Frank und frei
Zwei Jahre lang wurde die Villa Beer in Wien-Hietzing in minutiöser Millimeterarbeit saniert. Das Resultat ist ein einzigartiges Stück Gestern, das zum Besuchen, Studieren und Übernachten einlädt.
Das mit den Lichtschaltern, sagt Lothar Trierenberg, das war ein Projekt für sich. Nicht nur, weil nach all den Umbauten bloß drei Original-Exemplare erhalten geblieben sind, sondern auch, weil die Leerverrohrungen in der Wand für die heute üblichen, mehrpoligen Kabel viel zu eng dimensioniert waren. „Weder wollten wir das ganze Haus aufstemmen“, sagt er, „denn das hätte der Substanz viel zu viel Schaden zugefügt, noch wollten wir gerade hier, wo die Lichtschalter sehr raumbildend eingesetzt wurden, wie ein Blick auf die historischen Fotos von 1930 beweist, ein Standardprodukt aus dem Manufactum-Katalog an die Wand schrauben.“
Das Resultat der monatelangen Materialrecherche und Produktentwicklung: Kunststoff-Schalter aus dem 3D-Drucker, 170 Stück an der Zahl, schwarz-matt in der Oberfläche, ganz nach Vorbild der alten Bakelit-Knipshebel, dazu handgefertigte, an den Kanten schräg abgefaste Glasplatten, weiß und opak wie anno dazumal, und hinter all der schlanken Optik wurde, um in die engen Verrohrungen von damals reinzupassen, ein modernes BUS-Steuerungssystem mit Schwachstromleitungen hineingefädelt.
Ob Gummipuffer, Fensterkurbeln, Türbeschläge, Scherengitter, Parapetbänke, Sofabezüge, Wandleuchten, Marmorplatten, Holzvertäfelungen, Terrassenkacheln, Badezimmerfliesen oder der grüne Gummiboden im Stiegenhaus: Geschichten wie diese, die als Recherche begonnen und nach vielen durchforsteten Fotos, Plänen und Briefwechseln als grenzenlose, detailverliebte Leidenschaft geendet haben, sagt Trierenberg, „gibt es in diesen Wänden zur Genüge. Dieses Haus ist ein Baujuwel. Diesen Schatz wollten wir bergen und öffentlich zugänglich machen.“
Die Villa Beer in der Wenzgasse, umgeben von Hietzinger Nobelvillen der etwas üppigeren Gangart, wurde 1930 nach Plänen von Josef Frank und Oskar Wlach errichtet und zählt zu den bedeutendsten Objekten der Wiener Moderne. In einer Bauzeit von angeblich nur einem Jahr, wie den Notizen und Behördenkorrespondenzen zu entnehmen ist, entstand ein dreigeschoßiges Gebilde mit 650 Quadratmeter Nutzfläche und zahlreichen Freiräumen. Was straßenseitig wie ein schlichter abweisender Quader auftritt, mit Rundfenster und verspieltem Torbogen, in dem sich einst der Dienstboteneingang befand, mutiert, sobald man den Garten betreten hat, zu einem dreidimensionalen Verschachtelungs-Kompositum von allerhöchster Güte.
„Die eleganten Proportionen, die schlanken Balkonplatten, die riesengroßen Glasscheiben, in denen sich bereits die luftigen, teils zweigeschoßigen Innenräume abzeichnen – ich denke, spätestens hier beginnt man die Einzigartigkeit dieses Bauwerks zu begreifen“, sagt Trierenberg, der die Villa Beer gerne in einem Atemzug mit der Villa Tugendhat (1930) von Ludwig Mies van der Rohe und der Villa Savoye (1931) von Le Corbusier und Pierre Jeanneret nennt. „Und wie leider sehr oft in den jüdischen Biografien dieser Zeit, wurde das Haus nur wenige Jahre lang bewohnt.“
Illustre Gäste
Gemeinsam mit ihren Kindern bezogen Julius Beer, Kaufmann und Großhändler von Gummisohlen und Kautschukböden, und seine Frau Margarethe, ihres Zeichens Pianistin, das Haus im September 1930, und schon in den ersten Monaten nahm die Familie illustre Gäste in Empfang, allen voran Diana Napier, Richard Tauber, Jan Kiepura und Marcel Prawy. Aufgrund von finanziellen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten im Unternehmen jedoch musste die Villa schon bald fremdvermietet werden, ehe es einem Teil der Familie gelang, 1940 vor den Nazis zu flüchten und sich in den USA niederzulassen.
„Was die Beers hier in Auftrag gegeben haben und was Frank und Wlach daraus gemacht haben, zu Beginn sogar ohne Einreichplanung und Baugenehmigung, später dann mit diversen Umplanungen und spontanen Eingebungen direkt auf der Baustelle“, sagt der Wiener Architekt Christian Prasser, der mit der Revitalisierung der Villa beauftragt wurde, „ist eine Bühne für Kommunikation und kulturelle Begegnung. Die Blickachsen, die Sitzbereiche im Fenstererker und die offene Klaviergalerie im ersten Stock weisen räumliche und materielle Qualitäten auf, die selbst für damalige Verhältnisse nicht alltäglich waren.“
In enger Zusammenarbeit mit dem Bundesdenkmal, einem eigens einberufenen Expertenbeirat und einem Dutzend Restauratorinnen und Restauratoren auf der Baustelle haben sich Bauherr Trierenberg und Architekt Prasser entschieden, das Haus zwar zu sanieren und wieder in Schuss zu bringen, aber die jahrzehntelangen Gebrauchsspuren bewusst sichtbar zu belassen – mit all ihren Brüchen, Kratzern und Brandflecken im Parkettboden. Grundlage dafür war ein knapp tausendseitiger Restaurierungsbefund.
„Dieses Haus sollte nicht ausschauen wie damals, 1930, kurz nach Fertigstellung, sondern eben wie ein Objekt, das hundert Jahre lang in Verwendung gewesen ist“, so Prasser. „Die richtige Balance zwischen Reparatur und Konservierung zu finden war eine Gratwanderung.“ Im Zweifelsfall, wenn die historische Beweislage nicht ausreichend war, fiel die Entscheidung zugunsten des Weniger – weniger Farben, weniger Möbel, weniger Spekulation.
Rettung einer Ikone
Die Sanierung der Villa Beer, für die die Villa Beer Foundation rund 10 Millionen Euro Projektkosten aufbringen musste, zu einem kleinen Teil gestützt mit einer Förderung des österreichischen Bundesdenkmalamts und mit Mitteln des Altstadterhaltungsfonds der Stadt Wien, versteht sich als Rettung und Zugänglichmachung einer Ikone, die nicht bloß ein totes Hausmuseum sein möchte, sondern aktiv genutzt werden will – als Archiv, Forschungsstätte, Veranstaltungszentrum und Residency für Künstler und Architektinnen.
Gustostückerl für Frank-Fans, die nach einer kurzen Visite vor Ort nicht genug kriegen können: Im zweiten Stock gibt es, eingerichtet mit Möbeln des schwedischen Produzenten Svenskt Tenn, für das Josef Frank in seinem Stockholmer Exil einst zahlreiche Möbel und Stoffdrucke entwarf, eine Art Minihotel ganz im Geiste einer bunten, blumig verspielten Moderne, die in Wien ihresgleichen sucht. Oder, wie der Urheber all der Exotik einst selbst meinte: „Modern ist nur, was uns vollkommene Freiheit gibt.“
Die Bauarbeiten sind abgeschlossen. Die offizielle Eröffnung findet am 8. März 2026 statt.