Sag mir, wo die Menschen sind!
In der neu entwickelten Stadt versprechen uns Renderings das Blaue vom Himmel. Die Realität schaut anders aus. Auf Spurensuche nach Lebendigkeit am Beispiel des kürzlich fertiggestellten Vienna Twentytwo.
Schwarzer Anzug, weißer Blazer, rote Ballerinas, gelbes Sommerkleid, jede Menge Aktentaschen, unzählige Sonnenbrillen und dutzende, dutzende Smartphones am Ohr. Für das kürzlich fertiggestellte Quartier Vienna Twentytwo hatte der Investor – einst STC Development, später die mittlerweile insolvente Signa, heute die bundeseigene Tochter ARE Austrian Real Estate – offenbar ganz klare Vorstellungen. Zoomt man sich in eines der Signature-Renderings hinein, mit denen das Projekt in den letzten Jahren beworben wurde, dann zählt man sage und schreibe 105 Personen, die quirlig über den Platz laufen, darunter dank KI auch Schuhlose, Doppelgänger und vierbeinige Sandalendamen.
An einem warmen, sonnigen Nachmittag, 17 Uhr. Die Realität schaut anders aus, ganz anders. Ab und zu huschen ein paar graue Leute über den komplett zubetonierten Platz, die einen auf dem Weg zum Spar-Supermarkt, die anderen zur Rolltreppe, um mit ihrem Trolley ins Aparthotel Citadines im ersten Stock zu gelangen. Wiederum andere – ein paar Jugendliche mit Loudspeaker und Bierdose in der Hand – ziehen sich in den atmosphärischen Windschatten zurück, irgendwo hinten ums Eck, um in der Abgeschiedenheit des Ortes herumzualbern und herumzuknutschen.
Was ist hier passiert? Wo sind all die glücklichen, bunt gekleideten, im Sonnenlicht telefonierenden Menschen hin? „Die Diskrepanz zwischen Rendering und Realität hat in erster Linie damit zu tun, dass es sich bei Projekten dieser Art nicht um öffentliche Räume handelt, wie das oft suggeriert wird, sondern um private Plätze, auf denen die unternehmenseigene Hausordnung gilt“, sagt die Wiener Architektin und Stadtforscherin Elke Rauth, Obfrau von Dérive und Organisatorin des kommenden Dienstag startenden Stadtfestivals Urbanize!. „Die Menschen, die sich ein Investor auf so einem Platz wünscht, sind vital, gesund, voller Elan, gut gekleidet und im sichtlich allerbesten Alter, nicht zu jung und schon gar nicht viel zu alt.“
Gefahr und Störfaktor
An einem wirklich öffentlichen Raum jedoch, so Rauth, hätten die meisten privaten Developer gar kein Interesse. Denn: „Öffentlichkeit bedeutet, dass sich hier auch Menschen aufhalten, mit denen man womöglich sogar Konflikte aushandeln müsste – ob das nun soziale Randgruppen sind, Menschen mit Behinderung oder gar von Obdachlosigkeit Betroffene, die in der Welt von Projektentwicklung, Bürovermietung und Wohnungseigentum vor allem als Gefahr und Störfaktor gesehen werden.“ Es sei wohl nur eine Frage der Zeit, so die Forscherin, bis die paar Teenager, die sich hier offenbar wohlfühlen, dem Kontrollregime des Investors zum Opfer fallen und vertrieben würden.
„Verkauft wird mit diesen Bildern eine lebendige Urbanität“, erklärt Angelika Psenner, Professorin für Stadtstrukturforschung an der TU Wien, „ohne dass sich die meisten Menschen ernsthaft überlegen, welchen Preis diese Urbanität hat. Denn Lebendigkeit bedeutet immer auch Lautstärke, Fremdheit, Mobilität, Verschmutzung und vielleicht sogar Einbußen im subjektiven Sicherheitsempfinden. Will man das alles wirklich in Kauf nehmen? Oder will man als hier investierter Wohnungsbesitzer nicht doch lieber Ruhe, Leere und Ordnung?“
Auf vielen Renderings, so die Expertin, finde man Cafés, Eissalons, Schanigärten mit Sonnenschirm, manchmal sogar Greißler mit aufgebauten Obst- und Gemüseständen im Freien. „Auf jeden Fall also Konsumräume, die eine gewisse Kaufkraft und Zugehörigkeit zu einer ganz bestimmten sozialen Schicht visualisieren. Was man auf den Renderings aber nie sieht, obwohl auch das ein Teil der Realität ist, sind die Rückseiten, die Lüftungsauslässe, die Müll-, Fahrrad- und Haustechnikräume, die verschlossenen oder mit blickdichten Folien zugeklebten Fassaden, wo sich ein lebendiges Stadtparterre nur schwer entfalten kann.“
„Noch Luft nach oben“
Und was sagt der Architekt selbst zu alledem? „Uns ist hier ein wirklich komplexes, stark durchmischtes Projekt gelungen, auf das wir sehr stolz sind“, meint Bernd Heger, Partner bei DMAA Delugan Meissl Associated Architects, im Gespräch mit dem ΔTANDARD. Und zählt neben den insgesamt 650 Miet- und Eigentumswohnungen auch die beiden Hotels, die Büroetagen, den Supermarkt, die kleinen Shops und das hierher übersiedelte Bezirksamt auf. „Was jedoch die Nutzung der Erdgeschoße und die Lebendigkeit der Vorplätze und der öffentlichen Plattform im ersten Stock betrifft, da sehe ich zugegebenermaßen noch Luft nach oben.“
Ursprünglich, erinnert sich Heger, seien noch viel mehr heterogene Nutzungen im Sockelbereich vorgesehen gewesen, zum Beispiel ein Fitnesscenter, ein Ärztezentrum, eine Bezirksbibliothek und sogar eine Volkshochschule. „Das wären unglaubliche Frequenzbringer gewesen! Doch leider sind all diese Mietinteressenten wieder abgesprungen. Jetzt muss der öffentliche Raum mit dem bespielt werden, was da ist.“ Hinzu kommt, dass es auf dem Vorplatz, vor den Rolltreppen und im Eingangsbereich des Bezirksamts – wohl aus Angst vor unerwünschten Nutzergruppen – weit und breit keine einzige Sitzmöglichkeit gibt. Städtische Gemütlichkeit schaut anders aus.
„Renderings entsprechen im besten Fall zu 80 Prozent der Realität“, erklärt Cornelia Bredt, Stadtraumexpertin beim Investor ARE. „Aber die restlichen 20 Prozent, muss man verstehen, sind wie eine Vision, wie eine fiktive Malerei, wie eine aufgedonnerte Gigi Hadid am Laufsteg bei der Paris Fashion Week. Das hat nichts mit der gebauten Realität zu tun, sondern ist lediglich ein Vertriebsinstrument, um die Absicht des Developers zu unterstreichen – mit blauem Himmel, zwei Wölkchen und drei Vögeln.“
Renderings hätten manchmal vielleicht ein bisschen zu viel Schminke, seien gar ein bisschen dick aufgetragen, so Bredt. „Ja, ja, aber sie sind keine Lüge. Sie sind eher eine Art optimistische Zeitmaschine. Sie zeigen wahrscheinlich nicht die nahe Zukunft, sondern einen wunderbaren Sommertag in zehn Jahren ab heute. Das braucht Zeit!“ Die Verantwortung von Bauträgern, Investorinnen und Projektentwicklern ist es, weniger in die Schminke und stattdessen in den Stadtkörper zu investieren – und dafür zu sorgen, dass sich urbane Öffentlichkeit in all ihren Facetten entfalten kann.
Urbanize! findet kommende Woche vom 13. bis 18. Oktober statt. Unter dem Titel „Reclaim the Streets“ geht das heurige Stadtfestival mit 45 Veranstaltungen über die Bühne.