Schönes Silodenken
In Schleedorf im Flachgau wurde ein Bauernhof-Silo revitalisiert – als Wohnhaus mit Kreislaufwirtschaft, Frechheit und Wow. Ein Appell zum Umdenken.
Eigentlich, erzählt Stefan, wollte er den Silo abreißen und sich ein richtig schönes, modernes Einfamilienhaus stattdessen aufs Grundstück stellen. Irgendwas Schlichtes, was zu den neuen Stallgebäuden daneben passt, nach Möglichkeit aus Holz. Früher, als die Landwirtschaft noch im Vollbetrieb war, mit 13 Mutterkühen im Stall, die natürlich Bedarf nach Futter hatten, wurde in den vier Rundsilos Heu gelagert und mithilfe von Milchsäure in Silage verwandelt, über den langen Winter also haltbar gemacht. Aber das ist jetzt auch schon zwei Jahre her, alles Geschichte. Für die zwei Pferde und die beiden Alpakas, die heute im Stall wohnen, braucht’s das alles nicht mehr. „Also war für mich ganz klar: Weg mit den Silos, jetzt bauma ein Haus!“
Doch so weit sollte es nicht kommen. Frau Monika und die fünf Kinder appellierten daran, mit dem weiterzuarbeiten, was schon da ist, womöglich sogar den Silo zu sanieren und in ein vollwertiges Wohnhaus auszubauen. Vielleicht geht das ja wirklich, da müsse man einen Vollprofi fragen. Als dann Tom Lechner zu einer ersten Inspektion eingeladen wurde, war klar, wohin die Reise gehen würde – schließlich hatte der Salzburger Architekt 2017 schon mal was für den Stefan und die Monika geplant, nämlich den Umbau der Trachtenschneiderei drinnen im Dorf. Die Idee der Familie wurde mit Euphorie aufgegriffen, der Silo müsse revitalisiert werden, keine Frage; der Traum vom Neubau zerplatzte im Nu.
„Das machen wir!“
„Und eigentlich hab ich mir das zu Beginn nicht so richtig vorstellen können“, sagt Stefan Wimmer (66), der mit seiner Frau bis vor Kurzem die Schneiderei in Schleedorf geleitet hat, spezialisiert auf hochwertige Trachtenmode, alles maßgeschneiderte Auftragsarbeiten, mit 20 Angestellten im Haus, ehe er den Betrieb an die Tochter übergeben und mit den Söhnen eine digitale Nähausbildung, eine mehrsprachige Online-Masterclass auf die Beine gestellt hat. „Aber dann kam der Tom zurück mit einem konkreten Entwurf unterm Arm, richtig schön, richtig wow, da war dann auch für mich klar: Das machen wir!“
Das morsche Holz zwischen den vier Betonsilos, eine schlecht gepflegte Nutzarchitektur zum Einlagern von Werkzeug und Zugmaschinen, wurde entfernt, der Silokran in neun Meter Höhe, der einst das Heu gefasst und von oben in die Silozylinder hineingeworfen hat, behutsam demontiert, die gesamte Heumaschinerie verschenkt und verscherbelt. Doch dann die Hiobsbotschaft, die das Projekt beinahe zum buchstäblichen Einsturz bringen sollte: Als man die Silos mit einem Wasserwerfer auf Dichtigkeit getestet hat, stellte sich heraus, dass alle vier Silotürme undicht und voller unregelmäßiger Risse sind. „Da hab ich mir dann schon gedacht: Jetzt holma den Abrissbagger!“
Wer im hew nicht gappelet, im schnitt nicht zappelet, im lesen nicht früh auffsteht, der sihet wol, wie es im winter geht , besagt ein altes Sprichwort aus dem 14. Jahrhundert. Wer das Heu nicht umgabelt, beim Schneiden nicht schnell ist, sich für die Lese nicht rechtzeitig aufrafft, kann in kalten Zeiten Not leiden. „Die Risse im Silo waren ein richtiger Tiefpunkt“, sagt Stefan, „und wir wussten, das macht die Sache nicht gerade billiger. Aber jetzt aufgeben, wo wir doch schon so weit gekommen sind? Der Tom hat uns dazu animiert, die Sache durchzuziehen. Die Ressourcen werden nicht mehr, wir müssen endlich anfangen, umzubauen und umzugabeln, und dieses Haus sollte ein solches Exempel für Reuse und Kreislaufwirtschaft werden!“
Vor wenigen Wochen wurde die Baustelle beendet. Mit einem selbstverständlichen, fast immer schon dagewesenen Understatement thront das Ergebnis hoch oben auf der Hügelkuppe, mit Blick weit über den Flachgau. Die Silotürme wurden erst sandgestrahlt und von Schmutz befreit, dann mit 15 Zentimeter Hartschaum gedämmt, schließlich mit einer 20 Zentimeter dicken Schicht aus Stampfbeton gegen Wind und Wetter gewappnet. Die 16 horizontalen Ringe, deutlich an den unterschiedlichen Farben erkennbar, verleihen dem Haus eine irgendwie archaische, rustikale Erdigkeit.
Dazwischen wurden die vier Betonsilos mit einem vor Ort zurechtgezimmerten Holzbau zum Haus geschlossen, alles Handarbeit mit millimeterweiser Anpassung an den Bestand: Deckenplatten und Türöffnungen aus Fichte-Brettsperrholz, die Fassade als Holzriegelkonstruktion mit Lärchenverkleidung, Fenster und Türen ebenfalls aus Lärche, im Parterre eine aufgeständerte Stahlkonstruktion mit geschliffenem Betonboden, in den beiden Obergeschoßen darüber sichtbares Holz von oben bis unten, zu Füßen mit einem dicken Schiffboden aus gebürsteter Weißtanne.
„Kein Architekt würde so einen Grundriss planen“, sagt Tom Lechner, der sich schon vor vielen Jahren auf Holzbau spezialisiert hat, „aber in diesem Fall wollten wir die ungewöhnlichen Rahmenbedingungen auskosten und bis zum allerletzten Detail ausreizen. Dazu gehört auch, dass wir uns für die vier Silotürme in allen Etagen besondere Funktionen und technische Lösungen überlegt haben.“ Mal befindet sich in einem der Silo-Rundlinge eine kleine Hauskapelle, mal ein hochglanzlackiertes Badezimmer in Pink und Weinrot, mal eine Wohnzimmerbibliothek samt verstecktem Arbeitsplatz, die sich langsam, aber doch mit Büchern füllt. Dazwischen immer wieder altmodische Keramik-Lichtschalter mit Klick.
Freitragende Wendeltreppe
Konstruktives Highlight ist die Wendeltreppe im Nordost-Silo. Nachdem der Bestandsbeton nicht zusätzlich belastet werden durfte, musste die gesamte Treppe als selbsttragende Struktur hineingesetzt werden. „Wir haben lange überlegt und herumexperimentiert“, sagt Tom. „Letztendlich haben wir marktübliche Kanalrohre hergenommen, die wir als Treppenspindel übereinandergesetzt und innen mit Beton ausgegossen haben – und fertig ist eine perfekte, freitragende Treppe!“
Mit dem Silohaus ist Schleedorf, Salzburg, ist ein selten poetisches, selten wunderschönes Beispiel für Re-Use und Weiterbauen im Bestand gelungen. „Wir haben schon so viel gebaut, es steht schon so viel in der Gegend herum“, sagt Tom Lechner, „das gilt es zu nutzen – und die normative Ästhetik und Bauquantität, die uns die Häuslbauer-Industrie vorsetzt, endlich auszuradieren.“