Träume im Karton
Ob Plaspi, Architecto oder Bausteine aus Milchserum: Die neue Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst in Wien zeigt Architekturbaukästen aus hundert Jahren – und appelliert ganz nebenbei an den Spieltrieb in uns Erwachsenen.
Vorn ein Plattenbau mit vier Etagen, Modell Typ 2, Platte für Platte mit mal Fenster samt Blumenkasten, mal vorgehängtem Balkönchen in sozialistischem Rot, dazwischen dunkelblaue Geschoßstreifen, im Erdgeschoß schließlich, städtebaulich vorbildlich gelöst, eine großzügige Gewerbezone mit raumhohen Verglasungen und teils überdachten Freibereichen. Dahinter ein Einfamilienhäuschen, Modell Typ 4, mit Satteldach und Plastikbäumchen rundherum, an der Fassade die immergleichen, immerblühenden Pelargonien, und was eben noch eine stadtöffentliche Glasfassade war, zusammengesteckt mit kleinen Noppen bis zum akustisch unwiderstehlichen Klack und Plopp, ist nun als private Doppelgarage zu lesen.
Große Welt jenseits von Lego
Produziert wurden die Plastikbausteine in der ehemaligen DDR in den 1970er- und 1980er-Jahren, um die Kinder in ihren Kinderzimmern und Kindertagesstätten spielerisch an ihre architektonische und stadtpolitische Umwelt heranzuführen. Unter dem didaktisch süßen Titel Der kleine Grossblock-Baumeister , Dachmarke Plaspi, entstanden auf diese Weise, hergestellt von verschiedenen Firmen und Volkseigenen Betrieben (VEB), zigtausende Architekturbaukästen, die dank ihrer noppenbesetzten Polystyrol-Wandelemente und ihrer leicht biegsamen, ineinander steckbaren Polyäthylen-Lochleisten zu den beliebtesten Baukästen des Landes zählten. Mit im Karton verpackt: eine sechsseitige Bauanleitung in Deutsch, Englisch und mehreren osteuropäischen Sprachen.
„Früher habe ich Lego gesammelt, und das sehr intensiv, denn die spielerische und doch höchst kreative Herangehensweise, die den Homo ludens in mir anspricht, hat mich immer schon begeistert“, sagt der Wiesbadener Grafiker und Spielzeugsammler Claus Krieger. „Doch irgendwann einmal habe ich die große, weite Welt jenseits von Lego entdeckt. Und da fängt der Spaß dann erst so richtig an! Die Bandbreite an unterschiedlichen Bausteinen, Systemen und Materialien aus den letzten anderthalb Jahrhunderten ist einfach enorm.“
Seit knapp 20 Jahren sammelt Krieger Architekturbaukästen aus aller Welt, wobei der Großteil seiner Sammlung aus der Spielzeughochburg Deutschland stammt, aber auch Hersteller aus Österreich, Frankreich, Belgien, Tschechien, der Schweiz und den USA sind vertreten. Letztere, wenig verwunderlich, haben sich unter dem Firmennamen American Skyline vor allem auf Wolkenkratzer mit ineinandergesteckten Curtain-Wall-Fassaden mit Nut und Feder spezialisiert. Das Resultat dieser Bauweise, farblich standesgemäß entsättigt in einem neutralen Cremeweiß, sind bis zu 25-stöckige Türme, irgendwo an der Schnittstelle zwischen Art Déco und Internationaler Moderne.
„Mich fasziniert“, sagt Krieger, „dass man den Baukästen nicht nur den jeweiligen Kulturkreis, sondern auch den politischen Kontext sowie den technologischen Fortschritt – und damit verbunden die Entstehungszeit – ablesen kann“. Begonnen hat die Ära der Bausteine mit stapelbaren Elementen aus Holz und Stein, mitunter mehrfarbig bemalt und mit klitzekleinen, mittelalterlich anmutenden Burg- und Fachwerkhaus-Reliefs. Bald darauf kamen Kompositbaustoffe aus gepresstem Steinmehl oder aus Kunststein – aus Sand, Kalk und Leinöl – auf den Markt. Eine geschichtliche Besonderheit: Die 1882 lancierten Anker-Steinbaukästen werden bis heute produziert und können etwa über den Onlineshop Manufactum bezogen werden. Es gibt sie noch, die guten Dinge. Fürwahr.
Milchserum und Formaldehyd
„Doch der eigentliche Durchbruch“, meint der leidenschaftliche Sammler, „kommt mit der Erfindung des Kunststoffs, denn damit können Bausteine erstmals gepresst oder im Spritzgussverfahren in jede erdenkliche Form gebracht werden. Zum Beispiel auch in Bausteine mit Noppen, die nun eine nicht nur solide, steckfeste und besonders flexible Bauweise ermöglichen.“ Große Überraschung: Die ersten Kunststoff-Baukästen, produziert in den 1930er-Jahren in Belgien unter dem Namen Batima 4 , wurden aus Galalith, einem Kasein-Kunststoff aus Milchserum und Formaldehyd, einem Abfallprodukt aus der Milchindustrie, hergestellt.
„In den frühen Nachkriegsjahren schließlich kamen die ersten Noppenbausteine aus erdölbasiertem Plastik auf den Markt“, erzählt der deutsche Kurator und Architekturjournalist Oliver Elser. „Und damit begann das Rennen um den besten Baukasten im Spielzeugladen, der eine solide, gleichmäßige Steckverbindung ohne Schlackern und ohne Klemmen zulässt. Das war eine jahrzehntelange Aufgabe, die der Kunststoffbaustein-Marktführer aus Dänemark ohne jeden Zweifel am besten zu lösen wusste – obwohl die Mitstreiter wie etwa mk , Idema oder Minibrix zum Teil wirklich gute Ansätze hatten.“
Aus der Sammlung Claus Kriegers stellte Elser eine Architekturausstellung zusammen, die letztes Jahr im Deutschen Architekturmuseum DAM in Frankfurt am Main zu sehen war und die nun, ab kommendem Mittwoch, im Kunstblättersaal im Wiener Museum für Angewandte Kunst (Mak) bewundert werden kann: Architekturbaukästen 1890–1990. Die große Mitspielausstellung . Und ja, der Appell zum Hingreifen und Klötzchenschlichten ist ernst gemeint, denn: „Wir wollen die gläserne Decke des Museums durchbrechen und – zumindest mit ein paar ausgewählten Baukästen – zum interaktiven Spiel einladen“, sagt Elser und erzählt, dass sich in Frankfurt eines der Spiele aufgrund seiner Präzision und seiner uneingeschränkten Freiheit als absoluter Publikumsliebling entpuppte.
Was lernen wir aus den Architekturbaukästen? Außer, dass sie dem Homo ludens, dem kleinen Kind in uns allen das Leuchten in die Augen zaubern? „Die Arbeit mit der Hand, die Ausdauer und Hartnäckigkeit, die Geschicklichkeit und Fingerfertigkeit im Analogen statt immer nur im Digitalen“, meint Claus Krieger. Und für Oliver Elser sind die verspielten Träume im Karton eine Art Aufruf zur Vielfalt, zur Verspieltheit, zur Kleinteiligkeit, die in der Architektur und Stadtplanung mehr und mehr verloren geht. So manchem Architekten und Stadtplaner, so mancher Investorin und Immobilienentwicklerin möge diese Ausstellung ans Herz gelegt werden.
[ „Architekturbaukästen 1890–1990. Die große Mitspielausstellung“ im Mak Wien. Eröffnung am Dienstag, 6. Oktober 2026, 19 Uhr. Zu sehen bis 14. März 2027. ]