Die Twinnis der Twenties
Knallig, keck und komplementär: Die Kombination Grün und Rosa taucht in den letzten Jahren immer mehr in der Architektur auf. Aber warum? Eine Spurensuche zwischen Vegetation, Virtualität und Farbenfreude.
Was ist nur mit der Schweiz passiert? Jahrzehntelang waren die helvetischen Architekten berühmt dafür, mehr Grautöne und Abstufungen von Oberflächenrauheit im Beton zu erkennen, als Inuit Worte für Schnee haben. In alpiner Authentizität sinnierten sie schwarzgekleidet über die korrekte Art, Stein zu behauen und Holzschindeln zu legen. Ein Kosmos der geschmackssicheren und hochwertigen Farblosigkeit.
Blickt man heute auf die Schweizer Architektur der letzten Jahre, scheint es immer öfter, als sei eine Eisdiele aus den 1980er-Jahren explodiert, Eissorten inklusive. Ein Beispiel: Die Schule Chliriet von BS+EMI Architektenpartner, eröffnet 2023. Breite türkisgrüne Markisen leuchten weit über die Felder nördlich von Zürich, im Inneren erwartet die Schülerinnen und Schüler ein Fest der Polychromie: Rosa Wände, tieforange Decken, tannengrüne Sofas, grasgrüne Schließfächer, tiefblaue Lüftungsrohre, lila Küche. Jede Farbe ist einem Material und einer Funktion zugeordnet. „Das farbigste Schulhaus der Schweiz“, titelte der Zürcher Tages-Anzeiger . In Stans im Kanton Nidwalden planen Esch Sintzel Architekten eine siebengeschoßige Wohnsiedlung, in Terrakotta, Grasgrün und Sonnengelb. Inspiriert, so Stefan Sintzel, von der Siedlung Gröndal in Stockholm.
Salbei und Barbie
Farbe ist in der Architektur nichts Neues, sie wird nur neu entdeckt, und nicht nur in der Schweiz. Pioniere einer fast postmodernen Verspieltheit sind Job Floris und Sandor Naus von Monadnock Architekten aus Rotterdam. Jüngstes Projekt: ein Wohnbau in Hilversum, hier bilden salbeigrüne Ziegel die vordere Fassadenschicht, knapp dahinter leuchten barbiepinke Fensterrahmen hervor. Farbe nicht als Dekoration, sondern im Gleichklang mit Form und Material. Grün und Pink bilden das Dream-Team dieser Renaissance, sie sind das Architektur-Twinni der Twenties. Das „Haus fast ohne Heizung“ im bayerischen Ingolstadt, geplant von nbundm* Architekten, ein Pilotprojekt für den einfach-experimentellen Gebäudetyp E, kombiniert eine heu- und salbeigrün lasierte Lärchenfassade mit korallenrot lackierten Details.
Auch im Interieur liegt Salbeigrün seit ein paar Jahren im Trend: Es holt farblich die Natur ins Haus, aber treibt den Blutdruck überreizter Großstädter nicht mit Grellheit in die Höhe. Das Blassgrün S1020 G10Y war 2025 einer der fünf beliebtesten Farbtöne im System NCS, laut Hersteller vermittelt es „ruhigen Optimismus“. Eine Art offizielle Segnung erfuhr das farbliche Twin-Set in London, wo sich Tom Ravenscroft, Chefredakteur der Onlineplattform Dezeen, sein eigenes Haus von Nimtim Architects umbauen ließ – mit lachsrosa Stütze vor der mintgrünen Küchenfront. Die Architekten, die auf ihrer Website in wildbunten Outfits von Fotos strahlen, hatten schon 2018 bei ihrem Cork House mit pinkfarbenen Fensterrahmen experimentiert.
Österreich, zwischen Vorarlberger Holz und Wiener Putz traditionell eher den gedeckten Braun- und Beigetönen zugeneigt, von ländlichen Ausrutschern ins peinigend Currygelbe abgesehen, hat ebenfalls Geschmack an fröhlichen Eisdielenfarben gefunden. WUP Architekten kleideten 2024 ihre 234 Wohnungen an der Podhagskygasse in Wien-Donaustadt in leuchtendes Türkis und warmes Rosa. Einerseits ein Ausgleich zum Sparzwang im geförderten Wohnbau, der keinen Luxus im Material mehr erlaubt, aber auch eine Methode, die großen Bauvolumen zu gliedern, sagt Architekt Bernhard Weinberger. „Bei der Anordnung der Farbfelder haben wir uns an der Wiener Bauordnung orientiert. Der Grundkörper ist rot, und alle Bauteile vor der Baulinie, die der Paragraf 83 zusätzlich erlaubt, sind grün.“ So verstärkt die Farbe nicht nur die Wohnlichkeit, sondern gibt auch eine Gratislektion in Jus.
Skibrille und Blumentopf
Ein eindeutig zweigeteiltes Twinni wird in den nächsten Jahren an der Rückseite des ehemaligen Funkhauses an der Argentinierstraße entstehen. Zwei Wohnbauten, ein Neubau und ein Umbau, beide in Holz-Hybrid-Bauweise, einer rosa, einer grün. Allerdings handle es sich, so Erich Bernard und Markus Kaplan von BWM Architekten, nicht um Pink, sondern um Terrakotta. Dieser erinnere an Ziegel, ein Sympathieträger unter den Fassadenmaterialien, und harmoniere sehr gut mit Grün, auch dem der realen Vegetation: Stichwort Blumentopf. „Bepflanzung hat eine Renaissance in der Architektur erfahren, und Rosa wirkt hier unterstützend“, sagt Bernard. „Zudem sind es Komplementärfarben. Dadurch ergibt sich der Skibrilleneffekt – wenn man lange auf Rosa schaut, sieht danach alles grün aus.“
Eine lupenreine Komplementärdublette realisierten Löser Lott Architekten für zwei Kindertagesstätten in zwei Ortsteilen des nordhessischen Edermünde. Beide Bauten erinnern mit ihren Satteldachformen an landwirtschaftliche Scheunen, sie unterscheiden sich im Wesentlichen über die Farbe. Sie ahnen es schon: Eine ist grün, die andere rosa.
„Durch die monochrome Lackierung wirken die Baukörper kräftiger, plastischer und abstrakter“, sagt Architekt Johannes Lott. Die grüne Kita verschwindet fast in der Natur, die rosafarbene zeigt mehr Präsenz. Auch Lott konstatiert einen Wandel in der Architektur, was Farbe betrifft. „Das Thema wurde in Lehre und Praxis sehr vernachlässigt, man strebte stattdessen nach Materialechtheit. Farbe kam, wenn überhaupt, erst am Schluss dazu. Heute haben wir viel mehr Gestaltungsspielraum.“
Das freut auch die Farbhersteller. „Architekten greifen bei Gewerbeobjekten, dem Nichtwohnbau und insbesondere bei Hotels oft zur Farbe“, sagt Herwig Oberguggenberger, seit über 30 Jahren Farbberater beim Hersteller Sto. Dies habe mehrere Gründe: Neben dem offensichtlichen Auffallen-Wollen seien Qualitäts-, Komplementär-, Kalt-Warm- oder Quantitätskontraste ideale Werkzeuge, um Spannung zu erzeugen. Vielleicht liegt eine der Ursachen für die Popularität der Twinni-Farben aber im Virtuellen. Sandra Youkhana und Luke Pearson vom Londoner Architekturbüro You+Pea entwickelten für Sto das Projekt „Kaleidoskop“, in dem sie Formen aus digitalen Simulationen und Gaming in reale Objekte transferieren. „Die Architektur ist fröhlicher geworden. Das kann mit den sozialen Medien und dem Wunsch nach Fassaden, die instagrammable sind, zusammenhängen“, sagt Sandra Youkhana. Eines der virtuell-realen Objekte in ihrem Kaleidoskop leuchtet, no na, in Grasgrün und Erdbeereispink.