Gläsernes Matterhorn über Paris: Ein neuer Turm von Herzog & de Meuron dominiert die Silhouette der Seine-Metropole
Die Tour Triangle der beiden Basler Stararchitekten wirkt wie eine Eisscholle, die aus dem Pariser Häusermeer aufragt. Die glatten Oberflächen sind Ausdruck reiner Geometrie: ein Wolkenkratzer, der weitherum sichtbar ist.
Wer sich in Paris bewegt, orientiert sich unweigerlich mehrmals am Tag am Eiffelturm. Angesichts der einheitlichen Bauhöhe im Haussmann’schen Paris des 19. Jahrhunderts weist der elegante Turm den Weg. Als 1973 jedoch die Tour Montparnasse gebaut wurde, ein schnöder Hochhauskasten am Bahnhof Montparnasse, gab es lautstarke Proteste.
Die Vorstellung, dass Paris von ungeplant spriessenden Büro- und Hotelkisten umstellt werden könnte, nährte den Wunsch nach Kontrolle. Dem modernen Hochhaus sollte ein Revier zugewiesen werden, wo sich der in Metropolen unvermeidliche neue Bautypus austoben kann. Dort aber sollte er die weltweit beliebten Ausblicke über die französische Kapitale auf keinen Fall verstellen.
In La Défense wurden die Türme entlang einer Sichtachse aufgereiht und diese später mit der «Grande Arche» gekrönt: ein urbanistischer Geniestreich, um den Paris von anderen europäischen Städten beneidet wird. Denn viele Metropolen in Europa wissen nicht, wie sie ihre Skyline planen sollen. Diesen wichtigen stadtgestalterischen Punkt überlassen sie deshalb oft dem Zufall und dem Immobilienmarkt. Als nun das Schweizer Erfolgs-Architekturbüro Herzog & de Meuron aus Basel in der delikaten Silhouette der Stadt einen Dreiecksturm bauen liess, brachen die alten Konflikte und Debatten wieder auf.
Die 180 Meter hohe Pyramide, der dritthöchste Zacken der Pariser Stadtkrone, steht im Südwesten der Stadt, weit ausserhalb des Hochhausgeheges von La Défense. Die Form ist keine Anspielung auf die berühmte Louvre-Pyramide von I. M. Pei, sondern ein Motiv, das Herzog & de Meuron schon länger verfolgen: Auch unweit des Rheinufers in Kleinbasel haben die beiden Architekten Riesentürme, hier ganz in Weiss, bauen lassen, die sich nach oben hin verjüngen.
In Paris ist die Form des Hochhauses hingegen im wahrsten Sinn des Wortes noch pointierter: Aus zwei Blickrichtungen sieht die Silhouette schlank wie eine Klinge aus, in der direkten Aufsicht hingegen wirkt die «Tour Triangle» massiv und breit wie eine Eisscholle, die aus dem Häusermeer aufragt.
Reine Geometrie
Als «Reisszahn», «Sichtblockade», auch als «Renditeberg» haben Kritiker den Turm bezeichnet. Die alte immergleiche Idee aber, Gebäude wie Klötze zu formen, stammt aus der Unfähigkeit der Moderne und auch der zeitgenössischen Architektur, Hochhäusern einen markanten Abschluss zum Himmel und damit auch urbane Präsenz im Strassenraum zu geben. Da waren die Architekten der Postmoderne schon weiter, als Entwerfer wie Helmut Jahn mit dem Messeturm in Frankfurt und vielen anderen Werken die tradierte architektonische Proportionslehre von Basis, Schaft und Kapitell im Hochhaus befolgten.
Die Porte de Versailles im 15. Arrondissement, die die Tour Triangle nun dominiert, ist kein Quartier wie jedes andere in Paris: Mit den Grossbauten des Messegeländes hat sie schon seit hundert Jahren den Charakter eines Elefantenfriedhofs, auf dem Solitäre abgestellt werden, ohne sich zu sehr umeinander zu scheren. Besonders vom nahen Boulevard périphérique aus sehen nun jeden Tag mehr als eine Million Autofahrer den Schweizer Turm in Paris an ihrem Fenster vorbeigleiten, wie er sich dabei erst weitet und dann wieder verschlankt.
Auf trapezförmigem Grundriss ist der Wolkenkratzer zu einer überhohen Pyramide verzerrt. Sein kristallines Profil soll seine Masse optisch minimieren, aber weglügen lässt sie sich nicht. Wenigstens fallen die langen Schlagschatten, die der Turm bewirkt, meist auf die benachbarten Messehallen und nicht auf die Wohnviertel entlang der Ringstrasse.
Die geneigte Form verlangt ein für Hochhäuser ungewöhnliches Tragwerk mit schrägen Stützen, die jedoch nur in den Innenräumen zu erleben sind. In den Aussenansichten ist hingegen kein tektonischer Ausdruck zu sehen: Es sind generische Hüllen, keine Fassaden im Wortsinn von Gesicht. Die glatten Oberflächen reflektieren das Licht je nach Wetter, Jahreszeit und Tageszeit und sind Ausdruck reiner Geometrie.
Swissness
Statt eines plumpen Flachdachs, wie es die meisten Wolkenkratzer besitzen, hat die Tour Triangle in der obersten Etage, und damit gleichsam in der «Spitze des Eisbergs», ein Restaurant. Von hier aus kann man die monumentalen Achsen von Paris sehen – und auch den Eiffelturm, der von Zeitgenossen bei seiner Errichtung ebenfalls als «Furunkel im Gesicht der Stadt» und «Monstrum» verdammt wurde. Der weite Panoramablick über Paris von der Spitze des Triangels führt hinüber zum Geschäftsviertel La Défense, wo sich die Hochhäuser der achtziger und neunziger Jahre zu einer beeindruckenden modernen Zitadelle ballen.
Die Tour Triangle mag ein «unnötiger Eingriff in die Gestalt von Paris» und sein «Spektakel irrelevant» sein, wie Pariser Kritiker monierten. In der Skyline der Seine-Metropole hat jeder Eingriff Gewicht: Sie wird als eine der harmonischsten Stadtlandschaften der Welt beschrieben und zieht jährlich Millionen von Touristen an.
Heute gibt es bereits mehr als dreissig Hochhäuser im Stadtgebiet von Paris, die höher als hundert Meter sind. Zuletzt war es der Justizpalast von Renzo Piano, der sich in die Pariser Silhouette drängte. Statt plumper Höhenstufen bringt die Tour Triangle mit der Silhouette des Matterhorns nun einen Hauch Swissness nach Paris.