Award

Architekturpreis des Landes Steiermark 2010
Architekturpreis - Land Steiermark - Graz (A)
Architekturpreis des Landes Steiermark 2010 © Hertha Hurfnaus
Veranstalter: Land Steiermark
Preisverleihung: 9. Juni 2011

Zum 16. Mal wird heuer der Architekturpreis des Landes Steiermark ausgeschrieben, welcher mit einem Preisgeld von Euro 8.000,- dotiert ist.

Alle zwei Jahre wird auf Beschluss der Steiermärkischen Landesregierung der Architekturpreis des Landes Steiermark für beispielgebende Leistungen auf dem Gebiet der Architektur verliehen.
Das Preisgeld in der Höhe von € 8.000 erhält ungeteilt ein Preisträger.

Über den Preisträger bzw. die Vergabe von undotierten Anerkennungen entscheidet ein auf Vorschlag des Hauses der Architektur vom Land Steiermark bestellter, nicht in Österreich ansässiger Kurator, der mit dem „Blick von außen“ seine Wahl aus der Vielzahl der eingereichten Projekte trifft.
Der Preis ist somit nicht nur Gradmesser für die baukulturelle Entwicklung der Region, sondern auch
wesentlicher Bestandteil einer inhaltlichen Reflexion.

Für den Architekturpreis 2010 wurde als Kurator Hubertus Adam eingeladen, in Zürich tätiger Kunst- und Architekturhistoriker sowie Architekturkritiker und künstlerischer Leiter des Schweizerischen Architekturmuseums Basel. Nach Durchsicht der über sechzig Einreichungen und Besichtigung von ca. 25 Bauten in der gesamten Steiermark wählte Hubertus Adam zehn „nominierte Projekte“, darunter einen Preisträger und drei Anerkennungen.

Verliehen wird der Architekturpreis des Landes Steiermark durch Kulturlandesrat Dr. Christian Buchmann im Rahmen einer festlichen Veranstaltung am 9. Juni 2011 im Space04. Hubertus Adam wird in einem kurzen Statement sowohl seinen prinzipiellen Zugang als Kurator als auch die Begründung für die Wahl des Preisträgers bzw. der drei Anerkennungen erläutern.

Hubertus Adam:
Begründung der Preisvergabe an weichlbauer/ortis für das Haus surplus value01 in Laufnitzdorf

Das Haus surplus value01 steht etwas versteckt, von der Ferne aus unsichtbar, auf einem Grundstück in Laufnitzdorf. Seine Bewohner sind in der Landwirtschaft tätig, und weil das bestehende Bauernhaus für das Paar und seine drei Kinder zu klein geworden war und sie sich ein geräumigeres Domizil wünschten, traten sie an die im benachbarten Frohnleiten mit ihrem Büro ansässigen Architekten Reinhold Weichlbauer und Albert Josef Ortis heran. Das Raumprogramm, welches die Familie zu realisieren gedachte, klang normal, fast konventionell: Küche, Speisezimmer und Wohnzimmer auf einer Ebene, Schlaf- und Kinderzimmer im Stockwerk darüber. Außerdem forderten die Auftraggeber einen Arbeitsraum im Untergeschoss, der heute für die Herstellung von Ziegenkäse dient.
Zunächst war das Gebäude als Ersatz für ein bestehendes Bauernhaus gedacht. Dann musste dieses aus Denkmalschutzgründen erhalten bleiben, und so wurde der Neubau ohne jegliche Veränderung einfach daneben gestellt. So spektakulär der Neubau auch aussehen mag: Seinen Bewohnern liegt nicht daran, sich innerhalb der Dorfgemeinschaft architektonisch zu inszenieren.

weichlbauer/ortis, die durch experimentelle Projekte wie das Projekt wohn DNA in Gratkorn bekannt geworden sind, interessieren sich dafür, den gängigen architektonischen Formfindungsprozess in Frage zu stellen, demzufolge das realisierte Gebäude die Umsetzung einer vorgefassten Idee darstellt; es geht ihnen um die Dezentrierung des allmächtigen Architekten. Um die Linearität von der Idee zur Konkretisierung zu vermeiden, arbeiten sie mit Zufallskomponenten, aleatorischem Zahlenmaterial, das sie zwecks Manipulation in den Entwurfsprozess einfüttern: So wurde das gewünschte Raumprogramm für das Haus in Laufnitzdorf mit Datensätzen früherer Projekte, gewissermaßen digitalem Abfall, der in Architekturbüros entsteht, angereichert. weichlbauer/ortis sehen Parallelen zu einem Häcksler, der in der Landwirtschaft Abfallmaterial in neuen Rohstoff verwandelt. Aus diesem Datenbrei wählten sie einen willkürlichen Ausschnitt, der eine große Anzahl von Fenstern und Treppenelementen enthielt. Dazu kamen völlig zufällige Zahlenwerte, unter anderem der österreichische Pro-Kopf-Bierkonsum, Waschmitteltestergebisse und Blutwerte der Architekten. Die Rohform, die daraus generiert war, wurde anschließend so manipuliert, dass ein realisierbares Projekt entstand, welches das Raumprogramm exakt erfüllt und doch vollständig anders aussieht, als man es sich hätte vorstellen können.
Bestimmend ist der Gedanke, eindeutig mit Nutzungen verbundene Elemente von ihrer Funktion zu befreien und auf ungewohnte Weise zu verwenden. Nicht zuletzt aus Kostengründen wurde die Anzahl der Details auf ein Minimum reduziert, und so dient ein Fenster eben nicht nur als Fenster, sondern quergelegt auch als Brüstung. Die präfabrizierten Betontreppen finden sich nicht nur im Stiegenhaus, sie dienen auch als Sichtschutz, Tragelement, Vordach oder Trittstufen für den Kaminkehrer, während für die Handläufe im Inneren Fensterprofile zum Einsatz gelangten. Und weil die Hülle des Hauses, das sich aus verschobenen und aufeinander gestapelten Kuben zusammensetzt, weich sein sollte, wurde das gesamte Äußere mit sechs Zentimeter hohem Kunstrasen umhüllt. Ein inmitten der Landschaft völlig künstliches Material, dessen Haptik man sich indes nicht entziehen kann.

weichlbauer/ortis stellten mit ihrem Wohnhaus in Laufnitzdorf gängige Konventionen in Frage. Der amerikanische Architekt Peter Eisenman hat darauf hingewiesen, in der Architektur sei der Bruch mit der Tradition niemals erfolgt, Architektur sei eigentlich nicht in der Moderne angekommen. Anders als die Zäsuren, welche James Joyce für die Literatur oder Arnold Schönbergs für die Musik bedeutet hätten, sei die Architektur weiterhin von einem herkömmlichen Verständnis von Tektonik bestimmt. Das führte ihn in seinen frühen Bauten dazu, nutzlose Elemente zu integrieren.
weichlbauer/ortis gelingt es, an derlei Ideen anzuknüpfen und dennoch mühelos nutzbare Häuser zu bauen. Der Reiz des Hauses in Laufnitzdorf besteht in dem Nebeneinander von Konvention und Experiment. Erfreulich ist der lockere und unideologische Gestus, mit dem das geschieht. Ein totalitärer Essentialismus, mit dem andere Bauten auftreten, ist den Projekten der Architekten fremd: surplus value01 ist ein Haus, das seinen Bewohnern kein bestimmtes Verhalten aufoktroyiert. Es ist ein ganz normales Haus, in dem ganz normales Leben gelebt werden kann. Und doch ist es mehr als das, nämlich eine ebenso intelligente wie spielerische, vielleicht auch ironische Etüde zu der Frage, was Architektur ist, sein kann und sein darf. Diese Architektur spielt mit Ironie, vermeidet jegliche Naivität und stellt die Fragen, die Architektur stellen muss, damit das Denken angeregt wird. Daher verdient das Haus surplus value01 den Architekturpreis des Landes Steiermark 2010.

Hubertus Adam
Kurator Architekturpreis des Landes Steiermark 2010

Tools: