Österreich zwischen Palmen und Kamelen
Dank seiner Neutralität ab 1955 fand zwischen Österreich und den neuen, politisch erstarkenden Ländern in Asien und Afrika eine rege Zusammenarbeit statt. Das Architekturzentrum Wien entführt auf eine Zeitreise nach Persien, Indonesien und Saudi-Arabien.
Im weißen Sommeranzug am Tisch stehend, die Hand zielstrebig ausgestreckt, den Zeigefinger zu den obersten Aussichtsplattformen weisend. 300 Meter hoch sollte er dereinst in den Himmel ragen, der Menara Bung Karno, der neue Fernsehturm von Jakarta, architektonisches Symbol eines modernen, unabhängigen, sich der niederländischen Kolonialzeit endlich entledigten Indonesiens.
Die Stimmung im Merdeka-Palast scheint vielversprechend, der Baubeginn des neuen, futuristischen Wahrzeichens vermeintlich zum Greifen nah, mit einem sichtlich interessierten Bauherrn, seines Zeichens Präsident Sukarno, wie immer mit schwarzem Petji am Kopf, sich bereits die Zukunft an den Fingern ausrechnend, an seiner Seite Gattin Ratna Sari Dewi samt politischer und militärischer Entourage. Und Klick, eines von Hunderten Bilddokumenten, die sich nun in der Sammlung des Architekturzentrums Wien (AzW) befinden.
„Hannes Lintl zählt mit Sicherheit zu jenen österreichischen Architekten, die das diplomatische Parkett am souveränsten beherrscht haben“, sagt die Wiener Forscherin und Kunsthistorikerin Susanne Rick. „Er war gern gesehener Gast in Jakarta. Hinzu kommt, dass Präsident Sukarno achtmal in Wien zu Besuch war, und als er auf seiner letzten Reise 1964 auf dem Gelände der Wiener Internationalen Gartenschau den kürzlich fertiggestellten Donauturm besichtigt hat, das bis heute bekannteste Projekt Lintls, war er so beeindruckt davon, dass er so eine ähnliche Landmark auch in der indonesischen Hauptstadt errichten wollte.“ Bloß 50 Meter höher.
Vom Architekten zum Konsul
Zwar wurde Lintl, damals gerade mal 42 Jahre alt und schon nach den internationalen Sternen greifend, für seine Leistungen mit dem renommierten Star of Mahaputra, einer Plakette für besondere Verdienste am Land, ausgezeichnet, und auch die Pläne für die vier Hochgeschwindigkeitsaufzüge, das rotierende Restaurant in 200 Meter Höhe und die technischen Sendeanlagen an der Spitze des Turms nahmen rasch Gestalt an. Doch die Machtübernahme durch General Suharto nur wenige Monate später brachten Sukarnos Pläne zu Fall. Der Menara Bung Karno blieb eine niemals vollendete Vision.
Und bei Weitem nicht die einzige. Lintl war ein Vielreisender, arbeitete parallel an einem 360 Meter hohen Fernsehturm in Bagdad, wurde wenige Jahre später mit einem Sendeturm für die neue emiratische Hauptstadt Abu Dhabi beauftragt, plante nebenbei Bürobauten, Kinderspitäler, Messepavillons, Konferenzzentren, Botschaftsgebäude und Regierungspaläste in Jordanien, Iran, Kuwait, Bahrain und Saudi-Arabien und wurde von sämtlichen Staatsoberhäuptern mit offenen Armen empfangen – ehe er selbst 1967 zum österreichischen Generalkonsul in Amman ernannt wurde.
„Nach 1945 kam es zu einer neuen Weltordnung, viele Staaten in Asien und Afrika haben in den Folgejahren ihre Unabhängigkeit erlangt, und nicht zuletzt bekannte sich Österreich 1955 zu seiner Neutralität, die dazu geführt hat, dass viele Architekten wie etwa Hannes Lintl, Roland Rainer und Johann Staber weltweit zu Wettbewerben oder Direktaufträgen eingeladen wurden“, sagt Monika Platzer, die die Ausstellung Global – Neutral im AzW gemeinsam mit Rick kuratiert hat. „Die Unabhängigkeit Österreichs und die professionelle Reputation der österreichischen Architektur und Industrie waren für viele Staaten die Möglichkeit zu einer internationalen Zusammenarbeit ohne politisches Commitment.“
Die Idee zur Ausstellung reicht viele Jahre zurück und hat mit der Entdeckung zu tun, dass sich in zahlreichen Vor- und Nachlässen österreichischer Architektinnen und Architekten Hinweise auf rege internationale Kooperationen finden konnten. Rund 25 Sammlungen mit insgesamt 60 realisierten und nicht realisierten Projekten können an zum Teil übermenschgroßen Plänen, Collagen und Originalzeichnungen studiert werden – und das alles in einer frech konzipierten Ausstellungsarchitektur des Wiener Künstlerkollektivs Steinbrener/Dempf & Huber, als hätten die drei schnell noch das gesamte AzW-Depot aus Himberg nach Wien geschoben und mit maximaler Display-Fläche zur Schau gestellt.
Zu den ausgestellten Exponaten zählen nicht nur technoide, futuristische Exportträumereien, die zum Teil orts- und klimafremd in der Stadtlandschaft herumstehen und sich nicht so recht in den Kontext eingliedern können, ganz gleich, mit wie vielen meisterhaft hinskizzierten Konturen von Palmen, Kamelhöckern und in Thawbs gekleideten Männern akzentuiert, sondern in großer Zahl auch hochintelligente Projekte, Wohnmodule und Masterplanungen, die sich mit Licht, Schatten, Belüftung und Vorfertigung an die örtlichen, natürlichen und wirtschaftlichen Gegebenheiten anpassen.
Menschliche Qualifikation
Helene Koller-Buchwieser arbeitete an Schulen und Jugendzentren in Burkina Faso, Carl Pruscha errichtete Wohnbauten, Jugendherbergen und Verwaltungsgebäude in Nepal, Anton Schweighofer plante SOS-Kinderdörfer für Libanon, Iran, Indien und Südkorea, und Walter Hildebrand und Eckhard Schulze-Fielitz entwickelten für Algerien und São Tomé und Príncipe notdürftige, aber klimatisch clever konzipierte Behausungssysteme für Kinder und Arbeiter. Fast vergessen in den Tiefen der Geschichte die für den globalen Export entwickelten Fertighaus-Systeme namens Rabat , Beyrouth und Petite Case Indigène von Walter Jaksch, Carl Auböck und Ferdinand Kitt.
„Wir sind so wie viele andere kleine Staaten menschlich qualifiziert für diese Aufgabe“, sagte Bruno Kreisky 1963 in seiner Rede im Nationalrat, „weil wir gewöhnt sind, weniger in Machtkategorien zu denken als in jenen der Kooperation. Wir haben keine koloniale Vergangenheit, das schafft keine unfreundlichen Erinnerungen, und wir sind, was auch in diesem Zusammenhang nicht unterschätzt werden darf, ein neutraler Staat, ein paktfreier Staat, und das macht unsere Beteiligung an Objekten größeren Umfanges vielen dieser Staaten sehr sympathisch.“
Zwischen all den Plänen und Projekten, mit hochtrabenden Visionen und weiß gekleideten Hannes Lintls, die mit großen Gesten die Welt zu erobern versuchten, ist die wertvollste Erkenntnis dieser Ausstellung erst auf den zweiten Blick erkennbar: Offenheit, Zusammenarbeit und nicht nur einseitige, sondern auch gegenseitige Beeinflussung von Arbeitsweisen und Themenbetrachtungen – in Zeiten einer wieder einmal auseinanderfallenden Welt zwischen Nord und Süd, zwischen Orient und Okzident ein leider hochaktueller, dringend benötigter Hoffnungsschimmer.
[ „Global – Neutral. Architektur aus Österreich in Afrika und Asien 1955–1989“. Zu sehen bis 5. Oktober. Zur Ausstellung ist ein Buch erschienen, Park Books. ]