Bauwerk

Gemeindehaus Raggal
Johannes Kaufmann Architektur - Raggal (A) - 2006
Gemeindehaus Raggal, Foto: Adolf Bereuter
Gemeindehaus Raggal, Foto: Adolf Bereuter

Gemeindehaus Raggal

Regionale Wertschöpfung lebt in moderner Architektur

21. Dezember 2006 - vai

Das Ortsbild der kleinen Gemeinde Raggal im großen Walsertal bleibt durch das neue Gemeindehaus in seiner bestehenden Struktur erhalten. Wesentlicher Entwurfsfaktor ist die Einbeziehung der umgebenden Gebäude und die Gewährleistung wichtiger Sichtbeziehungen. Durch die geringe Höhe des Neubaus und durch das zweiseitig geneigte Pultdach wird die Aussicht vom Dorfplatz mit Kirche, Schulhaus und Gasthaus taleinwärts nicht beeinträchtigt.

Die Dachform ist Resultat des Raumkonzepts. Im Obergeschoss ist nur der talauswärts orientierte Sitzungssaal untergebracht. Die Dachflächen reichen tief und ermöglichen eine interessante räumliche Situation im Erdgeschoss.
Langgestreckte Fensterbänder mit unterschiedlichen Leibungstiefen gliedern das Erscheinungsbild der Holzfassade. Durch die gelungene Detailplanung der innen liegenden Dachrinnen wirkt der dreigeschossige Baukörper kubisch und modern.

Funktion
Das vom Dorfplatz aus zugängliche Gemeindehaus entwickelt sich primär in der Fläche. Räume werden so funktional sehr gut verbunden oder neue Verknüpfungen entstehen. Für die vom Fremdenverkehr lebende Gemeinde ist die Lage des Tourismusbüros im Erdgeschoss direkt im Eingangsbereich relevant. Die Büroräume der Gemeinde und des Bürgermeisters sind unmittelbar angeschlossen. Glaswände im Erschließungsgang und zwischen den Büroräumen sorgen für Transparenz und einen unbürokratischen Ablauf.
Der Gemeinschaftsraum mit Sitz- und Kochgelegenheit - das so genannte „Walserstüble“ - ist mit einer großzügigen Fensterfront talauswärts orientiert. Der Raum wird von der angeschlossenen Eltern-Kind-Beratung aber auch von allen anderen Einrichtungen genutzt. Die unterste Ebene mit den Kellerräumen und dem Probelokal des Musikvereins wird durch die Hanglage zu großen Teilen mit Tageslicht versorgt und ist über einen eigenen Zugang erreichbar.

Konstruktion
Konstruktiv betrachtet besteht das Gebäude aus dem betonierten Untergeschoss und einer hoch gedämmten Holzrahmenkonstruktion. Die in den Büroräumen sichtbar gebliebenen Sparren haben auf Grund der hohen Schneelast einen geringen Abstand von 12 cm. Statt einer herkömmlichen Akustikdecke sind die Sparren mit Heraklitplatten überdeckt. Das Konstruktionsraster von 60 cm hat sich aus dem Einbaumöbelmodul entwickelt. Mit Ausnahme der mit Maxplatten verkleideten WC-Räume, sind sämtliche Wand- und Deckenverkleidungen und die Einbaumöbel in Massivholz ausgeführt.
Dreischeibenisolierverglasung, kontrollierte Be- und Entlüftung, eine gut gedämmte wind- und luftdichte Gebäudehülle aus der Passivhaustechnologie und eine Hackschnitzelanlage, die sieben weitere Bauten in der Gemeinde versorgt, kommen hier zum Einsatz. Eine zusätzliche Ölheizung dient als Notfallheizung. Das Probelokal für den Musikverein mit fast 4 m Raumhöhe wird mit der Abwärme der Hackschnitzelanlage temperiert. Akustikdecke und Holzkastenboden sind hier für eine gute Akustik unabdingbar.

Nachhaltigkeit
Dem Großen Walsertal wurde als Modellregion mit nachhaltiger Wirtschafts- und Lebensweise von der UNESCO das Gütesiegel Biosphärenpark verliehen. Bei der Ausführung des neuen Gemeindebaus haben Planer und Gemeinde darauf geachtet, Materialien und Firmen aus der Region heranzuziehen. Die tragende Holzkonstruktion und die Verschalungen sind keine Fertigware, sondern eigens von Sägewerk und Zimmerleuten aus der Umgebung angefertigt. Fassade und Verkleidung der Innenräume aus heimischer Weißtanne schließen den Kreislauf der regionalen Wertschöpfung. (Text: Ulrike Rohrhofer)

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Für den Beitrag verantwortlich: Vorarlberger Architektur Institut

AnsprechpartnerIn für diese Seite: Verena Konradvk[at]v-a-i.at