Waffen aus Papier
Berlin entdeckt Otto Wagner als „Architekten des modernen Lebens“ und zeigt in einer Ausstellung in der Tchoban Foundation raffiniert komponierte Handzeichnungen aus der Sammlung des Wien-Museums.
Von der Idee, von einem der besten Architekten der Zeit alle Details einer modernen großstädtischen Verkehrsinfrastruktur entwerfen und bauen zu lassen, ist derzeit leider nicht nur Berlin Lichtjahre entfernt. Mit viel Steuergeld auf Pump versuchen Staat und Stadt vielmehr, patchworkartig die Stellen, an denen sich die jahrelange Vernachlässigung der Infrastruktur am deutlichsten zeigt, mit Provisorien zu reparieren. In diesem Kontext wirft eine hochkarätige und auch vielbeachtete Ausstellung, die in der Tchoban Foundation zu sehen ist, einem privaten, weltweit einzigartigen Museum für Architekturzeichnungen am Prenzlauer Berg, ein neues Licht auf das Werk von Otto Wagner.
Der Wiener Baukünstler trifft den Nerv der Zeit: Neben seinen Meisterwerken wie der Wiener Postsparkasse oder der Kirche am Steinhof sind es vor allem die detailverliebten, aufwendig gestalteten Zeichnungen zur Wiener Stadtbahn, die das Berliner Publikum begeistern und provozieren. Für jede der dreißig Stationen der Wiener Stadtbahn entwarf Wagner liebevoll Handläufe, Kioske, Vordächer, Viadukte und Brücken, selbst die Geländer am Bahndamm sind künstlerisch ausgefeilt, alle Details zu einem Gesamtkunstwerk zusammengefügt.
Raffiniert komponiert
Architektur und Ingenieurbau dachte Otto Wagner, der in der Ausstellung als „Vorkämpfer der Moderne“ bezeichnet wird, stets als Einheit. Es ist kein Zufall, dass Berlins schönster U-Bahn-Hof, die Station Wittenbergplatz von Alfred Grenander, ein kleiner Verkehrstempel in der Achse der Kleiststraße, mit Oberlichten, gekachelten Wänden und sichtbar belassener Eisendachkonstruktion, ebenfalls aus der Epoche des Jugendstils stammt.
Otto Wagner entwickelte und zeigte seine Entwürfe in raffiniert komponierten und technisch aufwendigen Zeichnungen. Grundriss, Schnitt, Ansicht, bisweilen auch eine dramatische Perspektive konnte er geschickt auf einem Blatt zusammenkomponieren, ließ sie daraufhin in seinem Atelier von Hand kolorieren. Die originalen Blätter zählen heute zu den Meisterwerken der Architekturzeichnung und damit auch zu den Schätzen der Sammlung des Wien-Museums.
Kuratiert wurde die Ausstellung in der Tchoban Foundation von Andreas Nierhaus, Kurator für Architektur im Wien-Museum, der die handgefertigten Blätter, eine Auswahl aus insgesamt 1000 Werken innerhalb der Sammlung, eifersüchtig bewacht und leidenschaftlich gerne präsentiert. Er stellt „kompositionelle und technische Charakteristika der Zeichnungen“ fest, aber auch ihren „Einsatz als Waffen aus Papier“, wie der Kunsthistoriker dies bezeichnet. Des Kurators Lieblingsblatt ist übrigens die Perspektive der Vindobonabrücke über den Donaukanal , bis heute nicht gebaut, auch weil sie von elegant gekleideten Hauptstädtern bevölkert und mit Tusche und Aquarell entsprechend animiert ist.
Protomoderne Formensprache
Auch wenn Wagner den Historismus der Ringstraße hinter sich gelassen hatte und eine protomoderne Formensprache erfand, die auf Funktion, Material und Konstruktion beruhte, war ihm als „Vater“ der Wiener Secession die „Überhöhung des Zwecks durch die Kunst“ die oberste Maxime. Als Professor an der Wiener Akademie der bildenden Künste prägte er eine ganze Generation von Architekten und sorgte so für die Verbreitung seiner Ideen – auch in Deutschland, Italien und Osteuropa. Sein Essay über Moderne Architektur von 1896 stieß auf großes Echo und zählt zu den bedeutendsten architekturtheoretischen Texten der Belle Époque in Wien.
Auch zu Wagners Karriere-Ende hat Kurator Nierhaus eine Anekdote parat: Der Thronfolger Franz Ferdinand soll sich als rüder Gegner moderner Architektur vehement gegen den Architekten und Bauingenieur eingesetzt haben. Dessen Kirche am Steinhof von 1907 empfand Franz Ferdinand als „Skandal“ und versuchte, ihren Bau zu verhindern oder mindestens zu verzögern. Er nutzte fortan seinen Einfluss, um Wagner bei staatlichen Aufträgen zu behindern.
Die Ausstellung ist die erste Schau in Berlin zu Otto Wagner. Es ist zugleich das erste Mal seit mehr als 60 Jahren, dass sein Œuvre in Deutschland gezeigt wird. Dabei spielte die Stadt Berlin für Wagner eine wichtige Rolle: Während seines Studiums an der Bauakademie in Berlin lernte er das Werk von Karl Friedrich Schinkel kennen, der zu seinem Vorbild wurde. Wagners Wettbewerbsbeiträge für den Berliner Dom und das Reichstagsgebäude sind in der Berliner Schau zu sehen. Die Ausstellung bezeugt zugleich Wagners Talent als Städtebauer: In seinem 1911 veröffentlichten Text Die Groszstadt, eine Studie über diese setzte Wagner der Ödnis der modernen Metropole sein Konzept einer „künstlerischen Durchgestaltung“ entgegen.
Für Nadejda Bartels, Direktorin der Tchoban Foundation, ist die Otto-Wagner-Ausstellung ein aufschlussreicher „Einblick in die Werkstatt des Architekten“, wie sie sagt. Seine Zeichnungen sind für sie nicht nur Mittel der Darstellung, sondern ein „Denkraum, in dem sich Ideen konkretisieren“. Nach dem Besuch der anregenden Schau holt die Besucher die Realität allerdings schnell wieder ein: Der U-Bahn-Hof an der Brauerei Pfefferberg, nur wenige Schritte vom Museum entfernt, ist derzeit nur eingleisig zu befahren und wird notdürftig und ohne höheren Gestaltungsanspruch geflickt. Deutlicher könnte der Kontrast nicht sein.