Bauwerk

Schwarzer Laubfrosch
SPLITTERWERK - Bad Waltersdorf (A) - 2004
Schwarzer Laubfrosch, Foto: Paul Ott
Schwarzer Laubfrosch, Foto: Paul Ott
Schwarzer Laubfrosch, Foto: Paul Ott
Schwarzer Laubfrosch, Foto: Paul Ott
04. Dezember 2004 - Az W

Das einstige Rüsthaus von Bad Waltersdorf, ursprünglich als Arzthaus mit straßenseitigem Wirtschaftsgebäude errichtet, hat sich in einen prinzenhaften Frosch verwandelt. Der vorläufig als “schwarzer Laubfrosch” titulierte Wohnbau ist in einen homogenen dunklen Mantel aus dünnen Holzlatten – den sogenannten Rollschatten – gehüllt, später wird eine Weinberankung dafür sorgen, dass der Laubfrosch kräftig grünt. Doch diese Maßnahme ist mehr als nur Camouflage zur tarnenden Überlagerung des Bestands: Das aus dem Gartenbau bekannte Prinzip der Beschattung steht in klimatechnischer Hinsicht einer Hinterlüftung in nichts nach, und durch die Holzlatten hindurch schimmert der unvermeidliche Vollwärmeschutz im Rohzustand. Balkone in Form von umlaufenden Stahlgittergängen schaffen zwischen den unterschiedlichen Eingangsniveaus Ausgleich.

Das natürliche Weinmotiv der Fassade kehrt, zum raumgrenzenüberlagernden Wandmuster transformiert, in der Erschließungszone wieder, auch die Treppe scheint sich in diesem virtuellen Blattwerk morphologisch zu verlieren. Diese “informierten” Oberflächen – SPLITTERWERK experimentiert seit den 1990er Jahren mit multi-inzidenten Hüllen – verleihen auch den 10 Wohnungen ihren spezifischen Charakter als dramaturgisch steuerbare Bühnen des Lebens. Wobei die Variabilität der Nutzung eine theatralische Umsetzung erfährt: Hinter Schiebe-, Schwenk- und Klappelementen verschwinden die verschiedenen Alltagsfunktionen (Kochen, Schlafen, Baden) in der räumlichen Randzone, die einen funktionsneutralen Kernbereich von etwa 22 m2 umschließt. Mit der Aktivierung bestimmter Nutzungen (Auffalten oder Herausklappen eines Möbels) lassen sich auch unterschiedliche Lichtstimmungen generieren, die den Aufenthalt in den eigenen vier Wänden niemals gleichförmig erscheinen lassen. Das Gewöhnliche, das Abgewohnte wird durch ein architektonisches Plädoyer für das Ungewöhnliche ersetzt: Das inszenatorische Moment überstrahlt alle schlichteren Wohnvorstellungen, etwa in der Maisonette, wo die Decke zwischen Wohn- und Schlafraum als (blick)durchlässiges Stahlgitterwerk ausgeführt ist. Mieter mit Hang zum Artifiziellen werden an diesem Wohnbaugesamtkunstwerk Gefallen finden, jemand, für den Architektur nicht mehr und nicht weniger als Hintergund ist, weniger. (Text: Gabriele Kaiser)

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Für den Beitrag verantwortlich: Architekturzentrum Wien

AnsprechpartnerIn für diese Seite: Martina Frühwirthfruehwirth[at]azw.at

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