Bauwerk

Kaufhaus „Diamant“
BKK-2 - Prag (CZ)
Kaufhaus „Diamant“, Foto: Hertha Hurnaus
Kaufhaus „Diamant“, Foto: Hertha Hurnaus

Haute Couture mit Mehrwert

Die Vorgabe: eine Baulücke im Zentrum Prags mit einer schmalem Front zum Wenzelsplatz und Bauauflagen sonder Zahl. Die Lösung des Wiener Architektenteams BKK-2: ein maßgeschneiderter, unkonventioneller Nutzungsmix.

Bisher gab es zwar nur wenig Anlaß für die Verdächtigung, dem Wiener Bürgermeister Häupl könnte die zeitgenössische Architektur ein Anliegen sein, aber Verhaltensweisen ändern sich, wenigstens vorübergehend. Und wenn sich anläßlich eines Wien-Gastspiels an der Moldau die Gelegenheit dazu ergibt, warum nicht? Also nicht nur Österreicher-Ball und dergleichen Festivitäten, auch ein Eckchen „Kultur“ durfte mit hinein in die donaublaue Bonbonniere, die gerade erst in Prag vorbeigebracht wurde.

„Eckchen“ ist in diesem Zusammenhang übrigens nicht ganz zutreffend, weil es sich genaugenommen um eine Baulücke handelt. Die Baulücke - noch ist sie nicht wirklich eine, denn noch steht ein belangloses Gebäude dort - befindet sich jedenfalls auf dem Wenzelsplatz, der den Pragern bekanntlich so lieb ist wie den Wienern der Stephansplatz. Und beplant wurde sie ausgerechnet von einem Wiener Architekten-Team, das nicht gerade im Ruf steht, besonders zimperlich zu sein. Am Freitag wurde das Projekt des BKK-2 - flankiert unter anderem von Vertretern des „offiziellen“ Wien und dem Investor - in Prag präsentiert.

Dieses Projekt führt uns zunächst die wohlbekannte Investoren-Wirklichkeit von heute vor Augen: Ein rares, teures Grundstück im historischen Zentrum von Prag, wie es so bald nicht wieder zu haben ist, aber schiefwinkelig, mit einer ganz schmalen Front zum Wenzelsplatz (nur 25 Meter), dafür der beachtlichen Tiefe von 90 Metern, was in dieser Situation - eingeklemmt zwischen einer bestehenden Bebauung - für jede Art Haus zur Folge haben muß, daß es nur sehr teilweise tagesbelichtet sein kann. Dazu rigorose Denkmalschutz-Auflagen; dazu die Vorschrift, daß unbedingt auch Wohnungen integriert sein müssen; dazu die Auflage, daß die Bebauungshöhe des Wenzelsplatzes eingehalten werden muß, daß die Lichthofstruktur der Nachbarbauten aufgenommen werden muß - und noch viel mehr.

Es führt uns aber auch vor Augen, daß sich wirklich intelligente Architektur an solchen Voraussetzungen reibt, so lange reibt, bis kreative Funken sprühen und aus einer Notlösung etwas Besonderes geworden ist.

Was kann man in einem Bauwerk, das kommerziell verwertbar sein muß, wiewohl es zu einem großen Teil ohne Tagesbelichtung ist, überhaupt machen? Die Antwort kennt praktisch keine Alternative: ein Kaufhaus. Und da Investoren, wenn sie relativ viel Geld in ein Projekt stecken, ungern auf ein einziges Pferd setzen, ist auch das Nutzungsgespann schnell definiert, das den Wagen sonst noch zieht: Büros, Wohnungen, Gastronomie.

Die Gastronomie ist natürlich oben, mit Blick auf den Wenzelsplatz. Darunter, dahinter liegen die tagesbelichteten Büros und Konferenzräume. Die Wohnungen haben ihren eigenen Trakt und sind - eingedenk der vorgeschriebenen Hofstruktur - ebenfalls ausreichend tagesbelichtet. Das Kaufhaus entwickelt sich von der Erdgeschoßzone weg in zwei Untergeschoßen und auf vier Obergeschoß-Ebenen, wobei es darauf ankam, architektonisch das Argument zu entkräften, daß die Publikumsfrequenz in einem Kaufhaus in der Erdgeschoßzone am höchsten ist.

Die Lösung des BKK-2 sieht so aus: Sie haben einen langen „Erlebnisweg“ durch das Haus gelegt, der oben beginnt. Und hinauf kommt man über eine lange, lange Rolltreppe, so lang etwa wie die längste Rolltreppe in der Wiener U-Bahn-Station Karlsplatz und wie dort ganz ohne Unterbrechung. Es ist durchaus vorstellbar und nachvollziehbar, daß es für das Publikum, das ins künftige „Diamant“ hineinkommt, zur Verlockung wird, einmal mit dieser Rolltreppe zu fahren, die Aussicht auf den Wenzelsplatz vor Augen, und wie nebenbei einen Eindruck auf diesem „langen Weg“ mitzunehmen, was das Kaufhaus darüber hinaus zu bieten hat. Natürlich gibt es auch Lifte und Treppen, aber das Spektakel des Besuches im Kaufhaus „Diamant“ wird diese Rolltreppe sein.

Und von dort, wo sich der Raum schon in die richtige Richtung neigt, geht es weiter: Ein Rampensystem macht das Haus zu einem Raumkontinuum, in dem die Levels beinahe verwischt sind, sodaß man kaum merkt, daß man hinuntergeht, daß man Wendepunkte passiert. Der Einwand, daß man dann auch nicht weiß, wo man ist, dürfte in diesem Fall nicht greifen: Es gibt Orte, wo es ziemlich egal ist, ob man weiß, daß man auf dem zweiten, dritten, vierten Obergeschoß ist, vorausgesetzt, sie haben etwas zu bieten. Diese Kaufhaus-Wirklichkeit drückt sich überdies an der Fassade zum Wenzelsplatz sichtbar aus. Da wird sozusagen das Innenleben des Hauses zum Erscheinungsbild nach außen. Auch das eine Verlockung für das Publikum.

Und dann noch ein wichtiger konstruktiver Aspekt: Die Räume im Kaufhaus werden stützenfrei sein. Es ist zwar nicht so, daß sich das BKK-2 je durch besonderen bautechnologischen Ehrgeiz ausgezeichnet hätte - das britische High-Tech liegt ihm fern - , aber ein so weit gespannter und tiefer stützenfreier Raum hat atmosphärisch zweifellos etwas zu bieten. Und genau darauf kommt es bei einer solchen Aufgabenstellung an, und genau deswegen hat sich das BKK-2 in diesem Fall auch über die Konstruktion ausgiebig Gedanken gemacht.

Sie wird hauptsächlich in Stahlbeton ausgeführt, wobei die Decken in Verbundbeton gespannt sind, mit 60 Zentimeter starken Stahlträgern und einer 50 Zentimeter starken Betondecke darüber. Das heißt, es stehen 60 Zentimeter zur Verfügung, um alle Installationen zu führen und die von der Bauordnung vorgeschriebene Raumhöhe von drei Metern doch einzuhalten, obwohl das Haus mit nutzbarer, verwertbarer Kubatur so dicht vollgepackt ist wie nur möglich.

Das gehört zum Erfolgsrezept des BKK-2: Mehr Kubatur erzeugen, Dichte erzeugen, die dem Bauherrn nützt, der Architektur nicht schadet und urbane Lebendigkeit provoziert. „Urban“ und „dicht“, das sind überhaupt die Schlüsselwörter zu den Bauten und Projekten des BKK-2. Das Team setzt auf eine Vermischung, auf eine Vernetzung von Funktionen, von Nutzungen, nicht auf das übliche Auseinanderdividieren von Wohnen und Arbeit und Freizeit und Konsum. Und es setzt auf maßgeschneiderte Lösungen - für die jeweilige Situation, für den jeweiligen Ort.

Es ist keine Frage, daß das Projekt „Kaufhaus Diamant“ der tradierten Kaufhaus-Typologie zuwiderläuft. Denn die sieht so aus: Man nehme ein Gebäude, schneide in die Mitte ein Loch hinein und arrangiere drumherum die Geschoße. Selbst Jean Nouvel hat das bei seinen Berliner „Galeries Lafayette“ so gemacht, nur daß bei ihm in der Mitte der gläserne Trichter ist, den einfach jeder sehen will. Darüber hinaus kann man sich auch bei Nouvel schwer orientieren: Man sieht zwar den Trichter, man weiß ungefähr, wo man ist, aber die Rolltreppen ins nächste Geschoß, die muß man suchen. Das wird im Prager Kaufhaus nicht so sein. Man wird in einen Sog gezogen werden, den allein schon die Architektur mit ihren Einblicken, Ausblicken und Wendepunkten erzeugt.

In einer Projektphase war übrigens davon die Rede, dem Haus einen Turm aufzusetzen. Das ist in Prag - einer Stadt der Türme, nicht nur der Kirchtürme - naheliegend. Das BKK-2 wollte in diesem Turm ein Restaurant-Konzept umsetzen, das aus „Zellen“ bestanden hätte, die jeweils separat nutzbar gewesen wären und die jedem Besucher den spektakulären Blick auf den Wenzelsplatz und über Prag geboten hätten. Auch das eine wichtige, für das BKK-2 typische Überlegung: Was nützt ein Restaurant mit Ausblick auf Prag, wenn man diesen Ausblick nur von den paar Tischen genießen kann, die vorne an der Glasscheibe plaziert sind? Im Haas-Haus ist es so, daß die Auserwählten vorne wirklich etwas davon haben, daß sie oben und am Stephansplatz sind, während es für alle anderen - und das ist die überwiegende Mehrheit der Gäste - eigentlich egal ist, weil sie ohnehin nichts sehen.

Leider ist der Turm auf dem Kaufhaus „Diamant“ gefallen, eine auf dem ursprünglichen Grundkonzept basierende Überhöhung an anderer Stelle wurde jedoch zugesagt.

Es gibt übrigens einen tschechischen Partner des BKK-2 - das Team A.D.N.S. - , der das Projekt vor Ort betreibt, und es gibt einen österreichischen Investor, für den der Notfall durch die architektonische Lösung möglicherweise zum Glücksfall geworden ist. Wenn der eintritt, dann bedeutet das, daß gebaute Haute Couture für alle einen Mehrwert bringt - für die Investoren und Betreiber einen ökonomischen, für das Publikum und die Nutzer einen emotionalen. Der Beweis steht zwar noch aus, aber der Versuch ist jedenfalls lohnend.

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