nextroom.at

Artikel

3. Januar 2009 Spectrum

Es grünt so kühn

Ob in „Barry Lyndon“ oder in der „Truman Show“, in „Blow Up“ oder in „Edward mit den Scherenhänden“: Überall finden wir sie, die „Gärten im Film“. Drei Landschaftsarchitekten auf der Suche nach Gartenkunst, wie sie von der Leinwand kommt.

Ich bin immer ein begeisterter Gärtner gewesen – Blumen strahlten in meiner Kindheit, wie sie es in mittelalterlichen Handschriften tun.“ Und: „Hinter jedem Garten liegt das Paradies, und einige Gärten sind wahre Paradiese. Meiner gehört dazu.“ Es ist der Große des britischen Independent Films, der hier von seiner Gartenleidenschaft Zeugnis ablegt: Derek Jarman. Und es wäre nicht Jarman, hätte er es sich mit diesem seinem Garten leicht gemacht. Die Fischerkate, die er 1986 auf der Halbinsel Dungeness erwirbt, liegt inmitten einer jämmerlichen Kieswüste mit einem klapprigen Atomkraftwerk als einziger Attraktion in der Nachbarschaft.

Das Gartenkunstwerk aus Treibgut und anderen Fundstücken, aus bodenständigen und angesiedelten Pflanzen, das er in den folgenden Jahren, bis zu seinem frühen Aids-Tod, 1994, einer grimmigen Natur anempfiehlt, verwebt er einmal, 1990, auch in einen Film: „The Garden“ heißt der traumatisch-traumverlorene Streifen voller Anspielungen auf Religion, Aids und Sexualität. Eine der entlegeneren Seitenstraßen, wenn man sich dem Thema „Gärten im Film“ annähert.

Zu entlegen, wenn man sich dabei wie Leonie Glabau, Daniel Rimbach und Horst Schumacher im Dienste der Handlichkeit auf 144 Buchseiten beschränken will. Immerhin: „Über 130 Spielfilme, die einen Gartenbezug zeigen“, haben die drei deutschen Landschaftsarchitekten im Rahmen eines Forschungsprojekts an der Fachhochschule Erfurt analysiert. Das Ergebnis wartet auch ohne Jarmans „Garden“ mit einer ganzen Reihe überraschender Details auf.

So erfahren wir, dass Michelangelo Antonioni für die zentrale Passage von „Blow Up“ (1966) den Rasen des Londoner Maryon Parks grün anstreichen ließ und die Asphaltwege schwarz. Ergebnis: Der Park wirkt entrückt, fast surreal. Oder schauen wir uns, geführt von dem Autorentrio, Alain Resnais' „Letztes Jahr in Marienbad“ (1960) einmal genauer an: „In der berühmtesten Einstellung des Films gleitet der Blick von einem Balkon hinunter in den weiten Barockgarten von Nymphenburg. Menschen stehen unbeweglich in der Hauptachse. Während sie lange Schatten werfen, fehlen die Schatten der Bäume, Statuen und der Gehölze. Hierfür wurde bei bedecktem Himmel gedreht und mit aufgemalten Schatten gearbeitet.“ Ergebnis, abermals: eine nachgerade gespenstische Verfremdung der Szenerie.

Wir sehen schon: Glabau, Rimbach und Schumacher begnügen sich nicht damit, eine Sammlung von Drehorten und schönen Bildern vorzulegen; sie wollen auch Antworten auf Fragen geben wie: „Warum wurde ein spezieller Garten ausgewählt? Welche räumliche Situationen entstehen auf der Leinwand? Was kann ein Filmgarten gegenüber einem realen Garten?“

Schließlich: Gedreht on location bedeutet ja keineswegs, dass diese location dann auch tatsächlich so ins Bild gerückt wird, wie sie nun einmal ist. Und auch diesen Differenzen zwischen Leinwandschein und Gartenwirklichkeit forschen die Autoren lokalaugenscheinlich nach. Da geht es um unmittelbare Eingriffe in die Gestaltung der Landschaftsräume, der Parterre und Rabatten, der Sichtschneisen, der Brunnen und des sonstigen Gartenmobiliars, wie sie sich an den jeweiligen Orten finden. Hier eine Statue dazu, da ein paar Hecken, die unter Planen verschwinden: Regelmäßig wird die ohnehin schon vorhandene Gartenkunst im Dienste eines filmisch dienlicheren Ausdrucks noch einmal ästhetisch aufgepeppt. Gar nicht zu reden von jenen Fällen, wo ein Filmgarten gar aus mehreren realen Gärten gefügt wird. Man denke an Stanley Kubricks bis auf den heutigen Tag unübertroffenes Historiendrama „Barry Lyndon“ (1975). Kubricks „Hauptanliegen war es, ein stimmiges Bild aus der Mitte des 18. Jahrhunderts zu erschaffen“, erläutern die Autoren. „Für dieses perfekt inszenierte Bild wurde zum Beispiel das Anwesen der Lyndons aus mehreren englischen Landsitzen zu einem imaginären Ideallandschaftsgarten verschmolzen. Diese Verschmelzungen sind jedoch keine ,Fehler‘, sie erschließen sich nur dem Kenner der einzelnen Drehorte.“ Der Szenograf des Films als Schöpfer einer zwar aus Vorhandenem rekombinierten, und doch auf ihre Art neuen Landschaftsgestaltung, die das Bild von Gartenkunst, das das Kinopublikum nach Haus nimmt, womöglich tiefer prägt, als es die realen Orte vermögen.

Doch auch jenseits aller Eingriffe durch eine Filmcrew formt, was von der Leinwand kommt, naturgemäß unsere Sehgewohnheiten. So definiert der New Yorker Central Park allein schon dank seiner Omnipräsenz in US-amerikanischen Filmen und, ja, auch Fernsehserien längst sozusagen weltweit den Standard dafür, wie ein metropolitanes Grün auszusehen hat. Egal ob Bow Bridge, Sheep Meadow, Lake oder Bethesda Brunnen: Seit gut hundert Jahren sind sie kinematografisches Gemeingut. Mehr als 240 Spielfilme wurden ab 1908 im Central Park gedreht, allein im Jahr 2004 „wurde die Anlage für insgesamt 4000 Drehtage beziehungsweise Fototermine genutzt“, so Glabau, Rimbach und Schumacher. Der globalisierte Stadtgarten.

Und dann sind da noch die Orte, von denen man gar nicht glauben möchte, sie könnte es wirklich irgendwo auf dieser Welt geben: etwa das brechreizend schnuckelige Städtchen Seahaven aus Peter Weirs „Truman Show“ (1998), das unter dem Namen Seaside in Florida zu finden ist. Oder die Pastellsiedlung, in der Tim Burtons „Edward mit den Scherenhänden“ (1990) monotone Vorstadthecken in bizarre Skulpturen verwandelt: Die heißt eigentlich Tinsmith Circle und kann unweit des Städtchens Lutz und gleichfalls in Florida besichtigt werden.

Dass „Gärten im Film“ als „Führer zu Filmgärten in Deutschland, Europa und Übersee“ nicht auch nach Österreich führt, verwundert nicht, trauen doch selbst die Eingeborenen der hiesigen Landschaftsarchitektur bis dato kaum zu, wenigstens das einheimische Publikum breitflächig zu interessieren. Und wenn denn einmal eine nennenswerte Aktivität zu verbuchen wäre wie vergangenes Jahr die Niederösterreichische Landesgartenschau in Tulln, dann bleibt sie, weil jeder erkennbaren Pressearbeit bar, so gut wie ohne reflektierende Resonanz.

Übrigens: Auch die „Gärten im Film“ waren vergangenen Sommer auf dem Tullner Gelände zu Gast – mit drei Filmen und einer Einführung durch Leonie Glabau. Aber davon hat außer den Lurchen in der Tullner Au leider kaum jemand erfahren.

Vielleicht findet sich ja an anderem Ort einmal Gelegenheit, den „Gärten im Film“ noch einmal – und diesmal unter Einschluss der Öffentlichkeit – cineastisch nachzuspüren. Was man in Erfurt seit fünf Jahren jährlich kann, wird man ja hierzulande wenigstens einmal zusammenbringen

7. Dezember 2008 Spectrum

Fehlt nur noch Surround Sound

Das Schwarz der Architekten. Die Schwierigkeit, einen guten Stuhl zu bauen. Der Ziegel des Jahres. Neue Architektur- bücher: über Le Corbusier, Hiesmayr, Mies van der Rohe, die Jungen, die Wilden und die jungen Wilden.

„Weil sie um ihre Zukunft fürchten“, antwortet Wolf D. Prix. „Weil sie sich scheuen, Farbe zu bekennen“, erwidert Florian Lichtblau. Und Hani Rashid behauptet gar: „Um sich im Raum aufzulösen.“ Die Frage, die ihnen allen und noch gut 100 weiteren Architekten weltweit von Cordula Rau gestellt wurde: „Why Do Architects Wear Black?“ Und die ist zugleich Titel des von ihr herausgegebenen Bandes, der höchst unterschiedliche Annäherungen an die höchst diffizile Fragestellung versammelt: von witzig-polemisch über seriös bis zu bierernst (228S., geb., €18; Springer Verlag, Wien). Rückschlüsse auf die Architektur der jeweiligen Wortspender sind erlaubt, aber nicht immer sinnfällig.

Kennen Sie die Zedlitzhalle?
Ein Prater mit Rotunde. Die Kuppel des Zirkus Schumann in der Märzstraße. Und das Gebäude der Gartenbaugesellschaft am Parkring samt der benachbarten lang gestreckten Zedlitzhalle: „Wien von oben“, will sagen in Flugaufnahmen, entstanden zwischen 1890 und 1935, präsentiert ein ebenso betitelter Band, den der Wiener Album Verlag hervorgebracht hat. Für alle, die wissen wollen, wie das wirklich ausgeschaut hat, damals, als die Zeit zwar alt, aber sicher nicht immer gut war (120S., geb., €22).

Die Jungen und die Wilden.
Die „Architekturkonzepte einer Generation, die bald in Praxis und Theorie der Architektur tonangebend sein wird“, wollte der amerikanische Architekturpublizist Kieran Long porträtieren. Zustande gekommen ist ein mutig disparates Kompendium unterschiedlichster Stile und Herangehensweisen: „Young Architects – Die Avantgarde“ (352S., geb., €49,95; Callwey Verlag, München). Heimische Beiträge unter den 100 vorgestellten Büros: Caramel, Feld72, Next Enterprise und Purpur.

Die Landfresser.
Golfplätze, die aus Wüsten wachsen. Vorstädte, die sich, jedes Stück freies Land verzehrend, ins städtische Umland fressen. Parkplätze, die viel größer sind als der Raum, den sich die Menschen zum Leben zugestehen. All das sind längst keine US-amerikanischen Spezialitäten mehr, aber in den USA hat sie Alex MacLean fotografiert, von seiner kleinen Cessna aus. „Over – Der American Way of Life oder Das Ende der Landschaft“ ist sein Band betitelt: ein Blick über den Atlantik – und in unsere unmittelbare europäische Zukunft (336S., geb., €58; Schirmer/Mosel Verlag, München).

Ein Atlas ohne Österreich.
Ja, es gibt sie auch in Österreich, die zeitgenössische Landschaftsarchitektur. Noch nicht wirklich im allgemeinen Bewusstsein verankert vielleicht. Und vielleicht auch noch nicht durchgängig auf dem Niveau von Ländern, wo dieses Bewusstsein auf jahrhundertelangen Traditionen aufbauen kann (Frankreich! England!). Die findet man auch prominent vertreten im „Atlas der zeitgenössischen Landschaftsarchitektur“, den Àlex Sánchez Vidiella im Dumont Verlag, Köln, herausgegeben hat (600S., geb., €68). Österreich findet man nicht. Noch nicht?

Stadtforscher unterwegs.
Michael Zinganel wandert durch Wien und Graz „zwischen Bildungsauftrag und widerständigen Lesarten“. Meike Günther reist „durch Geschichten chinesischer Gegenwartskünstler“. Und Eberhard Syring beobachtet am Beispiel Bremen den „bebauten städtischen Raum und die Bilder, die wir (uns) von ihm machen“. Alles zusammen und noch etliches mehr haben Elke Krasny und Irene Nierhaus in dem Band „Urbanografien – Stadtforschung in Kunst, Architektur und Theorie“ zusammengefasst (208S., brosch., €39; Reimer Verlag, Berlin), der am 15.Dezember im Wiener Museum auf Abruf (Felderstraße 6–8) im Rahmen einer Podiumsdiskussion vorgestellt wird. Beginn 19 Uhr.

Ein Guter Stuhl? Schwierig!
„Es ist schwieriger, einen guten Stuhl zu bauen als einen Wolkenkratzer“, soll Ludwig Mies van der Rohe einmal bekundet haben. Und der wusste, wovon er da sprach: Schließlich gehören Stühle und anderes Mobiliar gleichermaßen zu seinem weiten Betätigungsfeld wie Hochhäuser. Bei Hatje Cantz, Ostfildern, hat man sie versammelt, den Pavillonsessel für Barcelona, den Freischwinger für Stuttgart, das Lilly-Reich-Geflecht und alles andere, was zu den Innenraumkonzepten Mies van der Rohes zu sagen ist: „Mies und das Neue Wohnen – Räume, Möbel, Fotografie“, herausgegeben von Helmut Reuter und Birgit Schulte (288S., geb., €49,80).

Nachgelassene Welterfahrung.
„Der Architekt beginnt bei Form und Fuge“, notierte er zu Alvar Aaltos Sommerhaus. Und zum Museumsquartier: „Die Zweite Republik hat die Chance verspielt, durch einen Abbruch der Reithalle, einem Dutzendprodukt des Historismus, einen Platz im Kern der Stadt zu bilden.“ Es ist ein Vermächtnis, das uns Ernst Hiesmayr (1920 bis 2006) mit einer Sammlung kommentierter Fotografien von Bauwerken quer durch Länder und Zeiten hinterlassen hat: kommentiert durch ihn selbst und durch von ihm ausgewählte Zitate aus der Philosophie des Orients wie des Okzidents. Jetzt bei Springer, Wien: „Geschautes – Bilder einer Welterfahrung“, herausgegeben von Walter Zschokke, Hildegard Burgstaller und Michael Hiesmayr (272S., geb., €29,95). Präsentiert wird der Band am 9.Dezember in der Wiener Aula der Wissenschaften (Wollzeile 27a). Beginn 18.30 Uhr.

Der Le-Corbusier-Ziegel.
Der Ziegel des Jahres kommt nicht von Wienerberger, sondern vom Berliner Phaidon Verlag. Doch für das Leben eines der ganz Großen ist ein Volumen von 420 mal 320 mal 85 Millimeter allemal angemessen: „Le Corbusier: Le Grand“ von Jean-Louis Cohen und Tim Benton ist nicht noch eine, sondern die visuelle Biografie, und das Übermaß rechtfertigt sich in diesem Fall durch die sinnliche Fülle des Gebotenen: von Zeichnungen bis zu persönlicher Korrespondenz, von Fotografien bis zu Zeitungsartikeln (624S., geb., €150). Architektur in Cinemascope. Fehlt nur noch Surround Sound.

11. Mai 2008 Spectrum

Architekturtage 2008. Ganz Österreich: ein offenes Haus. Und Pressburg noch dazu.

Alles Architektur!

Was der Musik, den Museen, den Kirchen die „Langen Nächte“ sind, das sind der heimischen Architektur die Tage. Kein Wunder, schließlich kann man ja im Dunkeln zwar tadellos Musik hören, Museen besuchen oder Andacht üben, nur eingeschränkt jedoch Stadtbilder oder Fassaden inspizieren, was die Nutzung des Tageslichts zur Architekturbetrachtung nahelegt.

Nebstbei braucht die heimische Architekturszene auch keineswegs das Licht zu scheuen: Von politikinduzierten Ausreißern wie dem neuen Entree des Wiener Wurstelpraters abgesehen, präsentiert sich das hiesige Baugeschehen grosso modo wesentlich erfreulicher, als es die Expertise vor allem öffentlicher Auftraggeber und rechtliche wie administrative Rahmenbedingungen eigentlich erwarten ließen.
Und wer's nicht glauben will, der kann sich ja vom architektonischen Status quo selbst überzeugen: zizerlweise Tag für Tag - oder eben biennal „erdbebenartig“, wie das Architekturtage-Mitinitiator und „Spectrum“-Autor Christian Kühn anlässlich der ersten Architekturtage im September 2002 formulierte.

Mittlerweile ist das österreichweite architektonische Schaulaufen in den Frühling verrutscht, aber sonst der programmatischen Linie der ersten Stunde treu geblieben: neben dem Angebot kundiger Führung vor allem auch Zugang zu Orten zu schaffen, die üblicherweise für die Öffentlichkeit unzugänglich sind. Heuer beispielsweise in Johann Georg Gsteus Müllzentrum Meidling oder in die Verbund-Zentrale am Wiener Hof. Dazu noch der auch schon traditionelle Blick über die Grenze nach Pressburg - und, ganz neu, ein eigenes Kinderprogramm. Am 16. Mai beginnt's, am 17. Mai endet's - aber aller Architekturtage Abend ist das dann sicher noch lange nicht. Näheres unter www.architekturtage.at.

2. Oktober 2004 Spectrum

Kopflos zur Kunst?

Wie entwirft ein Architekt, wie entwirft ein Designer, was er entwirft? Mehr mit Herz? Mehr mit Hirn? Oder mit beidem zusammen? Eine Nachforschung am Beispiel aktueller Architektur- und Designbücher.

Wie entwirft ein Architekt, was er entwirft? Wir Nichtkreativen tun uns naturgemäß schwer, uns Schaffensprozesse welcher Art immer zu imaginieren. Wie komponiert der Komponist? Wie dichtet der Dichter? Hat man sich das Entwerfen, Dichten, Komponieren tatsächlich so vorzustellen, wie es uns Film- und Fernsehindustrie üblicherweise vor Augen führen? Quasi als Akt der Selbstbefreiung nach langen quälerischen Gefühlsschüben? Oder, alternativ, genialisch, mit leichter Hand, ein hingetupftes Irgendwie, das doch sofort vollendete Meisterschaft bekundet? Jedenfalls: kopfloses Gebeuteltsein vom Wirken metaphysisch-irrationaler Mächte?

Die Antworten der Realität enttäuschen regelmäßig allzu hoch gespannte Erwartungen. Wie gern hätte man doch das Gesicht der Interviewerin gesehen, die von Josef Hader kürzlich auf die Frage, woher denn die Ideen für seine Programme kämen, erfahren musste: „Das ist ganz einfach: Je mehr man nachdenkt, desto mehr fällt einem ein.“ In der Tat: Nichts ist trivialer als die Wirklichkeit. Und so darf es uns nicht wundern, wenn auch Architekten wie Günther Domenig, Gustav Peichl oder Delugan[*]Meissl über das Wie ihres Entwerfens eher wenig Sensationelles zu Protokoll geben. Beispiel Delugan[*]Meissl: „Wir entwerfen natürlich nicht unemotional, aber immer auf der Basis des Wissens um das, was ein Gebäude können und leisten muss.“ Wie sonst, möchte man ergänzen. Dennoch oder vielleicht genau deshalb lesenswert: was Peter Lorenz bei weiteren 24 Architekten und Architektenteams über ihr „Entwerfen“, so auch der Titel seines Bandes, herausgefunden hat.

Und es sind selbstredend nicht nur Entwerfer, sondern auch Entwurfsprofessoren, die zum Match Herz gegen Hirn, so es denn überhaupt eines ist, Gewichtiges zu sagen haben. „Entwickle eine umfassende Technik, dann kannst du dich der Gnade der Inspiration überlassen“: Diese Empfehlung eines nicht näher bekannten japanischen Musikerziehers stellte Hans Puchhammer, seines Zeichens 16 Jahre lang Lehrender an der Abteilung Hochbau und Entwerfen der Technischen Universität Wien, in den Achtzigern an den Anfang eines Ausstellungskatalogs voller Studienarbeiten. Ein Grundsatz, dem er unübersehbar auch in seinem eigenen Werk gefolgt ist, wie die Puchhammer-Monografie „Bauen kann Architektur sein“ belegt.

Dass selbst bei einem so sehr den Primat des Schöpferischen signalisierenden Bau wie dem Kunsthaus Graz kühle Pragmatik die Form bestimmen kann, weiß Colin Fournier, gemeinsam mit Peter Cook verantwortlich für den „Friendly Alien“ am Lendkai, in der gleichnamigen Kunsthaus-Graz-Dokumentation zu berichten: Dieses sei „weniger das Ergebnis einer stilistischen Entscheidung als das ungeplante Ergebnis einer Reihe von Zufällen“. So habe beispielsweise das Grundstück eine so komplexe Geometrie aufgewiesen, „dass daraus die kurvige Gebäudeform entstehen musste“. Kurz: „Die Form des Gebäudes hat für uns weniger mit ästhetischer Rhetorik als vielmehr mit der ,Stärke des Unvermeidlichen' zu tun.“

Gerade mit dieser Stärke des Unvermeidlichen planerisch souverän zurechtzukommen, das kann seinerseits eine besondere Stärke sein. Man denke an das Wiener Büro Nehrer + Medek, wie es von Liesbeth Waechter-Böhm in einer umfassenden Monografie porträtiert wird: „Die experimentelle Vision ist nicht ihr Anliegen. Sie setzen Programme um, unter heutigen Bedingungen, mit heutigen Mitteln, im Rahmen der jetzt geltenden Usancen.“ - Und wie sieht Entwurfsarbeit direkt auf dem Zeichenblock aus? Ein jüngst in einem Archiv aufgefundenes Skizzenbuch der großen französischen Designerin Charlotte Perriand (1903 bis 1999), die Ende der Zwanzigerjahre im Atelier Le Corbusier maßgeblich an der Entwicklung der Inneneinrichtungen mitgewirkt hat, fördert, im Faksimile abgedruckt und von Arthur Rüegg kommentiert, abermals wenig Erstaunliches, schon gar nicht emotional Aufgeladenes zu Tage: klare übersichtliche Studien zu Tischen, Stühlen und Fauteuils, dazu technische Anmerkungen, auffällig nüchtern allesamt.

Und im Fall der Realisierung mit dem Vorzug unmittelbarer Sichtbarwerdung ausgestattet, wie er den Entwürfen von Designern und Architekten grundsätzlich eigen ist: Erst Objekt geworden, steht das Entworfene fertig vor uns da. Nicht so, was Landschaftsarchitekten konzipieren: Die müssen nicht selten gut und gern 20, 30 Jahre warten, bis sich all ihr Gesätes und Gesetztes so ausgewachsen hat, wie sie es sich in ihren Köpfen und auf Papier zusammenfabulierten. Penelope Hill hat für ihre „Contemporary History of Garden Design“ herausragende europäische Beispiele zusammengetragen: ein machtvolles Kompendium, was werden kann, wenn man es werden lässt.

Wo nach Meinung mancher nichts mehr werden soll, weil eh schon genug geworden ist, dort ist das Signet „Unesco-Weltkulturerbe“ nicht weit, das sich derzeit epidemisch über den Globus verbreitet. Auch die Wiener Innenstadt darf sich seit einiger Zeit dieses angeblich fremdenverkehrsfördernde Federchen an den Stephansturm stecken. Das Ende aller Entwerferei, weil damit die Stadt unter einem Glassturz der Unveränderlichkeit verschwindet? Nicht doch, versichert Manfred Wehdorn in seiner Weltkulturerbe-Wien-Dokumentation. Zwar sei „die Bewahrung des Stadtkörpers von zentraler Bedeutung“: „Ebenso wichtig ist aber auch, dass zukunftsweisende Formen von Architektur und Städtebau in den historischen Stadtkörper integriert werden können.“ Die Wiener Architekturdebatten der nachkulturerblichen Vergangenheit lassen anderes erahnen. [*]


Peter Lorenz: Entwerfen. 25 Architekten - 25 Standpunkte. 160 S., geb., € 71,90 (Deutsche Verlags-Anstalt, München).

Hans Puchhammer: Bauen kann Architektur sein. Mit Geleitworten von Friedrich Achleitner und Otto Kapfinger. 176 S., brosch., € 35 (Pustet Verlag, Salzburg).

Liesbeth Waechter-Böhm: Nehrer + Medek. 30 Jahre Architektur im Kontext. 192 S., Ln., € 46,30 (Pustet Verlag, Salzburg).

Arthur Rüegg (Hrsg.): Charlotte Perriand - Livre de Bord 1928-1933. 288 S., geb., € 70 (Birkhäuser Verlag, Basel).
Dieter Bogner, Kunsthaus Graz AG (Hrsg.): A Friendly Alien - Ein Kunsthaus für Graz. Mit Beiträgen von Peter Cook und Colin Fournier. 252 S., brosch., € 32 (Hatje Cantz Verlag, Ostfildern).

Penelope Hill: Contemporary History of Garden Design. European Gardens between Art an Architecture. 262 S., geb., € 82,50 (Birkhäuser Verlag, Basel).

Manfred Wehdorn: Wien. Das historische Zentrum: Weltkulturerbe der Unesco - Eine Dokumentation. Mit Beiträgen von Peter Csendes und Mario Schwarz. 148 S., geb., € 60,70 (Springer Verlag, Wien).

verknüpfte Publikationen
- Nehrer + Medek
- Entwerfen
- Contemporary History of Garden Design
- Hans Puchhammer
- A Friendly Alien - Ein Kunsthaus für Graz

8. März 2003 Spectrum

„Klump“! Nicht Klumpert!

Ein Stück heimische Moderne fürs Kinderzimmer: die Holzspielzeugserie „Klump“ - 1935 von Herbert Eichholzer und Walter Ritter entworfen, alsbald vergessen, jetzt neu aufgelegt.

Ist das Dorf für mich?" Leander packt zu. Das Dorf? Ein Vierkant hof, eine Kirche mit Zwiebelturm, ein Baum: Das ginge erwachsener Terminologie nach nicht einmal als Weiler halbwegs ordnungsgemäß durch. Für Leander freilich ist mit Haus plus Kirche plus Baum alles da, was es zum Dorf braucht. Wie auch für die Schöpfer ebenjener Spielzeugwelt, die da auf dem Küchenboden steht. Leander ist Jahrgang 1999. Der Entwurf seines Dorfes Jahrgang 1935. Und der - präsumtive - Entwerfer hätte heuer 100 Jahre alt werden können, wäre er nicht vor 60 Jahren von einem „Volksgerichtshof“ verurteilt und anschließend hingerichtet worden: Herbert Eichholzer, Architekt und Widerstandskämpfer.

„Ein Stuhl ist zum Sitzen da. Eine Kaffeetasse ist ein Gebrauchs- und kein Ziergegenstand. Eine Wohnung ist zum Wohnen da und soll nicht den Eindruck eines mehr oder minder reich versorgten Altertumsmuseums machen“: So schreibt Eichholzer, Grazer mit akademischem Abschluss an der Technischen Hochschule seiner Geburtsstadt, 1931 sein ästhetisches Credo fest. Da hat er sein prägendes Volontariat im Atelier Le Corbusiers gerade knapp zwei Jahre hinter sich.

Doch die „hellen, klaren Räume“, die ihm vorschweben, „Luft und Licht bis ins letzte Eck, kein Winkel als Staubfänger, keine Tapeten mit Marmormuster“, all das in die gebaute Wirklichkeit zu übertragen bleibt ihm nicht viel Zeit. Und nicht viel Gelegenheit, schon allein durch die Wirtschaftskrise jener Tage bedingt. Auch sein prononciertes sozialistisches Engagement wird in den herandämmernden Jahren des Ständestaates wenig dazu beigetragen haben, die Auftragsbücher zu füllen. Von hiesigen Vorbehalten einer architektonischen Avantgarde gegenüber ganz zu schweigen.

So mag es einen durchaus profanen Grund gehabt haben, als sich Eichholzer gemeinsam mit dem Bildhauer Walter Ritter, Freunde aus Jugendtagen, im Sommer 1935 an den Entwurf einer Spielzeugserie machte: schlicht die Hoffnung, solchermaßen das finanzielle Überleben zu sichern. Viele Künstler jener Zeit „versuchten, in kulturelle Marktnischen hineinzukommen“, weiß die Kunsthistorikerin Antje Senarclens de Grancy. „Es galt, etwas zu produzieren, das einem künstlerischen Anspruch entsprach, dabei aber doch einfach herzustellen und zu verkaufen war.“

Eichholzer und Ritter entwerfen Tierfiguren, Elefant und Zebra, Löwe, Hahn, Henne, summa summarum knapp 40 verschiedene, allesamt aus Holz zu fertigen, allesamt streng stilisiert, auf wenige geometrische Grundformen zurückgeführt und in ihrer Reduktion schon durch ihre Silhouette so unzweideutig charakterisiert, dass es der aufgebrachten Bemalung, der Ohr-, Schwanz- und Geweih-Applikationen aus Filz und Kordel oftmals gar nicht bedürfte, um eine angemessene Wiedererkennbarkeit zu gewährleisten. Eine Art der Gestaltung, wie sie dem Denken der Moderne entsprach, diente sie doch „der Schulung des kindlichen Auges für einfache, in ihrer Wirkung archaische Formen“, so de Grancy.

Eichholzer und Ritter entwerfen aber auch „Dörfer“, eines den landläufigen Bauformen Oberösterreichs, eines jenen aus Tirol folgend: je ein Hof und eine Kirche. Dass sie damit weniger den Maßstäben der Avantgarde als denen der ständestaatlichen Pflege ländlicher Idyllen dienen, scheint auf den ersten Blick unbestreitbar; auf den zweiten freilich signalisiert selbst hier die scheinbar biedere Form den Aufbruch: Kirchenschiff und Kirchturm sind je als eigene Baukörper, gleichsam als Solitäre angelegt, der gute, alte oberösterreichische Vierkanter wiederum lässt sich mühelos in eine Gruppe aus vier selbstständigen Häusern verwandeln. Was selbst Vierjährige schon in die Lage versetzt, überlieferte Bauformen lustvoll in neue räumliche Zusammenhänge zu bringen.

Die Frage, wer nun für welche Entwürfe verantwortlich gewesen sein mag, muss umstritten bleiben: Zu ähnlich sind die Zeichentechnik von Eichholzer und Ritter, als dass man an den reichlich vorhandenen Entwurfsblättern jeweils eine bestimmte Hand identifizieren könnte. Immerhin ist die Idee einer Arbeitsteilung in Architekturformen (Eichholzer) und Tiere (Ritter) einigermaßen naheliegend.

Wie auch immer: Dem Holzspielzeug aus Avantgardistenwerkstatt blieb der Erfolg versagt. Vielleicht weil der gewählte Name der Serie, „Klump“, ein wenig zu sehr an „Klumpert“ oder „plump“ gemahnte, vielleicht weil die Moderne wenn schon nicht im Stadtbild, so noch weniger im Kinderzimmer erwünscht war. Zwar schafften es „Klump“-Entwürfe gerade noch auf das Plakat einer Ausstellung zum Thema „Das gute Spielzeug“, doch aus den Regalen des Grazer Kaufhauses Kastner & Öhler waren sie schnell verschwunden.

Und wären wohl verschwunden geblieben, hätte nicht eines neujahrtausendlichen Tages Antje Senarclens de Grancy ihren damals sechsjährigen Sohn Anatol dabei beobachtet, wie er mit Verve „Klump“-Tierskizzen zu seinen eigenen machte. Wenn so nachdrücklich die Aktualität der Formensprache von Eichholzer und Ritter belegt war, warum nicht „Klump“ eine zweite Chance geben? Zwar lagen so gut wie keine Originalfiguren mehr vor, doch immerhin waren die Konstruktionspläne erhalten, was eine originalgetreue Rekonstruktion ermöglichen sollte.

In der Werkstatt der steirischen Behindertenhilfevereinigung „Chance B“ fand de Grancy einen Partner für ihre Idee. Womit auf ganz anderer Ebene ein Bezug zur Geschichte hergestellt war: zeichnete doch die von Herbert Eichholzer organisierte kommunistische Widerstandsgruppe für das einzige Flugblatt verantwortlich, das noch zu Zeiten der Nazi-Diktatur, im Herbst 1940, auf die Morde an behinderten Menschen, auf NS-Euthanasie und die Vernichtung „unwerten Lebens“ hinwies.

Am 7. Februar 1941 wurde Eichholzer verhaftet, am 9. September 1942 wegen fortgesetzten Verbrechens der Vorbereitung zum Hochverrat zum Tod verurteilt, am 7. Jänner 1943, wenige Wochen vor seinem 40. Geburtstag, im Wiener Landesgericht hingerichtet.

Wenn also am 29. März in der Technischen Universität Graz die Neuauflage von „Klump“ der Öffentlichkeit präsentiert wird, dann ist das mehr als eines der nostalgisch gefärbten Spielzeug-Revivals, die uns heute etwa ehrwürdige Anker-Baukästen in unseren Beton-und-Gipskarton-Kinderzimmern bescheren: Ziel ist es auch, so de Grancy, „der Opfer der NS-Euthanasie zu gedenken, den Einsatz jener Menschen, die dagegen Widerstand geleistet haben, zu würdigen“.

Das alles mag Leander, Jahrgang 1999, heute noch nicht interessieren. Aber ein Stück dieser Geschichte wird er auf seine Art schon mit vier begriffen haben.


[Nähere Informationen zu „Klump“ sowie Bestellungen bei „Chance B“ - via Internet (www.chanceb.at/klump) oder telefonisch (03112/4911/90).]

21. September 2002 Spectrum

„Zwei Tage, erdbebenartig“

Offene Gebäude, offene Ateliers, offene Grenzen: Ganz Österreich soll offen sein am letzten Septemberwochenende, bei den „Architekturtagen 2002“. Über Sinn, Zweck, heimische Debattenkultur und Humor in der Architektur: ein Gespräch mit den Initiatoren.

Jetzt ist alles offen!" Unter diesem Motto wollen die „Architekturtage 2002“ am letzten Septemberwochenende „einem breiten Publikum die Entstehungsprozesse der Architektur an der Schnittstelle zwischen Kunst, Technologie und Gesellschaft“ näherbringen. So öffnen am 27. September anläßlich eines „Open House der Architektur“ Bauwerke und Ateliers in ganz Österreich ihre sonst für die Öffentlichkeit verschlossenen Tore, gut 200 allein in Wien und Umgebung im Rahmen der Aktion „Architektur von innen“. Am 28. September folgen Vorträge, Feste und weitere Aktionen unterschiedlichster Art, vom „Wasser Marsch“ rund um Feldkirch bis hin zur grenzüberschreitenden architektonischen Schiffsreise von Tulln nach Preßburg.

„Jetzt ist alles offen - dieser Slogan bezieht sich einerseits auf die Aktivitäten während der Architekturtage: offene Gebäude, offene Ateliers, offene Grenzen. Aber er hat noch eine grundsätzlichere Bedeutung: Die Lösungen von gestern gelten in vielen Bereichen nicht mehr, weil sich unsere Kultur so rasch ändert. Die Architektur muß da mitgehen, auch wenn es oft schwer ist, eingefahrene Gleise zu verlassen“, meint „Spectrum“-Architekturkritiker Christian Kühn, seines Zeichens Vorstandsvorsitzender der Architekturstiftung Österreich, die mit den in ihr vertretenen heimischen Architekturinitiativen eine der beiden Säulen der „Architekturtage 2002“ ist. Die andere: die Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten, im „Spectrum“-Gespräch vertreten durch den Architekten Georg Pendl.

Wenn man hierzulande eine Idee hat, dann schallt einem in aller Regel zunächst mehr oder weniger verblümt eine Frage entgegen, die sich in ihrer ehrlichsten Variante auf die vorstädtische Formel „Wos brauch ma des?“ reduzieren läßt. Also: Architekturtage - wos brauch ma des?

Christian Kühn: Sicher, man könnte meinen: Architektur steht ohnehin überall herum das ganze Jahr, man kann eh immer hinschaun. Die Architekturtage haben nun einfach die Intention, daß man einmal anders hinschaut. Und das ist am besten zu erreichen, wenn man's in ganz Österreich gleichzeitig versucht, erdbebenartig, zwei Tage lang. Wobei es nicht nur darum geht, daß man Gebäude betreten kann, die sonst nicht zugänglich sind, sondern es sollen auch die Motive gezeigt werden, die Produktionsbedingungen von Architektur.
Ein weiteres Ziel ist es, die breiteren Schichten der Bevölkerung aus ihrer Betroffenheitssituation herauszubringen: daß man immer nur an Architektur denkt, wenn man das Gefühl hat, irgend etwas wird verstellt. Wir wollen zeigen, welche Möglichkeiten zur Mitgestaltung bestehen, daß es eine Frage des Engagements ist.

Wie ist die Idee zu den Architekturtagen entstanden?

Georg Pendl: Vor ein paar Jahren hat es schon Architekturtage gegeben, veranstaltet von der Architektenkammer.

Kühn: Die haben darunter gelitten, daß sie eher unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattgefunden haben.

Pendl: Und jetzt hat man gesagt, wir wollen diese Idee wieder aufgreifen, aber eben in Kooperation mit jenen Institutionen, die das Feld aktiv beackern, also mit den Architekturhäusern. Man hat einen Verein gegründet als Trägerschaft, da ist die Architekturstiftung Partner der Kammer, und so ist auch das Startbudget entstanden, von dem ausgehend man die weiteren Geldmittel akquiriert hat, vom Bund, von den Ländern und von privaten Sponsoren.

Wie schwierig war es eigentlich, all die unterschiedlichen Architekturhäuser, Architekturzentren, Architekturinstitute, die beteiligt sind, unter einen Hut zu bringen?

Kühn: Das ist natürlich eine diplomatische Unternehmung gewesen, zumal hier sehr heterogene Institutionen zusammengebracht wurden. Und was für mich beispielsweise im Katalog der Architekturtage jetzt sehr schön herauskommt: wie vielfältig und regional verankert die Szene in Österreich ist, mit ganz unterschiedlichen Potentialen.

Pendl: Die Intention war ja von vornherein, in mehrfacher Hinsicht Denkanstöße zu liefern. Und dazu gehörte auch der Versuch, Fäden zu knüpfen, und zwar nicht nur innerhalb Österreichs, sondern auch zu den Architekturinitiativen in den EU-Beitrittsländern. Die Architekturtage sollen auch ein Katalysator sein für Beziehungen, die danach weiterlaufen.
Vergleicht man die heimische Architekturszene heute mit der vor zehn Jahren, dann fällt auf, wie vehement sich der Sektor Architekturvermittlung entwickelt hat. Das Niveau einschlägiger öffentlicher Debatten, Stichwort Salzburger Landesarchitekturpreis, Stichwort Wien-Mitte, scheint davon freilich nicht wesentlich zu profitieren.

Pendl: Architekturvermittlung ist ein ständiges Pflügen von Feldern. Und da wächst dann nicht immer etwas. Aber nehmen wir das Tiroler Beispiel: Dort hat es vor zehn Jahren ganz anders ausgeschaut. Dann ist das Architekturforum gegründet worden; da wird seither einfach eine solide Basisarbeit gemacht, die weniger an spektakulären Großereignissen hängt, sondern es gibt ein ständiges Träufeln, einen steten Tropfen. Und das hat in den letzten Jahren das Klima deutlich verändert.

Aber würde nicht eine Diskussion wie die um das Museumsquartier heute noch genauso ablaufen wie vor zehn, fünfzehn Jahren?

Kühn: Sicher, es ist eine klischeehafte Debatte, nach wie vor. Aber das liegt zum Teil auch an der heimischen Medienlandschaft. Grundsätzlich müssen derartige Großprojekte öffentlich diskutiert werden, je intensiver, desto besser. Daß man nur mit absolut regierenden Fürsterzbischöfen gute Architektur machen kann, ist ein Märchen. Im antiken Athen mußten alle Auftr?ge für öffentliche Bauten von der Volksversammlung beschlossen werden, und dabei ist immerhin die Akropolis entstanden.

Beim Museumsquartier hat es aber nur so ausgesehen, als ob das Volk diskutieren würde. In Wirklichkeit konnte eine kleine Gruppe von Leuten auf Grund der Medienkonzentration in Österreich persönliche Rechnungen begleichen. Das ist kein Problem der Architekturvermittlung, sondern der politischen Kultur insgesamt und der Medienpolitik im besonderen.

Sieht man sich den Katalog der Architekturtage an, dann fällt zuallererst das Zigarettenschachtel-Format auf und dann schon das Geleitwort von Franzobel. Üblicherweise hätte man hier die wohlgesetzten Worte eines Architekturkenners erwartet und nicht Provokationen wie: „Die meisten modernen Gebäude kommen mir vor wie ein hausgewordenes ,Wetten daß`.“

Kühn: Es sollten bewußt keine Architektentage sein, sondern Architekturtage, und insofern ist es berechtigt, daß jemand von außen einen Kommentar abgibt, der überhaupt nicht differenziert ist, aber provokant. Die Provokation zum Nachdenken ist eines unserer Hauptanliegen, es geht nicht darum, die Botschaft zu vermitteln, sondern Gelegenheit zu liefern, sich selbst ein Urteil zu bilden.

Der Ton, der auch sonst in der Präsentation der Architekturtage angeschlagen wird, ist durchaus humorvoll ironisch: ziemlich ungewohnt für eine Szene, die eher als witzfreie Zone gilt.

Pendl: Dieser Ernst hängt direkt mit dem Starkult zusammen. Sicher, die Starkultur gibt's in jeder Branche, die braucht's auch, man braucht solche Lichtanker am medialen Himmel. Aber das Gerieren der Stars in ihrer Monumenthaftigkeit ist immer etwas furchtbar Ernstes.

Kühn: Es gibt mittlerweile auch ein großes Bemühen, Architektur vom Massiven wegzubringen; wir haben eine Diskussion über Prozesse, dazu gehört auch das Miteinanderreden, daß der Architekt nicht mehr der einsame Künstler ist, der ein Werk produziert.

Wie schaut die Zukunft der Architekturtage aus?

Kühn: Das steht noch nicht fest. Aber es gibt internationale Beispiele, wo so etwas jedes Jahr passiert. ?

[ Ein detailliertes Programm der „Architekturtage 2002“ findet sich unter der Internet-Adresse www.architekturtage.at. Näheres zur „Architektur von innen“ ist auch bei der Österreichischen Gesellschaft für Architektur unter Tel. 01/319-46-15 zu erfahren. ]

17. November 2001 Spectrum

Der Sieg über die Schwere

„Man muss die Gerüste wegnehmen, wenn das Haus gebaut ist.“ Eine Banalität? Nicht doch: Nietsche! Über Philosophie und Architektur, alte Achtundsechziger, alte Meister und einen neuen Architekturroman, der keiner ist: aktuelle Bücher zur Baukunst.

Was ist Architektur? „Architektur ist eine Art Macht-Beredsamkeit in Formen, bald überredend, selbst schmeichelnd, bald bloß befehlend“, antwortet Friedrich Nietzsche in seinen „Streifzügen eines Unzeitgemäßen“. Und: „Im Bauwerk soll sich der Stolz, der Sieg über die Schwere, der Wille zur Macht versichtbaren.“

Markus Breitschmid hat solche und eine Fülle anderer architektureinschlägiger Anmerkungen aus Nietzsches Schriften zusammengetragen und einem ausführlichen Kommentar unterzogen, denn: „Nietzsche besitzt von Beginn seines Schaffens an eine Affektion für die Baukunst, und Baugedanken haben einen stetig steigenden Einfluß für sein philosophisches Werk.“

Ob und wie wiederum vice versa dieses philosophische Werk Einfluß auf die Architektur genommen habe, diese Fragen werden zwar in Breitschmids Traktat „Der bauende Geist – Friedrich Nietzsche und Architektur“ nur sehr nebenbei gestellt – und noch nebenbeier beantwortet –, aber immerhin liefert der Band zahlreiche sonstige Anregungen zu Zustimmung und Widerspruch. Und auch die eine oder andere mittlerweile von der Wirklichkeit widerlegte Vision: „Ich gehe durch die neuen Straßen unserer Städte“, notiert Nietzsche etwa 1874, „und denke, wie von all diesen greulichen Häusern, welche das Geschlecht der öffentlich Meinenden sich erbaut hat, in einem Jahrhundert nichts mehr steht und wie dann auch wohl die Meinungen dieser Häuserbauer umgefallen sein werden.“ Je nun, bedauernd müssen wir dem entgegenhalten: So manches jener greulichen Häuser steht noch immer, und das Geschlecht der öffentlich Meinenden ist bis zum heutigen Tage nimmermüd am Werk, sich neue zu errichten.

„Ist das Architektur?“ mag sich Karl Schwanzer gefragt haben, als er, der honorige Ordinarius am Institut für Gebäudelehre und Entwerfen der damals noch Hochschule genannten Technischen Universität Wien, an den Sozius eines schweren Motorrads geklammert, auf eine Betonwand der Tiefgarage Am Hof zujagte. Gewiß, mit seinem damaligen Assistenten Günther Feuerstein hatte der Herr Professor im Lauf der sechziger Jahre, wie man so sagt, „frischen Wind “ in die etwas muffigen Hallen am Wiener Karlsplatz gebracht, aber so etwas?

Die rasende Fahrt im innerstädtischen Untergrund war jedenfalls Teil der Präsentation einer studentischen Abschlußarbeit, für die Timo Huber, Bertram J.Mayer, Michael Pühringer und Hermann Simböck gemeinsam unter dem Namen „Zünd-Up“ firmierten. Titel des Entwurfs: „The Great Vienna Auto-Expander“.

Was man sich darunter vorzustellen hat? Zeitzeuge Gert Winkler berichtet: „Das präsentierte Projekt war an die weißen Fliesen einer Waschkabine geklebt, rund um das Modell, das im Prinzip ein schwarz gestrichener, mit Auspuffrohren dekorierter Flippertisch war und eine Dragsterstrecke vom Karlsplatz zum Stephansdom darstellte, mit Wendepunkt in der ehrwürdigen Kathedrale. Den Anschauungsunterricht erteilten die Motorradjungs vor Ort.“ Wäre solches heute noch möglich? Damals jedenfalls, wir schreiben das Jahr 1969, war es möglich, und damals war es auch möglich, daß solches von einem Ordinarius als akademische Arbeit – gewiß, nach einigem Zögern, aber doch – akzeptiert wurde.

Man könnte schon ein wenig wehmütig werden, wenn man diesen Anfang und den weiteren, kurzen gemeinsamen Weg der Gruppe verfolgt, wie er in dem von Martina Kandeler-Fritsch herausgegebenen Band „Zünd-Up“ nachzulesen ist: nicht zuletzt deshalb, weil Kandeler-Fritschs „Dokumentation eines Architekturexperiments an der Wende der sechziger Jahre“ über denunmittelbaren Anlaßfall hinaus das plastische Porträt einer Zeit entwirft, die wenigstens rückblickenderweise an jene märchenhaften Tage erinnert, in denen das Wünschen noch geholfen hat.

Ob das nun Architektur ist oder nicht, das steht selbstredend beim Schaffen kunstgeschichtlich kanonisierter Größen des Metiers längst nicht mehr zur Debatte. Publikationen, die sich deren Werken widmen, signalisieren nicht selten schon äußerlich mit entsprechender formaler Wucht das Epochal-Monumentale, das ihr Inneres birgt.

In der heurigen Herbst-Konkurrenz der Architekturbuch-Schwergewichte liegt derzeit der von Phyllis Lambert edierte Band „Mies van der Rohe in America“ mit 3,73 Kilogramm klar vor Bruno Taut “(2,39 Kilo-gramm) und Klaus-Peter Gasts „Louis I.Kahn –Das Gesamt-werk“ (1,37 Kilogramm). Der ursprünglich an zweiter Stelle gereihte Du Mont-Band „Höhepunkte der Weltarchitektur“ (2,99 Kilogramm) mußte wegen Nichteinhaltung gestalterischer Mindeststandards aus der Wertung genommen werden.

Architektur ist nicht einfach Architektur, und ein Haus ist nicht einfach ein Haus. Zum Beispiel: Wir stehen vor einer Fassade –und sehen ein Gesicht mit einem Tür-Mund und Fenster-Augen. Solchen anthropomorphen Projektionen, also vermeintlichen, aber vor allem auch tatsächlichen organischen Spuren in der Baukunst ist der schon erwähnte ehemalige Schwanzer-Assistent Günther Feuerstein für seine jüngste Publikation nachgegangen: In „Biomorphic Architecture“ begibt sich der nunmehrige TU-Emeritus auf die Suche nach „Mensch- und Tiergestalten in der Architektur “und präsentiert gleich einen ganzen Zoo mit Vögeln, Fischen, Elefanten, wie sie sich im Œuvre eines Santiago Calatrava oder eines Frank O. Gehry finden. Nicht zu vergessen Günther Domenigs Zentralsparkassen-Gürteltier in der Wiener Favoritenstraße.

Die Architektur –ein Roman? Franz Kneissl jedenfalls, seines Zeichens selbst Architekt, hat einen Architekturroman geschrieben. So steht es zumindest auf dem Einband seines Buches „Eine Ratte namens Apfel“ zu lesen. Und gleich auf Seite fünf: „Sämtliche Begebenheiten sind frei erfunden. Etwaige Namensübereinstimmungen oder Ähnlichkeiten beschriebener Charaktere mit lebenden Personen sind zufällig.“

Wer die folgenden 368 Seiten liest, weiß: Nichts davon ist wahr. Das heißt: Es dreht und wendet sich schon alles um Architektur, aber Roman ist das keiner, kaum ein Hauch von Fiktion, sondern überwiegend schlichte, formal aufwendig ineinander verwobene Sachverhaltsdarstellungen zu unendlichen Projektgeschichten wie jener des Linzer Musiktheaters oder der des Bibliotheksneubaus am Wiener Gürtel, all das aus der Warte eines Mitleidenden.

Daß sich hier nebst soviel trüber Realität unter anderem auch ästhetische Betrachtungen über das heimische Fleischlaberl-Design finden, beweist nur wieder einmal, daß auch auf dem Feld der Architektur gilt, was man der rotweißroten Befindlichkeit allgemein nachsagt: Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.

Eine Empfehlung zum guten Ende: „Man muß die Gerüste wegnehmen, wenn das Haus gebaut ist“, legt uns Nietzsche als eine „Moral für Häuserbauer“ nahe. Eine Selbstverständlichkeit? Wer weiß?


[Martina Kandeler-Fritsch (Hrsg.)
Zünd-Up
Dokumentation eines Architekturexperiments an der Wende der sechziger Jahre, 272 S., Ln., S 476, €,34,59 (Springer Verlag,Wien)

Franz Kneissl
Eine Rattenamens Apfel
Architekturroman, 374 S., brosch.,S 298, € 21,66 (Sonderzahl Verlag, Wien)

Winfried Nerdinger u.a.(Hrsg.)
Bruno Taut 1880 –1938
Architekt zwischen Tradition und Avantgarde, 440 S., Ln., S 1810, € 131,54 (Deutsche Verlags-Anstalt,München)

Günther Feuerstein
Biomorphic Architecture
Menschen- und Tiergestalten in der Architektur, 188 S., Ln.,S 931, € 67,66 (Edition Axel Menges,Stuttgart)

Markus Breitschmid
Der bauende Geist
Friedrich Nietzsche und die Architektur, 224 S., brosch., S 300, € 21,80 (Quart Verlag,Luzern)

Klaus-Peter Gast
Louis I. Kahn
Das Gesamtwerk, 208 S., geb., S 1080, € 78,49 (Deutsche Verlags-Anstalt, München)

Hubertus Adam, Jochen Paul (Hrsg.)
Höhepunkte der Weltarchitektur
440 S., geb., S 368, € 26,74(DuMont Verlag,Köln)

Phyllis Lambert (Hrsg.)
Mies van der Rohe in America
792 S., Ln., S 1445, € 105,01 (Hatje Cantz Verlag,Ostfildern)]

31. März 2001 Spectrum

Wenn Architektur Trauer trägt

Egal ob man es für Understatement hält oder für ein Signal, daß Architektur eben eine ernste Sache ist: Wo heimische Baukunst im Internet präsent ist, da tritt sie nicht selten in Pompfüneberer-Outfit auf. Ein Rundgang durch heimische Architektur-Websites.

Wenn dem heimischen Surfer schwarz vor Augen wird, dann kann es sich um eine Ohnmachtsattacke - sagen wir infolge Surf-Übermüdung - handeln. Vielleicht aber hat er sich auch nur auf eine jener zahlreichen Web-Sites verirrt, in denen sich die Architekturszene des Landes im Netz der Netze präsentiert.

Egal ob man es für Understatement hält oder für den Ausdruck angemessener Architekten-Trauer angesichts tagtäglich erlittener Unbill: Faktum ist, daß der Pompfüneberer-Gestus, mit dem nicht selten heimische Baukunst virtuell vorgetragen wird, selbst die Homepage der Wiener städtischen Bestattung (übrigens: www. wienerstadtwerke.at/bestattung)
wie die eines Vergnügungsparks erscheinen läßt.

Nehmen wir als Beispiel den Internet-Auftritt des „Architektur Zentrums Wien“: Wer sich unter www.azw.at auf die Suche nach hauptstädtischen Architekturaktivitäten begibt, findet sich unversehens vor einem schwarzen Bildschirm, den einzig - und unübersehbar - das Logo des Architekturzentrums erhellt. Ach ja, fast hätte man es übersehen, da sind noch rechts und links unten, in mattem Orange, die Buchstaben D und E. Kenner werden - mit Recht - vermuten, daß sich dahinter die Verbindung zu einer d eutschen und einer e nglischen Homepage-Version verbirgt, und sie werden je nach Gusto D oder E anklicken; für weniger Internet-Versierte ist hier Endstation - so sie nicht bereit sind, eine gute Minute vor Logo samt schwarzem Bildschirm auszuharren: Dann nämlich wird man auch ohne Mausklick ins Allerheiligste vorgelassen.

Wer sich solchermaßen auf die eine oder andere Art als würdig genug erwiesen hat, wird dafür reich belohnt: mit einer übersichtlichen und stets aktuell gehaltenen Auflistung aller Veranstaltungen des „Architektur Zentrums Wien“ von Ausstellungen über die „Mittwochs“-Diskussionsrunden bis hin zu den „Sonntags“-Führungen, vor allem aber mit der umfassendsten Sammlung von Architektur-Links, also Verbindungen zu anderen Architektur-Websites, die der heimische Cyberspace kennt. Alles streng vor schwarzem Hintergrund, versteht sich. Schließlich ist Architektur eine ernste Angelegenheit. Oder so.

Freilich sind die Men und Women, die Architektur partout in Black hüllen zu müssen glauben, nicht nur im angeblich so friedhofsseligen Wien respektive in Ostösterreich zu Hause. Auch die Homepage des „Vorarlberger Architektur Instituts“ (www. v-a-i.at) kommt reichlich düster daher. Rätselndes Antichambrieren freilich bleibt dem Nutzer hier erspart, denn gleich auf der ersten Seite wird in unmißverständlichen weiterführenden Schlagworten auf den gesamten Inhalt der Website hingewiesen. Und der kann sich sehen lassen; der übersichtlichen Sammlung, Archivierung und Ankündigung der Institutsprojekte steht nur das Manko gegenüber, daß die an verschiedenen Stellen angekündigten Links derzeit noch nirgendwohin führen.

„Architektur Zentrum Wien“ und das „Vorarlberger Architektur Institut“ zählen zu jenen der Architekturvermittlung gewidmeten Institutionen, die sich mittlerweile schon in jedem Bundesland zwecks einschlägiger - und tatsächlich dringend erforderlicher - Aufklärungsarbeit etabliert haben. Nicht alle diese „Institute“, „Zentren“ und „Räume“ sind derzeit im Internet präsent, und nicht alle, die es sind, sind es - so scheint's jedenfalls - mit dem nötigen Nachdruck. Da kann es schon vorkommen, daß man beispielsweise auf einer Homepage unter dem Stichwort „Aktuell“ Ende März 2001 nur den Hinweis auf eine Veranstaltung aus dem vergangenen Oktober findet (www. architekturraumburgenland.at); und auch das graphische Chaos aus Rechts- und Linksbündigkeiten, mit dem das Grazer „Haus der Architektur“ den Surfer webmäßig begrüßt, spricht nicht für eine sonderlich intensive Pflege der Internet-Agenden.

Ganz anders eine Website jenseits des Institutionellen: Unter www.nextroom.at, 1996 von Juerg Meister gegründet, ist - wohlgestaltet - ein wahrer Schatz an Informationen zu entdecken: in einer eigenen Architekturdatenbank, die derzeit rund 650 umfangreich dokumentierte Objekte, 300 Texte und mehr als 2000 Photos und Pläne umfaßt, darunter nebst anderem die „Spectrum“-Architekturkritiken der jüngeren Vergangenheit. Allesamt mit einfach zu bedienenden Suchfunktionen abzurufen.

Juerg Meisters „nextroom“ zeichnet auch für die Gestaltung einer weiteren Internet-Preziose der heimischen Architekturszene verantwortlich: der Homepage der Wiener Architekturphotographin Margherita Spiluttini (www.spiluttini.com). Diese Website, eigentlich vor allem für den professionellen Nutzer des reichen Spiluttinischen Fundus gedacht, liefert so viele photographische An- und Einsichten zur zeitgenössischen Baukunst Österreichs, daß sich ein Besuch für jeden Architekturfreund lohnt. Selbst dann, wenn er eines der bei spiluttini.com zu findenden Gebäude schon in jedem Winkel zu kennen meint - hier wird er noch eine ungeahnte Facette entdecken können.

Damit haben wir übrigens das Reich der Finsternis schon hinter uns gelassen: Juerg Meister zieht auf den von ihm verantworteten Homepages helle Hintergründe und als Schmuckfarben belebendes Hellrot und Orange dem Trauerrand-Flair vor.

In tiefstem Rot schließlich empfängt uns das „Architekturnetz Österreich“ (www.aaf.or.at/ aaf): Hier sind nicht nur sämtliche oben erwähnte Architekturvermittler aufgelistet und - soweit möglich - verlinkt. Hier stößt man auch (unter dem Stichwort „Termine“) auf die österreichweit vollständigste Liste aller einschlägigen Vermittlungsaktivitäten, selbst auf die jener Institutionen, die den Sprung ins Netz bisher noch nicht geschafft haben.

B leibt noch der Hinweis auf zwei virtuelle Architekturausstellungen, deren Besuch dringend zu empfehlen ist. Da wäre zunächst das Salzburger Projekt „L@nd-Umgang“: Unter www.seminarorganisation. com/landumgang werden Beispiele zeitgenössischer Architektur auf dem Land jenseits der Klischees älplerischen Bauens vorgestellt: vom Bauernhof über das Parkhaus bis zum Kindergarten - allesamt dem aktuellen Baugeschehen in Salzburg entnommen.

Der Photograph Gerald Zugmann wiederum lädt unter www. zugmann.com zu einer virtuellen Reise durch sein Projekt „architecture in the box“. Warum auch er schwarze Hintergründe bevorzugt, erklärt sich leicht: Vor nichts anderem kämen seine k l a s s i s c h - s trengen Schwarzweiß- Kompositionen so eindringlich zur Geltung. Warum der gebürtige Wiener sich und seine Arbeit freilich ausschließlich englisch präsentiert - who knows?