„Das Bauen braucht eine Fastenzeit“ Turn On: 20 Stunden Architektur
Der Münchner Architekt Florian Nagler zählt zu den radikalsten Vertretern technischen Verzichts und poetischer Genügsamkeit. Beim Architekturfestival Turn On in Wien hält er nächsten Samstag einen Vortrag.
Er ist Architekt, Forscher und Zimmermann. Er baut Poesie aus Holz, Fundamente ohne Beton und Forschungshäuser, die er jahrelang beobachtet und evaluiert, um daraus schlauer zu werden und technische Schlüsse für die Zukunft zu ziehen. Sein Credo: „Wenn wir den Karren nicht an die Wand fahren wollen, müssen wir uns in Suffizienz üben und endlich lernen zu verzichten.“ Ein Gespräch mit Florian Nagler über CO2 -Steuer, Bürgerliche Gesetzbücher und drei Meter lange Schrauben.
STANDARD: Mit vielen Projekten betreten Sie Neuland, stellen Experimente an, gehen sogar Risiken ein. Woher kommt diese Neugier?
Nagler: In meinem Studium und in meinem ersten Job habe ich gelernt, die Grenzen des baulich Machbaren auszuloten und dabei auch was zu riskieren. Diese Risikobereitschaft habe ich mir erhalten – wobei die Dinge, die wir machen, gar nicht übertrieben riskant sind, sie weichen lediglich vom „Stand der Technik“ ab.
STANDARD: Aus dem Forschungsdrang lässt sich eine gewisse Unzufriedenheit mit dem Status quo herauslesen. Was sind denn die größten Kritikpunkte?
Nagler: Es gibt einige Kritikpunkte – ob das nun Grundrisse sind, die im Sinne der Förderrichtlinien generiert wurden, vermeintlich innovative Technik- und Energiekonzepte oder das grundlegende Überdenken der globalen Baustoffpolitik. Der Status quo ignoriert die Probleme der Gegenwart, hinterfragt selten Fehlentwicklungen und arrangiert sich mit normativen Gegebenheiten, die dafür verantwortlich sind, dass die gebaute Umwelt so ausschaut, wie sie ausschaut. Forschung bietet Möglichkeiten, Dinge zu hinterfragen – und genau das tun wir.
STANDARD: Mit welchen Fragestellungen?
Nagler: Haustechnik vereinfachen, Haustechnik verkleinern, auf Heizung verzichten, auf Wärmedämmung verzichten, fossile Energien in der Baustoffproduktion reduzieren, auf zementbasierte Materialien verzichten. Vieles davon, womit wir uns Tag für Tag beschäftigen, hat mit Suffizienz zu tun, mit der Akzeptanz eines Weniger-Konzepts.
STANDARD: Mit den Themen, die Sie anreißen, beschäftigt sich bereits die Wohnungswirtschaft. Am Ende aber wird es dann trotzdem die Stahlbetonkiste mit Styropordämmung.
Nagler: Zuletzt geht es immer ums Geld. Leider sind Beton und Zement noch immer viel zu billig. Die CO2 -Bepreisung ist noch nicht dort, wo sie sein sollte. Mit 50 oder 80 Euro pro Tonne CO2 wird man es nicht schaffen, eine ökologische Kostenwahrheit herzustellen. Wenn die Tonne CO2 im Sinne einer seriösen, repräsentativen CO2 -Bilanzierung erst einmal ein paar hundert Euro kostet, können wir weiterreden.
STANDARD: Beim Architekturfestival Turn On sprechen Sie unter anderem über das Gartenhaus in München-Pasing, ein dreigeschoßiges Gebäude ganz ohne Zement. Wie geht das?
Nagler: Wir haben ein Haus aus Holz und Lehm gebaut, wir haben auf den Keller verzichtet, und statt eines klassischen Betonfundaments haben wir Schraubfundamente eingesetzt – Stahlschrauben, auf denen das gesamte Haus steht, ohne den Wasserhaushalt des Grundstücks zu behindern.
STANDARD: Wie genau kann man sich die Schrauben vorstellen?
Nagler: Je nach Untergrund und Tragfähigkeit des Bodens sind das 2,50 bis drei Meter lange Schrauben, in unserem Fall 53 Stück an der Zahl. Man kann sich das so vorstellen, dass ein Bagger eine Art Akku-Schraubaufsatz hat und dann diese überdimensionalen Spax-Schrauben in die Erde reindreht.
STANDARD: Ein Haus ohne Zement: Was ist das Learning daraus?
Nagler: Beton ist ein sehr leistungsfähiger Baustoff. Es gibt viele Anwendungen im Bauwesen, vor allem im Tiefbau, bei denen wir in naher Zukunft nicht daran vorbeikommen werden. Doch leider wird er oft gedankenlos und verschwenderisch eingesetzt – und das, obwohl manche Bestandteile davon nur endlich zur Verfügung stehen. Wir wollten zeigen, dass man auf Beton auch verzichten kann. Und dass dieses einfache Bauen auch etwas sehr Schönes, sehr Poetisches sein kann.
STANDARD: In Bayern wird genau dieses einfache Bauen unter dem Titel „Gebäudetyp E“ nun politisch promotet – und zwar mit 19 Pilotprojekten. Wird das eine Auswirkung auf die Baubranche haben?
Nagler: Ich hoffe sehr! Im Rahmen des Gebäudetyps E wird gerade versucht, den sogenannten „schadensfreien Mangel“ loszuwerden. Dafür ist eine Änderung des Bürgerlichen Gesetzbuchs notwendig. Klingt nicht nach viel, ist es aber! Bis jetzt war es nämlich so: Wenn ein Architekt oder eine Baufirma etwas gebaut haben, das zwar schadensfrei funktioniert, aber nicht der Vorschrift entspricht, dann war das einklagbar. Wenn es gelingt, das zu ändern, ist das ein grandioser Erfolg.
STANDARD: Worum wird es in Ihrem Vortrag nächsten Samstag in Wien sonst noch gehen?
Nagler: Um Reduktion von Ansprüchen. Wir werden unsere klimatischen und ökologischen Probleme nicht nur mit Technologie in den Griff kriegen. Wir werden auch lernen müssen, zu verzichten – und dass dieser Verzicht auch ein Gewinn sein kann. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen noch eine schöne Fastenzeit!
STANDARD: Das hat uns noch niemand gewünscht.
Nagler: Fasten ist auch was Positives! Das brauchen wir im Bauen!
Krisen und Disruptionen führen zwangsweise auch zu einer tektonischen Plattenverschiebung in der Architektur. Unter dem Motto „Kreative Dissonanzen“ steht somit die 24. Ausgabe des jährlichen Architekturfestivals Turn On. Kuratorin Margit Ulama versammelt Dissonanzen aus ganz Europa, darunter Schulen, Wohnhäuser, Sportstätten, Bausysteme, Holzbauten, neue Quartiere und abstrakte Städte. Auf dem Programm stehen insgesamt 40 Vorträge, unter anderem von AFEA, ARTEC, AllesWirdGut, querkraft, nonconform, BWM, wup, P.GOOD, synn, LP Architektur, Gerner Gerner Plus, Riepl Kaufmann Bammer, Ludescher+Lutz und den portugiesischen Architekturbüros Bak Gordon, Correia/Ragazzi und Branco del Rio.
Do, 12. März von 15.30 bis 20 Uhr. Fr, 13. März von 11 bis 20 Uhr. Sa, 14. März von 13 bis 20 Uhr. ORF Radiokulturhaus, Argentinierstraße 30a, 1040 Wien. Eintritt frei