Bauwerk

Schwarzer Laubfrosch
SPLITTERWERK - Bad Waltersdorf (A) - 2004
Schwarzer Laubfrosch, Foto: Paul Ott
Schwarzer Laubfrosch, Foto: Paul Ott

Spring, schwarzer Laubfrosch, spring!

Terrarium für Wohnexoten: Ein Umbau der Gruppe SPLITTERWERK in Bad Waltersdorf

17. Juli 2004 - Oliver Elser
Warnhinweis: Wer die Chance hat, demnächst in Bad Waltersdorf vorbeizukommen und den Wohnbau der Gruppe SPLITTERWERK zu besichtigen, der lege diesen Text jetzt besser aus der Hand. Nicht, weil der Besuch vor Ort durch nichts zu ersetzen ist - das gilt ja für jedes Gebäude. Aber eben nicht im selben Maße, denn dieses ist anders. Es entfaltet sich, das ist jetzt keine Metapher, in kleinen Schritten, wird mit jedem Handgriff unwahrscheinlicher, wahnwitziger, wundertütenhafter. „Aus trägen Steinen baut die Leidenschaft ein Drama“, schrieb irgendwann Le Corbusier. Nun, die Steine wurden in Bad Waltersdorf schon von früheren Generationen gesetzt, aber SPLITTERWERK schaffen in der vorgegebenen Hülle trotzdem ein Drama, eines aus Farbe und flexiblen Wänden, ein Stück aus zehn Akten, einer pro eingebauter Mietwohnung. Und es wäre ein Frevel, hier vorab schon die Handlung zu erfahren, wenn die Möglichkeit besteht, selbst vor Ort die Entdeckung zu machen, dass das Schauspiel des Wohnens bisher meist in den Händen mäßig begabter Regisseure lag.

So viel der Vorrede, wer jetzt noch dabei ist, der liest auf eigene Verantwortung.

Die Geschichte beginnt vor sechs Jahren. Das Ehepaar Brugner (er: „Ich bin einfach ein architekturinteressierter Dorflehrer“) bekam von einem Bekannten den Tipp, sich für den Umbau eines in Bad Waltersdorf erworbenen Hauses an die Architektengruppe SPLITTERWERK zu wenden, die gerade das erste „richtige“ Gebäude fertig gestellt hat, den „roten Laubfrosch“ in der Nähe von Salzburg. Das Haus der Brugners besteht aus zwei Teilen: einem zweigeschoßigen Wohnhaus aus der Jahrhundertwende und einer vorgelagerten Garagenanlage jüngeren Datums, die die Freiwillige Feuerwehr für ihre vier Einsatzfahrzeuge angebaut hatte.

Statt das höher gelegene Haus für sich selbst zu nutzen, folgte das Bauherrenpaar dem Rat der Architekten, keine Hierarchie zwischen oben und unten zu schaffen. Stattdessen wurde das Ensemble mit zehn Mietwohnungen aufgefüllt und die Brugners wohnen weiterhin recht unspektakulär im Nachbardorf („wir hätten aber schon Lust, noch einmal zu bauen“). Es entstanden vier Appartements zwischen den Schotten der Feuerwehrgarage, zwei im flachen Mittelteil und vier im oberen Haus.

Bis auf kleinere Korrekturen wurde die prägnante Form des gestaffelten Doppelhauses nicht angetastet. Der Überwurf aus schwarz imprägnierten Holzlamellen, so genannten Rollschatten, wie sie bei Gewächshäusern als Sonnenschutz verwendet werden, macht es zu einem Gebilde, das den aufs Grazer Kunsthaus gestempelten Begriff des „friendly alien“ viel eher verdient hätte, weil es zugleich fremd und freundlich vertraut erscheint. Wenn Efeu und Wein den Rollschatten überwuchern, wird das Haus zur romantischen Urhütte. Wie viel Gestaltungsschweiß könnte der Menschheit erspart werden, wenn sich jeder so ein Kleid über die eigene Hütte ziehen und damit das Heer der Fassadendesigner in Pension schicken würde.

Um den Frosch dann doch nicht vollständig im Laubwerk verschwinden zu lassen, erhielten die oberen Etagen einen Umgang aus verzinkten Gitterrosten, die zugleich als Balkone dienen und jede Wohnung an mehreren Stellen zugänglich machen, da sämtliche Fenster zu Türen erweitert wurden. An den Außenflächen soll Werbung angebracht werden, als Blickschutz und kleine Refinanzierungsmaßnahme. Und wohl auch, um in Bad Waltersdorf ein bisschen Times Square zu spielen. Denn wer sich hier einmietet, darf sich auf etwas gefasst machen, was eher in New York, London oder Tokio zu erwarten wäre.

Jede Wohnung wurde von SPLITTERWERK anders eingerichtet. Wobei die Benutzer durchaus noch eigene Möbel mitbringen können, nur wird ihnen mithilfe von Wandschränken das verführerische Angebot gemacht, aus einem Appartement mit 37 Quadratmetern eine Wohnung von mindestens 132 Quadratmetern zu zaubern. Der Trick ist ganz einfach: 22 Quadratmeter bleiben völlig leer, alle Funktionsbereiche wie Küche, Bade-, Ess-, Wohn-, Schlaf- und Arbeitszimmer sind hinter Faltwänden verborgen. Nach Bedarf werden sie geöffnet, ausgeklappt, herausgerollt und so dem „unprogrammierten Raum“ zugeschlagen, alle anderen Funktionen hingegen abgeschaltet. Macht also mindestens sechs Funktionen mal 22 Quadratmeter gleich wenigstens 132 gefühlte Quadratmeter Wohnfläche mit dem größten Badezimmer, das man je besessen hat. Das Ganze so bunt wie ein LSD-Trip, der Boden, Decke und Wände zu einer einzigen Farbblase verformt.

Was in der Großstadt die ideale Raumaufteilung für Singlewohnungen wäre, ist „am Land“ von so charmantem Wagemut, dass unbedingt die Nutzung als Architekturferienappartements ins Auge gefasst werden sollte. Wo gibt es sonst schon ein Schlafzimmer mit Netzboden?

Bisher wurden erst die drei eher konventionell ausgestatteten Wohnungen vermietet. Die sind aber schlicht früher fertig geworden.

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