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    Heiter und leicht
    Spectrum

    Volker Gienckes „Great Amber“: ein Haus für Proben und Aufführungen des städtischen Symphonieorchesters, das zudem durch Musikschüler, Gastspiele, Konferenzen und sogar Hochzeiten belebt wird. Zu Besuch nach der ersten und wichtigsten Bauphase des Kulturdistrikts in Liepaja, Lettland.

    05. März 2016 - Karin Tschavgova

    Lässt man sich darauf ein, zu einem Zeitpunkt über die räumlichen Qualitäten eines Gebäudes zu schreiben, da dieses erst als Entwurf und räumliches Modell existiert (wenn es auch als solches einen großen internationalen Architekturwettbewerb für sich gewinnen konnte), so gebietet nicht vordergründig der Wunsch, als seriöse Fachjournalistin und Kritikerin wahrgenommen zu werden, es sich nach seiner Fertigstellung anzuschauen, sondern sind es Neugier und die Lust, zu sehen, was aus der Planung mit präziser Raumvision entstanden ist.

    2004 schrieb ich an dieser Stelle, dass sich an der Konzerthalle in Liepaja, Lettlands drittgrößter Stadt, zeigen wird, ob Leidenschaftlichkeit, Verve und das sprichwörtliche Beharrungsvermögen ihres Architekten, des Grazers Volker Giencke, ausreichend groß sind, um das schier Unmögliche möglich zu machen. Lettland war eben erst in die EU aufgenommen worden, das Land war arm, die große Zeit der Stadt und ihres Hafens vorbei.

    Nun ist der „Great Amber“, der großeBernstein, als erste, wichtigste Baustufe eines Kulturdistrikts seit November des letzten Jahres in Betrieb. Das Symphonieorchester von Liepaja, das älteste des Landes, hat endlich ein Haus für Proben und Aufführungen. Musikschüler beleben das Haus am Nachmittag, es gibt Gastspiele, Konferenzen finden statt, und es werden Hochzeiten gefeiert im Saal hoch oben, wo der Zauber der Lichtwirkung durch die orange bis rot changierende Glashülle sich mit dem grandiosen Ausblick über den Hafen, das Meer und die russische Vorstadt paart.

    Nähert man sich der Altstadt über die Brücke, erscheint der mächtige, alle Speicher und Wohnbauten seiner Umgebung überragende Baukörper (noch) mit solitärer Dominanz – je nach Lichtverhältnissen und Tageszeiten verschieden in Farbton und Durchlässigkeit der doppelschaligen Fassade. Bei Sonne: ein Strahlen, schwer zuordenbare Reflexionen auf der schräg geneigten äußeren Glashaut mit vier fein abgestimmten, übereinander geklebten Folien in Orange- und Rottönen – ein betörender Gesamteindruck. Bei Tagesgrau: ein ruhiges Warmrot, das als abschließende Hülle wirkt. Nächtens bei Betriebsamkeit: differente Transparenz zwischen beleuchteten und dunklen Ebenen und ein Durchblick zum innen liegenden Volumen, das Funktionen wie den großen und denkleinen Saal, eine Experimentierbühne, die Fluchttreppen und Nebenräume über- und nebeneinander schichtet.

    Ein kompakter, aus Stahlbeton gebauter und nach außen weitgehend verschlossener Körper – organartig, aber präzise skulptural geformt – wird umgeben von einer transluzenten schiefzylindrischen Hülle, die atemberaubende Zwischenräume schafft. Diese Lufträume über mehrere Geschoße sind Foyers. Von den Treppen, Brücken und Galerien aus, die das Parkett, die Ränge und Seitenbalkone des großen Saals erschließen, ist das Hauptfoyer von wechselnden Blickpunkten aus immer wieder neu und überraschend zu entdecken. Diese Grundidee vom Raumerlebnis im Durch- und Umwandern von fließend geformten Räumen, von unten nach oben, von innen nach außen, von hell zu dunkel, die Giencke in den Grazer Gewächshäusern als „promenade rural“ umgesetzt hat, gelang dem Architekten und seiner Projektleiterin Petra Friedl ohne Abstriche auch in Liepaja. Dabei musste der Wettbewerbsentwurf in der Finanzkrise deutlich verkleinert und mit der Musikschule eine neue, raumfüllende Funktion untergebracht werden. Einzig die Vorstellung, von den Foyers aus auch den Himmel betrachten zu können, konnte nicht realisiert werden. Noch nicht, denn vom Auftraggeber gab es das Versprechen, als folgerichtige Konsequenz des Konzepts später den Hüllkörper auch auf dem Dach hin bis zum kompakten Kern zu verglasen.

    „Gienckes Raummodell ist fließend, aber reflexiv, diszipliniert, aber ungezwungen“, schrieb der englische Literat und Theoretiker Roger Connah einst in einem Essay über Haltung und Arbeit des Architekten. Dem sind Attribute wie Heiterkeit und Leichtigkeit hinzuzufügen. Beides kann man auch in der Civita Nova, dem großen offenen Raum auf Straßenniveau, empfinden, der nach Gienckes Intention von den Stadtbewohnern wie jeder öffentliche Raum genützt werden kann. Heitere Leichtigkeit schafft die schräg gestellte Fassade, eine frei stehende, geknickte Wand und eine gekurvte Rückwand, dann der Blick nach oben über eine große Deckenöffnung, Blickkontakte – und das, obwohl dieser Raum die Basis für alles bildet, was sich darüber auftürmt. Und die Lichtstimmung durchdas orangerote Glas? Das Zauberhafte zu beschreiben ist schwierig. An jenen Tagen zwischen Nebel und spärlichem Sonnenschein schien zuerst alles irreal entrückt vom Geschehen auf den Straßen, später das Gemüt aufhellend und fröhlich machend.

    Ähnlich heiter wirkte der große Saal auf mich. Seine Schwere sieht man ihm nicht an, eher noch die enorme Höhe von etwa 20 Metern für die Tribüne im Parkett und zwei Ränge darüber, die sich als Balkone auch über die geknickten Seitenwände ziehen. Hier versagt die Beschreibung ebenso, denn die Raumform, in produktiver Zusammenarbeit mit dem Akustiker optimiert, ist von großer Komplexität. Ein riesiger variabler Schallreflektor unter der Decke und akustisch wirksame Wandelemente tragen dazu bei, auf jedem Platz ein besonderes Hörerlebnis zu haben. Wer erfährt, dass das gesamte, in den ersten Reihen sanft in Stufen ansteigende Parkett mit ausgeklügelter Bühnentechnik auf die Höhe der Bühnenfläche gehoben werden kann und damit als Tanzpodium genauso wie für Tagungen oder Präsentationen Verwendung findet, staunt nur kurz. Waagner-Biro, heute weltweit Marktführer in dieser Sparte, zeichnet für die Technik unter und über der Bühne, die den Saal zum Mehrzwecksaal macht, verantwortlich. Kein Zweifel – Giencke glückte, was er anstrebte: einen vielgestaltigen, dabei präzise plastisch geformten Raum zu schaffen, der – überwiegend in Weiß mit sparsamer Farbigkeit – heiter und einladend und dabei frei von jedem Pathos wirkt.

    Hans Scharoun, den vielleicht wichtigsten Vertreter einer organischen Architektur, und seine Berliner Philharmonie nennt der Architekt als Vorbild. Dass die Gabe und das Talent, ein Gebäude aus dem Wesen der Bauaufgabe heraus zu entwickeln, auch ihm gegeben ist, hat er uns schon in Aigen im Ennstal mit einer wundervollen Kirche und im Stift Seckau mit dem bezaubernden Choralraum bei der Landesausstellung bewiesen –und es zeigt sich nun erneut am „Great Amber“ in Liepaja

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