Bauwerk

Messeturm Basel
Morger & Degelo, Daniele Marques - Basel (CH) - 2003
Messeturm Basel, Foto: Hans Ege
Messeturm Basel, Foto: Hans Ege
Messeturm Basel, Foto: Hans Ege

Bauen als urbane Intervention

Der Basler Messeturm - das höchste Haus der Schweiz

Rechtzeitig zur Eröffnung der Uhren- und Schmuckmesse, einer internationalen Paradeveranstaltung Basels, konnte der Messeturm der Architekten Morger & Degelo und Marques bezogen werden. Das höchste Haus der Schweiz, das mit grandiosen Blicken über das Dreiländereck aufwartet, hat die Topographie der Stadt verändert.

3. April 2003 - Hubertus Adam
Seit den späten achtziger Jahren betreiben die Basler Architekten Meinrad Morger und Heinrich Degelo eine gezielte baukünstlerische Recherche. Mit dem Wohnungsbau an der Müllheimer Strasse (1993) und dem Schulhaus Klybeck-Dreirosen (1996) führten sie die Tradition der Moderne fort. Es folgte - in Arbeitsgemeinschaft mit Christian Kerez - der irritierende Kubus des Kunstmuseums Vaduz (2000). Der abgeschliffene Beton dieses monolithisch gegossenen Baukörpers brach endgültig mit dem Dogma, die Funktion eines Gebäudes müsse sich am Äusseren abzeichnen. In einer Reihe von Wohnbauten variierten die Architekten dann den Gedanken, eine starke Form durch differenzierte Binnengliederung mit Komplexität anzureichern. Immer wieder setzten sie sich daneben mit suburbanen Situationen auseinander: So oszillieren zwei Doppelhäuser in dem von Bauten der Nachkriegsära geprägten Ortskern von Riehen zwischen Adaption und Verfremdung. In Reinach, einer grossen Basler Agglomerationsgemeinde, entstand Ende letzten Jahres aus vier Baukörpern ein Zentrum, welches der wenig definierten städtebaulichen Situation einen Schwerpunkt und damit Identität verleiht.
Unübersehbares Zeichen

Mitten im Herzen von Kleinbasel ist ihnen nun mit dem Messeturm etwas Ähnliches gelungen. Als ihr Hochhausentwurf 1999 in der zweiten Runde des Studienauftrags für eine Neugestaltung des Messeplatzes den ersten Preis erzielte, konnten Morger & Degelo - zusammen mit ihrem Projektpartner, Daniele Marques aus Luzern - den bisher grössten Erfolg ihrer beruflichen Laufbahn feiern. Die zuvor realisierte gläserne Messehalle von Theo Hotz und der Messeturm stehen dafür, dass die Basler Messe weiterhin auf ihren angestammten Standort setzt. Dank einer guten Verkehrsanbindung konnte Basel auf die heute übliche Verlagerung der Messegelände an die Peripherie verzichten und das besucherfreundlich gelegene innerstädtische Areal beibehalten. Allerdings mangelte es dem stetig gewachsenen Konglomerat von Hallenbauten an architektonischer Einprägsamkeit und klaren städtebaulichen Bezügen. Auf der Achse Badischer Bahnhof - Mittlere Rheinbrücke wirkte das Messegelände wie ein Störfaktor. Die im Zeitalter von Branding und Corporate Identity so wichtige städtebauliche Zeichenhaftigkeit fehlte dem Ensemble, so dass sich selbst das riesige Volumen der Halle von Hotz in der Achse des Riehenrings zu verlieren schien.

Mit dem 31-geschossigen Hochhaus von Morger & Degelo und Marques hat sich diese Situation grundlegend geändert. Der orthogonale Turm mit seiner grünlich schimmernden, von geschosshohen eloxierten Metallrahmen eingefassten Verglasung ist unübersehbar. Wo immer man in Basel einen Blick über die Stadt hat - und das ist dank dem hoch gelegenen Rheinufer und der hügeligen Altstadttopographie an vielen Stellen der Fall -, beherrscht das Messehochhaus die Silhouette. Es setzt nicht nur den Gegenpol zur historischen Stadtkrone des Münsters, sondern überragt auch die anderen vertikalen Dominanten: den Lonza-Turm und den Zylinder der BIZ. Auch wenn sich dieser «Wolkenkratzer» in der Skyline von Frankfurt, London oder amerikanischen Städten vollständig verlöre, so ist der Messeturm mit seinen 105 Metern doch das zurzeit höchste Haus der Schweiz. Einstweilen fungiert es im städtebaulichen Kontext als Solitär, was der Messe Basel nur recht sein kann. Meinrad Morger aber ist der Idee einer Clusterbildung von Hochhäusern nicht abgeneigt, und in der Tat bestehen Überlegungen, die Baumasse auf dem Areal südlich des Messeplatzes stärker zu verdichten. Damit könnten hier weitere Türme in den Himmel wachsen. Verliert demnach Adolf Loos' Diktum, die Ebene verlange eine vertikale Baugliederung, das Gebirge hingegen eine horizontale, auch für die Schweiz seine Gültigkeit? Der Messeturm zwingt jedenfalls dazu, die Frage nach dem Hochhaus hierzulande neu zu stellen. Zumal nicht mehr nur in New York in neuen Hochhäusern sogar gewohnt wird.
Hybrider Funktionsmix

Auch der Messeturm Basel dient zum Teil dem Wohnen, wenn auch nur dem temporären. Denn es handelt sich nicht um ein gewöhnliches Bürohochhaus, sondern um ein funktional hybrides Gebäude, welches das Servicezentrum und die Verwaltung der Messe, ein Hotel sowie fremdvermietete Bürogeschosse gleichermassen umfasst. Konstruktiv offenbart sich hinter der gläsernen Fassade in der ringsum sichtbaren zweiten Ebene ein Stahlbetonskelett, das durch den in Ortbeton ausgeführten Erschliessungskern ausgesteift wird. Entsprechend der Auflast nimmt die Stärke der Stützen nach oben hin sukzessive ab. Während das Hotel - auf dessen Einrichtung die Architekten keinen Einfluss hatten - heute anlässlich der Uhren- und Schmuckmesse eröffnet wird, werden die Büro- und Verwaltungsgeschosse erst unmittelbar vor der Art Basel in Betrieb genommen. Die Gestaltung des Messeplatzes mit der Typographie des österreichischen Künstlers Heimo Zobernig dürfte in den kommenden Monaten und diejenige der «Skybar» im 31. Geschoss erst gegen Ende des Jahres abgeschlossen sein.

Im Erdgeschoss des Gebäudes trennen sich die Wege: Zum Servicezentrum der Messe fährt man über die Rolltreppe hinauf ins erste Obergeschoss, die grosszügige Halle dient als Bar- Lounge und Reception. Spektakulär ist der Raum gewordene Lüster, ein rechteckiger, von hell erleuchteten Lichtbrüstungen umgebener Schacht, der die Geschosse des Vorbaus durchstösst und durch das Glasdach hindurch den Blick auf die Vertikale des Turms freigibt. - Der 8 Meter über der Strassenebene, 12 Meter nach Osten und 24 Meter nach Süden auskragende Bauteil stellt das eigentlich spektakuläre Element des Entwurfs dar. Die untere Ebene beherbergt das Servicecenter, während darüber der Restaurant- und Konferenzbereich angeordnet ist. Eine von aussen sichtbare Stahlfachwerkkonstruktion, deren Diagonalen an dem sonst durch strenge Orthogonalität bestimmten Gebäude einen expressiven Akzent setzen, erlaubt es, das Innere weitgehend stützenfrei zu halten und das Gewicht des Auslegers zu reduzieren. Im Gleichgewicht gehalten wird der augenfällige Bauteil durch den als Auflagermasse fungierenden Turmbau. Nicht nur die Fassaden des Auslegers sind vollständig mit Glas verkleidet, sondern auch dessen Dach und dessen Unterseite.

Die Auskragung will mehr sein als eine ingenieurtechnische Glanzleistung. Sie garantiert die Einbindung der Messe ins Stadtbild. Vom Badischen Bahnhof und vom Zentrum Kleinbasels aus gesehen, schiebt sich dieses auffällige architektonische Element in die Sichtachse und perspektiviert den Blick. Ein bisher zusammenhangsloser Stadtraum erhält seine optische Fassung. Darüber hinaus gelingt es Morger & Degelo und Marques scheinbar beiläufig, dem in allen Varianten vertrauten Typus Hochhaus ironisch eine neue Dimension abzugewinnen: Denn die Architekten folgen mit ihrem abstrakten Glasturm zwar dem seit Gordon Bunshafts New Yorker Lever House geläufigen und von Arne Jacobsen beim SAS- Hotel in Kopenhagen adaptierten Typus des Hochhauses über podiumsähnlichem Sockel, heben die horizontale Zone aber an und bringen sie in irritierender Weise zum Schweben. Internationale Hochhauskonzepte, die sich bald phallisch, bald prismatisch zersplittert geben und dann wieder von der Struktur einer Doppelhelix inspiriert sind, stossen in der Schweiz noch nicht auf Widerhall.

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Für den Beitrag verantwortlich: Neue Zürcher Zeitung

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