muss zugleich zu einem untrennbaren Element des Bauwerks werden, zu einem Element, das in diese Balance des Ganzen eingebunden ist und dort seinen festen Part einnimmt. [ . . . ] Man könnte sagen, dass sich die künstlerische Arbeit gegenüber der Architektur einem ähnlichen Spannungsverhältnis aussetzt wie die Architektur gegenüber der Stadt. Sie ist ihr zugehörig, versteht sich als ein Teil von ihr und setzt sich über sie hinweg. Nur so macht sie Sinn, so vermag die Kunst, die Architektur zu erweitern.»

Vielleicht ist es gerade dieses Streben nach der Erweiterung und das dadurch entstehende Aufeinandertreffen von scheinbar gegensätzlichen Polen, das die Rezeption dieses Hauses so schwierig und seine Aussage so provokant und widersprüchlich macht. Einerseits symbolisiert es als Aushängeschild eines global agierenden Pharma-Unternehmens dessen weltliche Machtposition und verweist auf dessen – schwer fassbaren – Einfluss auf die Gesellschaft. Diffuse Verweise ermöglichen Interpretationen im Zusammenhang mit faszinierenden Aspekten der Wissenschaft – den Farbstoffen für die Textilindustrie beispielsweise, mit denen die Gründerunternehmen der Novartis gross geworden sind. Dagegen steht der vom Künstler angestrebte Ausdruck der Fassade: «Es geht darum, der Vernunft der Form die Schönheit als Sinn hinzuzufügen», formuliert Helmut Federle in der Ausstellung zum Projekt im Architekturmuseum Basel.

Bereits den Expressionisten des frühen 20. Jahrhunderts diente der Bergkristall als Metapher für die Vision einer herannahenden «neuen Zeit». Glas ist amorph, Glas kann nicht tektonisch sein. Glas materialisiert das Licht und damit die sich verändernde Umwelt. Das – durch farbiges Glas gefilterte – Licht als gestaltendes Element im Raum ist durch die gotische Kathedrale und deren Interpretation in den farbigen Lichtdomen der Alpinen Architekturen Bruno Tauts ikonografisch besetzt: Glas gilt noch heute als etwas Kostbares, gleich Edelsteinen, welche das Licht verwandeln und dem Raum Sakralität und Erhabenheit schenken. In den immer neuen Variationen dieses Themas liegt die Doppelbödigkeit der Fassade Helmut Federles; in ihrer Sinnlosigkeit und dekorativen Qualität entwickelt sie den Ausdruck von etwas Existentiellem, vielleicht Visionärem. Profanes und Spirituelles – nebeneinander und doch unvereinbar? Alles liegt im Auge des Betrachters: Vielleicht entdeckt er einen Augenblick lang Kontemplation und Sakralität im Alltäglichen.

teilen auf

Für den Beitrag verantwortlich: archithese

AnsprechpartnerIn für diese Seite: Hannes Mayerredaktion[at]archithese.ch

Archfoto

Hans Ege