
Kontrollierte Zufälligkeit
Der neue Schulkomplex in Oerlikon setzt aufgrund einer neuartigen Raumorganisation Massstäbe. In einer vormals Industriell geprägen Umgebung operiert der Architekt, nicht zuletzt aus produktionstechnischen Gegebenheiten, mit rauen Materialien, denen er eine eigene, beiläufige Poesie zu entlocken vermag.
von Hubertus Adam
Wie kaum ein anderer Bereich der Architektur hat der Schulbau Schweizer Architekten in den vergangenen Jahren mit Aufträgen versorgt. Entstanden sind durchaus Inkunabeln zeitgenössischen Bauschaffens, doch betrachtet man die Grundrisse, so zeigt sich gemeinhin wenig an Innovation. Verglichen mit reformerischen Konzepten, die beispielsweise Alfred Roth 1950 in seiner Publikation Das neue Schulhaus veröffentlichte, wirken viele gegenwärtige Neubauten brav und bieder. Zu den wenigen Beispielen, die zeigen, dass Architekten sich auch mit Fragen der Pädagogik auseinander setzen und der Kultusbürokratie voraus sein können, zählt das neue Schulhaus im Birch in Zürich-Oerlikon. Für das neue Prinzip des Co-Teachings, bei dem mehrere Klassen und Lehrer eine Art von Kleinschule innerhalb eines grösseren Schulkosmos bilden, hat Peter Märkli eine spezielle Grundrisslösung entwickelt: Ein Verbund aus einem Gemeinschaftsraum und drei angelagerten Räumen bildet das Grundelement, das nunmehr verschiedene Nutzungen ermöglicht. Nach der Abschaffung des klassischen Frontalunterrichts zugunsten von Gruppen- und Teamkonzepten ist hier eine adäquate, für diverse Unterrichtsmodelle adaptierbare Struktur gefunden worden. Die Wände zwischen den Räumen bestehen aus Glas; bei Bedarf können Vorhänge zur visuellen Trennung eingesetzt werden. Inzwischen, so zeigen die Erfahrungen in der Praxis, wird längst nicht mehr strikt zwischen Unterrichts- und Freizeitzone getrennt; was heute hier geschieht, findet dort morgen seinen neuen Ort. Raum aneignen, mit Raum ungehen, auch das kann ein pädagogisches Ziel sein.
Transformation eines Stadtteils
Für 700 Schüler ist der Komplex im Norden von Oerlikon ausgelegt, einem neuen Stadtteil von Zürich. Bis in die Achtzigerjahre hinein war das Terrain der hauptsächlich im Rüstungssektor tätigen Maschinenfabrik Oerlikon (MFO) gleichsam eine «Verbotene Stadt». Dann erfolgte der Aufbruch: Auf Basis eines 1992 veranstalteten internationalen Ideenwettbewerbs, aus dem das Zürcher Büro Ruoss/Siress/ Schrader als Sieger hervorging, wurde das einst industriell genutzte, im Besitz der ABB als Nachfolgerin der MFO, aber auch weiterer Firmen sowie der Stadt und des Kantons befindliche Terrain nördlich des Bahnhofs Oerlikon einer neuen Nutzung zugeführt. 1996 fand das Planungsleitbild die Bewilligung offizieller Stellen: Auf dem früheren Industriegelände sollen Wohnungen für 5000 Einwohner sowie 12 000 Arbeitsplätze entstehen. In architektonischer Hinsicht wurde eine Orientierung an der grossflächigen Volumetrie der früheren Hallenbauten festgeschrieben; eine ebenfalls denkbare Hochhausbebauung stiess damit ebenso auf Ablehnung wie eine kleinteiligere Strukturierung. Ob in Baden oder Oerlikon, ob in Winterthur oder Zürich-West: Mit der Revitalisierung von Industriearealen schien in den Neunzigerjahren die Zeit des grossen Massstabs angebrochen, endlich.
Inzwischen sind weite Teile des Planungsgebiet Neu-Oerlikon fertig gestellt, doch nach der frühen Euphorie macht sich Ernüchterung breit. Das Quartier wirkt nicht eben lebendig, dafür mag man funktionale ebenso wie ästhetische Gründe anführen. Ohne Zweifel war es ein Fehler, die Altbausubstanz beim zentralen Quartier nördlich der Binzmühlestrasse vollständig zu entfernen. Ausserdem ist eine Nutzungsmischung nicht gegeben – Geschäfte oder Gaststätten sucht man vergeblich. Und schliesslich zeigt sich, dass in vielen Bauten der Umgang mit dem grossen Massstab nicht zu überzeugenden Resultaten geführt hat. Gross zu bauen, mit Rauheit umzugehen, das hat in der Schweiz keine Tradition.
Poesie und Prosa
Dass es auch anders geht, zeigt der Schulkomplex von Peter Märkli. Als mit der Planung der Gebäudegruppe begonnen wurde, war von den benachbarten Bebauungen wenig mehr als der Perimeter bekannt. Der Strassenraster sowie die benachbarten Anlagen des Wahlenparks und des Oerliker Parks legten es nahe, die Neubauten in das orthogonale System einzupassen, sie jedoch ansonsten als autonome Strukturen zu verstehen: Hauptansichtsseiten existierten nicht. Das komplexe Raumprogramm, welches die Schule im Birch zur grössten Zürichs macht, verteilte Märkli auf zwei viergeschossige Baukörper: einen kleineren, dafür kompakten für 18 Oberschulklassen und drei Kindergärten im Süden – und einen grösseren, volumetrisch differenzierteren, der zwölf Primarschulklassen, Mensa, Aula, eine Bibliothek, Räumlichkeiten einer Musikschule sowie eine Dreifachsporthalle mit einer Tribüne für 700 Zuschauer umfasst. Die Sonderräume stehen nicht allein den Schülern, sondern auch der Quartiersbevölkerung zur Verfügung, und entsprechend öffentlich zeigt sich der Komplex: Keine Zäune verhindern den Zutritt, die Betonfelder ringsum sind Pausenplatz und zugleich Teil des öffentlichen Raums sowie Verbindungsfläche zwischen den beiden Parks.
Eine Rasterfassade aus Betonfertigteilen verbindet die beiden Baukörper. Die vertikalen Elemente sind extrem schmal, plastisch aufgefasst und treten weit vor die zurückgesetzen Fenster; die deutlich breiteren horizontalen Elemente, welche die Geschosstrennung artikulieren, weichen leicht hinter die Vertikalen zurück, wirken aber deutlich flächiger. Über den Eingängen, aber auch im Dachbereich sind die Horizontalen kräftiger ausgebildet.
Gefüllt ist das Rastersystem entweder mit geschosshohen zweigeteilten Fenstern oder mit Putzflächen, deren grauer Ton auf die Farbe des Betons abgestimmt ist. Unter Verzicht auf die sonst üblichen Brüstungen wurden die Fenster bis auf den Boden hinabgezogen, nehmen also die gesamte Geschosshöhe ein und lassen die vor den Scheiben installierten Radiatoren auch von aussen erkennbar werden. Doch die Rohbauästhetik, die in Details wie diesen anklingt, wird gleichzeitig relativiert, wenn unvermutet die Gebäudegliederung eine nahezu klassische Haltung annimt. Das zeigt sich besonders deutlich an der symmetrischen Südfassade der Oberschule, deren mittlere acht Achsen in den Obergeschossen als Loggien ausgebildet und seitlich von jeweils drei Putzfeldern flankiert sind. Ein durchaus repräsentatives Element, das sich jedoch nicht aufdrängt, sondern gleichsam in den Rhythmus der Fassadenstruktur eingegliedert ist. In ähnlicher Weise findet sich in den Eingangshallen Travertin als nobilitierendes Material eingesetzt. Nicht jedoch da, wo man ihn erwarten würde, also an den Wänden, sondern als Bodenbelag und als Verkleidung der Pfeiler.
Ohne Zweifel, man mag sich der präfabrizierten Elemente und der dezidierten Rauheit wegen an die Haltung der Smithsons erinnert fühlen oder auch an den räumlichen Strukturalismus der Sechziger- und Siebzigerjahre; letzteres um so mehr, als Märkli wesentliche Impulse für seine Raumorganisation beim Umbau einer Hallenschule von Viktor Hufnagl im österreichischen Wörgl empfing. Doch der Architekt beschränkt sich gerade nicht auf Addition, sucht nicht den Weg der Reduktion auf möglichst wenige repetitive Elemente, sondern findet die Freiheit, die es erlaubt, von einer einmal gewählten Lösung auch wieder Abstand nehmen zu können. Der Prosa der Rationalität antwortet er mit der Poesie beiläufiger Schönheit – so, wenn die aufgrund des geforderten Minergie- Standards dominanten Blechkästen der Lüftungsleitungen auf einmal eine Klassenzimmerdecke umspielen und – den Deckenspiegel der rohen Betondecke frei lassend – wie ein Fries wirken. Oder wenn der Lack, mit dem der rohe Beton im Inneren überzogen wurde, wie eine Patina in altem Glanz erscheint. Raue Materialien wie Glasbausteine, roher Beton, weiss getünchte Glasfaser oder Spinde aus Metall bestimmen das Innere. Helvetische Perfekion wurde hier nicht angestrebt, viel mehr eröffnete die Wahl der Elemente die Möglichkeit, im Sinne einer kontrollierten Zufälligkeit auf die Unwägbarkeiten bei der Erstellung eines Baus dieser Grössenordnung zu reagieren. Nicht ohne Grund beruft sich Märkli auf Sigurd Lewerentz, der seinen Blumenkiosk in Malmö auf das Wesentliche reduzierte und es doch vermochte, eine frei über die Wand geführte Stromleitung zu einem poetischen Motiv werden zu lassen.
Für den Beitrag verantwortlich: archithese, 15.02.2005
AnsprechpartnerIn für diese Seite: Hubertus Adam
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